Der Sand der Wüste

von Aelea
GeschichteDrama / P18
Hephaestion
16.06.2007
19.01.2008
18
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Allein durchstreifte Hephaistion die Straßen Babylons. Die Jahre des Feldzugs hatten seinen Körper an die Entbehrungen und Anstrengungen gewöhnt und ließen ihn hier, an diesem Ort der Erholung und des Müßiggangs, keinen Schlaf finden. Für Alexander gab es genug zu tun, besiegte Länder wollten verwaltet, neue Feldzüge geplant und zahllose Briefe aus allen Ländern, die er betreten hatte, gelesen und beantwortet werden.
Seine Generäle halfen sich über die Zeit der Untätigkeit hinweg, indem sie Dareios’ Harem aufsuchten und dessen Freuden genossen, durch die königlichen Gärten lustwandelten oder sich von den Dienern mit Speisen und Bädern verwöhnen ließen. So einer von ihnen dieselbe Rastlosigkeit empfand, die Hephaistion antrieb, erstickte er sie in den Umarmungen der Haremsdamen.
Alexanders Vertrautem dagegen stand der Sinn nicht nach diesen Vergnügungen. Nachdem er tagelang den Palast durchstreift, sich mit der fremdartigen Bauweise bekannt gemacht und die verborgenen Gänge der Sklaven erkundet hatte, als wolle er sich von der Sicherheit des Palastes seines Königs überzeugen, zog es ihn hinaus in die Stadt.
Die Viertel der Reichen überraschten ihn mit ihrem Reichtum. Hohe, üppig grüne Bäume, die eine Kostbarkeit waren inmitten dieser großen, trockenen Stadt, geschützt durch mannshohe Mauern. Käfige voller bunter Vögel, lange Reihen von Fackeln, deren flackernder Schein noch von den Straßen aus sichtbar war, das leise Plätschern rinnenden Wassers und Düfte, von süßem Gebäck, schwerem Wein, exotischen Pflanzen und erlesenen Speisen, die sich mit dem Straßenstaub mischten und ihn für kurze Zeit überdeckten.
Die Tempel. Die Badehäuser. Die Gärten.
Dann ließ er auch diese Viertel hinter sich und durchstreifte die ärmeren Gegenden, in einen alten Umhang gewickelt, der ihn vor den misstrauischen Blicken der Menschen verbarg. In völligem Gegensatz zu den Häusern der Reichen fand er hier kleine, schäbige Hütten aus Lehm und Stroh, deren Bewohner sich kaum leisten konnten, ihre Blöße zu bedecken, wie Makedonen es als schicklich erachteten. Halbwilde Tiere durchstreiften die Straßen und die schwarzen, selten verhängten Löcher in den Häusern wurden nur von einem winzigen Talglicht erhellt. Und Gestank hing in den Gassen, die so schmal waren, dass die Menschen sich an die Wände hätten pressen müssen, wäre jemals ein Reiter hindurchgekommen.
Während er sich bemühte, nicht die Aufmerksamkeit der bisweilen vor ihren Hütten sitzenden Bewohner zu wecken, verglich er im Geiste Babylon mit den Städten seiner Heimat.
Keine von ihnen hatte je eine solche Größe erreicht und selbst in den Häusern der Mächtigsten fand sich nicht die Dekadenz, die Dareios’ Palast so über alle Maßen auszeichnete. Dafür fanden auch die Ärmsten in Griechenland Gelegenheit, das Lebensnotwenige zu verdienen, selbst wenn sie es erbetteln mussten, während hier unzählige Menschen den Tod fanden, ohne dass jemand es bemerkte oder es ihn kümmerte.
Später würde er sich immer an diese Gedanken erinnern. Dass Städte vielleicht nur ein gewisses Maß an Wohlstand besaßen, dass die Bewohner unter sich aufteilten – ohne jede Gerechtigkeit. Je mehr die Reichsten der Dekadenz huldigten, desto tiefer mussten die Armen im Elend versinken.
Die Nacht erglühte plötzlich in einem schmerzhaften, rotleuchtenden Feuer, bevor er fiel, mit dem Gesicht in den unratbedeckten Staub der Straße fiel und einen Blick auf mit schmutzigen Lumpen umwickelte Füße hatte, ehe die Finsternis zu Boden sank.

Worte der persischen Sprache, die er sich den vergangenen Wochen in unzureichendem Maße angeeignet hatte, um sie nun zu verstehen.
Er bekämpfte den Schmerz, der in seinem Kopf aufstieg, sobald er sich zu bewegen versuchte und hob die Lider. Die erbarmungslose Mittagssonne stach grell in seine Augen, seine Zunge klebte trocken am Gaumen. Er versuchte, sich dem heißen Licht zu entziehen, doch er konnte sich nicht bewegen.
Die langsame, träge Drehung seines Kopfes, soweit ein fest gebundenes Band um seinen Hals es gestattete, ließ Übelkeit in ihm aufsteigen, doch gelang es ihm nun, seine Umgebung zu erkennen.
Seine Hände und Füße waren schmerzhaft fest um einen hölzernen Pfahl gebunden, der unverrückbar im festgetretenen lehmigen Boden steckte. Rings um sich fand sein Blick nur die niedrigen Wände der ärmeren Stadtviertel, die wenigen Fenster verhängt mit ungegerbten Tierfellen, von denen in der Wärme ein durchdringender Gestank ausging. Verschmutztes Stroh lag am Boden, Abfälle und verkohltes Holz.
Ihm gegenüber im schmalen Schatten der Wand standen drei Gestalten, die – nun schweigend – in seine Richtung sahen.
Hephaistion wollte sprechen, sich mit den wenigen persischen Worten, die er beherrschte, zu erkennen geben, doch seine Zunge stieß gegen groben Stoff, der zwischen seine Lippen gezwängt war und seine Stimme erstickte.
Der am massigsten wirkende Mann sagte einige weitere Worte und wies herrisch in seine Richtung. Der Anführer.
Die kleinste Gestalt nickte gehorsam, ohne zu sprechen.
Mit einem Geräusch, das ein Zischen oder eine weitere Anweisung hätte sein können, zogen der Anführer und der eben schweigsam gebliebene Gefährte, sich in das Haus zurück und überließen Hephaistion dem Zurückgebliebenen, der nun aus dem Schatten trat.
Eine Frau. Im Gegensatz zu vielen, die er auf seinen nächtlichen Wanderungen gesehen hatte, verhüllten die Lumpen den Grossteil ihres Körpers, wenn sie auch wie bei fast allen die Farbe des allgegenwärtigen Straßenstaubs angenommen hatten. Wie alle Einwohner dieses Landes besaß sie schwarzes Haar und gebräunte Haut, doch ihre Augen waren nicht von dem feurigen Schwarz der Perser, sondern bernsteinbraun wie die einer Katze.
Sie schlang einen Streifen ihrer Lumpen um den Kopf zum Schutz gegen die unbarmherzige Sonne und trat vor ihn. Eine lange Zeit stand sie nur vor ihm und sah auf ihn herab, wie er zusammengekrümmt und schmutzig am Boden kniete, ohne eine Möglichkeit, sich von den Fesseln zu befreien und Hephaistion fragte sich, was sie denken mochte.
Er hoffte, sein Verschwinden war bereits bemerkt worden, da er die morgendlichen Versammlungen Alexanders nie versäumte, und dass sie früh genug auf die Idee kämen, außerhalb des Palastes nach ihm zu suchen.
Bevor es zu spät war. Denn was – oder warum – auch immer sie mit ihm vorhaben mochten, sie schienen ihm nicht freundlich gesinnt.
„Wenn ich Euch sprechen lasse“, begann sie leise. Offensichtlich war ihre Begutachtung abgeschlossen. „Werdet ihr dann – nicht schreien?“
Überrascht sah er zu ihr auf, doch er fand keinen Hohn in ihrem Gesicht, ihre Augen blickten durchdringend auf ihn herab, bereit, seine Lüge als solche zu erkennen.
Schwach schüttelte er den Kopf und schluckte, als sich erneut Übelkeit in ihm regte. Der bittere, salzige Geruch von Blut stieg ihm in die Nase und er war sicher, dass es aus seinen Adern stammte.
Sie kniete nieder, tastete nach dem Knoten an seinem Hinterkopf und löste den Streifen, der vor Schmutz starr zu Boden fiel – blutbedeckt.
Seine trockenen, eingerissenen Lippen schmerzten, doch er – ein Krieger – war daran gewöhnt.
Sie sah ihn an, abwartend, vorsichtig und darauf gefasst, dass er um Hilfe rief, doch er befeuchtete nur seine Lippen. „Wer seid Ihr?“
„Meada“, nannte sie ihren Namen. Sie schien noch etwas hinzufügen zu wollen, schwieg jedoch.
„Warum habt Ihr … mich gefangen genommen?“ Er fragte sich, ob er auf die Gefahr hinweisen sollte, die für sie von ihm ausging, wenn Alexander ihn fand – ob sie ihn freilassen oder töten würden.
„Viele hassen Euch dafür, dass Ihr die Stadt genommen habt. Ihr seid ein Vertrauter des Königs – sie haben Euch erkannt. Ich weiß nicht, was sie wollen – vielleicht Euch töten, vielleicht Eure Begleiter erpressen, vielleicht“, sie zögerte, „Euch vor ihren Augen töten.“ Sie sprach tatsächlich griechisch – mit dem schweren, runden Akzent der Perser.
Er zögerte, sie danach zu fragen – so vieles schien in diesem Moment wichtiger – doch dass er ihr Gefangener war und die Sonne nahezu am höchsten Punkt stand, ließ Zeit unbedeutend erscheinen. „Warum sprecht Ihr unsere Sprache?“
Sie sah ihn verstört an, stand auf und ging davon.
Hephaistion sah ihr nach, ärgerlich über sich selbst, dass er sie, wenn auch unbeabsichtigt, vertrieben hatte, doch schon kurze Zeit später kehrte sie zurück, in den Händen eine schon gesprungene Schüssel mit Wasser.
Sie setzte sich zu ihm, löste auch das Band um seine Kehle und tauchte es in das Wasser, ließ es sich voll saugen und legte es zwischen seine Lippen, wo er gierig die Flüssigkeit trank und nach der vollen Schale schielte.
Sie schüttelte den Kopf und tränkte das Tuch erneut. „Ihr dürft nicht zu schnell trinken.“ Während sie weiter kleine Mengen Wassers in seine Kehle rinnen ließ, erklärte sie: „Ich bin – war – Makedonierin. Wir lebten in den östlichen Gebieten und eines Nachts – persische Räuber kamen und töteten … meine Familie, raubten, was sie finden konnten und … nahmen mich mit sich – ich war noch nicht zu alt. Sie wurden gefasst und hingerichtet und ich blieb hier …“, sie verstummte.
Schweigend flößte sie ihm das Wasser ein, bis er abwehrte. „Danke.“
Sie nickte nur und begann, seine Stirn zu säubern, seine Schläfe, wo er – nach dem getrockneten Blut, das sie fortwusch, zu urteilen – getroffen worden war. Dann schöpfte sie eine Handvoll Wasser über sein Haar, um seinen Kopf zu kühlen.
Danach griff sie nach dem Band, das um seinen Hals gelegen hatte, und band ihn erneut an den Pfahl in seinem Rücken.
„Heute Nacht“, sagte sie dabei leise, „wenn der Mond aufgegangen ist, werde ich zurückkehren und Euch befreien. Schlaft, wenn Ihr könnt. Vielleicht werdet Ihr Eure Kräfte brauchen.“
Sie zog den Stofffetzen, der in seinem Mund gelegen hatte, durch das Wasser und hob ihn an sein Gesicht. Bevor sie ihn erneut zur Sprachlosigkeit verdammte, stellte er noch die Frage, die ihm auf der Seele lag. „Warum helft Ihr mir?“
Sorgsam stopfte sie einen Teil des Lumpens wie zuvor zwischen seine ergeben geöffneten Lippen und verknotete ihn über seinem Nacken. „Weil Ihr aus meinem Land stammt und mir näher seid als sie“, mit den Augen wies sie auf das Haus, in dem seine Häscher verschwunden waren.
„Und weil Ihr mir die Möglichkeit gebt, mich an ihnen zu rächen.“
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