Der Sand der Wüste

von Aelea
GeschichteDrama / P18
Hephaestion
16.06.2007
19.01.2008
18
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16.06.2007 1.371
 
Dieses mal schien es, als würden die Götter selbst Meada und ihr Kind beschützen. Die Wehen setzten eines Morgens ein, als sie die dichten Wälder des Ostens bereits verlassen hatten, doch da sie an diesem Tag eine Fuhrt passierten, legten sie nur eine kurze Strecke zurück, die Meadas Pferd auch ohne ihr Zutun bewältigte. Bagoas hatte Mitleid mit ihr und beauftragte einen Boten, Hephaistion die Nachricht zu überbringen.
Sie hätte später nicht mehr zu sagen vermocht, wie sie den Weg bewältigt hatte; ihr Leib krampfte sich so stark zusammen, dass sie beständig drohte, das Gleichgewicht zu verlieren. Als sie das Lager erreichten, wartete Hephaistion bereits auf sie, kam ihr entgegen, hob sie aus dem Sattel und trug ihren aufgequollenen Körper in sein Zelt.
Das Kind wurde in der kältesten Stunde der Nacht geboren, nach Stunden gequälter Schreie, als die Luft im Inneren des Zeltes so erstickend warm geworden war, dass Meada Hephaistion die Zeltbahnen zu öffnen gebeten hatte, sodass ihre schweißnasse Haut in der Nachtkühle zu dampfen schien.
Müdigkeit, Erschöpfung, Erleichterung, die Qual der Geburt, die Furcht der letzten Wochen und die verzweifelte Hoffnung darauf, dass ihr Kind überleben würde, hatten Meada ausgelaugt und als sie die ersten Schreie des Neugeborenen hörte, fern jedes bewussten Gedanken und nur noch getragen von den kurzen Pausen zwischen den Schmerzen, schien sie zu schweben. Wie im Traum hob sie das winzige, blutige Bündel auf die Arme, wischte ihm die kleine, gerunzelte Stirn sauber und lehnte die Stirn gegen den weichen, runden Kopf. Erst Minuten später wurde ihr bewusst, dass Hephaistion neben ihr war, unendlich behutsam den kleinen Körper berührte und seinen Arm um sie gelegt hatte.

Es war ein Junge, ein kleiner, kräftiger Junge mit den leuchtend blauen Augen seines Vaters und dem dunklen Haar seiner Mutter. Sie liebte ihn, so sehr, dass ihr manchmal schwindlig wurde vor Glück, wenn sie ihn ansah, ihn berührte, mit dem Finger durch die kleinen Hände strich und den weichen Flaum auf seinem Kopf streichelte.
Sie kümmerte sich um ihn noch hingebungsvoller, als sie für Hephaistion gesorgt hatte; wusch und wickelte ihn in weiche Tücher, fütterte ihn, wenn er schrie, sang für ihn, wenn er nicht schlafen konnte und schützte ihn sorgfältig vor Regen und Sonne. Er schlief mit in Hephaistions Zelt, das nun fast zum gleichen Teil als ihre eigene Behausung galt.
Obwohl der Feldherr nun einen Sohn hatte, waren sie einander in den Nächten nie so nah gewesen wie nach der Geburt.
Sie nannten ihren Sohn Takleres.

Er war erst wenige Wochen alt, als sie auf ihrem Weg zurück in die Heimat die Wüste erreichten.

Alexander erließ nach nur wenigen Tagen die Rationierung des Wassers; seine Männer erhielten nur mehr einen Becher Wasser am Tag, er selbst nur zwei.
Sklaven bekamen einen halben Becher.
Die Frauen, die im Tross mit dem Heer reisten, nur einen Viertelbecher.
Kaum dass Meada Hephaistion mit rauer Stimme davon berichtet hatte, eilte dieser zu seinem König.
„Alexander“, rief er ihn. Ihrer aller Nerven lagen blank in diesen Tagen, doch niemals zuvor hatte jemand seine Stimme so gereizt klingen hören wie bei diesem Wort.
„Was ist?“ Alexander sah von den Pergamentrollen, die ihm was auch immer berichten mochten, auf, offensichtlich überrascht über den unerwarteten Besuch.
„Die Rationierung des Wassers.“ Hephaistion versuchte sich zu beruhigen. „Es geht um Meada.“
Etwas in der Miene Alexanders verschloss sich. „Was meinst du?“
„Ein Viertelbecher pro Tag ist nicht genug für sie! Sie stillt unser Kind! Warum gestehst du nicht wenigstens auch den Kindern eine Ration zu?“
Abrupt stand der makedonische König auf. „Was soll ich sonst tun? Die Soldaten opfern, die mir gefolgt sind und mit mir gekämpft haben, um Huren und ihre Bastarde zu retten?“
„Sie ist keine Hure“, schrie Hephaistion ihn an. „Und Takleres ist nicht ihr Bastard, sondern mein Sohn.“
„Sie ist nicht deine Frau.“
„Dann werde ich sie heiraten! Wenn sie dann ein Anrecht auf die gleiche Wassermenge hat wie deine Königin, nehme ich sie zu meiner Frau.“
„Das verbiete ich dir.“
„Willst du sie zum Tode verurteilen? Sie und meinen Sohn?“
Alexander schwieg.
„Warum?“, fragte Hephaistion leise, als könnte er so die alte, durch nichts zu erschütternde Vertrautheit wiederherstellen, die einst zwischen ihnen geherrscht hatte.
„Du hast den Blick für die Wirklichkeit verloren“, sagte Alexander, versuchte, ruhig zu klingen, doch seine Stimme war kalt. „Sie hat ihn dir genommen mit der Hoffnung auf einen Sohn.“
„Ich habe einen Sohn“, stellte Hephaistion fest.
Er verließ das Zelt. Es gab nichts mehr zu sagen.

Es brach ihm das Herz, Meada zuzusehen. Er gab ihr den Großteil seines eigenen Wassers, doch gemessen an der Menge, die Takleres trank, konnte es kaum jemals genug sein. Die Haut in ihrem Gesicht wurde wächsern, Falten gruben sich in ihr Gesicht, ihre Haut wurde trocken, rissig und schließlich blutig.
Jeden Abend betete er zu den Göttern, sie mögen die Wüste am nächsten Tag enden lassen und alles zum Guten wenden, doch jeder Tag erstreckte sich aufs Neue über einen endlosen Zeitraum aus Sand und Hitze und endete in der eisigen Kälte der finsteren Nächte.

Er wusste nicht genau, wie viel Zeit vergangen war, als er tatsächlich zu fürchten begann, sie würde eines Morgens tot neben ihm erwachen. Mit Verzweiflung in der Stimme bat er Meada darum, nicht weiter all ihre Kraft an Takleres weiterzugeben, was sie beide Tag für Tag weiter schwächte, flehte sie an, sich nicht für ihn zu opfern.
Doch sie wollte nichts davon hören, wollte nicht in Erwägung ziehen, auch ihr zweites Kind sterben zu sehen.
Hephaistion hoffte und betete weiter.

Eines Abends, als er zu seinem Zelt zurückkehrte, staubig von Kopf bis Fuß und in der Hand den kostbaren Becher Wasser, der ihm zustand, war sie nicht da.
Er betrat das Zeltinnere.
Keine Spur von ihr. Selbst in den letzten Tagen, als Wasser und Nahrung knapp gewesen waren, hatte sie in dem kleinen Raum Harmonie verbreitet, der aus den schmutzigen Stoffbahnen einen Ort der Ruhe gemacht hatte, doch heute war er leer.
Tot, dachte er.
Niemand war da.
Unruhe stieg in ihm auf, wurde in Sekundenschnelle zu Angst und dann zu Panik.
Sein Verstand war zu klar, als dass er weiter durch das Zimmer gestört und sie in den Winkeln des Raumes gesucht hätte, stattdessen eilte er hinaus in die Nacht und schrie ihren Namen.
„Herr.“ Die Stimme des Sklaven – Hephaistion erkannte ihn aus Dareios’ Harem – war leise, kam jedoch so schnell, als hätte er darauf gewartet, zu sprechen.
Angst griff nach Hephaistions Herz. „Was ist? Weißt du, wo sie ist?“
Die Miene des Eunuchen blieb unbewegt, seine Augen unergründlich. „Ja, Herr“, gab er leise zu.
Seine Stimme machte ihm mehr angst als alles andere. „Was ist geschehen?“, fragte Hephaistion, ebenso leise. Wusste die Antwort, in dem schrecklichen Moment, als der Sklave den Blick vom Boden löste und ihm zum ersten Mal in die Augen sah.
„Ihr Pferd starb. Es stürzte, doch ihr war nichts geschehen. Sie versuchte, zu Fuß weiterzugehen, aber … sie war zu schwach. Sie ging neben mir – ich versuchte, sie zu stützen, doch sie fiel, und konnte nicht mehr aufstehen.
Ich … versuchte, sie zu tragen, doch meine Kräfte reichten nicht aus.
Sie sagte … ich solle sie zurücklassen. Sie nahm euren Sohn hervor, küsste ihn und gab ihn mir, bat mich, ihn euch zu bringen.“
Er zog ein kleines, in Stoff gewickeltes Bündel hervor und legte es auf seine erhobenen Handflächen.
Unendlich langsam sah Hephaistion auf den reglosen kleinen Körper, wollte nicht glauben, was er hörte. Was er sah. „Was ist mit ihm?“ Mit einem sonderbar fernen, milden Interesse stellte er fest, dass ihm Tränen über die Wangen strömten.
„Herr, er ist tot. Er starb, als sie vom Pferd stürzten.“
„Hat sie es gesehen? Dachte sie, er würde noch leben?“
Zum ersten Mal zögerte Bagoas. Er sah das verzerrte Gesicht des Feldherrn, wie er wieder Meadas Gesicht vor sich sah, tränenüberströmt, unwillig, weiterzuleben, als sie in die leeren Augen ihres zweiten Kindes geblickt hatte. „Ja. Sie lächelte, als sie ihn ansah.“
Hephaistion nickte stumm. Beruhigt.
„Herr, sie bat mich, Euch etwas auszurichten. Sie sagte, sie habe Euch geliebt, schon lange. Sie bereue nichts. Und Ihr sollet Euch nicht quälen – sie habe es gewusst. Sie wartet nun auf Euch.“
Zwischen den Tränen hindurch erhellte ein winziges Lächeln Hephaistions Gesicht.
„Ich danke dir.“
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