Der Sand der Wüste

von Aelea
GeschichteDrama / P18
Hephaestion
16.06.2007
19.01.2008
18
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16.06.2007 1.367
 
Meada saß an Hephaistions Feldbett und starrte auf sein geisterhaft bleiches Gesicht.
Sie selbst hatte sich um seine Verletzung gekümmert; die Heiler hatten es ablehnen wollen, doch sie hatten keine Zeit gehabt, mit ihr zu streiten, und sich den Zorn Alexanders zuzuziehen, sollte sein Feldherr unter ihren Händen sterben.
Die Verletzung war unübersehbar gewesen – eine mehr als handlange Wunde, aus der ein beständiger Strom hellen Blutes floss, der noch nicht gestillt worden war, als sie ihn fand. Sie kümmerte sich darum, ohne nachzudenken, ließ sich Nadel und Faden geben und betete, er möge nichts mehr spüren.
Es half nichts. Als sie die Nadel in die weit auseinanderklaffenden Hautränder schob, schrie er auf, seine Hände tasteten nach einer Waffe und er versuchte, sich von dem Bett herunter zu rollen.
„Hilfe“, schrie sie. „Ich brauche Hilfe! Hephaistion wird sonst sterben!“ Sie bekam Hilfe; eine Handvoll Männer, die bei ihren bewusstlosen Kameraden gesessen hatten, folgte ihrem Ruf und hielt ihn fest. Doch noch immer konnte sie sehen, wie die Muskeln unter seiner Haut zuckten, wie er sich gegen sie wehrte und wie schnell sein Herz schlug.
Bemüht, sowohl schnell als auch sorgfältig zu arbeiten, stach sie die Nadel erneut in seine Haut; sie konnte sehen, wie sich die Muskeln des Mannes neben ihr anspannten, um Hephaistion ruhig zu halten und wunderte sich, woher er diese Kraft nahm, obgleich schon so viel Leben aus ihm herausgeflossen war.
Als sie den letzten Stich setzte, brach plötzlich die Wirklichkeit über sie herein – der Gestank von Blut und Tod, der sie umgab, die hoffnungslosen Mienen der Männer, die Schreie der Verwundeten. Und ihr eigenes Schicksal, das nun einzig davon abhing, ob Hephaistion überleben würde.
Würde Alexander sie töten lassen, wenn er starb? Würde er sie sich nehmen, da sie dann niemand mehr beschützen würde?
Würde sie ohne Hephaistion, allein mit seinem Kind, weiterleben wollen?
„Ich danke Euch“, sagte sie leise zu den Männern, die sich schweigend entfernten, um an einem anderen Bett Totenwache zu halten.
Von da an hatten ihre Hände gezittert. Als sie die blut- und schlammverschmierte Rüstung vorsichtig abgenommen und die Kleidung darunter aufgeschnitten hatte. Als sie die zahllosen Blutstreifen vorsichtig abgewaschen hatte, um zu sehen, ob es nur das Blut seines Feindes oder eine tatsächliche Verletzung war.
Als sie, da es nichts anderes mehr für sie zu tun gegeben hatte, sein Haar gewaschen und eingeflochten hatte und die ersten Tränen in ihre Augen getreten waren.
Nun saß sie hier, wagte es nicht, zu gehen. Es war nicht die vage Furcht vor seinem Tod, vielmehr das Wissen, dass er nach einigen wenigen Herzschlägen dieser furchtbaren Verletzung erliegen konnte.
Also blieb sie. Verdammt zur Untätigkeit, umgeben von den übrigen bereits versorgten Verletzten. Der Tod war so nah, so greifbar, als läge dieses Schlachtfeld direkt neben dem Eingang zum Hades.
Meada betrachtete sein bleiches, regungsloses Gesicht und die weiche Haut an seinem Hals, wo ein schwaches Zucken verkündete, das er noch lebte.
Sie beugte sich über ihn.
„Herr, ich bitte Euch.“ Erneut spürte sie das Brennen heißer Tränen auf ihren Wangen. „Bitte kämpft. Lebt. Für Euer Kind.“ Sanft schob sie ihre Finger unter seine Hand, bettete sie auf ihren Bauch und hielt sie fest.
Sie fragte sich, ob er unverletzt geblieben wäre, hätte sie es ihm zuvor gesagt. Wäre er vorsichtiger gewesen, hätte er es gewusst? Oder hätte die Sorge um sie beide ihn nur verletzbarer gemacht?
Die quälenden Gedanken verfolgten sie noch bis in den Schlaf.

Mitten in der Nacht schreckte sie aus ihrem Traum, in dem sie Hephaistion blutüberströmt auf dem Schlachtfeld gefunden hatte, ihm aufhelfen wollte und er ihr Hand packte, sie aus vorwurfsvollen Augen ansah und mit bluterstickter Stimme fragte: „Warum hast du es mir nicht gesagt?“ Er hustete, spuckte Blut und plötzlich brach der Blick in seinen Augen, nur seine tote Hand umklammerte weiter ihre Finger.
Seine Hand.
„Herr?“, flüsterte sie leise in die tiefe Dunkelheit.
„Meada.“ Seine Stimme war rau, schwer und er schien das eine Wort nur deshalb nicht als Frage zu stellen, weil ihm die Kraft dazu fehlte.
Aber er lebte.
„Herr, Ihr seid in Sicherheit.“
Seine Hand in ihren Fingern bewegte sich und sie spürte die fingerlange, glatte Narbe auf seinem Handgelenk. Unbeholfen bewegten sich seine sonst so geschickten Finger und drückten vorsichtig gegen die weiche Haut ihres Bauches, wo sie noch immer ruhten.
„Das war – kein Traum?“, fragte er mühsam.
„Nein, Herr“, antwortete sie leise.
Seine Hand fiel zurück. Lange Zeit schwieg er. „Warum hast du es – mir nicht gesagt?“
„Ich wollte Euch in der Schlacht nicht noch mehr Sorgen aufbürden.“
Schweigen. Dann, so leise geflüstert, dass sie es kaum verstand: „Ich danke dir.“

Sie sorgte für Hephaistion, wie sie es immer getan hatte; sie brachte ihm stark verdünnten Wein zu trinken, wickelte seine Verbände und leistete ihm Gesellschaft.
Als das Fieber kam, wickelte sie ihn in warme Decken und wusch den Schweiß von seiner Haut und als er sich langsam wieder erholte, half sie ihm, sich aufzusetzen und zu bewegen.
Eines Abends, als er bereits eingeschlafen war, hörte sie hinter sich schwere, schlurfende Schritte, konnte jedoch in dem zur Nachtzeit kaum mehr erleuchteten Zelt niemanden erkennen.
„Wie geht es ihm?“, hörte sie eine krächzende, vor Sorge und Erschöpfung raue Stimme.
Die Stimme des Königs.
„Er wird überleben, Herr.
Die langsamen Schritte kamen näher. „Sie sagen, dass du das getan hast.“
Sie dachte darüber nach und schüttelte leicht den Kopf. „Er hat um sein Leben gekämpft.“
„Du auch, sagte man mir.“
Vorsichtig, als würden ihm die Bewegungen Schmerzen bereiten, ging er an ihr vorbei und beugte sich über das Bett seines Freundes, streckte eine Hand aus und berührte sanft die eingefallene Haut der Wangen.
Noch langsamer, um Hephaistion nicht zu wecken, zog Alexander sich zurück und sah Meada an. „Danke“, sagte er schlicht, doch so voller Wärme, dass sie spürte, dass er es ehrlich meinte.
Dann wandte er sich um und schlich langsam aus dem Zelt.

Hephaistion wurde von Tag zu Tag kräftiger, ließ sich nun auch seinerseits aufhelfen, um die ersten ungeduldigen Wanderungen durch das Lager jenseits des stickigen Zeltes zu unternehmen.
Und Alexander zu besuchen.
Der König, der früher der Sonne ebenbürtig erschienen war an Kraft und innerem Licht, war nun gebeugt. Seine Verletzung, der Tod seiner Männer und Hephaistions langes Ringen mit dem Tod hatten ihn schwer getroffen und nun hatte er selbst den Rückzug verkündet.
Rückzug. Von all seinen Männern war Hephaistion vielleicht der einzige, der tatsächlich verstand, was dieses Wort tatsächlich bedeutete.
Das Ende von Alexanders Träumen. Das Eingeständnis seiner Menschlichkeit.
Noch immer trug Roxane kein Kind von ihm und immer tiefer wurden Stimmen und die vorgehaltenen Hände gesenkt, hinter denen die Männer die Gründe dafür diskutierten.
Er bemühte sich, sich für seinen Feldherrn über dessen neue Hoffnung auf einen Erben zu freuen, konnte jedoch seinem langjährigen Freund seine wahren Gefühle nicht vollständig verbergen.
Neid. Enttäuschung. Und Verbitterung.
Hephaistion hielt zu ihm, so gut er konnte; er sprach nicht von seinem Kind, verbarg Meada so gut wie möglich vor Alexanders Blicken und drängte ihn nicht noch einmal, ihm die Heirat mit ihr zu gestatten. Nur für ihn sprach er von künftigen Feldzügen, zählte die bisherigen Erfolge auf und wurde nicht müde, zu wiederholen, dass kein Heerführer weiter gehen konnte, als seine Männer bereit waren, ihn zu begleiten; dass es nie in seiner Macht gelegen hatte, das zu ändern.

Obwohl er Alexander gegenüber vermied, davon zu sprechen, stand er dennoch fest zu Meada und behandelte sie so ehrenvoll, wie es sich für einen Feldherrn einer Hure gegenüber nicht als schicklich galt, doch es kümmerte ihn nicht. Er hatte einmal versäumt, ihr die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und er nahm das Kind, das sie nun trug, als das, was es war: ein Geschenk der Götter.
Er würde nicht noch einmal riskieren, es zu verlieren.
Kaum war er seinem Krankenbett endgültig entronnen, kümmerte er sich daher um sie; trug Sorge dafür, dass sie stets das sauberste Wasser, den besten Wein und die Speisen, die am ehesten denen ihrer Heimat entsprachen, erhielt.
Eines Nachts, als er neben ihr lag und fast unbewusst über die gespannte Haut ihres Bauches strich, fragte er sich, ob er es ertragen würde, noch einmal ein Kind zu verlieren.
Und ob er es ertragen würde, sie zu verlieren.
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