Der Sand der Wüste

von Aelea
GeschichteDrama / P18
Hephaestion
16.06.2007
19.01.2008
18
24.940
1
Alle Kapitel
46 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
16.06.2007 1.154
 
Es ist schon irgendwie komisch, das hier zu schreiben, wenn man in einem halb eingeräumten WG-Zimmer sitzt und einen grandiosen Ausblick auf den noch ziemlich bewölkten Berliner Himmel hat …

Alessa, eine der Dienerinnen Roxanes, winkte Meada verstohlen zu und diese erhob sich, folgte ihr unauffällig in das prächtig ausgeschmückte Zelt der Königin, das nun für eine kurze, kostbare Zeitspanne leer sein würde – sie hatte Alessa bestochen, damit sie ihr bescheid gab.
Sie brauchte Gewissheit und diese konnte sie nur dort finden.
Leise, um niemanden auf ihre verbotene Anwesenheit im Inneren des Zeltes aufmerksam zu machen, schlichen sie durch den düsteren Raum auf den einen Gegenstand zu, auf den sie es abgesehen hatte:
Roxanes Spiegel.
Alessa zog das darüber liegende Tuch beiseite und nickte ihr hastig zu.
Meada trat vor.
Zögernd und nur sehr langsam hob sie ihr Gewand, schlug die leichten Stofffalten auseinander und betrachtete ihren Bauch.
Sekundenlang starrte sie in ihr geisterhaft im Dämmerlicht schwebendes Spiegelbild, als könne sie etwas daran ändern, was es zeigte.
Doch es blieb.
Die kleine Wölbung ihres Bauches, die sie seit Tagen unschlüssig ertastete, die spürbare Veränderung ihres Körpers, die damit einherging – sie hatte es sich nicht eingebildet.
Sie war schwanger.
In der Hoffnung, sich zu irren, wandte sie sich zu Alessa um, die ihren bittenden Gesichtsausdruck jedoch falsch deutete.
„Sein Bastard?“, fragte sie mitfühlend und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. Verstohlen raunte sie ihr zu: „Ich kann dir helfen, das zu verhindern, wenn du willst.“
Schützend legte Meada die Hand über ihren Bauch.
Dachte daran, was das letzte Mal geschehen war.
Erinnerte sich an das Gefühl des Glücks, wenn sie die winzigen Bewegungen in ihrem Leib gespürt hatte.
Sah wieder den Ausdruck in Hephaistions Gesicht, wenn er unendlich vorsichtig die Form ihres Bauches nachgezeichnet hatte.
„Nein. Ich – ich behalte es.“

Am Abend zitterten ihre Hände. So sehr sie den Moment herbeisehnte, in dem sie Hephaistion sagen konnte, dass sie noch einmal hoffen konnten, so sehr fürchtete sie ihn auch – die Erinnerung, die er heraufbeschwören würde.
Während sie das Essen zubereitete, fragte sie sich zum ersten Mal, wie es für ihn gewesen sein mochte.
Sie hatte den Schmerz gespürt, das Blut gesehen und ihr Inneres langsam heilen fühlen.
Er hatte nichts dergleichen gehabt – nichts außer der Tatsache, mit der er sich hatte abfinden müssen; keine körperliche Heilung von dem Schmerz.
Wie würde es für ihn sein, erneut zu hoffen – wie sie begleitet von der Furcht, dass es wieder geschehen konnte. Ihn jedoch würde außerdem das Wissen um seine Hilflosigkeit begleiten, die drohende Möglichkeit, dass er wiederum eines Abends zurückkehren und sie in ihrem Blut liegend vorfinden würde.
Sie warf einen Becher mit verdünntem Wein um.
Die dunkle Flüssigkeit lief aus und durchtränkte in wenigen Augenblicken den Teppich mit einem großen roten Fleck.
Wie Blut.
Sie schauderte.
Sollte sie es ihm sagen? Durfte sie es ihm sagen? Würde er wollen, dass sie erneut Hoffnungen in ihm weckte, die sie vielleicht nicht würde erfüllen können?
Sie erschrak, als Hephaistion das Zelt betrat.
Er schien es nicht einmal zu bemerken. Er schien erschöpft – seine Bewegungen waren kantig, als wäre er zu müde für jede überflüssige Regung, und sein Kopf hing herab.
Als sie zu ihm trat, seufzte er schwer.
„Herr, was ist mit Euch?“ Sie spürte Angst in sich emporsteigen bei diesen Worten. Wusste er es schon? Hatte Alessa es irgendjemandem erzählt?
„Meada“, er lächelte und strich ihr flüchtig über die Wange, bevor er sich auf das Bett fallen ließ. Mehrere Atemzüge lang sah er nur an die Decke, bevor er erneut seufzte.
„Hör zu“, er stützte sich auf die Ellbogen und sah sie eindringlich an. „Ich möchte, dass du dich morgen in Sicherheit bringst. Sattle dein Pferd und sei bereit, zu fliehen, wenn es sein muss. Halte dich möglichst auf dem Weg, den wir hierher genommen haben; er wird dich in Sicherheit bringen.“
Als ihr die volle Bedeutung dessen, was er ihr gesagt hatte, bewusst wurde, setzte sie sich.
„Herr“, begann sie langsam. „Was ist geschehen?“
Er setzte sich auf. „Morgen wird es zu einer Schlacht kommen. Wir haben Hinweise darauf, dass der Feind sich sammelt. Sie sind uns zahlenmäßig überlegen und … viele unserer Männer sind erschöpft.“ Er presste die Lippen zusammen, als müsste er so verhindern, die Worte auszusprechen, die darauf lagen. „Alexander denkt, dass wir gewinnen werden. Er zieht eine Niederlage nicht einmal in Betracht.“
Er sah zu Boden. „Nun, bisher irrte er nie. Vielleicht werden wir morgen gewinnen. Doch wenn nicht“, er sah ihr eindringlich in die Augen, „dann sei bereit.“
Meada schluckte. Dachte daran, was sie ihm hatte sagen wollen. „Herr – ich kann nicht ohne Euch gehen. Wenn Ihr fallt, was soll ich dann tun? Wohin soll ich gehen? Ich werde nur eine … Eure Hure sein, die …“, sie brach ab, bevor sie es aussprechen konnte. Die Euer Kind trägt.
„Niemand wird es wissen; niemand wird dich erkennen. Du kannst dich ausgeben, als wer immer du auch sein möchtest.“
Meada schwieg. Sie wollte ihn bitten, zu bleiben, mit ihr zu fliehen, ihrer beider Kind zu beschützen, doch sie sprach nichts davon aus. Niemals würde er sich wie ein Feigling davonstehlen. Nur ihr würde die Wahl bleiben, ebenfalls zu sterben oder zu fliehen.
Sie sah ihn an – sein Gesicht, das ihr vertrauter war als ihr eigenes – und wollte es ihm sagen, wollte ihm den Grund nennen, dessentwegen er den nächsten Tag überleben und zu ihr zurückkehren musste.
„Herr, ich …“, doch sie hielt sich zurück.
In der Schlacht musste er sich selbst schützen, seine Männer. Seinen König. Die Last eines weiteren Lebens, das in seinen Händen lag, wollte sie ihm nicht aufbürden.
„Was ist?“
Sie versuchte zu lächeln. „Ich bitte Euch, überlebt“, brachte sie hervor. Dann sah sie zu Boden. „Ich werde tun, was Ihr gesagt habt“, sagte sie schlicht. Wenn sie nicht wusste, wohin sie sich wenden sollte, so würde sie doch zumindest sein Kind beschützen, sollte er fallen.
„Danke“, nickte Hephaistion und lächelte. „Eine Sorge weniger.“
Als er sie dann küsste und sie seine warmen Hände auf ihrer Haut fühlte, erinnerte sie sich an ein Gespräch, das sie einst belauscht hatte.
„Vor der Schlacht ist der Hunger der Männer am größten“, hatte eine Trosshure sich beschwert und neben dem Feuer zu Boden fallen lassen.
„Nicht vor der Schlacht, Kindchen“, hatte eine alte Frau widersprochen, die ihren Lebensunterhalt nun auf andere Weise verdiente; niemand wusste genau, wie. „Die Männer werden am wildesten, wenn sie spüren, dass der Tod naht.“
Meada erschauerte.
Hephaistion spürte es und sah sie überrascht an – er sprach die Frage nicht laut aus, die seine Augen so deutlich stellten.
„Mir ist kalt“, rettete sie sich, zog die Decke heran und breitete sie über sie beide, bevor sie seine Umarmung erwiderte und sich an ihn schmiegte, als wäre dies tatsächlich die letzte Nacht, die sie jemals an seiner Seite verbringen würde.
In der Nacht betete sie, zu allen Göttern, die ihr bekannt waren, darum, dass sie Hephaistions Leben verschonen würden.
Review schreiben