Der Sand der Wüste

von Aelea
GeschichteDrama / P18
Hephaestion
16.06.2007
19.01.2008
18
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16.06.2007 1.633
 
Lange Zeit blieb Hephaistion in den Nächten bei ihr – Alexander hatte Mitgefühl gezeigt und ihm versprochen, ihn nicht zu drängen.
Sie sprachen kaum miteinander, berührten sich nicht durch weniger als eine Lage Stoff, die sie schützte, schienen gleichzeitig des anderen Nähe zu suchen und ihn zurückzustoßen.
Meada fühlte sich schuldig, hegte tief in ihrem Inneren die unausgesprochene Gewissheit, dass sie ihr Kind nicht genug beschützt hatte, und zugleich hatte sie Angst, noch einmal einen solchen Verlust hinnehmen zu müssen.
Hephaistion fühlte sich schuldig, weil er nicht bei ihr gewesen war; wider besseres Wissen dachte er, er hätte es verhindern können, wäre er nur bei ihr gewesen und er wagte nicht, ihr noch einmal diesen Schmerz zuzufügen.
Dieses Schweigen, tief wie ein dunkler See und allgegenwärtig wie dicker Nebel, trennte sie, drohte sie beständig weiter voneinander zu entfernen und hätte sie vielleicht gespalten, wäre nicht manchmal etwas darin zum Vorschein gekommen; einige dumpfe Worte in Hephaistions aufgewühlten Träumen, eine plötzliche Woge von Tränen in Meadas Augen, wenn sie lange wachgelegen hatte; etwas, das sie unausgesprochen fühlen ließ, dass sie das Gleiche empfanden und einander brauchten.

Wenn sie tagsüber ihren Weg fortsetzten, bemerkte Hephaistion besorgt den sich verschlechternden Zustand Alexanders. Von Roxanes unverändertem Zustand beschämt und von dem starken Wein der Eingeborenen leichter zu erregen als sonst, schien er sich beständig beweisen zu wollen, fühlte sich schnell angegriffen und schien keine Meinung als die seine gelten lassen zu wollen.
Hephaistion versuchte, dem entgegenzuwirken, reichte ihm das gesammelte Regenwasser, das, anders als das Quellwasser, unbedenklich schien, oder verdünnte seinen Wein und redete vorsichtig auf ihn ein, brachte ihm die hohen Verluste in Erinnerung, die die Fortsetzung dieser Reise forderte.
Er zweifelte nicht daran, dass er, dieser unersättliche König, immer bekommen würde, wonach ihn verlangte; nicht, nachdem er einen Blick in seine Seele hatte werfen dürfen und erkannt hatte, dass er seinen Weg fortsetzen würde, unaufhaltsam, ungeachtet der Hindernisse, die vor ihm lagen. Doch die Männer in seinem Gefolge waren erschöpft und brauchten, wenn er denn sein Ziel nicht aufgeben wollte, doch zumindest zeitweise eine Rückkehr in die Heimat.
Doch Alexander war nicht gewillt, etwas anderes in Betracht zu ziehen als die unbedingte Erfüllung seiner grandiosen Pläne.

Eines Tages rasteten sie, zum Halt gezwungen von den unfassbaren Wassermengen, die aus dem Himmel stürzten; Hephaistion saß mit den Soldaten an einem der mühsam entfachten Feuer. Zwischen ihnen kreiste ein Weinschlauch, den er unnachgiebig mit Wasser aufgefüllt hatte, um einen klaren Kopf für die Weiterreise zu bewahren.
Keiner von ihnen sprach. Sie alle hingen ihren eigenen trüben Gedanken nach, dachten an die, die gestorben waren oder im Sterben lagen; an die Daheimgebliebenen und daran, dass sie sie nie wiedersehen mochten, an die Gefahren, die vor ihnen lagen.
Einzig Hephaistions Gedanken durchbrachen diesen Kreis der Mutlosigkeit; er suchte nach einer Möglichkeit, Alexander zu erreichen. Nachdenklich wendete er mit einem halbwegs trockenen Ast die Holzstücken, um die Flammen am Leben zu halten und überschlug Verluste, Wegstrecke und die Unwägbarkeiten weiterer Angriffe der Eingeborenen.
Alle außer ihm sahen auf, als eine neue Silhouette sich aus dem grünen Schatten löste und auf eine Geste ihrerseits hin erhoben sie sich mit fragenden Mienen, um sich eine neue Feuerstelle zu suchen.
Die Bewegung um ihn herum ließ auch ihn aufsehen und er erblickte seinen König.
Erfreut darüber, dass er seine Gesellschaft – das Gespräch mit ihm – suchte, hob er erwartungsvoll den Blick.
„Hephaistion, es gibt etwas, das ich mit dir besprechen muss.“
Der Klang seiner Stimme war unheilvoll. „Ja“, antwortete er schlicht.
Alexander sah ihn nicht an, sondern richtete seinen ziellosen Blick in den undurchdringlichen grünen Schatten, der sie umgab. „Roxane ist noch immer nicht schwanger“, begann er unzusammenhängend und sah ruckartig zu Boden. „Mag sein, dass sie niemals Kinder gebären wird.“
Hephaistion nickte vorsichtig. Er hatte es seit langem vermieden, mit Alexander darüber zu sprechen und wollte diese kostbare Chance nicht unbedacht zunichte machen.
„Was ist mit deiner Sklavin?“ Als er ihm den Kopf zuwandte, roch er den starken Wein in seinem Atem. „Ist sie wieder …?“
Er wollte nicht darüber sprechen, doch er wollte nicht riskieren, ihn abzuweisen. „Nein. Sie hatte lange Zeit Schmerzen und … - es ist noch so nah.“
Alexander nickte. Aufgeregt ergriff er die Schultern seines Feldherrn. Seines Freundes seit Kindertagen. „Sie könnte vielleicht meine letzte Hoffnung sein, Hephaistion, ich bitte dich.“
Dieser runzelte verwirrt die Stirn. „Wovon sprichst du?“
„Roxane mag unfruchtbar sein – sie ist es nicht, sie hat es bewiesen. Ich brauche einen Erben – du weißt es – und sie kann ihn mir geben. Gib sie mir – bitte – und Roxane mag tun, was sie will.“
Hephaistion stand auf. „Darum bittest du mich?“, fragte er nach.
Auch Alexander stand auf, überrascht von dem traurigen Unterton in seiner Stimme. „Du denkst, es ist zuviel verlangt? Eine Hure?“ Urplötzlich schlug seine bittende Miene in Argwohn um. „Liebst du sie?“
Hephaistion sah ihm offen ins Gesicht. „Nein. Aber ich kann sie dir nicht geben. Selbst wenn ich wollte.“
„Sie gehört dir“, fuhr Alexander auf und beruhigte sich plötzlich wieder. „Aber du willst nicht.“
Abrupt wandte er sich ab. „Nun, dann werde ich mich selbst darum kümmern“, verkündete er und stapfte entschlossen in Richtung der Zelte.
„Was hast du vor?“ Da Alexander nicht antwortete, sich nicht einmal zu ihm umwandte, blieb ihm nichts übrig, als ihm zu folgen.
Er war nicht überrascht, als sie direkt auf sein eigenes Zelt zuhielten, fragte sich, ob er ihn zurückhalten sollte. Ob es egoistisch von ihm war, abzulehnen oder ob es tatsächlich Meadas Willen zuwiderlief, Alexander gefügig zu sein.
Es war bedeutungslos.
Alexander betrat das Zeltinnere, wo Meada bereits die Abendmahlzeit vorbereitete. Ihre entspannte Miene, die sie trug, als sie sich umdrehte, verhärtete sich, als sie den König entdeckte.
Hephaistion versuchte sich zu erinnern, ob jemals ein anderer als er selbst sie hier aufgesucht hatte. Ihm fiel keine Gelegenheit ein.
„Herr?“, erklang Meadas fragende Stimme; sie ließ offen, wen von ihnen beiden sie um eine Erklärung bat.
„Ich kam, um dich um etwas zu bitten“, begann Alexander unbeholfen. Er war es nicht gewohnt, Bittsteller zu sein und Hephaistion sah deutlich, dass es ihm missfiel. Wahrscheinlich fragte er sich in eben diesem Moment, warum er sie sich nicht einfach nahm.
„Meine Königin gebärt mir keine Kinder“, erklärte er schlicht. „Ich brauche einen Erben. Und ich will, dass du ihn zur Welt bringst.“
„Warum ich?“
„Weil ich mir deiner sicher sein kann.“ Hephaistion blinzelte überrascht. Vor nicht langer Zeit hatte er ihm Unsicherheit über ihre Treue vorgeworfen; nun gestand er ihr sie zu?
„Du würdest ebenso hoch stehen wie meine Frau“, beschrieb Alexander weiter. „Und wenn mein Sohn geboren ist, noch höher. Du würdest in einer Sänfte reisen und“, er warf einen unwilligen Blick auf ihren Besitzer, „auf jede erdenkliche Art beschützt werden.“
Sie sah ihn nachdenklich an. „Nein. Mein König“, fügte sie hinzu.
„Was?“
Ihre Lippen wurden schmaler. „Ich bedaure, Euer Angebot ablehnen zu müssen“, sagte sie fest und ohne jede Spur von Bedauern. Hephaistion verbiss sich ein Lächeln.
„Du vergisst, was du mir schuldig bist“, knurrte Alexander und trat näher an sie heran. „Ich bin dein König.“
Sie wich nicht zurück. Zum ersten Mal seit ihrem Verlust sah Hephaistion sie, wie sie früher gewesen war – furchtlos und stolz. „Und Ihr habt mich ihm gegeben. Ihr habt kein Recht, von mir zu verlangen, mich zu Eurer Hure zu machen.“
„Du denkst, es würde dich ruinieren, aber du täuschst dich – schon jetzt halten dich alle für seine Hure.“
Sie reckte das Kinn und sah ihm furchtlos in die Augen. „Doch jetzt weiß zumindest ich, dass ich es nicht bin.“
Zorn rötete sein Gesicht, doch Alexander erkannte, dass er machtlos war, solange sie unter Hephaistions Schutz stand.
Wütend verließ er das Zelt.
Einige Sekunden lang standen sie schweigend da, dann wandte sie sich plötzlich zu ihm um. Ihre Augen blitzten vor Wut. „Was habt Ihr ihm gesagt?“
Er hatte nicht mit diesem Ausbruch gerechnet, fasste sich jedoch schnell wieder. „Ich sagte ihm, dass ich es nicht für dich entscheiden könne. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.“
Sie biss sich auf die Lippen und starrte auf den Boden. „Warum habt Ihr nicht versucht, ihn zurückzuhalten?“ Als sie ihn wieder ansah, erkannte er an dem feuchten Glänzen ihrer unvermindert blitzenden Augen, wie sehr es sie getroffen haben musste, verstand jedoch nicht, warum. „Wolltet Ihr, dass ich gehe?“, fragte sie leise. „Wollt Ihr mich dafür strafen, was geschehen ist – und mich an ihn abgeben?“
Der Vorwurf traf ihn wie ein Donnerschlag. Benommen hob er die Hände. „Nein. Ich wollte dir nicht die Möglichkeit nehmen, zu bekommen, was er dir geben kann … falls du hättest gehen wollen.“
Ihre Schritte waren fest, als sie auf ihn zukam, doch ihr Gesicht spiegelte nichts als Unsicherheit wider. „Aber warum? Ich habe Euch gesagt, dass ich bei Euch bleiben möchte und doch bietet Ihr es mir immer wieder an. Wenn Ihr wünscht, dass ich gehe, sagt es mir – jetzt!“, verlangte sie.
Langsam schüttelte er den Kopf. „Nichts möchte ich weniger. Meada, seitdem du mich gerettet hast, trage ich diese Schuld. Ich wollte dir immer nur zurückzahlen, was du für mich getan hast; was ich nie werde tun können, weil du bei mir bleibst; ich werde – kann – dich niemals lieben.“
„Das weiß ich“, sagte sie. „Und dennoch seid Ihr der einzige, bei dem ich mich sicher fühle. Wenn Ihr mir also nicht zürnt dafür, dass ich Euer Kind verloren habe, dann bitte – lasst mich bleiben. Fragt mich nicht mehr, ob ich gehen will.“
Er wollte ihr sagen, dass er ihr nicht zürnte, es nie getan hatte, wollte sie bitten, ihm zu vergeben, spürte jedoch, dass alles Wichtige gesagt worden war und zog sie in seine Arme, froh darüber, dass der Lebensfunke, der ihn an ihr so fasziniert hatte, neu entfacht war.

Zum ersten Mal seit Wochen verzichteten sie in dieser Nacht auf den Schutz ihrer Kleidung und berührten einander Haut an Haut.
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