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Inter Spem Et Metum: Zwischen Hoffnung und Furcht

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Albus Dumbledore Ginevra Molly "Ginny" Weasley Harry Potter Hermine Granger Minerva McGonagall Severus Snape
10.06.2007
06.02.2008
70
318.975
98
Alle Kapitel
637 Reviews
Dieses Kapitel
41 Reviews
 
 
10.06.2007 4.609
 
Altersfreigabe: ab 18
Setting: 5. bis 7. Schuljahr mit einigen Parallelen zum und vielen Änderungen vom Canon; würde ich die Geschichte heute schreiben, würde ich mich strenger an den Canon halten. Aber damals hatte ich den Canon nicht wirklich auf der Kette und ich hab's einfach so gelassen, weil … Na ja, hauptsächlich weil ich schon Herpes kriege, wenn ich an Umbridge nur denke, ich bin nicht böse darum, dass sie hier nicht vorkommt. ^^ Alle anderen Abweichungen müsst ihr bitte einfach hinnehmen. ;)
Inhalt: An ihrem ersten Schultag im 5. Jahr ist Hermine zufällig auf den Ländereien, als Professor Snape schwer verletzt von einem der Todessertreffen zurückkehrt. Sie muss helfen und ahnt dabei nicht, dass dieser eine Abend ihr Leben drastisch verändern wird.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Hermine/Snape; am Rande Ginny/Harry, Ron/Lavender und Ron/Luna
Disclaimer: Alles, was euch bekannt vorkommt, ist Eigentum von J. K. Rowling, die ich offensichtlich nicht bin. Der Rest ist meins. ^^
Kommentar: Beinahe vierzehn Jahre, nachdem ich diese Geschichte veröffentlicht habe, hab ich sie nun komplett überarbeitet. Ich habe versucht, mich zurückzuhalten und nicht zu viel zu verändern; der Plot ist immer noch der gleiche wie vorher, ich hab nur versucht, ihn ein bisschen glaubhafter zu beschreiben. Heute würde ich eine Geschichte wie diese nicht mehr schreiben, ich bevorzuge Hermine inzwischen erwachsen und ein bisschen reifer. Aber da diese Geschichte viele Fans hat, darf sie bleiben. Wenn ihr Interesse an der alten Version der Geschichte habt, schickt mir eure E-Mail-Adresse und ich sende euch die epub-Datei zu, die ich vorher hier runtergeladen habe.
Ein riesengroßer Dank geht an die kleine Frau in meinem Ohr, auch Beta Anja genannt. ;) Dankeschön für die vielen kleinen und großen Ideen, die die Story lebhaft und weniger melancholisch gemacht haben; ohne dich wäre sie nicht das, was sie jetzt ist!
Für die Betaarbeit an der überarbeiteten Version danke ich Moana Nahesa, die sich nicht nur furchtlos dieser alten Geschichte angenommen, sondern mich auch während des Überarbeitens immer wieder motiviert hat, nicht aufzugeben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne sie bis zum Schluss durchgehalten hätte. ^^
Zu den Missing Scenes: Ich hab die Geschichte ursprünglich komplett aus Hermines Perspektive geschrieben, aber beim damaligen Posten wurden so viele Leserwünsche nach Szenen, die abseits von Hermines Wahrnehmung stattgefunden haben, laut, dass ich später ein Missing Scenes-Projekt begonnen habe. Ich hab sie damals als neue Geschichte gepostet und euch jetzt die entsprechenden Missing Scenes verlinkt. Ob ihr sie parallel lest oder erst nachdem ihr diese Geschichte gelesen habt, überlasse ich natürlich euch. :)
Warnings: Sex, Gewalt, PTBS, selbstverletzendes Verhalten, minor Character Death

Kapitel 1 – Die erste Rückkehr

If you’re a thought
you will want me
to think you.
And I did and did.

(Tori Amos – Scarlet’s walk)

 Der Spaziergang über die Ländereien nach dem Ende des Begrüßungsfests war eine Gewohnheit, beinahe ein Ritual von ihr. Eines, auf das Hermine Granger sich jedes Mal freute, wenn sich die Sommerferien dem Ende entgegen neigten. Und seit zwei Jahren eines, auf das Krummbein sie begleitete. Sie sah sich nach dem Flaschenbürstenschwanz ihres Katers um und lächelte. Er hatte die Freiheit hier vermisst, sie die Nähe zu ihren Freunden. Mit einem letzten Blick zurück zu ihr sprang er in die Dämmerung davon. Hermine seufzte.

 Normalerweise waren die letzten Wochen vor Beginn eines neuen Schuljahrs für sie geprägt von Tatendrang. Nach all der freien Zeit, in der sie irgendwann nicht mehr wusste, wie sie sich beschäftigen sollte, sehnte sie sich nach dem Schulalltag. Aber in diesem Jahr hatte sie vor der Rückkehr nach Hogwarts vor allem eines umgetrieben: Die Hoffnung auf Antworten.

 Seitdem Harry Voldemort wieder begegnet und Cedric gestorben war, waren etwas mehr als zwei Monate vergangen und bisher hatte keiner von ihnen irgendetwas erfahren. Nicht einmal die letzten Tage, die sie gemeinsam im Haus am Grimmauldplatz verbracht hatten, hatten irgendetwas Neues ergeben. Alles blieb still, nichts passierte. Zumindest nicht mehr, als zu jeder anderen Ferienzeit auch. Oder es wollte ihnen nur niemand davon erzählen.

 Diese Stille machte sie nervös. Voldemort war zurückgekehrt. Das musste doch Folgen haben! Jahrelang hatte Harry immer wieder verhindert, dass genau das passierte. Er hatte oft genug sein (und Ron und sie manchmal auch ihr) Leben dafür riskiert. Und jetzt passierte nichts?

 Hermine runzelte die Stirn. Sie wusste gar nicht, was genau sie sich vorgestellt hatte, das passieren würde, wenn es Voldemort irgendwann gelang zurückzukehren, aber das war es nicht gewesen.

 Sie schüttelte den Kopf und versuchte, die Gedanken an Voldemort und die Geschehnisse vor dem Sommer von sich zu schieben. Konzentrierte sich auf die warme Luft und die Stille, die sie hier auf den Ländereien umgab und kurz auch auf das nervöse Kribbeln in ihrem Bauch. Sie und Ron waren zu Vertrauensschülern ernannt worden; sie war aufgeregt und freute sich auf die neuen Aufgaben. Das Treffen mit den Schulsprechern im Zug vorhin hatte nur einen Teil ihrer Fragen beantwortet, sie wollte mehr wissen!

 Aber dann schob sie auch das von sich. Vorerst. Es war der erste Abend in Hogwarts, ihr Spaziergang in Ruhe, alleine, nur um die Natur zu sehen und sich zu erinnern, dass das Schloss mehr als eine Schule war. Ihr zweites Zuhause. Sie hatte sich seit Tagen danach gesehnt und dieses Jahr hatte sie noch länger darauf warten müssen als sonst.

 Normalerweise hatte sie keine Schwierigkeiten, sich bald nach der Willkommensfeier davonzustehlen. Lavender und Parvati schenkten ihr meistens nicht viel Aufmerksamkeit und Harry und Ron waren viel zu sehr mit sich, Quidditch, dem Gepäck und Quidditch beschäftigt, um sich großartig darüber zu wundern, dass sie für einige Zeit verschwand.

 Heute allerdings hatten die beiden es ihr schwer gemacht. Die Geschehnisse – oder vielmehr ihr Ausbleiben über den Sommer hinweg – machten sie alle nervös. Über Stunden hinweg hatte Hermine die Ländereien sehnsüchtig durch die Fenster beobachtet und ihnen stumm versprochen, es nachzuholen. Später. Abends. Wenn nötig auch nachts. Sie brauchte diesen Spaziergang einfach, heute noch mehr als sonst. Nach den Tagen am Grimmauldplatz, in denen sie schon so eng aufeinander gehockt hatten, dass sie nirgendwo ein paar Minuten Ruhe gefunden hatte, waren all die Schüler im Gemeinschaftsraum einfach zu viel gewesen. Sie brauchte frische Luft, sie musste durchatmen.

 Nun, Nacht war es noch nicht, jedenfalls noch nicht ganz, aber am Horizont war nur noch ein warmes Glühen zu sehen. Die Erinnerung an einen späten Sommertag. Um sie herum zirpten Grillen im hohen Gras, das Wasser im See gurgelte leise und hin und wieder konnte sie die Tentakel des Kraken über die Oberfläche streicheln sehen. Am Himmel flogen die ersten Eulen durch die Dämmerung und machten Jagd auf Mäuse und anderes Getier. Hinter ihr lag das Schloss und leuchtete mit seinen Fenstern in die hereinbrechende Nacht. Es summte regelrecht vor Geschäftigkeit.

 Hermine seufzte und setzte ihren Weg fort. Dieser erste Rundgang über die Ländereien verlief jedes Jahr anders. An ihrem allerersten Abend in Hogwarts war sie hierher geflüchtet, um ungestört weinen zu können. Alles war fremd gewesen, niemand hatte sie besonders leiden können, sie hatte ihre Eltern vermisst und vor allem hatte sie Angst gehabt, alle zu enttäuschen. Nicht gut genug zu sein für diese Welt. So hatte sie danach keinen ersten Abend nach den Sommerferien mehr verbracht. Ein bisschen wehmütig, das schon, aber nie wieder so verzweifelt. Letztes Jahr war sie hinunter zu Hagrid gegangen. Sie hatte ihm bei der Willkommensfeier die Begeisterung für das Trimagische Turnier angesehen und hatte beschlossen, ihn zu besuchen. Heute machte sie einen großen Bogen um seine verlassene Hütte.

 Stattdessen lief sie in Richtung der äußeren Grenze des Geländes. Hogsmeade war von hier aus zu sehen, die Häuser hoben sich wie Miniaturen gegen den letzten rosaroten Schimmer der untergehenden Sonne ab. Irgendwann stand sie vor einem unscheinbaren Zaun. Niemand, der Hogwarts nicht kannte, würde erahnen, wie viel Magie dieses schlichte Holz durchzog. Er war im Moment das Ende der Sicherheit.

 Hermines Herzschlag beschleunigte sich, als sie ihre Hand ausstreckte und ehrfürchtig über die raue Oberfläche strich. Beinahe erwartete sie, die Magie spüren zu können. Vielleicht ein Kribbeln auf ihrer Haut oder dass sich ihr die Haare aufstellten, aber nichts dergleichen passierte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, während sie sich abwandte und am Zaun entlang weiterging. Verlor sich in ihren Gedanken und ließ sich fallen in diese gnädige Stille, die sie in den letzten Tagen vermisst hatte.

 Bis es hinter ihr ploppte.

 Hermine wirbelte herum, ihr Blick tastete die dämmrige Landschaft ab und fand schließlich die Person, die gerade appariert war. Sie stand schwankend auf der anderen Seite des Zauns, ein Mann, der Größe nach zu urteilen. Jetzt stellten sich ihr doch die Nackenhaare auf und Hermine suchte Deckung hinter einem Baumstamm in ihrer Nähe. Atemlos beobachtete sie, was passierte.

 Der Mann war gehüllt in weite, schwarze Gewänder; eine weiße Maske war selbst im spärlichen Licht deutlich zu erkennen. Ihr Herz machte einen Satz. Ein Todesser! Sie presste sich fester gegen den Baumstamm, überlegte, was sie jetzt tun sollte. Sie musste jemandem Bescheid sagen! Aber wie? Sie konnte nicht zurück zum Schloss laufen, ohne dass er sie bemerkte!

 Rasselndes Keuchen zerriss die Stille und ihre Gedanken. Hermine konnte sehen, wie zitternde Finger nach dem Holz des Zauns tasteten und fahrig darüberstrichen, beinahe so wie sie selbst es eben getan hatte. Der Todesser schwankte, stützte sich plötzlich hart am Zaun ab, dann kletterte er taumelnd und stöhnend auf die andere Seite, nur um dort entkräftet auf die Knie zu sinken.

 Hermines zwang sich, leise zu atmen, sich nicht zu bewegen, keinen Laut zu verursachen. War es das, worauf sie die ganze Zeit gewartet hatten? Ein Todesser, dem es gelang, sich in Hogwarts einzuschleichen? Aber wie ein Angriff sah das nicht gerade aus … Er hockte bewegungslos auf dem Boden, die Hände vor sich auf den Boden gestützt. Ließ den Kopf hängen und wirkte, als würde er gerade mit letzter Kraft versuchen, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Unschlüssig trat sie von einem Bein aufs andere, biss sich auf die Unterlippe und krallte ihre Finger in die harte Rinde des Baumes.

 Schließlich verlor der Mann den Kampf und kippte zur Seite. Hermine zuckte zusammen. Zwei, drei Sekunden lang starrte sie den schwarzen Haufen auf dem Boden an, dann lief sie zögerlich hinüber und drehte ihn auf den Rücken. Die weiße Maske rutschte herunter und legte das fahle Gesicht Professor Snapes frei. Hermine keuchte. Natürlich! Wie hatte sie nur vergessen können, dass er …

 Sie schüttelte den Kopf und ließ ihren Blick über seine schlanke Gestalt wandern, aber es waren keine offensichtlichen Verletzungen zu sehen. Zögernd streckte Hermine ihre Finger nach seinem Hals aus; seine Haut war kaltschweißig, sein Puls ging schnell, viel zu schnell. Der Ärmel seiner Robe war ein Stück nach oben gerutscht und entblößte ein Stück des Dunklen Mals. Es glänzte rötlich und … Sie kniff die Augen zusammen, beugte sich näher darüber. Schnappte nach Luft. Es hatte die obersten Hautschichten von innen heraus verbrannt, sie glaubte sogar, es riechen zu können.

 Für einen Moment wandte Hermine den Kopf ab und atmete langsam aus. Dann zog sie ihren Zauberstab aus dem Umhang. „Mobilcorpus!“, befahl sie mit schwacher Stimme und Professor Snapes Körper erhob sich senkrecht in die Luft. Eilig ließ sie ihn vor sich her zum Schloss hinauf schweben.

- - -

 „Madam Pomfrey!“ Hermines Ruf hallte von den Wänden des leeren Krankensaals wider, während die Flügeltüren hinter ihr gegen die Wand knallten, weil sie sie so heftig aufgestoßen hatte.

 Sekundenlang antwortete ihr nur Stille, dann polterte es hinter der Tür zu ihrer Linken. Kurz darauf kam die Heilerin aus ihrem Büro gestolpert, ein Fuß steckte nur halb in ihrem rosa Pantoffel und ihre magischen Lockenwickler versuchten, sich wieder zurück auf ihren Kopf zu ziehen, wobei sie sich hastig um die eigene Achse drehten.

 „Was ist passiert?“, fragte sie alarmiert und zog den verdrehten Morgenmantel über ihre Schultern.

 „Professor Snape! Er braucht Hilfe“, sagte sie schwer atmend und ließ ihn auf eines der freien Betten schweben. Ihr Zauberstab zitterte, als sie ihn darauf ablegte.

 Madam Pomfrey eilte zu ihm, ohne Hermines Anwesenheit zu beachten. Sie beschrieb mit ihrem eigenen Zauberstab Bewegungen, die Hermine noch nie gesehen hatte, und studierte mit besorgter Miene das Ergebnis der Zauber, das in blau leuchtenden Buchstaben über ihm hing. Holte zischend Luft und führte weitere Zauber aus. Dieses Mal stiegen keine Buchstaben in die Luft, es waren Heilzauber. Hermine beobachtete sie mit weit aufgerissenen Augen und keuchte, als Snape plötzlich anfing zu zucken und zu krampfen. Mit lauter Stimme sprach Madam Pomfrey einen weiteren Zauber, den Hermine nicht kannte, dann verschwand sie aus ihrem Blickfeld und sagte etwas zu ihr, das Hermines Verstand nicht erreichte. Sie konnte nur Snape anstarren, der sich noch immer bewusstlos auf dem Bett wand und dabei Laute ausstieß, die sie niemals zuvor in ihrem Leben gehört hatte, von niemandem und insbesondere nicht von Snape! Nicht von ihm …

 „Miss Granger!“, sagte Madam Pomfrey in diesem Moment laut neben ihr und sie zuckte zusammen.

 „Was?“, fragte sie und blinzelte.

 „Sie sollen Professor Dumbledore holen, Mädchen!“

 „Ähm … klar, ja, das … ja.“ Sie nickte und drehte sich kopflos einmal um sich selbst, bevor sie den Krankenflügel verließ und loslief.

- - -

 Der Schulleiter kam ihr bereits auf halbem Wege entgegen. Die weite Robe bauschte sich hinter ihm und ließ ihn mehr denn je wie einen gealterten Helden aus einem Muggelcomic erscheinen. Seine Schritte klangen laut im menschenleeren Flur und ein grimmiger Ausdruck stand auf seinem Gesicht.

 Hermine schluchzte vor Erleichterung. „Professor Dumbledore …“, begann sie, aber er winkte ab.

 „Ich weiß Bescheid, Miss Granger.“ Er fasste sie kurz am Oberarm und nickte.

 „Aber … woher?“

 „Ich habe meine Quellen.“ Trotz allem zwinkerte er ihr zu und lächelte gezwungen. „Gehen Sie in den Gryffindorturm und sagen Sie Harry, dass ich Sie beide nachher sprechen möchte.“

 Hermine nickte und sah dem Direktor hinterher, als er eilig seinen Weg fortsetzte. Ihr war übel und das Herz schlug ihr immer noch bis zum Hals. Mit verschränkten Armen machte sie sich auf den Weg in den Turm.

- - -

 Als sie den Gemeinschaftsraum betrat, fiel die Stille wie ein schwerer Vorhang auf sie herab. Zusammen mit dem Rauschen in ihren Ohren fühlte es sich einen Moment lang an, als wäre sie plötzlich taub geworden.

 Schließlich entdeckte sie Harry und Ron in Sesseln vor dem Feuer. Sie waren eingeschlafen, Ron schnarchte leise. Hermine schluckte und ging dann zu Harry, rüttelte ihn vorsichtig wach. „Harry, wach auf!“, flüsterte sie, um Ron nicht zu wecken. Harry zu erzählen, was passiert war, war schwierig genug, sie fühlte sich gerade nicht dazu in der Lage, sich den Fragen beider ihrer Freunde gleichzeitig zu stellen.

 „Was …“, nuschelte Harry und regte sich unbeholfen. Seine Brille saß schief auf seiner Nase, was ihm erst auffiel, als er seinen Blick auf Hermine scharfzustellen versuchte. „Wo bist du gewesen?“, fragte er, während er sie geraderückte. Dann setzte er sich im Sessel auf und streckte gähnend seine Arme.

 „Draußen. Ich … ich hab Professor Snape m-möglicherweise das Leben gerettet.“ Ihr Flüstern klang hektisch und atemlos und sie wischte sich mit einer Hand über die Stirn, als die Bedeutung ihrer Worte sie unvermittelt heftig traf. Aber … das war es, was sie getan hatte, oder? Professor Dumbledore hatte zwar gesagt, er hätte seine Quellen, aber hätte er Snape rechtzeitig gefunden, wenn sie nicht dagewesen wäre? Ihr wurde schwindelig.

 „Setz dich erst mal!“, sagte Harry und stand auf, bevor er sie an den Schultern packte und in seinen Sessel drängte. Er hockte vor ihr, als sie blinzelte, und sah sie mit aufeinandergepressten Lippen an. „Wovon sprichst du überhaupt?“

 Im Sessel neben ihnen drehte Ron den Kopf auf die andere Seite und Hermine hielt die Luft an, bis er sich wieder gegen die Polster gekuschelt hatte und schmatzend weiterschlief.

 Sie fuhr sich durch die Haare und berichtete leise: „Professor Snape apparierte vor der Grenze des Schlosses. Er hat das Bewusstsein verloren und ich habe ihn in den Krankenflügel gebracht. Madam Pomfrey kümmert sich um ihn. Es muss etwas mit Du-weißt-schon-wem zu tun haben, Harry!“

 Der starrte sie stumm an, aber der Puls an seinem Hals raste. „Wie kommst du darauf?“, fragte er nach ein paar Sekunden hohl.

 „Weil …“ Sie schluckte. „Weil er eine Todessermaske trug.“

 Harrys Augen weiteten sich. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und griff mit der anderen nach der Lehne des Sessels, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Das ist …“ Er brach ab und runzelte die Stirn, dann suchte er ihren Blick. „Das ist es, oder? Worauf wir gewartet haben. Es geht los, oder, Mine?“

 Sie nickte still.

 Mit geschlossenen Augen stemmte Harry sich hoch und drehte sich zum dunklen Kamin um. Das Schloss war noch so warm vom Sommer, dass keine Feuer entzündet wurden. Trotzdem kroch ihr bei Harrys Anblick eine Gänsehaut über die Arme.

 Sie stand auf und ging zu ihm. „Ich denke nicht, dass … jetzt etwas passiert, Harry. Professor Snape ist wieder hier und Professor Dumbledore ist zu ihm in den Krankenflügel gegangen. Ich-ich weiß nicht, was passiert ist, aber …“

 „Ja, du hast recht.“ Er lächelte bemüht und für einen Augenblick sahen sie sich still an. Dann wandte er den Blick ab, atmete schwer aus.

 „Harry, wir …“, begann sie

 „Es geht mir gut, Hermine“, unterbrach er sie und hob beschwichtigend eine Hand. Sie legte den Kopf schief, musterte ihn besorgt. „Was wolltest du eigentlich um diese Uhrzeit draußen?“, fragte er dann provokant.

 Hitze flutete ihre Wangen. Sie hatte den Jungs nie von ihrem Spaziergang am Schuljahresanfang erzählt und wollte es auch gern dabei belassen. „Nichts, ich … wollte … nur … ich musste mal … raus.“ Sie wandte den Blick ab.

 „Hm“, machte Harry. Es stand eine Falte zwischen seinen Augenbrauen, die ihr verriet, dass er ihr nicht glaubte, aber er nickte trotzdem und hakte nicht weiter nach.

- - -

 Die Nachricht von Professor Dumbledore erreichte sie kurz vor Mitternacht. Hermine und Harry tauschten einen Blick und machten sich schweigend auf den Weg. Schließlich standen sie ratlos vor dem steinernen Wasserspeier; ein Passwort hatte der Schulleiter ihnen in seinem Schreiben nicht mitgeteilt.

 Da zischte es hinter ihnen und beide wirbelten herum. Ein alter Mann in einem Porträt, der sich gerade mit seinem Schwert den Rücken kratzte, flüsterte ihnen zu: „Pomer Peanuts!“

 Woraufhin sich Harry und Hermine verdutzt anblickten.

 „Huh?“, sagte Harry und das Porträt schüttelte theatralisch den Kopf.

 „Das Passwort ist Pomer Peanuts. Albus lässt es euch ausrichten“, erklärte er mit einer Stimme, als würde er einem Hippogreif Arithmantik erklären müssen. „Meine Güte, die Jugend von heute …“ Der Alte steckte sein Schwert enthusiastisch zurück in den Boden neben sich. Es zitterte und schlug ihm gegen sein Knie. „Au!“

 Doch Harry und Hermine hatten sich bereits umgedreht, und nachdem sie dem Wasserspeier das Passwort mitgeteilt hatten, öffnete sich der Durchgang und sie stiegen auf die Wendeltreppe, die sich langsam zum Schulleiterbüro hinaufschraubte. Es war still, als sie eintraten, und Professor Dumbledore beobachtete sie aufmerksam, während sie sich vor seinen Schreibtisch setzten. Hermine wandte den Blick von seinen blauen Augen ab, aber die ehemaligen Schulleiter in den Porträts an der Wand beobachteten sie genauso unverhohlen und sie schluckte.

 „Es tut mir leid, dass ich erst jetzt dazu komme, mit Ihnen beiden zu sprechen. Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt.“ Professor Dumbledore sah sie über seine Brille hinweg an und lächelte schmal, als sie beide den Kopf schüttelten. Er nahm eine Schale mit kleinen, runden Bonbons in die Hand und hielt sie den beiden Gryffindors entgegen. „Saure Guggelbees?“, fragte er. Wieder schüttelten sie die Köpfe.

 „Wie ähm … geht es Professor Snape?“, fragte Hermine.

 „Es geht ihm gut. Er wird morgen für den Unterricht zur Verfügung stehen.“ Der Schulleiter nickte und Hermine atmete auf. „Weswegen ich Sie herbestellt habe, ist auch eher das, was Professor Snape mir berichtet hat.“

 „Voldemort.“ Harry starrte Dumbledore an, während er den Namen ausspie.

 „In der Tat. Voldemort hat Professor Snape zum ersten Mal seit dem Ende des Trimagischen Turniers zu einem Treffen gerufen.“ Es stand ein Zug um seinen Mund, den Hermine noch nie bei ihm gesehen hatte. Sie konnte ihn nicht richtig deuten und dann war er auch schon wieder verschwunden.

 „Was plant er?“, fragte Harry grimmig.

 „Professor Snape konnte mir nicht viel über die Pläne Voldemorts berichten. Er … war nicht anwesend bei der Besprechung der nächsten Schritte.“

 Hermine schloss kurz die Augen. So, wie Snape zurückgekehrt war, konnte sie sich ungefähr vorstellen, was Professor Dumbledore mit nicht anwesend meinte. Sie schluckte. „Warum hat V-Voldemort Professor Snape so zugerichtet?“, fragte sie leise. „Er ist doch einer von ihnen. Offiziell …“

 „Professor Snape war beim ersten Treffen nicht anwesend. Er kehrte auf meine Anweisung hin später zurück.“ Er senkte den Blick. „Es wird eine heikle Zeit auf uns zukommen, fürchte ich.“ Es war das erste Mal, dass Hermine den Schulleiter seufzen hörte.

 Trotzdem runzelte sie die Stirn. Was er sagte, klang eher so, als ob eine heikle Zeit auf Professor Snape zukommen würde. Wenn Voldemort ihn den ganzen Sommer über nicht zu sich gerufen hatte, dann schien er wirklich ernsthaft an Snapes Loyalität zu zweifeln. Würde er ihn jetzt regelmäßig so zurichten? Sie presste die Lippen aufeinander. Konnten sie es unter diesen Umständen überhaupt verantworten, ihn weiterhin zu den Todessern zu schicken? Vielleicht würde Voldemort irgendwann beschließen, dass er ihn lieber umbrachte.

 Harrys Worte rissen sie aus ihren Gedanken: „Voldemort gewinnt an Macht.“ Er strich sich mit zwei Fingern über seine Narbe und verzog das Gesicht. „Ich kann es spüren.“

 Hermine sah ihn mit großen Augen an. Ihre Kopfhaut prickelte.

 Dumbledore musterte ihn ein paar Sekunden lang mit gerunzelter Stirn, dann nickte er, so als hätte er damit gerechnet, dass Harry es spüren konnte. „Bedauerlicherweise bleibt uns vorerst keine andere Wahl, als abzuwarten. Voldemort hat, so ungern ich es sage, die Karten in der Hand. Wir können nichts tun, solange wir nicht wissen, wo er sich aufhält und was er plant. Außerdem weigert sich Cornelius Fudge noch immer, die Möglichkeit seiner Rückkehr in Betracht zu ziehen. Wir müssen hoffen, dass Professor Snape ihn von seiner Loyalität überzeugen und uns hilfreiche Informationen beschaffen kann.“

 Harry schnaubte abfällig und schüttelte den Kopf. „Großartig. Voldemort ist zurück, keiner glaubt es und alle Hoffnungen ruhen auf Snape!“

 Professor Snape“, korrigierte Dumbledore und zog die Augenbrauen hoch. Dann holte er tief Luft. Es ist mir bewusst, dass du Professor Snape nicht sonderlich viel Vertrauen entgegenbringst, Harry, aber tu mir bitte einen Gefallen.“ Er wartete, bis Harry ihm in die Augen sah. Hermine hielt die Luft an. „Leg es nicht darauf an, seinen Unmut auf dich zu ziehen. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit, doch wir können es uns nicht leisten, uns durch Differenzen in den eigenen Reihen weiter zu schwächen.“

 Hermine schluckte und ließ den angehaltenen Atem entweichen, als Professor Dumbledore geendet hatte.

 „Ich werde mich bemühen“, versprach Harry schließlich, wenn auch widerwillig.

 „Gut. Ich denke, es wird jetzt für euch beide Zeit, ins Bett zu gehen, in wenigen Stunden müsst ihr bereits wieder aufstehen. Bitte behaltet alles, was wir hier besprochen haben, für euch.“ Professor Dumbledore machte eine Pause, ehe er noch hinzufügte: „Aber natürlich dürft ihr Mr Weasley informieren.“ Mit einem Zwinkern gab er ihnen zu verstehen, dass sie gehen durften und Hermine stand nach einem letzten Blick zum Schulleiter auf und folgte Harry zur Tür. „Miss Granger!“, bat Professor Dumbledore dann jedoch, so als wäre ihm noch etwas eingefallen. Sie drehte sich überrascht zu ihm um. „Auf ein Wort bitte.“

 Harrys Blick wanderte vom Schulleiter zu Hermine und er sah sie fragend an. Sie zuckte mit den Schultern, obwohl sie eine ungefähre Vorstellung davon hatte, was er von ihr wollte. „Ich warte unten auf dich“, murmelte Harry und sie nickte. Kurz darauf war sie mit dem Direktor allein.

 „Setzen Sie sich doch noch für einen Moment.“

 Mit einem unguten Gefühl im Bauch tat sie es und klemmte ihre klammen Hände zwischen die Beine.

 „Sie wissen sicherlich, dass es Ihnen nicht gestattet ist, so spät noch draußen auf den Ländereien unterwegs zu sein – auch nicht als Vertrauensschülerin“, begann er und Hermine senkte schuldbewusst den Blick. Als sie jedoch Luft holte, um etwas zu sagen, brachte Professor Dumbledore sie mit einer Geste zum Schweigen. „Ich bin mir durchaus bewusst, dass es ein Glück für Professor Snape war, dass Sie dagewesen sind. Dennoch möchte ich Sie darum bitten, in Zukunft nicht mehr so spät alleine nach draußen zu gehen. Besonders in diesen Zeiten ist es sehr gefährlich, selbst hier in Hogwarts.“

 Sie nickte. „Ja, Professor. Es tut mir leid, dass ich so gedankenlos gewesen bin.“

 „Es ist glücklicherweise alles gut gegangen. Aber verraten Sie mir doch, was Sie um diese Uhrzeit dort draußen getan haben“, sagte er und klang nun eher neugierig als mahnend.

 „Ich … ähm …“ Wieder wurde ihr Gesicht warm. „Na ja, am ersten Abend nach den Sommerferien mache ich gerne einen Spaziergang über die Ländereien. So als … Willkommen.“ Sie sah, dass die Falten um seine Augen sich kräuselten. „Es ist albern, ich weiß …“

 „Das denke ich nicht. Ich finde, es ist eine sehr schöne Geste. Nur verlegen Sie diese das nächste Mal bitte in die früheren Stunden des Tages, ja?“

 „Das werde ich.“ Sie lächelte bemüht.

 „Gut. Nun beeilen Sie sich, dass Sie ins Bett kommen! Es ist bereits spät.“ Er sah zu einer Uhr, die auf seinem Schreibtisch stand, und zog anscheinend selbst überrascht die Augenbrauen hoch. „In der Tat …“

 Hermine sprang regelrecht auf. An der Tür angekommen, blieb sie jedoch noch einmal stehen. „Danke, Professor Dumbledore.“ Er lächelte sie warm an und nickte, bevor sie auf der Wendeltreppe nach unten verschwand.

 Wie er es versprochen hatte, wartete Harry am steinernen Wasserspeier auf sie und gemeinsam beobachteten die beiden Schüler, wie er die Treppe zu Professor Dumbledores Büro wieder verbarg, nachdem Hermine auf den Flur getreten war.

 „Was wollte er von dir?“, fragte Harry, als sie sich auf den Weg zurück in ihren Turm machten.

 „Nichts Wichtiges. Er hat mir nur gesagt, ich soll besser aufpassen.“

 Er nickte. Es standen immer noch ein paar nachdenkliche Falten auf seiner Stirn. „Was meinst du, sollen wir es Ron erzählen?“, wechselte er das Thema und sah Hermine dabei nicht an.

 „Ja. Wir stecken alle zusammen in dieser Sache. Haben wir immer, werden wir immer.“

 Harry verzog den Mund. „Vermutlich hast du recht …“

 Sie lächelte schief. „Sicher hab ich recht!“ Und freute sich, dass Harry zumindest einmal kurz lächelte.

 Als sie an das Porträt der Fetten Dame gelangten, hielt Harry sie zurück. „Du solltest ins Bett gehen, bevor ich Ron wecke. Wenn er erfährt, dass du aus irgendwelchen mysteriösen Gründen nachts auf den Ländereien unterwegs bist, wird er keine Ruhe geben, ehe er den Grund herausfindet. Womöglich dichtet er dir noch eine Affäre an.“

 Hermine schürzte die Lippen. „Und du dichtest nicht?“

 „Nein, ich bin ein mieser Dichter.“ Er zuckte nonchalant mit den Schultern.

 Hermine schnaubte, umarmte ihn aber. Es bedeutete ihr viel, dass er ihr dieses kleine Geheimnis ließ. „Danke, Harry.“

 „Wie sieht es nun aus, rein oder raus?“, fragte die Fette Dame in diesem Moment und Hermine verdrehte die Augen.

 „Rein!“, antwortete Harry knapp und fügte dann das Passwort – pfeifende Einhörner – hinzu.

 Wie er es versprochen hatte, wartete er, bis Hermine auf der Treppe zum Mädchenschlafsaal verschwunden war, ehe er zu Ron ging und ihn weckte.

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