Ausweglos

GeschichteDrama / P16
Jack Bauer
08.06.2007
08.06.2007
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Südamerika

“Gut dich zu sehen.”
“Das ist es.”
Jack musterte den Anderen prüfend. Er war schmaler geworden, wirkte dadurch größer, sein Gesicht hohlwangig. Die dunklen Augen blickten ihn müde an, als könnten sie sich nicht mehr daran erinnern einst gefunkelt zu haben wie glühende Kohlen. Seine Schultern hingen beinahe unmerklich herab, dennoch wirkte seine Gestalt ungewohnt passiv, leidenschaftslos, bar jeder Hoffnung.
Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich aus, verwandelte sich in unangenehme Leere, unmöglich von einem der beiden Männer gefüllt zu werden.
Noch nicht einmal nach dem Verrat Ninas, nach der Trennung von Michelle, nach den Katastrophen, die die Arbeit ihm beschert und die ihn regelmäßig hatten zur Flasche greifen lassen, war Tony ihm so verzweifelt vorgekommen, so vernichtet, wie er nun vor ihm stand.
Jack wünschte, er könnte die Worte finden ihn zu trösten, dass es ihm möglich wäre ihm Hilfe anzubieten.
Doch selbst der schwache Impuls auf ihn zuzugehen, ihn freundschaftlich zu umarmen, erlosch, als Tony unvermutet zurückzuckte, seine Absicht erahnend.
Sie waren immer noch Freunde, würden es immer sein, zweifellos und von dem Augenblick an, an dem Jack erkannt hatte, dass Tony einer der wenigen Menschen war, denen er rückhaltlos vertrauen konnte. Seine Aufrichtigkeit, seinen Mut hatte er mehr als einmal bewiesen, seine Loyalität beinahe mit dem Leben bezahlt.
Und dennoch, ein Händedruck zu seltenen Gelegenheiten, ein vorsichtiges Klopfen auf des anderen Schulter kam dem körperlichen Ausdruck ihrer Verbundenheit noch mit am Nächsten.
Jack konnte sich nicht erklären, was in ihm den Wunsch erweckt hatte, dem Freund gegenüber seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sei es die Dankbarkeit für alles, was er in der Vergangenheit für ihn getan hatte, die Erleichterung ihn, zumindest ihn allein, am Leben und außer Gefahr zu wissen, oder die plötzlich eingetretene Beklemmung, die ihn beim Anblick der bleichen, traurigen Gestalt erfasste.
Er räusperte sich unsicher und senkte den Blick auf die ausgetrocknete, sandige Erde, aus deren  klaffenden Spalten gelbliche, verkrüppelte Pflanzen ihren verzweifelten Durst förmlich in die Welt hinaus schrieen, ohne die winzigste Chance jemals gehört zu werden.

“Ich verstehe nicht, warum du dich gemeldet hast.” Jack erhob schließlich die Stimme.
“Du kennst das Risiko, ich... ich dachte du hättest hier einen Ort gefunden, an den du dich zurückziehen wolltest, ... an dem du Frieden finden könntest.”

“Das hatte ich auch gehofft, Jack.”
Tony fuhr sich mit der Hand durch die schwarzen Locken.
“Und du weißt, dass ich dir dankbar bin,... für alles, das du getan hast... ich meine... um mich wieder auf die Beine zu bringen, mir ein neues Leben zu ermöglichen nach allem... .”

“Tony!”
Schmerz füllte die blauen Augen, vertiefte die Linien, die seine Gesichtszüge älter wirken ließen, als es die Anzahl seiner Jahre vermuten ließ.
Jack schluckte trocken, biss den Knoten, der sein Herz umschlingen wollte, gewaltsam zurück.
“Es tut mir so leid, du weißt das. Ich hätte nie gedacht... habe nie gewollt...”
Seine Stimme wurde heiser, verstummte schließlich.
“Du kannst nichts dafür, Jack.”
Die Worte glichen einem Flüstern. “Ich weiß, dass du es nie zugelassen hättest... du hättest nie erlaubt, dass ihr etwas angetan wird...”
“Und doch ist es meine Schuld. Ohne mich würdet ihr... wärt ihr... .”

Tony wandte sich in einer abrupten Bewegung zur Seite, starrte in Richtung des Gebirges, das  in weiter Ferne, am Rande der Wüste auf beinahe unwirkliche Weise in den Horizont überging.
“Es spielt alles keine Rolle mehr,” wisperte er unhörbar.

“Verdammt, Tony, sprich mit mir!” Jack packte ihn in plötzlich aufflammender Ungeduld am Arm. “Was ist mit dir. Was ist los? Warum, zum Teufel, sollte ich hierher kommen.”

“Warum?”
Ein bitteres Lächeln verzerrte Tony’s Gesichtszüge und seine Gedanken wanderten zurück, wanderten zu den Männern, die ihn aufgespürt, betäubt und mit sich genommen hatten, die ihn daran erinnert hatten, dass er nicht mehr existierte, dass es keinen Sinn machen würde, sich aufzulehnen, sich zu wehren, dass er am besten damit beraten wäre, abzuwarten und sich ihr Angebot anzuhören.
Ihr Angebot!
Er erinnerte sich an die elegante Dame in schwarz, den Schleier, der die Hälfte ihres Gesichtes verbarg, die dunkelrot geschminkten, glänzenden Lippen, die vornehme Haltung, die gewählte Sprache. Und er erinnerte sich daran, sie sofort erkannt zu haben, sofort gewusst zu haben, was sie von ihm wollte.
Ohne dass auch nur ein Wort gefallen war, ohne auch nur einen Hinweis aus ihrem Munde, hatte er es gespürt. Ihren Hass, ihre Verbitterung, ihre Angst und ihre Seelenqual.
Haar quoll wie Gold unter ihrem Hut hervor, zitterte bei jeder Bewegung, spiegelte ihren emotionalen Aufruhr wieder.
Und doch gelang es ihr gefasst zu bleiben, gelang es ihr, ihm in wenigen Sätzen ihre Situation klar zu machen. Die Schuld war es, die sie quälte, die Schuld und die Unsicherheit. Und sie hatte nicht die Absicht eines von beidem noch länger zu ertragen.
Sie trug ein Bild ihres Mannes mit sich, des ehemaligen Präsidenten, der freiwillig aus dem Leben geschieden war, nicht ohne ihr vorher seine Gefühle, Irrtümer, Beweggründe offenbart, nicht ohne ihr ihren Anteil an seinem Schicksal ins Bewusstsein gerufen zu haben.
Und sie war entschlossen zu handeln.
Mit fester Stimme hatte sie ihm die Namen, die Aufenthaltsorte und seine versprochene Vergütung für seine Umstände, wie sie es ausdrückte, genannt.
Er hatte ihr zum Abschied die Hand geküsst. Nicht, dass es seine Art wäre, aber ihre Persönlichkeit hatte es herausgefordert.
Und er hatte ihren Wunsch erfüllt.
Es war leichter gewesen, als er vermutet hatte, es war, als wäre er innerlich zu Eis erstarrt oder selbst bereits tot gewesen.
Mit Mike Novick hatte er begonnen, Aaron Pearce zu erledigen war bereits schwieriger gewesen, schwieriger sogar als Bill Buchanan. Und doch hatte niemand den Autounfall bezweifelt, niemand einen Zusammenhang geahnt.

“Tony?”
Eisblaue Augen bohrten sich in die Seinen, erforschten sein Innerstes, versuchten das Geheimnis zu ergründen, das er so gut zu verbergen wusste.

“Es ist nichts, Jack. Glaub mir.” Er zuckte mit den Schultern. “Wahrscheinlich habe ich einfach  nicht genug Abwechslung in dieser Einöde.”
Er verzog seinen Mund zu einem breiten Lächeln und nickte dem Blonden aufmunternd zu.
“Deshalb bin ich froh, dass du da bist. Es ist schön, endlich mit jemandem reden zu können.”

Jack lachte erleichtert.
“Ich weiß, was du meinst, Tony.” Er drückte versichernd des anderen Mannes Arm, bevor er ihn  aus seinem Griff entließ. “Lass uns ein paar Schritte gehen, Mann. Nach der langen Autofahrt bin ich wie gerädert.”
“Geht mir auch so, Jack, ich komme gleich nach.”

Seine Gedanken erstarben, sein Gehirn lief auf Autopilot, als er die schlanke Gestalt mit seinen Augen verfolgte, beobachtete, wie sie ihre verspannten Glieder dehnte und streckte, ihre Muskeln von der brennenden Sonne wärmen ließ, während seine geschickten Finger den Schalldämpfer auf die tödliche Waffe schraubten.

“Ich kann verstehen, dass dir dieses Land gefällt. Der Anblick ist atemberaubend.”
Jack blickte gebannt in die Weite, hypnotisiert von der flirrenden Hitze, die ihm wellenartig entgegenstrahlte.
“Genieß ihn, Jack. Genieß ihn,” flüsterte Tony und visierte sein Ziel mit ruhiger Hand an.
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