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Versuchung

GeschichteDrama / P16
Jack Bauer
08.06.2007
08.06.2007
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Jack starrte in die Dunkelheit, unfähig zu beurteilen, wie lange er dieses Mal in diesem Raum verbracht hatte, mittlerweile auch unfähig dieser Frage eine Bedeutung zuzumessen. Es spielte keine Rolle, hatte keinen Sinn die Gedanken in eine Richtung zu schicken, die bestenfalls ins Nirgendwo führen könnten, schlimmstenfalls in neue Abgründe der Verzweiflung.
Und Jack wusste zu gut was mit ihm geschah. Er kannte die Methoden, durchschaute jeden Versuch, jeden Trick noch bevor er auf ihn angewendet werden konnte. Besser als jeder andere, mit Sicherheit besser als seine unsichtbaren Leidensgenossen, die mit ihm ein Gebäude und ein Schicksal teilten und deren vereinzelte Laute, ausgestoßen in Schrecken, Panik oder Schmerz, den Beweis lieferten, dass er sich nicht allein in diesem Vakuum befand.
Er wusste warum sie ihm die zeitliche Orientierung entzogen, hofften, dass er ohne Richtlinie, ohne Anhaltspunkt von außen früher oder später aufgeben, um Hilfe, Erlösung, Nahrung oder Wasser betteln würde ungeachtet des Preises, den es ihn kosten würde. Zumindest hofften sie es, hofften zu ihrem Ziel zu kommen, ignorierten die Tatsache, dass sie nichts tun konnten, das er nicht bereits unzählige Male zuvor selbst jemandem angetan hatte, dass er jede ihrer Methoden gut genug kannte um dagegen kämpfen, um sich gegen innerliche und äußerliche Qualen wappnen zu können.
Sie hatten Zeit und Geduld auf ihrer Seite, er seine Hoffnungslosigkeit und Todessehnsucht, möglicherweise die einzige Schwäche die sie, sollten sie sie je entdecken, gegen ihn würden verwenden können.
Stunden, Tage, Wochen oder Jahre, es spielte keine Rolle wie lange er sich bereits in diesem Limbus aufhielt oder wie lange er noch hier verbringen sollte. Nichts würde ihn hier erreichen, nichts ihn berühren können, er würde ausharren, solange er dazu gezwungen war. Weder Angst noch Schmerz konnten ihn erreichen, er war allein mit den Dämonen seiner persönlichen Hölle.  Jenen, die die Leere seiner Existenz benutzen konnten um Raum zu gewinnen, die nicht mehr verdrängt werden konnten, sei es von Gefahren, denen es zu begegnen galt, oder von Alltäglichkeiten, Wünschen oder den kleinen Sorgen, die das Leben ausmachten.
War es wirklich noch nicht so lange her, dass seine Gedanken der Freundlichkeit Dianes und der Ruppigkeit ihres Sohnes galten, dass die körperliche Arbeit, die Anstrengung seiner Muskeln jene in Bann hielten, die jede erdenkliche Lücke nützten um hervorzutreten und ihre Aufmerksamkeit zu fordern. Teri, Mason, Claudia..., er hatte es geschafft sie wegzuschließen, ihnen keinen Raum mehr in seinem Leben zu gewähren, sie und ihre Vorwürfe in Schach zu halten.
Jack schloss die Augen obwohl es keinen Unterschied machte, denn die Pforte, hinter der er sie gefangen gehalten hatte, war gewaltsam geöffnet worden. Geöffnet von Menschen, die ihm vertraut und die er enttäuscht hatte, von Menschen, die ihr Leben für ihn gegeben, die er auf seinem Gewissen hatte.
Und mehr als jeder körperliche Schmerz es jemals würde tun können, peinigten ihn ihre Gesichter in der Finsternis, quälten ihn ihre stummen Fragen.
Minuten, Stunden oder Tage, wie lange es dieses Mal dauerte, konnte er nicht sagen, und doch wusste er, dass, sobald sie seine Zelle wieder öffnen, sobald sich seine Augen an das ungewohnte Licht angepasst haben würden, der Überlebensinstinkt ihn dazu zwingen würde jeden Tropfen Flüssigkeit aufzusaugen, dessen er habhaft werden könnte, jedwede Nahrung herunter zu schlingen, die seinem Körper erlauben würde noch einen unerwünschten Moment länger zu existieren.
Sein Training, seine Stärke oder seine Sturheit würden es ihm nicht erlauben aufzugeben, nicht solange sich noch etwas in ihm dagegen aufbäumte, solange er seine Schuld noch nicht abgetragen haben würde.
Und so kauerte er blind, aufgesogen in einem schwarzen Loch, verzweifelt Halt suchend an der rauen Wand der Zelle, dem steinigen, harten Boden auf dem ihm Lebewesen, eingesperrt wie er, von Zeit zu Zeit Gesellschaft leisteten, ihm bewiesen, dass es noch nicht der Tod war, der ihn in seinen Klauen hielt.
Wie lange noch?
Die Finsternis war undurchdringlich, kein Laut unterbrach die Stille, die wie ein schweres Gewicht auf ihm ruhte. Sein Mund fühlte sich trocken an, das Schlucken schmerzte und in seinen Augen brannten zurückgehaltene Tränen.
Er hatte es verdient, vielleicht war das die Art von kosmischer Gerechtigkeit mit der er hätte rechnen müssen, jedes Mal, wenn er jemandem bewusst Schmerzen zugefügt, ihn gequält hatte um Informationen zu erhalten. Vielleicht war auch das ein Teil der Rechnung, die eine höhere Macht für ihn ausgestellt hatte.
Aber Tony, Curtis, Michelle, David Palmer..., er schluckte trocken. Die Wunden waren noch zu frisch, zu schmerzhaft, ihr Tod zu ungerecht, zu brutal, als dass er sich damit würde abfinden können.
Er blinzelte ins Nichts. Er würde nicht weinen, weder die Flüssigkeit, noch die Mineralien würde er verlieren, nicht auf diese Weise.
Seine Augenlider flatterten. Die Dunkelheit würde nicht weichen. Eingebildete Bilder könnten sie für Momente erhellen, Kims Augen, Audreys Haar, ihr Gesichtsausdruck...., nur um es ihm noch unerträglicher zu machen, in der Schwärze weiterhin auszuharren.

Er konnte das Flattern nicht stoppen, es breitete sich aus, wurde zu einem Beben, das seinen Körper erfasste. Er zitterte, nicht vor Kälte, nicht vor Angst, sondern in plötzlicher Erwartung. Irgendetwas geschah mit ihm, veränderte sich um ihn herum und die einzige Frage blieb, ob es sich um eine Täuschung seiner Sinne handelte, einen Beweis, dass sein Verstand endlich bereit war zu kapitulieren, oder ob sich der fensterlose Raum wirklich auf überirdische Weise erhellte ohne wirklich hell zu werden, ob die Konturen, die er wahrnahm Wirklichkeit oder Traumbilder sein konnten.
Er bewegte die trockenen Lippen, bemühte sich seiner ausgedörrten Kehle einen Laut zu entlocken, doch es gelang ihm nicht.
Ihm gegenüber begann sich in den Schatten eine Gestalt abzuzeichnen, eine Bewegung den Raum auszufüllen.
Der Atem stockte ihm, und Jack beugte sich unwillkürlich vor, versuchte Klarheit in das Bild zu bringen, das sich noch immer hinter grauen Nebelschwaden verbarg.
“We... wer...,” versuchte er zu krächzen, doch mehr als ein heiseres Stöhnen brachte er nicht hervor.
Und doch schien es zu genügen, denn in diesem Augenblick erkannte er, wen ihn in seiner Zelle besuchte.
Michelle blickte ihn ruhig an, einen Ausdruck des Friedens und der Ruhe in ihren zarten Gesichtszügen, der sein Herz erbeben ließ.
“Jack,” flüsterte sie leise und streckte vorsichtig eine Hand nach ihm aus, eine nutzlose Geste und doch ein Ausdruck der Verbundenheit, der ihm ein trockenes Schluchzen entlockte.
Immer noch durch den Raum getrennt, immer noch undeutlich in ihrer Erscheinung, begann Michelle zu lächeln und Jack vermeinte ihre Süße mit seinem ausgehungerten Körper aufzusaugen.
“Ich bin wirklich, Jack.” Als hätte sie seine Zweifel gehört, antwortete sie ihm.
“To... Tony?”, vermochte er schließlich zu stammeln.
Ein Schatten flog über ihr Gesicht und sie senkte den Kopf bevor sie ihn langsam schüttelte, ungeachtet der Haare, die sie nun verbargen.
“Tony ist gegangen,” flüsterte sie. “Sein Weg ist ein Anderer, seine Wahl getroffen.”
“Ich....”
Sie hob ihr Antlitz ihm wieder entgegen, die Trauer umwehte sie wahrhaft und echt.
“Was ich dir jetzt anbieten werde, ich habe es auch ihm angeboten. Er war nicht bereit, war zu gefangen in dem Rahmen seiner Welt, den Einschränkungen seiner Sichtweise, den Grenzen seines Glaubens.”
“Was meinst du damit?”
Jacks Stimme klang ihm selbst fremd, heiser und hohl, aus weiter Ferne, aus einem unwirklichen Traum ihr Ziel nur mühsam erreichend.
“Ich biete dir einen Ausweg.” Jack sah ihre Lippen sich bewegen, doch die Worte tönten in seinem Kopf.
“Du möchtest fliehen, wünscht dir ein Leben... ein Leben ohne Schuld und Schmerz.”
Sie blickte ihn durchdringend an.
“Ich kann es dir geben, ich werde es dir geben. Du bist bereit dafür.”
“Ich verstehe nicht.” Jack versuchte seine Lippen zu benetzten, zu schlucken, sich aufzurichten, doch vergeblich.
Michelle lächelte wieder, ihr bezauberndes Lächeln, das er viel zu selten an ihr gesehen hatte.  
“Es tut mir so leid,” wisperte er.
“Das muss es nicht, Jack. Wenn du es willst, kann alles anders werden, du musst dich nur entscheiden.”
Sie lehnte sich erneut vor, streckte ihm ihre schlanke Gestalt entgegen.
“Du wirst frei sein, Jack, frei von allem hier.”
“Ich... ich... .”
“Komm mit mir, Jack, du wirst es nicht bereuen.”
“Ich kann nicht, Michelle... ich ... darf nicht... .”
Kühle Hände umschlossen sein Gesicht, streichelten seine Wangen, seine Stirn.
“Hör auf dich zu quälen, das ist es nicht wert.”
“Michelle... .”
“Es wird besser werden, du wirst es sehen... die Zeit wird es dir zeigen.”
“Was... ?”
Ein sanfter Kuss schloss seinen rauen Mund, füllte seine Sinne mit Hoffnung und Leid gleichermaßen. Die Tränen begannen zu fließen, als er ihren Kuss verzweifelt erwiderte, Erlösung suchend, sich nach Linderung sehnend.
“Du kennst den Preis, Jack. Du kennst ihn und du bist bereit ihn zu bezahlen.”
Ihre Stimme sang in ihm, ließ seine Glieder erzittern.
Hilflos klammerte er sich an sie, saugte ihre Nähe, ihren Körper in sich auf, verlangend, ahnend, sich der Sehnsucht hingebend.

Die Schritte des Wachmannes durchdrangen Zeit und Raum, das Hämmern der metallenen Sohlen auf nacktem Stein durchfuhr ihn wie ein eisiger Blitz, riss ihn aus den sanften Armen, die ihn hielten, zogen ihn fort von den tröstenden Lippen, die ihn liebkosten.
“Jetzt, Jack. Komm jetzt mit mir.”
Ihr Gesicht strahlte weiß und rein in der Schwärze, die sie beide umgab.
“Komm mit mir und alles wird gut.”
Ein grauenvolles Schluchzen entrang sich seiner Kehle.
“Ich kann nicht... Ich kann es nicht... ich... .”
Dunkelheit senkte sich wie ein Vorhang über die Szenerie, nur noch ihre dunklen Augen glitzerten, sandten Sterne in seine gepeinigte Seele.
“Jack,” flüsterte sie, beinahe spöttisch. “Du bist schon seit langem verdammt. Versuche nicht um Verlorenes zu kämpfen. Es wird dir nicht gelingen.”
“Michelle...”
Der Schlüssel drehte sich mit einem hässlichen Geräusch im Schloss bevor die Tür sich quietschend öffnete.
Jack krümmte sich zusammen, Schutz suchend vor den unbarmherzigen Strahlen elektrischer Glühbirne, die ihren Weg in seine Zelle fanden.
“Michelle,” schluchzte er. “Ich kann nicht.”
Krachend schloss sich der Weg aus seiner Zelle, ließ ihn zurück in der Dunkelheit, die ihn umfangen hielt, umschlossen mit eisernen Bänden, allein, losgelöst von allem.
“Michelle...”
Er öffnete die Augen, starrte ins Nichts. Ohne, dass er sich hätte dagegen wehren können, übernahm sein Körper die Kontrolle, tasteten sich Hände fiebrig vorwärts, suchten seine Sinne nach dem lebensspendenden Wasser, das sie verlangten.
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