Geschichte: Fanfiction / TV-Serien / 24 / Jamal

Jamal

GeschichteDrama / P16
Jack Bauer
08.06.2007
08.06.2007
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Natürlich war er auch an diesem Abend wieder hier. Halb verborgen in den Schatten, mit dem Rücken zur Wand, die Ausgänge in Blick und Reichweite, hielt er sich an seinem Glas fest, seine Umwelt keines Blickes würdigend, abgeschieden, getrennt von der Suche nach Leben und Zerstreuung, die meistens die Ursache für einen Besuch in diesem einsam gelegenen Etablissement war.
Er gehörte zu den Männern, die ausschließlich hier waren um sich zu betrinken, zielgerichtet und konsequent, ohne den Wunsch mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten, sich von ihrem Schicksal, dem Grund für ihre Sehnsucht nach Vergessen ablenken zu lassen.
Jamal beobachtete ihn aus seinen Augenwinkeln, unauffällig, wie er es bereits seit ihrer ersten Begegnung getan hatte, von dem Moment an, in dem ihm klar geworden war, wer sich in diese schmuddelige Bar, in der er seinen Lebensunterhalt verdiente, verirrt hatte.
Er wusste, dass dieser Mann ihn bemerkte, wusste, dass er jede Bewegung, jede Veränderung, jedes noch so unauffällige Ereignis in seinem Gedächtnis speicherte und jederzeit abrufen und interpretieren konnte.
Er wusste, dass dieser Mann sich über ihn Gedanken machte, ebenso wie über jeden Anderen, mit dem er den Raum teilte, geschult darauf in Sekundenschnelle Schlüsse zu ziehen, zu reagieren ohne den Nachteil des Zögerns.
Und er wusste, dass er sich nicht darauf verlassen konnte, dass der kontinuierlich steigende Alkoholpegel in seinem Blut, ihn weniger gefährlich, weniger aufmerksam machen würde.

Den Blick auf die goldenen Flüssigkeit in seinem Glas gerichtet, trank er stetig und gleichmäßig, als wäre es eine Aufgabe, die er zu erledigen hätte und die er beabsichtigte so gewissenhaft zu erfüllen, wie er jede andere angehen würde.
Nach dem vierten Glas erhob er sich in der Regel, bezahlte für sein Getränk und die Flasche, die bereits für ihn bereitstand, seitdem seine Angewohnheiten bekannt waren.
Ohne ein weiteres Wort, ohne einen Gruß verschwand er dann in die Nacht, um am folgenden Tag zu der gleichen Zeit erneut aufzutauchen.

Jamal wusste, warum der Mann sich wünschte vergessen zu können, warum er sich in diesem einsamen Winkel des Landes versteckte, warum er nicht vorwärts und nicht zurück konnte, warum es keinen Ort der Welt gab, an dem er zu Hause wäre.
Er wusste es und er war froh darüber. Eine Welt in der ein Jack Bauer glücklich sein dürfte, wäre keine gerechte Welt, auf keinen Fall in seinen Augen.
Jamal senkte rasch den Blick und konzentrierte sich auf seine Arbeit.
Eine Seifenblase löste sich aus dem Spülwasser, fing für einen Augenblick sein verzerrtes Spiegelbild ein, das eines jungen Mannes, der hätte attraktiv sein können, wenn ihm sein Leben und seine Achtlosigkeit nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten.
Er spülte bedachtsam das letzte Glas und stellte es zum Trocknen auf die silberne Fläche, den einzigen Ort der Bar, von dem er wusste, dass er wirklich sauber war.
Seufzend ließ er das Wasser ab und verwünschte ein weiteres Mal den Geiz des Besitzers, der die Anschaffung einer Spülmaschine für unnötig hielt. Er hatte nicht unrecht, war es doch mit der Stromversorgung in diesem vergessenen Teil Kaliforniens hin und wieder Glückssache, sich davon unabhängig zu erweisen hatte seine Vorteile. Dennoch nahm sich Jamal vor, den Stromkasten später noch einer genaueren Inspektion zu unterziehen, auf die regelmäßigen Stromausfälle konnte er ebenso verzichten wie auf die regelmäßige Erinnerung an eine längst verdrängte Vergangenheit, die ihn in Gestalt des abweisenden CTU-Agenten täglich einholte.

Er merkte zu spät, dass er seine Maske hatte fallen lassen, die aufgesetzte Teilnahmslosigkeit wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde verloren hatte, es war genug gewesen um sich zu verraten.
Blaue Augen bohrten sich in die Seinen mit einer Intensität, die ihm einen kalte Schauer über den Rücken jagten.
Ein Blitzstrahl, erloschen, bevor er mit dem Verstand bemerkt werden konnte, und doch fühlte Jamal den prüfenden Blick in seinem Inneren, spürte wie er ihn auszog, durchleuchtete, auseinander nahm und wieder zusammensetzte.
Dann war es vorbei und der blonde Mann saß wieder teilnahmslos in seiner Ecke, der Alkohol das Zentrum seines Interesses.
Der Barkeeper hielt den Atem an, er konnte nicht sagen warum, aber er fühlte die Mauer, die mit einem Mal vor ihm errichtet worden war.
Ob Jack sich vor der Welt oder die Welt vor sich selbst schützen wollte, konnte er allerdings nicht sagen.
Und doch hatte sich etwas verändert, etwas war anders.
Jack blieb an seinem Platz, als wäre er fest gefroren, ruhig, beinahe unbeweglich, das stete Trinken sein einziges Lebenszeichen. Aber er machte keine Anstalten den Abend zu beenden, auf seine übliche Weise aufzubrechen. Nein, er harrte aus, still, unscheinbar, beobachtend.
Und Jamal wusste, dass er es war, den er beobachtete, dass er es war, auf den er wartete, lange nachdem die anderen Gäste bereits gegangen waren.
Er tat sein Bestes um den einsamen, blonden Mann in der Ecke zu ignorieren, der Himmel wusste, dass es in diesem Laden genug zu tun gab, das ihn ablenken sollte.
Und doch, vielleicht hatte er auf diesen Abend gewartet, vielleicht war der Augenblick gekommen, den er sich seit langem, immer wieder im Geheimen vorgestellt hatte.
Entschlossen richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den einzig verbliebenen Gast.
“Ich muss dicht machen,” murmelte er. “Sobald ich aufgeräumt habe, ist Sperrstunde.”
Der Mann schien ihn nicht gehört zu haben, und Jamal zuckte betont achtlos mit den Schultern und begann die Getränke beiseite zu räumen.
Ungeöffnete Flaschen bugsierte er vorsichtig in den anschließenden Lagerraum, seufzte zufrieden, als alles fachgerecht verstaut war. “Ich bin fertig,” dachte er, nicht unbedingt erleichtert über seine Feststellung. Denn nun würde er sich dem Mann stellen müssen, würde ihm entgegentreten, seine Anwesenheit ertragen müssen ohne zu wissen, ob er dazu in der Lage sein würde.
Gedankenverloren tastete er nach der kleinen Waffe, die er stets versteckt am Gürtel trug, normalerweise eine reine Vorsichtsmaßnahme, doch seit Jack Bauers Auftreten zum ersten Mal beinahe zielgerichtet.
Ein Geräusch ließ ihn herumwirbeln.
Dort stand er, inmitten des Türrahmens, das schwache Licht aus der Bar erleuchtete seine Gestalt von hinten, drang in die Finsternis der Abstellkammer, lediglich hier und dort ein paar graue Strohhalme hervorhebend.
Jamals Herz pochte erschrocken, seine Hände wurden feucht, sein Mund trocken.
“Sie... sie dürfen hier nicht.... das ist für’s Personal.”
Der Mann antwortete nicht, musterte ihn nur prüfend, die eisblauen Augen bis ins Mark durchdringend.
“Woher kennen Sie mich?”
Die raue Stimme klang tief, heiser, beinahe angenehm, leise und doch fest.
“Ich weiß nicht, was Sie meinen.” Jamal richtete sich auf. “Sie kommen öfter hier her.”
“Ja.”
Das Schweigen stand zwischen ihnen, zerrte an des Barkeepers ohnehin bereits angespannten Nerven.
Jack blickte auf den Boden, die Risse und Flecken offenbar mit Interesse musternd.
“Ich denke, dass Sie etwas auf dem Herzen haben.”
Er sah wieder auf, suchte Jamals schwarze Augen mit den Seinen. “Ich habe in meiner Vergangenheit viel Schlimmes tun müssen,” fuhr er fort. “Sie wären nicht der Erste, der meint, eine Rechnung mit mir begleichen zu müssen.”
“Was für eine Rechnung sollte das wohl sein?”
Jamal räusperte sich,um seinem Worten Nachdruck zu verleihen.
“Das kommt auf Sie an.” Jack hielt seinem Blick stand, die unausgesprochene Frage in seinen Zügen enthüllte keine Angst, keine Unsicherheit, kein Schuldgefühl, und Jamal spürte die Wut in sich empor steigen, die er zum ersten Mal bei der Nachricht des Todes seines Bruders in voller Wucht empfunden hatte. Seines Bruders, der ihn trotz allem niemals aufgegeben hatte, der immer für ihn da gewesen, der ihn überredet hat nach Kalifornien zu kommen, ein neues Leben anzufangen.
Sein Bruder, den dieser Mann auf dem Gewissen hatte.
Seine Lippen zitterten und das leise, beinahe unmerkliche Beben der Nasenflügel des Agenten zeigten ihm, dass auch der Agent seinen Stimmungswandel bemerkt hatte.
Die leicht angehobenen Augenbrauen bewiesen seine instinktive Wachsamkeit, den automatisch einsetzenden Schutzmechanismus, der jeden Angriff von seiner Seite aus von vornherein zum Scheitern verurteilen würde.
Jamals Finger tasteten sich wie von selbst in Richtung seiner Hüften, die Waffe brannte sich in seinen Oberschenkel.
“Sie würden die Rechnung demnach begleichen,” stellte er herausfordernd fest, in den blassen Gesichtszügen vergeblich nach der Aggressivität suchend, die er jeden Moment erwartete, hervorbrechen zu sehen.
“Ich bezahle immer.” Die dunkle Stimme klang tonlos. “Nennen Sie mir nur den Preis!”

“Der Preis beträgt ein Leben.” Jamal spürte wie seine Kehle austrocknete. Würde er wirklich dazu imstande sein?
“Ein Leben für ein Leben.”
Jack nickte. “Ich verstehe... ich verstehe Sie.”
Jamal zuckte zusammen, als der ältere Mann eine Hand emporhob, jedoch nur um sich durch das blonde Haar zu streichen. Beinahe lächelte er, als sich ihre Blicke von Neuem trafen.
“Das wäre dann Gerechtigkeit?”
Jamal nickte und zog die Waffe.
“Gerechtigkeit vor Gott und vor mir.”
Er richtete sie auf Jack, beinahe erstaunt über die Ruhe und Gleichgültigkeit, die ihn mit einem Mal erfasst hatte. Seine Hand zitterte nicht, sein Atem ging klar und regelmäßig.
Er starrte die schmale Erscheinung im Türrahmen an, die sich keinen Zentimeter bewegt hatte.
“Sie haben keine Angst zu sterben?”
Langsam schüttelte Jack den Kopf.           
“Seit langem nicht mehr.”
“Und Sie haben nicht vor zu kämpfen?”
Diesmal lag seine Verneinung in den Augen.
“Wofür sollte ich?”
Jamal senkte seine Hand, nur ein wenig, nur einen Zentimeter, und wurde doch gewahr, wie Jacks Körper sich anspannte.
“Sie sollten schießen, Jamal,” sagte Jack entschlossen. “Tun Sie es, wenn Sie denken, dass es Curtis’ Wille gewesen wäre.”
Tränen schossen in Jamals Augen.
“Denken Sie, dass er es gewollt hätte?”
Jack senkte den Kopf.
“Ich weiß es nicht. Keiner von uns wird es jemals wissen.”
Er holte tief Luft.
“Aber ich weiß, dass ich es gewollt hätte... dass ich an Ihrer Stelle abdrücken würde, schon längst abgedrückt hätte... .”
Er schwieg. Die Stille gefror.
“Zumindest war ich einmal so... vor langer Zeit... .”
Die Augenlider des Agenten flackerten für einen Moment. Dann drehte er sich um und ging.
Die Tür schloss sich leise hinter ihm und Jamal stand immer noch bewegungslos, die Waffe fest in der Hand.
Er würde ihn nicht töten, hätte es nie tun können. Er war nicht so wie er, nicht so wie sein Bruder gewesen war, er war anders.
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