Der neue Nachbar

von Bezzy
GeschichteAllgemein / P18
Caroline Bingley Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy
21.05.2007
15.07.2007
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Kapitel  1

Elizabeth Bennet fuhr erschrocken in ihrem Bett hoch. Was war das bloß für ein Schlag gewesen? fragte sie sich und sah verschlafen auf die Uhr. Acht Uhr morgens! Wer um alles in der Welt machte einen solchen Krach zu nachtschlafender Zeit! Und natürlich mitten im schönsten Traum! Nun würde sie nie erfahren, ob der attraktive Fremde sie vielleicht doch noch ansprechen würde! Sie drehte sich noch einmal um und schloss die Augen, aber draußen wurde es nicht ruhiger und ihr Traum wollte natürlich auch nicht zurückkehren. Schließlich siegte ihre Neugier und ärgerlich vor sich hinmurmelnd verließ sie ihr kuschliges Bett und trat ans Fenster.

Vor dem Nachbarhaus stand ein großer Umzugswagen. Möbelpacker räumten Kisten, Möbel und andere Gegenstände aus dem Wagen ins Haus und fluchten herzhaft offenbar über das Gewicht der zu schleppenden Kartons. Einer der Männer hatte beim Ausladen versehentlich eine Mülltonne umgeworfen und die hatte wohl den lauten Schlag verursacht, als sie auf die Straße krachte.

Elizabeth sah dem Treiben einen Moment lang zu. Also würde sie tatsächlich neue Nachbarn bekommen. Das Haus stand schon ziemlich lange leer, der vorherige Eigentümer war ins Ausland gegangen und hatte den Verkauf nicht sonderlich vehement vorangetrieben. Elizabeth war gespannt, wer nun hier einziehen würde. Ihr Blick fiel auf einen Mann, der seinen schwarzen Audi A6 Avant vor dem Umzugswagen geparkt hatte und nun zur Haustür ging. Ob das der neue Eigentümer war? Sie hatte ihre Kontaktlinsen noch nicht eingesetzt und konnte von hier oben nicht allzuviel erkennen, aber er schien noch jünger zu sein, hatte dunkle, gelockte Haare und wirkte recht großgewachsen. Er trug Jeans und eine schwarze Lederjacke, aber bevor sie nach ihrer Brille greifen konnte, die auf ihrem Nachtschränkchen lag, war er auch schon im Haus verschwunden.

Elizabeth grinste. Sie hatte nichts dagegen, einen hübschen jungen Nachbarn zu bekommen. Vielleicht war er ja sogar ganz nett. Aber vielleicht war er auch gar nicht der neue Eigentümer. Und ob er hübsch war, hatte sie auf die Entfernung (und ohne Kontaktlinsen) auch nicht so richtig sehen können.

Barfuß, noch immer müde und nur mit ihrem übergroßen T-Shirt bekleidet lief sie die Treppen hinunter in die Küche. Nun da sie schon einmal auf den Beinen war, konnte sie genausogut frühstücken und den Tag beginnen. Sie schaltete ihre Saeco Kaffeemaschine ein, wärmte sich eine Tasse mit Milch und brühte sich einen frischen Kaffee über. Mit ihr war morgens nichts anzufangen bevor sie nicht einen Kaffee bekommen hatte. Mit dem Frühstück an sich war es schon etwas komplizierter. Ein Blick in den Kühlschrank deprimierte sie ein wenig, außer zwei Muffins gab es darin wenig Eßbares. Aber das sollte zunächst genügen, sie würde nachher halt einkaufen gehen müssen. Ausgerüstet mit ihren beiden Muffins und dem Kaffee nahm sie an der kleinen Theke platz, die ihr oft das Eßzimmer ersetzte. Sie lebte alleine, von daher saß es sich hier sehr angenehm. Von der Küche hatte man einen ungestörten Blick auf das Nachbarhaus und Elizabeth vertrieb sich die Zeit, die Fortschritte der Möbelpacker zu verfolgen. Eine Kiste nach der anderen verschwand im Haus, Möbel wurden hineingetragen, aber den dunkelhaarigen Mann sah sie vorerst nicht wieder. Schade, sie hätte ihn gerne mal von nahem gesehen.

Da nichts spannendes mehr passierte, widmete sich Elizabeth ihrem Einkaufszettel. Sie wurde nach kurzer Zeit von ihrem Kater „Dodgie“ gestört – sein richtiger Name war „The artful Dodger“, aber das war zu lang, um ihn zu rufen. Ihr Ex-Freund Robert hatte ihn so getauft, weil er die Kunst beherrschte, sich überall Zutritt zu verschaffen. Der Kater, nicht Robert. Und Robert war ja auch ein großer Charles Dickens Fan gewesen – genauso wie Elizabeth. Sie nahm das Tier auf den Arm und streichelte ihn zärtlich hinter den Ohren. „Na, mein Süßer, wo kommst du denn jetzt her? Irgendwelche Eroberungen gemacht heute nacht? Oder hast du dir vielleicht mal unseren neuen Nachbarn angeschaut?“ Sie sah aus dem Fenster und in diesem Moment trat der Mann in der Lederjacke aus der Tür. Er blieb dort stehen und sprach mit einem der Umzugsleute.

„Wow!“ machte Elizabeth bewundernd, die mittlerweile dank ihrer Kontaktlinsen wieder richtig sehen konnte. „Hast du das gesehen, Dodge? Der Typ ist wirklich was fürs Auge!“ Dodgie interessierte das weniger. Er zappelte etwas herum und wollte anscheinend wieder nach unten. Elizabeth ließ ihn gehen und widmete sich ganz ihrem – hoffentlich – neuen Nachbarn. „Nicht schlecht“, murmelte sie und ließ den Blick an seinem schlanken, hochgewachsenen Körper entlangwandern. „Wirklich nicht schlecht. Hoffentlich zieht er alleine hier ein.“

Der Mann schüttelte dem Möbelpacker die Hand und ging Richtung Gartentor. Elizabeth dachte, er würde wieder davonfahren und bekam fast einen Herzschlag, als es auf einmal an ihrer Tür klingelte. Toll, sie trug bloß ein T-Shirt, das kaum ihren Po bedeckte, ihre langen Haare waren zerzaust und sie war noch nicht einmal gewaschen. Vorsichtig lugte sie durch den Spion ihrer Eingangstür und keuchte erschrocken auf, als sie Mr. Lederjacke vor ihrer Tür stehen sah. Sie holte tief Luft und sammelte sich, bevor sie – trotz ihres Aufzugs – zögernd die Tür öffnete.

Der Mann lächelte bei ihrem Anblick und sein Blick glitt für einen Moment ohne jede Scheu und interessiert über ihren Körper, bevor er sie ansprach.

„Entschuldigen sie bitte die frühe Störung, Ma’am. Ich hoffe, ich habe sie nicht geweckt?“ Seine Stimme war tief und angenehm. Elizabeth schüttelte den Kopf. „Ich darf mich kurz vorstellen, William Darcy, ich bin ihr neuer Nachbar.“ Er deutete mit dem Kopf auf das Nachbarhaus.

„Elizabeth Bennet“, sagte Elizabeth und reichte ihm die Hand. Liebe Güte, von nahem betrachtet war er sogar noch attraktiver. Er war tatsächlich groß, und er hatte warme, dunkelbraune Augen, in denen sie nur zu gerne einmal richtig tief versunken wäre. Seine dunklen Locken wirkten etwas verwuschelt, was ihm ein jungenhaftes, sympathisches Aussehen gab. Elizabeth schätzte ihn auf Mitte dreißig – genau richtig für sie, wie sie insgeheim fand. Ob er tatsächlich alleine hier einziehen würde? Ob er noch zu haben war? Was für eine willkommene Abwechslung – die meisten Bewohner hier in dieser Straße waren entweder ältere Herrschaften oder Familien mit kleinen Kindern. Alleinstehende Männer waren eher selten anzutreffen. Und noch dazu so gutaussehende! Oh ja, er war genau ihr Typ.

Williams Hand war warm, sein Händedruck fest, seine Finger lang und gepflegt, und sein Ehering leuchtete ihr sehr golden entgegen. Hmpf. Mist.

„Freut mich sehr, Ms Bennet“, sagte er und entschuldigte sich noch einmal für die Störung. „Ich wollte sie fragen, ob ich vielleicht kurz ihr Telefon benutzen darf, ich habe mein Mobiltelefon vergessen und müßte einen dringenden Anruf machen.“

Elizabeth bat ihn hinein, wo er sofort von Dodgie in Augenschein genommen wurde. Der Kater war sehr auf Frauen fixiert, Männer mochte er nicht und so mancher von Elizabeths männlichen Freunden oder auch ehemaligen Beziehungen hatte schon die Bekanntschaft seiner scharfen Krallen machen müssen. Sie wollte William warnen, der sich spontan hinuntergebeugt hatte, um Dodgie zu streicheln, doch ihre Warnung war vergebens: The artful Dodger strich wohlig schnurrend um Williams Beine herum und ließ sich nur zu gerne von dem Fremden liebkosen. Elizabeth machte große Augen. „Wow, normalerweise mag er keine Männer“, sagte sie überrascht.

William schaute zu ihr hoch und schenkte ihr ein weiteres Lächeln, dass ihre Beine fast in Pudding verwandelte. „Er weiß, dass ich ihm nichts böses will“, sagte er einfach und richtete sich wieder auf. Dodgie rieb noch ein letztes Mal seinen Kopf an Williams Knie und machte sich dann zufrieden davon. Elizabeth sah ihm kopfschüttelnd hinterher.

„Nicht zu glauben“, murmelte sie und besann sich schließlich darauf, dass ihr Besucher ja telefonieren wollte. Sie führte ihn ins Wohnzimmer. Glücklicherweise war das Haus mehr oder weniger aufgeräumt. „So, hier können sie in Ruhe telefonieren“, sagte sie, reichte ihm das schnurlose Telefon und William dankte ihr. „Es dauert nicht lange“, sagte er und mit einem „lassen sie sich ruhig Zeit“, ließ Elizabeth ihn alleine.

Sie ging in die Küche, damit er ungestört war, aber es ließ sich nicht verhindern, dass sie Bruchstücke seiner Unterhaltung mitbekam. Offenbar telefonierte er mit seiner Frau, denn er nannte seine Gesprächspartnerin Liebes, Darling, Honey, aber es schien kein angenehmes Gespräch zu sein, denn er mußte anscheinend viel Überzeugungsarbeit leisten. Die Dame hatte allem Anschein nach keine große Lust, hierher zu ziehen.

Fünf Minuten später betrat William auf der Suche nach ihr die Küche. Sein so anziehendes Lächeln hatte sich in ein trauriges verwandelt, aber Elizabeth stellte keine Fragen, obwohl sie vor Neugierde schier platzte. Sie fragte ihn, ob er einen Kaffee wollte und William nahm dankbar an.

„Kommen sie aus der Gegend?“ fragte sie und hoffte, dass es sich nicht zu neugierig anhörte. William schüttelte den Kopf. „Nein. Ich stamme ursprünglich aus Derbyshire, aber ich habe die letzten Jahre mit meiner Familie in London gelebt.“

„Und da ziehen sie freiwillig in ein kleines Nest wie Meryton?“ fragte Elizabeth erstaunt. William lachte. „Ja, warum nicht? Ich kann es kaum erwarten, hier draußen zu leben, weit weg von der hektischen Stadt. Es ist sehr idyllisch und ruhig hier und trotzdem ist man relativ schnell in London. Wieso leben sie hier?“

„Ich bin in dieser Gegend geboren und aufgewachsen, im Nachbardorf, Longbourn. Ich habe noch nie woanders gelebt.“

„Und sie wollen auch nicht so schnell weg, nehme ich an.“

„Ich glaube nicht. Zumindest kann ich es mir nicht vorstellen. Aber auf alle Fälle würde ich nicht nach London ziehen.“

William lächelte. „Sehen sie?“

Er hatte von seiner Familie gesprochen. Elizabeth wagte eine weitere Frage. „Und ihre Familie kommt nach?“
Sein Lächeln verblasste. „Ja. Spätestens nächste Woche, denke ich.“ Er schaute nachdenklich aus dem Fenster. „Ich muß gestehen, meine Frau ist nicht ganz so überzeugt davon, hier zu leben. Sie ist eher eine Großstadtpflanze. Sie möchte nicht aus London weg.“

„Und dabei ist es so schön hier draußen. Vor allem jetzt, kurz bevor der Sommer richtig beginnt. Es gibt so viel zu tun und zu sehen, man kann spazierengehen, radfahren, grillen, im See schwimmen, durch die Wälder und Felder streifen, tolle Ausflüge machen – ich bin sicher, es wird ihr hier gefallen, wenn sie sich erst einmal eingelebt hat..“

William lächelte über Elizabeths Enthusiasmus.

„Das hört sich verlockend an, Ms Bennet. Sobald wir richtig hier leben, werde ich sie dazu sicher noch genauer befragen und mir von ihnen Tips geben lassen. Ich fürchte bloß, meiner Frau steht mehr der Sinn nach Shopping, mit ihren Freundinnen ausgehen und Restaurantbesuchen.“

Elizabeth kannte Williams Frau zwar nicht, aber sie hatte schon jetzt keine allzu gute Meinung von ihr. William tat ihr leid. Er mußte sicher viel Überzeugungsarbeit zuhause leisten!

William trank seinen Kaffee aus und erhob sich. „Vielen Dank für den Kaffee und dass ich ihr Telefon benutzen durfte“, sagte er. „Wir werden uns in nächster Zeit ja öfters sehen, denke ich.“

Elizabeth nickte und brachte ihn zur Tür. „Ja, natürlich. Wenn sie etwas brauchen, sie wissen ja, wo sie mich finden.“

William lächelte, dass es Elizabeth tief in den Magen fuhr, dankte ihr nochmals und ging nach drüben in sein eigenes Haus. Er winkte, als er sich noch einmal umdrehte und sie in der Tür stehen sah. Elizabeth winkte zurück.

„Puh!“ machte sie, nachdem sie die Tür geschlossen hatte. Solche Männer sind natürlich immer verheiratet!

Elizabeth widmete sich weiter ihrem Einkaufszettel, aber ihre Gedanken wanderten immer wieder zu ihrem neuen Nachbarn. Sie sah ihn nur noch einmal kurz, als er das Haus verließ, nachdem die Umzugsleute weg waren, und in seinem dunklen Audi davonfuhr. Er machte einen netten Eindruck, fand sie. Sie war sehr gespannt auf seine Frau, die offensichtlich keine große Lust hatte, in die Provinz zu ziehen.

Als Elizabeth vom Einkaufen zurückkam, war im Nachbarhaus kein Anzeichen von Leben zu erkennen. Der Audi stand auch nicht vor der Tür. Elizabeth verstaute ihre Einkäufe im Kühl- und Vorratsschrank und rief dann ihre Schwester Jane an, um ihr von ihrem neuen Nachbarn zu erzählen.

„Wie schade!“ sagte Jane, als Elizabeth ihr erzählte, dass William verheiratet war. „Du bist schon viel zu lange Single.“

Elizabeth lachte. „Selbst wenn er nicht verheiratet wäre, wären wir nicht automatisch jetzt zusammen, Jane! Aber ich muß sagen, er ist wirklich schnucklig. Diese Augen! Puh! Und ein Lächeln, dass dir Hören und Sehen vergeht.“

„Ich möchte ihn zu gerne kennenlernen, Liz“, sagte ihre Schwester. „Oder zumindest von weitem mal angucken.“

„Diese Gelegenheit wirst du bestimmt haben, Jane. Er ist ja eben erst eingezogen und er macht nicht den Eindruck, dass er sich im Haus verbarrikadieren wird.“

In diesem Moment kam der Audi wieder vor dem Nachbarhaus zum Stehen und William stieg aus, mit einer Menge Tüten bepackt.

„Eben kommt er wieder. Anscheinend war er einkaufen. Warum kommst du nicht rüber und guckst ihn dir an?“
„Ich kann heute nicht, Liz. Ich geh mit Eric ausreiten.“

Elizabeth runzelte die Stirn. Eric. Janes Kollege und momentaner Lover. Elizabeth war der Meinung, er taugte nicht viel, aber Jane ließ sich da nichts sagen. Sie war auch alt genug, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Nein, da blieb sie lieber Single, dachte sich Elizabeth und beobachtete wehmütig ihren neuen Nachbarn, der mit seinen Einkäufen im Haus verschwand. Und die Männer, die ihr gefielen, waren natürlich schon vergeben.

Elizabeth beendete das Gespräch, nahm sich ihr Buch und ging nach draußen in den Garten. Der Tag war viel zu schön, um ihn im Haus zu verbringen. Auf der hinteren Terrasse stand ein gemütlicher Liegestuhl und auf diesem machte es sich Elizabeth nun bequem. Es dauerte nicht lange, und sie hörte vom Nachbargrundstück Geräusche. Es hörte sich an, als würde jemand Metall bearbeiten. Neugierig stand sie auf und linste über die niedrige Hecke, die ihr Grundstück von dem der Darcys trennte. William Darcy war dabei, eine Kinderschaukel aufzubauen. Toll, er war nicht nur verheiratet, er hatte auch mindestens ein Kind. Treusorgender Ehemann und Familienvater. Als hätte eine Ehefrau nicht gereicht…

William blickte auf und hob grüßend die Hand. „Bin ich zu laut?“ fragte er besorgt, doch Elizabeth winkte ab. „Nein, nein. Ich war nur neugierig.“

Er grinste bloß und machte sich wieder an die Arbeit.Elizabeth ging wieder zu ihrem Liegestuhl und las weiter in ihrem Buch. Offenbar würde sie heute nichts weiter erfahren.
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