Geschichte: Fanfiction / Musicals / Rebecca / Sie

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GeschichteLiebesgeschichte / P6 / Gen
06.05.2007
06.05.2007
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780
 
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06.05.2007 780
 
Wie immer werden Reviews mit großer Freude entgegen genommen.

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Gelegentlich schreibt sie mir Ansichtskarten. Farbenfrohe Bildchen, ein wenig kitschig, künstlerisch kaum ansprechend, sind da auf den Vorderseiten zu sehen, sodass ich stets, wenn ich noch auf der Türschwelle, das Motiv betrachte, etwas verwundert überlege, wie sie als Zeichnerin zu derartigem, freundlichen Schund stehen mag.

Gewöhnlich gelingt es mir, meine Ungeduld, die einzugestehen ich mir doch nur allzu selten vermag, im Zaum zu halten, und mich der Karte erst gänzlich zu widmen, wenn ich wieder im Wohnzimmer angelangt bin, auf dem Tisch wartet eine Kanne heißen Tees, vielleicht, daneben zweifellos die Morgenzeitung und endlich gestatte ich mir, die wenigen Zeilen zu überfliegen, die sie an mich gerichtet hat: es sind vernünftige, langweilige Worte, in ihrer klaren, ordentlichen Handschrift, Worte, wie man sie an einen langweiligen, vernünftigen Mann wie mich richten mag: sie schreibt von Sonnenschein und Mistral-Wind, von Autofahrten durch Süd-West-Frankreich, von kleinen Hotels. Sie schreibt, „Maxim geht es gut, er lässt grüßen“, und ein Regentropfen hat den Punkt über dem „i“ etwas verwischt und einen bangen Augenblick lang scheint es mir, sie hätte geweint, als sie ihre Botschaft verfasste, doch dies ist ein hochgradig törichter Gedanke, auf den weiter einzugehen mir großes Unbehagen bereitet, also lasse ich es sein und lese den Text wieder und wieder, als müsse sich irgendwann seine wahre Bedeutung offenbaren.

Einmal schrieb sie mir: „Wir lernen zu vergessen“, und beinahe gegen meinen Willen sah ich sie mit einem Mal in aller Deutlichkeit vor mir, stellte sie mir vor, wie sie dasaß auf ihrem Balkon, in der warmen Nachmittagssonne, den Federhalter in der Hand ruhend, und ihre Augen, diese sanften, schönen Unschuldsaugen gerichtet in das weite Land der Vergangenheit.

Schön – ja, schön. Gewiss ist sie schön, auf ihre eigene, unnachahmliche Weise. Hätte ich ihr es jemals gesagt, sie hätte sich ausgeschüttet vor lachen, dies weiß ich gewiss. Der physische Charme jener bewundernswert uneitlen Menschen, die sich ihrer Attraktivität niemals bewusst wurden, ist ihr zu Eigen. Doch gewiss, im Vergleich mit all ihren anderen Qualitäten, die sie nach und nach entfaltete, stückweise vor uns ausbreitete, um zu retten, was es noch zu retten gab, damals, spielt ihre liebliche Hübschheit keine große Rolle mehr.

Nicht oft wage ich es, durch das Zerrglas der spät gewonnen Erkenntnis, jene verlorenen Tage, zu betrachten, als Manderley mehr war als eine Ruine, die sich gespenstisch dunkel vor der bezaubernden Kulisse der blütenbewachsenen Hügel abzeichnet, als eine Schattengestalt weit über ihren Tod hinaus an allen Fäden zog und uns tanzen ließ wie Marionetten, als eine sehr junge, sehr verzweifelte Frau die breite Feststiege nach oben lief, schluchzend in einem Kostüm, in dem die Menge der geladenen Gäste so viel eher einen geschmacklosen Scherz denn den Ausdruck absoluter Unwissenheit – darf ich es tatsächlich Unschuld nennen? – zu sehen gewillt war.
Diese allzu fernen Tage, ehe sie das Kind, das sie doch so sehr noch gewesen war, zur Gänze ablegte und ein trauriger, wissender Ausdruck sich in ihre Augen schlich, den als Melancholie zu bezeichnen ich doch nicht wage.
Ja, sie hat gewonnen, den Kampf um Maxims Seele und Leben, doch manchmal, in jenen Nächten, da ich aus dunklen Träumen aufschrecke, in denen ich das Prasseln des Feuers zu hören, den teuflischen Schein der Flammen, die Manderley verzehrten, zu sehen vermeine, in jenen Nächten, kurz, in denen an Schlaf nicht mehr zu denken ist, da frage ich mich zuweilen unwillkürlich, ob sie nicht einen zu großen Teil ihrer Selbst dieser Liebe, diesem Kampf geopfert hat. Ein Opfer, das Wandlung genannt ist.

Und, so überlege ich weiter, während ich mich aus zerwühlten, schweißnassen Laken schäle, ans Fenster trete, den kühlen Nachtwind im Gesicht zu fühlen, wie wird es sein, sollten die unergründlichen Wege des Schicksals ihre verschlungene Lebensreise je wieder den geraden, ruhigen Pfad meiner Existenz kreuzen lassen?
Dem scheuen, liebenswerten Mädchen, das ich einst kannte, musste ich eines Tages versprechen, immer ihr Freund zu bleiben, und ich habe es frohen Herzens getan. Und doch, mit jeder bunten Postkarte wächst die Angst, dass sie mich einmal, in ferner Zukunft, mit den Augen einer Fremden mustern wird, und ein Ausdruck ungläubigen Staunens wird vielleicht in ihrer ruhigen Miene zu lesen sein, ‚Was für eine Gans ich war, die Freundschaft dieses blassen Langweilers suchen zu wollen’, wird sie vielleicht denken und ich werde ihr stetig zulächeln, weil ich nicht anders kann, trotz alledem.

Einmal, es war kein besonderer Tag, ein Morgen im September, habe ich mich an den gedeckten Frühstückstisch gesetzt und versucht, eine ihrer Ansichtskarten zu beantworten.
„Mrs. de Winter“, habe ich geschrieben, „Ich wünschte es wäre anders, doch ich liebe sie.“
Bis zehn habe ich gezählt, ehe ich den Brief im Kamin verbrannte.




FIN
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