Gummibärchenträume

von Paiyatamu
GeschichteAllgemein / P18 Slash
05.05.2007
02.11.2011
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Dieses Kapitel
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Prolog




Missmutig starrte der schwarzhaarige Junge aus dem Fenster des schwarzen Vans, der sich durch den abendlichen Stau der Großstadt quälte. Er und seine drei Bandkameraden kamen gerade von einem Fotoshooting für eine Jugendzeitschrift, das wieder einmal anstrengend und nervtötend gewesen war. Manchmal fand Bill es ganz cool, in immer neuen Posen fotografiert zu werden, doch heute war einfach nicht sein Tag gewesen. Es hatte schon heute Morgen angefangen, als er übermüdet und gereizt aufgewacht war.

Seine Laune hatte sich weder beim Frühstück gebessert, bei dem er wegen einer Nichtigkeit mit Tom angefangen hatte zu streiten, noch auf der Fahrt zu dem Gebäude, wo das Shooting stattgefunden hatte, und schon gar nicht, als man ihn stundenlang herumkommandiert hatte, wie er sich hinstellen, hinsetzen oder wie er zu schauen hatte. Bill war inzwischen Profi genug, um seine schlechte Laune in der Öffentlichkeit hinter einem Lächeln zu verstecken, doch im Van hatte er die Maske fallen lassen. Nicht einmal Tom hatte es gewagt, ihn seitdem anzusprechen, und das wollte etwas heißen.

Toll, jetzt bekam er auch noch Bauchschmerzen. Unauffällig versuchte Bill, sich ein wenig bequemer hinzusetzen. Im Moment beneidete er seinen Bruder um seine unmöglichen, weiten Hosen, denn seine eigene drückte unangenehm auf seinen Unterleib, was das ganze auch nicht besser machte. Hoffentlich waren sie bald in dem verdammten Hotel.

 „Gehen wir nachher noch runter in die Bar, was trinken?“ fragte Georg. „Könnt ich jetzt echt gebrauchen, der Tag hat ganz schön geschlaucht.“

Von Gustav kam ein zustimmendes Brummen.

 „Ich bleib auf dem Zimmer, bin fix und alle“, erklärte Bill mürrisch. „Geht ruhig, ich hau mich in die Badewanne und danach vor die Glotze.“

Tom warf ihm einen fragenden Blick zu, denn Bill aber gekonnt ignorierte. Er hatte ja selbst keine Ahnung, warum er heute so schlecht drauf war und er hatte keine Lust, sich auf irgendwelche Diskussionen einzulassen, auch nicht mit seinem Zwilling.

Als sie das Hotel endlich erreicht hatten und in der Tiefgarage ausstiegen, waren die Bauchschmerzen noch schlimmer geworden. Bill sog scharf die Luft ein, als er vor dem Van stand. Mann, das fühlte sich an, als würde einer mit dem Messer in seinem Bauch herumbohren.

 „Alles in Ordnung mit dir?“ erklang Sakis besorgte Stimme neben ihm.

Bill sah erschrocken zu seinem Bodyguard hoch. Saki gehörte zu den wenigen Menschen, bei denen er das inzwischen noch tun musste.

 „Ja, bin nur verspannt von all dem Rumgehampel heute. Werd halt auch nicht jünger“, versuchte er zu scherzen.

Saki musterte ihn scharf, schien ihm aber zu glauben. „Na, dann mach mal, das du den anderen hinterherkommst“, befahl er und Bill setzte sich in Richtung Aufzug in Bewegung. Dort wartete Tom auf ihn, die beiden Gs waren anscheinend schon nach oben in die Hotellobby gefahren.

 „Bill, geht’s dir nicht gut?“ erkundigte sich Tom, als sie gemeinsam mit Saki den Aufzug betraten.

Bill lächelte gezwungen. „Bin nur müde“, entgegnete er, und es war noch nicht einmal gelogen. Er freute sich nur noch darauf, endlich auf sein Zimmer zu kommen.

Sein Bruder musterte ihn noch mal misstrauisch, doch zu Bills Erleichterung verzichtete er darauf, nachzubohren. Anscheinend merkte Tom, dass Bill einfach seine Ruhe haben wollte.

Fünf Minuten später betrat Bill endlich sein temporäres Reich und ging als erstes ins Badezimmer, um das Wasser für ein entspannendes Bad einzulassen. Vielleicht half das ja gegen seine miese Laune und vor allem gegen die Bauchschmerzen…


***


Mit geschlossenen Augen lag Bill in der großzügigen Badewanne und genoss die Wärme, die ihn umfing. Die Anspannung begann langsam, von ihm abzufallen und auch diese Bauchschmerzen schienen endlich wieder nachzulassen. Er hoffte nur, dass es nicht sein Blinddarm war, der sich da zu Wort meldete, so was konnte er sich im Moment echt vor lauter Terminen nicht leisten. Und außerdem war bald Weihnachten, danach wollte er doch mit Tom und David in den lang ersehnten Urlaub auf die Malediven fliegen.

Endlich ein paar freie Wochen…Bill wusste schon gar nicht mehr, wie man das Wort „Urlaub“ eigentlich schrieb. Die paar freie Tage, die sie zwischen ihren Verpflichtungen gelegentlich hatten, verbrachte er meist mit Schlafen und Fernsehen, nichts Abenteuerliches also. Zu mehr hatte er eigentlich keine Lust, er und Tom trafen sich dann gerade noch mal mit Andi, das wars dann auch schon.

Bei dem Gedanken an ihren gemeinsamen Freund schnitt Bill eine Grimasse. Der hatte sie schon vor einer ganzen Weile mal mit der Nase darauf gestoßen, was ihre Fans so trieben, mit welchen seltsamen Fantasien sie sich beschäftigten. Er und Tom hatten nicht gewusst, ob sie sich vor Lachen ausschütten oder in empörtes Geschrei ausbrechen sollten. Was diesen Mädels so einfiel… Fakt war jedenfalls, dass es unzählige Geschichten über ihn und Tom gab, in denen sie sich ineinander verliebten und ein Liebespaar wurden. Alles garniert mit mehr oder weniger großen Dramen und Tragödien.

Andi hatte ihnen ein paar Tipps gegeben, wo sie solche Stories im Web finden konnten und so hatte er mit Tom mal eine eher ungemütliche Nacht damit verbracht, sich ein paar von diesen Machwerken anzusehen. Mit glühenden Gesichtern hatten sie schließlich aufgehört, als sie eine äußerst pikante und vor allem explizite Story gefunden hatten. Näää, das war ja ekelhaft. Sie hatten sich danach kaum in die Augen sehen können und Bill hatte in der Nacht einen Alptraum gehabt, von dem er Tom lieber nichts erzählt hatte. Sein Bruder war nämlich einer der beiden Hauptakteure gewesen…

Bill verscheuchte schnell wieder den Gedanken an diesen Traum. Der war ja so was von pervers gewesen. Als ob er jemals daran denken würde, mit seinem ZWILLING…Daran waren nur diese dämlichen Weiberfantasien schuld gewesen. Konnten die sich nicht darauf beschränken, sich selbst oder irgendeine erfundene Tussi mit einem von ihnen zu verkuppeln?

Das Wasser wurde langsam kalt und seine Finger schrumpelig wie ein Apfel, der zu lange in der Sonne gelegen hatte. Bill verzichtete darauf, heißes Wasser nachlaufen zu lassen, er hasste Schrumpelfinger. Stattdessen stand er auf und griff nach einem der großen, flauschigen Hotelbadehandtücher. Hastig stieg er aus der Wanne und begann sich abzutrocknen. Trotz der Hitze in dem kleinen Raum war ihm kalt und er wollte sich so schnell wie möglich die Haare föhnen und ab ins Bett.

Als Bill fertig war, warf er das Handtuch über die Dusche, damit es trocknete und zog seinen Bademantel an. Er wollte gerade nach dem Föhn greifen als er mitten in der Bewegung stockte und das Handtuch entsetzt anstarrte. Das…das war doch Blut, diese rötlichen Streifen…

Bill zog das Tuch wieder von der Dusche herunter und betrachtete es genauer. Ja, das war eindeutig Blut. Aber…woher kam es? Dafür, dass er sich irgendwo aufgekratzt hatte, war es eindeutig zu viel. Bill schluckte. Seine Hände zitterten, als er den Bademantel abstreifte und seinen Körper untersuchte. Nichts, keine Wunde, kein Kratzer, kein Pickel…Aber irgendwoher musste das Blut doch stammen, er war doch nicht irr.

Bill war schon nahe dran, an Geisterspuk zu glauben, als er fühlte, wie es zwischen seinen Beinen warm und feucht wurde. Was zum…Er tastete mit den Fingern danach. Es war eindeutig etwas Klebriges und als er seine Hand zurückzog keuchte er erschrocken auf. Daher kam das Blut…

Sekundenlang konnte er nur seine blutigen Fingerspitzen ansehen. Seine Gedanken rasten, überschlugen sich, tanzten im Kreis. Hatte er heute irgendetwas getan, war irgendetwas passiert, dass die Ursache für eine Verletzung sein konnte, die so sehr blutete? Bill fiel beim besten Willen nichts ein.

Seine Zähne fingen an zu klappern, teils vor Kälte, teils vor Schock über seine Entdeckung. So wie das blutete, musste es irgendwas Schlimmes sein. Vielleicht sogar tödlich. Panisch schlang Bill ein Handtuch um seine schmalen Hüften, zog sich den Bademantel wieder an und rannte raus in sein Zimmer, wo er in fieberhafter Eile nach seinem Handy suchte. Er musste Tom anrufen…und…und dann einen Arzt.

Da war es ja. Bill ließ sich auf das Bett fallen und zog die Knie an. Scheiße, scheiße, scheiße, wieso musste ihm so was jetzt passieren. Morgen wollten sie zurück nach Hamburg fahren, um weiter an ihrem neuen Album zu arbeiten. Was, wenn er jetzt für längere Zeit ausfiel? Was wenn…

Bill starrte wie hypnotisiert sein Handy an. Vielleicht ging das ja von selber wieder weg. Vielleicht, wenn er ein wenig wartete…Soviel Blut war das ja auch nicht gewesen. Vielleicht war irgendwo nur ein Blutgefäß geplatzt, so was passierte ja mal, oder etwa nicht? Kein Grund zur Panik. Kein Anlass dafür, irgendwelche peinlichen Untersuchungen und Fragen über sich ergehen zu lassen.

Bill spürte, wie seine Wangen heiß wurden, als ihm einfiel, was für Fragen eine „Verletzung“ an besagter Stelle aufwerfen konnte. Da wollte er lieber nicht so genau darüber nachdenken. Man unterstellte ihm ja sowieso schon ständig, schwul oder zumindest bi zu sein. Schon komisch, was Leute über einen zu wissen glaubten, was man selber eigentlich noch gar nicht so sicher wusste.

Ja, er würde bis morgen früh warten. Wenn er dann immer noch blutete, dann würde er Saki bitten müssen, ihn ins Krankenhaus zu fahren. Bill schauderte, während er sich überlegte, wie er das ihrem Bodyguard erklären sollte. Hoffentlich hörte es auf…


***



Als Bill am nächsten Morgen vom unbarmherzigen Piepsen seines Handys aus einem unruhigen Schlaf erwachte, blinzelte er erst einmal verstört und schüttelte den Kopf über diesen irrsinnigen Alptraum, den er in der Nacht gehabt hatte.

Musste wohl an diesem Scheißtag gestern gelegen haben, dachte er schläfrig und drehte sich auf die Seite. Mit einem Schlag war er hellwach, als er spürte, dass da etwas Dickes, Flauschiges um seinen Bauch gewickelt war. Voller böser Vorahnungen hob er die Decke und keuchte auf, als er die Handtücher sah, die er um seinen Unterleib geschlungen hatte. Scheiße, das war gar kein Traum gewesen. Mit einem Ruck setzte Bill sich auf.

Oh Mann, hoffentlich hatte es tatsächlich aufgehört zu bluten…Vorsichtig schälte er sich aus den beiden Tücher und fasste sich zwischen die Beine. Trocken. Bill schloss die Augen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er den Atem angehalten hatte. Ein paar mal holte er tief Luft, damit sein rapide beschleunigter Herzschlag sich wieder beruhigte. Gott-sei-Dank…Ihm wurde fast schlecht, wenn er sich vorstellte, was er hätte wohl oder übel tun müssen, wenn die Blutung nicht aufgehört hätte.

Okay, jetzt nur keine hastigen und ruckartigen Bewegungen machen, nicht das der ganze Mist wieder losging. Vorsichtig setzte Bill sich auf die Bettkante und zog die beiden Handtücher unter sich hervor. Er musste gestern Abend doch noch ein ganzes Weilchen geblutet haben, aber das Blut war nun bräunlich eingetrocknet. Bill verzog das Gesicht. Die Handtücher konnte er kaum hier lassen, das würde nur für Gerede unter den Zimmermädchen sorgen und wer wusste schon, wohin die das tragen würden.

Er stand auf und warf die beiden Handtücher in einen seiner Koffer. Er würde sie mitnehmen und dann zu Hause unauffällig über die Mülltonne der Studiowohnung entsorgen. Das vom Bad durfte er nicht vergessen, da waren auch deutliche Blutspuren dran.

Als Bill sich im Spiegel betrachtete, traf ihn fast der Schlag. Er sah aus, als hätte er die ganze Nacht gekotzt, dunkle Schatten lagen unter seinen Augen und seine Haut war leichenblass. Und seine Haare erst…Mann, das würde ein Weilchen dauern, die einigermaßen in Form zu bringen. Sie hatten zwar keinen Termin heute, aber vor dem Hotel lungerten sicherlich noch Fans herum und er hatte keine Lust, denen Nahrung für irgendwelche Spekulationen über durchgesoffene Nächte, Krankheiten oder Ähnliches zu liefern.

Eine halbe Stunde später war Bill einigermaßen mit seinem Aussehen zufrieden. Die Haare geglättet, mit Sprühkleber fixiert, die Augenringe weggeschminkt…okay, so konnte er sich der Öffentlichkeit präsentieren.

Wahllos zog er ein paar Sachen aus einer seiner Taschen heraus, Jeans und T-Shirt passten immer und die Jacke von gestern tat es auch heute. Noch ein bisschen Schmuck und Bill Kaulitz war dafür gewappnet, der Welt gegenüberzutreten. Seine schlechte Laune von gestern schien sich zum Glück in Luft aufgelöst zu haben. Jetzt musste er heute nur aufpassen, dass er sich nicht zuviel bewegte.

Bill wollte gerade die Tür öffnen, um sein Zimmer zu verlassen, als es klopfte. Es war Tom.

 „Morgen, Brüderchen“, grinste sein Zwilling und musterte ihn forschend. „Gehts dir wieder besser?“

 „Klar, hatte gestern nur einen Durchhänger“, versicherte Bill im Brustton der Überzeugung, als er seine Tür hinter sich schloss.

 „Na, denn is ja gut.“

Eigentlich hätte Bill ja gerne mit seinem Bruder darüber geredet, was ihm gestern passiert war, sie vertrauten sich sonst ja auch jeden Mist an, aber irgendwie war es ihm einfach zu peinlich. Außerdem hätte Tom bestimmt ein Riesendrama draus gemacht und drauf bestanden, dass er zu einem Arzt ging. Und das wollte Bill auf keinen Fall, solange das nicht noch einmal geschah…


***