Sehn-sucht(One-Shot Sammlung)

von Tigerauge
GeschichteAllgemein / P16 Slash
02.05.2007
05.12.2008
8
30560
 
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12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
Titel: Nach dir kommt nichts
Lied: Nummer 9
Genre: Liebesromanze/Drama
Typ: Short-Story
Warnungen: GustavxBill
Rating: P12
Bild: http://i59.photobucket.com/albums/g289/Tigerauge_2006/liebeaufdenerstenblick.jpg

Einen schönen guten Abend!
Lange ist es her und dafür bitte ich vielmals um Vergebung :)
Aber hey, was solls jetzt geht es ja endlich weiter und zwar mit einem One-Shot, den ich schon vor langer Zeit begonnen habe zu schreiben und mit dem ich aber lange Zeit nicht im Reinen war. Aber ehe ich es noch vergesse oder irgendwann ausversehen lösche, stelle ich es lieber on. Die Arbeit meiner lieben Beat soll ja nicht umsonst gewesen sein.

Über Kommentare würde ich mich natürlich sehr freuen ;)

Viel Vergnügen und bis zum nächsten Mal!

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"Nach dir kommt nichts..."




Mein einziges Ziel lag bisher darin, viel zu lernen, meinen Abschluss mit der Bestnote zu absolvieren, um meinem Wunsch Musik zu studieren nachzugehen. Mehr als die Schule und die Liebe zur Musik interessierte mich nicht. Einer der Gründe, weshalb ich in der Klasse stets der Streber und daher automatisch auch der Außenseiter war. Ich hatte nie Probleme damit, keine Freunde zu haben und auch nicht damit, beschimpft zu werden. Immerhin waren Freunde nur ein Hindernis, die sich zwischen mich und mein Ziel stellten. Das konnte ich nicht gebrauchen. Niemals würde ich verstehen, wie die anderen Schüler ohne ein klares Ziel vor Augen durchs Leben gehen konnten.

Noch ein Grund, weshalb mich meine Mitschüler mieden, war mein Aussehen. Mein von natur aus dunkelblondes Haar färbte ich in frühen Jahren schwarz. Und vor ca. zwei Jahren fand ich Gefallen daran, mein Haar, für einen Jungen ziemlich untypisch, lang wachsen zu lassen. Noch dazu zog ich sehr gerne meine Augen mit schwarzen Kajal nach. Einer der Punkte wofür ich gehänselt und verabscheut wurde. Sie beschimpften mich als Mädchen, als abnormal und schwul. Nur wegen des Aussehens verurteilten sie mich, steckten mich in eine Schublade. So viele Dinge musste ich mir anhören und über mich ergehen lassen, doch nichts, absolut nichts davon machte mich so fertig wie meine beste Sünde. Nie machte ich mir über die Beschimpfungen, ich sei schwul, Gedanken, ehe er durch die Tür kam.

Mein ganzes Leben dachte ich nie über eine Freundin nach, geschweige denn darüber, auf welches Geschlecht ich stand. Liebe war kein Faktor in meinem Leben. Es brachte mich meinem Zukunftsziel nicht näher. Nicht einmal das Küssen interessierte mich bis dahin.

Eine Begegnung konnte all die Vorsätze, die man sich im Leben setzte, zunichte machen. Es handelte sich um den Schulliebling Gustav Schäfer. Dieser, mir bis dahin, unbekannte Junge war ein Jahr älter als ich, ging auf dieselbe Schule und war sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungs sehr beliebt. Bisher nahm ich seine Präsenz zwar wahr, doch kümmerte mich nicht weiter darum. Warum auch, er war wie alle anderen nur ein Schüler. Genauso unverantwortlich und dumm wie alle. Ungerührt ging ich eisern meinem Ziel nach. Bis zu jenem Tag. Bis zu jener Begegnung. Schmerzlichen Begegnung.

Es war an einem Dienstag, daran konnte ich mich noch genau erinnern. Diesen Tag würde ich nie vergessen. In einer Hand mit einem Becher heißen Kaffee bewaffnet und in der anderen mit ein paar Ordnern beladen, schlängelte ich mich durch die Gänge und es kam wie es kommen musste. Nach einer Abbiegung übersah ich durch die Ordner, die mir mein Blickfeld um einiges einschränkten, eine Person, die hektisch um die Ecke kam. So geschah das vorprogrammierte Unglück.

Durch den Aufprall schüttete ich mir den heißen Kaffee übers Hemd und sämtliche Unterlagen fielen zu Boden. Der Unbekannte entschuldigte sich und half mir  alles wieder aufzuheben. Der verschüttete Kaffee auf meinem besudelten Hemd hinterließ einen brennenden Schmerz auf meinen Bauch. Drauf und dran, trotz der Entschuldigung und Hilfsbereitschaft des Anderen, denjenigen anzufahren, fuhr ich erbost hoch, doch verstummte abrupt, als ich auf die blauen Augen traf. Jener lächelte mich auf eine so sanfte Weise an, dass es mir die Sprache verschlug. Der Unbekannte stellte sich gar nicht mal als so unbekannt heraus, denn vor mir stand der berüchtigte Schulliebling Gustav Schäfer. Er wirkte ein wenig gehetzt.

„Tut mir Leid, jetzt habe ich dir deinen Kaffee verschüttet und damit auch noch dein Hemd ruiniert“, entschuldigte sich Gustav ein weiteres Mal und aus einem unerklärlichen Grund brachte ich immer noch kein Wort über die Lippen. Seine sonst so arrogant klingende Stimme hörte sich ruhig und sanft an. Ein so beliebter Mensch sprach mit mir, dem Außenseiter der gesamten Schule. „Ich war etwas in Eile“, ergänzte er und sah wie eben bereits schon einmal um sich. Ich konnte mir schon denken wieso er so in Eile war. Die Mädchen hangen nur so an ihm, was sicher auf Dauer stressig war.

„Darf ich dich zur Entschädigung zu einem Kaffee einladen?“

Perplex starrte ich ihn aus großen, ungläubigen Augen an. Meinte er wirklich mich? Wieso sollte sich eine so beliebte Person mit einem Außenseiter wie mich abgeben? Ich verstand nicht, doch stotterte dennoch mit etwas Verspätung ein „Gern doch“ hin.

Gern doch! Gern DOCH??? Was war das nur für eine bescheuerte Antwort? Jede Sekunde darauf gefasst ein höhnisches, verächtliches Lachen zu kassieren, lächelte er mich hingegen lieb an, reichte mir sogar die Hand und half mir auf. Noch dazu nahm er mir einige Ordner ab. Meine Vorurteile begannen mit diesem Zeitpunkt an zu bröckeln. War Gustav vielleicht gar nicht mal so ein Arschloch für den ich ihn hielt? Das Image war einem oft voraus und mit dem ersten Eindruck entschied sich die Meinung der Menschen. Ich sollte es bald erfahren.

Auf den Weg in eine nahe liegendes Café sprachen wir unbeschwert über mehr oder weniger uninteressante Dinge.

„Ich hab dich beobachtet“, meinte Gustav plötzlich. „Ich finde, du bist eine sehr interessante Person.“ Abrupt schoss mir die Röte ins Gesicht, worauf meine Ohren ein liebliches Lachen zu hören bekamen.

Danach war für mich nichts mehr so wie früher. Ab diesen Tag wurde ich mit für mich bisher unbekannten Gefühlen konfrontiert, die mein gesamtes Leben auf den Kopf stellten. Ab diesen Tag verfiel ich immer mehr seinem Bann. Mittlerweile verfluchte ich den ersten Tag. Diese seltsamen Gefühle stellten sich bald als ein verliebtes Kribbeln heraus. Mich schockte diese Tatsache, denn er war der Erste, der sich mit mir abgab und so die komischen Blicke der anderen Schüler auf sich zog. Der Schulliebling und der Außenseiter verbrachten gemeinsam die Pausen. Ich hätte es damals bei Freundschaft belassen sollen, hätte meine Ziele niemals aus den Augen verlieren sollen. Doch so etwas kann man leider nie im Voraus wissen.

Mir machten meine Gefühle angst und verwirrten mich sehr. Da ich mich nie in so einer Lage befand, war es auch nicht einfach es vor Gustav zu verheimlichen. Aber ich hielt es eisern fest. Die erste Person, die mich so akzeptierte und hinnahm wie ich war, wollte ich wegen solchen lächerlichen Gefühlen nicht verscheuchen. Doch dann geschah etwas, was ich niemals für möglich hielt.

Ohne Vorwarnung küsste mich der blonde Schwarm früh morgens vor dem Schulgelände. Einfach so. Ich konnte gar nicht in Worte fassen wie unbeschreiblich schön der Kuss war. Konnte mir davor nicht ausmalen wie schön sich solche Intimitäten anfühlten. Bis dahin war ich ungeküsst. Gustavs weiche Lippen raubten mir den Verstand, ab da an, gehörte ich ihm …endgültig. Ab da an war ich im vollkommen verfallen und er konnte mit mir machen was er wollte. Nach einigen Sekunden realisierte ich was geschah und wich verschreckt zurück. Gustavs lächelte warm, streichelte meine gerötete Wange, ganz egal wie uns die Herumstehenden sowie auch vorbeilaufenden Schüler ansahen.

„Ich mag dich, Bill, du bist etwas Besonderes“, meinte er voller Überzeugung, zumindest glaubte ich es zu diesem Zeitpunkt. Seine Augen strahlten so aufrichtig – so als ob sie kein Wässerchen trüben konnten. Diese Worte gaben mir das Letzte. Ab dann war ich ihm Hals über Kopf verfallen. Er nahm mich mit seiner Art vollkommen in Beschlag, egal was ich tat, meine Gedanken drehten sich nur noch um ihn. Ich bekam nicht genug von seinen süßen Küssen und den sanften Berührungen. Mit Gustav erlebte ich nach einigen Monaten sogar mein erstes Mal. Er war so vorsichtig und einfühlsam, dass ich ihm zu hundert Prozent Glauben schenkte. Glauben, dass er es wirklich erst mit mir meinte. Die Gefühle drohten in mir zu explodierten, so überfüllt war ich mit diesen. Niemals hätte ich glauben können, dass eine Vereinigung zweier Körper sich so wundervoll anfühlen könne. Nie im Leben hätte ich mir das mit einem Jungen vorstellen können. Ich bereute diese Erfahrung nicht, nur dass ich ihm vor Liebe blind vertraut habe.

Der schönste Moment war, als mir Gustav seine Gefühle gestand.

Schnurrend genieße ich die Streicheleinheiten durch mein Haar und presse meinen nackten Körper noch enger an den Blonden. Schläfrig lausche ich seinem Herzschlag, der sich unter seinen Brustkorb noch nicht ganz beruhigt hat. Jedes Mal entdeckt Gustav an meinen Körper weitere erogenen Stellen, über die er mit seinen weichen Händen streicht und mir jedes Mal den Verstand raubt. Sie scheinen überall gleichzeitig zu sein. Ich bin verrückt danach. Bin verrückt nach Gustav. Ich will ihn fühlen, hören, er ist alles was ich glaube zu wollen und zu brauchen.

In seinen Armen fühle ich mich wohl, er wird mich nicht fallen lassen. Er spendet mir Kraft, um mich am Leben zu halten, er ist das Leben zu meinen Körper, die vor seinem Auftauchen nur leblos durch das Leben ging und allein für Ziele lebte. Würde mir jemand erzählen es gebe etwas Besseres als diese Momente mit Gustav, würde ich ihn auslachen. Alles andere ist unwichtig…

„Ich hätte das niemals für möglich gehalten“, rutscht es mir bei so vieler Denkerei laut heraus. Zur Strafe beiße ich mir fest auf die Zunge. Ich Idiot, das wollte ich ihm doch niemals erzählen.

„Was meinst du?“, kommt es prompt, aber müde klingend von Gustav. Das Vibrieren des Brustkorbes kitzelt in meinem Ohr. Langsam hebe ich den Kopf  und stütze es auf meiner Hand ab, um Gustav ansehen zu können.

„Na, ich mein alles hier. Uns beide hier zusammen im Bett“, beginne ich leise zu erzählen. „Ich hab dich immer für ein selbstverliebtes, arrogantes  Arschloch gehalten, der sich einen Dreck um andere kümmert und jetzt liegen wir hier gemeinsam.“ Wenn ich so darüber nachdenke ist es wirklich seltsam, welch eine Wendung einem das gesamte Leben verändern kann. Beleidigt schiebt Gustav die Unterlippe vor. „Na danke auch“

„Nein, so meine ich das nicht“, werfe ich schnell hinterher. „Es kommt mir noch so unreal vor. Jeder in der Schule mied meine Gegenwart, es ist ungewohnt.“

Lächelnd greift er nach meinen Kinn und zieht mich näher zu sich heran. „Ich kann gar nicht verstehen, wie man so etwas Schönes wie dich meiden kann.“

Sofort steigt die Röte in meine Wangen, grinse dumm und dämlich, während mein Herz schneller schlägt und ganz warm  wird. Dieser Kerl ist ein richtiger Glücksfall.
Gustav lacht, beugt sich vor, überbrückt so die letzte Distanz und küsst mich so sanft wie nie, bei dem ich mich vollständig hingebe. Ich schwebe auf  Wolke sieben und kann nichts dagegen unternehmen.

„Hm-m“, brummt Gustav gegen meine Lippen. „Ich liebe dich.“

Regelrecht entsetzt reiße ich die Augen auf, schiebe ihn ein wenig von mir und schaue ungläubig in die braunen Augen. Was sagte er eben? Hab ich mich verhört? Ich muss mich verhört haben, keine Frage.

„Was ist?“, fragt der Blonde und zieht die Augenbrauen in die Höhe. Kurz schüttle ich den Kopf, schließe die Augen, um ihn gleich darauf wieder anzusehen. „Was hast du gesagt?“, frage ich mit staubtrockenem Mund. Sein allbeliebtes warmes Lächeln legt sich auf seine Gesichtszüge, sanft streicht er mir über die Wange und sieht mich direkt an. „Ich liebe dich, Bill.“

Wieder hat er es gesagt. Es ist also kein Traum, keine Wahnvorstellung oder gar eine Täuschung meines Unterbewusstseins auf genau diesen Wunsch. Es sind Gustavs Worte. Ein unglaubliches Glücksgefühl macht sich breit und kriecht in Rekordzeit durch sämtliche Adern in jeden Winkel des Körpers.

„Das hat noch nie jemand zu mir gesagt“, gestehe ich schüchtern, grabe das Gesicht in Gustavs Halsbeuge und atme tief seinen schönen Duft ein. „Noch nie?“, findet er ungläubig. „Dann wurde es ja alle höchste Zeit. Und ich sage es so oft du willst.“ Sein warmer Atem kitzelt im Nacken, „Ich liebe dich, Bill!“ Eine Gänsehaut überkommt mich,  aber keine unangenehme, nein ganz im Gegenteil. Ich bin glücklich wie noch nie.

„Sag das noch mal“, bitte ich liebestrunken von seinen Worten, die sich traumhaft in den Ohren anhören. Mir wird ganz warm und mein Hirn ist wie leergefegt – nur noch diese drei Worte schwirren in meinem Kopf herum. Mein Herz rast und jede Faser meines Körpers wird mit Glück durchspült.

„Ich liebe dich“, haucht er abermals gegen meine Lippen, die ich ihm im nächsten Moment gierig aufdrücke. Er macht mich ganz wahnsinnig. Ich könnte ihn küssen bis wir daran ersticken. Niemals mehr will ich ihn los lassen.

„Ich liebe dich auch“, keuche ich atemlos voller Hochgefühl und setze mich rittlings auf seine Hüfte. Lust verschleiert blicke ich auf Gustav hinab, der mich schmählich angrinst.

„Noch ne Runde?“

Die Antwort bekommt er prompt durch einen leidenschaftlichen Kuss und ich spüre wie Gustav den Kuss mit einer besonders großen Intensität erwidert. Wie könnte ich da noch an ihm Zweifeln!


Matt vor mich hinlächelnd, strich ich über die Bettlacken, auf dem wir so viele schöne Stunden verbrachten. Wir hatten eine so wunderbare Zeit gemeinsam, dass ich alles um mich herum vergaß. Nichts zählte mehr für mich. Gustav wurde mir wichtiger als alles andere, ein Fehler, den ihn nun bitter bezahle. Ich hätte wissen müssen, dass alles egal, ob gut oder schlecht, irgendwann ein Ende fand. Wie auch unsere schöne Zeit. Mein Glaube es sei für immer, zerplatzte wie eine Seifenblase und mit solch einer Wucht wie ich mir nicht vorstellen konnte. Verletzt zu werden von der Person, die einen so hin nahm wie man war. Von der Person, die man liebte und glaubte von demjenigen ebenso geliebt zu werden. Warum musste es enden? Meine beste Sünde stellte sich als die Schlimmste heraus. Ich wurde von ihm besessen, konnte keinen Tag mehr ohne ihn und versäumte den Absprung von seinem Trip. Vielleicht wurde ich ihm zu anhänglich? Wenn es so war, hätte er mich einfach darauf ansprechen können. Ich täte alles was er von mir verlangt hätte, nur damit er bei mir bliebe. Erbärmlich nicht war? Was für ein Grund mag es gewesen sein, mich wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen? Er war wie ein Fluch, der mich jede Nacht in meinen Albträumen heimsuchte.

Seither war mein Inneres nicht mehr wieder zuerkennen. Die Lust am Leben war mir vergangen. Ich war gebrochen und süchtig nach ihm. Egal wie sehr ich es auch versuchte ihn zu vergessen, mein Leben so wie vor seiner Zeit weiter zu führen war unmöglich. Zu präsent war der Schmerz.

War es das was er wollte? Wollte er DAS bezwecken? Mich am Boden sehen, am Ende. War alles nur ein dummes Spiel, das Gustav und seine Freunde mit mir spielten? Wie konnte es nur so weit kommen, wie konnte ich mich auf all dies einlassen, wie konnte ich mich mir so blenden lassen? Mein größter Fehler, der mich für den Rest des Lebens prägt. Die erste Liebe ist etwas besonderes, die keiner so leicht vergessen wird. Wie schaffte er es nur mit seiner Art mich so zu fesseln und willenlos zu machen? Keiner brachte mich vor ihm je von meinen Zielen ab und nun bedeuten sie mir nichts mehr, wenn er nicht mehr da ist. Ich vertraute ihm. Mein Herz legte ich ihm schutzlos in die Hände, ein Fehler, den ich nun bereue. Unseren ersten Tag verfluchte ich. Du bist alles, warst meine Liebe und wirst nie wieder an meiner Seite sein.

Müde vergrub ich mein bleiches Gesicht in eins der vielen Kissen. Dein Duft haftete immer noch an ihnen. So oft langst du hier neben mir.

Schon seit Tagen verließ ich nur noch notdürftig mein Zimmer. Versteckt hinter den Erinnerungen, dabei jegliches Zeitgefühl verloren und trauerte meiner Sünde hinterher. Langsam daran zerbrechend, fand ich mich nicht mehr wieder. Der alte Bill war verloren. Er war, seitdem das Herz in tausend Spliter zerbrach, für ewig verschwunden.

Meine Sehnsucht trieb mich immer wieder zu absurden Taten, wie das Riechen an den Laken, in der Hoffnung etwas von ihm zu finden, an dem ich mich klammern konnte, mich so zurück in die schöne Zeit zu manövrieren.

Fast ein halbes Jahr waren wir zusammen. Ein halbes Jahr in der wir, abgesehen von einigen kleinen Meinungsverschiedenheiten, eine unbeschwerte glückliche Zeit genossen. Noch dazu öffentlich, ohne irgendwelche Versteckspielchen. Dir war es egal, ob uns jemand in der Schule sah, es war egal ob sie uns küssend sahen, wir genossen einfach die Zeit. Ich war erstaunt wie kommentarlos die Mitschüler es aufnahmen. Etwas erstaunt waren sie zwar, aber es hielt sich in Maßen. Immerhin war Gustav der Schulliebling, ihm wurde alles verziehen. Hätten sie mich mit einem anderen Kerl erwischt, wäre die Hölle ausgebrochen. Niemals wären sie dann so tatenlos geblieben, aber nun da die schöne Zeit vorüber war, wollte ich gar nicht wissen wie sie sich nun mir gegenüber verhalten werden. Die Zeit verlief so unbeschwert und obwohl ich so viel meiner Zeit mit ihm verbrachte, waren meine Noten in der Schule immer noch sehr gut. Es lief alles super.

Lief…wohlgemerkt.

Seufzend wand ich mich auf die andere Seite. Wie lange lag ich jetzt schon hier auf dem Bett? Ich wusste es nicht. In der Schule zerrissen sie sich sicher das Maul über mich, wie dumm und naiv ich doch war auf dieses Spielchen reinzufallen. So leicht zu übergehen…

Eigentlich konnte es mir egal sein, was sie nun über mich sagten. Sie sprachen schon vorher über mich, da würde es jetzt nicht anders sein. Immerhin hatte ich ein halbes Jahr lang meine Ruhe. Ein halbes Jahr…wieso spielten sie so lange das Spiel? War es für Gustav auf die Dauer nicht eine Last? Auch wenn ich die große Vermutung hatte, dass er mich reingelegt hatte, konnte ich nicht leugnen, dass ich für ihn immer noch Gefühle hegte. Egal wie eiskalt die Abfuhr war, die er mir verpasste. Dennoch, kam mir die ganze Sache so seltsam vor. Sollte ich mir darüber den Kopf zerbrechen? Oder sollte ich es einfach nur so hinnehmen und versuchen mein Leben wieder in die alte geregelte Bahnen lenken?

Vor nicht einmal fünf Tagen bekam ich diese Abfuhr. Total unerwartet. Ganz plötzlich. Knallhart.

Wie jeden morgen ging ich zur Schule, ohne Bedenken, mit der Freude meinen Freund nach der langen Nacht wieder zu sehen. Nach all den Monaten, war es mir nicht mehr unangenehm Gustav vor der Schule zu küssen. Doch dieser Morgen sollte ganz anders werden, als die unzähligen davor. Ganz anders. Bereits von weitem kam mir ein ungutes Gefühl, als ich all die Personen neben Gustav vor dem Schuleingang sah. Sie lachten und scherzten gemeinsam. Etwas unwohl zumute ging ich mit zögernden Schritten auf sie zu. Es war nicht ungewöhnlich, wenn einige von Gustavs Freunden mit bei uns standen. Sie unterhielten sich immer mit Gustav, akzeptierten mich mehr oder weniger an seiner Seite, aber wechselten nicht mehr  Worte als nötig mit mir. Mir war’s egal, ich war mit Gustav glücklich. Bis zu diesem Morgen, eigentlich war morgens immer unsere Zeit…

Nach wenigen Schritten kam ich bei ihnen an, zögerte erst kurz, beugte mich dann doch zu Gustav und gab ihm einen flüchtigen Kuss. Warum auch nicht, sonst war es auch nie ein Problem. Ab da an wurde es richtig komisch, denn Gustavs Lippen reagierten kaum auf diese Berührung. Er wirkte abweisend, fast so als sei es ihm nicht recht, dass ich ihn vor seinen Freunden küsste. Sonst störte es auch niemanden.

Leicht verwirrt sah ich auf Gustav, suchte eine Antwort auf sein seltsames Verhalten und den Grund weshalb die drei Idioten um uns so blöd anfingen zu kichern. Gustavs Mimik war wie versteinert, nichts rührte sich – ein Ausdruck, den ich noch nie bei ihm sah. Ein Ausdruck, der mir zugegeben ein wenig Angst machte. Mir wurde klar, dass etwas nicht stimmte, allein bei dem blöden Gekicher der Anderen. Demzufolge schnappte ich mir Gustavs Hand, zog den weiterhin stummen Freund an einen  ruhigeren Platz mit. Dennoch änderte sich Gustavs Miene nicht.

„Hey“, meinte ich ruhig. „Ist was? Du schaust so seltsam.“ Ich wollte ihn näher an mich  ziehen, doch er blockte ab. Mit seiner starken Hand drückt er mich von sich und ich mochte sogar ein genervtes Schnauben zu vernehmen. Was war los? War er mit dem falschen Fuß aufgestanden, hatte er Stress und war nun einfach wütend? Musste er die Wut an jemanden auslassen und kam ich da gerade recht? Ein Gefühl verwarf diese Möglichkeit. Etwas an seiner Haltung verriet, dass meine Person ein Faktor darin spielte. Hilflos sah ich ihn an, mein Hals fühlte sich wie zu geschnürt an.

„Hey“, forderte ich ein weiters Mal. „Willst du mir nicht sagen was los ist?“

Hätte ich gewusst was danach kam, hätte ich diese dumme Frage erst gar nicht gestellt. So genau wiedergeben konnte ich diesen Moment nicht. Viel zu betäubt machten mich seine Worte, seine Anschuldigungen, sein Schlussstrich.

Er sagte Dinge von denen ich nichts wusste und weiß der Fuchs was noch alles. Ich hing an der Stelle fest, an der er meinte es sei Schluss und das war ganz zu Anfang von seinem Redeschwall. Alles was danach kam, nahm ich nur noch in einem betäubten Zustand wahr. Seine Worte waren so weit weg, als sei Watte in meinem Ohre und es wurde immer leiser, bis nur noch ein beklemmendes Rauschen zu hören war. Das in der zwischen Zeit Tränen begannen aus meinen Augen zu quollen, bekam ich nur am Rande mit.

Mein verschwommener Blick hang an Gustavs Lippen, versuchte zu lesen was er sagte, aber nichts half. Sie wanderten weiter hoch in seine Augen, in denen ich ebenso wenig lesen konnte. Ich wagte zu glauben sie blickten mich etwas befangen an, so als tät es ihm selbst Leid was er da sagte und doch tat er es. Vermutlich gaukelte mir mein blödes Hirn nur etwas vor.

„…bitte lass mich in Zukunft in Frieden!“

Wie ein heftiger Schlag drangen seine letzten Worte in mein Bewusstsein, fraßen sich quälend langsam zu meinem Herzen durch, um es zu zerschlagen. Die Realität kehrte zurück. Ich nahm wieder wahr, dass ich mich immer noch auf dem Schulgelände befand. Einige Meter von uns entfernt hörte ich das zufriedene Kichern derer, die eben noch bei Gustav in der Runde standen. Und da wurde es mir klar.

Wie blind und blöd konnte ich nur sein, zu glauben Gustav meinte es ernst mit mir. All das war von Anfang an geplant und ich Idiot fiel auch noch darauf rein.

Diese Erkenntnis ließ mich kein einziges Wort herausbringen. Seit Gustav begann zu reden, sagte ich nichts mehr. Stumm, mit rot unterlaufenen Augen und tränennassem Gesicht blickte ich in die Augen, bei denen ich glaubte, sie mich einst mal mit einer Sanftheit ansahen, die nur mir galt. Ich Volltrottel!

Mein Herz hörte auf zu schlagen, die Tränen kannten keinen Halt. Eine Kälte kroch unter die Haut, bei der ich glaubte zu erfrieren. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als das er mich in den Arm nahm. Gustav ging und ich ließ es geschehen. Keine Ahnung wie lange ich noch an Ort und Stelle verblieb, aber irgendwann fanden meine Beine den Weg allein zurück nach Hause. Die Lust auf Schule war mir vergangen.

Seit da an saß ich hier in meinem Zimmer. Verließ dieses nur notdürftig, was meine Eltern mit Unwollen beobachteten. Sie fragten nicht nach, was mir nur recht war. Unser Familienverhältnis war ziemlich kühl. Sie waren froh, dass ich so gut in der Schule war, dass stimmte sie ruhig und für alles andere interessieren sie sich eh nicht. Sie waren so selten zu Hause, woraus ich schloss, dass sie niemals mitbekamen, dass ihr jüngster Sohn mit jemand desselben Geschlechts zusammen war. Nur mein Bruder wusste es aus unserer Familie und auch wenn wir nicht das beste Verhältnis zueinander hatten, hielt er unsere Eltern gegenüber immer brav den Mund. Warum auch immer. Sonst war es für ihn immer gefundenes Fressen, um mir einen auszuwischen. Vielleicht war es ihm zu eklig, als das er sich damit beschäftigen wollte.

Stöhnend erhob ich meine müden Knochen aus dem Bett. Meine Gelenke litten in den letzten Tagen ziemlich unter Bewegungsmangel. Sie fühlten sich unangenehm trocken an. Mit einem kurzen Blick in den Spiegel, der mir einen blassen mageren Jungen zeigte, strich ich mir mit kurzen Handbewegungen das Haar halbwegs zu recht und verließ anschließend das Zimmer, um mir in der Küche etwas zu trinken zu besorgen. Auf den Weg dorthin, wobei ich zwangsweise durch das Wohnzimmer musste, traf ich meinen Bruder, der mit einem Freund zusammen auf der Couch saß. Unendlich viele Unterlagen und Bücher verteilten sich rund um sie herum. Meine Eltern waren nicht daheim, so viel wusste ich.

Mein älterer Bruder schenkte mir minimale Aufmerksamkeit und konzentrierte sich doch lieber wieder auf seine vor ihm liegenden Aufgaben. Ich besaß das Talent auch mit wenig lernen immer gute Noten zu schreiben, wo hingegen mein Bruder sich richtig abrackern musste, um mithalten zu können. Ein Punkt für den er mich verabscheute.

Mit wenig Interesse wand ich mich zum weitergehen um, doch nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie der Freund meines Bruders – ich glaube, er hieß Lasse – seinen Kopf mit den schwarzen Haaren hob und mich sogar anlächelte.

„Hallo, Bill!“, begrüßte er freundlich. Mit leichter Verwunderung drehte ich meinen Kopf wieder den beiden Lernenden hin. Ich wusste nicht was ich von diesem Lasse halten sollte. Er war sehr häufig hier, aber mehr als eine flüchtige Begrüßung wechselten wir noch nie miteinander. Seit Gustav mich einkalt abserviert hat, bemerkte ich hinter seinem freundlichen Lächeln den mitleidigen Blick. Wenn mein Bruder von der ganzen Sache wusste, musste es zwangsweise auch Lasse wissen. Seit da an hatte ich das Gefühl, er war besonders nett zu mir. Wahrscheinlich Mitleid.

„Hi“, erwiderte ich gebunden, wobei meine Stimme sehr schwach klang. In den letzten Tagen hatte ich sie selten, bis gar nicht gebraucht.

„Willst du dich ein wenig zu uns setzen?“, bat Lasse auf einmal, sah mich abwartend an und ich konnte deutlich das entsetzte Gesicht meines Bruders sehen, dass er seinem Freund zuwarf. Dem aber schien es egal zu sein. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ich zu ihnen rüber. Was sollte das werden, wenn es fertig war? Seit wann fragte der so etwas? Nach dem Blick meines Bruders Tom war dieser mit dieser Idee nicht besonders begeistert.

„Lasse“, knurrte er unter zusammengebissenen Zähnen. Angesprochener sah unberührt rüber und zuckte mit den Schultern. „Was denn?“, meinte er ruhig. „Ich brauch ne Pause vom ganzen Lernen, da kann dein Bruder sich doch ruhig etwas zu uns setzen.“

Bevor sich die Beiden meinetwegen noch in die Haare kriegten, verließ ich das Wohnzimmer und ging in die Küche. Hören konnte ich sie immer noch.

„Siehst du er will doch eh nicht“, schnaubte Tom. „Was soll das eigentlich, hm?“

Ein kurzes Rascheln war zu hören. „Tut dir dein Bruder denn überhaupt nicht leid? Du hast doch selbst gesehen wie der Kerl mit ihm ungesprungen ist.“
Entsetzt weiterten sich meine Augen. Wie bitte? War mein Bruder an jenem Tag etwa anwesend….auch noch mit Lasse??

„Ja, man!“, fauchte mein Bruder.  Tat ich ihm leid?

„Er braucht etwas Ablenkung, damit er nicht die ganze Zeit in seinem Zimmer hockt und an diesen Mistkerl Gustav denkt.“

Allein bei dem Klang des Namens schossen mir gleich wieder die Tränen in die Augen, die ich mit aller Macht versuchte zu unterdrücken.

„Die wollen doch nur, dass er sich daheim einsperrt und heult. Aber diesen Triumph sollte er ihnen nicht geben“, sprach Lasse erzürnt weiter.

Komisch aber wahr. Lasse hatte recht mit seinen Worten. Genau das wollten sie bezwecken und ich Idiot ließ mich nicht nur darauf ein. Scheiße, es tat immer noch so weh, weil ich wirklich die Hoffnung gehegt hatte Gustav sei anders. Dennoch musste ich ab jetzt Stärke zeigen.

Mit einer Wasserflasche bewaffnet trat ich mit leisen Schritten zurück ins Wohnzimmer, dachte nicht mehr viel darüber nach und ließ mich einfach auf das Sofa schräg gegenüber nieder. Mir war zwar etwas unwohl zu mute, aber jeder Anfang musste in Angriff genommen werden.

Verblüfft sahen mich Beide an, woraufhin ich leicht verlegen wurde und dies mit einem Schluck aus meiner Wasserflasche zu überspielen versuchte. Lasse fing sich sehr zügig wieder, strahlt mich regelrecht mit seinen weißen Zähnen an. Angesteckt davon rang ich mir sogar ein minimales Lächeln ab.

Dieser Abschnitt meines Lebens war mir eine Lehre, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde. Ich wusste, dass es sehr schwer werden würde Gustav in der Schule tagtäglich wieder zu sehen und auch wenn es mich sehr viel Mühe und Kraft kosten wird, gebe ich mein Bestes nicht zu scheitern. Sie hatten es geschafft mich zu brechen, für den Moment, doch ich würde mich wieder erheben.

Das Leben war nicht immer fair und wies jederzeit seine Tücken auf. Nach dir kommt nichts, das dachte ich die ganze Zeit. Ich wollte das nicht mehr. Ich würde mich wieder finden, auch wenn es hieß zu suchen.

Ende