Schicksal Reloaded

von Greeny
GeschichteMystery / P12
26.04.2007
21.07.2007
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„Und gibt es auch Kinofilme, die du gar nicht magst?“
Matthias ließ ein Stück Kandiszucker in seinen Tee gleiten und blickte sein Gegenüber neugierig an.
„Naja, es gibt viele...“ setzte die Frau namens Stefanie zu einer Antwort an und brachte Matthias damit derart zum Lachen, dass er sich an seinem Tee verschluckte.
„Du meinst, es geht schneller, wenn du die Filme aufzählst, die du magst?“
„Wohl schon“, angesteckt von seinem Lachen prustete sie ebenfalls los.
„Ich kann diese amerikanischen Miststreifen nicht leiden“, sagte sie dann, „weißt schon, die mit diesen selbstgebastelten, völlig sinnfreien Happy-Ends.“ Sie schüttelte sich. „Und wo wir schon bei sinnfreien Happy-Ends sind    ----     Rosamunde Pilcher finde ich genauso schlimm. Iih!“
„Oh ja, schrecklich!“ pflichtete Matthias ihr eifrig bei. „Und es läuft immer alles nach einen ganz bestimmten Shema ab: Armes Mädchen oder wahlweise Junge kommt auf den Landsitz einer irischen oder schottischen Familie...“
„... und von Anfang an weiß man schon, wer mit wem am Ende zusammenkommt. Und egal, wie prekär und verzwickt die Situation auch ist    ----     am Ende kriegen sich die Hauptdarsteller trotzdem. Wie realistisch!“ Sie bedeckte ihren Mund mit einer Hand und tat, als müsse sie sich übergeben.
„Ungefähr so realistisch wie die Annahme, dass Gerhard Schröder Bundeskanzler bleibt.“ Matthias versenkte ein weiteres Stück Kandiszucker. „Apropos Kanzler. Weißt du eigentlich schon, was du am Sonntag wählen wirst?“
„Hmm ..., ja ... so ziemlich ...“
„Du musst nicht darüber reden, wenn du nicht willst.“ Er grinste.
„Vielleicht nach der Wahl, okay?“
Eine brünette Kellnerin brachte ein Radler und lud es geschickt vor ihr ab.
„Das ist aber jetzt nicht der mit Red Bull, oder?“ Matthias beäugte skeptisch die orangegelb- schimmernde Flüssigkeit im Glas.
„Bah, nein! Seh ich aus, als würde ich Red Bull trinken?“ Sie schüttelte sich zum zweiten  Mal.
„Naja ...“
„Mottte!“
„Das ist mein Spitzname, nutz ihn nicht ab.“ Matthias grinste wieder breit. „Nein, im Ernst. Ich glaube, wer gerne Red Bull trinkt, isst auch gerne Vollkornweihnachtsplätzchen. Pfui!“
„Red Bull würde ich nicht mal runterkriegen, wenn ich mir die Nase zuhalte. Diese widerlich süße Flüssiggummibärchenwichse mit Kaugummigeschmack. Bluäch!“
„Ja, können wir bitte das Thema wechseln?“
„Sehr gerne.“
„Und Andreas wohnt jetzt also in Friesenheim, ja?“
„Ja, seit sechs Monaten.“
„Also, Friesenheim ... ist das nicht ... na ja, etwas ... ‚unfrisch’?“
„Nein, gar nicht. Ich hab ihn dort für eine Woche besucht. Über meinen Geburtstag.“ Sie lehnte sich zurück und lächelte, sich erinnernd. „Das war alles andere als ‚unfrisch’. Im Gegenteil, es war zur Erholung einfach ideal.“
„Und wieso ist er aus Berlin weggegangen?“
„Tja, er brauchte dringend eine Veränderung. Besonders beruflich.“
„Und euer Hauskreis hat sich aufgelöst, weil er weggezogen ist?“
„Nein-nein, der ging vorher schon kaputt. Wegen ‚unüberbrückbaren Glaubensdifferenzen’ sozusagen.“ Sie seufzte.
„Die da wären?“
„Ach, wir hatten da mal eine Diskussion über Homosexualität ...“
„Ach ja ...?“ Matthias beugte sich fast unmerklich etwas weiter zu ihr vor und blickte noch interessierter als vorher.
„Man wollte mir doch allen Ernstes erzählen, dass Männer nur deshalb schwul sind oder es werden, weil das    ---- ‚schick’ ist!“
„Ehrlich?“
„Ja! Ich meine, das ist doch so was von daneben!“ regte sie sich weiter auf. „Also, mein aktueller Wissensstand sagt mir, dass das zum Einen genetisch bedingt ist und zum Zweiten nicht ‚einfach so passiert’. Das ist doch Blödsinn!“
„Richtig.“
„Es sollte vielleicht nur nicht ...“
„Ja, was denn?“
Sie überlegte kurz. In ihr kam zum wiederholten Male der Verdacht hoch, dass Matthias selbst homosexuell sein könnte. Als sie noch gemeinsam im Gospelchor gewesen waren, hatte die Sopranistin Doro einmal etwas in dieser Richtung angedeutet.
„Naja, es sollte den Kindern in der Schule nicht ...“
Tja, was eigentlich? Beigebracht werden? Verherrlicht oder verharmlost werden? Sie wusste einfach nicht, wie sie es ausdrücken sollte.
„Ich ... ähm, also ...“
„Lass dir ruhig Zeit, das Thema ist ja nicht gerade einfach.“ Matthias legte nachdenklich seinen Kopf schief.
Just in diesem Augenblick betrat eine Gruppe von acht Jugendlichen das Cafe. Dabei lärmten sie, ohne Rücksicht auf die anderen Gäste, derart herum, dass es ungemütlich wurde.
„Okay, bis 22:00 Uhr kann man hierher kommen und sich gut fühlen.“ Matthias warf erst einen Blick auf die Halbstarken, um dann seine Begleiterin fragend anzuschauen. „Gehen?“
„Ja, bitte.“ Sie wehrte leicht angewidert den aufkommenden Zigarettenrauch ab.
Sie zahlten und verließen das Cafe. Es war inzwischen merklich kühl geworden.

„Ui, schau mal“, Matthias blieb vor einem Schaufenster stehen. Drinnen waren mehrere lebensgroße Puppen zu sehen, die alle ausnahmslos Brautkleider trugen.
„Die sehen aber nicht gerade wie glückliche Bräute aus.“ Sie lachte. „Eher wie Marie-Antoinette, kurz vor ihrer Hinrichtung.“
„Mit Ausnahme von der hier“, er deutete auf eine Puppe, die ein, für eine Trauung absolut unangemessenes, durchsichtiges, knappes und sehr nuttiges Kleid trug. „Die sieht aus, als hatte sie grad jemanden    ----    ‚hingerichtet’. Du verstehst ...?“ Er hob anzüglich eine Augenbraue.
„Herr Bittroff! Ich muss doch wohl sehr bitten!“ regte sich sie gespielt auf.
„Was denn? Das kennst du doch. Tu doch nicht so betroffen.“
„Ich bin überhaupt nicht   ---   bittroff-en.“
„Hey, der war gut.“ Matthias hatte die Anspielung kapiert und grinste.
Sie verbrachten noch gut zwei Stunden damit, über die Artikel in den zahlreichen Schaufenstern zu lästern, an denen sie vorbei kamen. Doch schließlich wurde es richtig kalt und ungemütlich.
„Langsam fange ich an, zu frieren“, Matthias schlug den Kragen seiner reichlich dünnen Jeansjacke hoch. „Ich glaube, so langsam mache ich mich auf den Heimweg ...“
„Ja, ist ja auch schon halb eins ...“
„Dann bringe ich dich noch zum S-Bahnhof.“
„Okay, danke.“
Es waren nur knapp zehn Minuten Fußweg zum S-Bahnhof und es dauerte auch nur weitere zehn Minuten, bis die S-Bahn kam.
„Tja, dann“, er drückte sie kurz, „ich würde sagen   ---    man sieht sich.“
„Ja. Sag mir einfach mal Bescheid, wenn dein neuer Chor regelmäßig probt.“
„Mach ich.“
Die Tür öffnete sich ratternd und sie stieg ein.
„Ähm ...“
„Ja?“
„Naja, ... vielleicht hast du ja Lust, dich am Sonntag ... noch mal zu treffen?“
„Hmmm ...“ Er überlegte kurz. „Ich muss noch meinen Unterricht für die nächste Woche vorbereiten, aber sonst hätte ich eigentlich Zeit.“
„Nur, wenn du Lust hast ...“
„Ja, mal gucken.“
„Kannst ja mal Bescheid sagen, wenn du mit den Unterrichtsvorbereitungen fertig bist. Tschüss!“ Die S-Bahn-Tür klappte zu. Sie ließ sich auf einen Sitz mit einem scheußlichen, mintgrünen Bezug sinken. War das jetzt zu direkt gewesen? Oder sogar aufdringlich? Sie lehnte sich zurück und dachte über das Treffen nach. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal soviel gelacht hatte. Und am Stück geredet. Es war einfach ein rundum perfekter Abend gewesen!
Sowas kriege ich mit meinen Freunden schon lange nicht mehr hin!“ dachte sie in einem plötzlichen Anflug von Bitterkeit. „Die leben doch nur noch ihr eigenes Leben und es interessiert sie einen Dreck, was andere machen!“
Und es stimmte. Seit Andreas, ihr bester Freund, nach Friesenheim gezogen war, lief es freundschaftstechnisch alles andere als gut. Tatsächlich schienen ihr nur noch zwei, drei, zum Teil in verschiedene Ecken Deutschlands versprengte Freunde die Stange zu halten. Mit anderen Worten    ---    sie fühlte sich sehr allein!
„Aber jetzt wird das anders“, dachte sie laut, „und zwar mit Mottte.“ Sie stellte sich vor, wie er sie zu seinem neuen Chor mitnahm, sie seine Kabarettgruppe live erlebte und sie einfach Spaß miteinander hatten. Vielleicht gelang ihr mit ihm ja sogar mal ein ‚Freundschafts-Mix’. So nannte sie es, wenn sie versuchte, ihre Bekanntschaften untereinander zu mischen. Bisher allerdings war das eher erfolglos gewesen. Mit Matthias erschien ihr dieses Vorhaben  durchaus durchführbar.
„Wir scheinen ja wirklich denselben Humor zu haben“, sie lächelte, „und dieselbe Wellenlänge.“ Sie resümierte einige Dialoge still im Geiste. „Es war fast, als würde ich in einen Spiegel blicken“, dachte sie, „als wäre er mein perfektes Gegenüber ...“