Herbstnacht

GeschichteDrama / P12
Seel
31.03.2007
31.03.2007
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Hier ein kleiner Einblick in Seels Gedanken. Ich hoffe es gefällt euch. Viel Spaß beim Lesen! :-)

Disclaimer:
Alle Charaktere gehören Storm Constantine. Ich verdiene nichts an diesem kleinen Werk.


Der raue Herbstwind riss einige der letzten, bereits braunen und vertrockneten Blätter von den nun dürr wirkenden Ästen der Bäume.
Die Dunkelheit der Nacht hatte sich wie ein Schleier über die Länderein Immerdars gelegt. Und trotzdem funkelte der silberne volle Mond am Himmel in voller Pracht, glitzerte auf dem kleinen See in den Gärten auf die ein einsamer Har seinen Blick gelegt hatte.
Seel Griselmig hatte sich an das kunstvoll geschmiedete Geländer des Balkons seiner Schlafgemächer gelehnt und verharrte dort schon seit geraumer Zeit regungslos wie eine in teuere Gewänder gehüllte Statue. Seine Augen verrieten nicht mehr, als die bloße matte Spiegelung von dem, was er betrachtete.
Eine stärkere Windböe löste das ohnehin lose Band, welches seine Haarpracht zusammen gehalten hatte und überlies die wahre Flut von Haaren dem Spiel des Windes.
Aus den Augenwinkeln betrachtete Seel die einzelnen Strähnen, wie sie vom Wind gepeitscht wurden, auf und ab sanken, wild und gleichzeitig verspielt tanzten.
Sein Blick glitt wieder nach vorne und erneut wurde ihm die schwere Stille bewusst, die auf seinem Wohnsitz lag. Niemand mit Ausnahme der Haushara war anwesend und die scheinbar unendlich weit weg von ihm in ihren Zimmern waren.
Swift, Cobweb, Azriel…sie alle waren in Immanion und saßen sicherlich in diesem Moment zusammen mit dem Tigron Pellaz und der Tigrina an einer Tafel, amüsierten sich. Und einer würde zwischen ihnen sitzen, ebenfalls mit dem Titel des Tigrons gekrönt, von allen bewundert, geliebt für seinen Witz und seine Verwegenheit – Cal.

Seel sank bei diesem Gedanken noch ein wenig mehr in sich zusammen, es fröstelte ihn plötzlich.
Swift respektierte, dass sein Chesnari Cal nicht sehen wollte und hatte es schon lange aufgegeben ihn dazu zu bewegen mit nach Immanion zu kommen – nichts desto trotz ging er selbst recht oft dorthin.
Seel konnte es ihm letztendlich nicht wirklich vorwerfen, doch ein Teil in ihm wurde an solchen Tagen immer wieder daran erinnert wiesehr sein Leben doch Schiefelaufen zu sein schien…warum verstand ihn bloß niemand mehr? Hatte er nicht das Recht die Wut und die Trauer über Oriens Mord länger als ein paar Jahre aufrecht zu erhalten? Würde er nicht seinem alten Freund Unrecht tun, wenn er dessen Mörder einfach so vergab und ihn in seine Arme schloss, wie einen alten Freund?

Seel schluckte hart einige aufsteigenden Tränen herunter und fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung durch die aufgebauschte Haarmähne – wild und eigenlebig hatte man es in der Vergangenheit oft genannt…Orien hatte des Öfteren gemeint, dass sie so unberechenbar wären wie ihr Träger.

Früher vielleicht…

Seels rechte Hand umklammerte die Brüstung des Balkons. Wild! Pah! Wer würde das heute noch von ihm glauben? Hatte man ihn nicht zu etwas gemacht, dass er selbst nicht mehr war? Warum hatte man ihm das genommen, was sein Wesen ausgemacht hatte, früher. …und warum hatte er es sich nehmen lassen?

Das Eisen der Brüstung wirkte plötzlich schneidend kalt gegen seine Haut, er verstärkte seinen Griff bis es schmerzte; sich seine Fingernägel wieder in die Handinnenfläche bohrten und er sich auf die Unterlippe biss um nicht aufstöhnen zu müssen.
War es soweit? Begann er sich selbst zu hassen für das, was aus ihm geworden war? Nach all dem was er erlebt hatte: Seine Jugend mit Cal, in der sie für wenige Monate geglaubt hatten, die Welt ginge sie nichts an und das einzig ihre Liebe zueinander zählen würde.
Ein lang gezogener Seufzer stahl sich über Seels Lippen, als zum Mond sah und sich seine Mundwinkel zu einem bitteren Lächeln verzogen – wie schnell waren sie eines Besseren belehrt worden…
Die Uigenna waren für Cal die Erfüllung seiner Träume gewesen, hatten ihm alles gegeben, wonach er in diesen Jahren strebte.
Bereits damals war die Liebe der beiden jungen Hara geblichen, wie Farbe, die im Laufe der Zeit und durch schlechte Wetterverhältnisse wie Regen und Wind ihren Glanz verlor.

Erst als der blonde Har, der, wie Seel schon immer gewusst hatte, die Eigenschaft besaß seine Umwelt zu verzaubern, plötzlich in Saltrock auftauchte, begannen die Probleme.
Seel verfluchte bis heute diesen Tag und wünschte sich noch immer, dass Cal sich einen anderen Ort weit weg von ihm gesucht hätte.
Doch natürlich war er es gewesen, bei dem der Uigenna einen ruhigen Hafen erwartet hatte…

Ein Haushar klopfte an die Tür zu Seels Gemach und fragte ob er etwas wünschte.
Seel verneinte knapp und wartete darauf wieder von der köstlichen und doch so quälenden Stille umfangen zu werden. Was er brauchte waren nicht Wein, Essen oder irgendetwas anderes, was die Diener ihm hier bringen konnten.
Nachdenklich stützte er seine beiden Ellbogen auf die Brüstung vor sich und blickte zu dem starken Baum unter dem er und Swift damals ihren Blutsbund besiegelt hatten. Er wirkte, jetzt im Herbst, genauso trostlos wie Seel sich fühlte.

Der Wind trug einen tiefen und schweren Seufzer mit sich als Seel die Augen schloss und sich mit langsamen Bewegungen die schmerzenden Schläfen massierte.
Er liebte Swift, das stand außer Frage, doch war er sich bewusst, dass ihre Beziehung etwas verloren hatte. Die ganze Situation damals, all das Neue und die vielen Probleme mit Ponclast und Terzian hatte sie zusammen geschweißt…
Doch der Wunsch, den Seel bei der Niederkunft der Perle Azriels mehr oder weniger ernst an seinen Chesnari gerichtete hatte – nämlich dass dieser ebenfalls irgendwann einmal eine Perle tragen würde - hatte sich nicht erfüllt.
Etwas fehlte unter dem Dach Immerdars. Auch Swift schien sich dessen bewusst zu sein – war er deswegen gern bei Cal und Pell?

Die lange unterdrückten Tränen stiegen in den dunklen Augen Seels auf während er sein Gesicht dem Mond abwandte und die wenigen Schritte in das Schlafgemach hineinging.
Dort stand eine gefüllte Weinflasche mit sauber polierten Gläsern davor.
„Wohlan Seel, trinkst du eben mit dir selbst auf dein Leben.“, murmelte er bitter in die Dunkelheit und füllte das edle Glas so voll, dass es beim Gehen beinahe überschwappte. Die Flasche hielt er, mit der festen Absicht sie in der nächsten Stunde noch völlig zu leeren, in der linken Hand.
Ungewohnt unachtsam lies sich der Har auf dem Boden des Balkons nieder und prostete still zum Mond, der von einigen vorbeiziehenden Wolken verdeckt wurde.
Die rote Flüssigkeit schimmerte als die silbernen Strahlen sie plötzlich wieder beschienen. Seel legte nachdenklich den Kopf auf die Seite und betrachtete sie.
„Rot…blutrot, meine Freunde. Blutrot wie Orien selbst als ich ihn fand…bedenkt ihr das alle, wenn ihr mit ihm die Gläser hebt?“, sinnierte er leise, setzte das Glas an die Lippen und trank es, ohne abzusetzen, aus.
Es folgten noch zwei Gläser ehe Seel inne hielt, sich umwandte und in die Dunkelheit seines Zimmers sah, welches das Licht des Mondes nicht erreichte.
Hatte sich dort etwas bewegt? Seel musterte die Schatten genauer und blinzelte einige Male, ehe er sich seufzend eingestehen musste, dass dort nicht mehr als die erstickte Hoffnung seiner eigenen Sehnsucht war – doch Cal würde nie kommen.
Der blonde Har hatte nie das Gespräch mit ihm gesucht, was nur allzu deutlich zeigte, dass Cal keinerlei Interesse an einer Versöhnung hatte.

Seel blickte gedankenverloren in sein Glas und drehte es langsam zwischen seinen Fingern. Und dann tat er etwas, was er seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte und es auch nie vor anderen tun würde: Er weinte.

And an ode for cruelty
When angels cry blood
On flowers of evil in bloom

The funeral of hearts
And a plea for mercy
When love is a gun
Separating me from you
            - HIM

-      Ende     -
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