Einer wie Chicago: Band 1 *Leseprobe*

GeschichteRomanze / P18
18.03.2007
03.04.2013
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Dieses Kapitel
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Ihr Lieben,
Hier ist also die Leseprobe zum ersten Teil von "Einer wie Chicago", das die meisten von euch sicherlich noch unter dem Namen Sympathy for the Devils kennen. Zehn Jahre ist es nun her, dass ich mit dieser Geschichte begonnen habe und ich liebe sie wie am ersten Tag.
Deshalb wünsche ich euch viel Spaß mit der Leseprobe!

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Das dreistöckige Mietshaus, in dem wir wohnen, riecht nach abgestandener Luft und die zarten Rosenblüten der Tapete lösen sich bereits an mancher Stelle, doch das Gefühl, endlich wieder zu Hause angekommen zu sein, lässt das altersschwache Treppenhaus zum schönsten Ort der Welt werden, während ich meiner besten Freundin dabei zusehe, wie sie beschwingt die Stufen nach oben nimmt. Ihr Backpacker-Rucksack ist so überladen, dass sie droht bei jedem Schritt nach hinten umzukippen. Im Gegensatz zu mir scheint sie jedoch noch genug Energie zu haben, um eine ganze Mount-Everest-Besteigung meistern zu können. Ich hingegen habe mein Gepäck erleichtert meinem Vater in die Hand gedrückt und es nicht sonderlich eilig, hinter ihm die Stufen zur Wohnung im dritten Stock zu erklimmen. Zu deutlich spüre ich die letzten beiden Wanderungen, die einfach nicht enden wollten, in meinen Knochen.
„June, du Sportskanone, jetzt mach mal hin!“ Sam, die meinen Vater oben in Empfang nimmt, wirft mir einen amüsierten Blick zu. „So schlimm sind die Stufen nun auch wieder nicht!“
„Sag das meinem Muskelkater. Der ist anderer Meinung.“
„Drei Monate und du bist so unsportlich wie am ersten Tag.“
„Mein Körper ist eben beratungsresistent“, erwidere ich und lasse mich erleichtert auf die letzte Stiege  sinken, um meine Schuhe von den Füßen zu streifen und beglückt nach hinten zu fallen. „Ich liebe diese Dielen.“
„Du hättest wenigstens noch in die Wohnung wanken können.“
„Nein.“ Ich drehe den Kopf, um an Sam vorbei in unsere Wohnung  zu schielen. Die vertraute Unordnung auf der Kommode, auf der zu viele Zeitschriften und Flyer von Lieferdiensten liegen, ist noch immer vorhanden und der Duft von Karamelltee liegt in der Luft.
„Möchtest du einen Kaffee, Dad?“ Ich erkenne seine blank polierten Oxfords neben dem Türrahmen, höflich darauf wartend, dass auch ich die letzten Meter in die Wohnung zurücklege.
„Wenn es keine Umstände macht.“
„Nicht wirklich. Zumindest nicht, wenn mich jemand bis in die Küche trägt.“
„Dafür musst du schon Eric einspannen.“ Ich muss meinem Vater nicht ins Gesicht sehen, um zu wissen, dass er bei dem Kommentar die Augenbraue hebt.
„Wahrscheinlich.“ Ich komme mit einem Stöhnen vom Boden hoch. „Wo steckt mein herzallerliebster Bruder eigentlich?“
„Auf der Arbeit. Ich soll dir ausrichten, er erwartet dich am Sonntag zum Essen.“
„Und wo ist der Rest?“
Mein Vater verschränkt die Arme vor der Brust. „Wie du weißt, weigern sich deine Brüder noch immer standhaft Peilsender zu tragen. Sollte sich das ändern, gebe ich dir Bescheid.“
„Alles beim Alten, also“, entkommt es mir, als ich es endlich über die Türschwelle schaffe und meine Schuhe neben die schweren Rucksäcke stelle.
„Leider.“ Mein Vater mustert meine lädierten Zehen. „Du hättest deine Schuhe vorher einlaufen sollen.“
„Hätte ich.“ Ich zucke mit den Schultern. „Aber egal. Ich habe dir Kaffee versprochen.“
Alles in allem sieht unsere Wohnung noch genauso aus, wie ich es in Erinnerung hatte. Die Küche, schon immer das Herzstück unserer Dreier-WG, erstreckt sich hinter der kleinen beschaulichen Diele noch genauso klein und verwinkelt wie vor unserem Trip quer durch das alte Europa. Um den Esstisch scharen sich bunt zusammengewürfelte Stühle und die Regale und Schubkästen quellen über vor Geschirr und mehr oder weniger unnötigem Allerlei.
Es ist die perfekte Studentenbude im Herzen einer überteuerten Metropole, die für jeden Zentimeter Raum jeden Monat eine Unsumme verschlingt, und ich liebe jede winzige Ecke unseres kleinen, selbst finanzierten Reichs. Ebenso wie Trish, meinen dicken Kater, der auf dem Fensterbrett liegt und mich mit zusammengekniffenen Augen mustert. Seine Ohren zucken neugierig und wahrscheinlich überlegt er sich, ob es sich lohnt beleidigt zu sein, weil seine Dosenöffnerin ihn so lange alleingelassen hat. Samantha, die sich ein Wasser aus dem Kühlschrank nimmt, scheint er schon einmal zu ignorieren.
„Hey Trish, kennst du mich noch?“, ködere ich ihn.  
Gnädig erhebt er sich nach ein paar Sekunden des Zögerns. Mit seinen beinahe zehn Pfund ist Trish ein echter Killer auf vier Pfoten, den wir damals im Tierheim noch für eine Katze gehalten haben. Ein Irrglaube, von dem auch heute noch sein Name zeugt.
„Na, mein Großer. Ich hoffe, du hast mich vermisst.“
Schnurrend hüpft Trish auf den Boden und schleicht mir um die Füße, während ich die Kaffeemaschine anstelle.
„Ich bin duschen“, verabschiedet sich Samantha. „Ruft mich, sobald ihr über etwas Essbares nachdenkt.“
„Sicher.“ Ich schnappe mir das schwarzweiße Fellknäul, bevor er mir auf die lädierten Füße treten kann, und lasse mich an den Küchentisch fallen. Mein Vater wirft mir einen prüfenden Blick zu, ganz so, als erwarte er, dass ich mitsamt Kater vom Stuhl kippe, und ich kann es ihm nicht verübeln. An Schlaf war in den letzten Tagen nicht wirklich zu denken. Dazu gab es noch zu viel in Sankt Petersburg zu entdecken.
Mein Vater räuspert sich. „Gut, dich wieder hierzuhaben.“
„Ja.“ Liam Morten ist keiner dieser Väter, die ihrer Zuneigung häufig durch Worte Ausdruck verleihen. Man darf sich ihrer sicher sein, aber sie zeichnet sich normalerweise durch ein gottgegebenes Urvertrauen aus und nicht durch Lippenbekenntnisse. Und normalerweise sind auch seine Augenringe nicht so tief und seine Mimik nicht so angespannt.
„Die Scheidung ist noch nicht durch, oder?“, schlussfolgere ich und er lässt seine Hände auf die Tischplatte sinken.
„Nein.“ Er presst die Lippen aufeinander. „Montag. Wahrscheinlich.“ Mein Vater seufzt schwer und fährt sich durch das dichte, an den Schläfen ergrauende Haar. Auch wenn ich seine baldige Exfrau nicht mochte, so weiß ich, dass sie für ihn nicht nur ein Rebound nach der Ehe mit meiner Mutter war, und es schmerzt zu wissen, dass er alles noch einmal durchmachen muss.
„Deine Mutter hat ihr einen Anwalt empfohlen.“
„Mum hat was?“ Ich stocke. Wenn es jemanden auf der Welt gibt, den die neue Ehe meines Vaters stört, so ist es meine Mutter. Dass ausgerechnet sie ihr nun hilft, meinen Vater auszunehmen, schockiert mich mehr, als ich auszudrücken vermag.
„July war noch nie milde darin Vergebung walten zu lassen und du weißt so gut wie ich, dass deine Mutter mit dieser Ehe nicht einverstanden war. Es ist ihre Art sich zu bedanken, dass ich nicht auf sie gehört habe.“ Er sitzt so verloren da, dass ich meine Hand auf seine lege und sie mitfühlend tätschele.
„Tut mir leid.“
„Ich wusste, auf was ich mich einlasse.“ Er zuckt mit den Schultern. „Und das Geld, das ich zahlen muss, interessiert mich nicht.“
„Was ist es dann, was dich nicht schlafen lässt?“ Trish wälzt sich auf den Rücken und rekelt sich genüsslich auf meinen Beinen. Seine langen, schwarzen Haare kleben an meiner verwaschenen Jeans und meinem weißen Shirt und ich komme nicht umhin festzustellen, dass er bereits sein Winterfell bekommt .
„July und ihre Aussage, dass ich unfähig bin eine Ehe zu führen. Dass ich kneifen würde, wenn es drauf ankommt.“
„Ihr wart beide unglücklich“, wehre ich mich. „Nur für uns zusammenzubleiben, das wäre nicht gutgegangen.“
Er reibt sich über die Schläfe. „Tu mir den Gefallen und lass uns über etwas Erfreulicheres sprechen. Hast du jemanden kennengelernt?“
Mein Vater ist manchmal ziemlich berechenbar. Um nicht über sein Liebesleben sprechen zu müssen, sprechen wir über meines. Über das meiner Brüder. Und auch sonst über jeglichen Klatsch und Tratsch, den es in London seit unserer Abreise gegeben hat, und ich hole aus dem Schrank zwei Tassen, um uns Kaffee einzuschenken.
Ihm zu erklären, dass ich keinen Sex mit wildfremden Männern hatte, stellt sich, wie befürchtet, als schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen heraus. Seine einzige Reaktion ist ein Kopfschütteln, ein ungläubiges Lächeln und ein mitleidiges Tätscheln meiner Hand, begleitet von einem: „Ist schon gut, June. Du brauchst nicht zu lügen."
Obgleich mich die Aussicht, mich mit meinem Vater über die Männer in meinem Leben zu unterhalten, nicht gerade vor Freude platzen lässt, habe ich doch nie etwas verheimlicht. Auch jetzt nicht. Aber das möchte er mir offenbar nicht glauben. Ich schätze aberjedoch, ich sollte dankbar sein, dass er mich nicht an den nächstbesten Lord verheiraten will, der seinen Weg kreuzt, sondern sich ein paar Abenteuer für seine Tochter wünscht.
Zwischen den Erörterungen meines Privatlebens finden wir tatsächlich Zeit, über meinen Urlaub zu sprechen, und ich zeige ihm die Bilder, die ich mit meiner Digitalkamera geschossen habe. Die meisten sind alle total verwackelt, weil Samantha mich weitergezogen hat, sobald ich mir „schon wieder einen dieser alten Steine“ ansehen wollte, und mein Vater grinst, nachdem ich ihm das vierte unscharfe Bild des Triumphbogens präsentiert habe.


Nachdem ich meine Sachen in meinem Zimmer verstaut habe, die erste Maschine mit Wäsche geladen ist und ich Frischluft in die Wohnung gelassen habe, knurrt mein Magen so laut, dass Trish davon aus seinem Schlaf im Berg Dreckwäsche aufgeschreckt wird, und so beschließe ich, mich ums Mittagessen zu kümmern.
Einen beherzten Griff zum Flyer des Pizzadienstes später will ich gerade Samantha fragen, welchen Belag sie gerne hätte, als mein Handy zu klingeln beginnt. Die lauten Klänge von Nancy Sinatras Bang Bang dröhnen irgendwo aus den Untiefen meiner Wäsche.
„Verflucht, wo steckt das Ding?“ Ich lausche angestrengt, während Trishs Augen mich bei meinem Tun verfolgen. Nancy Sinatra kommt gerade zur besten Stelle des Liedes, als ich endlich mein Telefon zwischen zwei verknäuelten Socken entdecke. Ich stürze mich freudig darauf und drücke die Ruftaste. „Ja?“
„June. Na so eine Freude, dich zu erreichen!“
„James“, bringe ich ertappt raus, da ich mich in den letzten drei Monaten kaum bei meinem besten Freund gemeldet habe, obwohl ich es ihm versprochen hatte. „James, aus dem Ausland ist das so teuer. Ich habe dir doch die Karten …“
„Ich scheiß auf die Karten! Sehr aufmerksam! Wirklich!“ Unter seinen wütenden Worten kann ich eine gewisse Enttäuschung ausmachen, obgleich ich an meinen schriftlichen Lebenszeichen nicht gespart habe.
„Ach komm schon, … früher hat man sich nur über Briefe verständigt.“
„Na toll. Wir leben aber im einundzwanzigsten Jahrhundert. Und so unglaublich, wie sich das vielleicht für dich anhören mag, ich habe dich wirklich vermisst.“
„Es tut mir leid.“
„Das will ich auch hoffen.“ Sein Schnauben ist nicht zu überhören. „Und weil es dir so leidtut, dass du mich, deinen besten Freund, so verletzt hast, … wirst du mir einen Gefallen tun.“ Seine Tonlage verrät mir, dass an dieser Tatsache nicht zu rütteln ist. Egal, ob es mir zusagt oder nicht.
„Okay?“, frage ich vorsichtshalber nach, da James Sachs manchmal auf wirklich seltsame Ideen kommt.
„Nun ja, ich dachte mir, nun, da du dank deines ersten Abschlusses nicht mehr hemmungslos von der Universität ausgenutzt werden kannst, biete ich dir einen neuen Nebenjob bei uns.“
Ich richte mich auf. „Ein Job bei GN? Ernsthaft?“
„Nun, nicht ganz. Wie du vielleicht weißt, wurden wir von der ELX Corporation aufgekauft. Und streng genommen hat der Job auch nichts mit dem zu tun, was du eigentlich tun machen willst. Aber er bringt gutes Geld.“
„Ich höre.“
„Nun, unser neuer Boss schlägt morgen in Heathrow auf und die Dame, die als seine Assistentin vorgesehen war, hat unserem Personalchef vor ein paar Minuten eröffnet, dass sie schwanger ist.“
„Du willst, dass ich die Assistentin eures Chefs werde?“
„Es war nur eine Idee. Reiß mir nicht den Kopf ab.“
Ich habe nicht vor, James Sachs den Kopf abzureißen. Im Gegenteil, denn wenn ich ehrlich bin, habe ich noch keine Ahnung, wie ich meine Miete und die Semestergebühren stemmen will, nun, da ich nicht mehr als Hilfskraft im Labor arbeite.
„Und das geht, wenn ich nur ein paar Stunden die Woche dort sein kann?“
„Na ja, zunächst einmal hast du ja noch Semesterferien. Und ich hoffe, dass sich hier bei uns in den nächsten kommenden Wochen alles so weit sortiert hat, dass wir dich in unser Entwicklungsteam holen können. Es wäre eher eine Übergangslösung. Für dich und uns.“
„Meinst du das ernst?“
„Ernster als ernst.“ James räuspert sich. „Also, was sagst du?“
„Wann soll ich da sein?“
„Neun Uhr!“
Bevor ich irgendwas anderes sagen kann, hat er aufgelegt und ich höre das penetrante Tuten am anderen Ende der Leitung. Ich atme tief durch, dass ich so schnell einen neuen Job finde, damit hätte ich nun nicht gerechnet.

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Liebe Grüße

eure Eliza Hill