Why?

von Lucy-san
GeschichteDrama / P6
Kohta Nyu/Lucy
11.03.2007
11.03.2007
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Lucy sah sich nicht einmal im Raum um, es war ohnehin alles voller Blut, dank ihr.
Sie hob den kleinen leblosen Hundekörper hoch und ging mit ihm hinaus, in Richtung des Baumes, wo sie ihn das erste Mal getroffen hatte.

Ich such nach dem, was mich vergessen lässt,
dass es in meinem Leben dunkel ist,
und dass die Nacht den Tag besetzt
und mir keinen Funken Licht mehr lässt.

Endlich hatte sie jemanden gefunden, der sie geliebt oder zumindest gemocht hatte und sie hatten diesen Jemand kaltherzig umgebracht, einfach so. Ohne Reue, ohne darüber nachzudenken.
Jetzt war es in ihrem Leben wieder dunkel, einfach so.
Warum... warum hatten sie das nur getan?
Weil sie jemanden brauchen, dem es miserabler geht als ihnen selbst, flüsterte ihr eine Stimme in ihren Gedanken zu.

Mir fehlt nichts und doch fehlt mir viel,
ich bin zu schwach um noch mal aufzustehen
und zu stark um hier zu liegen.

Sie war vielleicht anders als die anderen, aber sie wollte doch auch nur leben, einen Ort finden, wo sie hingehörte und sich wohlfühlen.
Genau dasselbe, was alle anderen Menschen auch wollten. Warum hatten die Menschen sie so ausgesperrt, nur weil sie diese Hörner hatte und sich manchmal anders verhielt?
Eigentlich hätte sie es einfach machen können, sich hinlegen und sterben, aber dafür war Lucy zu stark und zu stolz. Das wollte sie nicht.

Jetzt bin ich aufgewacht,
halt das Licht in meinen Händen,
hab schon nicht mehr dran gedacht,
dass sich das Blatt noch mal wendet.

Lucy fuhr herum, als sie die Melodie hörte und sah den Jungen hinter sich fragend an. Er hielt eine Spieluhr in seinen Händen und lächelte.
Sie machte sich dazu bereit, ihre Arme einzusetzen, aber er stürmte auf sie zu und bewunderte ihre Hörner. Er war der erste, der das tat.
Und obwohl sie ihn wegschickte, stellte er sich als Kohta vor und rief ihr noch hinterher, dass er morgen wieder hier sein und auf sie warten würde.

Du hast mein Leben neu gemacht,
steckst mich an mit deiner Kraft,
du machst alles so lebenswert,
ich will mich nicht dagegen wehren.
Du hast eine Kerze aufgestellt,
und bringst das Licht in meine Welt,
machst mein Leben zum Kartenhaus,
Alle auf dir aufgebaut.

In den nächsten Tagen verbrachten sie viel Zeit miteinander. Lucy hatte das Gefühl, dass ihr Leben endlich besser zu werden begann. Sie freute sich jedes Mal mehr auf die Treffen mit Kohta und selbst wenn die Stimme in ihrem Kopf ihr etwas anderes einzureden versuchte, er war immer nett zu ihr und zeigte ihr so vieles, was sie nie zuvor gesehen hatte.
Gemeinsam mit ihm hatte sie das Gefühl, nichts Abartiges mehr zu sein, auch wenn sie schlimme Dinge tat, wenn er nicht bei ihr war...
Aber solange Kohta bei ihr war, war sie ein normales Mädchen, genau wie alle anderen auch. Genau so, wie sie es sich immer gewünscht hatte.

Wie jedes Wort eine Stimme braucht,
wie der Mond in jede Nacht eintaucht,
wie jede Wahrheit ihr Angesicht,
genauso brauch ich dich.

Schon bald hatte sie das Gefühl, dass sie ihn und seine Nähe brauchte. Wenn er nicht bei ihr war, wurden die Stimmen in ihrem Kopf lauter und verlangten schreckliche Dinge von ihr, Dinge, die sie nicht tun wollte, aber immer wieder tat.
Vielleicht gehörte es bei ihr einfach zum Überleben dazu?
Aber bei Kohta vergaß sie all das. Als ob sie eine gespaltene Persönlichkeit hätte.

Du bist der Wind und du trägst mich hoch,
und ich weiß, du kannst mich fliegen sehen,
und auch mit einem Wort zum Absturz zwingen.

Es war nur noch ein Tag, bis Kohta wieder nach Hause gehen würde, Lucy hatte ihn gefragt, ob sie mit zum Fest gehen könnte, doch er hatte es verneint, er hatte es bereits dem Kind seiner Verwandten versprochen.
Also stellte sie ihm die Frage, welche sie am meisten bewegte: „Ist das Kind deiner Verwandten ein Junge... oder ein Mädchen?“
Er zögerte mit der Antwort, aber schließlich kam sie doch: „Es... ist ein Junge.“
Lucy spürte das Zögern in seiner Stimme, aber sie verdrängte es. Lächelnd sah sie ihn an. „Ich werde zum Bahnhof kommen und dir hinterher winken.“

Bin wieder aufgewacht,
mit der Dunkelheit in meinen Händen,
das hätt’ ich nie gedacht,
dass sich das Blatt wieder wendet.

Sie war doch auf das Fest gegangen, um Kohta dort zufällig zu treffen und ihm zu sagen, wie sehr sie ihn mochte. Und wie sehr sie ihn vermissen würde, in dem Jahr, in dem er nicht da sein würde.
Doch als sie ihn endlich in dem Getümmel gefunden hatte, schien es als würde ihre Welt zerbrechen.
Eine Mädchen lag in seinen Armen und schluchzte. „Ich will nicht wieder ein Jahr warten, bis wir uns wiedersehen.“
Lügner!, fuhr es ihr durch den Kopf.

Du hast mein Leben ausgemacht,
und dir nichts dabei gedacht,
du warst der Sinn und der Lebenswert,
und jetzt ist all das nichts mehr wert.
Du löscht meine Kerze einfach aus,
weil du sie nicht mehr brauchst,
machst mein Leben zum Kartenhaus,
und ziehst die unterste Karte raus.

Er hatte sie angelogen, möglicherweise nicht nur in dieser Hinsicht, sondern auch in allem anderen, was er in den letzten Tagen zu ihr gesagt hatte.
Kohta war eben doch wie alle anderen. Er hatte sie nicht als Freundin gesehen, sondern nur als Haustier, welches man sich halten konnte. Nichts weiter, als irgendein abgefahrenes Tier.
Die Stimmen in ihrem Kopf sprachen ihr gut zu, sagten ihr, dass sie in dieser Welt nicht leben könne – und sich deswegen eine eigene Welt schaffen müsse. Ohne Menschen.
Und sie gab endlich nach.
Lucy nahm die Mütze ab, die er ihr geschenkt hatte. Ihr persönliches Zeichen für den Abschied von ihrem alten Ich.
Und dann holte sie mit ihren zusätzlichen Armen aus.
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