3.Glorfindels Tapetenwechsel

GeschichteAllgemein / P12
09.03.2007
18.04.2007
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Oh, ich glaube, ich mag Glorfindel. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich wieder eine kleine Story über ihn geschrieben hab.
Aber warum nicht, man könnte ja glatt eine Gewohnheit draus werden lassen, immerhin habe ich ihn bereits verheiratet und zum Friseur geschickt.

Was da noch fehlt?

Ein Tapetenwechsel., schoss es mir durch den Kopf, als ich in meiner Bude auf der Leiter saß. Obwohl, bevor der Gute seine weitläufigen Gemächer einer Verjüngungskur unterzieht, könnte er eigentlich mir zu Hilfe kommen.

Mal ehrlich: auf einer unbequemen Leiter zusitzen und über Kopf eine endlos lange Dachschräge zu tapezieren, während einem der Kleister auf den Kopf tropft, gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen...

Und während ich also meine vier Wände tapezierte, allein wohlbemerkt, weil sich die Schuldigen an diesem Desaster mit Worten wie „Du schaffst das schon. Wir vertrauen da ganz auf dich...“ verdrückt hatten, formte sich in dem Teil meines Gehirns, dass nicht mit Berechnungen zu Längen und Aussparungen der Tapetenbahnen beschäftigt war, diese kleine Geschichte...

GLORFINDELS TAPETENWECHSEL

oder:
 

Vom Unterschied zwischen Schwert und Pinsel
 



Rot.

Rot wie Blut.

Oh, er konnte es einfach nicht mehr sehen. Seine sogenannten ‚Eigenen Vier Wände’ – auch wenn die Bezeichnung etwas minimalistisch angehaucht war, wenn es um die Gemächer des Lord Glorfindels ging – waren vor langer Zeit einmal rot gestrichen worden.

Damals hatte ihm der Gedanke gefallen, in Räumen zu residieren, deren Farbgebung an Purpur, wenn auch nur entfernt, erinnerte. Die Farbe der Könige schien genau das Richtige für den Wohnsitz des Balrogtöters zu sein. Nebenbei war es damals auch sehr in Mode gewesen – hatte er sich damals sagen lassen.

Nun, wie gesagt, vor langer Zeit.

Jetzt, gute Zweitausend Jahre später ging ihm diese Farbe, die nicht einmal echter Purpur war, gehörig auf die Nerven.

Da musste Abhilfe geschaffen werden. Ansonsten müsste er ausziehen und sich von Elrond eine Kur verschreiben lassen.

Voller Tatendrang begab sich deshalb Glorfindel zu Elrond, dem Herrn von Imladris, und unterbreitete ihm seinem Vorschlag von einem Tapetenwechsel. Zu seinem Entsetzten allerdings lehnte dies Elrond kategorisch ab. Es liefen zur Zeit die Vorbereitungen zum Fest der Sommersonnenwende und sämtliche Handwerker, die der Mikrokosmos Bruchtal zu bieten hatte, waren entweder mit dem Aufbau der Bühne für das Schauspiel, das stattfinden sollte, beschäftigt, oder außer Haus, um in den umlegenen Ortschaften der Menschen das Material dazu zu beschaffen. Es war ein riesiges Spektakel geplant, mit Gästen aus ganz Mittelerde, weshalb diesmal die extravaganten und etwas deplazierten Wünsche eines einzelnen Elbenfürsten, und hätte er noch so viele Balrogs getötet und wäre genauso oft gestorben, nicht berücksichtigt werden konnten.

Und überhaupt, bevor wenigstens ein Zeitalter vergangen war, wurde gar nicht vorgerichtet. Und SO schlecht sähe das Rot ja nun auch wieder nicht aus.

Nein, Fürst Glorfindel würde mit seiner Renovierung warten müssen – oder sie selbst machen.

Etwas, was für einen Fürsten und noch dazu einem elbischen natürlich nicht in Frage kam. Dann könnte er ja auch gleich sein Bad putzen, seine Trainingskleider waschen und – weil er eben mal so schön dabei war – seine kaputten Strümpfe stopfen.

Wozu hatte Eru denn Handwerker erfunden, wenn nicht dazu, seinen geliebten, blaublütigen Elbenlords das Leben zu erleichtern?

Und doch, Glorfindel kam ins Grübeln. Das Fest war erst in zwei Monaten (was irgendwie die Frage aufwarf, wieso jetzt schon mit den Vorbereitungen dafür begonnen wurde, aber Glorfindel maßte sich nicht an, nachzuhaken, er war nicht unbedingt ein Organisationstalent – dafür war Erestor zuständig) und selbst wenn es erst mal vorbei war, würden die Abbauarbeiten noch mal mehrer Wochen in Anspruch nehmen und sicher gäbe es dann noch mehr andere und unwichtige Dinge zu tun, so dass er mit neugemachten Gemächern wohl erst zur Wintersonnenwende rechnen könnte.

Wobei auch das mit einem bombastischen Fest gefeiert werden würde und somit noch in den Sternen stand, ob ein paar Handwerker irgendwann ein paar freie Minuten finden würden, ihm seine Räume neu zu streichen.

Ja, und nach der Wintersonnenwende kam das Frühlingsfest, dann die wieder notwendigen Reparaturen der Winterschäden an Ställen, Weidezäunen und den Dächern, die Instanzsetzung der Bewässerungsanlagen, bis es wieder Zeit war für das Sommersonnenwendfest.

So betrachtet könnte er auf eine neue Wandfarbe bis zum Untergang Mittelerdes warten.

Es sei denn, Glorfindel tat es selbst. Dann könnte er schon Morgen fertig sein.

Theoretisch.

Theoretisch sollte es ja auch nicht so schwer sein, ein paar Wände zu streichen, neue Teppiche, Vorhänge und Auflagen zu besorgen.

Ja, Glorfindel fasste den Entschluss gleich am nächsten Tag mit der Renovierung zu beginnen.

Er hasste das Rot. Wirklich.

Am nächsten Morgen hatte er dann unter Gestöhne und Geächze seine schweren Möbel in die Mitte der Räume geschoben, die Teppiche zusammengerollt draußen auf den Flur gelegt, für den nächsten Sperrmüll (in 100 Jahren), und alles, was seine alte Farbe behalten sollte, mit Tüchern abgedeckt.

Konzentriert untersuchte er den Inhalt der Kiste, die ihm einer der Maler in die Hand gedrückt hatte und hielt bald ein seltsames – zumindest in seinen Augen – Gerät in der Hand.

„Na du?“ rutschte es Glorfindel heraus, als er das Teil prüfend hin und her drehte.

Bizarr.

Jetzt redete er schon mit einem Werkzeug aus einem grob gedrechselten Holzgriff, der in einen flachen Metallplatte endete, die nach vorne hin breiter wurde.

Wie hatte der Handwerker das Teil noch mal genannt? Spatel? Nein, eher nicht, aber es war ja auch eigentlich egal. Es war dazu da, die alte Farbe von den Wänden zu kratzen, denn drüber zu streichen könnte der größte Fehler in Glorfindel Leben werden – hatte der Maler gesagt.

Die Farbe herunter zu kratzen, war demnach der zweitgrößte Fehler.

Der Spachtel – Glorfindel wusste es wieder – fuhr , und war er noch mit so viel Kraft auf die Wand gedrückt, über die Farbe und hinterließ nicht einmal Schleifspuren.

Also entweder benutze er das Werkzeug falsch, was völlig ausgeschlossen war, oder aber diese Farbe machte ihren elbischen Produzenten alle Ehre und war extrem haltbar. Glorfindel meinte sich plötzlich zu erinnern, dass der Handwerker etwas sardonisch gelächelt hatte, als er ihm die Kiste überlassen hatte. War das vielleicht Absicht gewesen?

Zähneknirschend betrachtete Glorfindel das, was bei seiner Arbeit bis jetzt herausgekommen war: nämlich nichts.

Er probierte es erneut.

Wieder geschah nichts.

Die Wand strahlte ihn unbeeindruckt und in immer noch makellosem Rot entgegen.

Das durfte doch nicht so schwer sein!

Er war Glorfindel o Gondolin und Imladris, Herr des Hauses der Goldenen Blume, Balrogtöter und einer der zwei Elda, die je die Ehre besessen hatten, von den Hallen Mandos zurückzukehren (wobei in seinen Augen Luthien nicht wirklich zählte, schließlich hatte sie sich weiblicher Hinterlist das Mitleid des Valars erschlichen, etwas das Glorfindel natürlich ganz und gar fremd wahr[o_-])

Theoretisch sollte ihn das Renovieren seiner Räumlichkeiten nicht vor allzu große Probleme stellen. Was konnte schon schwerer sein, als einen Balrog zu töten?

Farbe von den Wänden kratzen?

Das er nicht lachte!

Und doch... Glorfindel kam in Grübeln. Warum, verflixt und zugenäht, wollten Spachtel und Wandfarbe nicht so wie er wollte?

Frustriert setze der stolze Elbenfürst sich auf seinen Hosenboden und dachte angestrengt nach. Zugegeben, das war eine Tätigkeit, die er nur allzu oft Erestor überließ, aber den Ratsherrn wegen dieser Sache zu konsultieren, würde er dann doch nicht tun.

Wie war es noch mal gewesen, als er vor knapp 2000 Jahren nach Imladris gekommen war? Oh, er erinnerte sich an den Tag, als wäre es gestern gewesen, es hatte gestürmt und geregnet, als stünde das Ende der Welt kurz bevor, Elrond hatte sich kaum auf den Beinen halten können, so sehr hatte der Wind an ihm gezerrt und seine wohlgesetzte Begrüßungsrede hatte wohl auch niemand verstanden. Sie hatte sich über den Sturm ein paar sinnlose Worte zugeschrieen, sinnlos, weil sie, wie schon gesagt, eh niemand verstand und dann ins Haus geflüchtet.

Drinnen hatten dann Elrond und seine Ratsherren dann mehr Ähnlichkeit mit begossenen Pudeln gehabt denn mit hochrangigen Elbenfürsten. Er selbst wohl eher nicht, Glorfindel nahm für sich in Anspruch, einer der wenigen zu sein, die immer, und er meinte wirklich IMMER, perfekt aussahen, egal wie viele Liter Regen auf ihn eingeprasselt waren. Ein weiterer Titel, den er seiner bereits langen Liste hinzufügen könnte – hätte es ihn denn gegeben, den Titel.

Seine Räume, die man bereits für ihn zurecht gemacht hatte, waren grün gestrichen gewesen (Glorfindel schüttelte sich selbst noch nach all der Zeit bei dem bloßen Gedanken an diese unsägliche Farbe) und er hatte sofort das Angebot seines neues Fürsten angenommen, sie umzugestalten.

Damit hatte dann das Schicksal seinen Lauf genommen, die Maler hatten seine Wände mit diesem inzwischen beinah genauso unerträglichen Rot wie das Grün gestrichen (damals hatte er das selbstverständlich anders gesehen) und Klein Elladan, damals süße 6 Jahre alt, war in einen Farbeimer gefallen, begeistert gefolgt von Klein Elrohir, der seinen Bruder, so ganz in Rot, zum Quietschen fand, ganz im Gegensatz zu Celebrian, die es eher zum Schreien fand, stellte sich die Farbe doch als sehr... langanhaftend heraus.

Glorfindel grinste. Selbst nach all den Jahren war die Erinnerung an die zwei roten Elblinge (und sie waren immerhin einiger Wochen so herumgelaufen) zum Brüllen komisch.

Doch nicht bloß Ablenkung hatte ihm der kleine Ausflug in die Vergangenheit gebracht, nein, Glorfindel glaubte sich nun sehr genau daran zu erinnern, dass die Maler damals, diese rote Farbe, die sich so erfolgreich weigerte, von ihm abgekratzt zu werden, einfach ÜBER das alte Grün gestrichen hatten.

Na bitte, wer sagst denn.

Zufrieden mit sich und der Welt pfefferte Glorfindel den Spachtel in eine Ecke, zog den Eimer mit der Farbe zu sich heran, lupfte den Deckel, zwang sich den penetranten Geruch zu ignorieren und entschied sich für einen besonders großen Pinsel, den er einmal tief in die Farbe tunkte, um sich mit einem siegessicheren Lächeln erneut der Wand zuzuwenden.

„Du hast verloren.“

Glorfindel fühlte sich, wie in einem Kampf, wenn er alle seine Trümpfe ausspielend kurz davor stand seinen, ihm hoffnungslos unterlegenden Gegner zu entwaffnen. Kurz: er fühlte sich großartig.

Den Pinsel wie ein Schwert haltend, trat er einen Schritt auf die Wand zu.

Das Finale konnte beginnen.


***
wird fortgesetzt.
***

Es ist ja, man möge mir verzeihen, kein Tapetenwechsel im wörtlichen Sinne, aber, da ich nicht weiß, ob Elben Tapeten haben und man einen Pinsel besser mit einem Schwert vergleichen kann als eine Tapetenbahn und einen Topf voll Kleber (hätte natürlich auch was: Glorfindel, das Kleistermonster *grins* vielleicht komme ich noch mal darauf zurück) und ich das Wort „Tapetenwechsel“ besser find als „Renovierung“, bleib ich dabei.

Dabei, dass es eine Renovierung mit dem Titel Tapetenwechsel ist.

Basta.

b.n.

^_^