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Hallo Leben!

von Tharen
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
08.03.2007
08.03.2007
1
736
 
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08.03.2007 736
 
Autor: Tharen

Warnung: Wer gut gelaunt ist, sollte diesen Text nicht lesen.


Hallo Leben! – Liebe Grüße vom Aufenthaltsraum der Kadarvervebrennung. Auch Menschheit genannt.

Wie lang lässt sich ein Leben erzählen? Das habe ich mich mal gefragt. Ich habe nachgezählt. 3 Zeilen genügen. Mehr als ich vermutete, um ehrlich zu sein. Wenn alle Sinnlos- und Abartigkeiten weggelassen werden. Ich wurde geboren, weil zwei Verliebte im Vollrausch der Droge, Liebe genannt, vergessen haben ein Kondom zu nehmen. Ich bin aufgewachsen, weil ich den Zug, der mich überfahren sollte, leider wegen einem kaputten Wecker verpasst habe. Dafür hat ein anderer seine Gedärme auf den Schienen verteilt. Tja, Pech gehabt. Und ich werde nicht sterben, weil an dem Tag, wo ich in der Warteschlange des Todes ganz vorne stehe und sich kein Junky mehr unbedingt vordrängeln will, ein Mittel gefunden wird, um ewig leben zu können und ich Gevatter Tod kräftig in den Arsch treten kann. Das wollte ich schon immer mal tun. Dafür mussten leider schätzungsweise 20.000 Laborratten draufgehen. Schade. Hätte man sich noch einen schönen Mantel draus fertigen können.
So gehe ich also die Straße entlang. Auf der Suche nach einen Rattenpelzmantel und der Gewissheit, meinen Teil zur Überbevölkerung beizutragen. Ein schönes Gefühl. Meinst du nicht? Fast so schön, wie sich jeden Tag irgendwelche Talkshows rein zuziehen. Man holt sich das Notizbuch raus, beobachtet die gescheiterten Existenzen, die sich dort für ein Taschengeld prostituieren und bewertet mit einer Skala von 1 bis 10 wie armselig die Heutigen sind. Es lebe die neue Medienkultur! Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna? Wenn das eine Abkürzung für beschränkt, leidensschwer, unterbelichtet, neurotisch und arbeitslos ist - dann ganz sicher.
Auf meinen Weg durch die Straßen zünd ich mir eine Zigarette an. Wer nicht so lange leben will, wie die Wissenschaft es wünscht, muss schließlich was dafür tun. Ich wollte zu den hübschen überteuerten Läden, wo man nachzählen kann, wie viele Kinderhände dafür bluten und unwissende Pelzmaschinen (in ländlichen Gegenden noch Tiere genannt) das zeitliche segnen mussten. Doch ich konnte nicht, weil eine gaffende Menschenmenge den Weg versperrte. Offenbar ist ein alter Mann hier gestorben. Die Angehörigen haben anscheinend vergessen ihn rechtzeitig ins billigste Altersheim der Stadt unterzubringen. Verdammt. Kann der nicht woanders sterben? Dann brachten übermüdete Notärzte ihn in ihrem Krankenwagen weg. Ruhe sanft am Arsch Gottes, Opa.
Er wird sinnloserweise ins Krankenhaus gefahren und liegt dann wahrscheinlich noch tagelang in eine Art Tiefkühltruhe. Die hat er ganz für sich allein. Ist das nicht nett? Vorbei sind die Tage, wo man noch auf den Boden niederfällt und vor dem Leichnam, bevor er zu den Giftmüllresten in die Erde kommt, noch herzzerreißend schluchzt und schreit. Wir sind schließlich zivilisiert. Zuerst die Tiefkühltruhe, dann von einem Tanathologen die Illusion kaufen, dass er aussieht, als wenn er nur schläft, und schminken, obwohl er sich im Leben mit Händen und Füßen dagegen gewährt hätte. Erst dann zu den Giftmüllresten.
Im selben Stockwerk, wo der Opa in seiner frostigen Schublade liegt, in die er geschoben wurde ist ironischerweise gleichzeitig die Entbindungsstation. Klar, dem kleinen Etwas das blutüberströmt und frierend das Neonlicht der Welt erblickt, kann dann gleich gesagt werden. „Da bist du raus gekommen und dort drüben wirst du wieder rein geschoben werden.“ Ist doch praktisch. Mit seinem ersten Schrei ruft das Baby „Hallo Leben!“ und das Leben ruft zurück „Hallo, du kleiner Parasit. Willkommen bei den Sperrmüllabfällen des Daseins.“ Der Roman deines Lebens ist geschrieben, bevor du das erste mal deinen eigenen beschissenen Namen gekotzt hast. Und die Eitergeschwüre der Gesellschaft dringen, kaum das du laufen kannst, schon in den Slams deiner Seele ein und sind die größten Sittenstrolche in dem Ghetto deiner Gefühle.
Seht’s ein. Adam und Eva kommen blind und taub auf die Welt und versuchen diese Talente ihr ganzes Leben lang noch zu verbessern. Also viel Spaß noch auf dieser durchgefickten Erde, wo Hirnkrebs an die nächste Generation weiter gegeben wird, als wäre es der Herzschlag. Eine Welt mit Rissen, die schnell mit Uhu-Kleber ausgebessert werden. Die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen ist Suizid? Schnell ein bisschen Klebstoff drauf - oder schnüffeln, bleibt dasselbe. Und schon gibt es keinen Suizid mehr. Keine Todesursachen. Keine Probleme. Keine Jugendliche? Okay, an Klebstoff schnüffeln zu verrecken ist kein Suizid, also ist das schon mal ein Fortschritt, nicht wahr?
Ich denke ich werde wieder zurück in die Mülltonne meiner Wohnung gehen, bevor ich mir durch die falschen grinsenden Gesichter auf meinen Wegen eine Augenschleimhautentzündung hole.
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