Die Macht der Verdrängung

GeschichteDrama / P12
25.02.2007
25.02.2007
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Es gibt Momente im Leben eines Mannes, in denen man sich eindeutig eher auf konzentrierte Beinarbeit als auf möglichst provozierende Mundarbeit konzentrieren sollte. Dieser Augenblick gehörte eindeutig dazu. Ich rannte, wie ich noch nie zuvor in meinem verdammten Leben gerannt bin. Ich flog eigentlich schon fast den Strand entlang. Bemerkte nicht mal mehr die Muscheln, die meine Füße zerschnitten und die ich sonst immer gekonnt zu umgehen wusste. Ich rannte und rannte und rannte und versuchte dabei verzweifelt nicht an das zu denken, was hinter mir äußerst unkonventionelle Geräusche verursachte. Was für Geräusche? Oh glaubt mir, Geräusche, die niemand in seiner Nähe hören möchte. Geräusche, die einem die Nackenhaare aufstellen und dieses unangenehme Ziehen im Steißbein und in den Zähnen verursachen. Geräusche, die einen Nachts aus dem schlimmsten Alptraum auffahren lassen und Wünsche wecken, wieder zu träumen. Geräusche, die eine aufgebrachte, eine wütende - nein, eine wutschnaubende und schaumgeifernde, eine wildgewordenene Schwester mit glühend heißem Sand unter den Füßen und gestohlenem Tagebuch verursacht. "ROOOOOOBEEEERT!!!!!", kreischte es hinter mir. Ich legte noch etwas an Tempo zu, mit dem Tagebuch meiner Verfolgerin unter dem Arm. "Bleib sofort stehen du Scheißkerl!!" Fast geschmeichelt rannte ich weiter und sprang geschickt über einen kleinen Felsen. Hinter mir kreischte es  weiter: "Wenn ich dich erwische du Arschloch!! Ich werd dir alle Nasenhaare einzeln ausreißen!! Komm sofort her!!" In der Tonlage der letzten Worte war ein leichtes Schwanken zu vernehmen, so als ob jemand, in nicht allzu weiter Entfernung plötzlich Strauchelt und Stolpert. Amüsiert warf ich einen Blick über die Schulter - und bereute es im selben Augenblick wieder. Irgendetwas Algenartiges wickelte sich um meine Füße und ich flog in mehr oder weniger elegantem Bogen dem Boden entgegen. Mit Sand und Algen und sonstigen Strand-Utensilien zwischen den Zähnen fluchte ich wild vor mich hin, während ich panisch nach meiner Brille und dem Tagebuch meiner Schwester fischte. "Verdammte Scheiße! Dreckiger Mist! Mist verdammter! Arrgh!!" Dicht neben meinem Kopf stampfte mit voller Kraft ein Stiefel in den Sand. Eher durch Zufall denn durch Geschicklichkeit wisch ich diesem aus. Mit der Linken fand ich meine Brille, mit der Rechten stieß ich mich vom Boden ab und rollte zur Seite. Fast gleichzeitig warf ich meine Brille auf die Nase und sprang auf. Drei muskelbepackte Männer standen vor mir. Einer von ihnen hielt meine Schwester brutal fest. Ein anderer blickte mich über seine Sonnenbrille hinweg an. "Du bist schnell für eine Brillenschlange wie dich!", seine Stimme war vollkommen monoton, es war nicht die geringste emotionale Schwankung zu hören. Auf seinem Gesicht zeichnete sich wie in Zeitlupe ein Grinsen ab, das bis auf seine diabolische Erscheinung fast schon kindlich wirkte. "Aber das wird dir nichts nützen, Arschloch!" Seine Bewegung erkannte ich erst spät, zu spät. Die Faust traf genau meinen Magen. Ich würgte und krümmte mich zusammen. Doch bevor sein nächster Schlag meinen Rücken traf lies ich mich fallen und trat zu. Meine Ferse bohrte sich in etwa weiches und ich hörte über mir ein überraschtes Keuchen. Der Sonnenbrillenmann ging neben mir zu Boden und ich dankte meinen Reflexen, als sich zwischen meinen Beinen ein Stiefel in den Sand rammte. Noch während ich mich über die Rettung meiner familiären Zukunft freuen konnte, traf meine Handkante die Kniekehle des Stiefelkerls. Das Bein klappte zusammen und sein erstauntes Gesicht kam auf meiner Höhe zum stehen. Ich schlug zu. Der dritte Typ stand noch immer mit meiner Schwester da, hielt sie mit einer Hand fest und betatschte mit der anderen ihre Brüste während er mich erwartungsvoll grinsend ansah. Gerade als ich ihm dieses Grinsen vom Gesicht wischen wollte, hörte ich hinter mir ein Stöhnen. "Ok, ich schein dich unterschätzt zu haben." Der Sonnenbrillenmann wischte sich mit seinem Jackenärmel über den Mund. "Du scheinst ja Spaß zu haben. Aber glaub mir zwei Dinge! Erstens, passiert mir das nicht noch einmal, ich bin etwas humorlos musst du wissen. Zweitens, wirst du es bereuen, nein, IHR werdet es bereuen, euch mit mir angelegt zu haben!" Immer noch diabolisch grinsend baute er sich vor mir auf. "Hey man! Ihr habt uns angegriffen und nicht umgekehrt! Also piss dich mal nicht an, wenn ich mich wehre! - Und sag deinem verdammten Handlanger da hinten, er soll seinen Wurm wieder einpacken, das ist ja eklig…" Diesmal erwartete ich seinen Schlag und entkam ihm. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass der Typ bei meiner Schwester aufgehört hatte zu grinsen, mich aber dafür feindselig anstarrte. Der Sonnenbrillenmann fing sein Gleichgewicht schneller auf als ich dachte. Statt einen Gegenangriff starten zu können musste ich erneut ausweichen. Dann mischte sich auch noch der Stiefelkerl wieder ein. Als ich mich fallen lies um einem Schlag zu entkommen traf mich auf einmal eine Stiefelspitze knapp oberhalb meines Magens. Ich landete nicht mehr ganz so in der Hocke, wie ich es vorhatte, aber der Schwung reichte noch immer. Mit aller Kraft stieß ich mich vom Boden ab. Den ersten traf ich genau auf den Solarplexus, der zweite ging nach einem Schlag in Richtung seines Kehlkopfes zu Boden. Und diesmal kam ich genau richtig auf. Noch drei Meter trennten mich von meiner Schwester. Ich sprintete los und holte gleichzeitig aus. Eine Sekunde später blieb ich wie angewurzelt stehen. Mitten in der Bewegung hörte ich auf mich zu bewegen. Doch ich verlor nicht mal das Gleichgewicht. Wieder dankte ich meinen Reflexen. Der letzte Scheißtyp hatte plötzlich ein Messer in der Hand, das gerade im Begriff war, sich in meinen Hals zu Bohren. Er grinste. "Endstation Kleiner" Seine Stimme klang verdammt rauchig und schmierig. Meine Schwester sah mich flehend an, trotz der Furcht in ihren Augen, hätte ich in ihnen versinken können. Um ihren Hals lag eine kräftige Hand, bereit, zuzudrücken. Ich bewegte mich nicht, und auch er machte keine Anstalten an dieser Situation etwas zu ändern. Meiner Schwester liefen Tränen über die Wangen. Kleine, zarte Tränen, die auf ihrer Haut in allen Farben glänzten. Der Wind spielte in ihren Haaren, als ob er sie trösten wollte. Die Sonne spiegelte sich in den kleinen Salzkörnern auf ihrer Haut, die das trocknende Wasser zurückließen. Ich war fasziniert von ihrem Anblick, ihrer Schönheit. Geistesabwesend spürte ich, wie ein feines, warmes Rinnsal meinen Hals hinunter rann. Die Metallspitze spürte ich nicht. Mein Blick war gefangen von der Gestalt meiner Schwester. Von ihrem Anblick, ihrer strahlenden, zarten Gestalt. Ich war wie hypnotisiert. Ihre Augen schrieen um Hilfe, ihre Tränen flehten mich an und schienen gleichzeitig überzuquellen voller Zuneigung und Angst - um mich. Irgendwo weit entfernt hörte ich Motorengeräusche. Die Küstenwache drehte ihre tägliche Runde. Wenn sie drei Menschen einfach hier stehen sah, würde sie uns nicht weiter beachten. Unsere einzige Chance bestand darin, irgendwie auf uns aufmerksam zu machen, zu schreien. Aber solange der Messertyp meine Schwester in seiner Gewalt hatte, konnte ich nichts unternehmen. Außerdem bestand jederzeit die Gefahr, dass die anderen beiden wieder aufwachten. Ich sah in ihre geliebten Augen, sah ihre Verzweiflung, ihre Angst und ihre Liebe. Spürte das kalte Metall, die Anspannung und ihre Liebe. Wurde durchflossen von Adrenalin, Angst - und ihrer Liebe. In diesem Moment fasste  ich den Entschluss. Ich sah ihr fest in die Augen. Sagte ihr, dass ich sie liebte, meine eigene Schwester begehrte; dass sie keine Angst haben bräuchte, mir vertrauen solle, sie schreien müsse und unsere Eltern grüßen. Meine Lippen bewegten sich nicht, aber ich wusste, dass sie mich verstand. Ich sah es an ihren weit aufgerissenen Augen, ihrer plötzlichen Panik. Dann schrie sie. Sie brüllte  mich an, flehte mich an, schrie all ihre Verzweiflung mir entgegen. Ich registrierte dies nur durch einen dichten Schleier. Im Bruchteil einer Sekunde griff ich an meinen Gürtel und zog mein Messer. Mein altes, treues Messer, das Geschenk meines Großvaters. Entschlossen streckte ich den Arm und trat einen Schritt nach vorne. Keine Zeit, den Arm zu beachten, keine Zeit mich zu wehren. Ich schaffte es gerade irgendwie ihn leicht zur Seite zu drücken. Lächelnd sah ich in seine schockierten Augen. Spürte warmes Blut über meine Hand sickern - sein Blut. An meinem Hals spürte ich ein Brennen und sich ausbreitende Wärme - ich ignorierte es. Die Augen des Messertypen wanderten langsam meinen Arm entlang, zu seiner Brust. Er hatte die Bewegung nicht mal kommen sehen, keine Chance gehabt. Meine Knie gaben plötzlich nach und ich fiel in den Sand. Neben meinem Kopf bildete sich eine Blutlache. Ich schmeckte den Eisengeschmack in meinem Mund. Das Gesicht meiner Schwester war ganz nah bei meinem, vor Tränen und Verzweiflung zu einer Grimasse verzogen. Sie bewegte die Lippen, rief irgendetwas, doch ich verstand sie nicht. Es war so still um mich, still und warm. Hinter mir fiel der letzte Mann in den Sand. Ich spürte, wie es um mich herum schwarz wurde und die Augen meiner Schwester verschwanden. Mit Mühe schaffte ich es den Mund zu öffnen: "Schlaf gut…"