Die Macht der Verdrängung

GeschichteDrama / P12
25.02.2007
25.02.2007
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Hey ho!
Also, erstmal das obligatorische:
Diese Geschichte ist frei erfunden, jegliche Ähnlichkeit mit real existierenden Personen ist rein zufällig. Copyright liegt bei mir.
Dann:
Ahm, ja. Ich hatte keine Lust auf die "übliche" Form einer Geschichte. Also mehr oder minder komplexer Handlungsrahmen, eine Erzählperspektive und der berühmte rote Faden. Also hab ich was anderes ausprobiert. Obs publikumstauglich ist, weiß ich noch nicht, dafür seid ihr da! ^^ Demnach: Kritik, wenn konstruktiv sehr erwünscht und erbeten! ;)
Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass es drei Mal die selbe "Geschichte" ist, nur nach unterschiedlich vergangener Zeit erzählt. Vielleicht verteht so einer mal den Titel... oo"




Es gibt Momente im Leben eines Mannes, in denen man sich eindeutig eher auf schnellere Beinarbeit als auf möglichst provozierende Mundarbeit konzentrieren sollte. Dieser Augenblick gehörte eindeutig dazu. Ich rannte, wie ich noch nie zuvor in meinem gottverfluchtem Leben gerannt bin. Ich flog eigentlich schon fast den Strand entlang. Bemerkte nicht mal mehr die Muscheln, die meine Füße zerschnitten und die ich sonst immer bewusst zu umgehen suchte. Ich rannte und rannte und rannte und versuchte dabei verzweifelt nicht an das zu denken, was hinter mir äußerst unkonventionelle Geräusche verursachte. Was für Geräusche? Oh glaubt mir, Geräusche, die niemand in seiner Nähe hören möchte. Geräusche, die einem die Nackenhaare aufstellen und dieses unangenehme Ziehen im Steißbein und in den Zähnen verursachen. Geräusche, die einen Nachts aus dem schlimmsten Alptraum auffahren lassen und Wünsche wecken, wieder zu träumen. Geräusche, die eine aufgebrachte, eine wütende - nein, eine wutschnaubende und schaumgeifernde, eine wildgewordenene Schwester mit glühend heißem Sand unter den Füßen und gestohlenem Tagebuch verursacht. "ROOOOOOBEEEERT!!!!!", kreischte es hinter mir. Ich versuchte noch etwas an Tempo zuzulegen, mit dem Tagebuch meiner Verfolgerin unter dem Arm. "Bleib sofort stehen du Scheißkerl!!" Fast geschmeichelt rannte ich weiter und stolperte fast über einen kleinen Felsen. Hinter mir kreischte es  weiter: "Wenn ich dich erwische du Arschloch!! Du kannst für den Rest deines Lebens auf meine Alibis verzichten!! Ich werd dir alle Nasenhaare einzeln ausreißen!! Komm sofort her!!" In der Tonlage der letzten Worte war ein leichtes Schwanken zu vernehmen, so als ob jemand, in nicht allzu weiter Entfernung plötzlich Strauchelt und Stolpert. Amüsiert warf ich einen Blick über die Schulter - und bereute es im selben Augenblick wieder. Irgendetwas Algenartiges wickelte sich um meine Füße und ich flog in mehr oder weniger elegantem Bogen dem Boden entgegen. Mit Sand und Algen und sonstigen Strand-Utensilien zwischen den Zähnen fluchte ich wild vor mich hin, während ich panisch nach meiner Brille und dem Tagebuch meiner Schwester fischte. "Verdammte Scheiße! Dreckiger Mist! Mist verdammter! Arrgh!!" Plötzlich spürte ich einen Fuß zwischen meinen Schulterblättern, der mich unbarmherzig in den Sand drückte. Doch der Druck auf meinem Rücken, war nicht der einer, trotz allem, liebenden Schwester, die aufgebracht versucht, ihren Bruder zu bestrafen. Der Fuß, der mit kalter Brutalität meine Wirbelsäule bog, bohrte sich tiefer und tiefer zwischen Muskeln und Knochen. Entsetzt vor Schmerzen schrie ich auf und versuchte dem folternden Druck zu entkommen. Doch es gab kein Entrinnen. Mein Brustkorb wurde in den Sand gepresst, so dass meine Lungen kaum noch Luft aufnehmen konnten. Ich keuchte und stöhnte, den Mund voller trockenem, ekligem Sand. Dicht neben mir spürte ich den warmen Atem eines Menschen. Eines fremden Menschen. Ein Seufzen ertönte und eine tiefe, schneidende Stimme flüsterte in mein Ohr: "Robert, Robert… Es gibt Dinge, die tut ein Mann einfach nicht. Der Schwester das Tagebuch stehlen gehört zu diesen Dingen." Diese schmierige, erzwungene Freundlichkeit in der Stimme des Mannes war geradezu lächerlich. Ich keuchte vor Schmerzen, als sich der Fuß auf meiner Wirbelsäule hin- und herdrehte. "Das wahr wirklich nicht gerade freundlich von dir, Robert. Wir werden dich dafür bestrafen müssen. Und deine Schwester auch, sie hätte ihr Heiligtum ja auch besser verstecken können, nicht wahr?" Die Stimme hatte sich verändert. Sie war kühler, gemeiner. Irgendwie wirkte sie so… Echter. "Wer sind Sie verdammt?!", brachte ich stöhnend und dumpf hervor. Mit einem Mal verschwand der Fuß auf meinem Rücken, ein stechender Schmerz blieb und ich rang nach Luft. Mühsam und umständlich versuchte ich aufzustehen, doch eine Hand riss meinen Kopf brutal nach oben. Kurz vor meinem Gesicht konnte ich die stark verschwommenen Umrisse eines Gesichts erkennen. Ich spürte den panischen, süßen Atem meiner Schwester, hörte ihr schmerzerfülltes Keuchen und Stöhnen. Jemand setzte mir meine Brille wieder auf und ich erkannte ihr Gesicht. Nun ja, ich glaubte es zu erkennen. Ihre Stirn war blutverschmiert, ihre Wangen verklebt von Salzwasser und Sand. Haare hingen strähnig über zahlreiche kleine Schnittwunden an Hals und Nacken. Sie hatten sie geschlagen. Sie hatten sie getreten. Sie hatten sie ins Meer getaucht und durch schneidende Muscheln und Sand gezogen. Sie hatten ihr die Kleider zerrissen und sich an ihrem hilflosen Anblick aufgegeilt. - Voll brennendem Hass bäumte ich mich auf, schlug wild um mich, traf sogar irgendwas - doch die Hand in meinen Haaren griff nur noch fester zu und riss meinen Kopf in den Nacken. Ich schrie, ich fluchte und ich schlug. Ich wollte sie verletzen, wollte sie leiden sehen, für das, was sie meiner geliebten Schwester angetan hatten. Doch alles was ich erreichte, war ihr bösartiges, schneidendes Lachen. Ich schrie lauter, ich schrie um Hilfe. Aber es war sinnlos. Wir waren nicht umsonst in dieser abgelegenen Bucht, hier kam niemand her. Nicht öfters als einmal am Tag, wenn die Küstenwache hier entlang fuhr. Vor meinen Augen blitzte plötzlich etwas auf. Jemand hielt mir ein Messer vor die Augen und seufzte genervt: "Halt die Klappe man, hier hört dich eh keiner…" Ich sah, wie sich das Messer dem Gesicht meiner Schwester näherte. Verzweifelt versuchte ich die Hand in meinem Haar zu fassen, mich zu befreien, irgendwie zu ihr zu kommen. Sie zu retten, ihr nahe zu sein. Ich war zu schwach. Tränen stiegen in meine Augen und meine Muskeln brannten heißer als Feuer. Jemand drehte meine Arme gewaltsam auf meinen Rücken. Was eigentlich hätte wehtun müssen, spürte ich nichtmals mehr. Meine Augen waren an die meiner Schwester geheftet. Ihrem flehenden Blick, mit den Tränen und dem Blut. An die Augen, die scheinbar verstanden, was die meinen zu erklären suchten. Ich versuchte mich zu bewegen, noch einmal all meine Kräfte zusammen zu reißen und mich zu befreien, ihr zu helfen. Doch meine Muskeln gehorchten mir nicht mehr. Ich sah regungslos zu, wie sie meiner Schwester die letzten, zerrissenen Klamotten vom Leib schnitten. Ich sah regungslos zu, wie sie meiner Schwester mit dem Messer über den Körper fuhren und kleine, feine, rote Linien hinterließen. Ich lies es regungslos geschehen, dass sie mich fesselten und knebelten, so dass ich kaum noch Luft bekam und sie mich lachend durch den Sand traten. Und ich sah regungslos zu, wie drei Männer meine Schwester schlugen und vergewaltigten. Sie bewegte sich nicht mehr. Ich sah, dass sie atmete, doch ihre Augen waren abwesend. Sie zuckte nicht mal zusammen, als sie Alkohol in ihre Wunden kippten. Sie hatte aufgegeben, genau wie ich, und wartete nur noch darauf, dass es vorbei war. Doch es war nicht vorbei. Es sollte niemals vorbei sein. Sie nahmen sie mit. Ein alter Jeep tauchte auf und nahm sie alle mit. Alle, bis auf mich. Ich hörte, wie sich die Motorengeräusche immer weiter entfernten. Ich hatte meine Brille wieder verloren. Ich spürte, wie von Zeit zu Zeit brennendes Meerwasser über meinen Körper strich. Langsam lies das Adrenalin nach. Die Schmerzen kamen zurück. Höllische Schmerzen. Überall. Alles an meinem Körper brannte, selbst mein Inneres schien zu Asche zu verfallen. Ich fühlte mich betäubt. Meine Schwester war weg. Meine geliebte Schwester. Und ich lag allein, irgendwo am Strand, an unserem Strand. Ich hörte das Meer leise und tröstlich Rauschen. Ich spürte die Wellen sanft über meine Haut streicheln. Ich war allein. Ganz allein. Tränen liefen über meine Wangen, brannten in den Wunden. Ich weiß nicht, wie lange ich so da gelegen habe. Irgendwann hörte ich Motorengeräusche auf dem Wasser, die langsam näher kamen. Die Küstenwache fuhr in einiger Entfernung am Strand vorbei. Ich machte mir nichtmal die Mühe zu versuchen auf die Beine zu kommen. Aus meiner ausgetrockneten Kehle drang nur ein staubiges Krächzen. Trotzdem drehte das kleine Schiff bei und steuerte auf mich zu. Später erzählte man mir, man habe mich für Treibholz gehalten und wollte eigentlich nur den Strand säubern um die Zeit totzuschlagen. Kurz bevor das Schiff den Strand erreichte, verlor ich das Bewusstsein. Man brachte mich sofort in ein Krankenhaus. Meine Wunden waren nicht wirklich gefährlich und ich wurde nach einem Tag wieder entlassen. Nach zwei Tagen stellte die Polizei die Suche nach meiner Schwester ein - Ergebnislos. Ich habe sie seitdem nicht wieder gesehen, noch irgendeine Spur von ihr gefunden. Nach dem Überfall besuchte ich noch ein einziges Mal die Bucht, um ihr Tagebuch zu suchen. Doch die Flut muss es fortgetragen haben. Nach nicht mal einem halben Jahr war der Vorfall in unserem Dorf vergessen. Nach einem Jahr wollte niemand mehr etwas davon hören. Und nach zwei Jahren wurde angezweifelt, dass ich tatsächlich reines Opfer war. Nach drei Jahren zog ich in eine andere Stadt und begann ein neues Leben.