Die Söhne der Sieben

von Lelis
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P18 Slash
24.02.2007
20.08.2009
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Dieses Kapitel
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»Sohn des Hochmuts«


Ein heftiger Wind wehte über dem dichten Tannenwald. Durch ihn wurde ein Eulenruf zu einem erbärmlichen Klageschrei verzerrt. Es war kalt. Der Himmel wolkenlos. Da jedoch Neumondnacht war, erhellten nur vereinzelte Sterne den schmalen Pfad durch die Bäume. Selten hatte ich die menschliche Welt so unwirtlich erlebt, dennoch lief ich hier durch die Nacht anstatt in das warme Schloss meines Vaters zurückzukehren. Ich hatte etwas zu erledigen. Die Sache war zu heikel, um sie aufzuschieben. Sie würde mir keine Ruhe lassen, bis ich nicht alles erfahren hatte. Also eilte ich entschlossenen Schrittes weiter.

Schon bald sah ich die ersten Anzeichen der Brut. Ein Skelett zierte eine Astgabel über meinem Kopf. Halb verwest lag eine weitere Leiche über einen Findling ausgestreckt. Naserümpfend erhöhte ich meine Geschwindigkeit. Es widerte mich an, wie unästhetisch sie mit ihren Opfern umgingen. Ich schämte mich fast für diese Hälfte meines Blutes.

Die Tannen lichteten sich. Der Boden wurde felsiger und stieg mehr und mehr an. Nun konnte ich die Schatten der Zitadelle in der Finsternis ausmachen. Nirgendwo waren Wächter zu sehen. Doch das hatte nichts zu bedeuten. Diese Wesen der Nacht verstanden es, sich selbst vor meinen Augen zu verbergen. Mit erhöhter Aufmerksamkeit näherte ich mich der felsigen Mauer. Es gab kein Tor. Man musste entweder fliegen können oder zumindest die Kunst des Kletterns beherrschen, um Einlass zu finden. Ich entschied mich für letzteres und senkte meine Krallen in das Mauerwerk. Mit nur wenig Anstrengung hatte ich das zehn Meter hohe Hindernis schnell bezwungen und landete weich auf dem Wehrgang. Doch dann spürte ich sie auch schon. Sie kamen aus beiden Richtungen in übermenschlicher Geschwindigkeit. Die Wächter.

„Wagt es nicht mich anzufassen“, zischte ich und wich ihren unreinen Händen, die schon nach mir greifen wollten wendig aus. „Sagt lieber meiner Mutter, dass ich gekommen bin!“

Damit sollte ihnen eigentlich genug Gelegenheit gegeben worden sein, mich zu erkennen. Doch sie waren zu jung und ich schon zu lange fort gewesen. Misstrauisch umstellten mich vier von ihnen – lachhaft. Ein Fünfter behielt mich aus erhöhter Distanz fürsorglich im Auge. Ich wandte mich an ihn, denn es war offensichtlich, dass er hier so etwas wie die Führungsposition innehatte.

Tatsächlich sprach er mich jetzt an: „Wer bist du und was willst du von unserer Mutter?“

„Eurer Mutter…“, spottete ich hämisch und strich mir mein Haar, das der Wind fortwährend in mein Gesicht blies aus selbigen. „Das möchte ich doch arg bezweifeln. Selbst wenn sie euch unreinen Kreaturen von ihrem Blut gegeben hätte, wäret ihr doch nur ihre Sklaven. Und jetzt geh und sag ihr, dass Halphas gekommen ist, um sie zu sehen.“

Eine gewisse Unsicherheit huschte über seine Züge, doch dann strafften sich seine Schultern und sein Mund spannte sich entschlossen. „Ich kenne dich nicht. Und den Namen Halphas habe ich nie gehört.“

„Möchtest du mich einmal kennen lernen?“, knurrte ich arg in meinem Stolz verletzt und sammelte schon die nötige Energie, um ihn mit einem Blick in die Knie zu zwingen. Es war ein Leichtes für mich. Er wusste gar nicht wie ihm geschah, als seine Kräfte aus dem Körper gesaugt wurden und er haltlos in die Tiefe fiel.

Die verbliebenen Nachtzehrer sahen ihm verwirrt hinterher. Ich nutzte die Gelegenheit, mich ihrer Aufmerksamkeit zu entziehen und sprang die Mauer an der anderen Seite hinunter, um mich unversehens in einem Garten wieder zu finden. Ich liebte blaue Rosen. Sie leuchten auch in der Nacht ganz hell. Plötzlich ohne Eile verweilte ich an einem Strauch und pflückte mir eine Knospe. Damit gab ich meinen Verfolgern, die sich nun von ihrem Schock erholt hatten, die Gelegenheit mich erneut zu stellen. Ich seufzte theatralisch: „Habt ihr noch nicht genug oder wollt ihr Mara endlich bescheid sagen, dass ich gekommen bin.“

„Was will ein Dämon aus der Hölle von unserer Mutter?“, erkundigte sich die einzige Frau unter ihnen misstrauisch.

Ich fauchte etwas ungeduldig: „Sie ist meine Mutter!“

„Was soll der Radau!“, fragte plötzlich eine herrische Stimme aus einem der Fenster des ersten Stockes. Eine blonde Frau musterte uns daraus streng. Dann fiel ihr Blick auf mich und sie verlor für einen Moment die Kontrolle über ihre Züge. Sie starrte mich fassungslos an, schluckte und wich dann vom Fenster zurück. Wenig später hörte man Schritte im Hof und eine Horde Vampire – ältere, würdigere – waren gekommen, um mich abzuholen. Darunter auch meine Amme, die blonde Frau. Ihr Name ist mir entfallen.

„Prinz Halphas.“ Sie verbeugte sich untertänig vor mir. „Die Mutter Mara wünscht, dass Ihr zu ihr kommt. Sie ist hocherfreut über Eure überraschende Ankunft!“

„Es geht doch.“ Ich lächelte zynisch und ließ mich von ihnen in die oberen Gemächer geleiten.

Meine Mutter lag in einem von Kerzenschein erhellten Raum auf einer altrömischen Liege. Ihr Haar breitete sich wie eine schwarze Flut über ihr antikes Wickelgewand aus, während ihr Gesicht natürlich noch genauso jung aussah, wie ich es in Erinnerung hatte. Sie war eine Schönheit. Als sie mir ein mildes Lächeln schenkte, blitzten hinter ihren roten Lippen weiße Reißzähne auf. Sie schien wirklich erfreut mich zu sehen.

Gierig streckte sie ihre schmale Hand nach mir aus, worauf ich zu ihr trat, sie annahm und meine Zähne in der zarten Haut versenkte. Die anderen Vampire verfolgten das Schauspiel atemlos. Das Blut ihrer Königin war unvergleichbar kostbar. Es enthielt die sich stets steigernde Vampirkraft von dreitausend Jahren. Nur wenige überlebten eine solche Zeitspanne. Es wäre ein Frevel gewesen, es nicht anzunehmen, auch wenn ich mich nicht nach dieser Kraft sehnte. Mit meiner weit geringeren Anzahl an Lebensjahren, hatte ich durch das Blut meines Vaters bereits eine immens größere Kraft entwickelt. Natürlich wusste Mara das. Sie schenkte mir ihr Blut als Zeichen der tiefsten Liebe, zu der ein kaltes Herz wie ihres fähig war.

„Halphas…“, wisperte sie lieblich. „Was für eine seltene Freude dich willkommenheißen zu dürfen. Aber sicher kommst du nicht grundlos… Was also führt dich in die Arme deiner Mutter zurück?“

„Schön dich zu sehen, Mara.“ Ich lächelte durchtrieben. „Scharfsinnig wie eh und je, möchte ich meinen.“

„Von irgendjemandem musst du es ja haben“, erwiderte sie mein Lächeln. „Wie geht es deinem Vater?“

„Wie immer, nehme ich an. Ich komme nicht von ihm“, erklärte ich und erntete damit die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Mutter.

Sie setzte sich auf und klopfte neben sich, damit ich mich zu ihr setzte. Ich folgte ihrem Wunsch. Ihre Hände strichen über meinen Rücken. Ihr feines Gesicht mir leicht zugeneigt, hakte sie nach. Ihre kalten Augen waren dabei leicht verengt. „Woher kommst du dann? Und weshalb? Normalerweise kommst du doch nur, wenn ihr euch gestritten habt. Weil du weißt, dass er niemals hierher kommen würde.“

„Hm ja… Er kommt nie zu dir. Weshalb?“

„Oh… wir verstehen uns nicht gut. Das weißt du doch.“ Verwundert strich sie mir eine Strähne aus dem Gesicht.

Ich nickte ungeduldig. „Ja, ich weiß. Aber den Grund kenne ich nicht. Es ist so seit meiner Geburt, doch nie hat es einer von euch zu erklären versucht.“

„Woher kommt dein plötzliches Interesse an diesen alten Geschichten?“ Meine Mutter lachte verlegen auf, sodass sich ihre gelblich grünen Raubtieraugen noch mehr verkniffen.

Ich schnaubte ungeduldig. „Schick deine Diener raus! Ich will mit dir allein sprechen.“

Sie gab den entsprechenden Wink, der ihre Untertanen eiligst fliehen ließ. Wir waren allein. Ich schwieg, um meine Gedanken zu ordnen. Doch meine Mutter wurde schnell ungeduldig. „Also gut. Sprich!“

„Was weißt du über Satan und meinen Vater?“, platzte es aus mir heraus.

Ein Schatten huschte über ihr schönes Gesicht, doch dann wurde es von einer verräterischen Leere befallen. Sie wusste etwas. Ich beugte mich etwas zu ihr vor und sah sie aus schmalen Augen an. „Ich weiß bereits von Belphegor, dass etwas zwischen ihnen ist, was ich nicht vermutet hätte. Also musst du es nicht leugnen. Ich will nur wissen, was du darüber weißt.“

„Warum fragst du Luzifer nicht einfach selbst?“, schlug Mara mit bissigem Unterton vor.

Ich wurde grimmig. „Das kann ich wegen Belphegor nicht tun. Also rede schon!“

"Da kommst du mich nach über hundert Jahren besuchen und dann nur um Klatschgeschichten über deinen Vater auszutauschen.“

„Würde es nur um meinen Vater gehen, wäre es mir gleichgültig. Aber er hat mich mit hineingezogen und Satans Sohn ist das Gleiche geschehen. Ich habe in ihm einen erbitterten Feind, ohne jemals etwas getan zu haben.“

„Du meinst Beleth?“, erkundigte sich Mara hellhörig.

„Ja“, stimmte ich irritiert zu. „Wen sonst?“

„Ich dachte nur immer, dass du ihn ebenfalls nicht leiden kannst, aber das hörte sich eben ganz anders an“, stellte meine Mutter mit Raubtiergrinsen fest. „Eher so als würdest du eure gemeinsamen Rivalitäten bereuen.“

„Unsinn. Dieser einfältige Klotz ist mir völlig gleichgültig!“, leugnete ich. „Es geht nicht um ihn, sondern um unsere Väter. Also?“

Ihr Lächeln wurde hinterhältig. „Nun, die Sache mit euren Vätern ist aber sehr eng mit Beleth verstrickt. Also hat Belphegor von dem Verhältnis der Beiden erzählt?“

„Mhm.“

„Und du weißt, wie lange das schon geht?“, wollte meine Mutter wissen.

Ich schüttelte gespannt den Kopf.

Meine Mutter schien sich plötzlich in ihrer Rolle als Enthüllerin zu gefallen. „Oh na dann, lass dich aufklären, Junge. Es ist ein Geheimnis und nur wenige wissen davon, ich nehme an, die anderen Fürsten der Hölle, ich und vielleicht die engsten Berater der beiden. Und es geht schon so seit dein Vater gefallen ist, vielleicht auch schon davor, wer weiß. Die beiden sind wie ein altes Ehepaar, deshalb streiten sie sich wohl auch so häufig.“

Man konnte die Verbitterung darüber deutlich in ihrer Stimme hören. Ich musste natürlich fragen: „Ach und wenn das schon solange geht, wieso gibt es mich dann?“

„Da kommen wir zum Auslöser des heftigsten Streit zwischen ihnen.“ Mara lächelte eisig. „Luzifer ist zu eingebildet, um treu zu sein. Er braucht dann und wann ein anderes Opfer, dass ihm verfällt und huldigt. Satan ist dagegen ein richtiger Moralpriester, zumindest ist er eifersüchtig wie die Pest. Hm und dein Beleth…“ Sie zwinkerte mir zu. „Ist das Resultat aus Satans Liebe zu deinem Vater. Er hat ihn quasi als ihren Sohn geschaffen. Da hat Luzifer kalte Füße bekommen und ist in mein Bett gekrabbelt. Du warst mehr ein Unfall, auch wenn dich das vielleicht kränkt. Satan hat es deinem Vater aber sehr übel genommen, dass er Beleth einen kleinen Bruder gemacht hat, so übel, dass er Beleth für sich allein behalten hat und so kam es, dass sie euch als Werkzeuge benutzt haben, um den anderen zu verletzen.“

„Beleth war als Kind der beiden gedacht?“, fragte ich mit großen Augen.

„Nein, er ist das Kind der beiden. Keine Ahnung wie Satan das angestellt hat, aber in Beleth fließt der beiden Blut. Satan war immerhin bei der Schöpfung dabei. Er weiß, wie man so etwas bewerkstelligt. Nur dein Vater wusste es wenig zu würdigen.“

Ich lehnte mich zurück und gab mir alle Mühe, die neuen Informationen zu verdauen. Mara ließ mich gnädigerweise für eine Weile in Ruhe. Sie widerstand sogar dem Drang mich ständig streicheln zu müssen. Schließlich seufzte ich tief auf und sah sie mit großen Augen an: „Dann ist Beleth mein Halbbruder?“

„Wenn du es so siehst, ja“, bestätigte Mara amüsiert. „So schlimm?“

„Nein“, gestand ich und lächelte plötzlich dreist. „Nein, ich finde nur, ich sollte es ihm möglichst schnell erzählen.“

„Tatsächlich?“, spottetet Mara lang gezogen. „Ich dachte, er wäre dir so gleichgültig.“

„Ist er auch“, log ich- „Es ist nur so, dass ich sein dummes Gesicht sehen will, wenn er es erfährt.“

„Ich kenne sein dummes Gesicht nicht“, gestand meine Mutter und lehnte sich zu mir hinüber, um mir tief in die Augen zu sehen. „Beschreib ihn mir! Ich bin neugierig wie der Sohn der beiden aussieht? Wem gleicht er mehr?“

„Nun, ich kenne Satan wiederum nicht persönlich“, gab ich widerstrebend zu. „Allmählich wird mir auch klar, warum er es so vermeidet mich zu sehen. Auf allen Versammlungen zu denen auch ich gekommen war, fehlte er nämlich. Ich nahm immer an, es wäre wegen Luzifer gewesen… Ich weiß also nicht, ob er seinem Vater ähnelt. Meinem ähnelt er jedenfalls nicht. Er ist ein Riese und breit wie ein Schrank.“

„Nein, das klingt nicht nach Luzifer“, stimmte Mara zu. „Weiter! Sieht er gut aus?“

„Warum willst du das wissen?“, fragte ich noch zurück, aber dann erzählte ich es ihr doch. Ich konnte mich nicht beherrschen. Es machte mir Spaß, Beleths Bild vor meinem inneren Auge heraufzubeschwören, auch wenn ich mich dafür selbst verachtete und ich immer noch wütend auf diesen Idioten war. Seine Kaltschnäuzigkeit am Ende unseres Aufenthalts, am Morgen nach unserem gemeinsamen Spiel, hatte mich mehr als nur gekränkt. Dabei konnte er doch unmöglich leugnen, dass es ihm auch gefallen hatte.

„Er hat schwarzes Haar, immerhin darin sind er und Luzifer sich ähnlich, aber seine Augen sind blutrot und glimmen, wenn er zornig wird, was unglaublich schnell geschieht. Er sieht gut aus, ja“. gab ich widerstrebend zu. „Er ist unglaublich maskulin und strotzt nur so vor überschüssigem Testosteron. Er hat einen sehr muskulösen Körper, wirkt aber trotzdem nicht plump, auch wenn er sich manchmal so gedankenlos bewegt, dass er einen zerquetschen könnte, wenn man nicht aufpasst. Seine Oberarme kann ich mit beiden Händen nicht umfassen. Und seinen…“ Ich verschluckte den Rest und grinste nur bei dem Gedanken, ehe ich fort fuhr. „Er hat spitze Ohren und trägt schwere goldene Ringe am Rechten. Seine Brauen sind dicht und gerade. Er wirkt fast intelligent, wenn er nicht den Mund aufmacht.“

Mara gluckste erheitert. Ihre Augen funkelten mich durchtrieben an und ich fragte mich, ob ich schon zu viel verraten hatte. Doch sie amüsierte sich über etwas anderes: „Er ist nicht der Hellste? Zu viele Muskeln, etwa auch da, wo sein Gehirn sein sollte? Hat Satan es damit übertrieben?“

„Nein, ich glaube nicht, dass es daran liegt“, gab ich nachdenklich zu. „Er kann nachdenken, er ist nur sehr langsam. Wenn es um das Ersinnen von Schlachtplänen geht, ist er unangefochtener Meister. Nicht einmal ich kann da mit ihm mithalten. Aber sobald es um Dinge geht, in denen er nicht so viel Erfahrung hat, Intrigen, Gedanken anderer betreffend oder ihm fremde Gefühlszustände, ist er ein Trottel.“

„Du kennst ihn erstaunlich gut, dafür dass er dir egal ist“, stichelte Mara spöttisch.

Ich zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern: „Man muss seinen Feind kennen.“

„Und du findest deinen Feind… attraktiv?“, wollte Mara wissen.

Ich gab es mit einem weiteren Schulterzucken zu.

Sie lächelte. „Und du willst zu ihm, deinem Halbbruder und ihm davon berichten?“

„Wie gesagt.“

Mara lächelte immer noch. „Gut. Die Beschreibung, die du mir gabst, stimmt überein mit einem Dämon, der sich diese Nacht in der Gegend Ödenburg aufhält. Ich erhielt Gedankenfetzen von einigen meiner Kinder, die vor ihm geflohen sind. Sie bezeichneten ihn als tollwütigen Stier. Er hat alles niedergemacht, was sich bewegt hat.“

Überrascht richtete ich mich auf. Beleth hatte auf mich nicht den Eindruck gemacht, als sei er über die Sache mit unseren Vätern sehr empört gewesen. Nicht halb so sehr wie ich jedenfalls. Vielleicht hatte er aber auch nur eine Weile gebraucht, um die ganze Sache zu verstehen. Das Bild eines tollwütigen Stieres, schien mir jedoch sehr passend. Und dass er auf die Erde kam, um sich abzureagieren, war nichts Neues.

Nun, jetzt war er also in der Gegend von Ödenburg. Auch das war nicht ungewöhnlich. Die Stadt war mit seinem ganzen kirchlichen Tand schon immer ein Angriffspunkt wütender Dämonen gewesen. Die bewaldete Nachbarschaft beherbergte einige von ihnen dauerhaft.

Meine Mutter durchschaute meine Gefühlswandlung. „Du brichst also wieder auf.“

Ich nickte nur. Meine Mutter hob eine Braue: „Zu ihm?“

„Ja.“

„Fein, aber leg dich nicht wieder mit ihm an“, riet Mara spöttisch. „Er mag dumm sein, aber er ist mächtiger als der Sohn eines gefallenen Engels und eines einfachen Vampirs.“

„Oh, du weißt sehr wohl, dass mein Vater mehr als nur ein gefallener Engel ist und deine Qualitäten sind auch nicht zu verachten. Außerdem bin ich wirklich schlauer als er. Er kann mir gar nichts!“

„Wenn du meinst“, seufzte Mara nur unterdrückt. „Gibt trotzdem auf dich acht. Und warte nicht wieder ein Jahrhundert, ehe du dich wieder bei mir blicken lässt. Die Jahre auf der Erde werden mir zu lang.“

„Ja, ja.“ Gedanklich schon bei meinem Vorhaben. Ich erhob mich, gab meiner Mutter einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete mich dann mit einem verschwörerischen Zwinkern. Nachdem ich die Grenzen von Mutters Reich hinter mich gelassen hatte, konnte ich mich schneller fortbewegen. Ich musste nur meine Kräfte einsetzen, um nach Ödenburg zu gelangen.

Die Zerstörung dort war offensichtlich. Noch verwirrt durch die unerklärlichen Vorkommnisse, verbargen sich die Menschen in ihren Häusern. Ich spürte die fließenden Energien eines Kampfes und wurde unwillkürlich von ihnen angezogen. Außerhalb der Stadt auf einem verwüsteten Feld fand ich sie. Drei Schutzengel standen noch, die wohl Mächtigeren des guten Dutzend, dessen Rest am Boden kauerte oder leblos ausgestreckt sein Leben ausgehaucht hatte.

Den Dreien gegenüber stand tatsächlich ein schnaufender Beleth. Er hatte sich gut geschlagen, doch allmählich schien ihm die Luft auszugehen. Sein Gesicht war vor Anstrengung leicht gerötet, seine Kleidung zerrissen und vom Schweiß durchnässt. Er bot einen herrlichen Anblick, wie er sein breites Schwert gegen seine Angreifer erhoben hatte, mit nur einer Hand, während er mit der anderen gerade einen Feuerball gegen einen seiner Feinde schleuderte. Nun blieben also noch zwei Engel.

Gelassen sank mich am Rande des Ackers nieder und beschloss das Schauspiel zu genießen, so lange es noch andauerte. Helfen würde ich ihm gewiss nicht. Welcher Esel nahm es schon freiwillig mit den Schutzengeln einer gesamten Stadt – und dann noch einer so frommen – auf. Nun, Beleth schien es als Herausforderung zu sehen und das Resultat sprach für sich. Ich bereute den Anfang des Kampfes verpasst zu haben.

Beleth schwang sein Schwert, wehrte das damit das eine der beiden Engel ab und schlug sogleich zurück. Nun konnte ich entdecken, weshalb die Beiden bis jetzt überlebt hatten. Die Ähnlichkeit war auch nicht zu übersehen. Es waren Zwillinge und der eine schützte den anderen, wenn dieser angriff. Ein perfekt eingespieltes Team und damit beinahe ein ebenbürtiger Gegner für einen erschöpften Beleth. Erschöpft – und verletzt wie mir jetzt erst auffiel. Was ich anfangs für die Farbe seines Hemdes gehalten hatte, identifizierte ich jetzt als Blut. Wie viel davon tatsächlich sein eigenes war, konnte ich nicht abschätzen. Aber ich roch es, bis zu mir herüber. Ich kannte den Geruch seines Blutes. Es roch intensiv danach.

Seufzend stand ich auf und glitt leise an die Kämpfenden heran. Sie waren zu sehr auf sich selbst konzentriert, sodass sie mich erst zu spät bemerkten. Beleth, dessen Sinne auf mehr als einen Gegner gerichtet waren, registrierte meine Bewegung als erstes und seine Augen weiteten sich, als er mich erkannte. Nur mit Mühe reagierte er gerade noch rechtzeitig um einen gegen sich gerichteten Schlag abzuwehren.

Ich handelte schnell. Ohne eine Waffe zu ziehen, legte ich einem der Engel von hinten meine Hand in den Nacken und absorbierte mit einem Zug seine Kräfte, sodass er unvorbereitet und haltlos in sich zusammensackte. Der andere Engel, der nun erschrocken einen Blick auf mich warf, endete mit meinem Dolch zwischen seinen Rippen. Es war zu einfach gewesen. Beide hatten mich zu spät bemerkt, sie waren erschöpft gewesen und ich hinterhältig. Doch das war mir völlig gleichgültig. Ich grinste den schnaufenden Beleth überlegen an. „Du brauchst mir nicht zu danken. Ich habe dir gerne geholfen.“

„Geholfen!?“, schnaubte Beleth nur und starrte mich immer noch verwirrt an, doch dann fasste er sich endlich. „Ich hätte das sehr gut alleine geschafft! Du musst dich nur einmal umsehen!“ Er deutete auf die Engelsleichen, die uns umgaben. „Was zur Hölle machst du überhaupt hier!?“

Ich lächelte hochmütig und blickte zweifelnd auf sein zerrissenes Hemd. Tiefe Kerben von den Schwertern der Engel glitzerten rot auf seiner verkrusteten Haut. Er sah wirklich übel zugerichtet aus. Trotzdem schien es ihm nicht viel auszumachen. Er stand stolz aufrecht und abgesehen von seiner abgerissenen Kleidung erinnerte wenig daran, dass er es allein mit einer Schar Engel aufgenommen hatte. Vielleicht ging sein Atem noch ein bisschen schneller als gewöhnlich. Ich bückte mich, um mein Dolch aus dem Engelskadaver zu ziehen. Mit den Fingerspitzen der freien Hand angelte ich mir ein Stück von Beleth zerfetzten Hemd und wischte daran das Blut von meiner Waffe. Empört machte sich Beleth los. „Hatten wir nicht abgemacht, dass wir uns aus dem Weg gehen? Wie hast du überhaupt erfahren, dass ich hier bin!?“

„Du meinst, ich hätte dich gesucht?“, fragte ich ihn spöttisch. „Wie anmaßend.“

„Was machst du sonst hier?“

Ich zuckte mit den Schultern und machte mich daran das Schlachtfeld zu verlassen, ehe noch mehr Engel auftauchten. Mit einer eindeutigen Kopfbewegung deutete ich Beleth an mir zu folgen. Er tat es auch mit nicht zu übersehenden Widerwillen, wenn auch etwas neugierig. Seine glühenden Augen ruhten dabei mit einer gewissen Skepsis auf mir. Ich führte ihn in den nahe gelegenen Wald zu einem der vielen Bäche, die ihn durchkreuzten.

„Du solltest dich waschen“, meinte ich naserümpfend.

Schnaubend atmete Beleth durch die Nase aus, die dichten Brauen senkten sich über den Augen und er verschränkte die muskulösen Arme vor seiner Brust. Die Geste wirkte so trotzig und zugleich grimmig, dass ich lächeln musste. Er würde es nicht tun, allein weil ich es vorgeschlagen hatte.

„Was. Willst. Du?“, stieß er abgehackt hervor.

Mein Lächeln wurde breiter, doch ich sprach meinen vorrangigen Wunsch nicht aus. Er musste nicht wissen, welche erregende Wirkung sein maskuliner Körper auf mich hatte. Erst recht nicht nach seiner kränkenden Zurückweisung nach dem ersten und letzten Mal. Dieser Trottel, dabei konnte er gar nicht leugnen, wie gut es ihm gefallen hatte. Unsere Körper passten so gut zusammen.

„Ich habe etwas erfahren, was dich interessieren dürfte“, sagte ich stattdessen herablassend. „Aber wenn du nach Blut stinkst und so aussiehst wie jetzt, von deiner Unfreundlichkeit ganz zu schweigen, glaube ich nicht, dass ich es dir sagen möchte.“

„Dann behalt es für dich!“, knurrte Beleth.

Ich seufzte. Er war eben nicht neugierig genug, um darauf einzugehen. Schade. Ich hätte seinen Körper nur zu gerne nackt gesehen. So schnell gab ich aber noch nicht auf. Ich versuchte es mit Andeutungen: „Dann interessiert es dich nicht, warum du keine Mutter hast?“

„Das weiß ich bereits“, brummte Beleth und funkelte mich an.

Ich war tatsächlich etwas verblüfft: „Du weißt es?“

„Ja, natürlich“, bestätigte Beleth und sein Gesicht wurde noch finsterer. „Was geht dich das überhaupt an?“

„Was mich das…“ Nun begriff ich, was immer Beleth wusste, es konnte nicht das sein, was ich wusste. „Was weißt du denn?“

„Sie ist bei meiner Geburt gestorben. Wie das bei den meisten Dämonengebruten so üblich ist“, antwortete Beleth grimmig. „Na und? Nur weil deine Mutter noch so etwas Ähnliches wie lebt, musst du nicht…“

„Blödsinn. Wer hat dir das erzählt? Dein Vater?“, unterbrach ich ihn. „Er hat gelogen. Du hast gar keine Mutter! Nie gehabt.“

„Willst du damit sagen, mein Vater hätte mich geschaffen, wie eine seiner Kreaturen?“, fuhr Beleth mich ungläubig an. „Bist du hier her gekommen, um mich derart zu beleidigen? Ist dir nicht klar, dass er auf diese Art niemals etwas so Mächtiges wie mich schaffen kann!?“

Beleth wurde immer lauter und auch sein Körper schien mit seinem Zorn zu wachsen. Es war keine gute Idee, ihn nun noch weiter zu reizen, auch wenn es ihn noch schöner machte. Ich trat einen Schritt zurück und hob beschwichtigend die Hände: „Das habe ich doch gar nicht behauptet… Bleib ruhig… Du hast Eltern und Satan ist zumindest ein Teil davon. Wenn du lieb bist und dich wäscht, sage ich dir den ebenfalls noch lebenden zweiten Teil.“

„Was zur Hölle hast du davon!? Und woher weißt du das!?“ Beleth schien sich gar nicht abreagieren zu wollen oder zu können. Seine Augen sprühten Funken und eine gewisse Röte überzog sein Gesicht. Es schien ihm gar nicht zu gefallen, dass ich etwas so Wichtiges, das ihn betraf, wusste. Ich deutete mit gespielter Gelassenheit auf das Wasser im Bach. Beleth Blick war tödlich. Er rührte sich keinen Millimeter. Ich zuckte mit den Schultern: „Dann eben nicht. Ich muss es dir ja nicht sagen.“

Mit einem Satz war Beleth bei mir und fasste mich brutal bei den Schultern, um mich ungeduldig zu schütteln. Ich biss meine Zähne aufeinander, damit sie nicht klapperten. Es tat weh, aber irgendwie gefiel es mir auch wieder auf diese Art Beleths Stärke zu spüren. Äußerlich blieb ich aber gänzlich unberührt davon. Der Trottel hatte in seinem Zorn überhaupt nicht auf seine Deckung geachtet. Und so traf mein Knie ihn zielsicher zwischen den Beinen. Seine Hände ließen von mir ab und er sank keuchend in die Knie. Fast besorgt strich ich  ihm das Haar aus der Stirn und äußerte mit gespieltem Mitleid, aber echter egoistischer Sorge: „Ich hoffe, ich hab nichts kaputt gemacht…“

„Bastard!“, fauchte Beleth gequetscht.

Ich lächelte, so schlimm konnte es also gar nicht sein. Da er sich momentan ohnehin nicht recht wehren konnte, löste ich die letzten Fetzen seines Hemdes von seinem verletzten Oberkörper. Die Hauptwunde, die ich gerochen hatte, entpuppte sich als klaffender Riss über seiner Schulterpartie. Sie blutete immer noch. Es musste ein heimtückischer Angriff von hinten gewesen sein, der sie verursacht hatte. Vom Blut angezogen, fuhr ich geistlos über sie und leckte den Finger anschließend genüsslich ab. Von Beleth kam ein tiefes Grollen und er rappelte sich mühsam wieder auf. Schnell nahm ich den Finger aus dem Mund, doch er hatte die verräterische Geste schon gesehen und warf mir einen angeekelten Blick zu.

„Wenigstens du kannst dir sicher sein, was deine Mutter angeht“, stellte er fest.

Ich ignorierte es: „Deine Wunde sollte verbunden werden. Sie ist tief und blutet.“

„Ach nein“, brummte Beleth nur. „Hast du etwas dabei?“

„Nein, aber du solltest dir wenigstens das Blut abwaschen.“

Beleth brummelte nur und kniete sich dann tatsächlich an das feuchte Ufer des Baches. Unschlüssig ob ich ihm helfen sollte, sah ich ihm erst einmal zu. Das Muskelspiel unter seiner Haut war einfach atemberaubend.

„Warum hast du dich eigentlich mit den ganzen Engeln angelegt?“, wollte ich wissen, um mich abzulenken.

„Hmpf.“

„Es waren bestimmt die Schutzengel der gesamten Stadt. Was hast du getan?“, hakte ich weiter nach.

Beleth grinste grimmig, antwortete aber immer noch nicht. Er hatte versucht sich vorn übergebeugt zu waschen, wobei seine Hose nass geworden war. Da er nun einsah, dass es ohnehin nicht mehr zu vermeiden war, glitt er tiefer und stieg gleich ganz in den Bach hinein. Die Abkühlung würde ihm gut tun. Ich beobachtete ihn angetan. Wieso musste es ausgerechnet er sein?

„Also?“ Gewaschen aber immer noch zerschunden entstieg Beleth dem Bach und baute sich vor mir auf. Die nasse Hose klebte an seinen Lenden. Ich richtete meinen Blick auf die durch die Kälte erigierte Brustwarze vor mir. Speichel sammelte sich in meinem Mund.

„Hölle“, murmelte Beleth plötzlich. „Du bist doch nichts deshalb gekommen, oder?“

Ich blickte zu ihm auf. Das letzte Mal hatte ich mir geschworen es würde bei dem einen Mal bleiben, erst recht nach seiner Reaktion. Aber nun … Ich wollte ihn so sehr. Dieses Gefühl ließ sich einfach nicht unterdrücken. Dennoch, ich würde mich nicht noch einmal erniedrigen. Er war am Zug.

„Weshalb, Bruderherz?“, stieß ich hervor, um mich selbst mit einem Schlag in die Realität zurückzuholen.

Ratlosigkeit breitete sich auf Beleth Gesichtszügen aus. Etwas dämlich klingend fragte er: „Ist das eine neue Art der Beleidigung? Bruderherz? Was soll das? Bist du verrückt geworden? Warum benimmst du dich heute so komisch?“

Ich wollte ihn anfassen, die Augen auskratzen, ihn lieben… Mühsam schloss ich meine Augen und trat ein Schritt zurück, wandte ihm sogar den Rücken zu, um mein Verlangen zu bezwingen. Nach Außen lachte ich leise vor mich hin. Und tarnte mein Abwenden als ein Ansatz zum Spazierengehen durch den dichten Wald. Beleth, neugierig geworden, folgte mir im sicheren Abstand, nur gerade nahe genug, damit wir reden konnten.

„Ich weiß, wer deine Eltern sind“, sagte ich einleitend noch einmal. „Und ich weiß, dass Satan dich doch in gewisser Weise geschaffen hat, denn du hast keine Mutter.“

„Was soll dieser Blödsinn?“, erkundigte sich Beleth verwirrt und schenkte mir einen Blick, der nur zu deutlich erkennen ließ, dass er an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifelte.

Es reizte mich etwas. „Es ist kein Blödsinn. Du hast zwei Väter aus deren Samen du entstammst, aber keine Mutter. Keine Ahnung, wie Satan das angestellt hat, jedenfalls… Tja, dein anderer Vater ist jedenfalls mein Vater, Luzifer.“

Beleth Gesicht wirkte wie eine hohle Maske. Ungläubig starrte er mich an. Wir waren stehen geblieben. Er brauchte eine gewisse Weile. „Willst du damit sagen, dass ich der Sohn von zwei Männern bin?“

„Ja, Satan und Luzifer, die wie du weißt eine Beziehung haben.“

„Woher hast du diesen Blödsinn?“, schnaubte Beleth ungläubig.

„Von der Person, die auch wusste, dass ich dich hier finde. Und es stimmt. Es passt alles zusammen. Unsere Väter sind ein Paar, Satan schuf sogar einen Sohn für sie beide, dich, dann hat mein Vater ihn betrogen, so entstand ich, und das hat den Streit ausgelöst. Satan hat dich daraufhin allein aufgezogen. Akzeptiere die Tatsachen, Bruder.“

„Nenn mich nicht Bruder!“, schnauzte mich Beleth zornig und verwirrt an. „Wie zum Teufel, soll das denn überhaupt gehen?“

„Ich hab keine Ahnung. Aber dein Vater wird es wissen“, erwiderte ich.

Beleth schüttelte fahrig seinen Kopf. Er lehnte sich vorsichtig an einen dicken Baumstamm und schloss die Augen. Ich musterte ihn eindringlich. So hatte ich es ihm nicht sagen wollen. Irgendwie hätte ich es bestimmt noch geschickter für meine Zwecke einsetzen können. Aber seine Gegenwart verwirrte mich so, dass auch ich keinen klaren Gedanken fassen konnte.

Beleth schien ähnliche Schwierigkeiten zu haben, nur dass es leider nichts mit mir zu tun hatte, zumindest nur am Rande. Ich seufzte unterdrückt und ließ mich auf den weichen Waldboden nieder. Es war Sommer auf diesem Teil der Erde und der Boden an dieser Stelle trocken. Geduldig wartete ich darauf, dass Beleth sich wieder fasste und sann darüber nach, was ich eigentlich wollte.

Ich war hierher gekommen, um Beleth davon zu erzählen, natürlich, doch warum? Ich hatte ihn sehen wollen, das hatte ich nun getan. Aber dennoch war ich ganz und gar unzufrieden mit mir. Ich hatte ihn in eine tiefe, beinahe existentielle Verwirrung gestürzt. Ihm gesagt, dass der Mann, den er, außer vielleicht mir, am meisten hasste, sein Vater war und ich demnach sein Bruder. Dämonen gaben nicht viel auf Familie, dennoch war es eine prekäre Situation.

„Warum hast du es mir gesagt?“, fragte auch Beleth plötzlich erschöpft. „Willst du dich an meinem Wirrsal ergötzen?“

„Nein“, gab ich ehrlich zu. „Ich dachte, es interessiert dich vielleicht.“

„Ich hätte gut ohne diese Information leben können“, meinte Beleth verstört, ließ sich ebenfalls auf dem Boden nieder und lehnte seine Stirn an die angezogenen Knie. Ich beobachtete ihn immer noch aufmerksam. Es war mir bewusst geworden, warum ich es ihm hatte erzählen wollen. Ich wollte, dass er mir nicht mehr ausweichen konnte. Ihm jede Möglichkeit nehmen mir zu entkommen. Er sollte mir ganz und gar ausgeliefert sein. Vielleicht hatte ich mich auch tatsächlich ein wenig an seiner Qual weiden wollen, doch das war nun eher zweitrangig. Es brachte mir keinen Genuss. Ich wollte nicht noch mehr Distanz zwischen uns, ich wollte das letzte bisschen überwinden, genauso wie auch meinen Stolz. Nur um endlich mit ihm zusammen sein zu können.

„Jetzt weißt du es. Und du weißt auch, dass ich nichts dafür kann“, erinnerte ich ihn. „Du hast also keinen Grund mehr mich zurückzuweisen.“

„Nein, habe ich nicht?“, erkundigte sich Beleth und blickte mir plötzlich fragend in die Augen. „Und was ist mit all den Dingen, die wir uns ein Jahrtausend lang gegenseitig angetan haben. Kannst du das so einfach vergessen? Nur weil wir plötzlich zufälligerweise Halbbrüder sind, und das auf so zweifelhafte Weise.“

„Ja“, sagte ich fest und erwiderte seinen Blick. „Das waren doch nur Kindereien.“

„Es sind keine Kindereien gewesen. Vielleicht am Anfang, aber danach sicher nicht mehr“, entgegnete Beleth ungewöhnlich erwachsen in seiner Bestimmtheit.

Ich fand ihn so noch anziehender. Mühsam blieb ich bei der Sache: „Was war denn das Schlimmste, was ich dir angetan habe?“

„Ich weiß nicht, vielleicht die unzähligen Demütigungen vor den anderen“, schlug Beleth vor. Seine Stimme bebte wieder von dem unterdrückten Groll.

Ich wusste, was er meinte. Gerade ich wusste, wie schlimm es war, wenn der Stolz verletzt wurde. Trotzdem reckte ich jetzt mein Kinn: „Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen, bis mein Vater sich dazu entschieden hat, dass es besser wäre mich in der Hölle auszubilden. Ich habe dich damals bei der Versammlung das erste Mal gesehen, und wusste gar nichts von dir, wer du warst, wer dein Vater war, dass unsere Väter angeblich Feinde waren… Du hast mich erst ignoriert." Ich erinnerte mich noch genau, Beleth sah mich in einer Mischung aus Verblüffung und Ungeduld aufmerksam an. „Ich dachte es läge vielleicht daran, dass ich neu war, oder meine Mutter nur ein Vampir. Jedenfalls habe ich dich nicht ignoriert. Ich wollte dich kennen lernen. Als ich dich ansprach, schlugst du mir mit voller Kraft zu Boden. Als ich wieder an etwas anderes denken konnte, als daran zu atmen, hörte ich, wie du mich vor den anderen verhöhntest: Nanntest mich den Sohn eines Pavians und einer Fledermaus.“ Ich wich seinem Blick nicht aus. „Tatsächlich bin ich Luzifers Sohn. Was erwartest du, wenn du meinen Stolz derart verletzt? Dass ich es mir gefallen lasse? Ich habe mich auf dein kindisches Spiel eingelassen. Aber es war niemals mein Spiel. Der Zwist zwischen unseren Vätern war mir schon immer völlig gleichgültig. Und es waren nur Kindereien und du musst zugeben, dass sie dir zum Teil großen Spaß gemacht haben, zumindest wenn du gewonnen hast. Aber allmählich werden wir zu alt dafür.“

„Hm“, machte Beleth unschlüssig. „Was willst du jetzt von mir?“

„Du bist ein Esel,“ sagte ich ärgerlich und ließ dann alle Hüllen fallen. „Ich will nichts von dir. Ich will dich!“

„Wieso?“ Beleth machte ein wirklich dummes Gesicht. Ich lachte gequält: „Das weiß ich manchmal selbst nicht…“

„Ich… ich meine…“, stotterte Beleth unbehaglich und stand mit einem Satz auf beiden Füßen, um von einer größeren Distanz auf mich herabzusehen. „Das… Wieso…“ Er holte tief Luft. „Seit wann, denkst du so? Seit wir bei Belphegor waren?“

„Pfff…“, machte ich spöttisch, soweit ich das noch vermochte. „Nein. Bei Belphegor habe ich nur die Gelegenheit genutzt.“

„Also ist es dir erst jetzt aufgefallen?“, wollte Beleth wissen.

Ich schnaufte leise: „Hast du mir eben nicht zu gehört. Ich mochte dich von Anfang an! Du hast mich nur nie gemocht!“

„Ich wollte dich nie mögen“, entgegnete Beleth schlicht. „Denn es gibt niemanden, der mich so verletzen kann wie du. Und das hasse ich.“

„Was willst du damit sagen?“ Jetzt kam ich mir mit einem Mal vor, wie der Dümmere von uns beiden.

„Ich war ein dummer Junge, als ich dir damals in den Bauch schlug“, gab Beleth leise zu. „Alles was ich tat, um dich von mir fernzuhalten, tat ich auch, um mich von dir fernzuhalten.“

Ich blinzelte ungläubig. Beleth machte ein grimmiges Gesicht und blickte stur vor sich auf den Boden. Ich stand nun auch vorsichtig auf und wagte einen Schuss ins Blaue: „Ähm, willst du damit sagen, dass du mich doch magst?“

„Ich würde es nicht unbedingt mögen nennen“, entgegnete Beleth. „Es ist so, dass mich deine Anwesenheit immer vollkommen verwirrt. Immer schon. Und ich hasse es verwirrt zu sein. Aber bei dir ist es… anders.“

„Du liebst mich.“ Ich lächelte ungläubig.

Beleth sah trotzig auf: „Das habe ich nicht gesagt!“

„Aber ich sage es.“ Ich grinste und näherte mich ihm mit klopfenden Herzen. Eine gewisse Skepsis lag in seinen Augen. Auch ich hatte das Gefühl mich auf ein sehr gewagtes Spiel einzulassen. Dennoch steuerte ich haltlos darauf zu. Als ich unmittelbar vor ihm stand, legte ich meine Hände in seinen Nacken und zog ihn zu mir, während ich mich noch ein wenig auf die Zehnspitzen stellte. Zögernd, zaudernd und doch unabwendbar näherten sich unsere Münder. Kurz bevor sich unsere Lippen trafen, knurrte Beleth noch ehe er seine Augen schloss: „Wehe du beißt!“

Ich schmunzelte und gab mich seinem fast sanften Kuss hin. Wie in Trance schlang ich meine Arme um seinen Hals und ließ mich auch von ihm an sich ziehen. Der Kuss wurde intensiver. Schließlich trennte er sich aber von mir und musterte mich kritisch: „Warum durfte ich dich das letzte Mal eigentlich nicht küssen?“

„Ich hatte Angst die Kontrolle zu verlieren“, gestand ich leise. „Außerdem hat mir nicht gefallen, wie du mich küssen wolltest und der Grund noch weniger. Der Kuss eben war… Ich will noch einen.“

Plötzlich glitt ein Lächeln über Beleth Züge. Fasziniert starrte ich ihn an. Ich hatte ihn noch nie lächeln sehen. Er sah toll aus. Behutsam strich er über meine Wange und näherte sich wieder mit seinem Mund. Er wirkte entspannter als jemals zuvor. Unbewusst schloss ich die Augen und wartete auf seine weichen Lippen. Mein Herz raste immer noch. Eine kleine nervige Stimme in meinem Kopf lehnte sich gegen diese Situation auf, nannte mich einen Idioten, weil ich all meine Schilde senkte. Doch ich konnte nicht mehr zurück. Ich wollte ihn. Mein Kuss wurde drängender und sofort schlossen sich auch Beleth Arme fester um mich. Dennoch blieb ein leichtes Gefühl der Spannung erhalten. Es herrschte kein Vertrauen zwischen uns. Irgendwie schien jeder von uns damit zurechnen, dass der Andere die Sache als einen üblen Scherz entlarvte. Aber deshalb trennen, wollte ich mich auch nicht von ihm. Ich spürte seinen nackten Oberkörper an mich gedrückt, roch sein Blut und schmeckte seine Lippen. So intensiv hatte ich noch niemanden gespürt.

„Wollen wir woanders hingehen?“, schlug Beleth heiser vor, als wieder er es war, der sich aus unserer Vereinigung löste. „Hier wird es bald zu gefährlich.“

„Was hast du hier überhaupt gemacht?“, wollte ich nun doch unwillig wissen.

„Ich musste mich abreagieren…“, gestand Beleth. „Ständig musste ich an dich denken. Ich wollte dich aus meinem Kopf bekommen...“

„Scheint nicht geklappt zu haben“, stellte ich verschmitzt fest. „Wohin gehen wir?“

„Nicht zu meinem Vater“, entschied Beleth schnell. Ich lächelte: „Welchen?“

„Oh…“, sagte Beleth verwirrt. „Ich meinte Satan. Aber lassen wir das mit Luzifer, ich mag eh nicht dein Halbbruder sein.“

„Wieso willst du nicht mein Bruder sein?“, empörte ich mich etwas. „Ich finde es toll…“

„Es ist Inzest!“, erinnerte mich Beleth etwas verdutzt.

„Na und, wir sind Dämonen.“

„Wenn du das so siehst… Ich bleib dabei, du bist nicht mein richtiger Bruder und Luzifer nicht mein Vater, den Satan war kaum schwanger von ihm“, brummte Beleth ungeduldig werdend und drückte seine Lenden an mich, um mir zu signalisieren, dass ich mich endlich entscheiden sollte. „Aber wohin gehen wir jetzt?“

„Da Luzifer irgendwie für uns beide verantwortlich ist…“, schlug ich andeutend vor. Beleth zuckte mit den Schultern: „Mir egal. Nur schnell.“

„Fein.“ Ich lächelte und legte die Arme fester um ihn, um ihn zu führen, während wir zur Hölle fuhren. Ich bewerkstelligte es so, dass wir sofort in meinem Bett landeten. Beleth schien es zu begrüßen und rollte sich prompt über mich. Unter fortwährenden Küssen begannen wir einander die Kleidungsstücke vom Leib zu reißen. Plötzlich hatten wir es beide sehr eilig. Nackt schmiegten wir uns aneinander, rieben unsere erhitzten Körper an den des anderen und konnten nicht für einen Moment die Finger vom anderen lassen. Es war ganz anders, als in Belphegors Schloss. Mir rannen entzückte Laute aus der Kehle, als Beleth eben diese gierig liebkoste. Seine Hand strich hinab zwischen meine Beine, fuhr dazwischen und bereitete mich auf ihn vor. Ich konnte es vor Erregung beinahe nicht mehr aushalten. Schließlich liebten wir uns hemmungslos. Ich genoss Beleth gewaltige Größe in mir, die mich fast zu zerreißen drohte, aber dennoch besinnlich und bestimmt immer weiter zum Höhepunkt trieb. Als wir ihn erreicht hatten, fielen wir erschöpft in die Arme des anderen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass keiner von uns etwas gesagt hatte, seit wir hierher gekommen waren. Mir war auch jetzt nicht danach. Entspannt schmiegte ich mich in Beleths Arme.

Er zuckte ein wenig zusammen, auch wenn er es zu unterdrücken versucht hatte, spürte ich es dennoch. Ich richtete mich nur minimal auf und murmelte: „Was?“

„Nichts“, brummelte Beleth zurück und zog mich wieder auf sich. Aber da fiel es mir selbst wieder ein. Die Wunde auf seinem Rücken. Es musste ihn schmerzen darauf zu liegen. Und sie war immer noch nicht versorgt worden. Ich löste mich abermals von ihm: „Dreh dich auf den Bauch!“

„Warum?“, wollte Beleth immer noch skeptisch wissen, was mich etwas kränkte.

„Deine Wunde“, sagte ich daher nur knapp. Beleth entspannte sich und tat dann tatsächlich wie geheißen. Er hatte eine gute Heilung. Es sah schon nicht mehr ganz so schlimm aus und hatte zu Bluten aufgehört. Behutsam strich ich über den Riss, der auch seine schöne Tätowierung auf dem Rücken zerschnitt.

„Soll ich sie heilen?“, wollte ich leise wissen.

„Du kannst heilen?“, wunderte sich Beleth ins Kissen murmelnd.

„Meine Mutter ist ein Vampir. Mein Speichel hat nun einmal diese Wirkung. Zumindest bei Menschen. Ich weiß nicht, ob es bei dir genauso schnell wirkt.“

„Ein Versuch ist es wert“, meinte Beleth und ich hörte aus seiner Stimme eine leichte Erregung. Lächelnd schmiegte ich mich von hinten an ihn und begann über die Wunde zu lecken. Sein Blut zu schmecken bereitete mir ein besonderes Vergnügen und auch diese Nähe war einfach nur verlockend.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann, vom Aussehen noch sehr jugendlich, mit langen schwarzen Haar und lieblichen Gesicht starrte ins Innere meines Zimmers, auf unsere verschlungenen Körper im Bett. Er musterte zunächst nur mich, mit seinen grün schimmernden Augen: „Bist du also zurück. Wie war es bei Belphegor?“

„Merkst du nicht, dass du störst?“, fragte ich zurück. Er konnte lange warten, wenn er dachte, dass ich ihm so leicht vergab. Gemächlich glitt ich von Beleth ab, sodass auch er sich etwas aufrichten konnte, um unseren Vater zu sehen. Luzifers Augen weiteten sich erstaunt, als er Beleth erkannte: „Das mit dem Versöhnen hat anscheinend besser funktioniert, als ich erwartet hatte… Wie ist das so schnell gegangen? Du warst keine Woche fort und ich dachte, du hasst ihn.“

„Nein, habe ich nie getan“, entgegnete ich süffisant und schmiegte mich an Beleth. Der seinerseits einen Arm um mich schlang und Luzifer neugierig betrachtete. Vielleicht suchte er nach Ähnlichkeiten. Doch die waren nicht gerade offensichtlich. Beleth war ein Riese gegen Luzifer.

„Ach nein?“ Luzifer lehnte sich an den Türrahmen, die Arme verschränkend „Was war es dann?“

„Geschwisterliebe“, flötete ich spöttisch, denn mir als Dämon gefiel der verdorbene Aspekt daran, und gab Beleth einen übermütigen Kuss. Es war mir egal, ob Luzifer uns dabei zusah. Ich hatte lange genug auf Beleth verzichten müssen.

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Kommentar: Und wieder ein Happy End, zumindest für jetzt. Natürlich sind es Dämonen. Es wäre utopisch anzunehmen, dass so etwas bei ihnen für immer hält. ^^“ Gerade bei Beleth, der bei jeder Sache hochgeht und bei Halphas mit seinem großen Geltungsdrang… Nein, das kann nicht gut gehen (schon allein, weil ich Halphas noch mal in einer anderen Geschichte (fernes Zukunftsprojekt, eigentlich unabhängig von dSd7) brauchen werde ^^). Aber für jetzt sind die beiden glücklich und zufrieden.
@ FallenAngel666: Damit beantwortet sich vielleicht auch deine Frage, die du dir ja auch schon selbst beantwortet hast: Ist Asmodi Xaphan treu? Das ist natürlich eurer Interpretation überlassen, weil meine Geschichte nicht so weit in die Zukunft blickt. Für den Moment hat Asmodi sicherlich nur Augen für seine kleine blonde Nixe. Aber wenn sich eine verlockende andere Gelegenheit ergibt, kann es durchaus sein, dass er die mal kurz ausnutzt, - wodurch auch keine großen Komplikationen entstehen dürften, immerhin weiß Xaphan, mit wem er sich eingelassen hat. Nicht jeder Teufel ist so eifersüchtig wie Satan… *hihi* *drei Kreuze mach*
So, genug philosophiert. ^^“ Herzlichen Dank für die Reviews zum Beleth Teil. Ich hoffe euch hat auch dieser Teil gefallen. Öhm, nächstes Mal wenden wir uns der Maßlosigkeit zu. Die habe ich aber noch am Wickel (@Reika, die Version findest du nicht bei animexx *g* ich hab sie erweitert *strahl*).
Ich hoffe, mir fällt noch was Gutes für Neid an. Bin mir auch noch im Unklaren, ob der/die Leviathan in meiner Geschichte die Mama oder der Papa ist. Kennt sich zufälligerweise einer von euch mit diesem Ungeheuer aus? Größeres dunkles Theologiewissen? Irgendwer? Huhu? Hilfe! ó.ò
Teuflischst, Eure Lelis ~.^

edit: Hi, das fünfte Kapitel wurde gelöscht, da es nicht mit den Richtlinien dieser Seite zu vereinbaren war. Es folgt also nun das sechste Kapitel. Wer das Fünfte lesen will, muss sich auf die Suche nach meinem Livejournal machen. ^^