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Am Abgrund

GeschichteDrama / P18 Slash
Jack Bauer
10.02.2007
10.02.2007
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5.918
 
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10.02.2007 5.918
 
Warnungen: Gewalt, Drogen, Tod, m/m slash, richtig unheimlich düster!
Anmerkung: Charaktere gehören mir nicht, seufz! Kein Geld etc....
* * * * *

Das Zittern wurde schlimmer, und er fror, trotz des heißen Windes, der über die Ebene in Richtung der Hazienda wehte und den Sand von Zeit zu Zeit in schmutzig gelben Wolken aufwirbelte.
Ramon hatte gewusst, dass Jack keinen Stoff mehr bei sich trug, er hatte ihn durchsuchen lassen, bevor er ihm erlaubte, das Flugzeug zu besteigen.
“Nichts für ungut, Jack, aber du bist auf Probe hier, wie du zu gut weißt“,  hatte er, weniger zu Jack, als zu seinen Männern gesagt, die den Neuen schadenfroh ansahen, wenngleich es diesem so vorkam, als ob sich der eine oder andere an eine ähnliche, persönlich durchlebte Situation erinnern würde.
Kontrolle war es, worum es Ramon ging, Kontrolle in jeder Beziehung.
Davon abgesehen waren die Drogen sein Geschäft, seine wichtigste Einnahmequelle, und nicht zuletzt auch das, womit er angefangen hatte. Ramon wusste, wie viel Jack brauchte und auch, dass es in der letzten Zeit mehr geworden war. Er hatte ihn high gesehen, er hatte ihn gesehen, wenn er sich den Stoff spritzte, und er hatte ihn gesehen, wenn er zu lange ohne einen Schuss gewesen war. Schließlich hatte er angefangen, ihm den Nachschub persönlich zu beschaffen.  Für einen neuen Freund umsonst! Bei diesen Worten hatten seine Augen geglitzert, und es war offensichtlich, wie sehr er die Macht über einen anderen Menschen genoss!  
Und Jack hatte mitgespielt, hatte ihm diese Macht bereitwillig zugestanden, denn das war der erste Schritt gewesen, der Anfang von dem, das nun, nach den ersten Stunden in Mexiko, nicht mehr nur Theorie, sondern schließlich Wirklichkeit geworden war.


Nach dem ersten Tag in Mexiko wäre er beinahe zusammengebrochen. Er hatte es kaum in die Schlafbaracke der Männer geschafft, als die Krämpfe begonnen hatten, ihn so stark zu schütteln, dass er sich kaum noch auf dem Stuhl hatte halten können. Er hatte sich bemüht, ruhig zu atmen, aber eine Welle der Übelkeit hatte ihn erfasst, die ihn sich wie einen Fötus zusammenkrümmen und auf den Boden gleiten ließ.
Irgendwie war es ihm gelungen sich auf die Couch an der Außenwand zu ziehen, als die Tür aufschwang.
Aus den Augenwinkeln beobachtete er Ramon, der sich, mit dem Rücken zu ihm, am Beistelltisch zu schaffen machte. Als er sich umdrehte, fiel Jack zuerst Ramons selbstzufriedenes Grinsen auf. Seine Augen funkelten vor unverhohlener Freude und er näherte sich Jack, mit beinahe unerträglicher Langsamkeit.
“Das hat jetzt lange genug gedauert. Auch wenn mir von Anfang an klar war, dass du zu viel Stolz haben würdest, um darum zu betteln.”
Ramon sah triumphierend auf ihn hinunter, während er die Elastizität des Gummibandes überprüfte.
“ Zieh die Jacke aus!”
Wortlos gehorchte Jack und begann den Ärmel seines Shirts aufzurollen.
“Lass mich das tun!” Ramon hatte sich vorgebeugt und flüsterte in Jacks Ohr. Der heiße Atem an seinem Hals ließ Jack erschauern, doch die Aussicht auf das Bevorstehende, auf das, wonach er sich mit jeder Faser seines Körpers sehnte, hielt ihn davon ab zurückzuweichen.
Mit erfahrenen Händen wand Ramon das Band um Jacks Oberarm, der automatisch seine Hand zu einer Faust ballte und begann zu pumpen, bis die schmale blaue Linie unter den verschorften Einstichstellen hervortrat.  
Die Flüssigkeit in der durchsichtigen Spritze schimmerte und Jack konnte den Blick nicht von ihr wenden. Er atmete zischend ein, als die Nadel seine Haut durchbohrte, und schloss die Augen in Erwartung des unbeschreiblichen Gefühl eines Friedens, von dem er bis vor ein paar Monaten noch nicht geahnt hatte, dass er überhaupt existierte.
Von ferne hörte er Ramons leises, glucksendes Lachen, doch es bedeutete nichts. Nichts hatte in diesem Moment irgendeine Bedeutung.


“Jack, Jack....von einer Pause war eigentlich nicht die Rede!”
Für einen Moment fand er sich nicht zurecht, die Erschöpfung war zu groß, der kurze Traum zu intensiv gewesen. Jack brachte es nicht fertig die Augen zu öffnen.
“Ramon, verdammt, warum musst du das Zeug immer an den Männern ausprobieren!”
Hektor fluchte leise vor sich hin, während er versuchte den Amerikaner wach zu rütteln. Er liebte und verehrte seinen Bruder von ganzem Herzen, aber manchmal neigte Ramon einfach dazu, es zu weit zu treiben. Sie waren sich einig gewesen, dass von Jack noch einiges zu erwarten gewesen wäre, warum also mit ihm so ein unsinniges Risiko eingehen?

Schwarze Augen blickten ihn ernst an!
“Jack!”
“Wach auf! Der Spaß ist vorbei!”
“Tony!” flüsterte Jack und blinzelte. Die vertrauten Gesichtszüge begannen zu zerfließen. Jack richtete sich auf, versuchte seinen Freund zu erreichen, doch die Augen verloren ihre Form, veränderten sich. Jack zuckte zusammen, es waren Ramons höhnische Augen, die ihn anstarrten,  oder doch nicht?  Hektor hatte ihn grob an den Schultern gepackt und schüttelte ihn.
“Pass bloß auf mit Ramons Stoff, eines Tages schickt er dich auf den letzten Trip!”
Er grinste, seine Erleichterung nicht verbergend.  
“War wohl kein schlechter Trip! Aber trotzdem, wir haben zu arbeiten!”
“Kein Problem, Hektor. Ich bin ok,” murmelte Jack und stand unsicher auf. Die Schmerzen und die Übelkeit waren verschwunden, der Nebel hatte sich fast verzogen. Das Einzige, das er fühlen konnte, war Müdigkeit und der Wunsch ihr nachzugeben, in dieser unendlichen Ruhe zu versinken.

Es gab keinen Zweifel, dass Ramon es genoss, Jack auf diese Weise von sich abhängig zu wissen, und genauso wenig Zweifel bestanden daran, dass es Jack gleichgültig war. Er nahm  fraglos, was auch immer er bekommen konnte, und er nahm es gerne. Durch diese Art zu leben, zu existieren, wurden ihm die endlosen Tage erträglich. Die Gedanken an das Unvermeidliche konnten gebremst, die Panik gestoppt werden.  
Er war schon oft für längere Zeit verdeckt im Einsatz gewesen, aber dieses Mal war es schwerer als jemals zuvor.  Die Drogen halfen ihm zu verdrängen, schützten ihn davor durchzudrehen, davor zu fliehen, was er täglich sehen, was er täglich tun musste.

Er schüttelte ärgerlich den Kopf und versuchte den Klumpen in seinem Hals und das Brennen in seinen Augen zu ignorieren.
Was war nur los mit ihm? Diese Art von Einsätzen war nichts Neues für ihn, und trotzdem war ihm noch nie etwas so schwer gefallen, wie dieses Mal.
Und wenn er sich selbst gegenüber ehrlich sein wollte, so wusste er auch woran es lag. Zweifellos traf ihn selbst die Schuld, er hätte auf der Hut sein, sich selbst schützen müssen. Immerhin war es sich sicher gewesen, dass seine Barrieren aufgerichtet und intakt waren, ansonsten hätte er es sich niemals erlaubt zuzulassen, dass die Sache so weit gehen würde. Doch es war passiert, und nun war es an ihm damit umzugehen.
Noch vor wenigen Jahren hatte er Tony kaum bemerkt, obwohl sie schon seit langem zusammen gearbeitet hatten. Von Anfang an hatte jedoch diese Spannung zwischen ihnen existiert, die sie beide, wenn man sie gefragt hätte, als Antipathie identifiziert hätten. Und doch hatte sich langsam, unbemerkt, in kleinen Schritten ihr Verhältnis geändert. Sie hatten festgestellt, dass sie miteinander reden konnten, dass sie einander verstanden auf eine Art, die sie beide niemals vermutet hätten. Und dann war aus einer lockeren Freundschaft ganz plötzlich mehr geworden. Von einem Tag auf den anderen hatte sich alles verändert, auch wenn er sich lange geweigert hatte es zuzugeben. Niemand wusste besser als er, dass es manchmal das Einfachste und Sinnvollste war den körperlichen Bedürfnissen einfach nachzugeben, ohne sich viele ernsthafte Gedanken darum zu machen. Für Tony hatte das sicher in noch stärkerem Maße gegolten, war seine Beziehung zu Michelle doch von Anfang an wesentlich ernster gewesen, als Jacks schwieriges Verhältnis zu Kate.
Darüber gesprochen hatten sie niemals, doch nachdem sie sich das erste Mal geliebt hatten, war es ihnen immer wieder möglich gewesen sich für einen Augenblick, und wenn er auch noch so kurz gewesen war, fortzustehlen, um zusammen zu sein. Es war ein stillschweigendes Einverständnis zwischen ihnen, dass keine Worte darüber ausgetauscht wurden, keine Versprechungen, keine Verpflichtungen, keine Analysen erstellt. Was hatte gesagt werden müssen, hatten sie mit ihren Blicken oder ihren Körpern ausgedrückt, in Momenten die selten waren, einzigartig und losgelöst von der Art von Leben, das sie gewohnt waren Tag für Tag zu führen.
Jack rieb sich die roten Augen. Er war müde, eigentlich erschöpft bis zum Zusammenbrechen und sehnte sich danach alles zu vergessen.
Vor sehr vielen Jahren schon hatte er sich geschworen, niemanden mehr auf diese Art an sich heranzulassen, und doch war es Tony gelungen Risse in den unsichtbaren Mauern ausfindig zu machen, die er errichtet hatte.
Das war Jack in den letzten Monaten von Tag zu Tag klarer geworden, im Grunde hatte er es schon lange vor Mexiko gewusst. Er hatte gelitten unter der Unfähigkeit Tony aus seinen Gedanken zu verbannen, unter dem Schmerz ihn mit jemand Anderem zu sehen und unter der Sehnsucht, von der er nicht geahnt hatte, dass er zu ihr noch fähig sein konnte. Auch deshalb hatte er das Heroin dankbar als eine Hilfe angenommen. Es tötete Sehnsucht, Schmerz und jede Art von Verlangen oder Wünschen, die er sich nicht eingestehen wollte. Natürlich hatte Tony bemerkt wie er sich nach und nach vor ihm zurückgezogen hatte, aber in der allgemeinen Hektik der Vorbereitungen für die Mission, war ihm nichts anzumerken gewesen.
Und nun war ohnehin alles anders. Er war nicht mehr der Mann, der er noch vor nicht allzu langer Zeit in Los Angeles gewesen war. Er war Abschaum geworden, ein hoffnungsloser Junkie, der Lakai und Handlanger eines der gefährlichsten Männer der Welt. Und das Schlimmste war, dass es keine Bedeutung mehr für ihn hatte. Was er tat, wem er half, wen er darstellte, es war ihm gleichgültig geworden.
Jack starrte auf die geschlossenen Vorhänge, ließ die Stille und die dumpfe Hitze über ihn hereinbrechen, und wünschte beinahe, dass er in der Lage wäre den Tränen, die sich tief in ihm anstauten, freien Lauf zu lassen.

* * *

Seit drei Tagen steckten sie nun in dieser gottverlassenen Hütte fest. Tagsüber brannte die Sonne auf das schäbige Dach, erhitzte die Luft darunter, bis sie zu glühen schien, während nachts die Kälte der Wüste durch die Ritzen und Spalten kroch, und es unmöglich machte Schlaf zu finden. Jack saß auf dem Boden, an die Wand gelehnt, den Blick teilnahmslos ins Nirgendwo gerichtet. Der Junge, der bei ihm war und der seit Stunden unruhig auf und ab lief, war kurz davor die Beherrschung zu verlieren. Es war offensichtlich, dass er der Situation nicht gewachsen war. Jack versuchte ruhig zu atmen, er konnte sich jetzt noch keinen Schuss erlauben. Ramon hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, wie viel von diesem Auftrag abhing, und dass kein noch so kleiner Fehler in Frage kommen würde. Dem Jungen lief der Schweiß in Strömen hinunter, er keuchte und blieb mit einem Mal stehen. Er stützte sich mit dem Arm an die Wand und unterdrückte einen Fluch.
“Wie lange noch, wie lange noch... ?” Hilfesuchend sah er sich nach Jack um, der lediglich mit den Schultern zuckte, anstelle einer Antwort. Er konnte kaum älter als zwanzig sein, ein Sohn aus einer der zahlreichen Familien, die von Ramon abhängig waren. Einer der vielen Männer, die beeindruckt waren von der Macht des Kartells, von der Gewalt, dem Reichtum, den Waffen.  Doch wenn es um die Realität ging, um das tagelange Ausharren, Abwarten, Beobachten des Opfers, um es dann, wenn der Zeitpunkt gekommen war, kaltblütig zu ermorden und mit den Folgen zu leben, dann gerieten sie alle an ihre Grenzen. Jack wusste, dass Ramon ihn niemals hätte allein gehen lassen, das Heroin alleine gab ihm ausreichend Grund für mindestens einen weiteren Killer. Nicht dass es einen Unterschied gemacht hätte. Er würde die Zielperson töten, so wie es sein Auftrag war, ob er alleine wäre oder unter Beobachtung. Sein zukünftiges Opfer war ein brutaler Mörder und er hatte schon weitaus Schlimmeres getan, um das Vertrauen eines Verbrechers zu erhalten. Aber er musste zugeben, dass es leichter war von der Droge Abstand zu halten, wenn  jemand auf ihn achtete.
Die Luft war drückend und jeder Atemzug schien zu schmerzen, trotzdem fror er. Den Gedanken an die nächtliche Kälte versuchte er so gut wie möglich zu verdrängen, sie hatten immerhin bereits über die Hälfte der Zeit durchgestanden. In zwei Tagen würde man sie entweder abholen, oder ablösen, falls der, auf den sie warteten, noch nicht eingetroffen sein sollte, womit allerdings kaum zu rechnen war. Ramon kannte seine Gegner und wenn es darum ging ihre Angewohnheiten auszukundschaften, war er unschlagbar. Es gab keinen Zweifel, dass sein Opfer hier vorbeikommen würde, egal wie viele Umwege und Tricks er sich einfallen ließ, an diesem Ort würde er sein Ende finden.
Der Junge lehnte mit der Stirn gegen die Wand und stöhnte. Seine Fäuste ballten sich zusammen und pressten gegen das Holz, bis die Knöchel weiß hervortraten. Die linke Faust begann, erst langsam und leicht, doch dann immer stärker gegen die Wand zu hämmern. Jack beobachtete mit Unbehagen, wie seine weit aufgerissenen Augen die Maserung fixierten, den Lippen unverständliche spanische Wörter entschlüpften und die rechte Hand nun in den Rhythmus einfiel, ihn verstärkte, als könnte so ein Fluchtweg aus dieser Hölle geschaffen werden.
“Sei, verdammt noch mal, still!” Er stand auf, verzog schmerzhaft das Gesicht, als das Blut wieder durch seine Beine zu zirkulieren begann. “Kein Laut von hier, oder wir sind tot!”
Der Junge reagierte nicht. Jack fasste ihn an der Schulter, wollte ihn zu sich drehen, als sich die Panik des Mannes plötzlich gegen ihn richtete. Ein Blick in die starren Pupillen genügte, um zu erkennen, dass hier kein Zuspruch mehr etwas ausrichten konnte. Jack spürte einen Schlag in die Rippen und den Griff an seinen Hals. Trotz seiner Erschöpfung setzte automatisch das langjährige Training ein, ohne Nachzudenken duckte er sich, trat gegen eines der Schienbeine seines Gegners, und nahm ihm dann den Boden unter den Füßen, indem er das andere blitzschnell beiseite schob. Mit dem Ellbogen stieß er ihn um und ein gezielter Schlag ließ seinen Körper schlaff werden, sein Bewusstsein davon driften. Schwer atmend stand Jack auf,  seine Hände zitterten, als er das Blut des Jungen, leuchtend rot, unter seinem Kopf hervor sickern sah.

Zur gleichen Zeit näherte sich ein staubiger Jeep einem abgelegenen mexikanischen Dorf, unweit des Besitzes der Salazars. Sand flog in einer schmutzig gelben Wolke auf, als die Bremsen quietschten und der Wagen mit einem Ruck zum Stehen kam.
“Antonio! Schön, dass du da bist.”
Tony öffnete die Tür und stieg mit einem Lächeln aus.
“Es ist immer schön die Familie zu sehen!”

“Agent Almeida, Sie sind spät”, mahnte Carmen lächelnd, sobald sie die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. “Das ist mein Mann Carlos, er hat die Informationen, die sie wollten, bereits seit gestern Abend.”
Tony nickte ihr dankbar zu und strich sich das Haar aus der Stirn.
“Ich bin ein paar Umwege gefahren. Hatte ein ungutes Gefühl!”
“Es ist besser vorsichtig zu sein, Senor, man kann nie wissen, wie sicher ein Ort ist.”
Tony grinste Carlos  dankbar an und streckte ihm seine Hand entgegen, die dieser selbstsicher ergriff und fest drückte. Wichtig war in erster Linie sein Auftrag, er musste sicher stellen, dass die Mission nach Plan lief, dafür sorgen, dass Jack genug zusammen bekam, damit sie das Kartell zerschlagen konnten. Chapelle hatte deutlich gemacht, dass er auf unmittelbare Ergebnisse angewiesen war. Wenn er nicht in der Lage sein sollte diese zu garantieren, wäre eventuell alles vergeblich gewesen, und das konnte er nicht zulassen, nicht nach all dem, was es sie schon gekostet hatte.
Carlos nickte.
“Also, der Aufenthaltsort ist bekannt?”  
“Mein Informant wusste nichts genaues, aber es steht außer Frage, dass Salazar den Americano auf die Jagd geschickt hat.”  
Tony blickte stirnrunzelnd von der Karte, die er im Begriff war zu studieren, auf.
“Ein Mordauftrag,” setzte Carlos hinzu. “Der oberste Berater des Polizeipräsidenten, korrupt bis ins Mark.. Die Salazars wollten ihn schon seit langem durch ihren Mann ersetzten. Sie konnten nur nicht an ihn herankommen. Er leidet unter extremem Verfolgungswahn. Kein Wunder, bei all dem, was er in den letzten zwanzig Jahren verbrochen hat.”
“Und jetzt soll unser Mann ihn aus dem Weg räumen!”
“Er muss, sonst fliegt er auf. Und außerdem...”, Carlos rollte mit den Augen, “... es wäre auch nicht gerade ein Verbrechen.”
“Es sei denn wir ließen es zu, dass die Salazars den Posten in den Griff bekämen.”
Carlos nickte und beugte sich über die Karte. “Mein neuester Kontakt”, er zwinkerte Tony zu, “... hat sie genau hier ausgemacht. Es ist nicht weit von hier, anscheinend lauern sie ihm in diesem Versteck auf, davon ausgehend, dass er diesen Weg nehmen wird.” Er zeigte auf einen  angedeuteten Pfad, der direkt in die Wüste zu führen schien. “Dort wird er vorbeikommen müssen. Es ist der einzige Weg, der ihm übrig bleibt. Die Frage ist nur, wann das sein wird.”
Tony kratzte sich an der Wange. “Ich verstehe.” Er faltete die Karte wieder zusammen. “Ich werde sehen was ich tun kann.”
Carlos sah ihm zweifelnd nach. “Agent Almeida, ich weiß nicht, ob es klug ist... “
Doch Tony war bereits in Richtung Tür unterwegs. Er drehte sich noch einmal um.
“Ist schon in Ordnung. Wir reden noch.” Mit diesen Worten setzte er die Sonnenbrille auf, die  vor den immer noch gleißenden, wenn auch orange getönten Strahlen der Abendsonne einen spärlichen, aber dankbar angenommenen Schutz boten.

* * *

Jack hatte die Wunde so gut es ihm möglich war, versorgt. Sie war weniger gefährlich, als er im ersten Augenblick angenommen hatte. Sorgen machte ihm lediglich, dass der Junge sein Bewusstsein noch nicht wiedererlangt hatte, aber Atem und Puls verliefen regelmäßig, und trotz seiner zitternden Hände war es ihm gelungen die Blutung zu stoppen. Im Grunde war er froh darüber einen Moment Ruhe gewonnen zu haben, er konnte nicht mehr leugnen, wie sehr er ihn brauchte.  
Er schloss die Augen, als das Gift in ihn eindrang, ihn überwältigte, jeden Schmerz, jede Angst, jede Unsicherheit mit sich fortspülte. In diesem Moment war ihm alles egal, in diesem Moment hätte er den Tod umarmt wie einen Liebhaber.
Laute drangen beinahe unbemerkt an sein Ohr, er wehrte sich dagegen, weigerte sich etwas anderes wahrzunehmen, als das Rauschen, das ihn mit sich in die Ferne riss, nach der er sich sehnte.
Der Junge bewegte sich, stöhnte, begann um sich zu schlagen. Mühsam öffnete Jack die schweren Augenlider, beobachtete wie sein Gegenüber einen Fluch zischte, und ihn mit einem flammenden Blick bedachte. Wenigstens war er wirklich nicht ernsthaft verletzt, und wie es aussah, hatte er soeben festgestellt, dass er mit einer Hand an der Wand angebunden war.
“Verdammter Junkie!”
Beinahe hätte sich sein Gesicht in ein schiefes Lächeln verzogen, aber nur beinahe, erkannte er doch die abgrundtiefe Verachtung in diesen Worten, Verachtung, die schwerer zu ertragen war, je mehr er sie sich selbst gegenüber ebenso empfand.
Ein Wind kam auf, er spürte es intuitiv, noch bevor er das Geräusch der Sandkörner, die gegen  das Dach gewirbelt wurden, erkennen konnte. Und noch etwas Ungewohntes versetzte seine Sinne in Alarmbereitschaft, ließ ihn in Sekundenschnelle aufspringen und zum Fenster schnellen, das zwar mit Brettern vernagelt, aber Raum genug bot, um hinaus zu spähen.
Der Himmel leuchtete in einer ungewohnten und unheimlichen Farbe. Die gerade noch beinahe friedliche Abendstimmung hatte sich in eine schmutzig gelbe Welt verwandelt, in der außer Staub und Sand nichts anderes mehr zu existieren schien.
Und doch war es nicht der Wetterumschwung, der ihn alarmiert hatte. Er konnte nicht sagen woher, aber er wusste, dass sich jemand näherte, jemand, der leise und schnell genug war um innerhalb eines Herzschlages in den Raum einzudringen, ohne dass er den Luftzug der sich öffnenden und ebenso schnell wieder schließenden Tür, wahrnehmen konnte.
Scharf sog er die Luft ein, als starke Arme ihn umfingen, ihn in die vertraute und ersehnte Umarmung zogen.
“Tony! Warum?”

Endlich gelang es Tony sich aus Jacks Umarmung zu lösen, und sei es nur, um Jack ein wenig Luft zu gönnen, und auch nur soweit, dass sich ihre Blicke trafen und Tony sich gefangen fand in diesen leuchtenden Augen, die im schwachen Licht des aufziehenden Gewitters in einem unnatürlichen Grün funkelten, beinahe wie Smaragde, das normalerweise vorherrschende Blau in den Hintergrund drängend.
“Was tust du hier, Tony?” flüsterte Jack schließlich, nachdem er sich mit einem Ruck aus dem festen Griff der starken Arme befreit hatte. Der erste Anflug eines Lächelns zuckte um Tonys Mundwinkel.
“Ich hab mir Sorgen gemacht, und... ”, er fuhr mit der Hand durch Jacks weiches Haar, das er stärker vermisst hatte, als ihm bewusst gewesen war, und umfasste zärtlich seine Wange, eine Bewegung, in die sich der jüngere Mann unmerklich schmiegte, bevor er Tonys Hand mit seinen beiden ergriff und zum Mund führte. Tonys Augen füllten sich mit Tränen, als die Geste etwas lange Verschüttetes in seinem Inneren berührte. Er schluckte abwesend, versuchte den Gedanken weiter zu führen.
“Chapelle besteht auf sichtbaren Fortschritten und regelmäßigen Berichten. Er führt bereits wütende Tänze auf, in dem Bemühen die Mission zu rechtfertigen. Wenn wir ihm, und der Division nicht bald irgendetwas servieren können, wird er dich abziehen.”
“Das wird er nicht!”
Jacks Augen blitzten in purem Zorn, sandten eisblaue Strahlen in Tonys dunkelbraune. Das Grün war verschwunden, ein kaltes, beinahe graues Licht schien von ihnen auszugehen.
In diesem Moment peitschte ein Windstoß über die Ebene. Ohne, dass sie es gemerkt hatten, waren schwere Wolken, dunkel und drohend über ihren Köpfen aufeinander getroffen.
Die Natur hielt für einen letzten Augenblick den Atem an, verharrte totenstill in Erwartung des bevorstehenden Gewitters.
Und dann brach die Hölle los. Blitze zuckten, Donner grollte, Regen hämmerte auf das Dach, das gerade noch in der Hitze geglüht hatte, durchschlug die schwachen Stellen, die seiner Gewalt nicht mehr Stand halten konnten. Durch die Ritze in den Wänden pfiff scharf der Wind, und die Dunkelheit fiel über sie wie ein Mantel, und doch konnte Tony noch den Blick des Freundes auf sich fühlen, unerbittlich, hart und von abgrundtiefer Verzweiflung erfüllt.
“Ich werde nicht gehen.” Er spürte die Worte mehr, als er sie sah, und er verstand. Jack hatte bereits zu viel von sich aufgegeben, um jetzt einfach so gehen zu können.

Beide lösten sich aus ihrer Erstarrung, Jack, der Tony hineinzog und die Tür hinter ihm schloss, während der Sturm vergeblich dagegen anheulte, und Tony, der ins Innere der Hütte stolperte, gerade noch einen Blick auf das Chaos werfend, das sich draußen abspielte. Das staubige Gelb der Wüste verschmolz mit der Düsternis des Himmels, dessen Ränder in dunklem Rot glühten,  zu einem bedrohlichen lila Farbton, der das Unwirkliche der Situation zusätzlich hervorhob.
“Wer ist das?” keuchte Tony erschrocken, als er den gefesselten jungen Mann in den Schatten wahrnahm.
“Mein Assistent,” antwortete Jack, und Tony konnte das diabolische Grinsen beinahe spüren, das der andere ihm zuwarf.
Irritiert beschloss er, es dabei bewenden zu lassen, wandte sich um und spähte aus einer der Ritzen in den Wänden. Er konnte das Gefühl nicht abwehren, dass mit Jack etwas Furchtbares im Gange war, dass er sich auf eine Weise veränderte, die niemals wieder rückgängig zu machen wäre.
Als wäre das Unwetter, das die Hütte schüttelte, nicht schon schlimm genug, gesellte sich zu dem Tumult, den die Natur veranstaltete, noch ein anderes Geräusch. Eine Bewegung im Dunkeln bewies Tony, dass Jack das Aufheulen des Motors, der sich bemühte, ein Fahrzeug durch unwegsames Gelände zu treiben, auch nicht entgangen war.
Angestrengt starrte er in die herabsinkende Finsternis, konnte nicht mehr ausmachen, als zuvor. Wenn es ein Wagen sein sollte, so musste er ohne Lichter fahren.
Jack, neben ihm, hantierte in unnachahmlicher Geschwindigkeit an seinen Taschen und Stiefeln herum. Tony hörte das verräterische Klicken, das der Munitionsblock beim Einrasten verursachte, das Befestigen von Schalldämpfern und Entsichern der Waffen. In Sekundenschnelle war Jack an der Tür.
“Warte hier”, zischte er, und Tony wusste es besser, als ihm zu widersprechen, wenn er sich in dieser Stimmung befand.
Das war es also. Die Tür fiel beinahe lautlos zu und das Gewitter heulte auf, als ob es ahnen würde was im Gange war.
Tony starrte das braune Holz an, und fragte sich zum ersten Mal, ob das, was er tat, einen Sinn machte, ob er irgendetwas hätte verändern, besser machen können. Er wusste, dass es darauf keine Antwort geben konnte.
Es kam ihm vor, als hätte er eine Ewigkeit gewartet. Der Junge an der Wand hatte sich nicht gerührt. Tony hatte seinen Puls und die Atmung gecheckt, und beides für gleichmäßig und unbedenklich befunden. Offensichtlich hatte Jack ihn nur gründlich außer Gefecht setzen wollen.
Das Unwetter hatte sich beruhigt, lediglich der Regen tropfte gleichmäßig und unerbittlich auf das Dach, spielte einen endlosen Rhythmus, als wolle er niemals damit aufhören. Die Dunkelheit hatte sich in tiefe, undurchdringliche Schwärze verwandelt, war zur Nacht in der Wüste geworden.
Tony hatte sich auf den Boden gesetzt, die Beine angezogen, ohne zu wissen, dass er die selbe Position einnahm, in der Jack so lange ausgeharrt hatte. Seine Pistole lag griffbereit, seine Augen waren Richtung Tür gerichtet. Manchmal vermeinte er die Atemzüge seines Zimmergenossen vernehmen zu können, aber hauptsächlich war es der Regen, der ihn mit seiner Monotonie einschläferte.
Plötzlich schreckte ihn ein Luftzug auf. Die Tür klappte zu. Erstaunlicherweise gab sie ansonsten kein Geräusch von sich, kein Quietschen oder Knarzen, Jack musste sie wohl geölt haben. Und Jack war wieder im Raum, er fühlte es, auch wenn er ihn nicht sehen konnte.
Ein Licht flammte auf, und der weiße Schein einer Petroleumlampe erhellte das Dunkel.
“Können wir wirklich Licht machen?” fragte Tony, bevor er seine Worte überdacht hatte.
“Jetzt schon”, lautete die knappe Antwort. “Wir sind sicher.”
Jack stellte die Lampe vor ihnen auf den nackten Boden, und ließ sich dann neben Tony sinken.
Tony spürte ihn zittern. Er braucht nicht zu fragen, was geschehen war. Aus seinen Haaren und Kleidern sickerten die Wassertropfen, doch anscheinend hatte er nicht vor, etwas dagegen zu unternehmen.
“Jack”, fragte er leise. “Jack, du frierst.”
“Ich weiß”, murmelte der andere abwesend. “Immer.”
Tony nickte und legte vorsichtig und langsam, als wolle er ihn nicht erschrecken, seinen Arm um ihn und zog ihn schließlich an sich, ungeachtet dessen, dass er nun selbst nass wurde.
Jack schmiegte sich an Tony, umklammerte ihn bebend, als könnte der Freund ihn beschützen, ihn vor Schlimmerem bewahren, als dem, was ihm bereits widerfahren war.
“Mir ist kalt”, flüsterte er, die Augen fest geschlossen. Tonys Arme umschlangen ihn, seine Lippen begannen das feuchte Gesicht zu küssen, die Feuchtigkeit nicht nur als Regen, sondern auch als salzige Tränen erkennend. Entschlossen streifte er Jacks beinahe noch triefenden Haare zurück, und begann ihn langsam und liebevoll von der nassen Kleidung zu befreien. Das dünne Hemd klebte an Jack, als Tony es behutsam aufknöpfte. Er zog ihn zu sich und wand die, in dieser Beleuchtung beinahe weiß, wenn nicht sogar farblos wirkenden Arme, aus den engen Ärmeln. Jack zitterte wieder, und Tony stoppte für einen Moment, um seine Brust mit sanften Küssen zu bedecken, und mit den Händen seinen Rücken zu streicheln. Jack ließ seinen Kopf auf Tonys Schulter sinken, und seufzte leise.
“Du solltest nicht.”
“Ist schon in Ordnung.” Tony umfasste sein Gesicht und sah ihm lange in die Augen. “Ich passe auf.”
Mit geschickten Griffen befreite Tony den Freund aus seinen Beinkleidern und verschlang seinen Mund in einem hungrigen Kuss. Lippen, Zungen trafen sich, tanzten einen wilden, beinahe brutalen Tanz, während Tonys heiße Finger über die kalte Haut des Jüngeren glitten, ihr Feuer das Seine zu entfachen suchten. Jack seufzte, als die erfahrenen Hände den Ort zwischen seinen Beinen fanden, der sich nach ihnen sehnte, als der unersättlich scheinende Mund von seiner Wange bis zu seinem Hals wanderte, zärtlich und doch fordernd an dem Ohrläppchen saugte, und die empfindliche Haut bedeckte. Das Herz hämmerte in seiner Brust, Blut brannte wie flüssige Flammen in seinen Adern, raste zu den Stellen, die Tony berührte, die er mit Lippen und Händen erhitzte. Mit einer Kraft, die den Dunkelhaarigen immer noch in Erstaunen versetzte, zog Jack ihn zu sich herunter und presste ihn an sich, bis er sein Gewicht schwer auf sich ruhen fühlte. Tony suchte mit immer noch geschlossenen Augen und bis ins Unerträgliche anwachsendem Verlangen wieder den fein geschwungen Mund und raubte ihm ohne Zögern den Atem. Seine linke Hand vergrub sich in den weichen, blonden Haaren, die rechte knetete Jacks Hüften, die bereits begannen zu zucken und sich zu winden. Tony erwiderte die Bewegung, erzwang die Oberhand, setzte einen Rhythmus, der begann ihn in Ekstase zu versetzen. Er riss sich los, rang nach Atem. Auch Jack atmete schwer, richtete den Blick auf Tony und versuchte ihn wieder an sich zu ziehen. “Warte”, zischte Tony, die Stimme heiser vor unterdrückter Leidenschaft. Das Bild des Mannes unter ihm, dessen Augen sich in die seinen bohrten, dessen Körper nach Aufmerksamkeit schrie, wäre beinahe zu viel für ihn geworden. Mit fahrigen Bewegungen ergriff er das Kondom aus seiner Hosentasche, entledigte er sich seiner Jeans, riss die Verpackung mit den Zähnen auf und streifte es eilig über sein schmerzhaft hartes Glied. Jacks kühle Finger halfen ihm, ließen ihn erschauern und entlockten ihm gleichzeitig ein ersticktes Stöhnen, als sie ihm den Weg zeigten, bis er sein Ziel fand. Ein scharfer Luftzug war das einzige Anzeichen dafür, dass Jack sein Eindringen bemerkt hatte, dass das Fehlen von Gleitmittel Schmerz hervorrief. Vorsichtig begann Tony sich zu bewegen, wissend, dass er sich nicht lange würde zurückhalten können. Jack biss sich auf die Unterlippe, schlang die Beine um den Freund und begegnete den Stößen, als könnte es ihm gelingen mit dem Anderen eins zu werden, wenn er ihn nur tief genug in sich aufnähme. Die Augen zusammengepresst öffnete sich der Mund zu einem stummen Schrei, als Tony schneller und härter zustieß, den Kopf in den Nacken warf und die Welt von einem Feuerwerk explodierender Sterne erleuchtet wurde. Tonys Keuchen erfüllte den Raum, als er über Jack zusammensackte, seinen Kopf auf die Schulter des schmalen Mannes senkte, der sich in den dunklen Locken festkrallte.
“Ich habe dich vermisst.” Die Worte entkamen ihm, noch ehe er sie aufhalten konnte, wanderten durch Dunkelheit und Leere, verschmolzen mit dem eintönigen Tropfen des Regens bis sie vergingen. Jack drehte den Kopf zur Seite, starrte blind auf die raue Wand.
“Ich weiß.”

~


“Madre de dios”, stöhnte eine Stimme im Hintergrund, ließ beide Männer gleichzeitig erstarren, während sich ihre Blicke trafen. Konnte es wirklich sein, dass sie ihren gefesselten Mitbewohner vollkommen vergessen hatten? Tony griff nach seinem Hemd und reichte Jack, der bereits dabei war in seine ausgebeulten Jeans zu steigen, gleichzeitig das Seinige herüber, das dieser dankbar ergriff.
Als erster angezogen untersuchte Jack mit geübten Griffen die Wunde des fluchenden Jungen.
“Alles bestens,” versuchte er ihn auf spanisch zu beruhigen, ein Versuch der fehlschlug, da Pietro sich wütend von ihm abwand und an seinen Fesseln zerrte, um sein Unbehagen auszudrücken. Es war offensichtlich, dass er Jack nun als Feind betrachtete, als jemanden, der eine Bedrohung darstellte und gleichzeitig seine Verachtung verdiente. Er spuckte vor ihm aus und fluchte wieder.
“War es wirklich notwendig ihn so zuzurichten?” fragte Tony zweifelnd, doch Jacks Reaktion zeigte ihm im selben Moment, dass er diese Frage besser zurückgehalten hätte. Der blonde Mann fuhr herum, blitzte ihn mit funkelnden Augen an, die eine Wut zurückhielten, die der des Jungen in nichts nachstand. Er ging auf Tony zu, der für eine Sekunde daran dachte zurückzuweichen, doch blieb dann unmittelbar vor ihm stehen. Er senkte den Blick zu Boden, atmete langsam aus und rieb die Finger der linken Hand nervös aneinander.
“Du weißt nicht, wovon du redest”, sagte er schließlich leise, hob den Kopf wieder, um Tony anzusehen. “Du solltest jetzt gehen. Es ist Zeit.”
Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, dunkel und unheilvoll, die Leere ausdehnend, die Hilflosigkeit steigernd ins Unermessliche.
Tony wusste nicht, was er erwidern sollte, ob es überhaupt etwas gab, das er erwidern konnte. Er fühlte den Wall, den Jack um sich gezogen hatte, die Mauern, die ihm nur kurz gelungen waren einzureißen, und die sich nun wie ein undurchdringliches Hindernis auftürmten, eine uneinnehmbare Festung, die den Teil von Jack sicher verschloss, den er versuchte zu erreichen. Ob es ihm gelang oder nicht, diesen Kampf gab er niemals auf, würde ihn auch in Zukunft niemals aufgeben, solange nicht, wie Jack ihn brauchte, wie er ihm, und sei es auch nur für einen Augenblick, Zutritt zu seinem Inneren, zu seinen Gefühlen, zu seiner Verzweiflung gewährte.
Diese Momente waren kostbar, und so wie Jack sie brauchte, so ersehnte Tony sie sich ebenso, verlangte danach, und wusste doch, wann dieser Wunsch zum Scheitern verurteilt werden musste.
Jede Faser seines Körpers wehrte sich dagegen zu gehen, dagegen Jack alleine hier zurück zu lassen, und doch wusste Tony nicht, was er tun sollte.
“Komm mit mir, Jack”, brachte er schließlich gepresst hervor. “Es ist genug. Das alles ist es nicht wert.” Er stockte, als er Jacks Augen, die sich mitleidlos in die Seinen bohrten, mehr spürte, als dass er sie sah.
“Wir finden einen Ausweg. Es wird einen geben. Salazar... .”
Es gelang ihm Jacks Blick standzuhalten, bis dieser begann zu flackern, ihm auswich, und sich auf einen Punkt neben ihm, an der Wand richtete.
“Bitte, Tony, geh!”
Es war mehr ein Flehen, als eine Bitte, und Tony fühlte, wie dünn das Eis war, auf dem sie sich bewegten, eine zerbrechliche Schicht, nur noch durch ihrer beider Willensstärke in der Lage, sie von den alles verschlingenden Tiefen des dunklen Wassers zu trennen, durchzogen von Spalten und Rissen, durch die das Grauen der Vernichtung nach oben quoll.
“Nun geh schon”, zischte unerwartet eine heisere Stimme. “Geh schon, du miese Schwuchtel, damit dein Junkie Freund sich einen Schuss setzen kann.”
Jack fuhr herum. Es sah aus, als wollte er sich auf den Gefangenen stürzen, doch  hielt inmitten der Bewegung inne, gefror zur Statue.
“Du solltest wirklich gehen!” Die Stimme glich eher einem Krächzen, rau und brüchig, dem Geräusch, das nur ein Mensch verursachen konnte, der am Rande des Abgrundes stand.
Tony starrte auf den, ihm zugewandten, gekrümmten Rücken, die abfallenden Schultern, den gesenkten Kopf, die Hände, die regungslos zu beiden Seiten des Körpers herabhingen. Regungslos und doch angespannt, als wüssten sie, welche unabwendbare Aufgabe ihnen bevorstand, welch grausame Pflicht sie noch zu erfüllen hatten.
Tony rang nach Luft. Auf einmal konnte er es nicht mehr ertragen, diese Enge, diese Hütte, diesen Geruch nach Tod und Blut.
Er hatte verloren, hatte schon vor sehr langer Zeit verloren.
Hastig drehte er sich um, stolperte auf dem Weg zur Tür, riss den Riegel auf, und floh, ohne eine weiteres Wort, ohne sich noch einmal umzusehen nach draußen.
Die Kälte schlug ihm entgegen, zerrte an seinen Kleidern, trieb ihm die Tränen in die Augen, und er wusste nur, dass er fort musste, weit fort, und das so schnell wie möglich.
Er würde auch Carlos und seine Frau abziehen, die beiden hatten hier nichts verloren, niemand sollte hier sein müssen.
Er zuckte zusammen, als er den Schuss hörte, einen einzigen Schuss, gedämpft durch den Aufsatz, der das Geräusch verschleiern sollte, doch dem es nicht gelang es vollständig zu ersticken, und er lief, lief schneller, rannte, floh von diesem Ort, über den er niemals zu irgend jemandem sprechen würde, über den er den Mantel des Schweigens gleiten ließ, erstickend und undurchdringlich.

Jack sank in sich zusammen, umfasste seine Knie mit zitternden Händen, versuchte ruhig zu atmen und konnte die Schauer doch nicht unterdrücken, die ihn erschütterten.
War er das nun? Ein Junkie, ein Mörder, ein kaltblütiger Killer, ein Mann, der zu all den Verbrechen fähig war, aufgrund derer er andere verfolgte und hinrichtete?
Es gab darauf nur eine Antwort, und nur einen Weg, um diese Antwort zu ertragen.
Mit bebenden Fingern griff er nach der einzigen Substanz auf der Erde, die ihm Erlösung bringen konnte. Noch zwei Tage, und Ramon würde ihn abholen, nur zwei Tage, bis dieser Albtraum durch einen anderen ersetzt werden würde.
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