Zufallsbekanntschaften

von Lelis
GeschichteRomanze / P18 Slash
23.01.2007
18.03.2007
8
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60
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Liebe Leser, solltet Ihr auf ein Plagiat dieser Geschichte aufmerksam geworden sein, bitte ich euch, mich davon in Kenntnis zu setzen. Dankeschön.


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Winter


Sein Kreuz war so schön breit… Und er musste an die zwei Meter groß sein. Er strahlte so eine Geborgenheit aus, die umso anziehender wurde, da es fünf Grad minus waren und der Bus bereits zwanzig Minuten Verspätung hatte. Fasziniert starrte ich auf die breite Brust und die muskulösen Schultern, die sich unter mehreren Lagen Wolle zu befinden schienen. Er hatte etwas von einem Teddybären an sich und gerade wollte ich nicht mehr, als mich in seine verheißenden Arme zu schmiegen. Ich stellte mir die Wärme darin vor und wie sie mich langsam durchdringen würde, die Kälte aus meinen dünnen Gliedern vertreiben und sich wie ein heißes Feuer in intimeren Zonen meines Körpers sammeln würde.

Er machte mich ganz wuschig, wie er da stand. So als würde ihm die Kälte gar nichts ausmachen, dabei trug er noch nicht einmal eine richtige Jacke. Nur diesen dicken Rollkragenpullover und vielleicht noch weitere darunter. Er wirkte ein wenig pummelig. Ich konnte nicht sagen, ob es seine Kleidung war, die diese Illusion verursachte oder ob er es tatsächlich war. Jetzt gerade wirkte es jedoch sehr verlockend auf mich. Ich wollte ihn knuddeln und mit in mein Bett nehmen.

Auch oberhalb seiner Schultern war er gar nicht schlecht. Er hatte ein sympathisches Gesicht, sehr maskulin aber doch nicht plump. Seine gerade Nase war an der Spitze sanft gerötet und die Augen hingen träumerisch in der Luft. Wie konnte so ein Riese nur so niedlich aussehen. Niedlich und kuschelig und ich wollte diesen Teddy unbedingt haben. Aber so jemand war doch niemals schwul. Wenn ich ihn anmachte, würde er diesen niedlichen Ausdruck verlieren und mir eins auf die Nase hauen.

Die Illusion zerfiel. Mir war immer noch kalt. Mein Realismus hatte sogar die warmen Gedanken vertrieben. Ich schluckte und rieb meine taube Nase mit flacher Hand. Aber meine Finger waren ebenso taub, wie alles andere an mir. Die Kälte musste meinen Verstand vernebelt haben. Ohne Nachzudenken aus einem plötzlichen Impuls heraus stieß ich mich von der Wand des Bushäuschens ab, an der ich bis eben unauffällig gelehnt hatte und trat vor den Bären.

„Du siehst so warm aus, kannst du mich nicht ein bisschen aufwärmen?“, erkundigte ich mich mit verschmitztem Lächeln. Er schreckte etwas überrascht aus seinen Gedanken auf und sah mich dann verdutzt an. Ich erwartete schon fast eine Rüge oder eine abfällige Bemerkung. Doch dann verzog sich sein breiter Mund zu einem ganz sachten Lächeln und seine Augen verengten sich zu einem freundlichen Zwinkern.

„Arschkalt, nicht wahr?“, fragte er mich mit einer tiefen unglaublich warmen Stimme.

„Ja“, Ich nickte  und strahlte ihn an. „Frierst du etwa auch? Du siehst nicht so aus.“

„Meine Füße sind Eisklumpen“, gestand er und lachte leise. „Wenn der Bus nicht bald kommt, gehe ich zu Fuß, damit ich nicht anfriere.“

„Wohin musst du?“, wollte ich wissen. Er reagierte gar nicht auf meinen ersten Spruch. Anscheinend nahm er an, dass ich es nicht ernst gemeint hatte. Ich wollte dieses Gespräch nicht verderben, indem ich darauf beharrte, obwohl ich immer noch wollte, dass er mich in seinen Arm nahm. Jetzt sogar noch mehr: Er schien total lieb zu sein. Ein lieber großer Teddybär mit einer verdammt tollen Stimme und seine Augen waren braun.

„Zur Uni. Du nicht auch?“, wollte er wissen.

„Doch, wie wäre es, wenn wir zusammen gehen?“, schlug ich vor und spürte mein Herz durch den Vorschlag schneller schlagen. „Vielleicht kommt der Bus ja gar nicht mehr. Wegen Glatteis oder so…“

„Okay, gern“, stimmte er zu und lächelte warm. „Ich bin übrigens Arnd.“

‚Oh Gott, er war derart unschwul‘, stellte ich todunglücklich fest. „Kim. Was studierst du?“

„Bauingenieurwesen.“

‚Nein! Er ist wirklich hetero!’ schrie alles in mir, trotzdem konnte ich seinem Charme nur schwer entgehen. Jetzt lächelte er mich wieder so sonnig an, während wir nebeneinander durch den Schnee stampften.

„Und du?“, wollte er interessiert wissen. „Ich hab dich schon öfter im Bus gesehen.“

„Historisch orientierte Kulturwissenschaften“, antworte ich. „Wohnst du weit weg von der Bushaltestelle?“

„Nein, im Gegenteil. Da das gelbe Haus, siehst du?“, er zeigte in eine Straße, an der wir gerade vorbeigekommen waren. Ich schaute neugierig hinein und machte das besagte Haus aus, um es mir gut einzuprägen, egal wie hoffnungslos es war.

„Aha, ich wohne in die andere Richtung“, erklärte ich dann. „Das Haus ist weiß, langweilig nicht?“

„Och, naja, auf die Farbe kommt es nicht so an, finde ich“, brummelte Arnd tröstend. Ich lächelte frech:. „Keine Ahnung, du bist der Bauingenieur. Welches Semester bist du?“

„Achtes.“

„Ich bin erst im Zweiten!“, gab ich zu. „Wie alt bist du?“

„25“, antwortete Arnd völlig ungeziert. „Und du?“

„20“, flötete ich. Die Kälte spürte ich schon gar nicht mehr. Das Gespräch lief doch ganz toll. Er war so nett, wenn auch so gar nicht schwul. Aber jetzt mussten wir irgendeine Gemeinsamkeit finden, über die wir reden konnten. Der Weg bis zur Uni dauerte zu Fuß noch dreißig Minuten.

„Okay, ich weiß deinen Namen, dein Alter, was du studierst…“ fiel Arnd anscheinend das Gleiche auf. „Jetzt muss ich noch wissen, woher du kommst und dann können wir uns wohl allgemeineren Themen zu wenden.“

„Bremen“, lächelte ich.

„Oh“, machte Arnd überrascht. „Das ist ja lustig, ich komme aus Oldenburg. Wie hat es dich hierher verschlagen?“

„Das Fach, man kann es nicht überall studieren. Warum bist du hier? Kann man Bauingenieur nicht ebenso gut im Norden studieren?“, fragte ich bewusst angriffslustig. Arnd machte eine wegwerfende Handbewegung:. „Ich wollte mal möglichst weit weg, aber nicht ins Ausland, weißt du? Aber ich glaube nach dem Studium gehe ich wieder zurück. Hamburg wäre ein Traum. Hier ist es auch toll, aber irgendwie mag ich den Norden lieber.“

„Ich auch“, pflichtete ich bei. „Irgendwie… Aber ich habe mich auch schon ganz gut eingelebt.“

„Hm“, machte er und dachte anscheinend nach.

„Hast du jetzt eine wichtige Vorlesung oder so?“, wollte ich wissen. „Du kommst doch sicher auch zu spät, ne?“

„Ist anzunehmen“, lächelte Arnd unbelastet. „Aber nicht wichtig. Keine Anwesenheitspflicht und bei dem Wetter ist es ohnehin nicht schlimm. Was hast du jetzt?“

„Vorlesung, mäßig interessant. Die Dozentin hat eine furchtbare Stimme…“ seufzte ich theatralisch. „Was hältst du davon ins Mensacafé zu gehen, wenn wir ankommen und einen Kaffee zum Auftauen trinken?“

„Oh…“ seufzte Arnd und lächelte mich mit einem Zahnpastareklamelächeln an. „Das hört sich super an. Gern.“

‚Vielleicht nicht schwul, aber wenn er mich noch einmal so anlächelt, küsse ich ihn.’ fuhr ein glasklarer Gedanke durch den Nebel in meinem Hirn. ‚Dann wird er dich zerquetschen.’ sagte mir eine unliebsame Stimme aus der anderen Richtung. Ich verdrängte beide und lächelte einfach nur glücklich.

„Ist dir wirklich nicht kalt? Du hast gar keine Jacke an“, stellte ich unnötigerweise fest.

„Och, seit ich mich bewege, geht’s“, versicherte Arnd mannhaft. „Ich hab zurzeit keine Winterjacke. Hab sie vergessen, irgendwo...“

„Brrr…“ machte ich mitfühlend.

„Es ist wirklich okay. Ich habe drei Pullover an und der Obere ist aus Schurrwolle“, wehrte Arnd tapfer ab. „Meine Oma hat ihn gestrickt. Eigentlich kratzt er fürchterlich, aber jetzt liebe ich ihn geradezu.“

‚Wie kann er so etwas sagen und trotzdem männlich klingen?’ fragte ich mich verzweifelt. Doch äußerlich lachte ich etwas spöttisch:. „Er macht dich dick.“

„Wirklich?“, unbeeindruckt sah er an sich herab. „Na ja, ein bisschen mollig.“

„Sieht aber nicht übel aus“, gestand ich leise. Er machte ein ziemlich unbeteiligtes Gesicht, nicht der geringste Argwohn erschien darauf. Er schien nichts Schlimmes daran zu finden, dass ein Mann ihm Komplimente machte.

„Was wird man eigentlich mit Historisch orientierten Kulturwissenschaften?“, wollte er jetzt nachdenklich wissen. Ich zuckte mit den Schultern:. „Ach, da gibt es viele Möglichkeiten. Ich hab mich noch nicht so festgelegt. Schätze bei dir ist das anders?“

„Ich nehme doch stark an, dass ich Bauingenieur werde“, nickte er ernst, nur damit, kaum dass er es gesagt hatte, ein einnehmendes Lächeln Grübchen in seine Wangen zauberte. Trotz der Kälte wurde mir ganz warm. Ich war gerade dabei mich in diesen Kerl zu verlieben, ganz bewusst, obwohl ich wusste, wie hoffnungslos es war. Ich konnte mich einfach nicht dagegen wehren. Außerdem war er blond. Ich hatte schon immer eine Schwäche für blond.

„Dein Gesicht ist schon ganz rot vor Kälte“, stellte er plötzlich naiv fest. Ich lächelte verlegen:. „Ja… Mir ist wirklich kalt.“

„Der Bus hat uns immer noch nicht überholt“, fiel Arnd auf. „War vielleicht wirklich eine gute Entscheidung zu Fuß zu gehen.“

„Ich bin mir nicht mehr ganz so sicher“, da wir wieder von der Kälte sprachen, bibberte ich leidvoll. „Vielleicht hätten wir bei mir Kaffee trinken sollen.“

„Das ginge nicht, denn ich habe in einer Stunde ein Seminar“, widersprach Arnd gelassen. „Aber auf das Angebot komme ich vielleicht einmal zurück. Ich finde es schön endlich jemand zu kennen, der in meiner Nähe wohnt.“

„Ja, das ist schön“, stimmte ich zu. „Deine Kommilitonen wohnen dann also nicht in diesem Stadtteil?“

„Nein, im Wohnheimen zum größten Teil oder in der Innenstadt, wenn sie reiche Väter haben“, antwortete Arnd schulterzuckend. „Kennst du noch jemand, der in unserer Nähe wohnt?“

„Nein. Es leben, glaube ich, nur alte Leute in meiner Nachbarschaft“, stellte ich fest. „Aber ich fand das eigentlich nie so schlimm.“

„Na ja, nicht schlimm. Aber es ist doch gut, wenn man mal einfach wohin gehen kann, ohne auf den Bus angewiesen zu sein“, legte mir Arnd seine Sicht vor. Ich nickte schlicht:. „Hast recht.“

„Was machst du so, wenn du nicht studierst?“, wollte Arnd wissen.

„Hm, ich gehe gerne aus, lese, schaue fern und ja, ich fotografiere hobbymäßig“, zählte ich auf.

„Was liest du?“

„Alles“, machte ich es kurz. „Fantasy, Sciencefiction, Krimis, Schnulzen… Alles was mir unter die Finger kommt.“

„Du siehst gar nicht aus, wie eine Leseratte“, zog mich Arnd freundlich auf. „Was hast du denn in letzter Zeit so gelesen?“

„Mhm…“ machte ich zögerlich und lächelte peinlich berührt. „… Harry Potter. Eigentlich steh ich nicht so auf diese Massenware, aber man muss ja mitreden können…“

„Hm, ja“, machte Arnd und sah fast ebenso verlegen aus. „Ich muss gestehen, dass ist völlig an mir vorbei gegangen. Habe ich noch nicht ein Buch davon gelesen.“

„Liest du denn auch?“

„Ja, hauptsächlich Sachbücher“, grinste Arnd leicht. „Romane sind nicht so mein Ding.“

„Was denn für Sachbücher?“, wunderte ich mich.

„Über alles mögliche, was mich halt gerade so interessiert. Maschinen, Architektur, Autos…“ vollendete Arnd nun ganz und gar den Stereotyp eines richtigen Jungen. Ich war fast ein bisschen neidisch auf so ein hohes Maß an Normalität. Ich hatte mich noch nie für so etwas interessiert. Während andere Jungen mit Autos und Bauklötzen gespielt hatten, verbrachte ich meine Zeit mit den Romanen meiner Mutter oder sah mir im Fernsehen Soaps an.

„Cool“, murmelte ich daher nur und wechselte das Thema. „Und was machst du sonst so?“

„Klingt doof, vor allem wenn es schneit, aber ich spiele Fußball“, gestand Arnd und versetzte mir damit einen imaginären Seitenhieb. Hatte ich mir eben noch eingebildet es ging nicht mehr heterosexueller, dann wurde ich nun unsanft eines besseren belehrt.

„Und Computerspiele sind meine Schwäche.“

Ich krümmte mich am Boden. Natürlich nicht wirklich. Äußerlich war ich sehr tapfer. Ich nickte interessiert:. „Ach ja? Was für welche?“

„Keine Egoshooter oder so ein Kram“, immerhin ein Lichtblick. „Ich mag Strategie- und Rollenspiele.“

„Aha“, machte ich und ballte meine gefrorenen Hände in meinen Jackentaschen. In diesem Moment fuhr der Bus an uns vorbei. Wir sahen ihm beide etwas wehleidig nach, doch es war ohnehin nicht mehr weit zur Uni. Wir erreichten das Café immer noch in leichten Smalltalk vertieft. Inzwischen erzählte er mir irgendwelche Details aus seinem neusten Computergame und ich gab mich interessiert, während ich meine Hände an der heißen Tasse wärmte und ihn bewundernd anstrahlte. Er war schon ein richtiger Traumbursche. Genauso wie ich mir den perfekten Mann immer vorgestellt hatte. Abgesehen von seinem anziehenden Äußeren war er innerlich stark, aber immer noch etwas verspielt und unglaublich nett ohne dabei weich zu wirken. Er konnte kleine Spitzen leicht wegstecken, ohne gleich verletzt zu wirken und auch gut austeilen, wenn er es darauf anlegte. Außerdem war er einfach total unkompliziert. Mit anderen Worten: Ich hatte mich ziemlich in ihn verknallt.

„Du musst mal vorbeikommen und es selbst ausprobieren“, schlug er mir gerade vor. „Damit du es dir vorstellen kannst. Das Spiel macht einfach riesig Spaß. Erst recht, wenn man es per Netzwerk spielt.“

„Ja, gern“, willigte ich bedenkenlos ein und nagelte ihn darauf fest. „Wann?“

„Äh… Wirklich? Du hast Lust?“, fragte er begeistert. „Wie wäre es mit… Hast du übermorgen Abend Zeit?“

„Ja“, selbst wenn ich etwas anderes vorgehabt hätte, wäre es mir jetzt egal gewesen. Ich hatte nur noch eine Frage:. „Wohnst du eigentlich allein oder hast du eine Freundin?“

„Ich bin derzeit Single“, gab Arnd zu und sein Gesicht verdüsterte sich etwas. Ich musste ein fragendes Gesicht gemacht haben, jedenfalls sah er sich anscheinend gezwungen, näher darauf einzugehen.

„Na ja, bis vor kurzen hatte ich eine Freundin, aber das ist schief gegangen. Sie hatte mich betrogen und gleichzeitig wollte sie am liebsten heiraten…“ erklärte er etwas brummig. „Da hab ich sie rausgeschmissen.“

„Ist ja auch ziemlich dreist“, fand ich mitfühlend und nahm den letzten unnötigen Beweis, für seine Sexualität tapfer auf. Jetzt machte er ein interessiertes Gesicht:. „Was ist mit dir? Hast du eine Freundin?“

„Nein“, schüttelte ich den Kopf. „Ich bin lieber solo und frei.“

„Hm, ich muss mich noch ein bisschen daran gewöhnen. Aber es hat sicher auch gute Seiten“, stimmte Arnd nicht vorbehaltlos zu. Das brachte mich zur nächsten Frage:. „Wie lang ward ihr zusammen?“

„Drei Jahre“, kam prompt die Antwort.

„Oh“, machte ich betroffen. Meine längste Beziehung hatte gerade mal drei Monate gedauert. Ich sah ihn nachdenklich an. Vielleicht konnte ich ja ausnutzen, dass er Trost suchte… Aber nein, nicht einen Kerl wie Arnd. Außerdem hätte ich wohl kaum eine Chance bei ihm gehabt, selbst wenn er schwul gewesen wäre. Ich wechselte das Thema:. „Gehst du gern ins Kino?“

„Ja, kommt drauf an, was läuft.“

„Was war der letzte Film, den du gesehen hast?“

„Äh… Das war dieser Russische“, erzählte Arnd etwas angetan und beugte sich leicht zu mir vor. Ich tat es ihm unbewusst nach. Das Gespräch hielt problemlos an, bis er gehen musste. Ich tat so, als müsse ich auch los, aber eigentlich hatte ich meine nächste Veranstaltung erst am Nachmittag. So konnte ich ihn noch bis zu seinem Gebäude begleiten.

„Wann soll ich dann übermorgen vorbeikommen?“, wollte ich noch wissen.

„Ich bin ab sechs zu Hause. Such dir aus, wann es dir am besten passt“, bot Arnd leichtfertig an.

„Okay, ich schätze so um sieben. Soll ich was mitbringen? Zu Essen?“

„Nö, ich hab alles da“, Arnd wurde etwas unruhig. Sein Seminar begann gleich. Zwei Freunde von ihm warteten schon ungeduldig am Eingang auf ihn. Ich lächelte ein bezauberndes Lächeln:. „Gut, dann bis dann! Viel Spaß noch!“



Zwei Tage und acht Stunden später stand ich vor meinem Kleiderschrank und überlegte ernsthaft, was man zu so einem Jungsding wie einem Computerspielabend am besten anzog. Ich kam mir dabei selbst ziemlich dämlich vor, da ich schließlich wusste, dass es völlig egal war. Ich konnte noch so etwas Tolles anziehen und Arnd würde seine sexuelle Orientierung trotzdem nicht noch einmal überdenken. Selbst wenn ich meine tolle neue Jeans mit diesem schwarzen engen Shirt, das mir unheimlich gut stand, kombinierte, würde ihn das nicht überzeugen, sondern eher misstrauisch machen. Nach längerem Hin und Her entschied ich mich schließlich für meine Lieblingsjeans, ein ausgeblichenes aber sehr bequemes Modell, einen warmen Strickpullover, in der Art, wie ich mir vorstellen konnte, dass er so etwas mochte und darunter, falls mir zu heiß werden sollte ein ganz normales T-Shirt. Mein einziges Attribut war ein dünnes Lederband, das ich mir dreimal um den Hals wickelte.

Ich brauchte nur fünf Minuten von meiner Wohnung zu seiner und war trotzdem ganz durchgefroren. Da ich seinen Nachnamen nicht kannte, war ich froh, dass auf einer Klingel sowohl Vor- als auch Nachname standen und diese zufällig sogar seine war. Mein Herz raste vor Aufregung und Vorfreude ihn wieder zu sehen, während mein Hirn realistisch dagegen hielt und auch meinen Bauch davon zu überzeugen versuchte, dass es keinen Grund zum Kribbeln gab, da Arnd schließlich nicht schwul war und bi auch nicht, gar nichts, auch wenn ich letzteres nicht ausschließen konnte… Ach Quatsch, es war völlig unrealistisch. Außerdem hatte er gerade eine Beziehung hinter sich.

„Hey!“, grüßte ich ihn strahlend mit roten Wangen.

„Hey Kim!“, grüßte Arnd und ich merkte gleich, dass etwas nicht stimmte. Er war zu direkt, als dass er etwas hätte verheimlichen können. Ich beschloss es auch zu sein:. „Ist was?“

„Komm erst mal rein“, befahl er. „Du siehst wieder ganz erfroren aus!“

„Bin ich auch“, bestätigte ich etwas unbehaglich, schlüpfte aber an ihm vorbei in die mollige Wärme. Alles an dieser Wohnung war warm, auch die Wandfarbe und die Einrichtung. Es war wirklich gemütlich, gerade weil es nicht ganz so ordentlich war. Interessiert sah ich mich um. Es gab zwei Zimmer: Ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer mit Küche, in dem man direkt stand, wenn man hereinkam. Eine wirklich schöne Wohnung, das sagte ich ihm auch.

„Danke“, murmelte er verlegen. Irgendetwas an seiner Art hatte sich ganz entschieden verändert. Es gefiel mir nicht. Er war so steif. Fragend sah ich ihn an. Arnd räusperte sich etwas:. „Ähm, das klingt vielleicht doof, aber, weißt du meine Kommilitonen meinten das und ich weiß nicht… wenn es so ist, sollte ich wohl etwas klarstellen…“

„Was?“, wollte ich wissen und ich nehme an, die gewisse Schärfe in meinen Worten war nicht zu überhören. Ich hatte solchen Mist schon zu oft gehört.

„Sie meinten, dass du vielleicht schwul wärest. Einer von ihnen kennt einen der dich kennt, weißt du, so das übliche Gerücht“, erläuterte Arnd sichtlich verlegen. Ich war enttäuscht. Auch wenn ich gewusst hatte, dass er hetero war, hätte ich ihn doch für toleranter gehalten.

„Und?“, fragte ich daher nur. Arnd schluckte:. „Es stimmt also?“

„Ja“, zuckte ich mit den Schultern.

„Ich hab gar nichts dagegen…“ beeilte er sich schnell zu sagen und eine niedliche Röte zog in sein Gesicht ein. „Nur einmal klarstellen, dass ich es halt nicht bin und so…“

„Ist mir schon aufgefallen“, spottete ich härter. Er lächelte schief:. „Gut. Wenn es für dich okay ist, ist es für mich auch okay. Ich wollte es nur einmal sagen, zur Sicherheit. Ich wollte dir auch nichts unterstellen, oder so… Na ja, ähm willst du was trinken?“

„Gern“, erlöste ich ihn aus seinem Gestotter und ließ mich auf sein Sofa fallen. Er war wohl doch etwas toleranter als ich befürchtet hatte. Zumindest war er einfach zu nett, als dass er mich jetzt hätte rausschmeißen können. Die nächsten Tage würden zeigen, wie souverän er wirklich damit umging. Zunächst aber blieb er ziemlich verlegen und steif, mit der größten Mühe sich nichts davon anmerken zu lassen. Ich gab mich so normal wie möglich und allmählich schafften wir es immerhin soweit auf einen grünen Zweig zu kommen, dass wir uns wieder ganz vernünftig unterhielten, während wir unsere Cola tranken. Man konnte sich wirklich gut mit Arnd unterhalten.

„Wolltest du mir nicht dieses Computerspiel zeigen?“, fragte ich ihn erst, als wir ins Stocken gerieten. Arnd nickte und schnellte sofort auf, um seinen Rechner hochfahren zu lassen. Trotz seiner Größe und Fahrigkeit schaffte er es sich doch sehr elegant durch das Zimmer zu bewegen. Ich sah ihm gerne dabei zu. Ich sah ihn ohnehin gerne an und es fiel mir schwer, das unauffällig zu tun.

Arnd schien es jedoch nicht zu bemerken. Er war jetzt Feuer und Flamme für das Spiel. Während er mir die Grundzüge darüber ein zweites Mal erklärte oder viel mehr vorschwärmte, überwand er auch die restliche Scheu vor mir und überwand sogar die körperliche Barriere. Das merkte ich vor allem dadurch, dass er kein Problem mehr damit hatte dicht neben mir zu sitzen. Bei mir entstand dieses Problem jedoch erst noch.

Das war aber erst als ich wieder zu Hause war. Es war spät geworden und der Abend hatte doch noch überraschend viel Spaß gemacht. Ich fiel einigermaßen erschöpft in mein Bett und begann die Ereignisse noch einmal vor meinem inneren Augen Revue passieren zu lassen. Arnd war übrigens nicht mollig. An dem Abend hatte er nur ein T-Shirt getragen und ich hatte deutlich sehen können, dass sich darunter kein Gramm Fett zuviel befunden hatte. Nur ein muskulöser wohlgeformter Körper mit einem breiten Kreuz. Ich verspürte immer noch das Verlangen in seinen Armen zu versinken und mich an seine breite Brust zu schmiegen.

Das Verlangen wuchs in der Dunkelheit meines Zimmers noch beträchtlich an. Es bekam sogar ganz neue Ausmaße. Ich wollte ihn. Ich hatte mich in ihn verliebt und ich wollte ihn. Ich wollte seine Nähe spüren. Doch ich wusste, dass das ein sinnloser Wunsch war. Ich würde ihn nie bekommen. Noch eine Weile warf ich mich ungeduldig hin und her und versuchte diesen Gedanken und meinem Verlangen zu entgehen. Dabei war ich jedoch nicht sehr erfolgreich. Schließlich gab ich auf. Ergeben rollte ich mich auf meinen Rücken zurück und seufzte schwermütig. Während meine Hand langsam in meine Shorts wanderte, erschien Arnd in meinem Kopf. Ich stellte mir ihn nackt vor, zog ihm dafür jedes Kleidungsstück einzeln aus. Dann umarmte er mich in meiner Fantasie und küsste mich. Es waren so harmlose Gedanken und Wünsche, trotzdem kam ich sehr rasch.

Es war beinahe lustig, wie sehr sich die Realität von meinen Träumen unterschied und wie ich es schaffte, Arnd tagsüber ganz unbedarft zu begegnen. Das nächste Mal sah ich ihn im Bus und lud ihm zum Ausgleich zu mir ein. Er kam und wir sahen uns einen Film an. Es machte Spaß, ihm genauso sehr wie mir. Allmählich wurden wir richtig warm miteinander, machten jungenhafte Witze und redeten über alles. Den Höhepunkt an diesem Abend erreichten wir, als Arnd sich traute mich über meine Sexualität auszufragen. Nicht das es mir besonders viel Spaß machte, darüber zu reden, aber ich nahm es als Zeichen, dass Arnd keine Probleme mehr damit hatte. Seine Sexualität machte mir dagegen zunehmend Probleme. Als er fort war, konnte ich gar nicht anders, als meine Augen zu schließen und mir vorzustellen, dass er nicht gegangen war, sondern im Gegenteil kam, - und zwar in mir. Ich konnte die Nähe zu ihm ganz genau spüren. Seine nackte Haut auf meiner, ich von ihm umschlungen und das drückende Gefühl aus meinem Inneren, dass mir vortäuschte, wir wären eins.

Ich führte mein Doppelleben weiter. Solange ich die beiden Welten nicht vermischte, war es ganz erträglich. Tagsüber verliebte ich mich immer mehr in ihn und nachts zahlte ich es ihm heim. Wir wurden Freunde. Manchmal hielt ich es ohne ihn einfach nicht mehr aus, so dass ich auch unangekündigt einfach bei ihm auftauchte. Er hatte immer etwas Zeit für mich, machte Kaffee und wir unterhielten uns, scherzten und lachten.

„Du erinnerst mich manchmal an einen Professor von mir“, verkündete Arnd wenig schmeichelhaft an einem Abend. Ich grinste frech:. „Wieso? Ist er auch so hübsch?“

„Quatsch!“, lächelte Arnd unbelastet. „Aber der bricht auch ab und zu mitten in einem Vortrag ab und starrt Löcher in die Luft.“

„Mach ich das?“, keuchte ich verblüfft.

„Na ja, nicht lange“, lenkte Arnd auf seine liebe Art ein. Ich war trotzdem überrascht und geradezu peinlich berührt. Gut möglich, dass ich rot wurde. Vielleicht passierte es mir in letzter Zeit häufiger, dass sich die beiden Welten doch vermischten. Das ging jedoch nicht allein von mir aus. Gerade jetzt stand Arnd nämlich auf, um noch eine Ladung Kaffee aufzubrühen, dabei strich er mich vielleicht unbewusst durchs Haar. Keine auffällige Geste, aber mich durchfuhr es wie ein Stromschlag. Ich fand es umso schlimmer, weil ich mir sicher war, dass sie nichts bedeutete. Ich hatte mich niedlich benommen und Arnd streichelte mich als wäre ich eben das: ein niedliches Kätzchen. Nicht gerade glorreich, von ihm aber gewiss alles andere als böse gemeint.

„Miau“, machte ich selbstironisch. Jetzt sah mich Arnd verwundert an, dann lachte er aber vergnügt und tief vor sich hin. Er sah so zufrieden aus.

„Da ist am Wochenende eine Party in unserer Fakultät“, berichtete Arnd plötzlich. „Hast du nicht auch Lust zu kommen? Sonst laufen da nur solche Technikfreaks herum.“

„Klingt ja sehr verführerisch“, fand ich scheinbar sarkastisch, doch mein Herz klopfte hart gegen meine Rippen. „Du gehst hin?“

„Ja, klar. Sonst würde ich kaum fragen“, lachte Arnd amüsiert.

„Ich überleg ’s mir“, versprach ich unverbindlich.

„Nur überlegen?“, verwunderte sich Arnd darüber. „Hättest du denn etwas anderes vor?“

„Weiß noch nicht.“

„Wenn du keine Lust hast, sag es doch einfach“, er klang fast gekränkt. Verdutzt blickte ich zu ihm auf:. „Ich weiß noch nicht, ob ich Lust habe. Was ist so schlimm daran?“

„Nichts“, musste Arnd fairer weise zugeben. „Aber ich verstehe es nicht ganz, was dagegen sprechen sollte. Ich dachte, du gehst gerne aus oder willst du nicht mit mir ausgehen?“

„So ein Blödsinn“, entfuhr es mir erstaunt. „Ist nur nicht gerade die Art Party zu der ich gewöhnlich gehe. Was soll ich da? Du hast da deine Kumpels und ich werde kaum jemanden kennen. Ganz abgesehen davon, dass deine Kumpels mich nicht mögen.“

„Sie haben noch gar keine Meinung zu dir“, machte es Arnd nicht unbedingt besser. Ich wusste, dass das ungefähr das Gleiche war, wenn nicht sogar noch schlimmer als nicht mögen.

„Okay“, seufzte ich unfähig mit ihm zu streiten. „Ich kann ja mal vorbei sehen.“

„Super“, schmunzelte Arnd triumphierend. „Außerdem ist es eine ganz tolle Party für dich: Nur Jungs.“

„Großartig“, brummelte ich. „Noch mehr Heten.“

„Wie bitte?“, hatte mich Arnd wirklich nicht verstanden. Ich grinste ihn breit an:. „Ach nichts!“

Die Party wurde, wie nicht anders erwartet, grauenvoll. Alle hatten Spaß nur ich nicht. Es waren nicht nur Jungs in dem Saal, in dem sie stattfand. Es gab auch etwa fünf Mädchen. Und diese fünf Mädchen schienen alle ein Auge auf Arnd und dessen Freunde geworfen zu haben. Das Frustrierendste daran war: Sie waren dümmer als ich, weniger schlagkräftig und nicht wesentlich hübscher, trotzdem hatten sie sehr viel höhere Chancen bei Arnd als ich in zehn Jahren. Eine Weile sah ich den stumpfen Flirts griesgrämig zu. Dann hatte ich genug und bestellte mir einen Cuba Libre nach dem anderen. Wenn ich schon nichts dagegen machen konnte, dann wollte ich wenigstens nichts mehr davon mitbekommen.

Als mein Verstand wieder etwas klarer wurde, wurde ich gerade von Arnd die Treppe zu seiner Wohnung hoch geschleppt. Er schnaufte ein wenig, hatte aber ansonsten keine größeren Schwierigkeiten. Ich genoss es so an ihn gepresst zu sein. Dann merkte ich plötzlich, dass mir kotzübel war. Arnd merkte es auch, aber erst als ich mich schon über uns beide erbrach. Er machte es mir nicht zum Vorwurf, als ich mich kleinlaut entschuldigte. Stattdessen trug er mich ins Bad und setzte mich vor der Kloschüssel ab, falls weiteres aus meinem Inneren hervordringen wollte. Doch daran war gar nicht zu denken, denn er zog sich nun seine beschmutzen Sachen aus um sie gleich in die Waschmaschine zu stecken. Mit meinen geschah das Gleiche, ehe ich auch nur realisierte wie mir geschah.

„Geht’s wieder?“, fragte er mitleidig. Ich musste schrecklich aussehen. Um ein letztes bisschen Würde zu bewahren nickte ich tapfer und entschuldigte mich nochmals. Arnd winkte selbst ziemlich kleinlaut ab:. „Ich hätte dich nicht überreden sollen mit auf die Party zu kommen. Es war wohl wirklich nichts für dich, oder?“

Ich schüttelte nur den Kopf, ehe ich mich erneut, diesmal aber in die Kloschüssel erbrach. Mir war speiübel und ich kotze so lange, bis ich nur noch trocken nachwürgen konnte. Arnd reichte mir mitfühlend ein Glas Wasser, was mein gereizter Magen jedoch auch nicht lange beherbergen konnte.

„Geh ruhig schlafen“, murmelte ich anschließend. „Ich komm schon klar.“

„Nein, ist schon okay“, lehnte Arnd ab. „Ich bleib lieber bei dir und lenk dich ein bisschen ab.“

„Sei nicht so lieb und geh ins Bett!“, befahl ich etwas bestimmter. „Ich hab’s mir doch selbst eingebrockt.“

„Ich hätte ein bisschen auf dich aufpassen müssen“, gestand Arnd reumütig. „Hab zu spät bemerkt, dass du zuviel hattest. Die Party muss ja wirklich schlimm für dich gewesen sein, wenn du dich auch noch so leise betrinkst.“

„Ich hätte ja auch gehen können“, murmelte ich erschöpft und lehnte mich an die Wand. Ich hätte wirklich gehen sollen, denn der Anblick eines nur in Shorts bekleideten Arnd war etwas zu viel für mich.

„Ich gebe dir einen Eimer, dann kannst du dich wenigstens hinlegen“, entschied Arne kompetent.

„Danke“, murmelte ich wieder nur matt.

Gegen Mittag erwachte ich mit Kopfschmerzen und einem rumorenden Magen auf Arnds Couch. Den Eimer hatte ich zum Glück nicht mehr gebraucht und wann ich es geschafft hatte einzuschlafen, wusste ich nicht mehr. Der Grund weshalb ich aufgewacht war, kam gerade aus der Dusche und verschwand wieder nur in Shorts bekleidet in seinem Schlafzimmer. Mit großen Augen starrte ich auf die hinter ihm offen gelassene Tür und schluckte. Das war reiner Masochismus, was ich hier machte. Das war als wenn man eine große Schokoladentorte vor sich hatte, ihren Duft in sich aufsog, um dann festzustellen, dass sie für jemand anderen reserviert war.

Mit schmerzender Brust wandte ich meinen Blick ab und rollte mich auf dem Sofa zu einem kleinen wehleidigen Bündel zusammen. So ging es auf keinen Fall weiter. Ich quälte mich doch nur selbst, wenn ich so tat als würde mir eine Freundschaft reichen. Sicherlich würde ich in Zukunft noch öfter mit ansehen müssen, wie meine Torte von blöden Mädchen verspeist wurde. Außerdem liebte ich diese Schokotorte, ich wollte sie weder teilen noch länger nur anstarren. Meine Fantasie reichte mir nicht mehr. Ich würde noch zum Freak werden, wenn ich weiter so vor mich hin lebte.

„Oh du bist wach“, stellte plötzlich diese tolle Bassstimme hinter mir fest. „Morgen! Geht es dir immer noch nicht besser?“

„Kopfschmerzen“, murmelte ich ohne aufzusehen.

„Mmh“, machte Arnd mitfühlend und streichelte über das entsprechenden Körperteil. Seine Hand war riesig und schön warm und sanft. Ich schloss unwillkürlich die Augen, als ich die Berührung genoss. Erst als es mir bewusst wurde, schreckte ich auf und wich davor zurück. Ich spürte wie das Blut in meinen Kopf stieg. Arnds braune Augen musterten mich verwirrt. Ich wandte mein Gesicht schnell von ihm ab und stand auf:. „Kann ich duschen?“

„Ja, klar…“

„Danke“, murmelte ich und war schon halb im Badezimmer verschwunden. Es roch nach Arnds Duschgel und seinem herben Aftershave. Das half nicht gerade mein Gefühlstaumel zu überwinden. Ich atmete etwas flacher und mir war schwindlig. Fahrig entkleidete ich mich und stieg in die Duschkabine. Das Wasser stellte ich auf kalt, um wenigstens etwas zu Besinnung zu kommen. Ich war mir jetzt ganz sicher, dass ich Mist gebaut hatte. Die Reaktion eben war mehr als komisch gewesen. Aber es ging ohnehin nicht mehr. Ich konnte nicht länger mit Arnd auf guten Kumpel machen. Natürlich wusste ich, dass etwas Besseres einfach nicht drin war, aber plötzlich wusste ich, dass ich nur auf zwei Arten mit Arnd auskam: Entweder ganz oder gar nicht. Dieses Dazwischen machte mich fertig und würde doch nur schlimm enden.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte sich Arnd besorgt als ich wieder aus dem Bad zurückkam. Ich nickte tapfer:. „Ja, wo sind meine Sachen?“

„Die sind noch nicht trocken. Du kannst dir welche von mir leihen“, bot Arnd großzügig an. Er beachtete gar nicht, dass ich nur ein Handtuch anhatte. Resigniert trottete ich in sein Schlafzimmer und öffnete seinen Schrank. Er kam nach, um mir zu helfen. Dicht hinter mir stehend griff er in den Schrank und holte eine Jogginghose hervor sowie einen mir sicherlich viel zu großen Pulli. Dabei berührte er mich zwangsläufig auf nackter Haut. Die Hitze der Berührungen brannte durch meinen ganzen Körper und ich erschauerte.

‚Verdammt ich muss hier raus.’ dachte ich nur ‚Sonst wird es noch peinlich.’

„Hast du Hunger? Ich kann uns Frühstück machen, während du dich anziehst“, schlug Arnd freundlich vor. Ich schüttelte nur den Kopf:. „Nein. Ich muss heim und noch etwas für morgen lesen.“

„Oh, na gut“, gab Arnd leicht nach. „Wir sehen uns ja dann sicherlich morgen im Bus.“

„Hm“, machte ich zustimmend, während ich mich umständlich anzog. Ich war froh als ich endlich zu Hause war. Kraftlos ließ ich mich auf mein Bett fallen und versank in Selbstmitleid. Ich Idiot! Dabei hatte ich doch von Anfang an gewusst, dass daraus nichts werden konnte. Trotzdem hatte ich mich so sehr hineingesteigert, dass ich jetzt, da ich der Realität endlich ins Auge sah, in schrecklichen Liebeskummer ertrank. Irgendwann schlief ich wieder ein. Am nächsten Tag ging ich nicht zur Uni. Ich hatte Angst Arnd über den Weg zu laufen und wieder an meinem Entschluss zu zweifeln. Ich musste ihn vergessen. Am besten ich zog um. Einmal damit angefangen, ging ich weder Dienstag noch Mittwoch zur Uni. Als ich auch am Donnerstag einfach im Bett liegen blieb und die Welt außerhalb verdammte, klingelte am Abend das Telefon.

„Hey“, es war Arnd und er klang besorgt. „Was ist los mit dir? Ich habe dich seit Sonntag nicht gesehen. Bist du etwa krank?“

„Nein.“

„Warum gehst du dann nicht zur Uni?“, wollte Arnd verwundert wissen.

„Was geht dich das an?“, blubberte ich schlecht gelaunt.

„Äh, nichts. Sorry“, beeilte sich Arnd zu sagen. „Ich hatte mir Sorgen gemacht.“

„Musst du nicht.“

„Okay…“ murmelte Arnd. „Ist wirklich alles okay bei dir?“

„Ja, alles bestens“, log ich.

„Gut. Wann kommst du denn dann mal wieder vorbei?“, fragte Arnd langsam. Ich zögerte etwas, doch dann sagte ich es:. „Ich hab zurzeit keinen Bock.“

„Hm“, machte Arnd nur. „Okay, na ja, dann will ich dich nicht weiter stören.“

„Mhm, tschüss“, brummte ich und legte auf. Jetzt hatte ich den totalen Rückfall erlitten. Gequält rollte ich mich auf meine andere Seite und begann zu heulen. Wenn Arnd wenigstens gemein reagiert hätte… Doch er war wie immer nett gewesen. Es tat so verdammt weh.

Am Samstag hielt ich es schließlich nicht mehr aus so einsam und abgekapselt zu sein. Ich beschloss, dass das Beste wohl Ablenkung war und rief Toby an. Den hatte ich ganz zu Beginn meines Studiums in einer Disko kennen gelernt. Ein lustiger Typ, der auch nicht übel aussah, aber in den ich mich nie hätte verlieben können, warum auch immer. Wir hatten einfach ab und zu Spaß miteinander, wenn einer von uns gerade einmal einen Engpass hatte. Ich hatte Glück, Toby hatte Zeit und er kam gerne vorbei. Ohne viel Theater zog ich ihn in mein Bett, ehe wir begannen einander auszuziehen.

„Du hast es anscheinend echt nötig“, fiel Toby spöttisch auf. „Wir haben keine zwei Sätze miteinander geredet.“

„Ich mag nicht reden“, entgegnete ich nur und riss ihm die Jeans runter.

„Okay…“ machte er nur gedehnt. „Kann ich auch mit leben…“

Damit tat er es mir gleich und befreite mich von meiner Hose, jedoch gleich gefolgt von meiner Shorts. Völlig nackt spreizte ich meine Beine unter ihm und animierte ihn durch einen leichten Druck auf seinen beruhigend normal breiten Schultern dazwischen zu sinken und mich in den Mund zu nehmen. Er tat mir den Gefallen und wie immer war er äußerst talentiert darin. Ich war ganz kurz vorm Kommen, als es plötzlich an meiner Tür klingelte.

„Erwartest du etwa noch mehr Besuch?“, erkundigte sich Toby mit dreckigem Grinsen. Ich schüttelte den Kopf:. „Ignorier es einfach.“

„Hm…“ machte Toby. „Du musst es ja wissen.“

Es klingelte erneut. Beim dritten Mal gesellte sich ein Klopfen dazu und man hörte deutlich Arnds dunkle Stimme:. „Kim? Ich weiß, dass du da bist. Mach auf! Ist alles in Ordnung?“

„Wer ist denn das?“, wollte Toby neugierig wissen und war schon durch mein kleines Einzimmerapartment geflitzt, um durch den Türspion zu sehen. Ich hörte ihn leise durch seine Zähne pfeifen, dann öffnete er ohne Vorwarnung die Tür und ich hatte gerade noch Zeit genug unter die Decke zu schlüpfen.

„Hey, wer bist du denn?“, wollte Toby von dem Besucher wissen.

„Äh..“, kam es aus Arnds Mund ziemlich überrumpelt. „Ich wollte zu Kim, ist er nicht da?“

Vom Eingang konnte man das Bett nicht sehen, da es sich in einer Nische befand, die durch das Badezimmer entstand. Trotzdem war es eine dumme Frage, die nur zu gut widerspiegelte, wie schockiert der arme Junge war. Toby lachte amüsiert auf:. „Nein, ist er nicht. Ich zieh mich Freitagabends immer nackt aus und lauf durch seine Wohnung.“

„Hm“, machte Arnd völlig verwirrt. „Na ja…“

„Oh Mann…“ seufzte ich widerstrebend.

„Ich wollte nur deine Sachen vorbeibringen, von letzter Woche“, erklärte Arnd und lugte vorsichtig um die Ecke. Als er bemerkte, wie unpassend er tatsächlich kam, setzte sich eine gewisse Röte unter seiner Haut fest. Toby machte hinter seinem Rücken eine anerkennende und dann eine eindeutig zweideutige Geste. Ich rügte ihn mit einem finsteren Blick und wandte mich dann wieder an Arnd.

„Danke“, murmelte ich ebenfalls etwas peinlich berührt. „Pack sie irgendwohin.“

„Du hast mir gar nichts von ihm erzählt“, beklagte sich Toby belustigt. „Nicht dass es mich überrascht, du Egoist!“

„Es gibt nichts zu erzählen“, brummte ich nur und zog die Decke ein Stück höher, während ich meine Augen nicht von Arnd abwenden konnte, als der meinem Wunsch nachkam. Toby bemerkte es sehr wohl und grinste verhalten:. „Ach nein?“

„Nein“, knurrte ich und zwang mich fort zu sehen. Arnd war fertig und wandte sich nun zögernd an mich:. „Ich würde mich gern mal mit dir unterhalten, wenn es dir passt.“

Er klang ernst und irgendwie auch ziemlich angepisst. Toby griff schnell nach seiner Hose und zog sie sich an:. „Wie wäre es mit jetzt? Die Stimmung ist eh verdorben und ich wollte mich eigentlich mit ein paar Leuten treffen.“

‚Verräter.’ dachte ich missgünstig und wandte dem restlichen Zimmer meinen Rücken zu:. „Ich hab keine Lust zu reden.“

„Wie heißt du eigentlich?“, wollte Toby von Arnd wissen.

„Arnd.“

„Hi Arnd, ich bin Toby“, der Verräter war sichtlich erheitert. „Lass dich von ihm nicht abschrecken. Er hat nur ein bisschen schlechte Laune.“

„Gar nicht“, knurrte ich undeutlich.

„Ich glaube, wir verschieben es besser“, murmelte Arnd auch nicht gerade fröhlich.

„Nein, nein“, mischte sich Tob hemmungslos ein. „Sieht so aus, als ob Kim jetzt wieder Zeit hat. Ich gehe, bye. Ruf dich morgen an, okay?“

„Hm“, machte ich nur. Dann hörte man die Tür und es wurde unangenehm still. Ich drehte mich nicht um. Eine ganze Woche hatte ich es geschafft Arnd aus dem Weg zu gehen. Und jetzt war er hier, noch dazu in der ungünstigsten Lage, die ich mir vorstellen konnte: Ich war nackt.

„Okay, worüber willst du reden?“, seufzte ich. Von Arnd kam ein tiefes Grunzen, das deutlichen Unwillen ausdrückte. Um ehrlich zu sein, hatte ich noch nie so etwas Grimmiges von Arnd gehört. Ich beschloss vorsichtig nachzusehen, ob sein Gesichtsausdruck dazu passte. Er passte. Arnd sah sogar ziemlich ungehalten aus. Ich blinzelte überrascht:. „Was?“

„Ich kann es nicht leiden, wenn man seine Freunde wegen einer neuen Beziehung wie Dreck behandelt“, erklärte Arnd eindeutig sauer. „Es ist ja okay, wenn man mit entsprechender Person mehr Zeit verbringen möchte, aber du hättest wenigstens etwas sagen können. Du bist ja noch nicht einmal zur Uni gegangen! Und ich hab mir Sorgen gemacht und überlegt, ob ich was falsch gemacht habe!“

„Ich hab keine Beziehung“, wies ich die Anklage scharf von mir.

„Ach, und was war das hier gerade?“, wollte Arnd streng wissen.

„Ich habe keine Beziehung mit Toby, nur Sex und wenn ich es genau bedenke noch nicht einmal das!“, knurrte ich. „Weil du uns unterbrochen hast.“

Arnd war nicht mehr rot sondern bleich. Er bemühte sich sichtlich um Fassung. Unruhig ging er in meinem Zimmer herum und setzte sich schließlich auf meinen Schreibtischstuhl. Er atmete einmal tief durch und sah mich dann fragend an:. „Okay, wenn es nicht an ihm liegt, was ist dann der Grund? Warum bist du plötzlich so kalt? Hab ich was falsch gemacht?“

„Nein“, murmelte ich in meine Decke.

„Was ist dann mit dir los?“

„Nichts, wie soll ich reagieren, wenn du in so eine Situation hereinplatzt?“

„Am Telefon warst du noch ekliger als jetzt“, warf mir Arnd vor. „Ich will doch nur wissen, was plötzlich los ist. War was auf der Party? Oder bist du einfach aufgewacht und hattest keinen Bock mehr auf unsere Freundschaft?“

„So was ähnliches“, gab ich zu und ließ ihn nicht aus meinen grauen Augen. Arnd machte ein gekränktes Gesicht:. „Und was genau?“

„Ich kann nicht mit dir befreundet sein“, platzte es auf einmal aus mir heraus.

„Ach und warum auf einmal nicht?“, wollte Arnd ungläubig wissen.

„Darum eben nicht“, sagte ich schlicht und hoffte, dass er auch so verstehen würde. Das tat er nicht. Er wurde immer beleidigter:. „Hmpf. Na, danke.“

In mir begann mein Herz sich zu verkrampfen. Es war doch ohnehin alles total verworren. Ich hatte rein gar nichts mehr zu verlieren. Wenn ich über ihn hinweg kam und für eine Freundschaft wieder bereit war, würde er mich hassen. Ich hatte mich eine Woche lang gequält und mit einem Blick auf ihn war alles wieder hinfällig. Das würde ohnehin nie klappen mit einer Freundschaft. Aber ich sollte vielleicht einfach ehrlich sein. Auch wenn ich mich selbst total erniedrigte.

„Du kannst mir nicht erzählen, dass es keinen Grund gibt“, erklärte Arnd gekränkt. „Das passt doch gar nicht zu dir. Oder hast du dich verstellt?“

„Vielleicht habe ich mich verstellt“, gab ich zu. Arnd musterte mich kritisch, aber zu dem einzig logischen Schluss kam er nicht. Er machte ein beleidigtes Gesicht und zuckte dann schlicht mit seinen breiten Schultern:. „Es liegt an der Party, nicht wahr? Seitdem bist du so komisch! Also, ist da irgendetwas vorgefallen? Hat dich einer meiner Freunde beleidigt?“

Plötzlich ging ein Ruck durch ihn und seine Augenbrauen flogen auf. Er machte einen Schritt in meine Richtung und ich wich unwillkürlich zurück. Es sah ganz danach aus, als hätte er einen Geistesblitz gehabt. Ich wappnete mich gegen meine große Enthüllung.

„Das ist es, oder?“, wollte Arnd erbost wissen. „Wer war es? Hat dich einer bedroht oder angemacht? Sven? Du musst es mir nur sagen und ich mach den Kerl fertig.“

Ich seufzte, ob aus Erleichterung oder Beklemmung, wusste ich nicht. Arnd würde anscheinend nie darauf kommen, was hier los war. Plötzlich war mir das wieder ganz recht. Er war so lieb. Obwohl er sauer war, machte er sich immer noch Sorgen um mich. Wenn ich ihm jetzt sagte, dass ich ihn liebte, würde er sich am Ende auch noch selbst Vorwürfe machen. Zermürbt zog ich mich unter meine Decke zurück. Bisher hatte ich nur an meine eigenen Gefühle gedacht und gar nicht die von Arnd berücksichtigt. Natürlich würde er niemals das Gleiche für mich empfinden, wie ich für ihn, aber anscheinend legte er doch großen Wert auf unsere Freundschaft. Wer war ich, dass ich sie so einfach zerstören wollte?

„Nein, nein“, murmelte ich also nur niedergeschlagen. „Am besten lässt du mich einfach eine Weile in Ruhe. Mir geht es zurzeit einfach nicht so gut.“

„Hast du…“ begann Arnd etwas zögerlich. „Hast du irgendwelche psychischen Probleme, oder so? Meine Exfreundin hatte auch so etwas… manchmal. So was wie Depressionen?“

„Ich bin zwar schwul aber eine Menstruation bekomme ich trotzdem nicht“, knurrte ich angesäuert über den Vergleich mit seiner Ex. Arnd holte einmal tief Luft:. „Du benimmst dich aber ganz genau so!“

Dann hörte ich seine Schritte, sah aber nicht auf. Erst als er die Tür öffnete, kam ich etwas unter meiner Decke hervor. Ich hatte ihn anscheinend vergrault:. „Okay, ich lass dich zufrieden, erstmal. Komm ins Reine mit dir und meld dich dann bei mir.“

„Hm“, machte ich nur zum Zeichen, dass ich ihn gehört hatte.

„Und wenn dich einer von meinen Kommilitonen dumm angemacht hat, werde ich es eh herausfinden“, erklärte Arnd noch, dann schlug die Tür hinter ihm zu. Verdammt, es tat so weh. Ich presste meine Augen zusammen und wünschte mir für einen Moment einfach zu sterben. Dann seufzte ich noch einmal tief und griff zum Telefonhörer. Ich wollte bei Arnd anrufen, noch bevor er ankam, um ihm auf den AB zu sprechen. Es gelang mir:. „Hey Arnd. Ich bin’s Kim. Ich äh…“ eigentlich hatte ich keine Ahnung, was ich ihm sagen wollte. „Wegen eben… na ja, eigentlich wegen der ganzen Woche, es tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist…“ ‚Lügner!’. „Vielleicht brüte ich etwas aus, oder so. Ich bin bald wieder normal, okay? Okay. Also bis Dienstag. Bye.“

Als ich auflegte fühlte ich mich merkwürdig erleichtert und bescheuert zugleich. Nun, immerhin hatte ich meinen guten Willen gezeigt. Ich war aber noch nicht ganz fertig mit meinen Anrufen für diesen Abend.

„Du Arschloch!“, bellte ich aufgebracht in den Hörer.

„Ach, Kim?“, erkundigte sich Toby erheitert. „Schön das du dich gleich meldest. Wie ist es gelaufen?“

„Wie es gelaufen ist? Bist du total bescheuert? Was fällt dir ein, mich mit ihm allein zu lassen!?“, wies ich ihn zurecht. Toby lachte leise, im Hintergrund waren Motorgeräusche zu hören. Anscheinend war er noch im Bus.

„Ich hab dir Gelegenheit gegeben, dich mit deinem Schatz auszusprechen“, erklärte er schließlich. „Was doch nett von mir.“

„Bist du blind? Er ist hetero, du Gehirnamputierter! Was gibt es da auszusprechen?“, erkundigte ich mich aufgebracht. „Soll ich mich vor ihm erniedrigen?“

„Lass mich die Fakten einmal kurz aus meinem Blickwinkel darstellen, bevor du mich weiter zusammenfaltest“, bat mich Toby gelassen. „Also, du bist offensichtlich, - ganz offensichtlich, tierisch verknallt in diesen Kerl, so wie du ihn angesehen hast…“

„Das weiß ich selbst!“, knurrte ich. „Und warum zum Teufel solltest du mich dann auch noch mit ihm allein lassen? Wenn du wirklich so scharfsinnig, sollte dir nicht entgangen sein, dass er auf Frauen steht! Ich versuche gerade über ihn hinwegzukommen und du lässt ihn in meine Wohnung!“

„Hm…“ machte Toby. „Dafür dass du so in ihn verliebt bist, gibst du ziemlich schnell auf.“

„Es wurden schon genug Versuche gemacht Schwule zu bekehren, aber andersherum finde ich die Sache noch etwas hoffnungsloser, als ohnehin schon“, zischte ich ungeduldig. Toby schnaubte ebenfalls ungeduldig:. „Lass mich gefälligst einmal ausreden, du kleiner Idiot! Ich glaube nicht, dass es unmöglich ist deinen Arnd zu bekehren, wenn du so willst. Himmel, ich wurde bisher selten derart eifersüchtig angesehen!“

„Arnd ist nicht schwul! Um das zu erkennen, musst du ihn nur einmal ansehen.“

„Mhm, er sieht wirklich toll aus, aber warum sollte er dann nicht zumindest bi sein?“, wollte Toby hartnäckig wissen. „Ich meine es ernst. Er war total eifersüchtig auf mich.“

„Quatsch, er war nur sauer, weil er dachte, ich würde meine Freunde wegen einer neuen Beziehung vernachlässigen.“

„Ach ja? Hat er das gesagt? Nun, vielleicht denkt er das sogar und du ganz bestimmt, aber es ist nicht so. Er war eifersüchtig und zwar nicht wegen einem Kumpel“, erklärte Toby ernst. „Und selbst wenn, seit wann ist man so eifersüchtig oder sauer nur weil du dich wie lange nicht bei ihm gemeldet hast?“

„Eine Woche.“

„Eine Woche!“, wiederholte Toby und lachte laut. „Oh Mann!“

„Toby! Er ist nicht schwul!“, brüllte ich durch den Hörer. „Selbst wenn er mich sehr gerne hat, wird er mich niemals so sehr lieben, wie ich ihn!“

„Hui“, machte Toby. „So sehr also? Dann würde ich es zumindest darauf ankommen lassen. Er hat dich sehr, sehr gern, so gern, dass er eifersüchtig wird, wenn du dich eine Woche nicht bei ihm meldest. Alles was du ihm jetzt noch zeigen musst, ist, dass du ihm besser befriedigen kannst als irgendein Mädchen. Dann hat er schließlich alles, was er braucht.“

„Ach ja? Toll und wie sollte ich so etwas anstellen?“, fragte ich fassungslos. „Hey Arnd, lass uns ins Bett steigen?“

„Na ja, vielleicht nicht ganz so offensiv“, lenkte Toby ein. „Aber das Ziel solltest du schon haben. Und wenn du einmal diese letzte körperliche Hürde zu ihm überwunden hast, wird er dich spätestens auch lieben. Das Fundament dazu habe ich jedenfalls in seinen Augen gesehen. Oh Gott, der Kerl hat wahnsinnige Augen.“

„Arnd wird sich niemals in mich verlieben“, murmelte ich eigensinnig.

„Doch wird er, aber nicht, wenn du nicht alles versuchst. Ich meine, was hast du zu verlieren?“

„Seine Freundschaft?“

„Ach Quatsch! Die willst du doch gar nicht“, behauptete Toby konsequent. „Daran wirst du eingehen. Glaub mir, das habe ich schon oft genug gesehen! Ein Homo der im Stillen seinen hetero Freund anschmachtet. So willst du nicht werden, daran krepierst du! Also, entweder du kriegst ihn rum oder das war’s, aber dann weißt du es mit Bestimmtheit.“

„Aber ich kann nicht ertragen, wenn er mich hasst!“

„Er wird dich nicht hassen und wenn doch, dann ist er es eh nicht wert. Los Kim! Geh ran!“, forderte Toby mich aufmuntert auf. „Ich muss jetzt auflegen. Bin angekommen. Melde mich bald bei dir und frage, wie weit du bist!“

Er wartete noch nicht einmal meine Antwort ab, ehe er auflegte. Ich starrte den Hörer eine Weile wie erstarrt an, während in meinem Kopf ein völliges Vakuum herrschte. Als ich wieder etwas klarer wurde, legte ich das Telefon beiseite. Ich schüttelte energisch den Kopf und versuchte mir Tobys Hirngespinste auszutreiben, aber es gelang mir nicht. Irgendwie hatte er in meinem kaputten Herzen eine leise Hoffnung gesät. Ich wünschte mir so sehr, dass er Recht hatte. Und Arnd hatte sich wirklich eifersüchtig benommen. Anderseits konnte man auch auf Freunde von Freunden eifersüchtig sein. Allerdings hatte ich Arnd nie für einen eifersüchtigen Typen gehalten.

„Fuck“, murmelte ich und ließ mich zurück ins Kissen sinken. „Ich werde in der Nacht kein Auge zubekommen.“

Irgendwann sah ich aber ein, dass Grübeln mich nicht weiterbrachte. Ich musste es einfach versuchen. Mit diesem festen Entschluss begann die Grübelei aber erst. Jetzt musste ich mir ein Konzept ausdenken, mit dem ich Arnd ins Bett bekam. Ich ersann mir einen Stufenplan. Zunächst musste ich mich aber erst einmal selbst unter Kontrolle bekommen. Wenn ich heiß wurde, nur weil er mich berührte, konnte ich ihn nicht langsam verführen…

Mein Training und Plan begann am Dienstag an der Bushaltestelle. Wäre ich ein Mädchen gewesen, wäre es einfacher gewesen. Ich hätte ihn einfach umarmen können, so zur Begrüßung. Aber als Junge blieb mir nichts anderes übrig als ihn freundlich anzustrahlen und zu hoffen, dass er irgendwie von meinem Charme geblendet wurde.

„Geht’s dir wieder gut?“, erkundigte sich Arnd völlig unangetastet von meinem Charme. Mein Lächeln halbierte sich, um nicht ganz zur Asche zu zerfallen und ich zuckte mit den Schultern:. „Ja.“

„Was war es jetzt eigentlich genau?“

„Ach nur ein Stimmungstief“, murmelte ich und verfluchte die Richtung des Gesprächs. „Kann ich heute Abend wieder bei dir vorbei kommen?“

„Klar“, willigte Arnd ein und musterte mich prüfend. „Ich würde mich eh gerne noch mal mit dir unterhalten.“

„Oh…“ machte ich unwillig. „Können wir die letzte Woche nicht einfach vergessen? Ich hab mich doch schon entschuldigt.“

„Okay, es ist nur, vielleicht sollte ich mich auch entschuldigen. Ich meine…“ er wurde vom Eintreffen des Busses unterbrochen. „Ach wir reden heute Abend darüber…“

Ich sah dem Gespräch mit einem ziemlich bangen Gefühl entgegen. Und mit Recht wie sich herausstellte. Arnd entschuldigte sich genau dafür, wofür ich ihn liebte.

„Also, ich wollte dich nicht nerven“, begann er zerknirscht, als wir in seiner Wohnung vor einem Kaffee saßen. „Ich war wohl etwas übereifrig. Immerhin kennen wir uns noch gar nicht solange. Es gab gar keinen Grund dich so anzupflaumen nur weil du eine Woche schlechte Laune hattest. Und dass ich dich mit deinem…ich meine diesem Toby unterbrochen habe, tut mir auch leid.“

„Schon okay“, murmelte ich und spürte wie ich rot wurde. Am liebsten hätte ich jetzt Vergeltung gefordert, in der Richtung, dass er mir ja zum Ausgleich Tobys Dienst erweisen könnte, aber das wäre wohl wirklich etwas zu offensiv gewesen.

„Du bist wirklich nicht mit ihm zusammen?“, wollte Arnd zögernd wissen.

„Nein, ich bin solo. Das sagte ich doch. Wenn sich daran etwas ändert, wirst du als erster davon erfahren“, versprach ich etwas spöttisch. „Toby und ich haben nur hin und wieder… na ja, wenn der Druck zu groß wird, verstehst du? Machen das Heteros mit Mädchen nicht genauso?“

„Ich weiß nicht. Ich habe mich jedenfalls noch nicht nur aus so einem Grund auf ein Mädchen eingelassen“, gab Arnd zögernd zu.

„Noch nie?“, beharrte ich.

„Vielleicht einmal, aber nicht nur deshalb“, haderte Arnd etwas mit sich selbst. „Ich meine, sie muss schon etwas haben...“

„Das heißt, du hast nur Sex, wenn dir die Person auch etwas bedeutet?“, wollte ich innerlich erdrückt wissen. Arnd nickte:. „Ja.“

„Du schläfst nur mit Mädchen, die du liebst?“

„Na ja, nicht unbedingt lieben, aber schon sehr, sehr gern haben“, gab Arnd zu. Ich atmete innerlich auf. Immerhin also nicht ganz so ein Heiliger.

„Du bist aber nicht so?“, wollte Arnd wissen. „Was empfindest du für diesen Toby.“

„Ist ein guter Freund“, erklärte ich möglichst unbelastet. „Ich hab ihn gern, aber ich könnte ihn niemals lieben. Wie gesagt, tun wir es ab und zu. Aber ich hab gehört, dass machen sogar Heteros, wenn sie in so einer Teenyphase sind.“

„Was?“, erkundigte sich Arnd etwas schockiert von meiner letzten Unterstellung. „Man schläft doch in keiner Teenyphase mit anderen Jungs, wenn man kein Interesse an ihnen hätte! Ich hab das nie gemacht!

„Na ja“, lenkte ich ein. „Nicht unbedingt Analverkehr, aber mit der Hand oder mit dem Mund ist ziemlich häufig.“

Arnd sah mich immer noch ein bisschen schockiert an und ich wurde etwas ungehalten darüber:. „Findest du das so schlimm? Was ist schon dabei? Als Junge weiß man doch sowieso besser, was sich gut anfühlt.“

„Hast du…“ begann Arnd zögernd, brach dann aber ab. Ich zog meine Brauen hoch:. „Ich habe was?“

„Ich meine, hast du das auch schon mal mit einen Heterosexuellen gemacht?“, wollte Arnd wissen.

„Klar. Ich wusste damals allerdings auch noch nicht so richtig, dass ich schwul war“, ging ich auf sein Interesse ein. „Aber die Jungen mit denen ich es damals gemacht habe, fanden es gut, sind aber trotzdem nicht schwul geworden.“

Arnd sah mich ein wenig seltsam an und ich war mir sicher, dass ich ihn soweit bekommen hätte es auszuprobieren, wenn er nur etwas Alkohol intus gehabt hätte. So aber würde er sich eher auf dem Mond verstecken. Ich wechselte also resigniert das Thema. Es war ein weiter Weg und er kam mir in diesem Moment noch viel weiter vor.

„Wann hattest du den ersten Sex?“, wollte ich wissen.

„Mit achtzehn“, nach all dem überraschte mich das nicht. Arnd sah so gut aus, dass er sicherlich schon viel eher Chancen bei Mädchen gehabt haben musste, aber wenn er nur mit Mädchen schlief, die ihm auch etwas bedeuteten, war das Alter durchaus plausibel.

„Und du?“, wollte er wissen.

„Richtigen Sex?“, wollte ich wissen. „Da hatte ich verschiedene erste Male. Willst du Details oder nur Zahlen?“

„Zahlen reichen“, die Antwort kam schnell und Arnd wurde niedlich rot im Gesicht. Irgendwie schien ihm das Thema nicht so ganz zu behagen. Ich grinste gemein:. „Also mit mir unten: 15. Mit einem Mädchen 16, war eine Katastrophe, mit mir oben und einem Jungen…“ ich zögerte und lächelte spitzbübisch. „20. Mir gefällt unten besser.“

„Das waren zu viele Infos“, fand Arnd nur und stand unwohl auf, um noch mehr Kaffee zu machen. „Wie sind wir eigentlich auf dieses Thema gekommen?“

„Wegen Toby“, erinnerte ich ihn. „Willst du gar nicht wissen, wie es ist?“

„Was?“, wunderte sich Arnd.

„Na…“ begann ich.

„Nein!“, unterbrach mich Arnd schnell, als es ihm selbst einfiel. „Wirklich nicht. Danke.“

Ich lachte leise, aber nur äußerlich, um den Schein zu wahren. Arnds Blick traf mich prüfend:. „Warum willst du eigentlich keine Beziehung zu ihm?“

„Weil ich ihn nicht liebe.“

„Na ja, aber warum verliebst du dich nicht in jemanden?“, fragte Arnd kritisch. „Ich meine, das ist ein Phänomen unter Schwulen, oder? Ihr geht keine Beziehungen ein, nur Sex. Das ist auch der Grund, warum ihr eher AIDS bekommt.“

„Das ist kein Phänomen oder Grund, das ist ein Vorurteil!“, verbesserte ich ihn etwas brüskiert über seine Meinung. „Es gibt genug homosexuelle Beziehungen. Und es gibt Kondome. Außerdem woher willst du wissen, ob ich mich nicht verliebe?“

„Du sagtest, du hättest keine Beziehungen, ohne verliebt zu sein. Und du hast zumindest seit du hier studierst keine Beziehungen, ergo verliebst du dich nicht“, war Arnd furchtbar logisch. Ich sah ihn verletzt an:. „Zum Verlieben braucht es nur ein Herz. Für eine Beziehung immer noch zwei.“

„Aber du hast doch sicher eine Menge Chancen, so wie du aussiehst und mit deiner offenen Art“, fand Arnd und schmeichelte mir indirekt. Ich strich mir den Honig vom Maul:. „Klar. Aber wenn man schon verliebt ist, bringen einem die anderen Chancen nicht viel.“

„Du bist also verliebt?“, wunderte sich Arnd tatsächlich noch. „In wen?“

„Was geht dich das an?“, fauchte ich mit einem plötzlichen Stimmungsumbruch. Mein Geduldsfaden war gerissen. Ich ertrug dieses Thema einfach nicht länger. Arnd, der immer noch nicht wieder saß, machte einen Schritt zurück und hob beschwichtigend die Hände.

„Sorry, wollte dir nicht zu nahe treten“, erklärte er verblüfft. „Aber woher soll ich wissen, dass du zwar freigiebig über Sex sprichst, aber nicht über Gefühle.“

„Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge für mich“, erklärte ich aufgebracht. „Ich brauche keine Liebe zum Sex und ich brauche keinen Sex für Liebe. Es ist zwar ideal, wenn es zusammentrifft, aber das ist verdammt selten, besonders wenn man schwul ist. Und das ist auch der verdammte Grund, warum ich keine Beziehung habe!“

„Oh“, machte Arnd mitgenommen, traf aber immerhin den Nagel auf den Kopf. „Ist das auch der Grund für deine derzeitige Reizbarkeit?“

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe“, murmelte ich nur und stand ebenfalls auf. In mir verkrampfte sich alles. Himmel, warum hatte ich das Thema nicht schon längst in eine ganz andere Dimension gewechselt. Das hier führte doch zu nichts. Es war noch viel zu früh für so etwas. Doch wie es aussah, würde es nie einen geeigneten Zeitpunkt geben. Arnd war wirklich stockhetero. Ich hätte es besser wissen müssen. Jetzt riss mich die zerplatze Hoffnung in ein noch tieferes Loch. In mir brodelten tausend Tränen der Verzweiflung, noch während ich meinen Weg aus der Wohnung suchte. Es gelang mir nicht sie aufzuhalten und es gelang mir außerdem nicht zu flüchten. Arnd packte mich am Arm:. „Wir sind doch Freunde, oder? Wenn du mir so etwas nicht erzählst, was dann? Dein Sexualleben interessiert mich nicht. Ich mache mir viel mehr Sorgen um dein Gefühlsleben, denn damit scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen… Weinst du etwa?“

„Nein!“, log ich schluchzend. Im nächsten Moment handelte ich rein instinktiv. Ich wollte meine Tränen verbergen und gleichzeitig suchte ich Schutz vor mir selbst. Jedenfalls landete ich irgendwie in Arnds Geborgenheit versprechenden Armen. Ich hatte immer dahin gelangen wollen, aber nicht auf diese Art. Jetzt heulte ich meinen Liebeskummer tatsächlich in den Armen des Verursachers aus.

„Hey… Kim“, brummte Arnd sanft und strich mir hilflos über meinen zitternden Rücken. „Ist es so schlimm?“

„Ja…“ murmelte ich nur halb erstickt.

„Hm“, machte Arnd nur und schob mich dann sanft aber bestimmt zum Sofa. „Setzt dich erst einmal.“

Ich war aber nicht bereit ihn wirklich loszulassen, also setzte er sich neben mich und streichelte mir weiter beruhigend über den Rücken. Es fühlte sich so furchtbar gut an, dass ich fast noch mehr weinen musste, weil es einfach total schief lief. Ich wollte, dass er mich aus einem anderen Grund so festhielt nicht aus Mitleid. Er war so toll. Jetzt wartete er geduldig darauf, dass ich mit dem Heulen aufhörte und wieder sprechen konnte.

„Du hast dich also in jemanden verliebt, der dich nicht liebt?“, wollte Arnd leise wissen. Ich nickte einfach.

„Bist du denn sicher, dass er für dich nichts empfinden könnte?“, fragte Arnd weiter. Ich nickte wieder. Immer noch mit einer Wange an seiner breiten Brust spürte ich seinen Herzschlag. Er ging ganz gleichmäßig nicht langsam aber auch nicht so schnell wie ich es mir wünschte.

„Hast du es ihm schon gesagt?“, wollte Arnd wissen. Ich schüttelte den Kopf so gut es ging.

„Woher weißt du es dann?“

„Er ist nicht schwul.“

„Oh…“ machte Arnd nur, ohne auch nur etwas zu verstehen. Er kam gar nicht darauf, dass er es selbst sein könnte, von dem wir hier redeten. Ich atmete zitterig aus und brachte etwas Abstand zwischen ihn und mich. Mitleidig strich er mir eine Träne von den nassen Wangen.

„Wie wäre es, wenn du es ihm trotzdem sagst. Vielleicht irrst du dich ja oder er… probiert es einfach mal“, schlug Arnd unsicher vor.

„Würdest du es ‚probieren’, wenn ich dich fragen würde?“, wollte ich trotz meines protestierenden Herzens wissen. Warum machte ich das? Wollte ich mich selbst testen? Im Prinzip hätte ich mir auch gleich das Herz herausreißen können.

„Wir sind doch Freunde…“ stotterte Arnd verlegen. „Das wäre ziemlich komisch, oder? Und außerdem würde unsere Freundschaft dadurch vielleicht kaputt gehen. Das wäre doch… total bescheuert.“

„Aber was, wenn du die Wahl hättest?“, wollte ich, - musste ich wissen. „Keine Freundschaft, weil es mir zu sehr weh tut oder eine richtige Beziehung ‚probieren’, was mich glücklich machen würde.“

Er musste es in meinem Gesicht lesen, denn plötzlich wurde er blass und seine Augen wurden größer. Er schien innerlich nach einem Strohhalm zu suchen, an dem er sich festhalten könnte. Man sah seinem Adamsapfel deutlich hüpfen, als er mühsam schluckte:. „Du meinst das doch rein hypothetisch, oder?“

‚Natürlich rein hypothetisch! Was denkst du denn?’ hätte ich jetzt sagen müssen und lachen. Aber ich konnte es nicht. Ich sah ihn einfach nur an, halb trotzig, etwas verzweifelt und irgendwie auch etwas hoffnungsvoll. Sein Adamsapfel hüfte nochmals, diesmal noch mühsamer:. „Du meinst es ernst?“

Ich sah das Nein zu deutlich in seinen Augen. Es lag auf seiner Zunge sobald ich zustimmen würde. Nein, er würde es gewiss nicht probieren und wenn er es einmal gesagt hatte, würde er es sich kaum anderes überlegen. Es gab keine Chance mehr. Aber ich wollte ihn wenigstens einmal küssen. Die Verzweiflung trieb mich tatsächlich so weit, dass ich ihn quasi ansprang und so völlig überrumpelte. Es gab keine Chance, aber seine Lippen gehörten für diesen winzigen Moment mir. Solang bis er seine Fassung zurück gewann und mich herausschmiss. Mit einem hatte Toby wenigstens Recht behalten: Ich hatte es versucht und hatte jetzt Klarheit. Arnd hatte einen hinreißenden Augenblick gebraucht, um die Kontrolle über sich wiederzulangen. Einen Augenblick, den ich in jeder Facette genossen hatte, auch wenn seine Lippen in ihrem Schrecken nichts von meinen Liebkosungen zurückwarfen.

„Kim!“, keuchte er erschrocken und schob mich von sich. Ich wusste, dass ich jetzt schrecklich aussehen musste, traurig und verletzt. Und Arnd sah fast genauso aus, auf seine Weise. Es schien ihm fast genauso wehzutun wie mir. Er mochte mich nicht verletzen, ich sah es ihm an. Und ich war dran und drauf es auszunutzen.

„Pobier es Arnd“, flüsterte ich flehend. „Es ist okay, wenn du nicht mit mir schlafen möchtest oder kannst. Ich will nur mit dir zusammen sein.“

„Oh Himmel, Kim!“, stöhnte Arnd unwillig auf und war mit einem Mal auf seinen Füßen, um ruhelos durch seine Wohnung zu tigern. „Warum machst du das?“

„Ich kann nichts dafür“, flüsterte ich kraftlos. „Ich hab mich einfach in dich verliebt.“

„Ich kann das nicht“, brach es aus ihm heraus. „Klar habe ich dich gern“, gestand Arnd erst dann ein. „Und ich will nicht, dass unsere Freundschaft zerbricht, aber…“

„Dann hab mich noch ein bisschen gerner und versuch es einfach“, bat ich verzweifelt. „Die Freundschaft ist eh kaputt. Ich kann nicht nur mit dir befreundet sein. Das macht mich völlig fertig.“

Arnd hielt in seiner Bewegung inne und sah mich eine Weile undurchsichtig an. Dann schüttelte er hilflos den Kopf:. „Aber ich bin nicht schwul. Ich habe es dir von Anfang an gesagt.“

„Ich weiß“, murmelte ich. „Aber Gefühle kennen diese Einschränkungen nicht.“

„Ich kann das nicht. Es würde eh nicht klappen.“

„Warum nicht?“, wollte ich wissen. „Ich sagte doch, Sex ist mir egal…“

„Aber mir nicht“,  erklärte Arnd plötzlich. „Eine Beziehung ohne Sex… Das ist doch keine Beziehung.“

„Es ist nicht so, als hätte ich was gegen Sex mit dir“, sagte ich leise und blickte ihn kalkulierend an. Arnd machte unbewusst einen unsicheren Schritt zurück:. „Du bist aber keine Frau.“

„Ja und? Ich hatte Sex mit beiden Geschlechtern. Du nicht, oder?“, trieb ich es in meiner Verzweiflung etwas zu weit. „Eine Frau kann es nicht besser machen als ich. Erstens kann ich viel besser blasen und zweitens bin ich viel enger als Frauen.“

„Ich steh nicht so auf Analsex“, keuchte Arnd schockiert von meiner Argumentation. Ich hob spöttisch die Brauen:. „Ach ja, das ist mal was Neues. Ich habe einige weibliche Freundinnen und deren Typen stehen alle auf Analsex, nur das es die meisten Frauen nicht wollen.“

„Dir fehlen immer noch Brüste“, fiel Arnd anscheinend nichts besseres mehr ein.

„Stehst du so sehr auf Brüste? Ich habe auch Brüste, zwar nicht so fette wie Frauen, aber Nippel zum Nuckeln sind auch dran“, zischte ich fast, als ich es bemerkte, schlug ich meine Hände vor die Stirn und presste sie dagegen. „Oh Gott, worüber rede ich hier? Ich gehe. Sorry.“

Diesmal hielt Arnd mich nicht auf. Ich schaffte es aber nicht bis nach draußen. Ich brach auf seiner Treppe zusammen und begann erneut zu heulen. Natürlich wollte ich es nicht und hatte Angst, dass mich irgendjemand dabei sah. Aber aus genau dem Grund traute ich mich auch nicht ganz raus. Mein Magen krampfte sich ebenso sehr zusammen wie mein Herz. Ich konnte nicht gehen. Aber ich wollte auch nicht, dass Arnd mich so fand. Vielleicht wollte ich es doch. Jedenfalls tat er es dann auch nur eine halbe Stunde später.

„Ich hatte schon so ein Gefühl“, brummte er nur und fasste mich unter meine Schultern, um mich zurück in seine Wohnung zu ziehen.

to be continued...

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Kommentar: So, der erste Teil der ersten Geschichte ist draußen. Ich hoffe er hat euch gefallen und ich hoffe natürlich auf viele Rückmeldungen, besonders wenn erstes nicht der Fall ist und dann mit Tipps zur Verbesserung. =^.^= Dafür bin ich immer sehr dankbar. Die anderen 3 Geschichten sind wohl etwas kürzer als diese hier, aber auch immer 2teilig.

Dies ist übrigens nicht die Geschichte, die ich bei dBudP erwähnt hatte, sondern eine andere, die ich noch auf Lager hatte. Klein und niedlich, vielleicht vergleichbar  mit S&S, nur wenig Lemon haltig. ^^"",
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