Whats left of me

von Beerchen
GeschichteRomanze / P16 Slash
Captain Jack Sparrow James Norrington
24.12.2006
14.01.2007
4
22624
5
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 

Title: What's left of me - Part 1: Unerwartete Ereignisse
Author: Beerchen
Part: 1/4
Fandom: Pirates of the Caribbean
Pairing: Sparrington
Rating: PG-13, später R
Warning: Slash, hurt/comfort - irgendwie.
Genre: Drama/Romance
Summary: Das Schicksal hatte beschlossen, es mir auf ganz üblem Wege heimzuzahlen und mir dann die seltsamste Rettung in letzter Sekunde zu schicken, die es zu bieten hatte...


What’s left of me



Teil 1: Unerwartete Ereignisse




Niemand hätte geglaubt, dass solch ungewöhnliche Dinge passieren würden. Am allerwenigsten ich selbst. Das Schicksal hatte beschlossen, es mir auf ganz üblem Wege heimzuzahlen und mir dann die seltsamste Rettung in letzter Sekunde zu schicken, die es zu bieten hatte. Wenn die Sache nicht so ernst geworden wäre, hätte ich nichts anderes zu tun gehabt, als das Schicksal ob seiner missglückten Rettungsaktion laut auszulachen.

Aber nicht einmal das war mir vergönnt.

Ich dachte, die Liebe sei fertig mit mir – so wie ich fertig mit ihr war. Ich hatte dieses schmerzliche Gefühl aus meinem Herzen verbannt. Ich war mir sicher, sie so weit eingeschüchtert zu haben, dass sie nie wieder zu mir zurückkehren würde.

Und doch wagte sie es. Heimlich, leise schlich sie sich erneut in mein Herz und blieb.


°-°-°-°



‚Warum nicht?’, dachte ich und ging mit langsamen Schritten auf den Steg zu, der direkt ins Wasser zu führen schien. Die Holzbohlen knarrten protestierend unter meinen Schritten, aber es war niemand hier, den diese Geräusche stören konnten. Meine Handflächen strichen über das Holz des Geländers, das links und rechts des Steges angebracht worden war. Das Holz fühlte sich glatt und warm, fast lebendig an.

Es kribbelte unter meinen Handflächen und ich entschied mich dafür, meine Hände wieder vom Geländer zu nehmen. Stattdessen nahm ich meinen Hut ab und hielt ihn nun in der linken Hand.
Seltsam – ich achtete sogar jetzt noch auf nichtige Kleinigkeiten, zum Beispiel, dass mein Hut nicht ins Meer geweht wurde. Dabei konnten mir solch materielle Dinge doch letztendlich vollkommen egal sein.

Ich hatte den größten Schatz meines Lebens innerhalb weniger Minuten verloren – was gab es schlimmeres?

Mittlerweile war ich am Ende des Steges angekommen und trat von den Holzplanken auf die weichere Oberfläche des Strandes. Sand rieselte über meine Stiefel, doch ich achtete nicht darauf. Ich entfernte mich langsam immer weiter von den Holzplanken. Holzplanken…Schiffsplanken.

‚Es ist lange her, seit du das letzte Mal auf einem Schiff standest.’ Müde schüttelte ich den Gedanken ab und sah immer wieder einmal hinter mich, ließ meinen Blick über meine eigenen Fußstapfen schweifen. Der Wind verwehte einige Sandkörner, so wie er auch meine Gedankenfetzen zu verwehen schien. Auch das beständige Rauschen der Wellen konnte mich nicht im Geringsten beruhigen. Ich merkte, dass meine Hände unkontrolliert zu zittern anfingen, als ich langsam auf den großen, türkis-blauen Teppich des Meeres zuschritt.


Schließlich blieb ich stehen, kurz bevor das Wasser die Spitzen meiner Stiefel erreichen konnte. Ich hinderte das Wasser daran, über meine Stiefel zu fließen, sodass ihnen ein Hauch von Zärtlichkeit und Nähe entgegengebracht wurde und sich dann wieder von ihnen zurückzuziehen. Zu oft hatte man solch grausame Spielchen mit mir gespielt. Ich war dessen müde.

Die See lag vor mir. Wild, unbezwingbar, unberechenbar. Wie hatte ich nur glauben können, einfach auf sie hinausfahren und das, was mir lieb und teuer gewesen war, wieder zurückholen zu können? Ich hatte doch nicht im Ernst gedacht, als strahlender Held auftauchen und Elizabeth aus den Fängen Barbossas retten zu können?

Ein leises Seufzen entwich mir, das der Wind sofort aufnahm und mit sich trug. Doch. Genau so hatte ich mir das vorgestellt. Wie immer war Sparrow zwischen mich und die Vollendung meines ausgetüftelten Plans getreten.

Die See hatte mir Elizabeth wiedergegeben, ich selbst hatte sie schließlich gehen lassen. Dieser Akt der Selbstlosigkeit schien für die meisten selbstverständlich zu sein. Sie sahen nicht den Schmerz, der immer noch in mir wütete, sie ahnten nicht einmal, dass jeder Tag in meinem Leben auch einen erneuten Kampf mit diesem Schmerz darstellte, den ich nur zu oft verlor. Doch wahrscheinlich war auch dies ganz allein meine Schuld.

Ich hätte Miss Swann nicht gehen lassen müssen. Wenn es nach ihrem Vater gegangen wäre, hätten wir noch in diesem Jahr geheiratet, wären wir jetzt wohl sogar schon getraut. Dann wäre ich vielleicht noch unglücklicher, als ich es jetzt war, da ich in diesem Falle nicht nur mich, sondern auch noch Elizabeth und den jungen Mr. Turner unglücklich gemacht hätte.

Die See hatte mir auch Jack Sparrow wiedergegeben, nur um ihn mir wenig später wieder zu nehmen. Obwohl dies ganz sicher kein Verlust war, den es zu betrauern galt, hatte er in mir einen seltsamen Nachgeschmack hinterlassen, ein Gefühl, das fast ein bisschen an Wehmut erinnerte.

Vielleicht fühlte ich mich momentan von jedem und allem verlassen. Anders konnte ich mir nicht erklären, warum das plötzliche Verschwinden von Captain Jack Sparrow so etwas wie Wehmut in mir hinterlassen sollte. Hatte ich den Piraten in Gedanken gerade ‚Captain Jack Sparrow’ genannt? Es wurde immer schlimmer mit mir. Gillette hatte ganz Recht, wenn er mehrmals am Tag bemerkte, ich solle doch endlich etwas gegen meine Schwermütigkeit tun, bevor ich zu seltsam wurde. Sonst vermisste ich in einigen Tagen noch den jungen William Turner und würde tatsächlich den schweren Gang zum Haus des Gouverneurs antreten, nur um Elizabeth zu sehen. Wenn mein Zustand schlimmer würde, endete ich noch als persönlicher Berater in Sicherheitsfragen der Familie Turner.

Die Vorstellung, hinter William Turner her zu gehen und nach etwaigen Angreifern auszuspähen, entlockte mir sogar ein leises Lachen.  So gesehen hätte man mich bisher auch als „Wachhund Port Royals“ bezeichnen können.

Erstrebenswert war dies nicht, vor allem, wenn man sich auch an der Sonne nicht mehr erfreuen konnte, die ihre Strahlen nun auf die Wasseroberfläche schickte, wo sie sich brachen und die Wellen daher aussahen, als sei ein Goldschatz darunter versteckt.

‚Nicht jeder Schatz ist aus Silber und Gold.’, flüsterte eine leise Stimme in meinen Gedanken und ich konnte nur zustimmend nicken. Die Wahrheit dieses Satzes bekam ich in den letzten Tagen nur zu oft vor Augen geführt. Ich sah Elizabeth nicht mehr so häufig wie früher, da sie nun zwar noch im Haus ihres Vaters wohnte, allerdings bald mit Will in ein gemeinsames Stadthaus ziehen würde. Die Heirat stand ebenfalls noch bevor. Auch wenn es mir davor graute, hatte ich beschlossen, dort zu erscheinen, meinen Mann zu stehen, um möglichst bald wieder verschwinden zu können.

Auf andere Leute, vor allem auf Bürger Port Royals, die mich nur im Vorbeigehen und aus kurzen, dienstlichen Gesprächen kannten, musste ich seit der Flucht Jack Sparrows und seit dem Lösen des Verlöbnisses mit Miss Swann kalt wirken. Kalt und unnahbar. Das war genau das, was ich bezweckte.



I’m as dark as December.

I’m as cold as the man in the moon.




Das Rauschen der Wellen riss mich wieder aus meinen so trübsinnigen Gedanken, als Wasser auf meine Hose spritzte. Der Himmel war nun längst nicht mehr so strahlend blau, wie er es noch vor einer Stunde gewesen war, als ich hierher gekommen war. So lange stand ich schon hier und grübelte, ohne auch nur zum Ansatz einer Lösung meiner zahlreichen Probleme zu kommen.

Mit einem dumpfen Geräusch kollidierte mein Körper mit dem Strand, auf den ich mich nun fallen ließ. Sand stieg auf und ich hustete, als ich einige der Körner versehentlich einatmete. Von dieser Position aus eröffnete sich mir ein ganz anderer Einblick auf die raue und nun immer unfreundlicher wirkende See und auf den Himmel, über den nun vermehrt graue Wolken zogen.

Da die Sonne nun von einigen Wolken verdeckt wurde, war es mir auch möglich, ohne zu blinzeln in den Himmel zu sehen. Was ich dort sah, passte zu der Stimmung, in der ich mich seit einigen Tagen befand. Wolken türmten sich grau an grau aneinander. Meine Finger malten Kreise in den von der Sonne noch etwas aufgeheizten Sand. Seltsam, dass mich noch niemand aus meiner Lethargie gerissen hatte.

Doch wo sollten sie auch nach mir suchen? Meine Männer waren gewitzt, aber keine Hellseher. Auch sie mussten die Veränderung meiner Gesten, meines Blickes, meines gesamten Auftretens bemerkt haben, hüteten sich allerdings tunlichst, in meiner Gegenwart eine Bemerkung fallen zu lassen.

Ich wirkte traurig, teilnahmslos, sogar mich erschreckte mein Anblick in letzter Zeit so, dass ich es vermied, mir selbst im Spiegel in die Augen zu sehen. Dort erwartete mich nur eine Trostlosigkeit, die mich anklagend musterte.

Die einzigen, raren Momente, in denen sich so etwas wie meine frühere Entschlossenheit und Tatkraft wieder in den Vordergrund drängte, waren Situationen, in denen man mich auf Sparrow ansprach. Der Pirat war nun schon seit einigen Tagen flüchtig – lange würden die Leutnants und auch der Gouverneur meine Tatenlosigkeit in diesem Fall nicht mehr dulden.

Doch auch wenn ich allen anderen Angelegenheiten gegenüber kalt und verschlossen geworden war – ich konnte mich nicht aufraffen, um Sparrow zu verfolgen. Meine Männer wussten nicht, warum. Gillette hatte mir gegenüber einmal eine Ahnung geäußert – er dachte, ich würde die Verfolgung nicht aufnehmen, weil ich Angst hatte, zu scheitern und unverrichteter Dinge wieder nach Port Royal zurückzukehren.

Ich hatte mich sehr beherrschen müssen, ihm nicht die Wahrheit zu sagen. Ihm nicht zu sagen, dass ich hoffte, unverrichteter Dinge wieder zurückzukehren. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem ich gezwungen war, die Jagd auf Sparrow wieder aufzunehmen, auch wenn mir vollkommen egal war, was er gerade tat. Indem ich darüber nachdachte, wie man in Sparrows Sache am besten verfahren konnte, vermied ich es, mich selbst zu quälen, indem ich über Elizabeth nachdachte. Ich schob alle Gefühle, die mich verletzen und mich letztendlich vernichten würden, entschieden von mir.

Ich war nicht mehr als Mensch hier in Port Royal – ich existierte nur noch in meiner Rolle als Commodore.

Der harte Boden drückte mittlerweile unsanft an meinen Rücken, da ich zu lange im Sand gelegen hatte. Am liebsten würde ich für immer hier liegen, das Rauschen der Wellen hören, die Wärme des Sandes spüren, der sich den ganzen Tag über aufgeheizt hatte und einfach nur vergessen. Vergessen, wer ich war, was ich gefühlt hatte und immer noch fühlte. Seliges, rettendes Vergessen sollte mich einhüllen.

Seufzend stützte ich mich mit den Händen ab und erhob mich langsam wieder. Sorgfältig klopfte ich mir den Sand von meiner Kleidung, rückte meine Perücke zurecht und setzte meinen Dreispitz wieder auf.

Langsam trat ich meinen Heimweg an, immer darauf bedacht, den Blicken der Menschen, denen ich begegnete, auszuweichen und sie nicht wie früher freundlich anzulächeln. Ich war dazu einfach nicht mehr in der Lage. Stattdessen schritt ich recht zügig durch die Straßen Port Royals und war nach etwa einer halben Stunde wieder bei dem mittelgroßen Haus, das ich mein Eigen nennen durfte, angekommen.

Das Gebäude stand auf einer kleinen Erhöhung und manch einer hätte es als Villa bezeichnet. Es wirkte hell mit seinen weiß getünchten Wänden und den ebenfalls nicht sehr dunklen Ziegeln, mit denen das Dach gedeckt war.

Um die Grünanlagen kümmerte sich ein Gärtner, außer mir wohnte nur ein einziger Diener im Haus. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich keinen Diener gebraucht, doch da es zum Status eines Commodores gehörte, mindestens einen Diener zu haben, der sich um all die Dinge kümmerte, um die sich die feine Gesellschaft Port Royals anscheinend nicht kümmern wollte, hatte ich schließlich Mr. Bennet in meine Dienste genommen. Er war eine treue Seele und respektierte auch, dass ich sehr viel Zeit alleine in meinem Arbeitszimmer verbrachte.

Hier versteckte ich mich. Vor Port Royal, vor meinen Pflichten, vor der Welt. Und vor mir selbst.


°-°-°-°



„Guten Morgen, Sir. Hat es Ihnen geschmeckt? Möchten Sie noch eine Tasse Tee?“

Mr. Bennet wuselte diensteifrig in mein Schlafzimmer und beeilte sich, die Läden zu öffnen, um etwas Sonne und frische Seeluft hereinzulassen. Ich selbst saß aufrecht im Bett und hatte meinen Kopf auch am frühen Vormittag schon über ein Dokument gebeugt. Jetzt sah ich auf und lächelte den älteren Mann an.

„Nein danke, Mr. Bennet. Sie können dann abräumen. Es wäre mir lieb, wenn mich in den nächsten Stunden niemand stören würde.“

„Sehr wohl, Sir.“

Mit einem freundlichen Lächeln in meine Richtung machte er sich daran, das Frühstückstablett abzuräumen, und war nach einigen Minuten wieder verschwunden. Vorsichtig legte ich das Schriftstück, das ich mir gerade noch durchgelesen hatte, auf das Kopfkissen und stand auf. Eine halbe Stunde später saß ich frisch gewaschen und korrekt gekleidet am Schreibtisch meines Arbeitszimmers und harrte der Dinge, die heute auf mich zukommen mochten.

Das Klopfen an der Tür riss mich aus meinen Gedanken und ich sah überrascht auf.

„Ja bitte?“

Mr. Bennets Kopf erschien im Türspalt. „Es tut mir leid, Euch stören zu müssen, Sir, aber Ihr habt Besuch, der Euch dringend zu sprechen wünscht.“

Nicht gerade begeistert rollte ich mit den Augen und betete, dass Bennet es nicht bemerken würde. Das war sicher niemand anderes als Governor Swann, der mich wieder einmal dazu bewegen wollte, Sparrow zu verfolgen.

„Lassen Sie ihn herein, Mr. Bennet.“, murmelte ich ergeben, wobei mir einfiel, dass ich meine Perücke noch nicht ordnungsgemäß trug. Sie war zwar schon gepudert, allerdings hing sie noch arbeitslos auf ihrem Gestell. Das war mir nun auch egal.

„Mit Verlaub, Sir…es handelt sich bei Ihrem Besuch um eine Lady.“ Ich konnte gerade noch fragend die Stirn runzeln, bevor Elizabeth mein Arbeitszimmer betrat. ‚Miss Swann.’, berichtigte ich mich in Gedanken. Augenblicklich richtete ich mich etwas auf und versuchte verzweifelt, einen geschäftsmäßigen Ausdruck auf mein Gesicht zu zaubern.

Es gelang mir nicht. Das sanfte Licht des Vormittags, das durch die geöffneten Fenster fiel, ließ ihr langes Haar beinahe golden aufglühen, als sie sich auf den ihr angebotenen Stuhl vor meinem Schreibtisch setzte. Eine ganze Weile konnte ich nichts anderes tun, als sie anzusehen, ihre für mich vollkommene Schönheit für immer in mein Gedächtnis brennen.

„James…du bist sicher erstaunt, mich hier zu sehen.“ Ihren Worten folgte nur ein zustimmendes Nicken von meiner Seite, ehe sie fortfuhr. „Eigentlich wollte dich ja Leutnant Gillette benachrichtigen, aber ich habe ihn überredet, mich diese Nachricht überbringen zu lassen. Ich…ich weiß selbst nicht so recht, was ich davon halten soll…“ Sie verstummte und ich sah sie nur verwirrt an.

„Miss Swann – was bitteschön wollt Ihr mir mitteilen?“

Als ich die Angst in ihren Augen aufflackern sah, wusste ich, warum sie jeden meiner Versuche, auf Förmlichkeiten zwischen uns zu achten, niederschmetterte.

„James! Sie haben Jack! Sie haben ihn gefangen genommen. Was…was sollen wir denn jetzt tun? Du…du wolltest ihn doch auch nicht am Galgen baumeln lassen, oder? Das wolltest du nicht wirklich! James, du musst etwas tun!“

Endlich merkte ich, dass sich meine Finger unsanft in das Papier krallten, das gerade vor mir lag und bemühte mich hastig, es wieder glatt zu streichen. Dann stand ich ruckartig auf, beeilte mich, mir meine Perücke aufzusetzen, ließ den Hut, wo er war und nahm Elizabeths Hand. Kaum hatte ich die Tür meines Arbeitszimmers geschlossen und wollte weitereilen, fühlte ich plötzlich ihre Hand, die nun auch noch meine andere Hand ergriff, ihre zarte Haut an meiner und sah direkt in ein paar rehbraune Augen, die mich zu hypnotisieren schienen.

„James…bevor wir jetzt zu Jack gehen, muss ich dir noch ein Versprechen abnehmen. Du kommst doch zu meiner Hochzeit, oder?“

Ein tiefes Seufzen entwich mir. Eigentlich hatte ich vorgehabt, an diesem Tag etwas sehr dringendes zu erledigen und deshalb eine gute Entschuldigung für mein Ausbleiben zu haben. Schließlich war ich kein Masochist. Aber musste sie mich nun so ansehen und mich auch noch selbst darum bitten? Sie wusste genau, dass es mir sehr schwer fiel, ihr etwas abzuschlagen.

„Ich werde darüber nachdenken, Miss Swann.“, entgegnete ich kühl, bemerkte ihr darauf folgendes Lächeln aber aus dem Augenwinkel.

Normalerweise hätte mich diese simple Geste gerührt, unglücklich gemacht oder zumindest aufgewühlt. Nur weil sie von ihr kam und niemand anderem als mir galt. Doch meine Gedanken konzentrierten sich gerade auf etwas ganz anderes. Wie um Himmels Willen hatten sie es geschafft, Captain Jack Sparrow gefangen zu nehmen?

Ich wusste zugegebenermaßen nicht sehr viel über diesen Mann, doch was ich wusste, war, dass er intelligent war. Nun, nachdem ich so viele Stunden damit verbracht hatte, meine Entscheidung, ihm einige Tage Vorsprung zu lassen, zu rechtfertigen, konnte er sich doch nicht einfach gefangen nehmen lassen! Während ich neben Elizabeth her zu den Gefängniszellen der Festung Port Royals hastete, hatte ich wieder den ungläubigen Blick vor Augen, den meine Männer, allen voran Gillette, mir damals geschenkt hatten.


°_°_°_°



„Ach, ich schätze wir können es uns leisten, ihm einen Tag Vorsprung einzuräumen.“

Der seltsame Ausdruck, der auf meinem Gesicht auftauchte, nachdem diese Worte meinen Mund verlassen hatten, war selbst mir bisher fremd. Was hatte ich da eben gesagt? Ich erschrak, als mir bewusst wurde, was ich damals genau getan hatte. Ich hatte mein Herz sprechen lassen, nicht meinen Verstand. Damals hatte diese Veränderung, die so schleichend in meinem Inneren vonstatten gegangen war, begonnen. Sie war nicht aufzuhalten. Und sie war auch jetzt noch nicht abgeschlossen.


°_°_°_°



Noch nie war mir die Festung Port Royals so bedrohlich und düster erschienen, als an diesem sonnigen Vormittag. Die dunklen Steinmauern schienen die Helligkeit geradezu aufzusaugen, um sie genüsslich  hinunterzuschlucken. In diesem Gebäude musste Captain Jack Sparrow schon so viele Stunden seines Lebens zubringen…

Langsam folgte ich Elizabeth die Stufen zu den Gefängniszellen hinunter und schluckte. Die lodernden Fackeln, die die Decke im Laufe der Zeit mit schwarzem Ruß verkrustet hatten, kamen nur mühsam gegen die hier unten herrschende Dunkelheit an. Ich war froh, als wir die Treppen bezwungen hatten und in den etwas helleren Bereich der Zellen traten. Hier fiel sogar sehr viel Tageslicht in jede einzelne Zelle, sodass die Gefangenen möglichst viel von der Welt außerhalb des Gefängnisses mitbekamen. Wie schrecklich es sein musste, hier seine letzten Stunden zu verbringen.

All die braven und unbescholtenen Bürger Port Royals vorbeiflanieren zu sehen, die nicht darauf achteten, woran sie gerade vorbeiliefen. Als Todgeweihter all den Menschen zusehen zu müssen, die auch am morgigen Tage noch fröhlich ihre Besorgungen erledigen würden und keinen einzelnen Gedanken an den Tod verschwendeten.

Ich sog den Geruch von vollkommener Verzweiflung und Todesangst mit jedem Atemzug in mich. Was war ich nur für ein Monster, dies alles zuzulassen? Ich diente nicht mir, ich diente anderen…ich war nur der ausführende Arm des Gesetzes. Ausführend, richtig. Doch das, was ich nun ausführen sollte, war ich nicht bereit zu tun. Jede Faser meines Körpers sträubte sich dagegen und ich hoffte, dass dies alles nur ein dummes Missverständnis gewesen war.

Als Elizabeth mich sanft am Ärmel zog und ich in die Zelle blickte, in die sie wies, sah ich es. Ihn. Dich.
Captain Jack Sparrow, der dorthin zurückgekehrt war, wo ich ihn nie wieder hatte sehen wollen. In eine Gefängniszelle. In eine meiner Gefängniszellen.

Bevor sich meine und deine Blicke hätten kreuzen können, drehte ich mich zu Elizabeth um. „Wann?“, fragte ich nur, doch sie verstand, zog mich zur Seite und begann hastig mit leiser Stimme auf mich einzureden.

„Sie haben ihn vor ungefähr einer Stunde in einer Hafenkneipe aufgegriffen, nachdem er eine Schlägerei angezettelt hatte. Er war so betrunken, dass ein normaler Mann kaum mehr hätte aufrecht stehen können, aber du kennst doch Jack.“ Ich runzelte wissend die Stirn und forderte sie durch eine Geste meiner Hand auf, weiterzusprechen.

„Nun…dann haben sie ihn anscheinend hier hingebracht und warten nun darauf, dass du Genugtuung empfindest und ihn am Galgen baumeln lässt. Bitte, James…bitte, tu das nicht!“ Ihre Finger hatten sich in meine Jacke gekrallt und sie sah mich mit einem verzweifelten Ausdruck in den Augen an.

„Ich werde sehen, was ich tun kann…ich kann dir allerdings nichts versprechen…“, wisperte ich und spürte, wie sie im gleichen Moment wieder von mir zurückwich.

„Danke, James. Es wäre mein schönstes Hochzeitsgeschenk.“, flüsterte sie, drehte sich um und war einige Augenblicke später wieder die Treppen hinauf verschwunden.

Wieso tat sie mir so weh? Ich wusste, dass sie mir keine Schmerzen zufügen wollte. Und doch tat sie es immer wieder, ohne es überhaupt zu merken. Für mich machte es keinen Unterschied, ob es ihr bewusst war oder nicht – das Ergebnis war dasselbe.

Seufzend trat ich nun doch näher an die Zelle heran, in der du dich blitzschnell erhobst. „So, der allseits geschätzte Commodore lässt sich hier auch einmal blicken.“

Goldzähne blitzen, als du mich unverschämt angrinst. „Ihr müsst ja nun Euer ganz persönliches Erfolgserlebnis auskosten, Commodore!“, fuhrst du fort zu sprechen, „Jetzt, wo Ihr mich tatsächlich ein zweites Mal geschnappt habt. Was habt Ihr denn geplant für morgen? Soll es lange dauern, damit Ihr Euch auch länger daran weiden könnt?“

Woher kamst du auf diese Gedanken? Dein einziges Ziel war es, mich zu provozieren, mich aus meiner selbst gewählten Gleichmütigkeit zu locken. Am Ende warst du es, der wieder einen lebendigen Menschen aus mir gemacht hat, aus mir, dem Geist, der leblosen Hülle der Person, die ich früher einmal gewesen war. Es dauerte lange, bis ich das begriff. Bis ich den Gedanken, dass du etwas mit meiner Rettung vor mir selbst zu tun haben könntest, zuließ, ihn nicht mehr entrüstet von mir wies.


°_°_°_°



„Ich schätze, nun ist Ihre Phantasie mit Ihnen durchgegangen, Mr. Sparrow.“, entgegnete ich kühl, worauf ich von dir wieder nur ein verschlagenes Grinsen erntete.

„Ja, ich weiß. Es ist nur so, dass ich manchmal vergesse, wie heiß und innig Ihr mich doch liebt, Commodore.“

Meine Gesichtszüge verhärteten sich. Ich war gerade ganz und gar nicht darauf erpicht, eine weitere deiner so zahlreichen Weisheiten zu hören. Dein Grinsen wurde noch breiter, als plötzlich hastige Schritte zu hören waren und Leutnant Gillette vor mir stand. Die Empörung war ihm förmlich ins Gesicht geschrieben und mit dem Zeigefinger deutete er anklagend auf niemand anderen als dich.

„Sir! Ich möchte nicht undankbar erscheinen, aber immerhin ist es erst eine Stunde her, seit wir Sparrow geschnappt haben!“

Captain’, berichtigte ich ihn in Gedanken, genau in dem Moment, in dem du es laut aussprachst, wobei dich ein erzürnter Blick Gillettes traf, der dich verstummen ließ. Zumindest für eine Weile.
Gillette wirkte nervös, er konnte seine Finger nicht still halten, spielte andauernd mit seinem Jackenärmel herum, sein Blick huschte immer wieder zwischen dir und mir hin und her. „Er provoziert mich einfach! Andauernd grinst er mich so an!“

„Es ist schon gut, Gillette. Gönnen Sie sich erst einmal eine Pause.“ Ungläubig sah er mich an.

„Aber Sir…“

„Gillette?! Das ist ein Befehl!“

Kurz glaubte ich, so etwas wie Trotz in seinen Augen zu sehen und fürchtete schon, er würde den Befehl verweigern. Doch schließlich machte er sich mit einem Schulternzucken daran, das Gebäude zu verlassen. Am oberen Ende der Treppe drehte er sich noch einmal um, seine Augen suchten das Dämmerlicht zu durchdringen. „Ich hätte Euch niemals mit Sparrow alleine gelassen, wenn Ihr es nicht ausdrücklich gewünscht hättet, Sir.“

Die Besorgnis, die in seiner Stimme mitschwang, brachte mich zum Lächeln. „Er ist hinter Schloss und Riegel, Gillette. Kein Grund, sich Sorgen zu machen.“

„Wollt Ihr mich hier verhungern lassen, Commodore?“, drang deine nörgelnde Stimme sogleich wieder an mein Ohr.

Ich machte mich daran, ein Stück Brot und etwas getrockneten Schinken zusammenzusuchen. Während ich dir das Essen durch die Gitterstäbe reichte, hatte ich genügend Zeit, um dich zu betrachten. Nein, du hattest dich genauso wenig verändert wie ich mich. Noch immer war das rote Bandana lässig um deine schwarze Haarpracht geschlungen, noch immer traf mich ein äußerst wacher Blick aus mit Kohlestift umrandeten Augen.
„Vergesst das Wasser nicht, Commodore. Hier drin ist man schneller verdurstet, als man denkt.“ Und wieder komme ich in den Genuss des Blitzens deiner Goldzähne, als du mich angrinst. Ja, du genießt es, Pirat zu sein und selbst im Angesicht des sicheren Todes noch nach etwas so unwichtigem wie einem Schluck Wasser zu verlangen.

Ich lehnte mich an die Mauer und schloss die Augen. Erschöpft von der Hitze, erschöpft von den Ereignissen dieses Vormittages konnte ich sehr deutlich hören, wie du das Essen in dich hineinschlangst. Piraten besitzen keine Tischmanieren. Du hattest sie in diesem Moment sowieso nicht nötig – schließlich gab es keinen Tisch. Über dieses Gedankenspiel musste ich grinsen, wurde dann jedoch sofort wieder ernst.

Was tat ich da?! Ich leistete einem Piraten beim Essen Gesellschaft! Aber nicht irgendeinem Piraten, sondern dem berühmt berüchtigten Captain Jack Sparrow.
Du schienst mich amüsiert anzugrinsen.
„Höre ich da etwa Ihren Magen knurren, Commodore?“
Oh, wie ich deine Überheblichkeit hasste.

Hauptsache du hattest deinen Spaß, während ich vorsichtig an der Wand entlang nach unten rutschte, meine Arme um meine Knie schlang und fieberhaft nach einer Lösung meines momentanen Problems suchte. Es wäre so einfach gewesen, dich in dieser Zelle sitzen zu lassen und am nächsten Morgen dem Scharfrichter zu übergeben. So einfach. Innerhalb weniger Stunden hätte ich die Achtung meiner Männer und die Wertschätzung des Governors wiedererlangt. Und das kleine Fünkchen Zuneigung, das Elizabeth noch immer für mich verspürte, für immer verloren. Ich konnte es unmöglich tun.


°_°_°_°



Einige Stunden später, als sich die Dämmerung schon lange über Port Royal gelegt hatte und silbernes Mondlicht in Captain Jack Sparrows Zelle sickerte, wurde die Tür, die zu den Verließen führte, unsanft aufgestoßen. Kurz darauf hatte der Mann, der hastig die Treppen herunterpolterte, sein Ziel erreicht und zückte einen Schlüsselbund, der ein metallisches Klirren von sich gab, als er ihn in das dazugehörige Schloss von Jacks Zellentür steckte.

„Psst! Er schläft!“, zischte Jack und Joshamee Gibbs sah erstaunt auf den Commodore der Royal Navy, der offenbar an die Wand gelehnt eingeschlafen war. „Ich fürchte, dieser Zustand wird auch noch eine ganze Weile anhalten.“, stellte der graubärtige Mann dann fest und die Flasche, die auf Commodore Norringtons Kopf landete, zerbarst krachend.

Diese gewalttätige Aktion veranlasste den Gefangenen zu einem traurigen Kopfschütteln, während Gibbs ungeduldig mit der Hand wedelte.

„Verdammt Jack, komm jetzt endlich!“


To be continued…

°_°_°_°
Review schreiben