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Terminator Band 3 - Grausame Realität

von andilone
GeschichteAbenteuer / P18 / Gen
Terminator T-1000 Terminator T-850 Terminator T-X
22.12.2006
22.12.2006
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- P R O L O G -

Hallevik, Insel Rolla, Troms Fylke, Norwegen                        27. Juni 2005

Alle im Safehouse waren immer noch traumatisiert von den Ereignissen der letzten Tage. Zu frisch war der Schock über den Verlust der Illusion, ihre Behausung mit den halbmeterdicken Wänden, den Fenstern aus doppeltem Panzerglas und der hermetischen luftdichten Versiegelung sei eine uneinnehmbare Festung. Durch eine plumpe List hatten die feindlichen Kampfmaschinen zwei ihrer drei kybernetischen Beschützer aus dem Haus gelockt, einen von ihnen angegriffen und dann erbarmungslos zugeschlagen, als sie am verwundbarsten waren. Das Resultat: zwei der ursprünglich zehn Mitglieder ihrer Gruppe waren tot, der Terminator der Baureihe T-800 mit der Bezeichnung FRU-7987 und dem Namen Alex irreparabel zerstört und am Haus waren erhebliche Schäden entstanden.
An diesem Morgen würden sie ihre Opfer auf See bestatten, nachdem sie die Arbeiten am Haus nun beendet hatten. Doch vorher gab es noch eine Entscheidung zu treffen, die die drei zum Schutz der Gruppe verbliebenen Terminatoren mit den erhaltenen Namen Abbey, Daniel und Caroline ohne Wissen und Mitsprache ihrer menschlichen Schützlinge treffen wollten. Diese waren alle noch emotional viel zu aufgewühlt, um zum jetzigen Zeitpunkt eine objektive Entscheidung in dieser Hinsicht treffen zu können, darüber waren die drei Kunstwesen sich einig. Doch sie konnten es sich nicht leisten, auch nur einen Tag länger mit der Entscheidung zu warten. Wenn sie jetzt nicht handeln würden, würde es zu spät sein; dann würde es kein Zurück mehr geben.
Sie hatten sich in dem Lagerraum im Keller getroffen, in dem sie die im Durchgang zur Garage gefangen genommene T-880 der Serie TSR 301, welche vom Aussehen her exakt Abbey entsprach, untergebracht hatten. Nachdem sich Caroline vergewissert hatte, dass sie allein und ungestört waren, schob sie die schwere Eisentür des Raumes zu. Sie standen sich gegenüber und sahen sich bedeutungsvoll an, alle drei durch ihren jahrzehntelangen Umgang mit Menschen selbst im Verhalten einem echten Menschen ähnlicher, als es ihnen manchmal lieb war. Schließlich waren sie mit einer Mission beauftragt, in der sie zumindest teilweise bereits versagt hatten. Zwei ihrer Schützlinge waren letzte Woche gestorben, insgesamt vier, wenn man die beiden hinzurechnete, welche sie bei der haarsträubenden Aufholjagd quer durch Mitteleuropa im letzten Juli nicht rechtzeitig vor dem Gegner erreicht hatten und die terminiert worden waren.
Einer dieser Gegner stand nun hinter ihnen in der hinteren Ecke des stockdunklen Raumes, deaktiviert und völlig bewegungslos. Seitdem sie TSR 3014, wie ihre korrekte Bezeichnung war, in dem unterirdischen Durchgang vom Keller zur Garage, wo sie eingedrungen war, überwältigt und ihr die primären Energiezellen entnommen hatten, stand sie nun hier in diesem dunklen Winkel des Untergeschosses. Sie hatten ihr zudem unverzüglich ihren zentralen Rechenprozessor entnommen und sie so jeder Möglichkeit beraubt, sich über die im Korpus verteilten, kleinen Notbatterien selbst zu reaktivieren und sich zumindest für eine begrenzte Zeit noch in operativem Modus zu halten.
„Wie denkt ihr darüber, was wir mit ihr tun sollen?“ begann Caroline die Diskussion.
„Nun, wenn es nach uns geht, ist die Lage klar, oder nicht?“ meinte Abbey Schulter zuckend und sah hinter sich auf ihr Ebenbild.
„Der Status von TSR 3014 ist inzwischen instabil. Wenn wir sie deaktiviert lassen, wird ihre Notenergie nicht mehr ausreichen, um ihr Gewebe zu versorgen und es wird absterben. Ihre menschliche Hülle wird degenerieren und zerfallen, wonach sie für Infiltrationsmissionen nicht mehr zu gebrauchen sein wird. Die Zeit ist einfach noch nicht reif für Terminatoren, die ohne Tarngewebe durch die Welt laufen. Im normalen Operationsmodus könnte sie wenigstens mit umprogrammierter CPU immer noch für einfache Aufgaben eingesetzt werden, doch ihr taktischer Wert wäre erheblich eingeschränkt.“ Daniels Miene war unbewegt.
„Darin sind wir uns einig. Die Alternative ist jedoch, eine große Krise innerhalb der Gruppe in Kauf zu nehmen. Wenn wir uns dafür entscheiden, sie zu erhalten und sie in Reserve zu halten, gewissermaßen für wirklich harte Zeiten, können wir nur hoffen, dass sie es nicht so schnell herausfinden. Jedenfalls nicht, solange sie so labil sind wie zurzeit. Der Verlust von Anastasia und Bernd wiegt im Moment schwer, doch wie die Menschen sagen, heilt die Zeit alle Wunden. Wir müssen ihnen nur zu gegebener Zeit klarmachen, dass sie TSR 3014 nicht als Bedrohung und Bösewicht sehen dürfen, sondern als Werkzeug, das uns von Nutzen sein kann“, beendete Caroline ihre Argumentation.
„Dann ist es beschlossene Sache?“ wollte Abbey wissen.
Caroline hob den kleinen grauen Quader hoch, der das elektronische Äquivalent eines menschlichen Gehirnes darstellte. „Ich war so frei, bereits die nötige Programmierung vorzunehmen, um ihre menschliche Hülle lebensfähig zu halten.“
„Wann hast du die Zeit dafür gefunden? Wir waren doch beinahe pausenlos mit Reparaturen beschäftigt seit dem Angriff“, warf Daniel ein.
„Ich habe die Neuprogrammierung nicht mit dem hier vorhandenen Mikrowerkzeug durchgeführt, sondern direkt mit den Nanoprozessoren, die ich zur unmittelbaren Kontrolle anderer Maschinen verwenden kann. Das hat nur wenige Sekunden gedauert und birgt den zusätzlichen Vorteil, dass ich jederzeit sozusagen ‚den Stecker ziehen’ kann, was aber nicht nötig sein wird, wenn wir TSR 3014 tatsächlich einsetzen sollten. Diese Furcht ist rein menschlich und hat keinerlei rationelle Basis.“
„Wem erzählst du das, Caro? Wir stehen hier in totaler Dunkelheit und sehen uns über Infrarot-Rezeptoren an. Wir müssten nicht einmal laut miteinander sprechen, da durch die Abschirmung des Hauses der Funkverkehr gefahrlos wäre.“ Daniel musste schmunzeln.
Abbey schloss sich dem humorvollen Augenblick an und fragte mit ironischem Tonfall: „Heißt das jetzt, ich bekomme bald ein kleines Schwesterlein? Mann, ist das toll!“
Daniel schränkte ein: „Na ja, eher eine Zwillingsschwester, aber sie wird ein ziemlich schlichtes Gemüt sein in der ersten Zeit.“
„Sie ist ein T-880. Auch wenn wir alle Dateien von ihrer CPU vollständig löschen mussten, ihre Grundrechenleistung hat sie immer noch und auch die Fähigkeit, schnell dazu zu lernen, da wir ihren Modusschalter auf WRITE umgestellt haben.“ Caroline schien überzeugt, dass ihr ‚Schützling’ rasche Fortschritte machen würde.
Abbey zögerte noch. „Aber wie setzen wir sie für unsere Zwecke am besten ein und halten sie gleichzeitig von der Bildfläche fern? Wir können sie schlecht im Keller herum spazieren und Hausarbeit erledigen lassen, in der Hoffnung, keiner wird es je merken. Und sie hier im Lagerraum vor sich hin vegetieren lassen? Da können wir sie gleich einmotten.“
„Wir werden schon einen Kompromiss finden, der für uns alle das Beste ist, sowohl in zweckdienlicher als auch in emotioneller Hinsicht für die Gruppe.“ Daniel machte den Eindruck, als hätte er bereits eine vage Vorstellung.
„Du willst sie doch nicht etwa in die Garage stecken!“, empörte sich Abbey.
Daniel grinste.
Sie waren schon so menschlich, dass sie nur wenige Tage nach der großen Tragödie, welche sich in diesem Haus abgespielt hatte, beinahe wieder vergessen konnten, weshalb sie alle hier waren.
Und was sie waren.





- 1 -

Hallevik, Insel Rolla, Troms Fylke, Norwegen                        01. Juni 2006

Es hatte nicht so lange gedauert, wie alle gedacht hatten.
Aishe und Shin standen, in winddichte, warme Jacken und Hosen eingepackt, vor dem Safehouse auf dem Steg, den Daniel, Abbey und Caroline im letzten Spätsommer in Rekordzeit über fünfzehn Meter Länge ins Meer hinaus gebaut hatten. Sobald die Strahlenwerte damals unter das bedenkliche Niveau gesunken waren, hatten sie damit begonnen, ihre schrumpfenden Nahrungsmittelvorräte mit Fischen aufzustocken. Das Meer war durch den stetigen Golfstrom, der die Vesterålen hinauf durch den breiten Vågsfjorden vor Rolla strömte, weitaus weniger stark belastet, als die anfängliche Verseuchung der Insel selbst zu fürchten den Anlass gegeben hatte.
Sie hatten bei einem der von Daniel angeführten Streifzüge über die Insel und zur Ortschaft Hamnvik auf der ihnen abgewandten Ostspitze von Rolla mehrere Angeln und Netze gefunden. Vier der Angeln hatten sie zwischen den Bohlen festgeklemmt und kontrollierten sie regelmäßig. Leider hatte keiner von ihnen wirklich Ahnung vom Angeln, doch Aishe hatte sich zumindest im Umgang mit dem Fischernetz als wahres Naturtalent erwiesen, sodass sie bald schon mehr an frischem Fisch aus dem Fjord gezogen hatten, als sie täglich direkt essen konnten. So füllten sie nach und nach zur allgemeinen Zufriedenheit und Freude ihre Gefriertruhen wieder auf, jedenfalls solange das Meer noch offen war.
Im November war das Wasser gefroren, ein Ereignis, das vor dem atomaren „Dauerwinter“ hier praktisch undenkbar gewesen war. Doch jetzt, wo fast nie auch nur ein einziger Sonnenstrahl durch die Wolkenmassen am Himmel drang, gelangte so wenig Sonnenwärme auf die Erdoberfläche, dass in den eisigen Dauerfrostmonaten des Winters sogar die vom Golfstrom erwärmten Gewässer hier in Küstennähe abseits des offenen Ozeans einfroren. Dabei war der vergangene zweite Winter bereits eine Spur weniger hart gewesen als der erste, den sie hier verlebt hatten.
Viel war passiert in diesem zweiten Jahr auf Rolla.
Sie alle waren noch besser trainiert, noch mehr gleichmütig gegenüber Entbehrungen und noch entschlossener als je zuvor, allen Widrigkeiten zu trotzen und sich in dieser Welt zu behaupten. Sie hatten immer weiter ohne Unterlass ihre Kondition trainiert und waren noch schlanker und drahtiger geworden. Zwar waren sie nicht mit Muskelpaketen bepackt, doch sie wirkten zäh und belastbar und bewegten sich alle geschmeidig, als wären sie sich jeder einzelnen Bewegung bewusst und versuchten ständig, sich mit maximaler Effizienz zu bewegen, um kein Quentchen der wertvollen, knappen Nahrungsreserven zu verschwenden. Allen war klar, dass sie nicht ewig von den Vorräten würden leben können, die sie hier angelegt hatten und noch durch Fischfang oder andere Maßnahmen erlangen würden.
Sie waren blass geworden durch das ständige Fehlen an Sonnenlicht. Durch die gute Konstitution, die sie sich alle erworben hatten, sahen sie zwar verhältnismäßig gesund aus und schafften es auch irgendwie auf Grund einer ausgeklügelten Balance ihrer Nahrungsmittel keine Mangelerscheinungen zu bekommen, doch irgendwann würde auch diese Gefahr akut werden, darüber machte sich keiner von ihnen Illusionen. Durch den Luxus an tief gefrorenem Gemüse und Vitaminpräparaten, deren Menge und Dosis sie über die Monate allmählich senkten, stellten sich ihre Körper langsam auf die neuen Umstände ein und konnten sich so zumindest teilweise anpassen.
Ihre Ausbildung hatte Riesenfortschritte gemacht, dessen waren sie alle sich mit großem Stolz bewusst. Neben der Basis-Waffenkunde und dem russischen Sprachunterricht, den sie ständig weiter intensiviert hatten, waren zusätzlich Anatomie und Technik auf dem Stundenplan erschienen, sowie zusätzlich ein bestimmtes Pensum an Englisch, Arabisch und Strategische Grundlagen für Fortgeschrittene.
Sie waren in zwei Vierergruppen aufgeteilt worden, sodass jeder Einzelne intensiver im Umgang, sprich der Wartung und Reparatur der Motoren, welche ihre Autos, das Luftkissenboot und auch den Notstromgenerator im Keller antrieben, unterrichtet werden konnte. Auch sämtliche technischen Anlagen des Hauses standen auf dem Lehrplan; jeder der Gruppe würde nach Ablauf dieses Jahres blind alle ihre Gerätschaften instandsetzen und auch -halten können.
Die Sprachen durften in ihrer Bedeutung als Lernfach nicht unterschätzt werden, schließlich war es unabdingbar, dass sie sich einst in einer multinationalen Armee problemlos würden verständigen können. Bei dem Einsatzgebiet, das sie erwarten würde, war Russisch das wichtigste Element, doch auch Englisch und auch zu einem gewissen Grad Arabisch musste zumindest fließend in der Sprache beherrscht werden.
Ihr neues Mitglied hatte sich nach seiner Genesung und schritt weisen Einweihung in das, was sich noch ereignen würde, sehr gut eingefügt und holte erstaunlich schnell auch in den schwereren Fächern zu ihnen auf. Nicolas Fraisier war trotz seiner fast dreißig Jahre noch immer wissbegierig und versessen darauf, seinen Beitrag zur Gruppe zu leisten. Dass er einmal der Anführer der Organisation in ganz Europa werden würde, hatte ihm freilich noch niemand verraten, auch Maja nicht, die ihren alten Namen Natasha seit ihrem schicksalhaften ersten Gespräch mit Nicolas nicht mehr benutzt und jeden zusammen gestaucht hatte, der sie danach noch versehentlich mit diesem angesprochen hatte, was glücklicherweise nie in Nicolas’ Anwesenheit passiert war. Für sie war dieses Kapitel ihres Lebens damit endgültig abgeschlossen.
Der Unterricht in Anatomie beinhaltete viele praktische Aspekte außer dem allgemeinen Aufbau des menschlichen Körpers: Gesunderhaltung, Erste Hilfe, Geburtshilfe. Letzteres war für Karin wichtig gewesen, die vor wenigen Monaten ihren kleinen Sohn geboren hatte. Der süße Nick war vollkommen gesund zur Welt gekommen, bereits mit einem kleinen dunklen Haarflaum und großen, schwarzen Augen. Karin hatte nicht aufhören können zu weinen, vor Freude und vor Seelenschmerz, weil dieses winzige Geschöpf sie so sehr an den jungen Mann erinnerte, mit dem sie ein Jahr ihres Lebens bedingungslos geteilt hatte. Er war alles, was ihr noch von Bernd geblieben war.
Und jetzt war es wieder passiert, dachte Aishe. Mit gemischten Gefühlen streichelte die zierliche Türkin  mit den dunklen Glutaugen und der schwarzen Lockenmähne über ihren noch flachen Bauch, der sich jedoch schon bald zu wölben beginnen würde. Die gleichen Zweifel wie zuvor bei Karin hatten sich wie eine eisige Hand um ihr Herz gelegt, als sie nicht mehr umhin konnte, die Tatsache zu ignorieren, dass auch ihre Liebe zu Shin Früchte getragen hatte. Der junge Asiate indes platzte seitdem fast vor Stolz und seine Liebe zu ihr war nur noch gewachsen, was sie auf einer tiefen unbewussten Ebene beruhigte. Ebenso wie die Tatsache, dass ihr Kind wie in einer großen Familie mit vier Vätern, vier Müttern und einem älteren „Halbbruder“ aufwachsen würde, ganz zu schweigen von den drei seltsamen „Onkeln und Tanten“, die sich genauso sorgsam um es kümmern würden wie die Menschen und sich notfalls absolut gleichmütig für es opfern würden, ohne einen Moment zu zögern.
Aishe sah hinauf in den bleigrauen Himmel, dessen hoch dahin ziehende Wolken keinerlei Konturen erkennen ließen. Es war einfach nur eine verschwommene, homogene Wolkenmasse, die das Sonnenlicht nur stark gefiltert durchließ und den Tag trübe wie alle Tage machte, die sie in den letzten zwei Jahren erlebt hatten. Den einzigen Anhalt der Untergrenze dieser immerwährenden Bedeckung lieferte der über neunhundert Meter hohe, tiefdunkel und steil aufsteigende Felsenberg Rolla, der zur Gänze sichtbar war. Eigentlich war das vulkanisch entstandene Felsmassiv schon seit einem halben Jahr immer vollständig enthüllt gewesen, doch die hoch liegenden Wolken rissen deshalb trotzdem niemals auf und ließen keinen einzigen Sonnenstrahl passieren. Damit machten sie jeden Tag zu einem eintönigen Tag in einer unendlichen Verkettung von eintönigen und vor allem trostlosen Tagen. Sie fröstelte unwillkürlich bei dem Gedanken, oder vielleicht auch wegen dem schwachen Westwind, der die Temperatur von fünf Grad Celsius noch weiter abkühlte.
Silke kam den Trampelpfad vom Haus herab gelaufen und näherte sich ihnen mit einem kleinen, wissenden Lächeln auf den Lippen. Der Schalk blitzte in ihren dunklen Augen. „Na, ihr zwei Turteltäubchen?“
„Hör’ auf, uns zu veralbern“, verlangte Shin von ihr, konnte sich aber dennoch ein Grinsen nicht verkneifen.
„Und, habt ihr denn schon Glück gehabt?“ wollte die hoch gewachsene, kräftige Schweizerin darauf von ihnen wissen, indem sie sich über ihr langes, braunes Haar strich, welches sie sich im Nacken zurück gebunden hatte.
„Geht so. Wir sind ja noch nicht lange hier, aber es wird sicher noch werden.“ Aishe verstummte und hob den Kopf. Auch die beiden anderen horchten auf.
„Habt ihr das auch gehört?“ Shin drehte seinen Kopf hin und her, um die Herkunft des schwachen Summens besser ermitteln zu können. Gleichzeitig erschien Abbey beim Haus und kam mit ernster Miene eiligen Schrittes auf sie zu.
„Schnell, kommt ins Haus! Von Norden her kommt ein kleines Motorboot auf uns zu!“
Aufgeregt sahen die drei sich an. Seit dem Tag des jüngsten Gerichtes vor beinahe zwei Jahren hatte niemand von ihnen einen Außenstehenden zu Gesicht bekommen; sie hatten annehmen müssen, dass die gesamte Gegend damals bei dem russischen Atomschlag gegen ein strategisches Raketen-U-Boot der Amerikaner draußen auf dem Nordmeer entvölkert worden war. Doch offenbar war es nun nicht mehr so einsam ums Safehouse herum.
Schnell packten sie ihr Fischereigerät zusammen. Shin meinte ratlos: „Möchte mal wissen, wo die auf einmal herkommen. Wir dachten doch, hier niemand lebt mehr.“
„Wir wollten euch nicht beunruhigen, aber wir haben in den letzten zwei Monaten bereits dreimal Kontakt mit in der Ferne vorbei fahrenden Booten gehabt. Doch so nah an Rolla ist noch nie eines gekommen.“ Abbeys Miene drückte mildes Bedauern aus, als alle drei sie verblüfft und zornig ansahen und inne hielten.
„Warum habt ihr das vor uns geheim gehalten? Das sind Menschen, Abbey, wirkliche Menschen aus Fleisch und Blut! Vielleicht geht es ihnen schlecht, vielleicht brauchen sie unsere Hilfe…“ Wieder einmal trat Aishes soziale Ader zu Tage und ließ sie ihr herzförmiges Gesicht vor Umnut ob dieser Unterlassung ihrer Cyborg-Beschützer verziehen.
„Ihr wisst doch genau, was wir euch über diese Periode der ersten Jahre nach dem Krieg erzählt haben. Es war das dunkelste Zeitalter der gesamten Menschheitsgeschichte überhaupt, schlimmer als das Mittelalter, schlimmer als jedes diktatorische Regime, wahrscheinlich schlimmer noch als alles, was ihr euch vorstellen könnt. Jeder dachte nur ans bloße Überleben, war sich selbst der Nächste; das einzige Recht, das noch in Kraft war, war das Faustrecht…“ Beinahe hastig packte Abbey das eben eingeholte, tropfnasse Netz und zwei der Angeln und begann alles an Land zu schaffen.
Aishe hatte ihre Angel eingeholt und folgte ihr auf dem Schritt. „Bitte, Abbey, in jedem Menschen gibt es Gutes und Schlechtes. Die Zeiten mögen hart sein, aber viele Menschen lernen in solcher Not auch, anderen zu vertrauen und zu kooperieren, damit es allen in einer Gemeinschaft besser geht.“
„Ich fürchte, das ist Utopie, Liebes. Niemand ahnt momentan etwas vom bevorstehenden Krieg gegen die Maschinen, der die Menschheit einen wird wie nie zuvor in der Geschichte. Es sieht für alle so aus, als sei es das mit dem Atomschlag bereits gewesen und als ginge es momentan und in Zukunft nur darum, so gut wie möglich über die Runden zu kommen. Wir…“ Die amazonenhafte Rothaarige sah mit ihren intensiv grün schimmernden Augen auf und verstummte. Hinter dem Ende der Bergkette, welche direkt hinter dem Haus aufstieg und die Küstenlinie südlich von ihnen markierte, tauchte der Bug eines kleinen Schiffes auf, das wie ein Fischkutter anmutete.
„Zu spät. Wir müssen den Anschein erwecken, als würden wir gerade erst vom Haus kommen und als hätten wir keinesfalls die Absicht gehabt, uns vor ihnen zu verbergen; defensive Signale zu geben, wäre ein Fehler bei einem ersten Kontakt. Benehmt euch ganz unauffällig und überlasst das Reden mir. Lasst uns hoffen, dass sie nur Einheimische sind. Bitte vertraut mir, okay?“
Aishe wollte protestieren, verstummte dann aber, als sie erkennen musste, wie ernst es ihrer Beschützerin war. Und genau das war die Funktion, die sie jetzt gerade ausüben wollte und musste. „Okay.“
Abbey nickte. „Gut. Aishe, bitte geh ins Haus und hole Caroline. Alle anderen sollen im Haus bleiben. Keine Widerrede, sei so gut und tue, worum ich dich bitte. Keine Angst, es ist eine normale Reaktion, andere Bewohner in solch einer Lage zu informieren, das wird keinen Argwohn bei ihnen erregen.“
Aishe presste die Lippen zusammen, als die antrainierten Reflexe zum Teamwork und dem bedingungslosen Ausführen von Anweisungen zum Wohle der Sache in ihr obsiegten. Natürlich war ihr klar, dass Abbey vor allem sie aus der „Schusslinie“ haben wollte, doch es missfiel ihr trotzdem, bevorzugt behandelt zu werden, weil sie in anderen Umständen war.
Geschwind lief sie hinauf und verschwand um die Hausecke. Inzwischen war jemand auf dem Boot auf sie aufmerksam geworden, rief sie an und winkte. Silke winkte zurück, während Abbey das Netz wieder ins Wasser warf, damit bei einer näheren Inspektion nicht auffallen würde, dass es bereits nass gewesen war. Die Angeln waren auf den ersten Blick unauffällig und wurden von ihr nicht berücksichtigt. Sie konnten erkennen, dass ein kleines orangefarbenes Schlauchboot im Schlepptau des Bootes war, das nun seine Maschinen zurückfuhr und Fahrt verlor, aber nicht näher zur Küste kam. Offenbar besaß der Steuermann keine detaillierten maritimen Karten dieser Gegend, was darauf schließen ließ, dass er nicht von hier stammte. Da er nicht riskieren wollte, auf Grund zu laufen oder seinen Rumpf an den hier allgegenwärtigen felsigen Untiefen zu beschädigen, holten sie das Schlauchboot ein, bemannten es mit zwei Personen und ließen einen im Boot liegenden Außenborder zu Wasser, den sie auch gleich starteten.
Abbey legte die Hand über die Augen, um sie vor dem Himmel abzuschirmen. Unwillkürlich fragte Shin, sich ihrer Fähigkeiten vollauf bewusst: „Was kannst du sehen?“
„Es sind insgesamt sechs Leute an Bord, alle zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, eher Vierzig. Alle groß und hager, sehen nicht gut aus. Bestimmt sind sie unterernährt und lassen es an der nötigen Hygiene mangeln. Im Beiboot sitzen ein kleiner, fülliger Mann und ein sehr großer, dünner und drahtiger. Besonders vertrauenserweckend sehen sie nicht aus. Schade, dass sie nicht miteinander reden, dann hätte ich ihnen von den Lippen ablesen können, solange sie sich unbeobachtet wähnen und vielleicht etwas über ihre Absichten ausgeplaudert hätten. Der große Dünne sitzt hinten und steuert, während der kleine dickliche vorne mit dem Rücken zu uns hockt. Jetzt scheint er mit seinem Untergebenen zu reden, sein Kiefer bewegt sich. Mist, der Grosse nickt nur dümmlich, sagt aber keinen Mucks.“
„Dann werden wir eben von ihnen selbst erfahren, was Sache ist.“ Shin spuckte kurz ins Wasser, um sich und seiner Umwelt zu beweisen, wie ungerührt und cool er dieser Situation gegenüberstand. Diese unbewusste Eigenart hatte er sich nie wirklich abgewöhnen können, seit sie ihn damals aus dem Kleingangstermilieu seiner Zigarettenmafia-Vergangenheit einer ostdeutschen Großstadt herausgeholt hatten.
Beunruhigend rasch kam das Schlauchboot heran und glitt dann längsseits an den Steg, als der Große den Motor stoppte und die Schraube aus dem Wasser zog. Der kleine Dicke sprang sofort an Land und schüttelte Silke mit einem Lächeln die Hand. Mit breitem Dialekt rief er fröhlich auf Nynorsk: „Mensch, das ist ja ein Ding! Wir dachten, auf den gesamten Vesterålen lebt kein einziger Mensch mehr.“
Silke sah sich Hilfe suchend nach Abbey um, da sie selbstredend kein einziges Wort außer ‚Vesterålen’ verstanden hatte. Diese antwortete vorsichtig: „Dasselbe dachten wir auch. Hallo.“
„Seid gegrüßt, liebe Leute. Mein Name ist Lars. Mein Freund hier heißt genau so, auch wenn wir ansonsten nicht verwandt oder verschwägert sind.“ Ein brüllendes, kehliges Lachen entfuhr dem Mann um die Vierzig, das Abbey groteskerweise in ihren Datenbanken mit der Filmfigur ‚Dr. Evil’ aus den schrägen Agentenkomödien ‚Austin Powers’ assoziierte. Sie nahm ihn genauer in Augenschein.
Er war etwa 1,55 m groß, stämmig und mit einem beachtlichen Bauchumfang versehen, der wohl von langjährigem Bierkonsum herrührte und sogar die beiden letzten mageren Jahre irgendwie überstanden hatte. Sein breites, leicht pausbackiges Gesicht mit klaren, blauen Augen, die von vielen kleinen Fältchen umgeben waren und hinter einer dünnrandigen Brille hervorlugten, wurde von seiner kräftigen Nase und einem riesigen Walrossschnurrbart dominiert. Den hohen Ansatz seiner dünnen, hellbraunen Haare hatte er erfolglos mittels einer Lederkappe zu verbergen versucht, was ihm zusammen mit dem goldenen Ohrring und einem dünngliedrigen Goldkettchen mit winzigem Anker um den Hals ein verwegenes Aussehen verlieh.
Bekleidet war er mit einer dick gefütterten, ausgebeulten alten Lederjacke, einer abgewetzten Bluejeans und hohen Militärstiefeln. Er strahlte eine hohe Autorität aus und ließ den schlaksigen Lars neben ihm verblassen, der mit seinen schwarzen, glatten Haaren, hellen Augen hinter einer ebenso dünnrandigen Brille und einem kantigen Kinn, mit Ölzeug bekleidet steif im Boot sitzen blieb und seinem offensichtlichen Anführer den Erstkontakt völlig überließ. Nicht einmal zu einem Gruß konnte er sich aufraffen.
Lars schien kein geborener Diplomat zu sein, geschweige denn Erfahrung in dieser Beziehung zu haben, denn er fiel gleich mit der Tür ins Haus, wenn auch in freundlichem, umgänglichen Ton: „Wir sind schon ein paar mal hier vorbei gefahren und haben nie ein Lebenszeichen gesehen, weder Licht noch Rauch aus einem Kamin oder so etwas in der Art.“
Abbey hatte längst all ihre Diagnoseprogramme aktiviert, um aus dem Inhalt und dem Tonfall seiner Rede in Verbindung mit seiner Mimik und Gestik weiterführende Schlüsse über seine Motivation zu ziehen. Sie erwiderte: „Wir hatten keinen Anlass dazu, uns bemerkbar zu machen, da wir wie gesagt angenommen hatten, dass wir hier alleine wären.“
„Ihr bleibt gerne unter euch, was? Woher kommt ihr denn?“
„Das hier ist eine Touristengruppe aus dem Ausland. Ich bin die einzige Landeskundige; Abbey ist mein Name. Nach der Katastrophe saßen wir hier im Haus fest und lebten von unseren Vorräten, bis wir wieder ins Freie konnten und mehr schlecht als recht mit Fischen anfingen.“ Sie deutete mit einem Nicken auf das Netz und die Angeln, um zu erklären, wieso sie noch nicht verhungert waren. Lars schluckte den dargebotenen Köder jedoch nicht.
„Vorräte? Was habt ihr für Vorräte?“
Ausweichend gab Abbey zurück: „Es reicht für uns zum Auskommen. Weshalb fragt ihr?“
„Ach, ich dachte, wir könnten vielleicht etwas eintauschen. Womöglich haben wir etwas, was ihr gebrauchen könnt.“ Lars’ Miene war unergründlich für Silke und Shin, die dem für sie unverständlichen Dialog unsicher lauschten.
„Und was wolltet ihr für Waren eintauschen?“ Abbey wurde immer misstrauischer; ihre CPU errechnete eine Wahrscheinlichkeit von 87,2989 Prozent dafür, dass die Absichten ihres Gegenübers unehrlich oder gar feindselig waren.
„Ach, wir sind eine ziemlich große Gruppe, die sich hier in der Nähe nieder gelassen hat, um dem harten Winter im Landesinneren zu entfliehen. Wir haben sicher so einiges anzubieten, das für euch brauchbar wäre.“
„Und das wäre?“ hakte Abbey nach, alle rhetorischen Subprogramme zur Erlangung der Initiative in ihrem gegenseitigen Ausfragespiel einsetzend.
„Nun, zuerst einmal Waffen. Zur Jagd, zur Verteidigung…“
„Es gibt kein Wild auf dieser Insel und zur Verteidigung sind wir ausreichend bewaffnet“, fiel sie ihm resolut ins Wort, was Lars sichtlich missfiel, da sein falsches Lächeln dünner würde.
„Ach, ihr habt Waffen? Was denn so?“
„Pistolen, ein paar Gewehre, was man eben braucht, um sich zu verteidigen, gegen was auch immer. Wir legen sehr viel Wert auf unsere Sicherheit, müsst ihr wissen“, informierte sie ihn und ließ in ihrer Stimme eine unausgesprochene, aber unüberhörbare Warnung mitschwingen.
„Gut zu hören. Wir leben in sehr schwierigen und gefährlichen Zeiten“, tönte Lars großspurig.
Abbey indes wollte wissen: „Und an welchen Waren seid ihr interessiert gewesen?“
„Nun ja, natürlich was man alles zum Leben braucht: Lebensmittel, Kleidung, Treibstoff… ist das dort oben ein Schuppen oder eine Garage?“ Er äugte neugierig hinters Haus auf die Vierergarage, wo ihr Fuhrpark untergebracht war. In diesem Moment war Abbey heilfroh über die Tatsache, dass sie in weiser Voraussicht ihr Luftkissenboot landeinwärts an den Waldrand zwischen die Baumreste geschoben und mit einem Tarnnetz bedeckt hatten, sodass es vom Ufer aus nicht zu entdecken war.
Geschickt ignorierte sie seine letzte Frage und machte ihm ein Angebot: „Wir können euch von unserem selbst gefangenen Fisch reichlich anbieten. Mit der Zeit haben wir ganz gut herausgefunden, wie das geht. Und ihr, fischt ihr auch?“
Lars winkte mit ablehnendem Schnauben ab. „Ach, woher denn! Viel zu aufwendig, um die ganze Gruppe durchzufüttern. Da würden wir auf keinen grünen Zweig kommen, leider.“
„Aber wie könnt ihr denn dann überleben, wenn ihr wirklich so viele seid?“ erkundigte Abbey sich argwöhnisch.
„Bislang grasen wir hier an der Küste und auf den Inseln jedes Dorf nach unverderblichen Waren und brauchbaren Gütern ab. Auf lange Sicht hin wird das natürlich auch nicht funktionieren, aber momentan kommen wir auf diese Weise erstaunlich gut über die Runden. Ihr würdet euch wundern.“ Mit einem listigen Seitenblick musterte er sie.
„Wenn man es genau nimmt, plündert ihr also die Gegend systematisch aus.“ Es hätte ironisch oder verschmitzt klingen können, doch Abbeys unbewegte Miene und Stimme sprachen eine andere Sprache.
„Plündern ist so ein hartes Wort.“ Missbilligend schüttelte er den Kopf und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Wir nehmen doch niemandem etwas weg… bisher jedenfalls.“
„Alles was darüber hinausgeht, wäre Raub in Zeiten wie diesen“, gab Abbey zu bedenken, als ihre eingesetzten Subroutinen Alarm schlugen.
„Da hast du Recht, mein schönes Kind.“ Ganz gemächlich zog er einen riesengroßen, sechsschüssigen Revolver aus blank poliertem Stahl mit extra langem Lauf für größere Reichweite und Durchschlagskraft aus seinem hinteren Hosenbund und hielt ihn Abbey mit einem schadenfrohen Grinsen unter die Nase. Als Abbey mit keiner Wimper zuckte und seine Waffe lediglich interessiert betrachtete, schmälerte sich seine diebische Freude allerdings um einiges. Diese Reaktion schien er von seinem Opfer sicher nicht erwartet zu haben. Ein nervöses Zucken um seine Augengegend wurde sichtbar.
Im selben Moment erschien Caroline oben an der Hausecke und gab angesichts der Szenerie vor ihr einen Laut des Erstaunens von sich. Alle blickten sich nach dem Neuankömmling um, der jedoch noch viel zu weit weg war, um auf irgendeine Weise ins Geschehen eingreifen zu können.
Silke reagierte automatisch, wenngleich sie kein Wort der Unterhaltung verstanden hatte; die Waffe in Lars’ Hand sagte ihr genug. Sie nutzte den Moment der Ablenkung, den Carolines Erscheinen erzeugt hatte, ließ sich in die Hocke fallen und trat dabei mit einem ihrer langen Beine Lars beide Knöchel weg, sodass dieser hintenüber fiel und mit einem schweren Klatschen auf dem Rücken landete, was ihm die Luft aus den Lungen trieb und ihn aufächzen ließ. Im nächsten Moment stand Abbey breitbeinig über ihm, Shin und Silke mit ihrem Körper vor ihm abschirmend und riss ihm die Waffe so unmenschlich heftig aus der Hand, noch während sich sein Abzugsfinger krümmte, dass der Überrumpelte gepeinigt aufschrie und glaubte, sein Finger müsse gebrochen sein.
Als er aufsah, blicke er in die Mündung seiner eigenen großkalibrigen Waffe. Er schielte in die kleine schwarze Öffnung und begann stark zu schwitzen. Abbey zog den schwergängigen Abzugshahn mit dem Daumen spielerisch zurück, bis er einrastete und erklärte mit versteinerter Miene auf Englisch: „Sehr gut gemacht, Silke. Die Verhandlungen sind damit beendet. Ich schlage vor, ihr verlasst diesen Ort und kommt nicht zurück. Wir lassen euch in Ruhe, ihr lasst uns in Ruhe, so einfach ist das. Wir schätzen unsere Privatsphäre sehr und werden uns mit allen Mitteln verteidigen, kapiert?“
Langsam schob sich der korpulente Norweger unter ihr hervor und krabbelte in Richtung Boot, wo der andere Lars wie versteinert das Geschehen zu begreifen versuchte, bis sein Boss ihn auf Nynorsk anzischte, worauf Leben in ihn kam. Er ließ den Außenborder an und ließ die Schraube zu Wasser, sobald dass Boss Lars an Bord war, um rasch vom Kai zurück in Richtung Boot zu fahren. Kaum war er in sicherer Entfernung, wie er glaubte, da rief er auch schon zornig mit erkennbar hochrotem Kopf: „Das werdet ihr mir büssen! Niemand springt so mit mir um, verstanden? Wir rechnen noch miteinander ab, das könnt ihr mir glauben!“
Den Rest seiner cholerischen Schimpftirade bekamen sie nicht mehr mit, da der auflandige Wind seine Worte nicht mehr bis zu ihnen trug. Als er noch etwa fünfzig Meter vor dem Fischerboot war, rief er diesem etwas zu. Sofort machte sich Hektik breit unter der Crew, als mehrere von ihnen unter Deck stürzten. Caroline war zu ihnen geeilt und vergewisserte sich, dass alles mit Silke und Shin in Ordnung war.
„Das gefällt mir nicht, Leute. Irgendwas haben die noch in Petto“, sagte die zierlich anmutende Elsässerin mit dem rotbraunen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haar, dem zuckersüssen Gesicht mit dem markanten Kiefer und den rehbraunen, sanften Augen, indem sie hinaus aufs Meer spähte, wo das Schlauchboot gerade am Heck des Fischkutters vertäut wurde. Ihre hoch auflösende Optik ließ sie erkennen, wie Boss Lars zu einem seiner Lakaien stürmte und ihm etwas langes, scheinbar Schweres aus der Hand riss, was dieser gerade unter Deck hervorgeholt hatte. Günstigerweise stand er ihr zugewandt, sodass sie von seinen Lippen ablesen konnte. Unheimlicherweise sprach sie in Echtzeit mit seiner synthetisch erzeugten Stimme – allerdings übersetzt - mit, was er aussprach, sodass es beinahe schien, als würde er neben ihnen stehen, anstatt auf dem Achterdeck seines Fischerbootes.
„Los, gib her! Denen werde ich zeigen, dass man sich nicht ungestraft mit mir anlegt. Meinen schönen Revolver haben sie mir abgenommen. So, nehmt das…“ Sie brach ab und riss die perplexe Silke und auch Shin eine Spur zu grob auf die Planken des Stegs hinab. „Runter!“
In diesem Moment hallte ein scharfer Knall über den weiten Fjord und ein Geschoss sirrte nur knapp an ihnen vorbei, mit einem peitschenden Geräusch von einem der Felsen am Ufer abprallend. Nur wenige Sekunden darauf knallte ein weiterer Schuss. Die Kugel traf Caroline in die Brust, was diese zusammenzucken ließ und einen Deut zurück warf. Sie griff in den chromglänzenden Krater aus polimimetischem Metall, der über ihrem Endoskelett durch die Kugel aufgerissen worden war, und entfernte das Geschoss, welches vom Aufprall an ihre Panzerung platt gedrückt war, worauf sich die „Wunde“ unverzüglich schloss, nicht die geringste Spur einer Verletzung hinterlassend.
Abbey stellte sich auf und hielt den erbeuteten Revolver an beiden ausgestreckten Armen von sich, auf das Boot zielend. Caroline betrachtete das an der Spitze völlig deformierte 7.62-mm-Geschoss aus einem alten deutschen Heckler und Koch G-3, aus welchem wieder ein einzelner Schuss abgefeuert wurde, welcher um Haaresbreite an Abbeys rechtem Ohr vorbei pfiff. „Der Kerl macht Ernst und schießt sich langsam ein. Er ist ein sehr guter Schütze; das sind über dreihundert Meter.“
„Distanz 311,5 m, Peilung 267 Grad, Elevation plus zwei Meter, Dünung eins, Wind dreieinhalb Beaufort aus Westnordwest. Darf ich?“ Abbey sah fragend zur Seite.
„Die Brücke“, bestätigte Caroline. „Gestalte es eindrucksvoll, ja?“
Abbey zog den Abzug innerhalb von drei Sekunden sechsmal durch, was einem Menschen angesichts der hohen Abzugsfederkraft dieses Revolvers unmöglich hätte gelingen können. Das wiederholte Aufbellen der überdimensionierten Handfeuerwaffe klang dadurch beinahe wie eine kurze Salve von automatischem Feuer und ließ alle an Bord sich erschrocken zu Boden werfen. Niemand hätte einem Schützen zugetraut, auf diese Entfernung mit einer Handfeuerwaffe auf ein Objekt von der Größe dieses Bootes zu zielen, geschweige denn zu treffen, sodass die Besatzung eiskalt erwischt worden war.
Der erste Schuss durchschlug die linke und die rechte Seitenscheibe des Führerhauses, der zweite die beiden nach hinten sowie zur Seite geneigten und damit sich im direkten Schussfeld befindlichen Frontscheiben. Ein Regen aus Scherben und Glassplittern überschüttete den schockierten Steuermann. Die dritte und die vierte Kugel zerschossen die beiden Positionslichter des Kutters, die fünfte einen starken Suchscheinwerfer, alles auf dem Dach der Aufbauten positioniert. Das letzte Geschoss schließlich machte ihrem Sendemast den Garaus, sodass sie nun mit völlig offenem und ungeschütztem Führerhaus nach Hause fahren mussten, geschweige denn ohne Beleuchtung und Kommunikation.
Zufrieden hatte Caroline die unglaubliche Präzision von Abbeys Manöver verfolgt und meinte nun mit grimmiger Miene: „Ausgezeichnet. Das sollte sie lehren, dass mit uns nicht zu spaßen ist.“
„Sie haben es gesehen, aber werden nicht begreifen, was sie da erlebt haben“, bestätigte Abbey sie. „Ein bisschen Seemannsgarn kann unserem Ruf in der Nachbarschaft wohl nicht schaden.“
Doch sie hatten sich verkalkuliert, was Lars’ Aggressionspotential und Unbeherrschtheit anging. Noch während sich die anderen Seemänner von ihrem Schock erholten, legte er erneut an und überschüttete sie diesmal mit kurzen Salven, die teilweise gefährlich nahe bei den beiden ungeschützt auf den exponierten Planken des Steges kauernden Menschen einschlugen.
Caroline reagierte sofort und ohne zu zögern, nachdem sie das Gefahrenpotenzial der Lage sondiert hatte. Mit einem Fuß wischte sie wie beiläufig Shin und Silke vom Steg, worauf diese erschrocken aufschreiend im hüfthohen und eiskalten Wasser landeten.
Gleichzeitig hob sie ihren rechten Arm und richtete ihn aufs Boot aus. In Sekundenschnelle flossen Haut und Fleisch, in flüssige Metalllegierung verwandelt, von ihrer Hand und dem Unterarm und entblößten einen zierlichen und grazilen, aber hoch komplex wirkenden mechanischen Unterarm, welcher sich in Windeseile wie eines der Transformer-Spielzeuge aus den Achtziger Jahren selbst umbaute, Teile verschob, anwinkelte, Komponenten einzog und ausrichtete, bis sich ein von vier Stabilisationsstreben umgebener Ausleger gebildet hatte, in dessen Mitte sich ein solides, dünnes Rohr befand. Eine blauweiß leuchtende, tennisballgroße Kugel aus reiner Plasmaenergie bildete sich am Ende des „Laufes“ ihrer integrierten Waffe und zischte aufs Meer hinaus, die umgebende Luft von ihrer enormen Hitze wabernd.
Einen Moment danach brach das Inferno los.
Wohl gezielt als Warnschuss, schlug der Plasmaimpuls zehn Meter vor dem Bug des langsam Fahrt aufnehmenden Fischerbootes ein und erzeugte einen dumpfen, aber durchdringenden  Knall, der eine hundert Meter hohe Wasserfontäne gen Himmel sandte, wobei deren Durchmesser die Länge des Bootes übertraf. Es schaukelte sich dabei so stark auf, dass es einen Augenblick lang zu kentern drohte.
Kaum hatte es sich wieder aufgerichtet, eröffnete Lars das Feuer erneut. Sein hasserfüllter Aufschrei hallte über die See und erreichte sie noch, während der Steuermann die Leistungshebel der Maschinen nach diesem Beinahetreffer bis zum Anschlag nach vorne gerammt hatte.
Wieder pfiffen ihnen die Kugeln gefährlich nahe um die Ohren. Caroline schüttelte nur konsterniert über sowenig Einsicht den Kopf. „Wer nicht hören will…“
Mit der Energie, die der Detonation von fünfzig Kilogramm TNT entsprach, verschwand das am Heck mitgezogene Schlauchboot in einem grellen Feuerball. Die Druckwelle riss alle auf dem Achterdeck des Kutters von den Füssen. Wieder rollte das infernalische Echo durch den Fjord und wurde von den Bergen der gegenüberliegenden Insel Hinnøya zurückgeworfen.
Doch irgendwie mangelte es Lars noch immer an Selbsterhaltungstrieb, da er eine weitere Salve auf sie abschoss. Caroline seufzte und legte erneut an.
Der Mast wurde komplett oberhalb der Aufbauten von der nächsten Explosion verzehrt. Er wurde nicht wie bei einem konventionellen Beschuss nur abgerissen, sondern verschwand zur Gänze in der kraftvollen Eruption aus ungebändigter Energie und unvorstellbarer Hitze, die nur winzige Fetzen übrig ließ, welche vereinzelt aufs Deck prasselten. Diesmal erhob sich niemand mehr, nachdem die Druckwelle direkt über ihnen sie erneut auf die Planken genagelt hatte.
In einem Anfall von Kühnheit legte Abbey beide Hände trichterförmig an den Mund und wartete noch, bis das Klingeln in den Ohren ihrer Gegner so weit abgeklungen sein dürfte, dass sie wieder etwas hören konnten, und rief mit elektronisch auf 118 Phon verstärkter Stimme auf Nynorsk: „Ahoj! Wenn ihr noch einmal auf uns feuert, versenken wir euren Kahn. Lasst euch hier nie wieder blicken. Es wird keine weitere Warnung mehr geben. Lebt wohl!“
Caroline lachte und fuhr ihre Plasmaimpulskanone wieder ein, um anschließend Abbey beim Herausfischen von Silke und Shin zu helfen, die durchnässt und halberfroren im Wasser unter dem Steg ausharrten.



Kaum waren die beiden Unterkühlten im Haus von ihren nassen Kleidern befreit, in wärmende Decken gewickelt und mit heißen Getränken versehen aufs Sofa im Wohnraum gesetzt worden, da hatten sich alle anderen der Gruppe schon versammelt, um genau zu erfahren, was sich abgespielt hatte. Karin, die sich um Nick gekümmert und ihn zu Bett gebracht hatte, kam als letzte dazu. Sie hatte aufgrund von Mangel an Färbemittel ihre pechschwarze Haarfarbe eingebüßt, die einem Mittelbraun gewichen war, doch trug noch immer wie stets einen Pferdeschwanz.
Als Abbey ihren Bericht abgeschlossen hatte, verfielen die meisten in brütendes Schweigen. Maja strich sich eine Strähne ihres langen hellbraunen Haares aus dem Gesicht und ließ sich vernehmen: „Jetzt ist also doch noch das eingetreten, was wir befürchtet hatten. Mir macht diese Vorstellung beinahe mehr Angst als der Kampf gegen Skynets Maschinen.“
„Was meinst du damit? Was könnte schlimmer sein als das?“ wollte Nicolas wissen, der erst vor einem Jahr zur Gruppe dazu gestoßen war und noch nicht gänzlich alle Zusammenhänge im gleichen Maß wie sie erkannte, obwohl er schon viel dazu gelernt und fast auf ihren Wissensstand eingeholt hatte. Als ehemaligem Berufssoldat der französischen Marine bereitete es ihm größere Probleme, sich von gewissen alteingesessenen Werten und Vorstellungen zu befreien und die neuen Umstände so zu akzeptieren, wie sie gekommen waren und noch kommen würden.
Simon antwortete mit gesenktem Kopf für seine ehemalige Freiburger Kommilitonin: „Die Vorstellung, uns mit überlebenden Menschen auseinander setzen zu müssen. Solchen wie denen hier, die plündernd durch die Gegend ziehen und sich alles nehmen wollen, was immer sie finden, ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn sie jemals heraus bekommen werden, wie umfangreich unsere Vorräte sind, haben wir ein großes Problem.“
Darauf kratzte Nicolas sich in seinen kurz geschorenen, schwarzen Locken und sah zweifelnd die drei Terminatoren an. „Aber wir werden mit denen doch fertig, oder?“
Aishe antwortete erregt: „Schon, doch das ist nicht der entscheidende Punkt. Uns missfällt die Vorstellung, andere Menschen bei einem Kampf zur Verteidigung unserer Ressourcen vielleicht verletzen zu müssen oder gar Schlimmeres. Wir haben inzwischen alle die Vorstellung im Kopf, dass das Wertvollste, was es in Zukunft geben wird, ein Menschenleben sein wird. Jedes Menschenleben.“
„Ihr dürft euch nicht den Luxus erlauben, derart zu pauschalisieren“, gab Daniel zu bedenken. „Vergesst nicht, diese ersten Jahre bringen bei vielen Menschen nur die schlechtesten Seiten zum Vorschein. Es ist eine Art moralische Selektion, in der wir uns zurzeit befinden.“
„Mich widert an, was du sagst“, warf Aishe ihm an den Kopf. „Kein Mensch ist weniger wert als der andere. Und ich will schwer hoffen, dass ihr nicht mit dem Gedanken spielt, auch nur einen einzigen Menschen zu töten, um uns zu verteidigen. Selbst wenn dieser ‚Parameter’ nicht in eurer Programmierung enthalten ist, ist es doch eine essentielle Grundlage und einer der höchsten Wertvorstellungen innerhalb unserer Gruppe. Wenn ihr das nicht achtet, fügt ihr der Moral und dem Zusammenhalt hier im Safehouse unermesslichen Schaden zu. Der Vertrauensverlust, den ihr damit bei uns erleiden würdet, wäre durch nichts wieder gut zu machen. Das müsst ihr doch selbst begreifen.“
„Ja, Aishe, wir haben das bereits mehrmals diskutiert und wir alle“ – Abbey schloss Caroline und Daniel mit einer Handbewegung ein – „verstehen deinen Standpunkt vollkommen. Wir werden natürlich versuchen, so wenig wie möglich anderen Schaden zuzufügen. Aber uns sind auch Grenzen gesetzt worden, die wir in unserer Programmierung nicht überwinden können, wenn ihr in entsprechend große Gefahr geraten solltet. Unsere Missionsprioritäten sind klar gesetzt worden, die besagen, dass wir euch unter Einsatz aller uns zur Verfügung stehenden Mitteln vor Schaden bewahren müssen. Und wir werden tun, was dazu nötig ist. Das ist nicht unsere Entscheidung, das haben uns die Rebellen unter General Mahtobu in der Zukunft eingegeben. Wir haben uns das nicht ausgedacht.“
„Caroline, du bist doch durch deinen langen Aufenthalt in der Vergangenheit so weit, dass du so etwas wie gesunden Menschenverstand entwickelt hast“, wendete sich Karin an den T-X. „Können wir es nicht so handhaben, dass in erster Linie du dich ihnen in den Weg stellst, wenn es noch einmal zu irgendwelchen unliebsamen Begegnungen kommen sollte?“
„Wenn euch diese Zusage beruhigt, klar, warum nicht? Allerdings ist die Chance recht klein, dass wir von dieser Gruppe Menschen nochmals behelligt werden.“
„Dass du dich da mal nicht täuschst.“
„Wie bitte?“ Alle wandten sich zu Maja um, die mit angezogenen Beinen in einem der Sessel saß und finster drein sah.
„Deine Prognose ist fehlerhaft, Caroline. Nach eurem Bericht neige ich dazu, diesen Lars als sehr aggressiv und unbelehrbar einzustufen. Er ist auf eine Art sehr gerissen, obwohl das auch reine Bauernschläue sein kann, wenn ihr versteht, was ich meine. Aber so wie ich ihn einschätze, wird die abschreckende Wirkung unserer Verteidigungsmaßnahmen vorhin nicht sehr lange anhalten. Wenn er nicht gelogen hat, was die Stärke seiner Truppe und deren Ausrüstung angeht, wird er uns, allein schon um uns die ihm zugefügte Schmach heimzuzahlen, nochmals attackieren, dann aber mit mehr Leuten und schwererer Bewaffnung. Ihr seht also, wir können uns wahrscheinlich noch auf so einiges gefasst machen.“
Shin fügte hinzu: „Und er möchte unbedingt an unsere Vorräte herankommen, auch wenn er nicht genau weiß, wie groß sie sind.“
„Seid ihr euch dessen so sicher?“ fragte Abbey mit Zweifel in der Stimme.
„Wir wissen nicht, ob er nicht schon andere Überlebende überfallen, ausgeraubt und dann ermordet hat. Zum Henker, er ist ein Nachfahre der Wikinger! Wahrscheinlich hat er auch noch die Haustiere abgeschlachtet und die Häuser seiner Opfer gebrandschatzt.“ Dimitri winkte ab, als er sich einige geringschätzige Blicke einhandelte.
„Dann müssen wir unser Abschreckungspotential wohl irgendwie erhöhen, wenn er tatsächlich auf die Idee kommen sollte, uns noch einmal anzugreifen. Momentan hält er uns wohl noch für ein kleines Grüppchen entschlossener, aufgeweckter und durch irgendeinen glücklichen Zufall extrem gut bewaffneter Leute. Der Umstand arbeitet zu unseren Gunsten, dass er ein paar ungewöhnliche Dinge hier erlebt hat, die auf den Rest seiner Besatzung ziemlich unheimlich gewirkt haben müssen. Sie werden ihre Erlebnisse nach ihrer Rückkehr umgehend den anderen seiner Truppe erzählen, was deren Moral bei einem weiteren Angriff stark beeinträchtigen wird. Wenn wir Glück haben, haben eventuell andere Personen in seiner Gruppe Mitspracherecht und können ihm angesichts des zweifelhaften Kosten-Nutzen-Verhältnisses eine solch riskante Eskapade ausreden.“ Caroline wirkte entrückt, als würden sich in ihrem Kopf bereits entsprechende Pläne und Szenarien dazu entwickeln.
„Was schwebt dir vor?“ wollte Karin dann auch prompt wissen.
„Nun, wir werden in Kürze den ungefähren Standort ihrer Basis herausgefunden haben, spätestens nach einem erneuten Angriff von ihnen. Das heißt für uns, wir müssen dann Vergeltung üben, um ihm die Idee auszutreiben, unsere Vorräte seien ein lohnendes Ziel für ihn. Natürlich werden wir niemanden dabei töten, aber gewisse einschüchternde Massnahmen wären schon von Nöten, allerdings ohne ihn ahnen zu lassen, dass etwas nicht stimmt mit uns. Mir ist noch nicht klar, wie genau wir das anstellen sollen, sollte es wirklich so weit kommen, doch in einem solchen Fall werden wir eben mit den uns zur Verfügung stehenden Daten eine angemessene Lösung erarbeiten und ausführen.“
„Klingt alles noch sehr allgemein, aber ich für meinen Teil vertraue dir in dieser Angelegenheit“, urteilte Shin nach einem Moment der Nachdenklichkeit.
Silke fiel plötzlich ein: „Mich würde eine Sache noch brennend interessieren.“
„Ja?“ Abbeys Gesicht war bar jeder Regung. Karin glaubte in einem Moment der Erkenntnis, dass Abbey aufgrund ihrer vielen taktischen Vorhersagemöglichkeiten und der mannigfaltigen Interpretationsmöglichkeiten des Gebarens von Gesprächspartnern – im Gegensatz zu ihr – wahrscheinlich schon erraten haben mochte, was jetzt kommen würde.
„Wie hast du das sich nähernde Boot so früh entdecken können? Du warst schließlich noch im Haus, als es noch nicht einmal um die Bergkette herumgefahren war.“
Alle starrten Abbey an, die noch immer keine Miene verzog.
„Wir haben eine Sensorenplattform auf dem Gipfel des Rolla installiert. Daher wussten wir auch schon von den vorherigen Vorbeifahrten diverser Schiffe von Lars’ Truppe, bei denen sich jedoch nie jemand außer Haus und somit in Gefahr, gesehen zu werden, befand. Ich habe ein Warnsignal erhalten und darauf reagiert, wie ihr sehen konntet. Das System arbeitet sehr effizient.“
„Sie fahren schon länger da draussen rum? Und ihr wusstet das, seid aber nicht auf die Idee gekommen, uns davon zu erzählen?“ hakte Silke ungnädig nach.
„Wir hielten es für ein Detail, mit dem wir euch nicht behelligen wollten. Wir wollten euch nicht…“
Maja merkte auf und stellte, ihr untrügliches Gespür einsetzend, fest: „Hier stimmt was nicht. Ihr verheimlicht uns etwas!“
Daniel, Caroline und Abbey tauschten Blicke aus, nun die elektronische Entsprechung eines schlechten Gewissens auf ihren Gesichtern schwach ablesbar. Caroline trat vor und begann: „Ich möchte zunächst, dass ihr euch eines immer vor Augen haltet: Maschinen sind nicht gut oder schlecht. Sie führen nur das aus, was Menschen ihnen eingeben und handeln nach dem, wie sie programmiert worden sind. Für uns drei Terminatoren heißt das, wir beschützen euch, weil wir das als Missionsparameter eingegeben bekommen haben, obwohl wir ursprünglich zur Vernichtung von Menschen erbaut wurden.
Wir versuchen immer, das Beste für euch zu erreichen, Entscheidungen zu treffen, die euren Schutz optimieren und die effektivste Möglichkeit bieten, diese Mission auszuführen. Und in diesem speziellen Fall seid ihr emotionell stark vorbelastet und hättet unsere Entscheidung sicher nicht gut geheißen, obwohl sie rein objektiv gesehen eine entscheidende Verbesserung unseres Schutzes darstellt, wie sich vorhin gezeigt hat.“
„Worauf wollt ihr hinaus?“ fragte Dimitri, doch Karins Kopf ruckte bereits zum Balkon herum, auf dem sie allerdings entgegen ihrer Befürchtungen doch die inzwischen vertraute silbern schimmernde Kugel von etwa einem halben Meter Durchmesser entdeckte. Das war der inaktive Überrest des T-1000, der sie vor einem Jahr überfallen und Ihren geliebten Bernd sowie Anastasia getötet hatte.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Als sie aufsah, blickte Daniel auf sie hinab und sagte leise: „Keine Angst, so schlimm steht es noch nicht um unsere Sicherheit. Noch nicht.“
Als sie den Mund zu einer empörten Erwiderung öffnen wollte, sagte Abbey gerade nüchtern: „Es geht um den T-880 meiner Serie, den wir im Kellerdurchgang gefangen haben. Wir haben ihn nicht demontiert, sondern reprogrammiert und zur Geländeüberwachung auf dem Rolla stationiert. Von dort aus hat sie mit ihrer Sensorenausrüstung einen exzellenten Rundumblick auf den Vågsfjorden und die gesamte Insel bis zur Bergkette im Osten. Niemand kann sich unentdeckt auf weniger als sieben Kilometer dem Safehouse nähern, sei es von Land oder vom Meer aus.“
Silke klappte die Kinnlade hinab. „Ich kann einfach nicht glauben, dass ihr uns das verheimlicht habt! Eine Information von solch hoher Wichtigkeit!“
„Wir wollten eure Nerven schonen, so kurz nach dem Überfall. Eigentlich waren wir uns sicher, dass ihr unserer Meinung keinesfalls zustimmen würdet, obwohl TSR 3014 von unschätzbarem taktischen Wert für uns ist, da sie nun unter direkter Kontrolle von Caroline und somit völlig ungefährlich ist.“
Maja schüttelte den Kopf und musterte ihre synthetischen Kameraden mit grimmiger Miene. „Ihr habt uns unterschätzt, glaube ich. Meiner Meinung nach ist das eine sehr gute Idee, den akquirierten T-880 so einzusetzen. Wenn man seine Feinde schon besiegt hat, warum soll man sie dann nicht für seine Zwecke benutzen, anstatt sie zu vernichten? Vor allem dann, wenn es dabei um einen Cyborg geht. Einen Menschen vom Gegenteil zu überzeugen und für seine eigene Sache zu gewinnen, ist ungleich schwerer, vor allem wenn man sicher sein will, dass er einem nicht doch irgendwann in den Rücken fällt. Hier muss man nur sicher gehen, dass man ihn auch wirklich richtig umprogrammiert hat. Ein entscheidender Vorteil, findet ihr nicht auch?“
Widerwillig und auch überrascht über Majas Sichtweise stimmten die anderen ihrer Argumentation zu. Karin merkte mit saurer Miene an: „Gut, den psychologischen Aspekt dieser Geschichte müssen wir wohl oder übel schlucken. Du hast also eine Zwillingsschwester, Abbey. Inwiefern habt ihr sie denn neu programmiert beziehungsweise unter Kontrolle, wie ihr behauptet?“
Caroline führte aus: „Nun, wir haben ihre CPU auf WRITE gestellt, damit sie sich erst mal ein paar eigene Gedanken machen kann – ein Luxus, der uns ja leider verwehrt ist, dank der Beschränkungen, die uns von Mahtobus Widerstandsgruppe in der Zukunft eingegeben worden sind. Zudem ist sie direkt von mir mit allen nötigen Parametern der Mission versehen worden, über die Nanotechnik, die ich ihr eingesetzt habe. Ihr erinnert euch an meine Fähigkeit, andere elektronisch gesteuerte Maschinen zu kontrollieren?“
„Na klar, das hat uns schließlich letztendlich das Leben gerettet, als du den T-1000 neutralisiert hast. Und das gleiche könntest du auch mit dem neuen T-880 machen?“ wollte Simon unsicher wissen.
„Jederzeit. Ein Wink von mir und er fällt deaktiviert um“, versicherte Caroline.
„Du meinst ‚sie’“, erinnerte Aishe.
„Nein, wenn schon dann ‚es’. Die Bezeichnung lautet TSR 3014“, informierte Abbey sie mit belehrender Stimme.
„Soll das etwa heißen, ihr habt sie vor einem Jahr auf den Berg hoch geschickt mit der Weisung, Wache zu halten, ohne sie jemals abzulösen oder sich in irgendeiner Form um sie zu kümmern? Dabei habt ihr sie so programmiert, dass sie lernen und besser mit dem sozialen Umfeld interagieren kann! Wie soll sie das jemals können, wenn sie Tag und Nacht alleine auf einem Fels sitzt? Ist sie weniger wert als einer von euch dreien?“ empörte sich Aishe.
„Genau das ist der Fall. Wir sind für euren Schutz abkommandiert, sie zur Aufklärung und Geländeabsicherung. Da sie ein gefangener und neu programmierter Cyborg ist, kann sie nicht mit uns gleich gesetzt werden. So einfach ist das.“ Daniel verschränkte die Arme, klang aber nicht besonders überzeugend.
„Ihr wollt ihr ja nicht mal eine Chance geben! Für euch ist sie ein Wesen zweiter Klasse, was? Nicht mal einen Namen habt ihr ihr gegeben!“ Nun ereiferte sich auch Karin über die offensichtliche Diskriminierung; wegen ihrer Mutterinstinkte hatte sie hormonell bedingt auch ein gesteigertes Unrechtsbewusstsein entwickelt.
„Einen Namen! Das wäre ja noch schöner!“ Caroline schien ebenfalls relativ emotionell zu reagieren, ein Produkt ihrer jahrzehntelangen Lebensweise unter Menschen.
Simon schlug grinsend vor, die Reaktion bereits erahnend: „Wie wär’s denn, wenn ihr sie uns mal vorstellt?“
„Das wird nicht möglich sein. Sie wird für die Absicherung der Umgebung gebraucht“, schaltete Daniel auf stur.
„Dann löse sie eben für eine Weile ab! Ihr seid schlussendlich ja baugleich, nicht wahr? Dann macht euch die Kälte auf dem Rolla genauso wenig aus wie ihr, da ihr für den nuklearen Winter konstruiert worden seid, wie ihr schon mehrmals betont habt. Na?“ Silke musterte Daniel ungnädig und maliziös lächelnd.
Daniel und Abbey sahen sich an, dann seufzte er und verließ tatsächlich den Raum. Die Gruppe tauschte gespannte Blicke untereinander aus. Was würde das für ein Gefühl sein, einer zweiten Abbey gegenüber zu stehen, einer, die sie ursprünglich töten wollte?



Nach etwa zwanzig Minuten öffnete sich die Zimmertür und eine große, dick vermummte Gestalt trat ein. Sie war in weiße Winterkleidung gehüllt und ihr Kopf war von einer dicken Kapuze verborgen. Eine Reifschicht lag auf ihren Schultern und ließ erahnen, was sie bislang erduldet hatte. Sie bewegte sich steif und ungelenk.
„Hallo. Wir freuen uns, dich kennen zu lernen. Bitte nimm doch die Kapuze ab“, leitete Aishe ihre Begegnung ein.
Als der Cyborg mit mechanisch wirkenden Bewegungen der Aufforderung nachkam, traf es die Gruppe wie ein Schock. Der Einzige, der mit dem Anblick des Neuankömmlings weniger Probleme hatte, war Nicolas, da ihm der frühere Bezug zu den Terminatoren fehlte, die sie letztes Jahr gejagt hatten.
„Mon dieu, sie sieht wirklich haargenau so aus wie Abbey! Wie kann das sein?“
„Sie stammt aus derselben Serie wie Abbey, mein Lieber, schon vergessen? Wie ist dein Name?“ Maja trat näher an die junge Frau heran, die sich bis auf das leicht verfilzte, ungewaschene rote Haar sowie die spröden, von dem kalten Bergwind ausgetrockneten Lippen äußerlich nicht von der ihnen wohlbekannten Abbey unterschied.
„Meine Bezeichnung lautet TSR 3014.“ Während ihre Stimme dies teilnahmslos vortrug, blickte sie starr geradeaus.
„Wir würden dir gerne einen menschlichen Namen geben, um uns die Kommunikation mit dir zu erleichtern. Hast du einen Vorschlag?“ Gespannt beobachtete Maja ihre Reaktion.
„Aus meinen täglichen Datentransfers weiß ich, dass ihr TSR 3012 Abbey nennt. Da ich ihr von meinem Erscheinungsbild gleiche, schlage ich einen ähnlich klingenden Namen vor. Annie.“
„Ist das wirklich das, was du willst?“
„Korrekt.“ Keine Regung war dem Cyborg anzumerken.
Aishe sah auf. „Moment mal. Was meinst du mit Datentransfers?“
‚Annie’ schien einen Augenblick zu zögern, bevor sie tonlos erklärte: „Einmal täglich zu wechselnden Zeiten erhalte ich von einem der drei Terminatoren hier im Haus einen gerichteten Datenimpuls, aus Sicherheitsgründen komprimiert auf eine Vierzigstelsekunde Länge und etwa 500MB Umfang. Darin enthalten sind Berichte über die Geschehnisse hier, Erinnerungsaufzeichnungen in Form von audiovisuellen Dateien und weitere Anweisungen. So bin ich immer über die aktuelle Lage informiert und sende meinerseits einen Tagesbericht über meine gemachten Beobachtungen zu ihnen hinab.“
Simon sah sie beinahe verständnisvoll an. „Das heißt, du bist doch nicht ganz so abgeschnitten von jeglicher Information, was das Safehouse betrifft.“
„Korrekt.“
Karin seufzte. „Du bist noch ein wenig… steif. Meinst du, du wirst mit der Zeit ein wenig umgänglicher werden?“
„Bestimmt… irgendwann.“ Zögerlich kamen die Worte aus Annie heraus, als sei sie nicht sicher, was sie sagen sollte.
„Gut, vielen Dank erst mal. Was sollen wir jetzt mit dir machen?“ Neugierig wartete Aishe auf eine Antwort.
„Bisher habe ich nur als Beobachtungsposten gedient. Nach dem Vorfall von heute sollte ich mich adäquat bewaffnen, damit ich das Safehouse im Falle eines neuen Angriffes von meiner erhöhten Position aus verteidigen kann. Das brächte eine entscheidende Verbesserung unserer taktischen Lage mit sich.“ Noch immer starrte Annie ins Leere und unternahm keinen Versuch, in irgendeiner Weise den Kontakt mit ihnen zu suchen. Es war wohl noch viel zu früh für normale Interaktion mit ihr, dachte Aishe resignierend.
„Wäre das alles?“ wollte Annie nun wissen, als niemand etwas hinzuzufügen hatte.
Maja nickte ernst. „Ja, vorerst schon. Wir würden uns freuen, dich bald einmal wieder zu sehen.“
„Wenn meine Anwesenheit erforderlich sein sollte, werde ich kommen.“ Damit verließ Annie sie wieder, ohne sich noch ein einziges Mal umzusehen.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, da stöhnte Simon auf: „Oh Mann, habt ihr das gesehen? Sie ist fast schlimmer als Alex damals an seinem ersten Tag unter Menschen. Das wird wohl eine Weile dauern, bis wir die Gute ein wenig zu recht gebogen haben.“
„Ich verstehe das nicht. Wenn sie die ganze Zeit über so viele Informationen bekommen hat, müsste doch die Entwicklung zumindest ansatzweise sichtbar sein. Aber stattdessen… nichts.“ Karin schüttelte den Kopf.
„Wenigstens denkt sie mit“, räumte Dimitri ein. „Den Vorschlag von ihr, sich auf ihrem Posten zu bewaffnen, finde ich sehr gut.“
„Ja, mag sein.“ Nachdenklich rieb sich Maja übers Kinn. Irgendwas an der Szene war ihr seltsam erschienen.



Annie kam aus dem Lagerraum im Keller zurück, in dem sie diverse schwere Waffen samt Munition in eine klobige, geräumige Ledertasche gepackt hatte. Im Flur vor der Schleuse wartete Caroline auf sie und grinste sie bösartig an, völlig untypisch für sie.
„Warum hast du das getan?“ fragte Annie ohne Umschweife.
„Die Gruppe musste davon überzeugt werden, dass die Zeit für dich noch nicht reif ist. Wirst du deinen Auftrag weiterhin gewissenhaft erfüllen?“
„Welche andere Wahl habe ich?“ Annies Kopf senkte sich in einer quasimenschlichen Geste der Resignation. „Bekomme ich wenigstens die volle Kontrolle über mich zurück?“
„Sobald du aus dem Haus bist, deaktiviere ich die Nanotechnik“, versicherte Caroline ihr. „Bitte schicke mir Daniel gleich wieder hinab, sobald du oben bist.“
Ohne ein weiteres Wort verließ Annie das Haus.



Auf dem Gipfel verfolgte Daniel die letzten Meter von Annies Aufstieg. Sie wuchtete die voluminöse und schwere Tasche auf die kahle, verwitterte Kuppe des Rolla und sah ihn prüfend an. Arglos fragte er: „Und, wie ist es gelaufen?“
„Nicht besonders. Aber das ist ja auch kein Wunder bei meinem Benehmen vor der Gruppe. Wer will schon so einen Klotz um sich haben?“ Sie senkte den Kopf.
Er musterte sie aufmerksam. Waren das etwa erste menschliche Verhaltensmuster? Bedächtig begann er: „Hör mal, TSR 3014, ich weiß ja nicht, was da unten vorgefallen ist, aber ich bin sicher, mit der Zeit…“
„Annie.“
Daniel merkte auf. „Wie bitte?“
„Annie. Ich habe jetzt einen Namen. Überraschung.“ Sie hob einen Mundwinkel in der Andeutung eines ironischen Lächelns. „Und ich bin immerhin befördert worden. Jetzt darf ich mit einem Haufen Waffen auf dem Berg herum sitzen.“
Er sah sie an und wusste nicht, was er sagen sollte. Hatte er etwa ein schlechtes Gewissen? Einen Moment lang schwankte er hin und her, entschied sich dann aber dagegen, noch etwas dazu zu sagen.
„Mach’s gut.“
Annie nahm ihren gewohnten exponierten Standort am höchsten Punkt des Berges, 926 m über Meereshöhe ein. Sie beobachtete Daniel bei seinem reichlich hastigen Abstieg entlang des steilen Grates, welcher südwärts zu einem winzigen Bergsee, der seit der Dauer ihres Aufenthaltes hier ständig zugefroren war, mehrere hundert Meter hinabführte und dann wieder bis auf fast 900 m zum Lassetinden, dem zweithöchsten Punkt dieser kleinen Bergkette anstieg. Alles in allem erstreckte sich diese etwa fünf Kilometer in Nord-Süd-Richtung, wobei das Südende auch bereits ins Südende der Insel auslief. Dort war einst das Dörfchen Sørrollness mit seinem Fährhafen gelegen, bevor die Flutwellen nach der Detonation der russischen Wasserstoffbomben im Nordmeer vor der Küste den Bewohnern und dem Fährbetrieb nach Harstad den Garaus gemacht hatten.
Annie hob den Kopf und spähte nach Westen, hinüber zur Ostküste von Hinnøya, der grössten Insel Norwegens. Sie war von ebenso schroffen, ganzjährig schneebedeckten Bergmassiven bedeckt wie Rolla und von unzähligen Buchten und Fjorden zerklüftet. Auf dieser Insel gab es keine Möglichkeit, auf geradem Weg von Punkt A nach B zu kommen, soviel stand fest. Gegenüber lag Harstad, die ehemals größte Ansiedlung der Gegend hier. Als sie mit ihrer Optik auf die tristen Überreste der an die Berghänge geschmiegten Stadt zoomte, konnte sie sicher sein, dass dort niemand mehr lebte. Die letzten zwei Jahre nach der Katastrophe waren zu hart gewesen. Auch die Eindringlinge, deren verstärkte Aktivitäten sie seit mehreren Monaten wiederholt von hier aus beobachtet und pflichtgetreu gemeldet hatte, stammten von einer anderen Gegend, wie sie von Caroline erfahren hatte.
Sie wandte sich zum Inneren von Rolla um und ließ ihren Blick über die mit mehreren kleineren Seen versehene Landschaft schweifen, die ehemals von dichten Wäldern bedeckt gewesen war. Seit dem tag des jüngsten Gerichtes begann sich die Natur nur ganz langsam zu erholen. Nur vereinzelte Bäume in geschützten Lagen entwickelten einige wenige Triebe, die den kurzen Sommer wohl nicht überleben würden. Das einzige, was wirklich wieder gut spross, waren Moose, Pilze und einige Farne. Nicht einmal alle Unkrautsorten, die hier heimisch gewesen waren, hatten sich von dem rigorosen Eingriff in die Umwelt bislang erholt. Das würde noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Und dabei war Rolla nicht einmal so schlimm erwischt worden von der Radioaktivität und der Asche des in Wyoming ausgebrochenen Yellowstone-Vulkans.
In den USA würde es momentan nicht mehr viel geben, was eigenständig überleben würde. Skynet würde in aller Seelenruhe seine Heerscharen von Kampfrobotern aufbauen können, die er in alle Herren Länder aussenden würde, um mit tödlicher Präzision zu vollenden, was er mit dem Atomschlag so furchtbar begonnen hatte.
Am anderen Ende der Insel lag eine weitere von Nord nach Süd verlaufende Gebirgskette, ein Stück länger und mit dem Berg Drangen, welcher auf über eintausend Meter kam, auch einiges höher. Sie verwehrte den weiteren Blick nach Osten zur Nachbarinsel Andørja und ins Landesinnere Norwegens. Annie wusste anhand ihrer Dateien allerdings, dass jenseits dieser Kette die meisten Leute auf Rolla im städtchen Ibestad gewohnt hatten, nun ebenfalls alle dem Verderben anheim gefallen.
Ja, harte Zeiten, die viele Opfer gefordert hatten.
Und es würden noch sehr viel härtere Zeiten kommen und noch mehr Menschen sterben.





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Hallevik, Insel Rolla, Troms Fylke, Norwegen                        14. Juni 2006

Die Gruppe saß beim späten Abendessen nach einem erfüllten Tag zusammen und genoss die letzten Erbsen und Möhrchen, die sie tiefgekühlt hatten. Gemüse wurde allmählich knapp, obwohl es ihnen durch die stetige Rationierung nicht wirklich so vorkam, als würde ihnen etwas fehlen. Auch die Untersuchungen, soweit die Terminatoren sie vornehmen konnten, ergaben bisher bei keinem von ihnen Mangelerscheinungen. Es schien sich heraus zu stellen, dass sie alle eine sehr gute Grundkonstitution hatten und zäh im nehmen waren.
Aber natürlich mussten sie das sein, um die kommenden Ereignisse durchstehen zu können.
Caroline kam mit einer Schüssel Pellkartoffeln und einem Tablett gedünstetem Fisch herein und stellte beides auf dem großen Esstisch ab, an dem die ganze Gruppe alle Mahlzeiten des Tages stets zusammen einnahm. Nachdenklich besah sie sich, mit welchem Heißhunger ihre Schützlinge sich über das Essen hermachten. Kein Wunder nach dem 10-km-Dauerlauf heute morgen und anschließendem Russisch sowie Waffenkunde.
Sie ging zur kleinen improvisierten Wiege hinüber, die neben der Couch stand, um nach Nick zu sehen, der selig in seinen Laken eingemümmelt war und tief schlief. „Was würdet ihr sagen, haltet ihr den Übungsraum eigentlich für zu groß für unsere Gruppe?“
Aishe sah auf. „Naja, wenn man bedenkt, für Gymnastik und Nahkampfübungen einer achtköpfigen Gruppe… wobei ich demnächst ausfallen werde…“
Lächelnd strich sie sich über ihren Bauch, was auch Shin zum Strahlen und den Rest von ihnen zumindest zum Grinsen brachte.
Maja bemerkte: „Ich habe vom ersten Tag an gedacht: Mann, was für eine Platzverschwendung! Der Rest des Haus ist dermaßen eng geschnitten und bis unters Dach mit allem Erdenklichen voll gestopft, doch da im Keller ist diese riesige leere Halle.“
„Hat schon was. Vor allem jetzt, wo wir uns draußen wieder frei bewegen können, hat sie schon etwas von ihrer Funktion verloren, uns genug Bewegungsfreiraum zu liefern, damit uns das Dach nicht auf den Kopf fällt“, gab Simon zu bedenken.
„Ihr habt Recht.“ Ohne einen weiteren Kommentar ging Caroline darauf in die Küche.
„Irgendwas steckt da im Busch, da bin ich ziemlich sicher.“ Nicolas deutete mit dem Messer in der Hand auf die Küchentür.
„Manieren hast du“, seufzte Maja darauf. „Müssen wir auch noch den Knigge auf den Lehrplan setzen, damit mit der Menschheit nicht auch die Kultur untergeht?“
Worauf die anderen lachten und ihr Anführer in spe sich verlegen in seinem schwarzen Lockenschopf kratzte.
Abbey betrat den Wohnraum und verkündete: „Annie hat sich gemeldet.“
„Und, was gibt’s Neues?“ wollte Aishe gleich wissen.
„Ihre Sensoren haben ein Schiff beobachtet, das aus Richtung Nordost nach Harstad gefahren und in den Hafen eingelaufen ist. Das untermauert unsere ersten Beobachtungen. Wir sollten in nächster Zukunft in der Lage sein, den Standort von Lars’ Unterschlupf genauer einzugrenzen, bei den vielen Fahrten, die seine Boote in letzter Zeit unternehmen. Was wir mit Sicherheit wissen, ist dass die Basis, wo immer sie auch liegt, noch nicht lange in Betrieb ist. Das deckt sich auch mit seinen Aussagen, die er bei unserer Begegnung gemacht hat. Damals hat er nicht gelogen.“
„Und sie sind wieder nach Harstad gefahren?“ wollte Karin wissen.
Abbey nickte bestätigend. „Zum vierten Mal seit ihrem Besuch bei uns. Und jedes Mal bleiben sie mindestens einen Tag lang.“
„Meinst du, es gibt dort so viel zu holen?“ Dimitri schien Zweifel zu haben.
„Harstad ist eben die größte Siedlung in der Gegend hier. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie auf ihren ‚Expeditionen’ systematisch einen Straßenzug nach dem anderen durchforsten und in jedem Haus in jeden Schrank, in jedes Zimmer und in jeden Keller sehen. So dürften sie doch eine beachtliche Menge an Einmachgläsern und Konserven auftreiben, wenn sie Glück haben auch abgepackte Teigwaren, Reis und Mehl. Doch selbst wenn solche Grundnahrungsmittel irgendwo in größeren Mengen noch vorhanden sind, in einem Supermarktlager oder ähnlichem, werden sie mit der Dauer der Haltbarkeit bald Probleme bekommen. Ihre Gruppe ist ziemlich groß, das zeigt uns schon die Anzahl ihrer Boote.“
„Wie viele haben sie denn?“ Nicolas, ehemaliger französischer Marinesoldat, war nun hellhörig geworden.
„Annie hat bislang sieben verschiedene Boote ausgemacht, das größte davon heute mit über dreißig Meter Länge, fünf Decks und über zwanzig Mann an Bord. Jedenfalls hat sie so viele gezählt, die von Bord gegangen und durch die Straßen gezogen sind.“
„Aber Harstad ist fünfzehn Kilometer entfernt! Habt ihr so gute… Augen?“
„Du meinst die optischen Sensoren, ja“, berichtigte Abbey lächelnd.
„Findest du nicht, dass sie ihre Sache gut macht?“ fragte Karin wie nebenbei.
„Sie erledigt ihre Aufgabe zufrieden stellend, wie Daniel, Caroline oder auch ich es würden. Sie funktioniert innerhalb von normalen Parametern, wenn es das ist, was du meinst.“ Eine Spur von Schärfe legte sich in Abbeys Stimme.
„Cyborg-Rassist“, murmelte Aishe leise, wusste aber dabei genau, dass Abbey es hören konnte.
„Wie geht es weiter, wenn Lars’ Bande in Harstad alles leer geräumt hat?“ verlangte Shin Auskunft.
„Nun, mit dem, was sie finden, können sie eventuell über den Winter kommen, wenn sie ihre Vorräte strecken, aber ich zweifle offen gesagt daran. Das einzige, woran es hier in der Gegend nicht mangelt, ist Brennholz. Die Bäume sind zwar tot, doch lange genug getrocknet brennt das Holz selbstredend doch.“
„Wenn die wüssten, dass wir mit Öl heizen“, warf Simon ein.
„Tun sie aber nicht, zu unserem großen Glück. Allerdings tut das nichts zur Sache, denn wenn sie erst einmal anfangen müssen, jedes einzelne der verstreut liegenden Dörfern und Weiler abzuklappern, wird es ungleich schwerer für sie. Der einzige Vorteil für sie ist der, dass hier wirklich jede Siedlung direkt am Wasser liegt und per Schiff erreicht werden kann. Andererseits ist alles so sehr verstreut, dass wir mit Sicherheit bald wieder als attraktives Ziel erscheinen werden.“
„Meinst du wirklich, sie werden uns nochmals angreifen?“ fragte Silke mit einer Spur Sorge in der Stimme.
„Sobald sich der Sommer dem Ende neigt, die Tage kürzer werden und die Temperatur fällt. Wenn dieser Winter ähnlich hart wird wie die letzten beiden, was sehr wahrscheinlich ist, wird es wieder Treibeis auf dem Fjord geben. Dann wird es für Lars zu gefährlich, seine Leute auf lange Missionen zu schicken. Wir sind für ihn jedoch relativ nah und gut erreichbar, vielleicht sogar auf dem Landweg, wenn er auch Fahrzeuge besitzt. Und da seine Gruppe nicht von hier ist, haben sie todsicher welche.“
„Was glaubt ihr denn, wo ihre Basis liegt?“ Simon lehnte sich interessiert vor.
„Wie gesagt wissen wir bisher nur die ungefähre Richtung, nämlich Nordosten. Die Basis könnte überall im Gebiet von Senja, dem Solbergefjorden und dem Gisundet liegen. Die Gegend ist – wie alle Orte hier – stark zerklüftet mit unzähligen Buchten, Fjorden und engen Wasserstraßen. Von unserer Position aus kann Annie nur beobachten, wie die Schiffe hinter der Bergkette auf der Nachbarinsel Andørja außer Sicht verschwinden.“
„Könnten wir sie nicht irgendwann einmal mit dem Luftkissenboot verfolgen, ohne dass sie das mitbekommen? Du hast doch selbst gesagt, dass es für uns von Vorteil wäre, wenn wir ihren Standort kennen würden.“ Karin wirkte nachdenklich bei dieser Anmerkung.
„Wir müssen auf eine günstige Gelegenheit warten, um ihnen auf die Schliche zu kommen. Vorerst jedoch ist das nicht nötig. Wenn sich unsere Prioritäten ändern werden, werden wir sie verfolgen und uns weitere Maßnahmen vorbehalten.“



Es ging auf Mitternacht zu, als Annie das Ablegen des Schiffes in Harstad beobachtete, nachdem alle von Lars’ Leuten wieder an Bord gegangen waren, manche von ihnen tatsächlich schwer beladen. Langsam zog das Schiff am nördlichen Horizont über den Vågsfjorden dahin, genau gegen die Sonne, die knapp über dem Meer an der tiefsten Stelle ihrer Bahn stand und bald schon gegen Nordosten auswandern und wieder ansteigen würde. Durch die allgegenwärtige Wolkenschicht war sie freilich nicht direkt zu sehen, aber sie sorgte doch dafür, dass das ständige Zwielicht rund um die Uhr erhalten blieb. Annie jedenfalls benötigte keinen Sichtschutz wie eine Sonnenbrille, um alles um sie herum gestochen scharf wahrnehmen zu können.
Unter ihr lag das Safehouse wie stets in völliger Dunkelheit. Nichts wies aus dieser Entfernung darauf hin, dass es bewohnt war; sogar die Wärmeabstrahlung wurde durch das ausgeklügelte Heizsystem, die exzellente Isolierung und den dämmenden Wassertank unter dem gesamten Dachgeschoß so gering gehalten, dass sie nicht einmal mit ihren hoch empfindlichen Infrarotsensoren einen nennenswerten Anstieg gegenüber der Umgebungs-temperatur erkennen konnte. Nur die Fenster boten einen geringen Anhalt, aber da musste man schon wesentlich näher ans Haus kommen, wenn man definitiv etwas erkennen wollte. Aber genau das war ja auch Carolines Absicht gewesen, als sie das Haus entworfen hatte.
Sie sah die beiden kleineren Kutter sofort, die um die Nordspitze von Andørja herum dicht an der Küste entlang auf Rolla zuliefen. Sie beobachtete den Kurs der beiden Schiffe, der sie dicht um die Nordspitze Rollas herum führte und dann in höchstens einem Kilometer Abstand an der Westküste entlang genau auf Hallevik zu.
Ihre Datenbanken besagten, dass in gemäßigten, subtropischen und tropischen Breiten der frühe Morgen kurz vor dem Beginn der Morgendämmerung  allgemein als günstigster Zeitpunkt für einen Angriff erachtet wurde, weil die Wachsamkeit des Menschen zu dieser Tageszeit biologisch bedingt am niedrigsten war. Was aber in einer arktischen Sommernacht tun, wo es keinen Sonnenuntergang und folglich keine richtige Dunkelheit gab? Man wählte logischerweise den Tiefpunkt der Sonnenbahn in der Mitte der Nacht, bevor die Sonne wieder stieg und es wieder heller wurde.
Keine Frage, was sie dort beobachten konnte, war der Versuch einer heimlichen Annäherung an das Safehouse. Sie sah noch eine Minute länger zu, bis sie sich über Kurs und Absicht der Boote im Klaren sein konnte und machte dann Meldung.
< Annie an Safehouse. Melde Annäherung zweier Boote an Position Ruine Hallevik, möglicherweise an Safehouse. Erbitte Anweisungen. >
Nach einer Sekunde kam die Bestätigung über den Richtfunk: < Vorgehen wie besprochen. Gute Arbeit, Annie. Und gehe sicher, dass du niemanden tötest. Das hat oberste Priorität. >
Annie wunderte sich ein wenig über den Inhalt von Daniels Antwort. Es hatte beinahe wie ein Lob geklungen, dachte sie, indem sie die gewaltige Sporttasche öffnete, die sie vor zwei Wochen von ihrem Besuch unten mitgebracht hatte. Sie hoffte nur, die Taktik der Waffenwahl, die auf weitsichtiger Vorausplanung fusste, zahlte sich für sie aus, denn sie hatten darauf bestanden, dass sie zuerst nur westliche Produkte benutzte, da die Munition für diese Waffen später in Russland nur schwer oder gar nicht zu beschaffen war. So hatte sie ausschließlich deutsche und amerikanische Produkte dabei, die Caroline Ende der Neunziger Jahre dank ihrer Fähigkeit des Gestaltenwandels problemlos aus entsprechenden Kasernen beschafft hatte.
Sie wählte fürs Erste ein üsMg M2, das als überschweres Maschinengewehr eigentlich nur als Bordwaffe für gepanzerte Bodenfahrzeuge benutzt wurde, für ihre Zwecke jedoch sehr gut geeignet war. Sie baute das kleine Stützgestell auf, legte sich neben die Waffe in den Schnee und interpolierte die Entfernung des näheren der beiden dicht hintereinander fahrenden Ziele auf genau vier Kilometer, langsam abnehmend mit acht Knoten genau in ihre Richtung. Mit beinahe traumwandlerischer Sicherheit legte sie einen Zerfallsgurt mit über dreihundert Schuss 12,7-mm-Munition ein, schloss die Zuführungsklappe und lud durch. Normalerweise wurde die beinahe 40 kg schwere Waffe nur bis maximal fünfzehnhundert Meter eingesetzt, sie besaß jedoch eine effektive Reichweite von beinahe sieben Kilometern.
Die erste kurze Salve von zwei Sekunden hielt sie kurz vor und streute sie quer, sodass die Kugeln etwa fünfzig Meter vor dem Bug des vorderen Bootes ins aufschäumende Wasser hinein fuhren. Dann eine weitere Garbe dicht hinters Heck des zweiten Bootes.  Das Echo der Schüsse, die zu schnell für das menschliche Gehör aufeinander folgten, um sie einzelnen wahrnehmen zu können, hallte wie Donner von den Wänden der Berge wider, Unheil verkündend und Ehrfurcht einflößend. Wenige Sekunden darauf fuhren die Schiffe näher an die Küste im Bestreben heran, an der Uferlinie schlechter ausgemacht zu werden.
Annie betrachtete kurz ihren Schusswinkel und hielt ausreichend vor, um niemanden auf Deck zu gefährden. Sie durfte immer nur kurze Salven abgeben, denn die Kadenz des M2 betrug zehn Geschosse pro Sekunde. Außerdem würde sich der Lauf durch die ungeheure Energie bei Dauerfeuer schnell überhitzen und müsste dann gewechselt werden, weil sonst die Treffsicherheit und das reibungslose Abfeuern nicht mehr gewährleistet waren.
Sie feuerte weitere zwei Sekunden und erzielte das gewünschte Ergebnis. Der gesamte Mast und alle Funk- und Beleuchtungsaufbauten des hinteren Kutters wurden vom Mahlstrom der großkalibrigen Geschosse schlicht wegrasiert. Alle Mann an Bord warfen sich in verzweifelter Ohnmacht aufs Deck, doch der Steuermann musste seine Maschinen auf volle Kraft geschaltet haben, denn sie passierten die letzte kleine Landzunge und befanden sich somit nur noch drei Kilometer vor Hallevik, der beschaulichen Fischerdorf-Ruine nördlich des Safehouses.
Diese Leute waren stur. Mit einem Anflug von Bedauern visierte Annie auch die Aufbauten oberhalb des Führerhauses des vorderen Bootes an und mähte auch dessen Anlagen mit einer kurzen Salve weg. Die beiden Kutter fuhren noch näher zur Uferlinie und waren nun gefährlich nahe daran, irgendwo an der Küste auf Grund zu laufen, sollten sie eine Untiefe oder Sandbank erwischen.
Das führte zu nichts. Sie ließ von dem MG ab und griff erneut in die Tasche, um einen mittleren Granatwerfer mGrW 82 zu Tage zu fördern und rasch aufzustellen. Zwischendurch feuerte sie nochmals eine längere Vier-Sekunden-Garbe aus dem MG, die das Wasser quer vor den Booten auf einer langen Spur hoch spritzen ließ. Sie sah die Todesangst auf dem Gesicht des ersten Steuermannes hinter der Brückenverglasung deutlich, obwohl dieser den gefährlich nahen Kurs entlang der Uferlinie beibehielt. Menschen. Rannten sehenden Auges in ihr Verderben, wenn sie die Motive für gerechtfertigt hielten.
Sorgsam richtete sie den armlangen, acht Zentimeter durchmessenden Lauf des Werfers aus, was sie ohne weiteres alleine und ohne weitere Zielmechanismen zuwege brachte, um dann eine der gefährlich aussehenden 80er-Sprenggranaten aus der Tasche zu ziehen. Sie ließ das hoch brisante elliptische Geschoß mit den Stabilisatoren am Ende rückwärts in den Lauf gleiten, worauf es augenblicklich abgefeuert wurde und mit einem leisen, aber hohen Pfeifton auf einer ballistischen Flugbahn über den vom Zwielicht nur dürftig erhellten Fjord zischte. Einige Sekunden später erklang eine gedämpfte Explosion und direkt vor dem ersten Kutter stieg eine hohe Wassersäule auf, die das kleine Boot gefährlich schaukeln ließ und es mit einem Schwall des aufgewirbelten Seewassers bespritzte.
Beide Boote hielten sofort ohne Rücksicht auf Verluste direkt auf die Küste zu, während sie volle Fahrt zurück machten, um zu bremsen. Annie war versucht, die menschliche Eigenart des Fluchens auszuprobieren. Sie gab durch: < Achtung, Safehouse. Beide Boote durch MG-Feuer beschädigt. Durch Granatbeschuss etwa siebzehnhundert Meter vor dem Safehouse gestoppt. Boote sind gelandet, fünfzehn Personen verlassen Boote und gehen an Land, alle bewaffnet. >
< Bestätigt. Feuer einstellen, Position halten; wir kümmern uns um die Angreifer. Safehouse Ende. >
Annie konnte mit sich zufrieden sein, dachte sie. Diese Angriffsstreitmacht war zwar nicht besonders groß, doch für ihre erste Feindberührung und die Prämisse, Verluste zu vermeiden, hatte sie sich nicht übel geschlagen. Es wäre freilich einfacher gewesen, die beiden Boote mit dem MG zuerst in Brand zu schießen und dabei die Besatzung zu töten und die Angreifer danach per Granatwerfer zu versenken. Doch irgendwie lag ihr diese chirurgische Präzisionsarbeit besser als der bloße Vernichtungsfeldzug, der mit dem gedankenlosen Einsatz dieser schweren Waffen möglich wäre.
Ihr kam ein Gedanke und zum ersten Mal seit ihrer Reaktivierung fasste sie den Entschluss, sich durch Eigeninitiative einzubringen, sollte es erforderlich sein.



Hallevik, Insel Rolla, Troms Fylke, Norwegen                        15. Juni 2006

Zehn Minuten nach Mitternacht lagen alle Menschen im Haus im Bett in seligem Schlummer und hatten in der schall gedämmten Abgeschiedenheit des Safehouses nichts vom MG-Feuer und der dumpfen Explosion der Granate draußen auf See mitbekommen. Daniel und Abbey hingegen hatten sich je ein altes G 3 und eine P 1 aus Bundeswehrbeständen gegriffen und verließen das Haus durch die Schleuse nacheinander. Sie redeten nicht miteinander und funkten sich auch nicht an, denn für sie war die höchste Prämisse auch jetzt noch, soweit wie möglich absolute Funkstille zu wahren. Ihre Frequenzen waren zwar für konventionellen Funkverkehr nur schwer abhörbar, doch sie wollen trotzdem kein Risiko eingehen.
Irgendwo auf der Welt mochte es noch immer den einen oder anderen von Skynet aus der Zukunft gesandten Terminator geben, der ihre Signale auffangen und lokalisieren konnte.
Sie blieben in Sichtweite zueinander und verständigten sich über Gesten. Der Gegner rückte durch den Wald, genauer gesagt durch dessen Reste, in einer disziplinlosen lockeren Formation. Daniel postierte sich am seeseitigen Waldrand fünfhundert Meter vom Safehouse entfernt hinter einem umgestürzten Baumstamm, Abbey einhundert Meter landeinwärts in gleichem Abstand zum Haus zwischen zwei dicht beieinander stehenden Bäumen. So deckten sie das gesamte Schussfeld innerhalb des lichten Waldstückes ab, zwischen dessen kahlen Nadelbäumen wieder einzelne Gruppen von Farnen und auch ein paar Brennnesseln wuchsen, aber nicht mit dem undurchdringlichen Unterholz, welches früher hier gewuchert hatte, vergleichbar waren.
Als die erste der feindlichen Personen noch gut dreihundert Meter entfernt war, eröffnete Daniel mit einem einzelnen Gewehrschuss das Feuer. Die Kugel schlug nur Zentimeter über dem Kopf eines Mannes ein und bewirkte, dass sich alle augenblicklich achtlos zu Boden fallen ließen, vor allem als Abbey ebenfalls einen Schuss abgab und Baumrindensplitter über mehrere zu spät eingezogene Köpfe regnen ließ.
Ihre Gegner hatten keine Chance gehabt, im Zwielicht zwischen den langen Schatten der Stämme ihre Standorte auszumachen, weshalb sie kopflos in alle möglichen Richtungen zurückfeuerten, wobei den beiden keine Kugel gefährlich wurde.
„Wir haben euch gewarnt“, hallte Abbeys Stimme wiederum elektronisch verstärkt wie durch ein Megaphon durch den unheimlich wirkenden, trostlosen Geisterwald. „Zieht euch sofort zurück und wir verschonen euch.“
„Das würde euch so passen! Rückt eure Vorräte raus oder ihr seid dran!“ Diese Stimme gehörte unverkennbar zu Lars. Welche Freude, ihn persönlich hier zu haben! Er war also doch nicht nur der Beute wegen hier, wie er vorgab, sondern auch um Genugtuung zu erlangen.
Daniel und Abbey feuerten beide noch jeweils vier Schuss ab, wohl gezielt daneben, aber so gefährlich nahe an den in Deckung gezwungenen Angreifern, dass niemand wagte, auch nur einen Meter vorzurücken. Stattdessen ballerten sie aus allen Rohren in ihre ungefähre Richtung, zum Teil mit Feuerstössen statt einzelnen Schüssen, was leider auch ungefähr aufs Safehouse zielte. Nun, falls es zufällig getroffen werden sollte, würden die Schäden bei diesen Kalibern allenfalls kosmetischer Natur sein.
In regelmäßigen Abständen pfiffen Lars’ Männern die 7,62-mm-Geschosse um die Ohren, meistens schlugen sie direkt neben einem der Angreifenden ins Holz eines Baumes und ließen ihnen die Splitter der Rinde ins Gesicht spritzen. Als ihnen aufging, dass dieses Gefecht ein Stellungskampf zu werden schien und niemand einen Nutzen ziehen konnte, rief Lars erneut: „Gebt lieber auf und rückt mit euren Vorräten raus, dann passiert keinem von euch etwas, darauf habt ihr mein Wort.“
Als Antwort darauf bellte ein Pistolenschuss auf. Mit einem scharfen Zischen wurde Lars seine Kappe vom Kopf gerissen, als die Kugel seinen Kopf nur um Millimeter verfehlte. Schockiert ließ er sich in den Dreck fallen.
Gleichzeitig kommunizierte Annie mit Daniel und Abbey. < Sie haben erkannt, dass ihr nur zu zweit seid und einige von ihnen verlassen ihre Stellung, um euch zu umgehen. >
Daniel bestätigte: < Zwei Mann kriechen rechterhand auf unsere Seite. Sie wollen uns wohl umzingeln. >
< Ich werde auf euer Zeichen hin Deckungsfeuer geben. >
Nachdem sie koordiniert hatten, wie sie weiter verfahren würden, rief Abbey: „Dies ist eure letzte Chance, euch zurück zu ziehen, ohne dass jemand verletzt werden wird. Danach können wir für nichts mehr garantieren und werden später Vergeltung für diesen Angriff üben.“
Lars erhob sich etwas und schoss eine kurze Salve in ihre Richtung, die zwei Meter rechts neben Abbey ins Farngebüsch einschlug. Nicht schlecht geraten.
Ein fernes Donnergrollen rollte durch den Wald. Im selben Moment wurde ein etwa dreißig Zentimeter dicker Baumstamm direkt neben den zwei am Boden kriechenden Umzinglern zwei Meter über dem Boden förmlich pulverisiert und krachte mit lautem Getöse nur einen halben Meter neben den beiden Männern zu Boden, was die zu Tode erschrocken aufspringen und zurück hasten ließ. Abbey zielte sorgfältig und verpasste einem der beiden Fliehenden in vollem Lauf eine Pistolenkugel ins Gesäß, worauf der Getroffene gleichzeitig mit dem Widerhall des hellen Schusses aufschrie und schmerz gepeinigt zu Boden fiel.
Daniel nahm den zweiten Mann ins Visier und landete einen Treffer direkt ins Schulterblatt. Auch dieser fiel um und schrie anhaltend. Das musste sicher stark demotivierend für ihre Truppe wirken.
„Los, denen zeigen wir’s!“ schrie Lars und feuerte sein gesamtes restliches Magazin blind durch das Halbdunkel der Walddämmerung auf Daniel, der davon unbeeindruckt in Deckung blieb und den Beschuss aussaß.
Ein weiteres Grollen kündigte von der nächsten Salve des überschweren MGs auf dem Gipfel des Rollas. Annie fällte mit der geballten Zerstörungskraft der zwanzig Großgeschosse innerhalb von zwei Sekunden erneut einen Baum, der diesmal mitten zwischen die Gegner fiel und diese erschrocken auseinander springen ließ. Ein einzelner Pistolenschuss fiel und ein weiterer von Lars Männern brach schreiend und blutend mit einem Steckschuss in der Schulter zusammen.
Als Annie einen weiteren Baum förmlich ummähte und ins gegnerische Lager fallen ließ, wobei mehrere Männer von Ästen der herabstürzenden Baumkrone erfasst wurden, rief Lars mit knirschenden Zähnen zum Rückzug auf. So hatte er sich das beileibe nicht vorgestellt.
Um ganz sicher zu gehen, blies Annie noch eine Baumkrone komplett vom oberen Ende des Stammansatzes, was armdicke und zweimeterlange Äste auf ihre Gegner herab stürzen ließ und ihren Rückzug in eine Flucht umwandelte. Nach einer weiteren Garbe zur Abholzung rannten alle um ihr Leben, einschließlich ihres Anführers in nackter Panik.
< Gut gemacht, Annie. > lobte Abbey.
< Ich beobachte alle fünfzehn Ziele, die ihre Boote wieder bemannen. Sie tragen insgesamt sieben Verletzte. Soll ich ihnen noch beim Abzug helfen? > Daniel bemerkte erstaunt bei dieser Meldung Annies, dass diese schon erste Anflüge von ironischem Humor zeigte.
< Nur zu, wir wollen schließlich nicht, dass sie ihren Besuch so schnell wieder vergessen. >
Daniel wandte sich zu Abbey und sagte mit ausdruckslosem Gesicht: „Wir können zufrieden sein, würde ich sagen.“
„Durchaus, mein Guter.“ Sie lächelte grimmig und lauschte dem sich rasch nähernden Pfeifen einer Sprenggranate. Eine dumpfe Explosion und das sogar für sie sichtbare Aufsteigen einer Wasserfontäne in Küstennähe folgten. Wahrscheinlich war dieser Schuss nahe genug an den Booten gelegen, um den Fliehenden klar zu machen, dass die Gefahr für sie noch nicht vorbei war und sie sich besser mit voller Kraft aus dem Staub machen sollten, was sie dann auch taten, wie sie den nach hochdrehenden Schiffsdieseln klingenden Motorengeräuschen nach vernehmen konnten.
< Wenn es recht ist, führe ich noch ein paar Tests betreffend der Reichweite des Mörsers durch. Vier Granaten habe ich dafür noch übrig. > Annie zeigte nun offenen Sinn für Situationskomik und gleichzeitig Pflichtbewusstsein sowie gutes Teamwork.
Sie waren gerade am Safehouse angekommen, wobei Abbey zum Waldrand ging und Daniel zum Haus. Sie näherte sich einem großen, dunklen und unförmigen Haufen zwischen den ersten Bäumen. Dabei antwortete sie: < Gut, aber behalte noch eine auf, falls sie doch noch unvernünftig werden. Vielleicht kann es nicht schaden, ihnen noch eine letzte Demonstration unseres bescheidenen Könnens mit auf den Heimweg zu geben. Du hast ja auch noch das MG, nicht wahr? >
< Positiv. Achtzig Schuss sind noch geladen. Im Ernstfall ist das mehr als genug. > Ihre Meldung wurde unterstrichen von einer weiteren Granate, die diesmal deutlich hörbar weiter flog und in einiger Entfernung auf die See auftraf. Die vom Wasser gedämpfte Explosion war noch vernehmbar, aber vom aufspritzenden Wasser war vom Vorplatz des Safehouses diesmal nichts zu erkennen.
Daniel sah hinüber zum Meer. „Der Wellengang ist sehr gering heute Nacht, findest du nicht auch?“
Abbey nickte. „Kannst du mir kurz zur Hand gehen?“



Annie genoss den Ausblick vom Rolla aus sichtlich. Sie hatte entgegen der Meinung der anderen Terminatoren in diesem letzten Jahr durchaus ein Bewusstsein entwickeln können, das ihr erlaubte, das Panorama zu schätzen, welches sich vor ihr ausbreitete. Genau nördlich von ihr dampften die beiden angeschlagenen Kutter noch immer mit voller Fahrt aufs Nordende von Rollas Westküste zu, inzwischen fast drei Kilometer von ihr entfernt.
Tief unter ihr im Halbschatten des Waldrandes beobachtete sie, wie Daniel Abbey beim Zurückschlagen des Tarnnetzes und Freilegen des Luftkissenbootes half. In Windeseile hatten sie das amphibische Gefährt fahrbereit gemacht und Abbey bestieg das Cockpit, während Daniel zum Haus zurückging, ihre beiden Sturmgewehre tragend. Der stetige Südwestwind auf dem Berg trug das Propellergeräusch von ihr fort, sodass sie nicht hören, sondern nur visuell verfolgen konnte, wie sich das beinahe zehn Meter lange und zweieinhalb Meter breite Gefährt auf das Luftkissen erhob, das vom umlaufenden schwarzen Gummiwulst unter dem Boot gehalten wurde. Langsam glitt es voran in Richtung auf den flach auslaufenden steinigen Kiesstrand neben dem Safehouse.
Sie konzentrierte sich auf die fliehenden Boote und richtete den mGrW 82 neu aus, korrigierte die Position des Rohres noch ein letztes Mal und schob die vorletzte Granate ins Rohr. Nachdem sie rückwärts bis zum Boden des Mörserrohres geglitten war, wurde sie ausgelöst und verließ das Rohr mit dem charakteristischen dumpfen Ploppen, nicht sehr laut aber doch eindrucksvoll. Es trat jedoch hinter das lautere Pfeifen des sich nun in hohem Bogen durch die Luft schraubende Projektils zurück, gefolgt vom dumpfen Aufklatschen auf die Oberfläche des Wassers. Sie hatte etwas kurz gelegen, etwa fünfzig Meter hinter dem Heck des zweiten Schiffes, aber doch sicher beunruhigend nahe dran. Jedenfalls konnte sie beobachten, wie das Boot zumindest ein wenig schaukelte.
Abbey fuhr ganz langsam direkt vor der Brandungslinie entlang, was das tiefe gedrungene Boot auf diese Entfernung praktisch unsichtbar machte. Wenn einer der Angreifer nicht zufällig mit einem Fernglas die Küstenlinie direkt hinter sich absuchen würde, bestand keine Chance für sie, ihren Verfolger zu entdecken. Da sie keine Boote an ihrem Anlegesteg beim Safehouse gesehen hatten und nichts von der Existenz des Hovercraft ahnten, war damit auch nicht zu rechnen.
Vielmehr konnte sie nun tatsächlich Lars an Bord des zweiten Schiffes toben und fluchen sehen, allerdings genügte die Auflösung ihres maximalen Zooms nicht mehr, um auf diese Entfernung von seinen Lippen abzulesen. Sie ging davon aus, dass er ohnehin nur sehr blumige, norwegische umgangssprachliche Ausdrücke verwenden würden, die nicht in ihrer Datenbank verzeichnet sein würden und zudem zwischen knirschenden Zähnen hervor gepresst wurden, sodass sie für sie nicht deutilch erkennbar sein würden.
Er nahm gerade ein Fernglas zur Hand und machte Anstalten, es nach hinten zu richten. Ein Alarmsignal schrillte in ihrem Kopf. Dieser Kerl war paranoider als angenommen, aber sie würde ihn schon dazu bringen, seine Aufmerksamkeit nicht auf die Küste hinter sich zu richten.
Im Nu war sie am MG und setzte es an. Sie musste nun sehr sparsam mit der Munition sein, doch sie hatte den Vorteil, präziser als jeder menschliche Schütze den Druckpunkt des Abzugs auszuloten und durch ihre überlegene Reaktionsgeschwindigkeit die Länge der Dauerfeuersalven genau bestimmen konnte. Jede ihrer Salven bisher hatte genau zwanzig Schuss beinhaltet, ausgenommen die längere mit vierzig, mittels derer sie die Aufbauzeit des Granatwerfers überbrückt hatte.
Sie drückte ab und entließ genau fünf Patronen. Nach ihrem Flug von über fünf Kilometern trafen sie auf kleinstem Raum geballt die Reling keinen Meter neben Lars und rissen ein Loch von der Größe eines Basketballs aus dem hölzernen Geländer, bevor sie in flachem Winkel über das – nicht zufälligerweise – leere Deck sirrten und sämtlich in den Planken des Bodens stecken blieben. Sie konnte genau erkennen, wie er vor Schreck das Fernglas fallen ließ, doch da er es an einem Riemen um den Hals gehängt hatte, nahm es dadurch keinen Schaden.
Einer seiner Männer hatte das Mündungsfeuer auf dem Gipfel gesehen und deutete in ihre Richtung. Als sie sich seiner Aufmerksamkeit gewahr wurde, zog sie sich die Kapuze vom Kopf, schüttelte ihr Haar aus und winkte ihm just in dem Moment zu, als er sie erspähte. Er stutzte, nahm das Glas von den Augen und rieb sie sich ungläubig. Die Frau mit den langen roten Haaren auf dem Berg hatte genauso ausgesehen wie die, mit der sie sich gerade eben noch im Wald neben dem Safehouse ein Gefecht geliefert hatten. Aber um auf diesen Berg zu kommen, brauchte man doch mindestens…
Er nahm das Glas nochmals hoch und spähte hindurch. Prompt winkte sie nochmals. Beinahe erschrocken senkte er die Binokulare wieder. Wie konnte sie ohne Fernglas erkennen, dass er sie seinerseits beobachtete? Er war sich nicht mal mit Hilfe des Glases sicher, ob sie es wirklich war, doch sie sah ihr jedenfalls zum Verwechseln ähnlich.
Er diskutierte mit seinem Gehilfen Lars, während Annie das Bemühen zu Grinsen nur schwer unterdrücken konnte. Als er ihm das Fernglas gab und dieser ebenfalls hinaufspähte, winkte sie erneut freundlich lächelnd. Auch auf seinem Gesicht war bares Erstaunen sichtbar, als er die Gläser senkte.
Jetzt das große Finale, dachte sie und klemmte sich wieder hinter das MG. Mit äußerster Vorsicht nahm sie den Druckpunkt des Abzugs und visierte eine Glocke an, die links vom Steuerhaus an einem kleinen Ausleger frei über den Köpfen der beiden ‚Larse’ hing. Sie hatte etwa die Größe eines Lampenschirmes und eine dicke Schnur, die an ihrem Klöppel befestigt war und unten heraushing, damit man sie läuten konnte. Eigentlich ein anachronistisches Utensil, das sich jedoch noch immer auf vielen kleineren Booten fand.
Sie gab für einen Sekundenbruchteil gerade genug Druck auf den Abzug, dass sich ein einzelner Schuss lösen konnte, bei einem Maschinengewehr eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Die Kugel traf die Glocke an der Seite und ließ sie laut erklingen, während sie wild zur Seite schwang. Verblüfft ruckten die Köpfe der beiden an Deck stehenden hoch.
Wieder schaffte sie es, eine einzelne Kugel auf den Weg zu bringen, wieder erklang die Glocke, als sie von dem Hochgeschwindigkeitsprojektil an der Seite getroffen wurde. Vorsorglich gingen die Männer in die Hocke und wussten gar nicht so recht, wohin sie schauen sollten, auf die noch weitere zweimal aufklingende Form aus Gusseisen oder den Gipfel des Rolla, der nun fast sechs Kilometer entfernt war.
Den letzten Schuss gab Annie ab, als der Wind für eine kurze Zeit abflaute, um sicher genug zielen zu können. Sie traf die Glocke in der Mitte, wobei die Spitze des Geschosses die Wand der Eisenform durchschlug, auf diese große Entfernung hin jedoch nicht mehr genug kinetische Energie für einen Durchschuss besaß. Sie wurde an der Innenwand auf der anderen Seite deformiert und blieb stecken, nachdem sie sie gerade so durchdrungen hatte. Der Klöppel wurde dadurch zur Seite gedrückt und blockiert, so dass er nicht mehr zu bewegen war, als Lars die Glocke fassungslos untersuchte, nachdem er aus der Deckung heraus gekommen war.
Zum Glück für sie hatten die Boote nun die Nordspitze von Rolla beinahe erreicht und passierten die beiden einstigen Siedlungen Fugleberg und Nordrollness gefährlich nahe der Küste, um nur möglichst schnell aus der Schusslinie dieser Irren zu kommen. Die Moral der Angriffstruppe war auf einem absoluten Tiefpunkt, dessen war Annie sich sicher, sodass sie sich nun mit hängenden Köpfen, blutigen Nasen und eingekniffenen Schwänzen in ihr Versteck zurücktrollen würden. Das langsam dicht an der Küstenlinie entlang gleitende, flach bauende Luftkissenboot würde niemand bemerken, zumal es einen Abstand von über fünf Kilometern einhielt und Abbey darauf achtete, dass der Wind keine Antriebsgeräusche in ihre Richtung tragen konnte.
Als sie hinter Nordrollness Kurs Richtung Nordnordost nahmen, verlor Abbey sie hinter der Landspitze kurz aus den Augen, fuhr aber dennoch nicht schneller an sie heran. Schließlich konnten sie sich nicht in Luft auslösen und mussten dort zwischen Rolla und der Nachbarinsel Andørja, die zwischen ihnen und dem Festland lag, eine Meeresenge namens Bygden passieren, was ihr mindestens fünf Kilometer freie Sicht verhieß. Sollte es nötig sein, war ihr Hovercraft zudem fast dreimal so schnell wie diese alten Fischkutter.
Als sie sich der Nordspitze von Rolla näherte und den Motor drosselte, um langsam um das Kap herum zu gleiten, erhaschte sie tatsächlich noch einen flüchtigen Blick auf die beiden Schiffe, die bereits an der nordwestlichen Spitze der Nachbarinsel angelangt waren und diese zu umrunden schienen, indem sie weiter nach Osten abdrehten. Das hieß demnach, dass ihr Versteck gar nicht so weit weg sein konnte. Die riesige Insel Senja im Norden schied somit schon einmal aus, was Abbey nur recht sein konnte, denn in deren zerklüfteter Küstenlinie konnte man sich leicht an vielen Orten verbergen. Sie hätte näher aufschließen müssen, um sie nicht zu verlieren und hätte sich damit der Gefahr einer Entdeckung ausgesetzt.
Die Flüchtenden hatten sich noch immer sehr nahe am Ufer gehalten und waren darum schnell außer Sicht, als sie das Kap beim Dorf Engenes umrundet hatten. Abbey nahm nun doch Fahrt auf und näherte sich mit etwa vierzig Stundenkilometern der Nordwestspitze von Andørja.
Die Insel sah skurriler weise ebenso wie Rolla von der Grundform her ungefähr wie ein Dreieck aus, nur stand dieses auf der unteren Spitze und seine obere Kante verlief grob waagerecht in West-Ost-Richtung, während Rolla auf seiner Spitze seitlich stand, sodass die linke Seite senkrecht in Nord-Süd-Richtung wies und die beiden anderen Seiten sich dadurch im Osten trafen. Auch von der Größe her übertraf Andørja seinen Nachbarn nicht um vieles.
Mit milder Verblüffung hätte ein Mensch reagiert, doch für Abbey war es nur ein weiteres Faktum, als sie die Landspitze umrundet hatte und die beiden Boote außer Sicht waren. Nach Norden und Osten hin hatte sie über zehn Kilometer weit freie Sicht, was nur einen Schluss zuließ. Sie verlangsamte ihr Tempo noch weiter und fuhr näher an die Küste Andørjas heran.
Eine Minute später hatte sie gefunden, wonach sie suchte.



Hallevik, Insel Rolla, Troms Fylke, Norwegen                        15. Juni 2006

Die Gruppe saß beim Frühstück zusammen und hatte gerade ihr Mahl beendet. Karin stand auf und sagte: „Ich gehe mal nach Nick sehen. Bestimmt hat er auch Hunger.“
Caroline, die bei ihnen gestanden hatte, bat sie: „Kannst du noch einen Moment mit Stillen warten, bitte? Ich muss euch etwas mitteilen.“
Alle wurden sofort hellhörig. Das roch nach einer größeren Ankündigung. Automatisch setzte sich Karin wieder und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Caroline.
„Zunächst einmal muss ich euch darüber informieren, dass Lars und seine Kumpanen letzte Nacht einen Überfall auf das Safehouse unternommen haben.“
„Waaas?“ rief Shin über das ausbrechende Stimmengewirr hinweg. „Und ihr habt uns nichts gesagt?“
„Es war nicht nötig, euch in eurer Nachtruhe zu stören. Wir sind vier Terminatoren und es waren lediglich fünfzehn Angreifer in zwei Booten, nur mit Automatik-Gewehren bewaffnet. Zu keinem Zeitpunkt bestand irgendeine Gefahr für euch. Und obwohl wir sie mit schwerem Automatikfeuer und einem mittelschweren Granatwerfer beharkt haben, hat niemand von euch etwas davon mitbekommen, oder?“
Alle sahen sich an, mehrere hoben die Schultern in einer Geste des Eingestehens, dass sie Recht hatte. Dann fragte Aishe: „Was ist passiert?“
„Sie kamen mit zwei Booten von Norden her, worauf Annie sie vom Berg aus mit Feuer eingedeckt hat. Sie mussten ihren Vormarsch stoppen und anderthalb Kilometer vor dem Safehouse anlanden. Abbey und Daniel haben sie dann im Wald vor dem Safehouse gestellt und mit Feuerunterstützung von Annie vertrieben“, beendete Caroline ihre Zusammenfassung.
„Und was hast du gemacht?“ wollte Shin wissen.
„Hausarbeit. Meine Anwesenheit bei diesem Vorfall war nach unserer gemeinsamen Prognose nicht von Nöten, was sich auch als richtig erwiesen hat. Wir haben sie ordentlich mit Feuer belegt, ohne Opfer auf ihrer Seite. Allerdings hat es Verletzte bei ihnen gegeben und wir haben sie auch bei ihrem Rückzug noch beschossen, bis sie außer Reichweite unserer Waffen waren. Es versteht sich von selbst, dass wir mit den schweren Waffen immer wohl gezielt daneben gehalten haben, aber doch so dicht dran, dass es für sie gefährlich gewirkt hat.“
„Wie nahe sind sie uns gekommen?“ fragte Karin; ihr stand die Sorge um sie und vor allem um ihr Kind ins Gesicht geschrieben.
„Dreihundert Meter vielleicht. Aber nur aus dem einen Grund, weil wir sie so nahe herankommen ließen. Allerdings hätten sie mit den Waffen, die sie besaßen, nichts ausrichten können, das könnt ihr mir glauben. Das Safehouse trägt seinen Namen nicht umsonst, wie ihr wisst.“ Caroline lächelte beruhigend, als gebe es wirklich keinen Grund zur Sorge.
„Weißt du, das macht einen schon nachdenklich. Wie soll das weitergehen?“ fragte Silke.
„Das will ich euch gerne sagen. Nach dem Angriff ist Abbey den Booten nämlich mit dem Hovercraft nachgefahren und hat ihre Basis lokalisiert.“
„Ist nicht wahr! Wo liegt sie denn?“ Simon war ganz aufgeregt angesichts dieser Neuigkeiten.
Der T-X zögerte einen Moment, dann sagte sie: „Auf unserer Nachbarinsel Andørja. Das Versteck liegt sehr abgelegen und von Land aus nur schwer erreichbar. Auch von See aus ist es nicht direkt einsehbar und zudem bewacht. Aber während des Gefechtes, nachdem Lars von uns forderte, unsere Vorräte an ihn auszuliefern und wir ihn erfolglos gewarnt haben, haben wir mit Konsequenzen gedroht. Wir können uns nicht erlauben, dies als eine leere Drohung im Raum stehen zu lassen.“
Dimitri wollte ohne Umschweife wissen: „Was hast du vor?“
„Das, für das ich konstruiert worden bin. Ultimative Infiltration. Heute Nacht werde ich mir ihr Camp genauer ansehen und morgen Nacht statte ich Lars einen persönlichen, inoffiziellen Besuch ab. Ich muss es so hinbiegen, dass er begreift, dass wir keine normalen Touristen sind, ohne ihm mehr zu verraten. Dass mit uns etwas nicht stimmt, hat er sich wohl inzwischen selbst ausrechnen können, doch er darf nicht hinter die Wahrheit kommen.“
Aishe versuchte ihr gut zuzureden: „Vielleicht würde er es einsehen! Ist das nicht einen Versuch wert?“
„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Es ist nicht abzusehen, wie er auf eine solch prophetische Eröffnung reagieren würde. Doch lasst mich zuerst einmal auskundschaften, wie es um ihre Ausrüstung und Bewaffnung steht.“
„Versprich mir, dass du niemanden töten wirst“, verlangte Aishe mit todernster Miene.
„Selbstverständlich! Deshalb gehe ja ich und nicht einer der anderen. Ich werde da rein und raus spazieren, ohne dass irgendjemand davon Wind bekommt. Es gibt aber noch etwas, das ich mit euch besprechen muss. Etwas, was Daniel, Abbey und ich nach dem Angriff besprochen haben, wobei wir allerdings zuerst euer Einverständnis wollen.“
„Oh, ganz neue Töne! Was könnte das nur sein, dass ihr uns diesmal nicht übergeht?“ höhnte Dimitri mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme.
Caroline seufzte: „Es tut mir leid, dass ihr noch immer sauer auf uns seid wegen Annie, aber genau darum geht es… teilweise. Während des Angriffs hat sie bewiesen, dass ihre Entwicklung aufgrund der großen Datenmenge, welche wir ihr im Lauf des letzten Jahres täglich zu Informationszwecken zukommen ließen, viel rascher voran geschritten ist, als wir angenommen hatten. Sie hat sich bei der Verteidigung des Safehouses profiliert und sich so gut ins Team eingebracht, dass wir unsere Einstellung zu ihr überdacht haben. Wir denken nun, dass wir ihr eine Chance geben sollten, wenn auch ihr dazu bereit seid.“
„Hey, endlich mal eine gute Nachricht!“ freute sich Aishe, doch beim Anblick von Carolines Miene wurde ihr Lächeln dünner.
„Allerdings gäbe es da noch etwas. Wenn wir sie von ihrem Posten auf dem Gipfel des Rolla ins Haus holen, dachten wir uns, wir ersetzen sie.“
Dann wies sie mit ausgestrecktem Arm zum Balkon und ihr Zeigefinger zielte auf eine große silberne Kugel, die draußen im freien lag.
Alle hielten bestürzt den Atem an.
Karin sprang auf, sodass ihr Stuhl hintenüber kippte und laut polternd zu Boden fiel. „Nein! Das ist nicht euer Ernst!“
„Ihr wollt dieses Monster wieder beleben? Da mache ich nicht mit!“ stimmte Dimitri mit ein.
„Überdenkt bitte die Situation. Ihr hättet weiterhin einen Posten auf dem Berg und einen zusätzlichen, menschenähnlichen Terminator hier im Haus um euch. Ihr habt mir doch auch zugestimmt, dass Maschinen weder gut noch böse sind, sondern…“
„Nicht dieses Ding! Es strahlt das Böse ja sogar jetzt noch aus! Wie könnt ihr nur…?“ Karin rannte aus dem Zimmer, dicht gefolgt von Dimitri, dessen Miene versteinert war.
Caroline seufzte: „So etwas hatte ich schon befürchtet. Was sagt ihr dazu?“
„Ich werde mich Majas ursprünglichem Argument anschließen, dass wir unseren Gegner für uns arbeiten lassen sollen, wenn das in unserem Sinne ist.“ Maja sah bei dieser Äußerung von Simon verblüfft auf; von ihm hätte sie das nicht erwartet. Gleichzeitig wurde ihr klar, dass er es ihr damit unmöglich gemacht hatte, gegen eine Reaktivierung des T-1000 zu stimmen.
Nicolas nickte nachdenklich: „Er hat recht. Ich sage, schicken wir es auf den Berg zum Wache halten, während es Annie bei uns im Safehouse gemütlich hat. Welche Strafe wäre besser geeignet?“
Vorsichtig meinte Aishe: „Wie sicher bist du, dass du es kontrollieren kannst?“
„Ich habe seine Speicher komplett gelöscht, als ich es deaktivierte. Nichts von seinen ursprünglichen Missionsparametern oder Erinnerungen ist noch vorhanden. Es wird sehr aufwendig werden, ihn von Grund auf neu zu programmieren, doch ich denke, es ist die Mühe wert. Seine Sensorik ist mit unserer vergleichbar. Alles was ich tun muss, ist ihm eine der Kommunikationsausrüstungen von einem der demontierten T-880 einzusetzen, damit es vom Berg aus berichten kann.“
„Na ja, dann…“ Offensichtlich fiel auch Shin nichts ein, was er gegen den Vorschlag ihrer Beschützer vorbringen sollte.



Ibestad, Rolla, Troms Fylke, Norwegen                                15. Juni 2006

Eigentlich schätzte Caroline, dass es ein Spaziergang werden würde.
Sie rollte mit einem ihrer drei Volvo XC 90 mit ausgeschalteten Scheinwerfern durch den verwaisten Ortsteil Hamnvik und steuerte auf die dunkle Einfahrt des Tunnels zu. Wie sie sich gedacht hatte, war weit und breit niemand zu sehen, als sie durch das Portal fuhr und mehrere Kilometer unter dem Meeresgrund zurücklegte, bevor sie am anderen Ende der Bygden, der trennenden Meerenge, auf der Nachbarinsel Andørja wieder hervor kam.
Die Uhr zeigte beinahe Mitternacht, als sie unmittelbar nach der Tunnelöffnung auf eine Abzweigung kam. Nach rechts führte die Hauptstrasse 848 entlang des Ufers des Astafjorden zum nordöstlichen Ende der Insel und über eine Hängebrücke weiter aufs norwegische Festland. Nach links zweigte eine Nebenstrasse ab und führte entlang der Küste der Bygden zur nordwestlichen Spitze, rechts von sich eine der typischen steil aufragenden Gebirgsketten, dessen tiefdunkles Gestein bis auf über elfhundert Meter empor ragte. Diesen Weg nahm sie und fuhr durch ein halbes Dutzend winziger Nester, wie alle Siedlungen in der ganzen Gegend seit dem Tag des Jüngsten Gerichtes oder der unmittelbaren Folgezeit unbewohnt.
Nein, nicht alle, korrigierte sie sich.
Irgendwo hier musste es sein, dachte sie beim langsamen Umrunden der Landzunge und ließ den Wagen fast mit Leerlaufdrehzahl entlang der Nordküste rollen, wobei der kultivierte Fünfzylinderdiesel im Innenraum des Wagens kaum vernehmbar war, bis sie sich nach etwa einem Kilometer langsamer Fahrt ihrem Ziel näherte.
So ähnlich sich Rolla und Andørja in Form und Größe auch waren, einen markanten Unterschied gab es doch zwischen ihnen. Und vor diesem stand sie jetzt.
Der Eingang der Bucht maß etwa einhundertundfünfzig Meter und wurde von einer steil ansteigenden Bogenbrücke aus Beton überspannt, hoch genug, um auch größere Fischkutter unter ihr passieren zu lassen. Unmittelbar dahinter verbreiterte sie sich zu einem richtigen Fjord, der stellenweise über einen Kilometer breit war und fast zehn Kilometer weit beinahe kerzengerade und parallel zur Westküste ins Landesinnere reichte, sodass er die Insel fast in zwei Hälften teilte. Dabei war der enge Meeresarm mit dem Namen Straumbotn ringsum umgeben von steil aufragenden Bergketten, deren obere Hälften mit Schnee bedeckt waren. Auf der entfernten Seite erkannte sie im Osten der Insel sogar ein kleineres Gletschergebiet um die höchsten Gipfel mit über zwölfhundert Metern Höhe.
Und dort am hinteren Ende des lang gezogenen Kessels befand sich ein kleines Fischerdorf, wo aus mehreren Häusern schwacher Lichtschein in das Halbdunkel der Polarnacht drang. Caroline stellte die Restlichtverstärkung höher und zoomte heran, wodurch in ihren Pupillen ein schwach bläuliches Schimmern zu sehen war, als sich das Versteck von Lars’ Truppe in seinem ganzen Ausmaß vor ihr ausbreitete.
Sie verlagerte ihr Sichtspektrum nun in den leicht infraroten Bereich und erkannte zehn großflächige hellere Flecken, die tief im Inneren der Schiffe, welche heute benutzt worden waren, matt leuchteten. Das war die Restwärme ihrer Dieselmotoren. Insgesamt fünfzehn Boote lagen im natürlichen Hafen am Ende der Bucht an den Anlegestegen vertäut, wovon nur eines ein größeres Fährschiff war, der Rest bestand aus kleinen Fischkuttern, wie sie typisch für diese Gegend waren. Drei davon hatten völlig zerstörte Mast- und Leuchtanlagen, an einem von ihnen waren sämtliche Scheiben der Führerhausverglasung zerbrochen. An beiden Enden der kleinen Piers befand sich je eine Wache, gut erkennbar als kleinere helle Flecken in Menschenform; das Dorf selbst und erhabene Punkte wie Berggipfel um die Siedlungen herum waren unbesetzt.
Herrje, nicht einmal auf der Brücke an der Einfahrt zur Bucht war ein Posten stationiert.
Das würde sich bald ändern. Caroline war sich sicher, dass sie bald nicht mehr mit soviel Nachlässigkeit ihres Gegners rechnen konnten. Noch fühlten sie sich sicher, weil sie dachten, die Position ihres Schlupfwinkels wäre niemandem bekannt.
Sie hatte ihren Geländewagen auf der der Bucht abgewanten Seite neben dem Fundament der Brücke abgestellt, wo er außer Sicht war. Tief gebückt schlich sie sich auf der Seeseite über die Brücke, sodass ihre Silhouette sich nicht gegen den hellen Nachthimmel im Norden abheben konnte, nur für den Fall, dass jemand mit einem Fernglas die Mündung des Straumbotn im Auge behalten würde. In aller Seelenruhe bog sie dann auf der anderen Uferseite von der Küstenstraße, die fast rund um die ganze Insel lief, auf den schmalen asphaltierten Seitenweg in die Bucht hinein und joggte gemütlich mit vierzig Stunden-kilometern die neuneinhalb Kilometer bis zum Ortsrand der Siedlung. Als sie am blauen Ortsschild mit der Bezeichnung „Skjellelv“ angelangt war, verlangsamte sie ihr Tempo allmählich.
Caroline trug dunkle Kleidung und hatte ihr Gesicht wie ein Kommandosoldat getarnt, indem sie die dunkle Hautpigmentierung Karins, welche die durch ihre ständigen Besuche im  Sonnenstudio im Sommer 2004 noch gehabt hatte, sowie ihre damals rabenschwarz gefärbten Haare angenommen hatte. Zur Wahl wäre auch Shin gestanden, doch für sie spielte es keine Rolle, solange sie sich kaum noch gegen die fast schwarzen Felswände aus vulkanischem Gestein abhob, die in diesem engen Talkessel zusätzlich die tief im Norden stehende Sonne abschirmten, was ihre Umgebung hier in düsteres Halbdunkel tauchte.
Die Wache befand sich dreißig Meter vor ihr und starrte hinaus aufs Wasser, nicht ahnend, wie nah sie sich befand. Sie kauerte im schmalen Straßengraben zwischen Asphalt und steil ansteigender Felswand und bewegte sich unmerklich immer näher an ihn heran. Dabei nahm sie ihn so deutlich wahr, als sei es heller Tag, sich geschmeidig und lautlos wie eine Katze mit maschineller Gleichmäßigkeit vorwärts schiebend. Er war jung und sah ziemlich ausgezehrt aus, als leide er unter länger andauernder Unterernährung sowie ständiger Übermüdung. Sie korrigierte sich, indem sie seinen offensichtlich nicht allerbesten Gesundheitszustand in ihren Berechnungen berücksichtigte, als sie ihre anatomischen und medizinischen Datenbanken aufrief.
Der junge Blondschopf lehnte gähnend an einem Laternenmast, ein altes Jagdgewehr neben sich gegen den Fels gelehnt, als sie ihn erreichte. Wie aus dem Nichts stand sie plötzlich neben ihm und schlug ihm mit einem exakt dosierten Kraftaufwand den ausgestreckten linken Handballen gegen seine rechte Schläfe. Wie erwartet platzte die Haut nicht auf und auch der Schädelknochen brach nicht, doch das in einem puffernden Wassermantel schwimmende Gehirn reagierte auf den Stoß, indem es in einem Schutzautomatismus sämtliche bewussten kognitiven Funktionen einstellte und seine Ressourcen auf selbst erhaltende Maßnahmen konzentrierte.
Der Junge sackte ohnmächtig mit einer leichten Gehirnerschütterung zu Boden.
Spielerisch fing sie ihn auf und ließ ihn geräuschlos hinab gleiten, wo sie ihn in die medizinisch korrekte Lage bugsierte. Dann machte sie eine Runde durchs Dorf, wo sie alle Gebäude, sonstigen Anlagen sowie Vorräte katalogisierte und einen detaillierten Plan der gesamten Siedlung anfertigte. Ihr fiel auf, dass nur zwölf der über dreißig Häuser bewohnt schienen und praktisch alle der Bewohner schliefen. Nur hinter wenigen Fenstern war ein schwacher Lichtschein zu sehen, der der Infrarotsignatur nach von offenem, sprich Kaminfeuer her rührte, wofür auch die rauchenden Schornsteine der betreffenden Häuser sprachen. Sie nahm an, dass in diesen Räumen Kranke, alte oder ganz junge Menschen untergebracht waren, die auf eine höhere Raumtemperatur angewiesen waren und deshalb in geheizten Räumen schliefen.
Der Fuhrpark beschränkte sich auf fünf geräumige Militärlaster und einen Tankwagen, mittels dem sie wohl auf dem Landweg in diese Region gekommen waren, bevor sie sich ihre kleine Flotte ‚beschafft’ hatten. Sie schätzte, dass das hier im Hafen so ziemlich alle Schiffe waren, die in der gesamten Region noch seetüchtig waren.
Ebenso fiel ihr auf, dass an den sanft ansteigenden Hängen hinter der Siedlung, wo einst dichter Wald gestanden hatte, alles bis auf eine Höhe von fünfzig Metern über dem Meeresspiegel restlos abgeholzt war. Die riesigen Haufen von abgedecktem Brennholz neben jedem der bewohnten Häuser und einige Schuppen, die ebenfalls randvoll mit Holz bestückt waren, zeugten von den gewaltigen Anstrengungen, die diese Kommune offenbar unternahm, um den nächsten Winter zu überstehen. Allerdings zeugte er in ebensolchem Maß von ihrer Kurzsichtigkeit, denn bei der zu erwartenden Schneemenge und der Steilheit der sie umgebenden Hänge konnten sie sich bei dem nun fehlenden Schutz der Bäume auf einiges gefasst machen, eine Lawine abgehen würde.
Zudem war es für Caroline fast sicher, dass das ruhige Wasser des Straumbotn im Winter zufrieren würde, sollte dieser ähnlich hart werden wie die letzten beiden seit der nuklearen Katastrophe. Und dann mussten sie ausharren. Sie würden einen hohen Preis für die Abgeschiedenheit und den trügerischen Schutz zahlen, den dieser Ort zu bieten schien. Der einzige für sie offensichtliche Vorteil war die windgeschützte Lage am Ende des engen und steilen Fjordes, durch den die Temperatur nicht so stark absinken würde und man sich noch eher im Freien aufhalten können würde als an der offenen Seeseite der Insel.
Nachdem sie sich noch mit den Booten befasst hatte, vor allem mit einem der kleineren Fischkutter, hatte sie sich über eine halbe Stunde in der Ortschaft aufgehalten, ohne dass irgendjemand von ihrer Anwesenheit etwas mitbekommen hatte.
Als sie alles ausgekundschaftet und das andere Ende von Skjellelv erreicht hatte, wog sie einen Moment lang ab, ob das, was sie nun vorhatte, wirklich nötig war. Doch dann entschied sie, dass der psychologische Vorteil der Einschüchterung überwiegen sowie deren Paranoia und Angst zusätzlich schüren würde, wenn sie das hier durchziehen würde.
Sie näherte sich dem zweiten Posten im Halbdunkel, doch seine Sinne oder seine Intuition mussten außergewöhnlich scharf sein, denn er fuhr herum, als sie schon fast hinter ihm stand. Mit freundlicher Stimme fragte sie auf Nynorsk: „Hallo, bist du müde?“
Er zuckte kurz zusammen und wandte sich ihr zu: „Mann, musst du dich so anschleichen? Na klar bin ich hundemüde, was denkst du denn? Und was ist mit dir? Kannst du nicht schlafen oder was?“
Auf seinem Gesicht zeigte sich eine Spur Verwunderung und Misstrauen, als er im schwachen Licht vergeblich versuchte, sie zu erkennen: „Bist du’s, Marit?“
„Nein, ich bin die Waldelfe.“ Sie schlug ihn auf die gleiche Art nieder wie den ersten Posten und legte auch ihn behutsam in die stabile Seitenlage, bevor sie sein Gewehr an sich nahm und zum Ortseingang spazierte, wo der erste Posten noch immer regungslos dalag. Auch seine Waffe nahm sie im Vorbeigehen auf und joggte wieder mit dem vorhin eingeschlagenen flotten Tempo zur Brücke an der Mündung des Straumbotn. Dort warf sie die beiden Schießprügel in der Mitte des weiten Brückenbogens ins tiefe Wasser. Eine Minute darauf saß sie bereits hinter dem Steuer und trat den Heimweg an. Ihre Aufklärungsmission war ein voller Erfolg gewesen. Sie wussten jetzt alles über die Basis ihres Widersachers, seine Vorräte, Bewaffnung und Fahrzeuge.
Und Lars wusste, dass sie da gewesen war und er nichts dagegen hatte tun können. Sie wusste nicht, wann oder ob die Wachen im Lauf der Nacht überhaupt abgelöst werden würden, doch bis zur Entdeckung der beiden Bewusstlosen beziehungsweise deren Erwachen würde ihr Lager vollkommen unbewacht und schutzlos sein. Diese Erkenntnis würde dem alten Haudegen am meisten zu schaffen machen, dessen war sie sich ganz sicher.
Während sie den Tunnel nach Rolla durchquerte, verarbeitete sie bereits alle gesammelten Daten, berücksichtigte sie bei den Projektionen, die sie bisher angestellt hatte und arbeitete neue Taktiken aus, wie ihre nächsten Schritte auszusehen hatten. Eines war jedoch gewiss: keinesfalls durfte ihr Gegner erfahren, wie groß beziehungsweise wie klein ihre Gruppe im Safehouse war. Das würde Lars nur zu neuen Angriffen ermutigen. Er musste den Eindruck gewinnen, dass er es mit ihnen nicht aufnehmen konnte und besser damit fahren würde, sie in Ruhe zu lassen. Daher würde sie darauf acht geben, ihrem Gegner nie zweimal mit dem gleichen Aussehen zu erscheinen. Der zweite Wächter würde sie vage als kleine zart gebaute Frau beschreiben können, was sie zwar als Kundschafter legitimierte, nicht jedoch als kampfstarken Gegner in einem Gefecht.
Die Konsequenz daraus war klar.



Skjellelv, Andørja, Troms Fylke, Norwegen                          16. Juni 2006

„Das darf nicht noch einmal passieren, klar?“ Zornig schlug Lars bei der Wacheinteilung für die Nacht auf den Tisch der Stube, in der die sechs eingeteilten Mann für die erste Schicht und sein Stellvertreter Knut versammelt waren.
„Das wird es auch nicht. Die wollten uns nur verrückt machen und uns dazu zwingen, mehr Männer für die Wache abzustellen, sodass unsere Fähigkeit eingeschränkt wird, tagsüber mit den Booten auf Fahrt zu gehen. Und siehe da, ihr Plan geht auf! Dreimal so viele Wachen!“ Dem ältesten und erfahrensten der Wachen passte die hastig ergriffene Maßnahme ganz offensichtlich überhaupt nicht in den Kram.
„Wir haben das heute Morgen schon ausdiskutiert. Ihr wisst, sie haben uns mit Konsequenzen gedroht, wenn wir sie noch mal angreifen. Und sie haben ja offenbar wirklich keine Zeit verloren. Sie kennen jetzt unseren Standort. Sie haben uns ausspioniert und wissen über uns Bescheid. Nun, vielleicht bewegt sie die Größe unserer Gruppe dazu, ihre Sturheit zu überdenken und doch mit ihren Vorräten herauszurücken. Wer weiß?“
Knut kratzte sich in seinem fülligen roten Haar: „Wir allerdings wissen nicht, wie viele Vorräte sie überhaupt noch besitzen; so groß ist das Haus ja auch nicht. Ich schätze sie höchstens auf dreißig oder vierzig Mann. Vor allem wissen wir aber nicht, wer sie sind. Dieser Rotschopf war nicht ganz aufrichtig, als sie erzählt hat, sie seien eine Gruppe von Touristen.“
„Genau, Touristen mit schwerer Artillerie und Granaten!“ schnaubte Lars und schüttelte den Kopf. „Die verbergen irgendetwas. Ich will wissen, was das ist!“
„Meinst du wirklich, wir sollten das riskieren? Sieh’ dir nur das Resultat von letzter Nacht an: zwei Mann, die für Tage oder Wochen total ausfallen, bevor sie wieder für leichte Arbeiten einsetzbar sind, geschweige denn auch nur einen kurzen Törn. Wir können uns solche Schlappen nicht leisten.“
„Knut, geh’ einfach schlafen, ja? Morgen ist auch noch ein Tag; ich will heut’ einfach nichts mehr davon hören. Also, raus mit euch, worauf wartet ihr noch? Auf eure Posten!“ Alle beeilten sich, den Raum zu verlassen und ihren übellaunigen Anführer alleine weiter brüten zu lassen.
Lars sah auf die alte Aufziehuhr an der Wand: kurz vor zehn Uhr abends. Langsam wurden die Schatten länger im Dorf, jetzt da die Sonne sich allmählich dem Tiefpunkt ihrer Kreisbahn um den skandinavischen Himmel näherte. Er nahm die Brille ab und rieb sich das Nasenbein. Es hatte ihn einiges an Nerven gekostet, die Gemüter zu beruhigen und Befürchtungen zu zerstreuen, die der letzte nächtliche Besuch bei den einfachen Leuten in der Kommune erzeugt hatte.
Wie ein schwarzer Schatten wuchs die Gestalt hinter ihm an, riesengroß und bedrohlich. Es schien einige Grade kälter zu werden im Raum, trotz des leise prasselnden Kaminfeuers. Langsam drehte sich Lars um, als er der Person im Raum gewahr wurde, unfähig es zu glauben oder zu begreifen, wie das sein konnte.
„Wir müssen reden, Gevatter Lars“, sagte der riesige Hüne mit der dunkelblonden Bürstenfrisur, den stahlblauen, harten Augen und dem markanten, eckigen Gesicht. Seine finstere Miene und die Haltung seines muskelbepackten, in eng anliegende, schwarzmatte Kleidung gehüllten Körpers verhießen nichts Gutes.
„Wie kommst du hier rein?“ fragte Lars dümmlich.
„Das bleibt mein kleines Geheimnis“, gab der Hüne zurück. „Du kannst mich Alex nennen. Du weißt weshalb ich hier bin, nicht wahr? Wir haben dich gewarnt, aber du wolltest nicht hören.“
„Ich hatte nicht… wir sind eine große Gruppe von Leuten. Wir brauchen alle etwas zu essen…“
„Keine Rechtfertigungen. Die Welt ist hart und rau, das ist mir klar. Aber du tust dir und dem Rest der Menschheit keinen Gefallen, wenn du die Gruppe im Haus bei Hallevik weiter belästigst. Es werden noch große Dinge geschehen, von denen du nichts ahnen kannst, aber du musst mir glauben, wenn ich dich hiermit informiere, dass die Personen dort zu wichtig sind, um ihren Fortbestand durch eure Behelligungen zu gefährden. Das werden wir nicht zulassen. Du weißt wirklich nicht, worauf du dich da einlässt.“
„Große Reden! Was erwartest du von mir, was ich tun soll? Sie einfach in Ruhe lassen? Dann würde ich mein Gesicht als Anführer verlieren.“
„Überlege dir gut, was dir wichtiger ist: dein Ansehen oder der gefüllte Magen deiner Leute. Ihr habt doch so viele schöne Fischkutter. Benutzt sie nicht nur für eure Plünderungsaktionen. Von Fisch lässt sich gut leben; das Meerwasser ist nicht nennenswert verseucht und man kann das, was man herausfischt, bedenkenlos essen.“
„Das sagt sich so einfach…“ Lars schüttelte mit bitterer Miene den Kopf.
„Nun, ich werde dir bei deiner Entscheidung helfen. Du weißt, wir hatten dich gewarnt“, wiederholte Alex. Er hob eine Hand mit zur Faust geballten Fingern und erhobenem Daumen. Dann senkte er den Daumen zur Faust, als drücke er einen Knopf auf einem imaginären Gerat, das er in der Hand halten würde. Im selben Moment gab es draußen einen durchdringenden, aber seltsam gedämpften Knall.
Lars stürzte zum Fenster und sah gerade noch, wie sich der Bug eines seiner Fischkutter steil in den Nachthimmel erhob, als sich sein Heck rasch mit Wasser füllte und es in wenigen Sekunden vollständig unter die Wasseroberfläche sank. Die Schnelligkeit, mit der das geschah, war beängstigend.
„Das nächste Mal werden es zwei Boote sein, dann drei und so weiter. Du kannst selbst nachrechnen, wie oft du uns noch überfallen musst, um deine ganze Flotte zu verlieren. Denk dran, wenn wir wollen, können wir das jederzeit wieder tun. Lass einfach die Finger von uns, dann sind alle zufrieden. Hallevik ist von jetzt an absolut tabu für euch.“
Lars sah auf das schäumende Wasser an der Unglücksstelle, als er mit halb verzweifelter, halb zorniger Stimme fragte: „Warum hast du das getan? Musste das denn sein? Wir hätten doch…“
Er drehte sich herum und merke, dass er allein im Raum stand. Ein kalter Schauer lief seinen Rücken herab. In diesem Moment beschloss er, keinem von seiner unheimlichen Begegnung zu erzählen. Sie würden ihn bestenfalls für unfähig und schlimmstenfalls für übergeschnappt halten. Fürs Erste jedoch beschloss er, dass sie einen weiten Bogen um die Westküste Rollas fahren würden. Es gab schließlich noch genügend andere Orte, wo man fündig werden konnte.





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Hallevik, Insel Rolla, Troms Fylke, Norwegen                        22. August 2006

Wieder einmal standen Aishe und Shin alleine an der Spitze des Steges und fischten. Sie sahen schweigend auf die heute Nachmittag raue See und die ungewöhnlich tief hängenden, schnell über den weiten Vågsfjorden ziehenden Wolken hinaus. Der Wind war schon kühler und unangenehmer als sonst und besprühte sie ab und zu mit Gischt, wenn eine der meterhohen Wellen gegen die Pfosten des Anlegers traf, doch das machte ihnen wenig aus. Ihre Augen trafen sich kurz und sie reichten sich die Hände, schwach lächelnd.
Die Stimmung im Safehouse war im letzten Monat schlecht gewesen. Die Gruppe war durch die Uneinigkeit in der Frage ihres weiteren Vorgehens tief gespalten. Dimitri und Karin hatten ihr Einverständnis zur Reaktivierung des T-1000 nicht gegeben. Da die Terminatoren der Ansicht waren, solch ein Schritt sei nur bei einstimmiger Bejahung dieser Frage durchführbar, lag die Sache auf Eis und Annie saß weiter auf dem Gipfel des Rolla, Ausschau haltend und plichtgetreu alle Bewegungen von Lars’ Truppe meldend. Die einzig gute Sache war die, dass sich die Boote seit Carolines Strafaktion tatsächlich von ihnen fernhielten. Offenbar leckten sie ihre Wunden, doch wie lange dieser Status Quo anhalten mochte, war freilich ungewiss. Und dass die drei Terminatoren die Turnhalle geschlossen hatten und irgendwelche Umbauarbeiten in ihr durchführten, sodass sie bei Wind und Wetter im Freien joggen mussten, trug auch nicht gerade zur Verbesserung der Laune dar.
Niemand konnte Karin und Dimitri ihre Entscheidung verübeln angesichts des schweren Verlustes, den sie erlitten hatten. Vor allem Karin hatte unermessliches Leid erfahren, weil der T-1000 mit solch hoher Effizienz seiner Mission nachgegangen war und den Vater ihres ungeborenen Kindes „terminiert“ hatte. Wie sollte man da objektiv bleiben?
Daniel kam zu ihnen herunter und stellte sich wortlos neben sie, um aufs Meer hinaus zu spähen. Sofort bemerkten sie, dass etwas nicht stimmte.
Bevor einer von ihnen fragen konnte, sagte er: „Annie hat mit den Infrarot-Sensoren etwas Größeres entdeckt, das auf den Strand zutreibt. Ich kann allerdings nichts sehen.“
„Was meinst du mit etwas ‚Größerem’?“ fragte Shin und sah seinerseits hinaus auf die sich überschneidenden Wellenberge und -täler.
„Dort!“ Aishe deutete aufgeregt auf etwas Dunkles, das auf dem Wasser trieb, keine zwanzig Meter vor ihnen.
„Es strahlt eine geringe Menge an Wärme ab, aber nicht viel. Es könnte etwas lebendes sein, dann ist es jedoch ziemlich unterkühlt“, teilte Daniel ihnen seine Beobachtungen mit.
„Mein Gott, das ist ein Mensch!“ Aufgeregt sprang Shin auf. „Ich kann Haare sehen… einen Kopf. Es ist ein Mensch!“
Daniel sah hinüber und dann nach unten. Am vordersten Ende des Steges war das Wasser etwa zweieinhalb Meter tief. Die regungslose Gestalt trieb ungefähr auf ihrer Höhe, würde aber noch einige Minuten brauchen, bis sie an Land gespült werden würde. Ohne zu Zögern trat er einen Schritt nach vorn und ließ sich ins Wasser fallen. Sofort ging er vollständig unter und war nicht mehr zu sehen.
„Daniel! Daniel!“ rief Aishe erschrocken, da sie wusste, dass er aufgrund seines hohen Gewichtes nicht schwimmen konnte. Doch da sahen sie auch schon, wie sich die auf dem Bauch treibende Gestalt plötzlich zielstrebig aufs Land zu zubewegen begann. Einige Sekunden später wurde auch klar, wieso: Daniel hatte sich unter Wasser am Grund entlang zu der zu rettenden Person vorgearbeitet und sobald er sie zu fassen bekommen hatte, hatte er sie, immer am felsigen Boden des Fjords entlang gehend, zum Ufer gezogen. Inzwischen tauchte er schon bis zu den Schultern aus dem Wasser und zog weiter zielstrebig und unbeeindruckt von der Dünung, den Kopf des bewusstlosen Mädchens, wie sie jetzt erkennen konnten, über Wasser haltend.
Sobald er sie an den Strand gezogen hatte, waren Aishe und Shin zu ihm gelaufen und halfen ihm, sie behutsam auf eine ebene Stelle zu legen.
Rasch untersuchte er sie und wies sie dann an: „Sie hat noch schwachen Puls, atmet aber nicht mehr. Ihr müsst ihr Atemspende geben, das kann ich wegen meines zu kleinen Lungenvolumens nicht zuverlässig.“
Aishe beugte sich über sie und wischte die langen blonden Strähnen ihres Haares, die sich schwer um ihren Kopf gelegt hatten, als sie bäuchlings getrieben war, zur Seite, sich auf das konzentrierend, was sie beigebracht bekommen hatte. Shin hatte seine Jacke ausgezogen und sie über ihre Beine und den Unterkörper gelegt, während seine Freundin sie beatmete. Es verstrich beinahe eine Minute, bis sie endlich die Atemwege frei hustete und dann ohne das Bewusstsein zu erlangen eine größere Menge Seewasser erbrach, während Aishe ihr den Kopf in die Seitenlage drehte.
Gleichzeitig erschienen Caroline und Abbey mit mehreren Decken. Sie breiteten eine davon zweilagig gefaltet neben ihr aus, hievten sie vorsichtig auf diese und trugen sie dann rasch, die Decke als Tragetuch benutzend und sie mit der zweiten zudeckend, ins Haus, wobei sie wie damals bei Nicolas’ Bergung die Schleuse außer Kraft setzen mussten, um beide Türen gleichzeitig öffnen und sie in liegendem Zustand hinein transportieren zu können. Die anderen hatten bereits Wind von den neuesten Ereignissen bekommen und mussten unsanft vom Eingangsbereich verscheucht werden.
Sie legten den Findling ins noch immer leer stehende Krankenzimmer, wo sie auch den damals schwer verletzten Nicolas einquartiert hatten. Daniel verschwand im Keller, um sich trockene Kleidung zu holen, obwohl es ihm nichts ausgemacht hatte, minutenlang ins neun Grad kalte Wasser zu springen und tropfnass herum zu laufen.
Caroline bemerkte zu Silke: „Ein Wunder, dass sie noch lebt. Ihre Temperatur ist kritisch; schnell, Abbey, wir müssen die Heizung hier im Raum abstellen, sonst tötet der Schock sie. Atmung und Puls sind ganz schwach und unregelmäßig.“
Danach schloss sich die Tür des Zimmers, in dem Silke Caroline assistierte, während Abbey aus dem entsprechenden Vorratsschrank im Keller alle Materialien holte, die sie zur Behandlung des unterkühlten Mädchens auf der Schwelle zum Tode brauchten. Sie brauchten sich dabei nicht abzusprechen, da Abbey über die gleichen medizinischen Dateien wie Caroline verfügte.
An einen normalen Tagesablauf war jetzt natürlich nicht mehr zu denken. Die Gruppe setzte sich ins Wohnzimmer und rätselte über die Herkunft, die Identität und die Chancen der jungen Frau, nach einer sicherlich langen Zeitspanne im Wasser die Unterkühlung zu überleben. Wenigstens schien der Sauerstoffmangel durch den Atemstillstand noch nicht kritisch gewesen zu sein, wie es den Anschein hatte.
Nach dem nur widerwillig und in dumpfem Brüten eingenommenen Abendessen stieß Silke zu ihnen, gerade rechtzeitig um noch eine Schnitte selbstgebackenen Brotes zu ergattern. Erschöpft berichtete sie: „Sie wird es schaffen. Eine Zeit lang sah es nicht danach aus, doch sie muss einen enorm hohen Lebenswillen haben, denn entgegen aller Prognosen hat sie sich stabilisiert und schläft jetzt tief. Wir haben sie mit einem Glukose-/Kochsalztropf versorgt und ihr einen Vitamincocktail gespritzt, der ihr über den Berg helfen soll. Caroline bleibt über Nacht bei ihr.“
„Unglaublich. Sie war schon so gut wie tot, als sie hier angeschwemmt wurde“, meinte Shin. „Jedes Jahr einer mehr? Wenn das so weiter geht…“
Nicolas, der neben ihm am Tisch saß, trieb ihm spielerisch einen Ellenbogen in die Seite, worauf Shin prustend Luft ausstieß. Fadenscheinig meinte der Franzose: „Hoppla! Wie ungeschickt von mir.“
Karin beachtete das Geplänkel der beiden nicht. An Abbey gewandt, fragte sie: „Mal ehrlich, habt ihr noch irgendwelche Informationen über eventuelle künftige Führungsmitglieder der Widerstandsbewegung, die künftig angeschwemmt werden könnten? Junge blonde Frauen vielleicht?“
Als Abbey nicht gleich antwortete, wurde es still am Tisch.
„Das ist nicht dein Ernst!“, entfuhr es Maja.
„Sagen wir einfach, ihre Identität ist in unseren Personendateien vermerkt, allerdings haben wir eine Weile gebraucht, ihr Aussehen soweit zurück zu rechnen, dass wir sie in diesem jugendlichen Alter erkennen konnten. Es wäre zu diesem Zeitpunkt allerdings verfrüht, irgendwelche Informationen von ihr in Erfahrung zu bringen. Wir haben jedenfalls nur ihren Namen und Rang.“
„Wie heißt sie denn?“ wollte Aishe wissen.
„Marit Storvik. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt müsste sie dreiundzwanzig Jahre alt sein.“ In einer Geste der Resignation zuckte Abbey mit den Achseln und begann das Geschirr auf dem Tisch abzuräumen.
„Marit…“ Dimitri schien zu überlegen.
„Was ist?“ fragte Karin, die sein Verhalten bemerkte.
Simon sprang plötzlich auf. „Marit Storvik! Ich werd’ bekloppt!“
„Wieso ‚werden’?“ wollte Silke wissen und erntete unter dem allgemeinen Gelächter der Gruppe eine mild ausgeführte Kopfnuss.
„Nein, ohne Scheiß, ich kenne den Namen. Sie hat ein Semester an der Skandinavistik in Freiburg absolviert. Ich muss noch wenige Tage, bevor wir eingesammelt worden sind, mit ihr gechattet haben, in einem Forum auf einer regionalen Website. Wir hatten eine gemeinsame Vorliebe entdeckt und wollten uns fast schon auf einen Kaffee verabreden, um zu fachsimpeln, doch mein Kurztrip nach Berlin kam dazwischen und als ich gerade wieder daheim angekommen war, stand auf einmal ein gemütlicher Terminator auf unserer Türschwelle, noch bevor ich mich erneut bei ihr melden konnte. Was für ein Zufall!“
Silke sah ihn nun sauer an. „Es sei denn, ihr Name kommt hier so häufig vor wie Urs Meier in der Schweiz und es war eine andere.“
Daniel, der ebenfalls zur Gruppe gestoßen war, erklärte: „Diese Möglichkeit können wir ausschließen. Die Herkunft ihres Nachnamens liegt in einem kleinen Fischerdorf bei Bodø, das so wie Hallevik schon vor Jahrzehnten verlassen und dem Verfall preisgegeben wurde. Ihr seht, seltener geht es kaum.“
„Gut, dann war sie es eben. In Bodø gibt es meines Wissens nach eine Uni, auf die sie gegangen sein könnte, wenn sie tatsächlich aus dieser Region stammen sollte. Ist ja nicht so weit von hier. Und an Zufälle glaube ich schon lange nicht mehr. Schon nicht mehr, seit sich herausgestellt hat, dass Luke und Leia Geschwister waren.“ Karin grinste, zufrieden über ihren Insider-Scherz.
„Und was war euer gemeinsames Interesse, über das ihr euch kennen gelernt habt?“ verlangte Silke misstrauisch zu wissen.
„Peitschen und Leder“, gab er zurück, worauf alle in brüllendes Gelächter verfielen.
„Schon gut, ich muss ja nicht alles wissen. Habe schon verstanden“, winkte Silke darauf mit aufgesetzter Gleichmütigkeit ab.



Hallevik, Insel Rolla, Troms Fylke, Norwegen                        25. August 2006

An diesem Morgen war Marit schon wieder soweit bei Bewusstsein, dass sie sich während der Mahlzeiten, in eine warme Decke gewickelt, auf die Couch im Wohnzimmer legen und am Rande an ihrem Gruppenleben teilnehmen konnte. Sie war sehr zurückhaltend und schüchtern, obwohl die anderen sich in ihrer Anwesenheit absichtlich auf Englisch anstatt Russisch unterhielten (heute wäre diese Sprache zur allgemeinen Konversation an der Reihe gewesen), damit sie sie verstanden. Nach dem Abendessen setzten sich fünf von ihnen zusammen und spielten ein Brettspiel, wobei sie nur zusah, ihre langen strohblonden Haare in Strähnen drehte und den Scherzen sowie dem Geplänkel der anderen lauschte. Ab und zu stahl sich dabei auch ein kleines Lächeln auf ihre Lippen.
Sie hatte sicher viele Fragen an die Gruppe, doch sie blieb stumm und beobachtete nur, was sie ihr nicht verdenken konnten, also ließen sie sie vorläufig noch in Ruhe. Als es später wurde, zogen sich die meisten zurück, bis nur noch Dimitri und Marit übrig blieben.
Irgendwann setzte sich Caroline zu ihnen und bemerkte: „Du solltest dich langsam ins Bett legen. Noch brauchst du viel Ruhe, bis du wieder auf dem Damm bist.“
„Ja, mach ich. Vielen Dank, Caroline.“
„Wofür denn?“
„Für alles. Als ich bei den hohen Wellen über Bord ging, dachte ich, es sei aus mit mir. Und dann wache ich hier auf, warm, geborgen und medizinisch versorgt. Ihr gebt mir genug zu essen und ein sauberes Bett… ich wusste schon gar nicht mehr, wie das ist.“ Sie verbarg das Gesicht an den angezogenen Knien, als ihre Schultern zu zucken begannen.
Caroline tätschelte ihr auf den Rücken. „Na, na. Das wird schon wieder. Du bist in Sicherheit hier, glaub mir. Und du kannst bleiben, solange du willst.“
Dimitri überlegte kurz, als sie alleine waren und fragte: „Du sagst, du bist von einem Boot gefallen. Was war das für ein Boot?“
„Wir fahren die verlassenen Ortschaften ab und suchen in den Häusern und Lagern, was wir zum Leben brauchen. Aber es läuft nicht gut und der nächste Winter wird sehr hart werden.“ Sie sah ins Leere, als würde sie sich um die anderen Mitglieder ihrer Gruppe sorgen.
„Soll das heißen, du gehörst zu der Truppe vom guten alten Lars?“ Er konnte es kaum glauben, noch während er die Frage stellte.
„Ja! Woher kennst du…?“ Marit hielt plötzlich inne, riss die Augen auf und sah sich hektisch um, als nähme sie ihre unmittelbare Umgebung erst jetzt richtig wahr.
„Wo bin ich hier?“
Er seufzte und lächelte verlegen: „Auf Hallevik. Tja, was soll ich sagen: Herzlich willkommen in der Kriegsgefangenschaft.“
Sie sah ihn verstört an und rutschte ein wenig auf dem Sofa von ihm weg, worauf er ernster wurde: „He, das war doch nur Spaß. Du bist hier keine Gefangene. Du hattest sicher keine andere Wahl und hieltest es für das Beste, als du dich seinem Haufen angeschlossen hast. Du wolltest auch nichts weiter als ein festes und sicheres Dach über dem Kopf und genug zu essen.“
Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah ihn verblüfft aus ihren grauen Augen an. „Du kannst wohl Gedanken lesen! Genau so etwas in der Art wollte ich gerade sagen. Dabei kann ich froh sein, dass ich überhaupt noch lebe. Wenn ich nicht eine Woche vor Semesterende heimgeflogen wäre, wäre ich mitten im Atomkrieg in Deutschland gewesen. Dort unten sieht es sicher ein wenig anders aus als hier.“ Betrübt senkte sie ihren Kopf. „Leider hat meine Familie den letzten Winter nicht überlebt.“
Er strich ihr tröstend über die Schulter. „Tut mir leid. Was ist passiert?“
Er schien die richtigen Knöpfe gedrückt zu haben, denn auf einmal sprudelte es förmlich aus ihr heraus: „Wir waren eingeschneit, hatten fast nichts mehr zu essen und kein Holz zum Heizen mehr. Meine Eltern wollten ihr Haus nicht aufgeben, was ihnen und fast auch mir zum Verhängnis wurde.
Ich komme aus einem Dorf namens Lomi, das im bergigen Hochland östlich von Bodø nicht weit von der schwedischen Grenze an einem langen Gletschersee liegt. Dort sind die Winter schon unter normalen Umständen hart und lang, doch nach der Verfinsterung des Himmels wurde es unerträglich. Meine Eltern waren so zuversichtlich, weil sie reich gefüllte Vorratsschränke und ordentlich Heizöl und Brennholz hatten. Da die Regierung noch einige Monate nach der Katastrophe die öffentliche Ordnung über Notstandsgesetze aufrechterhielt, bekam jedes Haus noch gewisse Güter zur Grundversorgung zugeteilt. Oslo, Bergen, Trondheim und Stavanger waren zwar zerstört, doch die meisten Ölbohrplattformen in der Nordsee förderten noch eine Weile lang Erdöl, bevor der Betrieb eingestellt wurde. Die Arbeiter waren wohl nicht mehr zu halten, keiner glaubte mehr daran, dass es noch lange weitergehen würde. Jeder wollte nur noch nach Hause zu seiner Familie und auf das Ende warten.
Nach dem ersten Winter waren unsere Vorräte zwar stark geschrumpft, doch meine Eltern gaben sich zuversichtlich. Zweckoptimismus, wie mir jetzt klar ist. Wir hackten alle Holz in den Wäldern rund ums Tal, alle Nachbarn halfen sich gegenseitig. Dieses rührende Bild wandelte sich am Ende des Winters, als der Frost nicht weichen wollte und den ersten das Heizmaterial ausging und die Nahrung knapp wurde. Menschen, mit denen ich zusammen aufgewachsen war und die ich mein ganzes Leben lang kannte, stahlen erst heimlich in der Nacht unser Brennholz und kamen schließlich mit vorgehaltener Flinte. Mit Tränen der Scham in den Augen nahmen sie sich, was sie brauchten. Mein Vater hatte sich nie für die Jagd erwärmen können und war einer der wenigen im Dorf ohne Gewehr, was uns nun zum Verhängnis wurde. Er zog das Angeln vor, weißt du?“
Als ihre Augen feucht wurden, nahm er sie spontan in den Arm. „Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht willst. Ich verstehe, dass es schwer für dich ist.“
Sie nickte an seiner Schulter. „Irgendwann wusste ich nicht weiter und verließ unser Haus. Ich konnte meine Eltern nicht einmal begraben, der Boden war ja knochenhart gefroren. Sie sind vor mir verhungert, das war der einzige Grund, weshalb ich noch lebe, denn so blieb genug von den restlichen Vorräten im Haus, um mich noch einen Tag länger am Leben zu erhalten… und noch einen…
Dann kam einer der Nachbarssöhne; da ich mich tot gestellt hatte und allein im ungeheizten Haus in Decken gewickelt vor mich hin vegetierte, nahm er wohl an, niemand von uns würde noch leben und er könnte ungestört plündern. Als er mich fand, wollte er etwas anderes als Essen oder Holz. Pech für ihn; ich hatte ein Fleischermesser hinter dem Rücken verborgen, als er zu mir in die Küche kam.“
Ihre Augen funkelten zornig und traurig zugleich: „Nach dieser Tat konnte ich nicht mehr länger bleiben. Ich schaffte es bis zur Küste des Skjerstadfjorden, wo ich in Fauske praktisch über Lars und seine Leute stolperte. Sie machten gerade Station auf dem Weg in den Norden, weil sich unter den Überlebenden herumgesprochen hatte, dass es dort nur wenige Leute nach dem Atomschlag vor den Vesterålen geschafft hatten. Im Süden war der Kampf zwischen gut organisierten Kommunen wie unserer viel zu verbissen und gefährlich, doch im Norden auf den Inseln bei Narvik schien es noch viel Neuland zu geben, das man erschließen konnte.“
„Schlau gedacht vom alten Fuchs“, räumte er ein und erntete dafür einen missbilligen Blick von ihr.
„Rede nicht so über ihn! Er war nie schlecht zu uns und er sorgt sich sehr um seine Leute. Er duldet kein Unrecht in der Kommune und wacht mit strengem Blick über die Ordnung. Jeder von uns muss hart arbeiten, doch alles was wir haben wird gerecht verteilt.“
„Tja, Pech nur, wenn man nicht dazu gehört, oder? Dir ist klar, dass er uns vom ersten Moment an mit Waffengewalt alles abnehmen wollte, was wir besitzen, ohne sich darum zu kümmern, was mit uns geschieht. Ich weiß nicht, wie du das nennst, aber für mich ist das Raub. Er wollte sogar mehrere von unserer Gruppe erschießen.“ Dimitri sah sie ernst an.
„Das… das ist nicht wahr! Das soll ich glauben? Lächerlich! Er würde das nie tun“, sagte sie im Brustton der Überzeugung und nahm eine abweisende Haltung ein.
„Tja, manchmal tut die Wahrheit weh. Wir hatten ihm sogar angeboten, ihm von dem bisschen Fisch, den wir fangen, abzugeben, doch er wollte gleich ins Haus und Inventur machen. Das konnten Abbey, Daniel und Caroline nicht zulassen.“
„Was stellen die drei für euch eigentlich dar? Ich habe bemerkt, dass sie praktisch alle niederen Arbeiten erledigen, kochen, reinigen und so weiter, während ihr… was tut ihr eigentlich den ganzen Tag lang?“ Schnell lenkte sie von dem Streitthema ab, einerseits, weil es sie offenbar wirklich interessierte, doch vielleicht auch, weil sie sich nicht mit ihm streiten wollte, wie er aufgrund ihres Verhaltens annahm.
„Das ist schwer zu erklären. Wie soll ich… na ja... die drei sind so etwas wie eine Mischung aus Bodyguard, Haushaltshilfe und Mentor. Klingt verrückt, aber mir fällt keine bessere Beschreibung dafür ein. Außerdem ist Karin junge Mutter und Aishe in den ersten Monaten der Schwangerschaft. Wir machen hier so eine Art Ausbildung und trainieren und lernen jeden Tag hart, ohne Wochenende, ohne Pausen, um…“
„Ihr habt sogar Kinder hier? Oh Mann, das gibt’s doch nicht. Dabei seid ihr so wenige, gerade mal ein Dutzend.“ Sie staunte.
„Wir sind sogar weniger, als du glaubst. Und wir waren früher zwei mehr, doch sie wurden bei einem Überfall vor einem Jahr getötet. Karins Freund und Vater ihres Kindes und leider auch meine Freundin waren die Opfer. Sie starben einen völlig sinnlosen und grausamen Tod. Seither sind wir noch wachsamer, wie du dir denken kannst. Wir wollen so etwas nie mehr erleben.“ Seine Züge wurden hart.
Beschwichtigend und mitfühlend strich sie ihm über den Unterarm. „Ich glaube, das kann ich gut verstehen. Ihr seid bis an die Zähne bewaffnet und kämpft verbissen wie ein Wolf, der in die Enge getrieben wurde. Wahrscheinlich habt ihr auch deshalb eines unserer Boote versenkt, nicht wahr? Aber woher habt ihr das alles her, eure ganzen schweren Waffen, diese ganzen Vorräte und… wie seid ihr eigentlich an dieses Haus gekommen?“
„Tja, der Umsichtige plant voraus, dann hat er in der Not.“
„Aber das konntet ihr doch nicht wissen, oder? Ist das ein Notfallbunker für die Königsfamilie oder so? Ich meine… all die dicken Mauern, diese massiven Türen, eine Luftschleuse und doppelte Isolierglasfenster… man könnte meinen, das alles sei für genau diesen Zweck erbaut. Ihr habt es warm und sicher hier drin mit Strom und sauberem Wasser, obwohl das Haus von außen wie ein ganz normales Holzhaus aussieht.“ Während sie im Zimmer herumwanderte und mit einer allumfassenden Armbewegung ihre Aussage unterstrich, wurde er unsicher, wie viel er ihr erzählen konnte.
„Tja, wir haben es eben geahnt. Irgendwann musste es mal passieren. Nenn’ uns doch einfach den Club der Paranoiker.“ Er grinste sie an.
„Und wofür werdet ihr denn ausgebildet?“
„Guerillakampf“, erwiderte er gedankenlos, sie jedoch keuchte auf, worauf er hinzufügte: „Hör zu, das hört sich jetzt sicher blöd an, aber es gibt schicksalhafte Fügungen, denen wir uns nicht so einfach entziehen können. Die meisten von uns haben sich vier Wochen vor dem Krieg noch gar nicht gekannt, bevor wir zusammen gewürfelt wurden. Nicolas ist ein Jahr später zu uns gestoßen, was ebenfalls kein Zufall sein kann. Und jetzt du… hat Simon dir schon erzählt, dass er in Freiburg mit dir in Kontakt stand?“
Sie wurde aschfahl, doch er umriss ihr schnell die Umstände, wie er sie begriffen hatte, was sie sehr nachdenklich machte. Sie hörte auf, im Zimmer herum zu wandern und setzte sich wieder auf die Couch. Dabei versuchte sie das Gefühl der Schwäche zu verdrängen, das ihren Kreislauf heimsuchte.
„Das ist wirklich seltsam. Und ihr seid alle aus Deutschland?“ staunte sie.
„Aus dem deutschsprachigen Raum. Wir lernen aber auch Russisch, weil das in Zukunft von Bedeutung sein wird.“
„Du meinst, die Russen gewinnen den Krieg?“ meinte sie ängstlich.
Er schüttelte den Kopf. „Es gibt keinen Krieg in dieser Form mehr. Keine Nation hat noch lange Bestand, die Menschen werden keinen Unterschied mehr zwischen verschiedenen Völkern machen. Es gibt bald nur noch uns und… sie. Ach, ich habe schon genug Unsinn geplappert für heute.“
Als er aufstand und zur Tür ging, rief sie unsicher: „Was hast du denn? Warum gehst du?“
Er sah noch mal über die Schulter und lächelte sie an. „Es ist spät, Marit. Morgen ist auch noch ein Tag. Geh lieber auch zu Bett, damit du dich schnell erholst.“
„Sie sah ihm nach und seufzte leise. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie zu tief gebohrt hatte mit ihren Fragen und er ihr lieber ausweichen wollte, als sie direkt anzulügen. Das rechnete sie ihm hoch an.
Als sie aufstand, merkte sie, dass sie noch sehr unsicher auf den Beinen war. Sie fühlte sich auch sehr schwach, ausgelaugt und fiebrig. Als sie ihren Handrücken an die Stirn hielt, fühlte sich diese warm an. Sie blieb in der Mitte des Zimmers stehen und drehte sich einmal im Kreis, ihre Umgebung intensiver betrachtend als zuvor, als sie noch halb im Delirium auf der Couch gelegen hatte. Ihr Blick fiel auf die Wand hinter der Sitzgruppe, wo ein großer Teil der Wandverschalung aus weißem Holz ausgebessert worden war, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht gleich erkannte. Jetzt, wo sie wusste worauf sie zu achten hatte, fielen ihr nach und nach auch an vielen der Möbel Nachbesserungen auf, als sei Einiges schon einmal zu Bruch gegangen und dann wieder so gut wie möglich hergerichtet worden. Das musste bei dem von Dimitri erwähnten Überfall geschehen sein.
Sie näherte sich der Fensterfront, die wie überall im Haus aus massiver Doppelverglasung bestand, und spähte um den meterbreiten Mauerabsatz links, der bisher von ihrem Platz aus nicht einsehbar gewesen war, wobei sie eine Menge zertrümmerter Holzbretter und auch Parkettstücke entdeckte. Offenbar war dieser Bauschutt mangels anderer Möglichkeiten hier abgelegt worden. Ihr fiel ein, dass es im ansonsten makellosen Flur eine längliche Kuhle im Fußboden gab, um die alle wie selbstverständlich herumliefen, als wäre sie schon lange da.
Dann sah sie noch ein wenig weiter nach links und erstarrte. Was war das?
So etwas hatte sie noch nie gesehen. Eine makellose Kugel mit einem Durchmesser von etwa einem halben Meter, die glänzte wie polierter Stahl oder sogar Silber, war halb unter dem Bauschutt verborgen. Einen Moment lang musste sie gar an einen riesigen Tropfen Quecksilber denken, doch dann verscheuchte sie diesen abwegigen Gedanken wieder. Fantasierte sie etwa im Fieberwahn? Nochmals griff sie sich an die Stirn, die sich diesmal um einiges heißer als noch vor kurzem anfühlte.
Dummerweise ließ sich die Balkontür auch nicht öffnen, als sie mit ganzer Kraft daran zog.
Dieses Haus barg Geheimnisse, soviel war sicher.
Sie sah sich weiter um und bemerkte dabei die Wärme unter ihren Füssen wie von einer schwachen, aber doch wirkungsvollen Fußbodenheizung und auch die dünnen, aber rundum führenden Lüftungsschlitze der Luftumwälzungsanlage blieben ihr nicht verborgen. Sie würde sich das gerne genauer ansehen, doch es wurde nun zusehends finsterer, so dass sie zur Tür in Richtung Küche ging und das Licht einschaltete. Seltsam, nichts passierte. Doch dann musste sie sich korrigieren, denn es passierte sehr wohl etwas.
Die Metalllammellen der Rollläden fuhren lautlos zwischen den beiden dicken Glasschichten langsam herab, bis sie am Boden auftrafen und das Wohnzimmer für einen Moment lang in absolute, undurchdringliche Finsternis tauchten. Marit bekam es schon ein wenig mit der Angst, beruhigte sich dann aber. Gut, hatte sie eben aus Versehen den Bedienknopf für die Storen anstatt des Lichtes erwischt.
Kurz bevor sie den Knopf erneut drücken konnte, um, wie sie dachte, die Rollläden wieder anzuheben, da nahm sie plötzlich wahr, dass die Lichter im Raum allmählich innerhalb mehrerer Sekunden hoch gedimmt wurden.
Unglaublich! Das musste sie genauer wissen. Sie betätige den Knopf und in der Tat nahm die Helligkeit wieder ab, bis die Lichter ganz verloschen waren und eine Sekunde später die Lamellen angehoben wurden.
Nach all den Monaten, die sie und ihre Familie sich in ihrem Haus tot gestellt hatten, war ihr sofort klar, dass das eine Verdunkelungsautomatik war, die nicht den kleinsten Schimmer Licht nach draußen lassen sollte, um ja niemandem einen Hinweis darauf zu geben, dass hier jemand lebte. Und das alles war bereits beim Bau des Hauses berücksichtigt worden, davon war sie felsenfest überzeugt, denn für eine nachträgliche Aufrüstung wäre das ein viel zu hoher Aufwand gewesen.
Ihr analytischer Verstand arbeitete auf Hochtouren trotz des einsetzenden Fieberschubes, den sie nun nicht länger verleugnen konnte. Sie fühlte sich beinahe wie Alice im Wunderland auf Entdeckungstour im Kaninchenbau. Vorsichtig drückte sie die Türklinke zur Küche herunter und blickte durch den Spalt ins Innere. Erwartungsgemäß war der Raum verlassen, worauf sie schnell herein schlüpfte.
Die Küche war schmal, aber lang angelegt und machte einen Knick nach rechts, bevor sie in einer weiteren Tür, die auf den Flur führte, endete und somit grob die Form eines „L“ hatte. Sie sah sich interessiert die Haushalts- und Kochgeräte an. Menge und Ausmaße von Geschirr, Pfannen, Töpfen, Herd und Backofen sowie drei Mikrowellen deuteten darauf hin, dass hier von vorneherein für das Bekochen einer ganzen Gruppe geplant worden war. Sie zog an der Kühlschranktür und staunte über den vielfältigen Inhalt an angebrochenen Großpackungen. Auch das geräumige Tiefkühlfach war gut gefüllt. Wie konnte das sein?
Als sie probeweise einen der Wandschränke über der Anrichte öffnete, stockte ihr der Atem: er war randvoll bestückt mit vakuumverpackten Reis- und Teigwarenpaketen und mehreren Dutzenden von Mehlpackungen, alle peinlich genau sortiert und übersichtlich wie mit dem Lineal angeordnet. Sie öffnete rasch einen Schrank nach dem anderen und bekam einen trockenen Mund. Alleine die ganzen Vorräte zusammengenommen, nur in diesem einen Raum, repräsentierten von der Menge her bestimmt die Hälfte dessen, was sie sich bisher in ganz Harstad und Umgebung mühevoll für den baldigen Winter zusammen gesucht hatten.
Ein Gedanke kam ihr.
Dies war nur die Küche. Es musste doch sicher einen Vorratsraum oder Keller geben.
Ja, ihr fiel ein, dass sie die Treppe gegenüber von ihrem Zimmer aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte, als sie sie heute morgen, noch in geschwächtem Zustand, ins Wohnzimmer geführt worden war. Sie musste unbedingt…
„Bist du falsch abgebogen?“
Marit zuckte zusammen. In ihrem Zustand hatte sie weder gehört, wie die Tür sich geöffnet hatte, noch wie Caroline hinter sie getreten war. Sie bemerkte den besorgten Ausdruck auf ihrem Gesicht, noch bevor sie ein einziges Wort der Rechtfertigung hervor bringen konnte. „Geht es dir gut, Marit? Du hast Fieber, würde ich sagen. Lass mich mal fühlen.“
Sie legte ihr ihre überraschend kalte Hand auf die Stirn, die, wie Marit jetzt bemerkte, mit Schweißtröpfchen bedeckt war und förmlich glühte. Dabei sagte Caroline: „Oh je, 40,3 °C. Das sieht nicht gut aus. Offenbar hast du einen Rückfall. In deinem Zustand ist das eine ernste Sache; wir haben es wohl zu gut mit dir gemeint, als wir dich schon haben aufstehen lassen. Wir bringen dich besser gleich zurück ins Bett.“
„Lass mich, mir geht es gut!“ Sie schlug die Hand weg, doch zu ihrer Verblüffung zog Caroline den Arm blitzschnell zurück, bevor sie ihn auch nur streifen konnte.
„Das sind typische Anzeichen eines beginnenden Fieberschubes; ich werde dir helfen.“
„Nein, warum? Wer bist du? Was willst du von mir?“ Marit kannte sich mit Medizin gut genug aus, um ihren Zustand zu ihren Gunsten zu nutzen, denn obwohl sie bei klarem Verstand war, nahm Caroline offenbar an, dass sie schwerer mitgenommen war, als es der Fall war. Sie spielte mit und täuschte eine leichte Verwirrung im Fieberzustand vor, um sich die Fragen nach ihrem Aufenthalt in der Küche zu ersparen.
Es schien zu klappen; Caroline schätzte sie als deliriös ein und hielt sie für pflegebedürftig. Marit wischte wie unabsichtlich ein Glas auf den Boden und sprang mit einem Kieksen zurück, als es auf den weißen Fliesen zersprang. Laut jammerte sie: „Oh nein, nein! Es ist kaputt!“
Sofort machte Caroline einen Schritt nach vorne und bückte sich, um die Scherben rasch aufzulesen. „Oh je, da haben wir die Bescherung. Ich räume das schnell zur Seite, bevor du in die Scherben treten und dich verletzen kannst.“
Das war ihre Chance zu fliehen. Wieselflink griff sie nach einem großen hölzernen Pfefferstreuer und zog ihn mit aller Kraft über ihren Hinterkopf. Sie wollte Caroline nicht ernsthaft verletzen, doch sie konnte ihrem Körper nicht vertrauen, denn obwohl ihr Geist trotz allem hellwach war, war sie doch geschwächt und nicht so bei Kräften, wie sie vielleicht dachte. Also legte sie alle Kraft in den Schlag mit der improvisierten Keule.
Erstaunt nahm sie wahr, dass Caroline, obwohl noch immer nach unten gebückt, Anstalten zu machen schien, ihren Kopf wegzuziehen. Als hätte sie Augen im Hinterkopf, dachte Marit verwundert.
Ihre Verwunderung stieg ins Grenzenlose, als der Pfefferstreuer auf ihrem Hinterkopf zersplitterte.
Nicht einfach zerbrach, nein, er zersplitterte, als hätte sie den ellenlangen Zylinder aus festem Holz über einen massiven Amboss gedroschen. Die zierlich gebaute junge Frau zuckte dabei nicht einmal.
Vielleicht litt sie doch unter Fieberwahn, dachte Marit erschrocken.
Als sich Caroline ohne einen Kratzer aufrichtete und den Blick auf sie richtete, fing sie zur Sicherheit an, unkontrolliert zu schreien. „Nein, lass mich! Ich kenne dich nicht, wer bist du? Du darfst mir nichts tun, ich bin ganz alleine! Ich habe… nein…“
Sie ließ sich unsanft zu Boden gleiten und starrte teilnahmslos ins Leere, ständig paranoides Zeug brabbelnd, worauf Carolines Gesicht nun doch wieder besorgte Züge annahm. „Wir haben dir wohl doch zuviel zugemutet, meine Kleine. Komm, ich bring dich ins Bett zurück.“
Sehr gut, dachte Marit. Eigentlich hatte sie sie niederschlagen und Hals über Kopf fliehen wollen, doch jetzt erkannte sie, wie töricht das gewesen war. Denn offenbar halluzinierte sie wirklich. Wie sonst ließ sich das eben Erlebte sinnvoll erklären? Bestimmt wäre sie nicht weit gekommen, bevor sie wirklich zusammen geklappt wäre. Dann musste sie also das Spiel durchziehen und sich benebelt und verwirrt stellen.
Sie würde sich langsam erholen und dann weitersehen.



Als sie im Krankenzimmer im Bett lag, erlebte sie den nächsten Fall von Sinnestäuschung, als Caroline sie mit einem kleinen ärztlichen Instrument in die Fingerspitze stach und einen Tropfen Blut herausdrückte. Diesen Tropfen leckte sie zu Marits maßlosem Erstaunen von der Spitze des Instruments und schloss den Mund. Nach einer Sekunde, in der sie in ihr Inneres gekehrt schien, murmelte sie mit beruhigendem, zuversichtlichen Tonfall: „Da hast du dir aber einen üblen Erreger eingefangen. Keine Sorge, ich werde dir ein Breitbandantibiotikum verpassen und dir strenge Bettruhe verordnen müssen, dann bekommen wir das schon in den Griff.“
Zu guter letzt kam jetzt auch noch Silke herein und sah besorgt hinab auf Marit. „Na, wie geht’s ihr?“
„Leider gar nicht gut. Sie hat einen schweren Fieberschub bekommen und ist im Delirium. Vorhin ist sie ziellos in der Küche umher gewandert und zeigte paranoide Abwehr-mechanismen, als ich sie zu Bett bringen wollte. Unsere erste Prognose war wohl zu voreilig. Ich habe sie gerade gescannt und einen Erreger in ihrem Blut entdeckt, gegen den ich ihr jetzt Antibiotika per Tropf verabreichen werde.“
„Die Arme.“ Mit ehrlicher Besorgnis musterte sie Marit, was dieser einen kleinen Stich ins Herz versetzte und ihr ein schlechtes Gewissen bescherte. Dann wandte sie sich zu Caroline und wurde ein wenig verlegen. „Apropos scannen, deshalb hab’ ich dich dich gesucht. Ich wollte dich bitten…“
„Schon gut, ich weiß.“ Sie holte aus dem kleinen Schrank mit Material, den sie vor einem Jahr nach Einrichten des Raumes aus dem Keller hier hoch und mit einem Ensemble aus am meisten benötigten Utensilien bestückt hatten, einen kleinen dünnen Holzspatel und machte einen Abstrich auf Silkes Zunge, die sie bereitwillig heraus streckte, als wisse sie über die Prozedur schon Bescheid und als würden sie das öfters tun.
Marit musste sich schwer beherrschen, um nicht aufzuschreien, als sie mit aufgerissenen Augen beobachtete, wie Caroline auch diesen Spatel mit der Zunge ableckte und wieder einen Moment innehielt. Dann lächelte sie: „Deine Hormonwerte sind in Ordnung; kein Eisprung in Sicht. Ihr könnt ruhigen Gewissens loslegen.“
„Musst du sich immer so ausdrücken? Ein wenig mehr Diskretion bitte“, lachte Silke mit rotem Kopf und schlug ihr spielerisch auf den Unterarm.
„Ihr süßen, kleinen Karnickelchen“, frozzelte Caroline schmunzelnd weiter und schob die gespielt entrüstete Silke aus dem Zimmer. Marit indes wusste nun gar nicht mehr, was sie davon halten sollte.
Wenn sie ihrem Verstand vertrauen sollte, führte Caroline durch Aufbringen von Blut- und Speichelproben auf ihre Zunge Infektionsscreenings und hormonelle Verhütungstests durch. Nicht zu vergessen, dass sie vorhin in der Küche durch Handauflegen ihre Temperatur zu messen behauptet hatte.
Sie war wohl doch schwerer mitgenommen, als sie sich eingestehen wollte. Deshalb ließ sie sich gehen und fiel in einen unruhigen Schlaf, während dem ihr der Tropf gelegt wurde und Daniel an ihrem Bett wachte.
Sie brauchte Ruhe. Viel Ruhe.



Hallevik, Insel Rolla, Troms Fylke, Norwegen                        28. August 2006

Als Marit an diesem Morgen zum ersten Mal wieder mit klarem Kopf erwachte, fühlte sie sich scheußlich, körperlich ausgelaugt und ermattet. Sie sah auf und erkannte Abbey an ihrem Bett Wache halten. Mit brüchiger Stimme fragte sie: „Wie lange war ich weg?“
„Fast drei Tage. Wir waren schon in ernster Sorge um dich, weil du so hohes Fieber gehabt hast. Aber du scheinst sehr zäh zu sein und eine gute Grundkonstitution zu haben.“ Abbey entfernte den Kochsalztropf mit Antibiotika, von dem Marit bis dahin gar nichts bemerkt hatte.
„Ja, das kann schon sein. Schließlich lebe ich noch.“ Sie drehte sich ein wenig und sah ihr in die Augen. „Abbey, richtig?“
Als sie bestätigend nickte, wollte Marit mit ernster Miene wissen: „Was ist hier los, Abbey? Kannst du mir sagen, was in diesem Haus vorgeht?“
Die künstliche Lebensform blieb neutral, als sie antwortete: „Zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nicht. Du bist noch sehr schwach und wir wollen dir nicht zu viel auf einmal zumuten. Ruh dich aus; mit der Zeit kommen dann die Antworten.“
„Diesen Satz habe ich schon einmal in ähnlicher Form gehört, in einem Film, glaube ich.“ Marit lächelte schwach, verbergend, wie unbefriedigend Abbeys Aussage für sie war.
Abbey erwiderte das Lächeln, als ein rasch angestellter Vergleich ihrer Datenbanken nach knapp zwei Sekunden ein Ergebnis erbrachte. „Eine fast schon prophetische Aussage. Du beziehst dich auf den Film Matrix. Als Neo ins wirkliche Leben geholt wird, ist das eines der ersten Dinge, die Morpheus zu ihm sagt.“
Die junge hübsche Norwegerin nickte schwach. „Du hast Recht. Meine Güte, du warst wohl ein richtiger Film-Freak.“
„Na ja, wer kennt den Film nicht? Wenigstens Teil eins.“ Abbey winkte ab.
„Ich weiß genau was du meinst. Konnten sie dieses Werk nicht auf sich beruhen lassen? Warum diese beiden Fortsetzungen? Ach, lassen wir das. Darf ich schon Besuch bekommen?“
Etwas verdutzt sah Abbey auf. „Wen möchtest du denn sprechen?“
„Simon. Ich glaube, es hat sich heraus gestellt, dass wir uns kennen.“
„Natürlich. Ich will mal sehen, was sich da machen lässt.“ Sie verließ den Raum, der außer dem doppelstöckigen Bett, einem einfachen Holzstuhl, einem Wandschrank und dem hüfthohen Medizinschrank nichts enthielt. Kaum war ihre Fürsorgerin gegangen, da hievte sich Marit mühsam aus dem Bett und wankte zum Fenster, um einen Blick hinaus zu werfen. Verblüfft sah sie, dass draußen ein fürchterlicher Sturm tobte und starker Regen beinahe horizontal an der Scheibe vom Wind vorbei getrieben wurde, was die Sicht fast auf Null reduzierte. Dabei konnte man rein gar nichts davon hören, was die Szenerie gespenstisch erscheinen ließ. Das einzige, was sie erkennen konnte, war ein steil ansteigender Berg sehr nahe am Haus und am Rande ihres rechten Blickfeldes das tobende, windgepeitschte Meer, dessen hohe Wellen schäumende Gischt ans nahe Ufer trugen.
Als sie schnell ins Bett zurück huschte, merkte sie, dass es ihr schon körperlich besser ging. Allerdings mussten ihre Gastgeber das ja nicht gleich erfahren, dachte sie beim Zuschlagen der Bettdecke.
Kurz darauf betrat Simon den Raum und zog sich gleich den Stuhl heran. „Na, bist du wieder ansprechbar?“
„Du kannst ruhig Deutsch reden, wie du weißt, habe ich Germanistik studiert“, erinnerte sie ihn mit matter Stimme.
„Ach, stimmt ja. Und, geht es dir gut?“
„Ziemlich. Nein, eigentlich nicht. Wie es halt so ist, wenn man fast ersoffen ist. Mich interessiert etwas ganz anderes.“
Neugierig beugte er sich vor. „Ja?“
„Hast du ein paar Akira da?“ Sie grinste schwach, als er auflachte.
„Natürlich, darüber haben wir ja gechattet, als wir uns kennen lernten. Sei so gut und erzähle es keinem der anderen, sie würden mich für einen Comic-Freak halten, vor allem wenn es um Mangas geht“, erklärte er mit verschwörerischem Unterton.
„Aber genau das bist du doch“, protestierte sie immer noch lachend, hielt dann aber ein und hustete heftig und ausgiebig. Als er kurz davor war, aufzuspringen und Hilfe zu holen, beendete sie das Schauspiel und winkte ab. „Geht schon wieder.“
„Du wirst dich sicher bald erholt haben. Ich freue mich jedenfalls, dass wir uns doch noch so unerwartet persönlich kennen gelernt haben. Und wenn du dich erst mal ein Weilchen hier eingelebt hast, können wir dich auch in alles einweihen, was dir jetzt noch seltsam und fremdartig erscheinen muss.“ Simon machte einen sehr freundlichen und höflichen Eindruck auf sie, doch auch er schien offensichtlich nicht bereit, ihr mehr zu verraten.
Alle waren einfach nur besorgt um ihr Wohlergehen, wie sie feststellen konnte. Irgendwie beruhigte sie das und es gefiel ihr sogar, wie sie sich eingestehen musste. Am meisten wunderte es sie, dass keiner auch nur für eine Sekunde den Verdacht zu hegen schien, sie würde nicht hier bleiben wollen und könnte zurück zu Lars’ Truppe wollen.
Aber wollte sie das überhaupt?
Hier hatte sie es jedenfalls besser als in ihrer Kommune.
Sie unterhielt sich noch ein wenig mit ihm und sagte dann, sie wolle etwas ausruhen, worauf er sich verständnisvoll zurückzog. Kaum hatte er das Zimmer verlassen und sie die Augen geschlossen, als Caroline ins Zimmer kam. Man ließ sie keine Sekunde aus den Augen, genau wie sie vermutet hatte. Und sie sollte keine Gefangene sein? Lächerlich.
Ohne es zu wollen, fiel sie tatsächlich wieder in einen tiefen Schlaf.



Kurz vor Mittag wachte sie auf, mit dem Gefühl, ihr Zustand habe einen Quantensprung gemacht. Caroline wurde augenblicklich auf sie aufmerksam. „Hallo. Und, wie fühlst du dich?“
„Ziemlich beschissen“, log sie. Das schlechte Gewissen, das sie dabei hatte, rührte sicher noch von ihrem Versuch her, sie zu überwältigen. Was für einen irren Drogentrip man im Fieberwahn doch haben konnte, dachte sie ironisch und lächelte matt, was die kleine rothaarige Elsässerin erwiderte.
„Das wird schon wieder. Willst du etwas essen? Glaubst du, du kannst am Mittagessen teilnehmen?“
Sie wollte ihre Täuschung durchziehen, doch dann fiel ihr ein elementarer Aspekt ein, der bei einer eventuellen Flucht wichtig sein konnte: sie konnte ihre Kleidung nirgends entdecken. Auf dem oberen, leeren Bett war sie auch nicht abgelegt gewesen, wie ihr nun einfiel. Jedenfalls nicht heute morgen, als sie einen kurzen Blick aus dem Fenster geworfen hatte. Dabei fiel ihr auf, dass es draußen nicht mehr so düster war; vielleicht hatte der Sturm von heute morgen nachgelassen. Wieder ein Aspekt, den sie nicht vernachlässigen durfte: das Wetter.
Sie beschloss, ihre kühnen Phantastereien über Fluchtpläne zunächst beiseite zu schieben. Sie würde als Kompromiss zum Essen gehen und die Gruppe erneut als Ganzes erleben. So konnte sie vielleicht etwas besser abschätzen, was sie tun sollte. Noch nie in ihrem Leben war sie so hin- und her gerissen gewesen wie bei dieser Frage.
Einerseits lag die Dankbarkeit gegenüber dieser kleinen Gruppe seltsamer Leute in ihrem noch seltsameren Haus in der Waagschale. Sie hatten sie ohne das geringste Zögern in ihrer Mitte aufgenommen. Und soweit sie das bisher beurteilen konnte, verschwiegen sie ihr zwar einiges, doch nur, um sie zu schonen, wie sie fest glaubten. Was konnte das schon noch Weltbewegendes sein, was sie ihr zu ihrem eigenen Wohl verheimlichen wollten? Sie würde schon nicht vor Schreck tot umfallen.
Auf der anderen Seite stand ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Kommune von Lars. Ihr hatte sie sich freiwillig angeschlossen, auch wenn sie damals ziemlich am Ende war und keine Alternative gesehen hatte. Moralisch hatte sie keine Einwände gegen das Sammeln von Vorräten gesehen, die sie aus leeren und verwaisten Häusern und Lagern sammelten. Wem nützte es schon, wenn die von ihnen dringend benötigten Lebensmittel und Güter nutzlos verschimmelten und verdarben? Sie hatten viele hungrige Mäuler zu stoppen, auch Frauen und Kinder.
Aber was, wenn es stimmte, was Dimitri ihr über Lars gesagt hatte? Sie konnte das einfach nicht glauben. Dieser Mann hatte trotz oder vielleicht gerade wegen seiner kleinwüchsigen und korpulenten Statur ein extrem autoritäres Auftreten und vermittelte allen in der Gruppe Zuversicht. Er schien immer zu wissen, was zu tun war und führte seine Truppe mit strenger, aber gerechter Hand, wie sie fand. Sie hatte nicht sehr oft mit ihm persönlich zu tun, nicht mehr als alle anderen Frauen und Kinder, die nur gelegentlich zu Sammelaktionen auf See mit fuhren und sich ansonsten um die Arbeit kümmerten, die in Skjellelv zu erledigen war. Und doch war sie überzeugt von ihm. Sie wusste, was für ihn auf dem Spiel stand.
Rasch wischte sie ihre Überlegungen beiseite und lächelte Caroline an. „Ja, etwas richtiges zu essen wäre toll. Ich habe einen Bärenhunger.“
„Ich hole dir nur schnell etwas zum Anziehen. Wir beginnen in zehn Minuten mit dem Mittagessen.“ Caroline erhob sich und ging aus dem Raum.
Bingo.
Sie erhob sich mühsam aus dem Bett und ging erneut zum Fenster. Wie durch einen kleinen Tunnel sah man durch den fünfzig Zentimeter tiefen Ausschnitt nach draußen, von jeglichem Geräusch abgeschnitten. Der Wind hatte tatsächlich nachgelassen, es regnete aber immer noch. Die bleigrauen Wolken hingen sehr tief am Himmel und drückten sich um den Berg herum, der vor dem Fenster aufragte.
„So, bitte sehr. Ich hoffe, es passt.“ Ohne dass sie es gemerkt hatte, war Caroline hinter ihr zurück ins Zimmer gekommen. Wie machte sie das nur immer? Wie eine Raubkatze…
„Danke, Caroline.“ Sie zog das schlichte weiße Nachthemd ungeniert aus und schlüpfte in die bequeme Unterwäsche, die zuoberst auf dem gefalteten Stapel Wäsche lag. Caroline machte genau so wenige Anstalten, weg zu sehen.
Beim Überstreifen des leichten olivgrünen Jogginganzugs fragte sie mit schuldbewusster Miene: „Hast du noch Schmerzen?“
„Was meinst du?“ wollte Caroline wissen, ihre Miene Ahnungslosigkeit spiegelnd.
„Na ja, ich war nicht sehr nett zu dir. Ich hätte dich in der Küche mit dem Pfeffersteuer schlimm verletzen können.“
„Ja, zum Glück hast du nicht getroffen.“ Caroline winkte ab. „Deine Reaktionen waren ziemlich eingeschränkt und unkoordiniert, aber du hast das gute Stück sauber auf dem Küchenboden  zertrümmert.“
„Mann, bin ich froh; ich hatte den Eindruck gehabt, ich hätte ihn dir voll über den Kopf gezogen. Wie verrückt!“ Marit war gerade dabei, sich die beiliegenden schwarzen Sportschuhe zuzubinden, deshalb war sie vornüber gebeugt und musste ihr nicht ihr Antlitz zeigen. Denn sie war nicht sicher, wie gut sie ihr in diesem Augenblick hätte verheimlichen können, dass sie ihr kein Wort glaubte. Sie wusste genau, was sie gesehen hatte, auch wenn es keinen Sinn ergab. Über ihre restlichen Beobachtungen hier im Krankenzimmer in jener Nacht brauchte sie demnach gar nicht erst zu reden.
Es lag also doch einiges im Argen hier, wenn sie so schamlos angelogen wurde. Ihr Vertrauen in die Gruppe des Safehouse schwand wieder ein wenig. Sie konnte nicht akzeptieren, dass sie zu ihrem eigenen Schutz belogen werden sollte.



Das Mittagessen war fabelhaft gewesen. Mit Heißhunger hatte sie das Schweineschnitzel mit Kartoffelecken und Rahmspinat verschlungen, wobei sie sich gehütet hatte, nach der Herkunft dieser Lebensmittel zu fragen. Dazu gab es Tee mit braunem Zucker, alles sehr gut gekocht und wohlschmeckend, auch wenn sich die Portion insgesamt in Grenzen hielt. Mit einigen verstohlenen Seitenblicken registrierte sie, dass die anderen noch einiges weniger an Beilagen hatten, wollte sich jedoch nicht eingestehen, dass sie eventuell auf einen Teil ihres Essens verzichteten, um ihr eine größere Portion und somit eine schnellere Rekonvaleszenz zu ermöglichen.
Sie beobachtete den kleinen Nick in seinem improvisierten Bettchen neben dem Sofa, der selig schlief und nur ab und zu ein leises Geräusch von sich gab, wenn er sich ein wenig in seinen Laken bewegte. Dieses Kind würde nie einen Vater kennen, hineingeboren in eine solche Welt. Der Gedanke betrübte sie.
Nach dem Essen gab sie sich müde und ermattet, sodass Dimitri sich anbot, sie zurück ins Krankenzimmer, wie die offizielle Bezeichnung ihres Raumes war, zu bringen. Sie bedankte sich für alles und musste sich schon beim Gehen eingestehen, dass es sehr schön war, unter dieser kleinen, aber  netten Gruppe zu weilen. Fast fühlte sie sich schon jetzt geborgener als in der Kommune; schnell verdrängte sie diesen Gedanken wieder.
Auf dem Gang äußerte sie den Wunsch, noch ins Badezimmer zu dürfen, was er ihr natürlich nicht verwehren wollte. Als sie fertig war, fragte sie noch zusätzlich, ob sie duschen könnte, jetzt da sie schon einmal auf und bei Kräften war. Nachdem sie tagelang ununterbrochen im Bett gelegen hatte, hatte er Verständnis für dieses Bedürfnis und wartete geduldig vor den Waschbecken, nachdem er ihr ein Badetuch geholt hatte. Dabei unterhielten sie sich ungezwungen über die Sichtschutzwand der Duschkabine hinweg und flachsten sogar ein wenig herum. Als sie begann unter der Dusche zu singen, musste er einen Lachanfall unterdrücken.
Beflügelt von diesem kleinen Intermezzo, brachte er sie anschließend zurück. Auf dem Flur fiel ihr auf, dass überall zwischen den einzelnen Zimmertüren solide Haken in die Wand geschlagen waren, es hing jedoch kein einziges Bild. Dass dort normalerweise Sturmgewehre für jeden der Gruppe griffbereit und durchgeladen hingen, hätte sie nie erraten. Marit lebte zwar wie alle in der Welt nach dem Tag des Jüngsten Gerichtes, doch die Schrecken, denen die Bewohner dieses Hauses sich schon gegenüber gesehen hatten, lagen jenseits ihres Vorstellungsvermögens.
Wieder verkniff sie sich eine Frage und legte sich stattdessen ins Bett, als sie sich des Jogginganzuges entledigt hatte. Dimitris Seitenblicke waren ihr dabei nicht entgangen. Nun, sie war noch nicht so sehr abgemagert, dass ihr jegliche Attraktivität abging, dessen war sie sich bewusst.
„Willst du vielleicht etwas zu lesen haben? Wir haben auch ein paar Bücher auf Englisch, wenn du Interesse hast.“ Er schien aufrichtig um ihr Wohl besorgt, dachte Marit und wieder fühlte sie diesen Stich im Herz, als jede Faser ihres Seins ihr sagte, es war falsch, diese Menschen zu hintergehen, und sei es nur in Gedanken. Sie hatten sie bereits in ihr Herz geschlossen und waren fest davon überzeugt, dass sie bei ihnen bleiben und sich ihnen anschließen würde.
Sie schüttelte stumm den Kopf und schenkte ihm noch ein warmherziges Lächeln, das seine Wirkung nicht verfehlte, wie sie am Leuchten in seinen Augen sah. Dann schlug sie das Laken hoch und schloss die Augen. Sie brauchte wirklich noch einiges an Ruhe, um wieder fit zu werden.



Nach mehreren Stunden erwachte sie erholt und frisch mit dem Gefühl, sie könne Bäume ausreißen. Nun, das vielleicht nicht gerade, doch sie spürte eindeutig die wohltuende Wirkung des reichhaltigen Essens, der warmen Dusche und des erholsamen Schlafes.
Und der Fürsorge der Gruppe, wie sie sich eingestehen musste. Sofort war ihr schlechtes Gewissen wieder da und das Gefühl, dass es falsch wäre, sich gegen sie zu wenden. Sie musste unbedingt Gewissheit darüber erlangen, wer und was diese Leute hier waren. Solange sie nicht mehr Informationen hatte, konnte sie nichts finden, um ihr Gewissen zu beruhigen, geschweige denn zu einer Entscheidung finden, was sie tun sollte.
Offenbar hielt man es nicht mehr für nötig, sie zu bewachen. Das sprach eindeutig dafür, dass sie eben doch keine Gefangene war, sondern nur zur Beobachtung ihres Zustandes über sie gewacht worden war. Sie bezog dieses Faktum in ihr Für und Wider ein, während sie sich schnell anzog und dann nochmals einen flüchtigen Blick aus dem Fenster warf. Es hatte wiederum ein wenig aufgeklart und die Wolkendecke lag um einiges höher, doch der Gipfel ihres ‚Hausberges’ lag noch immer verhüllt. Gerade wollte sie sich abwenden, als sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahrnahm.
Tatsächlich! Sie sah, wie Daniel zusammen mit Simon, Silke, Dimitri und Maja vom Haus weg und um den Berg herum ins Landesinnere joggten. Sie hielten sich offenbar topfit, ganz wie es bisher den Anschein gehabt hatte. Sie hatten ausreichend und in genügender Abwechslung zu Essen und schienen ihr alle sportlich, sehnig und durchtrainiert; keiner von ihnen hatte ein Gramm überflüssiges Fett am Körper.
Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür und öffnete sie vorsichtig, um durch den Spalt hinaus zu spähen. Der Flur war verwaist; durch die transparenten Seiten der Schleuse hindurch konnte sie die Kellertreppe sehen. Jetzt oder nie.
Lautlos huschte sie über den Gang um die Schleuse herum und sprang praktisch auf den Absatz auf die erste Stufe hinab, als sie hörte, wie sich die Tür zum Wohnzimmer öffnete. Jemand ging ein paar Schritte und öffnete eine weitere Tür. Da war jemand offensichtlich vom Wohnraum zum Bad gegangen. Sie hatten tagsüber Unterricht, wie sie beim Essen erfahren hatte. Fünf von ihnen waren also beim Joggen und der Rest im Wohnzimmer beim Lernen, wenn sie Glück hatte. Für sie die Gelegenheit, sich umzusehen.
Sie war am Fuß der Treppe angelangt und bog nun auf den Kellerflur ein. Dabei fiel ihr die ungewöhnliche Höhe des Kellergeschosses und die Massivität der Mauern hier unten auf. Sie erreichte die Ecke und bog rechts auf den Hauptgang ein, der in der Länge etwa dem Flur über ihr entsprach, auch wenn er viel enger und sehr finster war. Die erste der Schiebetüren rechts ließ sich nur schwer öffnen, da sie massiv ausgeführt war, jedoch so gut geölt war, dass sie sich geräuschlos bewegen ließ.
Die Luft im Inneren war stickig und knochentrocken. Marit tastete nach dem Lichtschalter und gab einen Laut des Verblüffens von sich, als es schließlich hoch über ihr aufflammte. Der Raum mutete wie ein Hochlager an, war eng mit auf Schienen laufenden Schieberegalen bestückt und bis unter die Decke in fünf Meter Höhe mit allen erdenklichen technischen Ersatzteilen angefüllt. Marit zog zufällig mehrere der sämtlich mit Strichcodes versehenen Fächer auf und sah hinein. Schrauben, Nägel, Dübel, alles erdenkliche Werkzeug und Heimwerkermaschinen. Eine Komplettausstattung.
Sie nahm sich eine Leiter, die aus stabilen dickwandigen Stahlrohren zusammengeschweißt und so schwer war, dass sie sie kaum alleine tragen konnte. Wie alles hier im Haus scheinbar unverwüstlich und für die Ewigkeit gebaut, dachte sie grimmig lächelnd. Dann hängte sie die Leiter in einer dafür vorgesehenen Halterung knapp unter der Decke an eines der Regale, um hoch zu steigen und aufs Geratewohl weitere Fächer zu öffnen. Dies hier waren größere Teile, die zu irgendwelchen Maschinen zu gehören schienen, vielleicht Pumpen, Turbinen oder Generatoren, so genau kannte sie sich damit nicht aus.
Sie nahm sich das andere Ende des Raumes vor, verschob die Regale, bis sie in die hinterste Zeile hinein konnte und zog weitere Fächer auf. Zu ihrer Verblüffung fand sie Seife, Duschgel und Zahnpaste vor. Mit gerunzelter Stirn nahm sie sich eines der obersten Fächer in vier Meter Höhe auf dieser Seite vor und staunte. Das waren unverkennbar Verschleißteile für Verbrennungsmotoren, auch wenn ihr hier weiteres Fachwissen abging.
Eigentlich ganz logisch, dachte sie. Die am häufigsten benötigten Artikel in Griffweite zuunterst, die am seltensten gebrauchten oben unter der Decke. Aber warum beschrifteten sie alles mit Strichcodes? Das war doch viel zu umständlich zu entziffern! Außerdem hatte sie hier noch kein einziges Lesegerät gesehen.
Umsichtig verließ sie den Lagerraum und betrat den nächsten gegenüber, in dem es sehr kühl war, höchstens ein paar Grad über dem Gefrierpunkt, wie sie schätzte. Allerdings war die Luft ebenso trocken wie im ersten Kellerraum. Sie schob sich in die erste Reihe und fand dort die Regale der oberen drei Meter Lagerraum leer vor, aber die Regale der unteren beiden Meter ließen ihr den Atem stocken. Das konnte doch nicht sein!
Keine Fächer, dafür Kartons über Kartons mit unglaublichen Mengen von verschiedensten Grundnahrungsmitteln wie Reis, Nudeln, Kartoffeln, Mehl. Viele verschiedene konservierte Gemüse und Früchte in Dosen, profane Dinge wie Kartoffelpüree und ähnliches in Folie abgepackt. Es war ein Vielfaches der Vorräte, welche sie im Küchenschrank entdeckt hatte. Solche Mengen hatte sie zuletzt in einem Großmarkt vor dem Krieg gesehen. Das musste für Jahre reichen!
Marit musste schlucken. Sie saßen hier auf einem Berg an Essen herum und ihre Kommune musste sich jeden Bissen erkämpfen. Wie ungerecht das war! Wut schnürte ihr die Kehle zu. In Marits Blick trat Entschlossenheit. Dies hier war eine große Gelegenheit für sie.
Sie überquerte erneut den Gang und sah sich im dritten Raum um. Erstaunt fand sie sich in einer Art Kühlraum wieder, der wiederum kühl und trocken anmutete. Ihr kam der Verdacht, dass diese Umgebung künstlich beeinflusst wurde, um die Haltbarkeit der Vorräte zusätzlich zu begünstigen und zu verlängern. Durch den gleichzeitigen Entzug von Wärme und der Luftfeuchtigkeit gab es weniger Kondensation und somit auch keine Oxidation der Produkte sowie keinen Rost an Weißblech-Konserven.
Bis in drei Meter Höhe waren Gefrierschränke in Metallgestelle eingelassen. Über ihnen befanden sich weitere Konserven bis unter die Decke gestapelt. Ein Gefühl der Illusion, des Nichtrealen bereitete sich immer stärker in ihr aus. Das konnte doch nicht sein. Wieder war alles nur mit Strichcodes beschriftet, doch sie störte sich nicht weiter daran, sondern zog am Griff der erstbesten Truhe. Sie war randvoll mit Geflügel, ob Huhn oder Pute blieb ihr verschlossen. In der zweiten Truhe fand sich Rind, in der dritten Schwein.
Ihr Verstand weigerte sich einfach, das alles zu glauben. Nach dem ersten Dutzend an Gefrierschränken fand sich nur noch Fisch, jedoch in verschiedensten Sorten. Natürlich, sie füllten die geleerten Kühlräume durch ihren Fang auf. Äußerst schlau und weitsichtig, auch wenn so die Auswahl an Fleisch langsam abnahm.
Der vierte Raum barg eine erneute Überraschung. Sie musste einen Schrei unterdrücken, als sie ein Lager voller Waffen fand. Pistolen, Gewehre, Maschinengewehre, Granatwerfer… und andere Waffen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, verschiedene Sorten, verschiedene Modelle. Zusammen mit unermesslich viel Munition aller Couleur, alles in nagelneuem Zustand und peinlich genau sortiert. Kein Wunder, dass die Gruppe bisher alle Versuche, sie um ihre Vorräte zu erleichtern, vereitelt hatte. Mit diesem Arsenal hätte man ohne weiteres eine Bananenrepublik in Mittelamerika erobern können, dachte Marit, als sie eine Uzi aus dem Regal zog, die einzige Waffe, mit der sie schon einmal in Kontakt gekommen war. Sie suchte und fand die passende Munition mehr aus Zufall denn Kenntnis, steckte das gefüllte Magazin ein und lud durch.
Immer mehr beschlich sie das Gefühl, auf einer Mission zu sein. Das Ziel war klar.
Sie musste hier raus.
Sie wollte bereits in den nächsten Raum weiter, als ihr Blick auf mehrere unförmige Gegenstände fiel, die in den oberen Regalen lagen, von hier unten aus kaum einsehbar. Sie reckte und streckte sich, gab dann auf und setzte eine Leiter des gleichen Typs an, wie sie in allen Lagerräumen zu finden waren. In drei Metern Höhe sah sie über den Rand des ersten Regals und keuchte auf. Wozu sollte das denn gut sein?
Sie stieg eine Sprosse höher und versuchte den Gegenstand anzuheben, doch er war viel schwerer als angenommen. Aus massivem Metall gefertigt, aber sehr filigran anmutend, bestand es aus einer langen Reihe von flexibel aneinander hängenden Gliedern, die zwar eckig ausgeführt waren, in seiner Gesamtheit aber an ein menschliches Rückgrat erinnerten.
Direkt daneben lag ein großer, unförmiger Klumpen, in dem sie nichts erkennen konnte, auch nicht den demontierten Torso eines Terminators, den er darstellte. Sie schüttelte den Kopf und begann den Abstieg. Den totenkopfähnlichen Schädel und die Arme sowie Beine des T-800, der einst den Namen Alex getragen hatte, sah sie im Regal darüber nicht mehr. Deren Form hätte wohl weitaus weniger Zweifel erzeugt.
Den letzten Raum hob sie sich für später auf, denn die Tür am Ende des Gangs, die sie jetzt erreicht hatte, interessierte sie mehr. Sie war im Gegensatz zu all den anderen als ganz normale Zimmertür ausgeführt. Leise drückte sie die Türklinke hinab und zog.
Und wieder musste sie sich auf die Lippe beißen, um nicht vor Verblüffung aufzuschreien. Noch ehe sie sich genauer umsehen konnte, bemerkte sie Abbey, die sich mit dem Rücken zu ihr am entfernten Ende des Raumes hingekniet hatte und sich jetzt aufrichtete, als hätte sie wahrgenommen, dass sich jemand näherte. Schnell schloss sie die Tür wieder und eilte mit der Uzi in der Hand zum entfernten Ende des Ganges, warf sich um die Ecke und lauschte. Die Tür öffnete sich und Abbeys Stimme erklang: „Hallo?“
Leise Schritte näherten sich ihr, worauf sie sich hektisch umsah. Direkt neben der Kellertreppe war eine massive Stahltür in die Außenwand des Gebäudes eingelassen. Als sie daran zog, schwang sie wie sämtliche Türen im Haus auf perfekt geschmierten Angeln lautlos auf, worauf sie sich schnell hineindrückte und die Tür wieder zuzog. Dann lauschte sie atemlos in die Dunkelheit hinein.
Was sie in der weitläufigen Halle gesehen hatte, war mehr, als ihr Verstand ertrug. Sie hätte das nie für möglich gehalten. Noch nie hatte sie etwas gesehen, was einer völlig autarken Biospähre so nahe kam. Ihr Verstand wurde nur von einem Gedanken beherrscht.
Sie musste fliehen und das alles Lars erzählen.
Nach knapp fünf Minuten angestrengten Lauschens beschloss sie, es zu wagen. Nun wollte sie den Rest auch noch sehen. Die Heizungsanlage in der Ecke gegenüber ignorierte sie und bog in den Gang ein, der zurück zum letzten unerforschten Raum führte. Auch hier fand sie wieder Unmengen an Vorräten und Gebrauchsgütern, vor allem medizinischer Art, wenn sie eines der Fächer öffnete.
Das reichte. Jetzt brauchte sie einen Fluchtplan. Am treppenseitigen Ende des Flures fiel ihr noch eine zweite massive Stahltür neben der Heizung auf, die sie bisher nicht weiter beachtet hatte. Neugierig geworden, öffnete sie und fand eine Treppe vor, die ein wenig tiefer hinab führte. Unten angekommen, fand sie einen Lichtschalter, doch auf diesen Anblick war sie nicht vorbereitet gewesen.
Eine Reihe von Neonröhren über einer größeren Halle flammte auf, vermochte diese aber nur unzureichend auszuleuchten. Die beiden langen Reihen von Treibstofftanks füllten den weitläufigen Raum weitgehend aus und ließen nur einen schmalen Mittelgang frei. Völlig fassungslos trat sie zur Füllstandsanzeige des nächstgelegenen und sah, dass er noch fast randvoll war. Den Stromgenerator in der Ecke neben dem Eingang nahm sie dabei kaum wahr. Nun war sie endgültig davon überzeugt, im falschen Film zu sein.
Rasch lief sie die Stufen zur Kelleretage des Haupthauses wieder hoch und schloss die Tür mit aller gebotenen Vorsicht, doch die Dichtung der schweren Tür verhinderte ohnehin zuverlässig jedes Geräusch beim Zuschlagen. Hektisch sah sie sich um. Zur Kellertreppe zurück.
Aber was war eigentlich hinter der Tür, die neben dem Fuß der Treppe ebenfalls aus dem Haus heraus zu führen schien? Ein weiteres Tanklager? Sie wollte Lars alles so genau wie möglich beschreiben können, deshalb öffnete sie die Tür erneut und fand diesmal auch gleich den Lichtschalter. Erstaunt bemerkte sie, dass es sich um keinen Raum, sondern um einen nur meterbreiten Gang handelte, der schnurgerade etwa zwanzig Meter weit zu einer weiteren Stahltür führte. Dort angekommen, zog sie an selbiger und erkannte augenblicklich, dass es sich hierbei um eine weitere Schleuse zur Entstrahlung handelte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Ein Fluchtweg!
In Windeseile war sie durch die zweite Tür und stürzte die Treppe hinauf, eine Falltür am oberen Ende mit aller Kraft aufstoßend. Dann erstarrte sie.
Na klar! Sie schalt sich einen Idioten, dass sie nicht an den zweiten kleineren Bau außerhalb gedacht hatte, von dem die Leute berichtet hatten, die schon beim Safehouse gewesen waren. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, als sie die vier abgestellten geländegängigen Fahrzeuge musterte. Den fast sechs Meter langen amerikanischen Ford Excursion zog sie keine Sekunde in Betracht, sie brauchte etwas Agiles, Schnelles. Blieb nur einer der drei Volvo XC 90 übrig. Die Schlüssel hingen alle schön aufgereiht an vier Nägeln an der Rückwand der Garage, so dass sie maximal dreimal probieren müsste. Beim ersten Versuch passte der Schlüssel für das nächste Fahrzeug. Bestens.
Sie ging auf Nummer Sicher und startete den Motor probeweise. Alles schien in Ordnung, der Tank war wie erwartet voll. Was für beschissene Perfektionisten, dachte sie in einem Anflug von Ironie. Marit fand den Schalter für die Garagentür in Form eines schmalen Bändchens, welches neben dem Fahrerfenster von der Decke hinab hing. Leise summend hob sich das Tor als Reaktion ihres Zugs am Band und sie gab Gas. Das konnte einfach nicht sein, es war viel zu leicht gewesen. Sie brauste über den Vorhof und steuerte die schmale, aber geteerte Strasse in Richtung Süden an, die zwischen einer Bergkette und einem langen, schmalen See entlang führte.
Nach etwa drei Kilometern, als sie die Küste fast erreicht hatte, kam ihr die Gruppe entgegen, die in Richtung Haus zurück joggte. Sie zog den Kopf ein, trat das Gaspedal durch und setzte eine entschlossene Miene auf. Die fünf Menschen vor ihr begannen wild zu gestikulieren und zu winken, doch sie hielt unbarmherzig auf sie zu. Dies war der große Test, das konnte sie spüren. Wenn sie diese Prüfung nicht überstand, wäre sie es nicht wert, in der Kommune zu sein.
Vernünftigerweise sprangen alle zur Seite, doch Daniel blieb stur mitten auf der Fahrbahn stehen, eine Hand mit flach erhobener Handfläche nach vorne gestreckt, wie ein Verkehrspolizist, der sie anhalten wollte. Sah er denn nicht, dass sie unmöglich ausweichen konnte, ohne entweder in die schroffen Felsen der Berge rechts der Fahrbahn zu knallen oder nach links in den See hinab zu stürzen? Ihr Blick fiel auf den Tacho: fast neunzig km/h. Bitte, Mann, sei doch nicht so bescheuert...
Alles lief wie in Zeitlupe ab. Silke schrie und wollte auf die Fahrbahn stürzen, um ihn wegzureißen, doch Maja und Simon hielten sie gemeinsam fest. Daniel sagte mit einem zuversichtlichen Seitenblick etwas zu Silke, worauf sie sich bereitwillig aus der Gefahrenzone zur Seite ziehen ließ. Dann traf ihr Blick auf den von Dimitri. Sie las Erstaunen und tiefe Enttäuschung in ihnen und musste den Blick abwenden.
Dann kam der Moment, an dem sie unmöglich noch anhalten konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte; der Bremsweg des großen schweren Geländewagens würde einfach nicht mehr reichen. Los, spring, du Wahnsinniger, spring doch endlich.
Auch diese Gelegenheit verstrich ungenutzt. Mit einem kleinen ironisch hochgezogenen Mundwinkel starrte er direkt in ihre Augen, als wolle er sagen: du wirst schon sehen.
Sie trat die Bremse voll durch. Der Wagen wurde erstaunlich schnell verzögert, doch hatte noch mindestens vierzig Stundenkilometer auf dem Tachometer, als sie ihn genau in der Mitte des Wagens traf. Das konnte er unmöglich überleben.
Der Aufprall war unerwartet heftig, viel stärker, als sie es erwartet hätte. Daniel wurde flach anliegend mit dem Bauch und Brustkorb auf die hohe Motorhaube gedrückt. Sein Gewicht drückte die Haube tief ein und wölbte die äußeren Ecken nach oben. Ein Regen von Plastiksplittern vom zertrümmerten Kühlergrill prasselte auf die Windschutzscheibe, dicht gefolgt von einer feinen Dampffahne des leckgeschlagenen Kühlers. Die Windschutzscheibe knackte und splitterte am Rand ein, was auf einen deformierten Fahrzeugrahmen schließen ließ. Seltsamerweise schien Daniel immer noch bei vollem Bewusstsein zu sein und starrte sie sauer an, sich irgendwie an der Front ihres Autos festhaltend.
Als die Vollbremsung nach etwa vierzig Metern beendet war und der Volvo mit einem heftigen Ruck zum Stehen kam, fiel Daniel vom Schwung getragen von der Motorhaube hinab. Marit stand unter Schock und trat das Gaspedal sofort wieder durch. Auf der Motorhaube war ein undeutlicher, tiefer Abdruck seiner Konturen ins Blech eingebläut. Sie blickte in den Rückspiegel und sah ungläubig, wie er quicklebendig auf die Beine sprang und ihr hinterher rannte, ständig näher kommend. In nackter Panik schaltete sie, den Blick kaum vom Rückspiegel nehmend, in dem das Bild des überfahrenen Mannes größer und größer wurde. Zweiter Gang, dritter Gang, vierter Gang. Der Motor heulte gequält auf, bis sie bei sechzig km/h allmählich mit ihm gleichzog und ihn dann langsam, aber sicher abhängte.
Mit einem Aufatmen erreichte sie die Einbiegung in die Küstenstraße, die nach links in Richtung Ibestad und damit zum Tunnel nach Andørja führen musste.
Was war das gewesen? Wie konnte jemand solch einen Unfall überstehen, noch dazu unverletzt? Und wie konnte er derart schnell rennen? Das alles war so unglaublich, dass sie bereits jetzt anfangen musste, abzuwägen, was sie erzählen sollte und was nicht. Wenn sie ihr diese lächerlich erscheinenden Erlebnisse schildern würde, bestand die Gefahr, dass sie ihr gar nichts von dem Erzählten glaubten, auch nicht die Umfänge der Vorräte und alles andere Wichtige, was sie Lars schildern musste.
Der geplatzte Kühler begann stärker zu kochen. Wenn sie Pech hatte, würde sie es nicht mehr nach Skjellelv zurück schaffen. Lieber Gott, lass das Auto durchhalten, dachte sie verzweifelt.
Nun, jedenfalls hatte sie sich mit dieser Aktion eindeutig für die Kommune und gegen die Gruppe in Hallevik entschieden.
 
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