Schwarzhaut

GeschichteFantasy / P18
18.12.2006
10.02.2018
31
306992
3
Alle
18 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
Die Arbeiter murrten über das Gewicht der Kisten und stellten wenig plausible Hypothesen über deren Inhalt auf, wagten jedoch nicht tatsächlich nachzusehen; zu groß die Furcht vor Bestrafung. Während sie aufgelesen und transportiert wurden erbat die lebendige Fracht ihre jeweiligen Götter um sichere Ankunft auf dem Schiff. Selbst Alas war mit dem Gefühl der Ohnmacht zumindest unwohl, wenngleich sich dies bei den anderen ungemein stärker manifestierte. Es war ein anderes Empfinden der Ohnmacht als im Kerker, denn dort war ihnen ansatzweise bewusst was ihnen erblühte; jetzt verschmolz ihre Handlungsunfähigkeit mit dem missfallenden Gefühl der Ungewissheit. Spitzen Ohres lauschten sie den Geräuschen, welche durch die alten Bretter drangen, vernahmen schwache Helligkeitsschwankungen, welche das trübe Morgenlicht ausübte, knarrende Seile, welche an den Kisten rieben und darauffolgendem Schwanken als befänden sich die Frachtkisten bereits auf hoher See. Letzteres verstärkte das Pochen in Vvalenias Schädel, welches zwar geschwunden war, doch seit ihrem beinahe eingetretenen Erstickungstod stets präsent verblieb. Nach weiterem Rumpeln, Poltern und etwaigem Anstoßen wurden die Kisten schließlich in vollkommener Dunkelheit unsanft abgesetzt. Schritte entfernten sich und Ruhe kehrte ein, mit Ausnahme von äußerst leisen, dumpfen Hintergrundgeräuschen, welche ein beinahe beruhigendes Klangerlebnis erzeugten.
Dennoch stellte sich erst Erleichterung ein als sie ein wohlbekanntes tiefes Grollen, gepaart mit hohem, stark gedämpftem Surren und schwachem, doch allmählich intensivierendem Vibrieren vernahmen. Geduldig verharrten sie etwa eine weitere Stunde in den Kisten, bis der erste Ruck durch den Schiffsrumpf fuhr, während sich ihre Blasen füllten, ihre Glieder schmerzten und ihre Leiber froren. Trotz alledem hatten sie seit ihrer Ankunft in Tevelon kein derart angenehm erleichterndes Gefühl mehr verspürt.
Schließlich wurde die erste Kiste geöffnet. Alas blinzelte in das von Kerzenlicht erleuchtete Antlitz eines Fremden. Dieser zog die Stirn über seinen buschig schwarzen Augenbrauen kraus.
„Ihr seid keine Schwarzhaut“, stellte er überrascht fest.
„Woran habt ihr das nur erkannt“, konnte sich Alas nicht verkneifen.
Stöhnend versuchte er sich aufzurichten, streckte seine schmerzenden Gliedmaßen und genoss das befreiende Gefühl knackender Nackenwirbel.
„Sie befindet sich in einer der anderen Kisten. Außerdem ein Zwerg, ein Ork und eine Hexe.“
Umständlich kletterte Alas aus der Kiste, trat hinüber zu einer weiteren und wies dann den untätigen Fremden an ihm behilflich zu sein. Nachdem keinerlei Reaktion erfolgte blickte er sich um, doch der Raum war außer ihm und der Fracht leer. Er schüttelte sein Haupt, seufzte und fuhr dann mit seiner Arbeit fort.

„Rhotak ist nicht hier“, klagte Alas ungläubig, nachdem sie all die großen, schweren Kisten geöffnet hatten.
„Der Herzog machte keinen Hehl aus seinem Missfallen gegenüber seiner Mithilfe an der Befreiung einer Schwarzhaut. Er tat dies lediglich, weil ihm sein tiefer Glauben an die Vision keine andere Wahl ließ. Rhotak wurde in dieser niemals erwähnt, somit schätze ich, dass er seinen Unmut zum Ausdruck brachte indem er nicht auch noch einer Grünhaut die Freiheit schenkte“, mutmaßte Vvalenia grübelnd.
Alas blickte sie einen Augenblick lang konsterniert an, bis der Zorn in ihm in einem Maße aufstieg wie sie bislang nur einmal gesehen hatte.
„Ich werde diesen verfluchten Hurensohn umbringen“, zischte er wutentbrannt, hieb mit der nackten Faust gegen den nächstbesten Holzbalken, auf welchem er ein paar zarte Blutflecken hinterließ, wandte sich ab und hastete aus dem Raum, wobei er durch einen erneuten Flügelschlag Orkanreiters taumelte und gegen den hölzernen Rahmen des Durchgangs stieß.
„Aber zuvor werde ich ihn ausweiden“, grollte Gorwell und eilte Alas hinterher aus dem Raum.
Vvalenia zuckte nur mit den Schultern, warf zunächst einen Blick in die offenen Kisten auf der Suche nach Linderung für ihren grollenden Magen oder ihre fröstelnde Haut, doch außer denjenigen mit lebender Fracht waren sie allesamt noch verschlossen. Somit folgte sie den beiden sodann aus dem Frachtraum.
Wenig später vernahm sie Alas’ Stimme lauthals in einen Streit mit einer fremden Stimme verwickelt. Sie trat durch den offenen Türrahmen und erblickte Alas und Rhotak im Gespräch mit zwei ihr fremden Männern und einer Frau, welche man auf einen raschen, ersten Blick wohl auch mit einem Mann hätte verwechseln können. Der alte Terwin stand am Ende des Raumes vor einem Topf, welcher gar so groß war wie er selbst, auf einem kleinen Hocker und rührte mit einem Kochlöffel darin. Köstlicher, knoblauchlastiger Duft vereinnahmte die gesamte Kammer und veranlasste Vvalenias Magen zu tiefem Grollen und einem krampfhaft schmerzenden Verlangen nach einer Mahlzeit, welche gar die zwar stark abgeflaute, doch seit ihrem beinahe eingetretenen Erstickungstod noch immer andauernde Übelkeit ausblendete.
„Welch Gräuel im Namen des Goldes irgendeines Grafen ihr bereits begangen habt will ich mir gar nicht ausmalen. Ich bin Paladin vom Orden des Gleißenden Lichts, ich befreie Menschen von ihren Nöten. Ihr seid Söldner und wenn ihr behauptet, dass ihr noch niemand unschuldigen mutwillig in Nöten gebracht habt, so nenne ich euch einen Lügner.“
„Und doch wart ihr der Verbrecher im Kerker“, erklärte der Fremde Alas’ Argument null und nichtig.
„Das Verbrechen mir Geleit zu stehen. Ein Verbrechen dem man euch nun übrigens ebenfalls bezichtigen kann“, kommentierte Vvalenia trocken während sie durch den Türrahmen trat.
Der Fremde blickte sie mit seinen zornigen, stahlblauen Augen an, schnaubte und wandte sich sodann einem anderen Fremden zu, welcher sich mit dem Rücken an der Wand gelehnt die Stirn rieb.
„Dass wir ’ner Schwarzhaut helfen ist doch wohl schlimm genug. Jetzt kommen noch ’ne Hexe, ’n Ork und zwei Verbrecher hinzu.“ Der Fremde warf einen raschen Blick zu Alas und Gorwell ehe er sich korrigierte. „eineinhalb Verbrecher.“
„Haltet euer vorlautes Maul bevor ich euch alle Zähne rausschlag’“, schimpfte Gorwell erbost und drohte mit schwenkend erhobener Faust. „Alas is’ genauso ’ne ganze Person wie ich.“
Der Fremde verschränkte die Arme und blickte den Zwerg grimmig an.
„Ich kann euch beruhigen. Der Ork hat den Abflug verpasst“, erwähnte Vvalenia beiläufig und winkte dessen unweigerliche Hinrichtung mit einer Handbewegung als nichtig ab.
Alas war ihr einen giftigen Blick zu, schwieg jedoch und schwor stillschweigend erneut für seinen Kameraden Gerechtigkeit einzufordern.
„Was es kaum besser macht. Ihr seid trotzdem Verbrecher, die hier nichts zu suchen haben“, erwiderte der aufgebrachte Fremde schließlich trotzig.
"Verpiss dich endlich, Ulberon." Die Frau unter den dreien schlug mit ihrer Faust auf den massiven Esstisch inmitten der Speisekammer und funkelte den Klagenden mit stechend grünem Zorn an. Einige schwarze Strähnen verloren dabei den Halt aus ihrem Knoten und fielen ihr ins Antlitz.
"Was?" Verdutzt wandte sich dieser der angriffslustigen Frau zu.
"Du gehst mir auf den Sack", zischte diese über den Tisch gebeugt.
Ulberons Brauenlinie verhärtete sich.
"Lass dir erstmal 'nen Sack wachsen, dann kann ich auch davon 'runtergehen."
Die Frau verengte ihre erzürnten Augen zu schmalen Schlitzen.
"Wenn's dir nicht passt, geh von Bord. Oder halt endlich dein Maul."
"Von Bord gehen? Wir sind bereits in der Luft, falls es dir entgangen ist. Weiber." Das letzte Wort merkte er kopfschüttelnd an sich selbst gewandt an.
"Dann spring lieber schnell", zischte die Frau zurück, wohlwissend, dass die Gelegenheit bereits abgelaufen war.
"Genug!", polterte die Stimme des zweiten Mannes, welcher bislang schweigend an der Wand gestanden hatte, und sich nun die Brücke seiner krummen Nase mit Daumen und Zeigefinger rieb, den Blick gesenkt. Er trat von der Wand und richtete sein Wort an Ulberon. "Geh an Deck oder such dir 'ne Kammer, aber verlass diesen Raum. Wir sprechen uns später."
Einen Moment lang blieb Ulberons zorniger Blick auf der Frau haften, dann wandte er sich ab und stapfte entrüstet zur Tür hinaus.
"Das läuft nicht nach Plan. Ich kann nicht ausstehen, wenn etwas nicht nach Plan läuft", klagte der Anweiser schließlich mehr zu sich selbst denn zu den Umstehenden, nachdem er mit Ulberons Verlassen des Raumes tief durchgeatmet hatte.
„Gewöhnt euch schon mal daran“, erwiderte Vvalenia und deutete sodann in Richtung Alas und Gorwell. „Seit ich ihre Gesellschaft teile lief absolut nichts nach Plan.“
Den finsteren Blick, welchen sie von Alas erhielt, beschwichtigte sie nach kurzer Pause mit einem Addendum.
„Zugegeben, ihre Improvisationskunst birgt großes Talent.“
Der Fremde blickte die drei einen Augenblick nachdenklich an und trat sodann an den Tisch vor.
„Wo sind meine Manieren. Gestatten, Evea“, stellte er die Frau mit ausladender Handbewegung vor.
Diese richtete sich auf und verschränkte die Arme grimmigen Blickes vor der Brust. Ihre stämmige Statur, ihre Größe, welche gar Alas um wenige Fingerbreit überragte, ihre harten, kantigen, beinahe maskulinen Züge und ihr wettergegerbtes Antlitz verstärkten ihre ablehnende Haltung zusätzlich. Sie schwieg.
„Lieblicher Name für einen Oger“, provozierte Vvalenia ausdruckslos.
Eveas düsterer Blick fokussierte Vvalenia während sie ihr Haupt nach links und rechts legte während sie die Nackenmuskeln anspannte. Ihre Wirbel knackten derart laut, dass gar Vvalenia unwohl dabei wurde.
„Noch so ein Spruch und sein Antlitz wird dem eines Ogers gleichen“, konterte sie schließlich unbekümmert.
Der Fremde Mann räusperte sich lauthals und blickte sodann zunächst Evea und daraufhin Vvalenia scheltend an. Diese ließen sich davon zwar nicht beeindrucken, schwiegen jedoch fürderhin.
„Man nennt mich Tarlund. Die Bekanntschaft mit dem charmanten Ulberon machtet ihr ja bereits. Setia und Walekin helfen gerade dem Gnomen aus.“
Einen Augenblick herrschte Stille, bis der nächste Schub, ausgelöst durch einen Schlag der Stabilisatorsegel, einsetzte und sie allesamt schwanken ließ.
„Kommen wir direkt zum Punkt. Wie bereits erwähnt stört es mich, wenn etwas nicht nach Plan läuft aber da ihr nun mal hier seid und wir bereits in der Luft sind, schlage ich vor, dass wir euch außerhalb der Stadt absetzen sobald des Königs Mannen keine Gefahr mehr für euch darstellen.“
Alas’ geringschätziger Blick verriet Vvalenia bereits was er von diesem Vorschlag hielt.
„Ihr habt hier überhaupt nichts zu sagen“, entgegnete Alas letztendlich unbekümmert, wandte sich ab und verließ sich entschuldigend den Raum. „Verzeiht, dringlichere Probleme warten auf ihre Lösung.“
Just als er aus der Sicht der anderen verschwunden war tauchte sein Antlitz erneut im Türrahmen auf.
„Gorwell, sei bitte so gütig und geh zum Ausguck. Verteidige das Schiff falls die Königsgarde eine Gefahr darstellen sollte.  Vvalenia.“ Er richtete sein Wort an diese und erkannte just ihren zerschundenen Anblick; weniger erschreckend als derjenige Tanas aber dennoch außerordentlich. „Ruht euch aus, wenn ihr dies wünscht. Anderenfalls könnt ihr eure Hilfe im Energieraum anbieten.“ Damit verschwand er schließlich ohne eine Antwort abzuwarten um an Deck zu eilen.

„Herr Alas? Mir war nicht bewusst, dass ihr euch doch anschließt. Herzog Dilwander erwähnte ausdrücklich alleinig die Schwarzhaut.“
„Er hat es sich anders überlegt“, winkte Alas die Worte Ermins ab um das Thema zu wechseln. „Ich muss euch um einen Gefallen bitten.“
„Ja?“
„könnt ihr das Schiff seitlich an die Schlossfassade manövrieren?“ Alas deutete aus dem Fenster hinaus auf das königliche Mauerwerk.
Ermin blickte ihn fragend an.
„Wir müssen noch jemanden einsammeln“, erläuterte Alas schlicht.
„Es ist ziemlich windig. Ich fürchte unter diesen Umständen könnte ein derartiges Manöver durchaus schiefgehen.“
„Ihr schafft das“, drückte Alas seine Überzeugung an dessen Fähigkeiten aus und verschwand ohne eine Reaktion abzuwarten wieder aus dem Kastell und eilte unter Deck um sich schließlich um die letzte lebende Fracht zu kümmern.

Im Frachtraum angekommen trat er zur letzten vollen Kiste, derer mit denen sie auf das Schiff gebracht worden waren. Er strich Tana sanft über die halbwegs unversehrte Wange um sie aus dem Schlaf der tiefen Erschöpfung zu wecken, in welchen sie nach dem Ende ihrer Tortur verfallen war, doch zeigte sie keinerlei Regung. So stieg er selbst in die Kiste und hob den leblosen Körper mit beiden Armen auf, bahrte ihn auf einer der verschlossenen Güterkisten auf, kletterte wieder hinaus und trug Tana sodann in eine der Kajüten, welche zwar lediglich rudimentäre, dennoch angenehmere Bequemlichkeit als eine Holzkiste bot.

Indes beobachtete Gorwell besorgt aus seinem Ausguck unter dem Schiffsrumpf wie einige der Schützen ihre Pfeile auflegten, deren Spitzen ins Feuer hielten und sodann unter gespannter Sehne die Bögen auf Orkanreiter richteten. Bevor der Pfeilhagel auf das Schiff einregnete ging er hinter der Brüstung in Deckung.
Vvalenia, welche das Spektakel gleichermaßen beobachtet hatte, stellte erleichtert fest, dass der Rumpf massiv genug war, den Großteil der Salve abzufangen und die vereinzelten Blindläufer derart ihr Ziel verfehlten, dass sie dem Schwebebalg keinerlei Gefahr boten. Die Sicht und Sorge Gorwells auf viele Dutzend kleiner Flammen, welche nach dem köstlich zarten Eichenholz der Planken gierten, und denen lediglich die Feuchtigkeit, welche das Schiff bei seiner Rast im Schnee und während des Fluges durch feuchtkalte Winde nach Tevelon gesammelt hatte, im Wege stand, blieb ihr verwehrt.
Ehe die Schützen den nächsten Schuss abfeuern konnten sprang Gorwell zur Armbrust und schoss seinerseits auf den Feuerkelch, welcher in Funkenregen umfiel und sich daraufhin die heiße Glut zischend im Schnee verteilte. Die zunächst über den Hof hallenden aufgescheuchten Rufe wurden von einer lauten Bassstimme zur Besinnung gerufen. Über das magische Surren des Bespannungsvorgangs der Armbrust hinweg gelang es Gorwell nicht die Worte auszumachen doch erkannte er, dass der Oberst die Männer zunächst schalt und ihnen daraufhin einen Befehl erteilte, aufgrund dessen der Großteil von ihnen von dannen zog. Vvalenia obenauf konnte aufgrund ihres schärferen Hörsinns trotz heulenden Windes und in Ermangelung an des Lärms der Armbrust immerhin einige Worte verstehen und begriff somit, dass die Männer enthauptet würden, sollten sie das Schiff niederbrennen. Wieso die Gardisten allerdings mit Ballisten anrücken sollten, welche eine ungemein höhere Zerstörungskraft entfesseln können begriff sie in diesem Moment nicht. Dass dies jedoch nichts Gutes verlauten ließ konnte sie sich ausmalen.

Bis Ermin Orkanreiter an des Schlosses Stirnseite navigiert hatte, verblieb der Hof ruhig; es standen lediglich ein dutzend Männer im Schnee und beobachteten die Route des Schiffs. Gorwell, wie zuvor von Alas angewiesen, zerschoss das riesige Fenster, hinter welchem er Merdalia bereits erblickt hatte; ein ihm fremder Herr, die Arme hinter dem Rücken, hatte mit herablassendem Blick zu ihr gesprochen; sie selbst, von zwei Wachen festgehalten, war erzürnt und gewillt gewesen dem feinen Herrn an die Gurgel zu gehen.
Das zersprengte Glas überraschte die Wachen derart, dass sie Merdalia aus ihrem Griff entließen. Der Herr duckte sich entsetzt vor den fliegenden Glassplittern hinter seinen schützend vor das Antlitz gerichteten Armen hinweg. Merdalia realisierte als erste von den Vieren was soeben geschehen war, nachdem sie Gorwell hinter der Armbrust erblickte. Schnurstracks rannte sie auf den Balkon, hüpfte mit einem Satz auf die Brüstung und sprang von dieser ab, die Strickleiter, welche Vvalenia ihr hinabgelassen hatte, im Flug ergreifend.
Die Wachen waren ihr hinterhergehetzt, verfehlten ihre Beine jedoch um Haaresbreite und verblieben dann aufgrund ihrer schweren Rüstung auf dem Balkon, die Hände in Erwartung des Rückschwungs der Strickleiter nach dieser ausgestreckt. Obwohl Merdalia nach ihnen trat gelang es einem der Männer ihren Knöchel zu ergreifen, wobei Merdalia beinahe von der Strickleiter geglitten wäre. Der andere Wachmann packte ihren zweiten Fuß, woraufhin Merdalia lauthals schrie und ihre Hand langsam von der Stufe der Strickleiter rutschte.
„Nehmt eure dreckigen Griffel von ihr!“, brüllte Gorwell über Merdalias Schreie hinweg.
Die Wachmänner richteten ihre Aufmerksamkeit dem Zwerg zu, blickten einen Moment lang auf die Spitze des gespannten Armbrustbolzens und lösten letztendlich ihren Griff. Merdalia packte die Strickleiter nun so fest sie konnte, während diese sich langsam ausschaukelte, und erklomm sodann eilig die Stufen um über die Reling zu klettern. Die Planken unter ihren Füßen lösten schließlich die Hektik und Furcht des soeben erlebten Geschehens und erfüllten sie mit einer paradoxen Mischung wilder Emotionen, hauptsächlich Erleichterung zurück auf dem Schiff und in freundlich gesonnener Gesellschaft zu sein sowie ein unbändiger Zorn, welchen sie derart nie erlebt hatte.
Vvalenia stand währenddessen über die Reling gebeugt und beobachtete desinteressiert die Mühen der von seelischer Pein erschöpften Merdalia die Reling zu erklimmen, keinen Gedanken daran verschwendend helfende Hand anzubieten. Ein Blick auf den Balkon unter ihr eröffnete ihr das Bild eines Adelsmannes mittleren Alters, dessen hochrotes Haupt dem Purpur seines schweren Samtmantels Konkurrenz machte; Strähnen lösten sich aus seinem gepuderten Haar während er wild gestikulierend die beiden Wachmänner mit Beschreibungen, welche sich für seinen Stand nicht geziemten, wüst beschimpfte.
Ein Krampf in Merdalias verknotetem Herzen ersetzte die Freude ihrer Ankunft schließlich mit Fassungslosigkeit und Schmerz, und ließ sie an Deck zusammenbrechen. Der folgende erschütternde Aufschrei fuhr Vvalenia durch Mark und Bein. Aufgeschreckt atmete letztere tief aus und warf sodann einen geringschätzenden Blick über ihre Schulter, nur um im nächsten Moment aufgrund tiefem Grollen und Rumpeln jenseits des Schiffsrumpfes ihre Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen unter ihr zuzuwenden. Aufgerüttelt wankten die drei Männer an der Balustrade, bebend unter ihren Füßen. Als sich der angsterfüllte Elwar Elandin in das Zimmer zu retten versuchte stürzte der erste schwere Brocken des klobig protzigen Ornaments des Giebeldreiecks vor seine Füße. Erschrocken sprang er einen Schritt zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Balustrade des Balkons. Das menschlich große Haupt des Gottes der Familie, des Vertrauens und der Loyalität, Jundal, stierte ihn aus steinernen, unheimlichen Augen vorwurfsvoll an bevor der Balkon einstürzte und gemeinsam mit dem einbrechenden Dachgesims in die Tiefe stürzte und darunter verschüttet wurde.
Die Soldaten im Hof blickten sich aufgeschreckt ratlos um und warteten mit nervösen Händen auf Anweisung ihres Obersts. Dieser widmete dem Einsturz jedoch nur kurze Beachtung, wies drei Männer an Elwar aus den Trümmern zu befreien und wandte sich dann wieder seiner bisherigen Beschäftigung zu: der Einweisung seiner Männer, welche soeben mehrere schwere Ballisten auf den Hof schoben, sowie deren Ausrichtung auf das Schiff. Vvalenia realisierte was die Männer vorhatten als sie die großen Seilwinden in deren Schlepptau erblickte. Aufgescheucht richtete sie sich auf und eilte zum Achterdeck.
„Wir müssen schnellstens hier verschwinden“, rief sie dem Gnomen entgegen, woraufhin ihr Antlitz ohne Antwort abzuwarten wieder aus dem Türrahmen verschwand. Ermin starrte einen weiteren Moment verblüfft auf die nun wieder leere Stelle, ehe er mittels einiger Hebel neben dem Steuerrad die Spiegel an den Seiten des Achterdecks justierte bis er die Ballisten selbst erblicken konnte; dann riss er das Ruder nach Steuerbord um und rief eilig einige Befehle in das Akustikum um Khero, Edr und Lorna im Energieraum anzuweisen.
Ein kräftiger Schlag der Stabilisatorflügel durchzog Orkanreiter mit einem bebenden Ruck und brachte ihn in Schieflage um abdrehen zu können ohne Schaden an der Hauswand zu nehmen, auch wenn dies die Angriffsfläche für die Ballisten erhöhte, da diese nun nicht mehr hinter dem Schiff, sondern auf die Rumpfseite zielten. Vvalenia strauchelte ob dieser Lageänderung und stolperte in Alas’ Arme, welcher gerade die Treppe in den Schiffsrumpf erklommen hatte und an Deck erschienen war. Sie beide taumelten und stürzten schließlich zu Boden. Sprachlos blickten sich die beiden einen Moment lang in die Augen bis Vvalenia ihre Worte wiederfand, Alas einen sanften Klaps auf die Wange gab und unter einem schelmischen „später vielleicht“ aufsprang um flugs unter Deck zu verschwinden. Alas blickte ihr perplex einen Augenblick hinterher, schüttelte dann sein errötetes Haupt und richtete sich ebenfalls auf, um unter wackligen Schritten zu Merdalia zu eilen.
Die aufgebrachten Neuankömmlinge hatte sie auf dem Weg in den Maschinenraum ignoriert und Ulberon beinahe umgerannt. Erschrocken war dieser einen Schritt zurückgesprungen nachdem ihn die Schwarzhaut zornig angefaucht hatte.

„He, Giftzwerg. Schafft ihr es die Ballisten mit eurer Armbrust auszuschalten?“, rief sie Gorwell vom Energieraum in die Aussichtsplattform zu.
Der Zwerg schalt sie einen Moment mit einem finsteren Blick für die anmaßende Anrede, antwortete dann jedoch grimmig.
„Unmöglich durch den Panzer zu dringen.“
Die Ballisten waren mit einer schweren Eisenplatte beschlagen, die vergleichsweise empfindliche Mechanik der Waffe schützend, was auch den Männern, die sie verwendeten zugutekam. Eine Aussparung in der Mitte der Metallplatte sorgt dafür, dass lediglich das Geschoss der Balliste diese durchdringen kann.
Dennoch feuerte er einen Bolzen ab als er den Mann erblickte, welcher Hand an den Abzugshebel der Balliste legen wollte. Er verfehlte jedoch sein Ziel, halb verdeckt von der Panzerung, gestört durch das Rumpeln Orkanreiters, gefährlich knapp am Rand der Armbrust Reichweite – kein einfaches Ziel. In diesem Moment tönte ein bedrohliches Zischen durch die Luft und kündigte ein gewaltiges Geschoss an, das mit voller Wucht die Seitenwände des Schiffs durchbrach, das Licht wie im Kerzenschein flackern ließ und den Niedergang ihres Abenteuers mit einschüchterndem Funkenregen ausrief. Einer der Schutzkristalle zerbarst bei dem Aufprall und verteilte dutzende Bruchstücke mit voller Wucht im gesamten Raum. Vvalenia schützte ihr Haupt instinktiv mit beiden Händen, verspürte jedoch einen brennenden Schmerz an ihrer Taille, Edr rief ebenfalls schmerzhaft auf als sich einer der Splitter in seinen Oberarm bohrte. Eine Druckwelle durchfuhr die Luft vom großen Energiekristall ausgehend und plusterte das Netz aus Sirenenhaar besorgniserregend auf, welches drohte ebenfalls zu zerreißen, dann jedoch wieder einfiel und sich um die bedrohlich stark vibrierende gläserne Säule legte. Vvalenia wurde von den Füßen geschleudert und landete unsanft rücklings auf ihrem Hintern. Edr, welcher sich von seiner Kurbel gelöst hatte um die rechte Hand auf seinen verletzten Arm zu pressen, wurde von seiner Bank gerissen. Lorna hielt sich an seiner Kurbel fest und riss sie dabei zurück, woraufhin das Schiff mit einem Ruck in Schieflage geriet und die gesamte Besatzung gen Steuerbord taumelte. Die übrigen Schutzkristalle pulsierten leuchtend weiß, die Energie ihres zerschmetternden Bruders absorbierend, welche nun den großen Energiekristall destabilisieren wollte. Vvalenias Haut brannte in ihrem Antlitz, auf ihrer Brust, ihrem Bauch, Armen und Beinen; überall dort, wo sie die Druckwelle erwischt hatte. Ihr Verstand fühlte sich schwammig an, als durchliefen ihre Gedanken einen dichten Nebel. Sie warf einen abwesenden Blick auf ihre Arme ohne sichtbare Verbrennungen erkennen zu können und rieb sich mit den Händen darüber um das unangenehme Gefühl loszuwerden, scheiterte jedoch. Lorna ließ nun ebenfalls seine Kurbel los und die beiden Sklaven starrten den riesigen, spitzen Metallhaken an, welcher sich nun in die Planken bohrte und das Schiff zur Seite riss als des Königs Männer die Seilwinde anzogen. Vvalenia, ohne sich abzustützen, stürzte zur Seite, Lorna wurde nun ebenfalls von seiner Bank gerissen und Gorwell gegen das Geländer der Aussichtsplattform geschleudert. Erstere wurde durch diesen Ruck aus ihrer geistigen Taubheit gerissen, sprang sogleich auf und hetzte zum Haken um diesen zu inspizieren. Ihn herauszulösen war unter der auf ihm liegenden Zugkraft unmöglich; das daran festgebundene Seil unerreichbar weit außerhalb des Schiffs. Von oben betrachtet hätte sie das Geschoss nicht derart lang eingeschätzt. Sie blickte sich zunächst ratlos im Raum um, ehe ihr ein Gedankenblitz einschlug, aufgrund dessen sie zur Aussichtsplattform zurückrannte.
„Gebt mir eure Axt“, rief sie Gorwell zu, welcher zunächst zögerte, bis Vvalenia ihn ungeduldig drängte. „Wenn ihr nicht wieder in die Fänge des Königs geraten wollt, gebt mir eure verdammte Axt!“
Gorwell seufzte dann jedoch, zog Yllda aus seinem Gürtel und warf diese ihr zuwarf.
„Entschuldige, Süße“, murmelte er in das leere Loch über ihm starrend, nachdem Vvalenia bereits verschwunden war.
Sie nahm die Axt in beide Hände, holte über Kopf aus und schwang sie mit all ihrer Kraft gegen die Planken, in denen sich der Haken festgebohrt hatte. Das massive Holz ignorierte jedoch schlichtweg ihre Mühen und widerstand auch die beiden darauffolgenden Hiebe ohne nachzugeben. Sie vermutete, dass der Rumpf zusätzlich durch die Magie im Energiekristall geschützt wird.
„Lasst mich“ ertönte eine grollende Bassstimme hinter ihr, welche ihre Muskeln zusammenzucken ließ.
Sie blickte auf die ausgestreckte Hand des zwei Häupter größeren Lorna und überließ ihm die Axt wortlos.
„Rudern“, bat er freundlich in einem Ton, welcher mehr nach Frage denn nach Anweisung klang während er seinerseits mit der Axt ausholte.
Vvalenia betrachtete zunächst wie einige Splitter nach dem ersten Schlag abplatzten und wandte sich dann dem schweren Ruder zu. Sie rief Khero über das Chaos des Einschlags des zweiten Hakens hinweg zu er solle ihr mit dem schweren Ruder aushelfen, denn mit dem, trotz seiner Verletzung, gewaltigen Zug Edrs auf der Steuerbordseite konnte sie alleine nicht mithalten. Khero hatte sich nach der Druckwelle aufgerappelt und zurück an die Bedienung des Blasebalgs gemacht während er nun gleichzeitig über das Knistern der Luft laut rufend die Situation über das Akustikum beschrieb, sodass Ermin etwaige Anweisungen durchgeben konnte. Dieser widmete sein Hauptaugenmerk jedoch darauf, das Schiff so zu steuern, dass der Zug quer zum Kiel die Energieleitungen zum Schwebebalg nicht brach. Unter Funkenregen taumelte der Herelf quer durch den Raum und fiel schließlich auf die Bank als kräftiger Lärm auf Steuerbordseite ein zweites Bersten der Bretter verkündete und ein Rumpeln den Rumpf durchzog, welches beinahe Lorna mit aus dem nun klaffenden Loch geworfen hätte. Er blickte dem schweren Haken hinterher bis dieser in einer weißen Wolke im Schnee aufschlug, dann widmete er sich dem zweiten Haken weiter gen Heck. Dieser hatte zum Glück keinen der Sicherheitskristalle erwischt.
Gorwell indes landete nach mehreren verfehlten Bolzen nun einen Treffer als er auf die dritte Balliste zielte und dem Mann am Auslöser die Kniescheibe zertrümmerte. Dieser brach daraufhin zusammen, nun außer Reichweite des Hebels, weshalb ein weiterer Gardist herbeieilte um die Balliste abzufeuern.
Das Holz brach erneut und befreite das Schiff nun von seinen Ketten. Im selben Moment schlugen Edr, Vvalenia und Khero die Ruder und versetzten dem Schiff einen gewaltigen Ruck in die Höhe, welcher jeden an Bord zu Boden riss, der sich nicht festhalten konnte. Lorna verlor das Gleichgewicht und stolperte aus dem Loch hinaus in die Tiefe, welche ihm trotz des weichen Schnees sämtliche Knochen brach.
„Yllda!“, schrie Gorwell hinab, konnte jedoch nicht erkennen, dass seine geliebte Axt mit heruntergefallen war, also wandte er sich von der Armbrust ab und erklomm schnellstmöglich die Leiter hinauf in den Energieraum um sich zu vergewissern, dass sie noch dort ist.
Der dritte Haken, in diesem Moment abgefeuert, verfehlte den Rumpf des Schiffs und schlug in den Kiel ein. Er konnte diesen zwar nicht durchbohren und somit rissen die Männer des Königs ihn wieder heraus als sie die Seilwinde anzogen, doch ließ die Wucht den massiven Balken beinahe gänzlich durchbrechen. Nur wenige Fasern hielten das Holz noch zusammen.
Die Gardisten zogen die Geschosse mit ihrer Seilwinde zwar wieder an, doch als sie bereit waren die nächsten Haken abzufeuern war das Schiff bereits außer Reichweite ihrer Seile. Der letzte abgefeuerte Schuss kam nah an das Schiff heran, riss dann bei voller Spannung die rasch improvisierte Verankerung der Seilwinde aus dem Boden und bremste durch den Ruck den Haken so sehr ab, dass er unter dem Rumpf hindurchflog und rasch senkrecht gen Boden sank.
Alle Anwesenden, denen dies nicht entging atmeten erleichtert auf und setzten sich erschöpft einen Augenblick hin wo sie standen.

Die ehemals Eingekerkerten zogen sich zunächst die in den Frachtkisten verstaute Kleidung an, welche sich für das frostige Wetter besser eignet als die zerschlissenen Lumpen des Kerkers, in welchem man dort trotz Windstille beinahe erfror. Dann sammelten sie sich in der Speisekammer, wärmten sich am Feuer unter dem Kessel und stärkten sich mit der Suppe darin. Obwohl die Erschöpfung an ihnen nagte wollte Alas ihr weiteres Vorgehen klären, ehe er bereit war sich zu Bette zu legen.
„Ihr erhebt also Anspruch diese Expedition anzuführen“, stellte Alas aus seiner vorherigen Unterhaltung mit Tarlund fest, seine Suppenschüssel von sich schiebend und die Arme vor der Brust verschränkend.
„Ich bin das Haupt dieser Gruppe, ganz Recht. Ich habe die meiste Erfahrung und meine Männer hören auf mein Wort. Und Ich war es schließlich, der damit beauftragt wurde“, erklärte Tarlund freizügig, in der Annahme er könne die unerwünschten Passagiere bei nächster Gelegenheit ohne Einwände von Bord lassen um danach die Reise fortzuführen.
„Und wenn jemand anderes an euch herantritt und euch den doppelten Preis für die Schwarzhaut bietet? Ich nehme an dann würdet ihr von eurem Vorhaben ablassen, nicht wahr?“
Tarlund schnaubte, denn er hatte dieses opportunistische Bild des Söldnerstandes lange satt.
„Es gibt zwei Arten von Söldnern: Die einen nehmen ’nen  Auftrag an und schließen ihn ab, komme was wolle, die anderen brechen mit ihrem Auftraggeber alsbald sich ’ne lohnenswertere Alternative ergibt.
Als junger Mann bot sich mir keine andere Möglichkeit mein Brot zu verdienen. Ich war ’n guter Kämpfer, bisschen ungeduldig und stürmisch, aber ich gewann dennoch gegen die meisten – es war naheliegend. Jetzt bin ich achtundvierzig. Wisst ihr wie man derart lange im Söldnergeschäft verweilt? Selbst, wenn man sich nicht die halbe Vergütung sofort aushändigen lässt – bei Auftragsbruch wäre das schlichtweg Diebstahl und brächte jeden ernsthaften Auftraggeber dazu, einem das Gesetz an die Fersen zu heften – man erhält auf jeden Fall keinen weiteren Auftrag mehr. Sowas spricht sich schnell herum.“
„Zu schade. Würd’ das Geschäft sehr viel reizvoller machen“, kommentierte Ulberon in einem Tonfall, welchen Alas weder als ernst noch als scherzhaft zu deuten vermochte.
Tarlund bedachte seinen Gefolgsmann tief sinnierend.
„Reizvoller, möglicherweise; tödlicher, gewiss; lohnenswerter, nicht im Geringsten. Ist es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet junge Krieger dem Reiz des Todes kaum widerstehen können? In ’nem Alter, in welchem gerade das Leben so viel bieten kann.“
„Ich bin mir sicher ihr habt für das Geld eurer Auftraggeber, so loyal ihr zu euren Verträgen stehen mögt, Dinge getan, für welche man euch unter anderen Umständen geköpft hätte“, mutmaßte Alas herablassenden Blickes auf Tarlunds Stand.
Tarlund verschränkte nun seinerseits die Arme vor der Brust und hob sein Kinn abwehrend.
„Ich bin mir sicher das habt ihr ebenfalls“, erwiderte er in derart leicht angespannter Stimme, dass es kaum jemandem auffiel.
Alas löste seine Verschränkung, setzte die Ellenbogen auf dem Tisch ab und faltete die Hände.
„Nicht für profanes Metall, nein.“
Zwei eiserne Blicke trafen sich in der Mitte der Kammer, doch auch nach einigen Sekunden gewann keiner die Oberhand.
„Die Schwarzhaut befindet sich bereits seit zwei Monaten in meiner Obhut; sie reiste mit uns quer durch das Königreich, durch das Trollgebiet bis tief ins Verfluchte Land, nach Zerdoran und durch die Lüfte. Sie wird euch nicht folgen, und auch sonst keiner meiner Männer.“
„Und Frauen“, fügte Merdalia trotzend an, was ihr einen geringschätzenden Blick der stämmigen Evea einbrachte.
Tarlund hob die Augenbrauen in Verwunderung.
„Das ist auch nicht nötig. Wie in unserem ersten Gespräch beschlossen, werden wir euch bei der nächstbesten Möglichkeit von Bord lassen. Die Schwarzhaut bleibt unsere Gefangene.“
Alas blickte ihn ungewöhnlich lange mit ausdruckslosem Antlitz abschätzend an.
„Das kommt nicht in Frage“, widersprach er ruhig aber bestimmt. „Wir geleiten die Schwarzhaut zum Herz des Winters.“
„Seid keine Narren. Ihr seid Verbrecher und wir schenken euch eure Freiheit.“
Alas richtete sich langsam auf, legte die Hände auf den Tisch und beugte sich vor.
Ihr seid die Narren. Wem ist die Freiheit von Nutzen wenn das gesamte Land tot ist. Wir sahen sie, die Armee der Seelenlosen, vor den Toren Zerdorans. Sie mussten nicht einmal die Stadtmauern überwinden, sie erhoben sich direkt aus den Friedhöfen der Stadt, krochen aus den Krypten und öffneten sodann den Toten vor den Mauern die Tore. Wenn dieser Feind Tevelon erreicht wird es kein Königreich Kortan mehr geben. Ihr wollt uns unsere Freiheit schenken? Ihr schenkt uns lediglich einen anderen Tod.“
Tarlund strich mit der Hand über den kurzen grau melierten Bart und bedachte Alas’ Worte während er einen Moment versuchte in dessen Antlitz verräterische Züge zu erkennen.
„Meine Männer folgen keinen Verbrechern und eure keinen Söldnern. Was schlagt ihr also vor?“
„Ich sage es euch erneut: das einzige Verbrechen, das wir begingen und für das man uns in den Kerker warf, war das Beisein einer Schwarzhaut ohne Fesseln während unserer Audienz beim König.“
„Keine besonders besonnene Entscheidung, meint ihr nicht? Das Resultat war absehbar. Besser ihr hättet die Schwarzhaut vor den Toren abgesetzt und nach eurer Audienz wieder eingesammelt.“
„Wäre die Schwarzhaut außerhalb der Stadt verblieben so wäre nun keiner von uns hier anwesend. Yundrel hätte ihre Vorhersehung nicht preisgegeben, Herzog Dilwander hätte ihr nicht geholfen die Schwarzhaut aus dem Kerker zu befreien und euch anzuheuern.“ Alas deutete mit einer Handbewegung auf sein Gefolge im Raum, zu seiner Linken. „Wir befänden uns mit größter Wahrscheinlichkeit in der Obhut des Königshauses. Möglicherweise nicht im Kerker aber ehe unsere Aussage nicht durch einen Späher bestätigt wurde hätte man uns für das Geleit einer Hexe wahrlich nicht schlichtweg gehen lassen. Die Mæster der Akademie stünden im Hof und ließen sich dies Schiff hier vorführen, anstatt es für die Vorbereitungen gegen den drohenden Feind einzusetzen. Unsere wichtigste Informationsquelle würde in Bälde zu Tode gefoltert werden, noch bevor der entsandte Späher überhaupt die Untoten erreicht hätte.“
Tarlund schnaubte, wenig überzeugt von Alas’ Worten.
„Reine Spekulation. Im Gegensatz zum eingetretenen Geschehen, wäre die Entscheidung des Königs ohne die Schwarzhaut in euren Rängen nicht abzusehen gewesen. Der Späher hätte von euren Toten berichtet, sofern sie denn existieren, und ihr wärt nicht im Kerker gelandet, hättet ohne einen zornigen König das Land auf den kommenden – wie nannte er es noch? – Sturm vorbereiten können.
Ihr müsst wahnsinnig hoch in der Gunst der um bis hierher überlebt zu haben, wenn ihr immer solch übereilte Entscheidungen trefft. Ihr könnt mir jedoch glauben, diese Gunst schwindet so leise und plötzlich wie sie erscheint.“
Alas richtete sich auf und seufzte dabei tief. Er musste sich zumindest eingestehen, dass er sich bezüglich des Königs Reaktion nicht in Sicherheit wägen konnte; ebenso, dass er anderen möglichen Entscheidungen weniger Beachtung geschenkt hatte, als er womöglich hätte sollen; und schließlich auch, dass er den Göttern zu Dank verpflichtet war.
„Nein, ein Anführer muss besonnen entscheiden, nicht willkürlich aus dem Bauch heraus. Ihr seid Paladin, ihr seid ein Idealist; früher oder später werdet ihr ’ne schlechte Entscheidung treffen um jemandem das Leben zu retten, der völlig unbedeutend für das Schicksal Antallians ist. Und dann wird jemand sterben, der besser nicht stirbt; vielleicht ihr selbst, vielleicht euer kämpferischer Zwerg, eure Magierin.“ Tarlund löste die Verschränkung seiner Arme und trat einen Schritt auf Alas zu. „Oder einer meiner Leute, Evea hier, oder gar ich selbst. Ihr müsst einsehen, dass ich das nicht hinnehmen kann.“
Alas blickte Tarlund misstrauisch an während er die Arme erneut vor der Brust verschränkte.
„Wenn keiner dem anderen folgt und keiner das Schiff verlässt, was schlagt ihr vor?“
„Der geeignetste Mann sollte die Expedition anführen, denkt ihr nicht?“
Alas lachte wenig amüsiert.
„Und der seid ihr“, schlussfolgerte er aus Tarlunds offenkundiger Selbsteinschätzung.
„Ich bin zumindest der Erfahrenste. Ihr führtet letztendlich eure Männer in den Kerker.“
Alas schnaubte. Er war bereits zuvor gezwungen mit Söldnern umzugehen und war sich demnach deren Motivation bewusst, und wie weit ihre Loyalität reichen mochte.
„Eure Männer könnt ihr bezahlen um sich deren Loyalität zu sichern, die meinen folgen nicht schlichtweg dem Klimpern funkelnden Metalls, sondern weil sie überzeugt sind, dass wir gemeinsam, unter meiner Führung, die besten Chancen haben Antallian vor seinem Untergang bewahren zu können; sie folgen mir, weil sie meine Freunde sind.“ Er deutete mit dem Kinn auf Evea rechts von Tarlund. „Was denkt ihr, wird sie euch noch folgen, wenn dies ihren Tod bedeute? Würdet ihr euer Leben riskieren um das ihre zu retten oder würdet ihr doch lieber euer eigenes Überleben sichern, sodass ihr schlussendlich euer Geld nicht missen müsst? Eure Leute folgen euch, weil sie noch nicht wissen, dass so viel mehr auf dem Spiel steht als ihre profanen Münzen.“
„Wie ihr meint“, winkte Tarlund Alas’ Argument ab, welches er sich nicht eingestehen wollte. „Dann lassen wir unser Gefolge entscheiden.“
In den folgenden Momenten verschränkten einige ihre Arme, andere blickten betreten zu Boden, räusperten sich, spannten ihre Schultern an oder lehnten sich an die Wand. Nach kurzem Augenblick des Schweigens meldete sich schließlich Gorwell zu Wort.
„Es tut mir leid, mein Freund. Ich würd’ für dich in den Tod gehen wenn’s dich rettet. Aber die Schwarzhaut ohne Ketten mit uns zieh’n zu lassen. Das halt’ ich für ’nen Riesenfehler“, verkündete er mit bitterer Stimme während er auf die andere Seite des Tisches zu Tarlund hinübertrat, dessen selbstgefälliges Lächeln mit finsterem Blick scheltend.
„Noch jemand dieser Meinung?“, fragte Tarlund in die Runde, sein Blick von einem zum nächsten wandernd. „Was ist mit dir, Zuckerschnute?“
„Gewiss. Allerdings halte ich einem Gauner wie euch das Kommando zu überlassen für einen noch größeren. Und wenn ihr mich noch einmal so nennt werde ich euch bei der erstbesten Gelegenheit meinen Zauberstab in den Hintern rammen; bis zum Anschlag“, erwiderte Merdalia erbost mit dem Finger auf Tarlund deutend.
Dieser hob mit amüsiertem Grinsen abwehrend die Hände.
„O-hoho, das könnte mir gefallen.“
„Widerlich“, kommentierte Merdalia angeekelt das Antlitz verziehend.
„Also, scheinbar seid ihr nur zu dritt, entgegen sechs von uns“, resümierte Tarlund nachdem seine Miene wieder ernst geworden war. „Es ist also entschieden.“
Alas hob überrascht seine Augenbrauen und blickte nach links und rechts um sich zu vergewissern, dass keiner der Anwesenden in der Zwischenzeit schlichtweg den Raum verlassen hatte.
„Wir sind zu viert“, korrigierte er schließlich. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Tana, Ermin und Khero ebenfalls auf meiner Seite stehen werden, womit wir gar zu siebt wären.“
„Ha“, schnaubte Ulberon und deutete auf Vvalenia. „Ihr glaubt doch wohl nicht, dass die Stimme dieses Tiers dort zählt; oder die eurer Hexe.“
Ein paar der Söldner nickten zustimmend.
„Dieses Tier ist überhaupt der Grund, aus dem wir zum Herz des Winters reisen. Sagt mir weswegen sie keine Stimme erhalten solle.“
„Dass wir sie dorthin führen sollen besagt nicht wie wir sie dorthin führen sollen. Wie gesagt, wir legen sie als Gefangene in Ketten, dann kommt sie auch nicht auf die dumme Idee zu flüchten. Und Gefangene haben nun mal keine Stimme“, erläuterte Tarlund als wäre dies selbsterklärend.
„Zu flüchten, oder uns alle abzustechen“, kommentierte Ulberon dazwischen und erntete einen nachdenklichen Blick Tarlunds.
„… oder uns alle abzustechen“, wiederholt dieser schließlich als er sich zurück an Alas wandte.
„Den einzigen Grund euch zu töten oder abzuhauen hätte ich, wenn ihr mich in Ketten legen wollt“, zischte Vvalenia grimmig dazwischen.
„Wollte es nicht die ganze Zeit schon verschwinden, sobald wir aus den Städten heraus sind?“, Gorwell verschränkte die Arme und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
„Das wollte ich. Bevor uns allen bewusst war, dass wir dem Untergang Antallians entgegenblicken.“
„Das wollte es noch immer nachdem wir bereits in Zerdoran waren, es erinnere sich? Es wünschte von Bord gelassen zu werden alsbald die Lage Sicherheit garantiere“, merkte Merdalia an.
Vvalenia wandte sich ihr zu um ihr einen missbilligenden Blick zuzuwerfen.
„Benehmt euch nicht, als wärt ihr mich nicht vorzugsweise losgeworden. So sehr euch dies missfallen mag, es scheint der Wille eurer Götter zu sein.“
Alas fuhr Merdalia über den Mund als sie etwas erwidern wollte. Er hatte nicht vor zuzulassen, dass diese Konversation in einen Streit zweier seiner Unterstützer abdriftete.
„Alsbald ihr die Führung übernommen habt könnt ihr sie als Gefangene zählen. Da ihr diese jedoch noch nicht innehaltet, und unsere Schwarzhaut hier derzeit frei der Bürde von Fesseln ist, zählt ihre Stimme durchaus.“
Tarlund verengte seine Augen und funkelte Alas mit bösem Blick an, entspannte sein Antlitz jedoch kurz darauf wieder.
„Warten wir ab welche Entscheidung die nicht anwesenden treffen.“

Damit trat die gesamte Truppe aus der Speisekammer und hastete im Stechschritt die Stufen bis zum Deck hinauf. Ermin, welcher die ganze Mannschaft auf das Deck schwärmen sah, wunderte sich bereits; seine Verwirrung löste sich jedoch auf als die Gruppe das Achterkastell füllte und gespannt seine Entscheidung erwartete.
Er starrte minutenlang in die Leere, in Gedanken an die bisherige Reise, seine Familie; seine verstorbene Frau sowie die beiden Kinder Nanolin und Neolni, an seine noch lebenden Schwiegervater Terwin und Sohn Picolin. Er rief sich abermals ins Gedächtnis, dass die beiden ohne den glücklichen Zufall des Erscheinens Alas’ und seines Gefolges nun aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls verstorben wären; wie auch er selbst. Aber hatte es ausgerechnet die Schwarzhaut sein müssen um seine Kinder zu holen? Besteht die Möglichkeit, dass sie die beiden mutwillig hat sterben lassen? Warum hätte sie aber Picolin retten sollen, und warum – trotz all der Grauen dieses vergangenen Tages – schlotterten ihm in ihrer Gegenwart nicht die Knie? Er schüttelte sein Haupt um diesen Gedanken loszuwerden, da er ohnehin zu keinem Ergebnis führte. Zu all der Ungewissheit plagten ihn die schmerzhaften Erinnerungen seines Verlusts durch ihre Anwesenheit umso mehr – zumindest war er davon überzeugt. Andererseits hingegen, so wenig Zeit er in Alas’ Gesellschaft verbrachte, Tarlund war ihm noch weniger bekannt und obgleich ihm schien als zögere dieser nicht schwierige Entscheidungen zu treffen, war er doch ein Söldner und hätte gewiss nicht sein eigenes Leben oder das seiner Männer riskiert um kleine Kinder zu retten, welche für das Ziel unerheblich sind. Nein, vermutlich hätte er versucht ihn zum Abflug zu zwingen.
„Ich stehe hinter Alas“, entschied er schließlich abwesenden Blickes aus dem Fenster hinaus.
Tarlund hatte damit gerechnet, wusste jedoch auch von den Verlusten, welche Ermin zu erleiden hatte, da dessen Sohn kein Talent besaß etwas zu verschweigen, das man besser keinem Fremden erzählte. Er wollte zumindest die Möglichkeit ausschließen, dass sich der Gnom auf seine Seite schlug. Auch ging er davon aus, dass der in seiner Obhut befreite Sklave Khero seinen Kontrahenten unterstützte, wie Edr bereits getan hatte; und Tana? Sie war eine Hexe und befand sich mit Alas im Kerker, woher vermutlich ihr Zustand rührte. Auch sie befreite er, entgegen jedweder Vernunft.
„Na schön. Ihr habt gewonnen. Aber glaubt nicht, dass wir euch blind folgen. Meine Männer werden euren Entscheidungen nur entsprechen, wenn ich diese für wohlüberlegt erachte“, grummelte Tarlund mit finsterer Miene, machte auf dem Absatz kehrt und drängte sich durch die Meute, welche hinter ihm gestanden hatte.
„Was? Das kann nicht dein Ernst sein. Die Schwarzhaut soll also frei bleiben?“, protestierte Ulberon über all der anderen Empörung seiner Söldner hinweg.
„Ich werde dein ständiges Gemecker langsam leid“, zischte Tarlund in Ulberons Antlitz, nachdem er sich diesem für einen kurzen Augenblick zugewandt hatte ehe er letztendlich ohne eine Reaktion abzuwarten aus dem Kastell trat.
Review schreiben