Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wenn Wünsche wahr werden

GeschichteDrama / P18 / Gen
OC (Own Character) Wolverine / James "Logan" Howlett
12.12.2006
18.04.2021
37
200.072
3
Alle Kapitel
129 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
12.12.2006 6.644
 
Hi! Ich weiß, dass es wieder etwas länger gedauert hat und möchte mich hiermit für eure Geduld bedanken. Und für die vielen Reviews! *freu*
Sooooo, es geht also weiter und das nächste Update kommt voraussichtlich gegen Ende Februar (vielleicht schaffe ich's früher, kann aber nichts versprechen).

Noch eine kleine Anmerkung:
In den Teilen, die Kursiv geschrieben sind, nehme ich Bezug auf und zitiere zum Teil aus dem Buch "Waffe X" von Marc Cerasini. Vor allem die Dialoge, die da vorkommen, sind nicht von mir (leider), auch wenn an manchen Stellen ein bisschen abgeändert, damit es zu meiner Geschichte passt. n_n
Ich kann das Buch übrigens nur wärmstens empfehlen!

So, und nun weiter mit der Geschichte! Viel Spaß beim Lesen!!

Kapitel 3: Gene

Es war dunkel.
Sie war von tiefster Dunkelheit umgeben und es gab nichts, das diese Dunkelheit hätte verdrängen können. Sie wusste einfach, dass da nichts war. Nichts außer der Dunkelheit und der Wärme, die unglaubliche Kälte verbreitete.
Es war paradox, aber das Einzige, das sie empfand, das sie empfinden konnte, war die Kälte tief in ihr drin, die durch die behagliche, weiche und nasse Wärme ausgelöst wurde, die sie umgab und die sich anfühlte wie ... wie Blut.
Da waren Dinge in dieser kalten Wärme. Dinge, die sie umschlängelten, die sie hielten und nicht mehr losließen. Nie mehr wieder.
Sie bedrängten sie, stachen sie, schnitten sie.
Änderten sie.
Sie wollte sich wehren, irgendetwas tun, aber letztendlich war sie machtlos. Aus diesem Sarg aus Dunkelheit und Wärme gab es kein Entkommen.  

Cathy wachte mit einem halb erstickten Keuchen auf und schnappte nach Luft, ehe sie sich aufsetzte und ängstlich in ihrem Zimmer umsah. Aber da war nichts. Nur sie und ihr Teddybär, der einsam auf dem Teppich lag. Anscheinend war er während der Nacht zu Boden gefallen.
Cathy fuhr sich nervös mit der Hand durch die kurzen Haare, schwang dann die Beine vom Bett und drückte den Knopf, der ihren Wecker zum Verstummen brachte. Danach bückte sie sich nach dem Teddy, um ihn wieder an seinen Platz zu setzten, und stand auf.
Sie wollte ins Bad gehen, aber sie hielt einen Moment lang inne, um sich erneut flüchtig in ihrem Zimmer umzusehen. Aber wie auch schon davor konnte sie nichts Ungewöhnliches feststellen.
Trotzdem hatte sie ein unglaublich komisches Gefühl und auch die Tatsache, dass ihre Haut auf eine schwer zu beschreibende Art und Weise kribbelte und juckte, änderte nichts daran. Es hörte zwar nach einem weiteren Moment auf, aber das komische Gefühl blieb.
Cathy seufzte und verließ endlich ihr Zimmer, um ins Bad zu gehen und sich für den Tag vorzubereiten.
Sie wusch sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser und versuchte nicht einmal die bereits verblassenden Bilder des Traumes zu behalten. Sie wusste nur, dass sie einen sehr merkwürdigen Traum gehabt hatte, der jedoch nichts zu bedeuten hatte.
Den unverkennbaren Beigeschmack der Angst, den er geweckt hatte, versuchte sie nach bestem Können zu ignorieren.  

****


Es war während dem Matheunterrichts, dass das Kribbeln und Jucken wieder in ihr Bewusstsein drang, sodass sie es nicht mehr ignorieren konnte.
Cathy runzelte genervt die Stirn, konzentrierte sich aber weiterhin verbissen auf die Aufgabe, die es zu lösen galt, und kratzte sich gedankenverloren an der Wange. Dann ließ sie die Hand wieder sinken und wollte den Rechenvorgang fortsetzten, aber irgendetwas an ihrer Hand irritierte sie, weswegen sie den Blick von ihrem Matheheft nahm und diese flüchtig ansah.
Da hing etwas an einem ihrer Fingernägel...
Cathy sah etwas genauer hin, aber es dauerte einen Augenblick, bis sie endlich erkannte, dass es sich um ein Stückchen Haut handelte.
Ihr Stirnrunzeln wurde tiefer und sie legte ihren Bleistift auf das Matheheft, um dann mit ihren Fingerspitzen vorsichtig über ihre Wange zu tasten. Sie konnte sich nicht daran erinnern, so trockene Haut gehabt zu haben, dass ihre Haut aufbrach ... Es war ja noch nicht einmal so kalt draußen! Und es war erst Mitte November!
Cathy hielt inne, als sie endlich die Stelle fühlte, an der ein bisschen Haut gelöst hatte und wo sich die Haut tatsächlich ein wenig spröde und trocken anfühlte. Aber in der Früh war alles noch in Ordnung gewesen!
Sie schüttelte leicht den Kopf und wandte sich wieder dem Mathebeispiel zu. Erst in der Pause holte sie dann einen kleinen Spiegel aus ihrer Tasche, um sich ihre Wange anzusehen. Ihre Haut sah ganz normal aus und außer einem kleinen Hautfetzen, der sich von ihrer Wange gelöst hatte, wies nichts darauf, dass ihre Haut trocken gewesen wäre.
Cathy ergriff diesen kleinen Fetzen und zog daran, um es von ihrer Wange zu entfernen, aber anstatt dessen riss ihre Haut noch weiter auf und das Stück wurde größer. Cathy schnaubte genervt und entfernte es mit einem entschlossenen Ruck.
‚Also echt ... als hätte ich einen Sonnenbrand oder so gehabt!’, dachte sie sich und fuhr mit den Fingern vorsichtig über die Stelle, bevor sie den Spiegel wieder wegpackte.
Sie versuchte, nicht an das ungute Gefühl zu denken, das sie nun schon seit einiger Zeit verfolgte, aber es fiel ihr schwer, sich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren, denn das Kribbeln und Jucken kam in immer geringeren Abständen zurück. Schließlich konnte sie es kaum erwarten, nach Hause zu gehen.
Und zum ersten Mal seit diesem Zwischenfall war sie unglaublich froh darüber, dass ihre Mutter so übervorsichtig war, was ihre Gesundheit betraf, und sie deswegen für ein paar Wochen vom Turnunterricht hatte frei schreiben lassen.
Sie stürmte regelrecht ins Bad, kaum dass sie wieder zu Hause war. Sie zog gerade mal Schuhe und Jacke aus und warf ihre Tasche in ihr Zimmer. Dann stand sie auch schon vor dem großen Spiegel in dem Badezimmer und starrte- wie so oft in letzter Zeit- hinein. Wenn sie sich auf das Bild konzentrierte, dann konnte sie auch den haarfeinen Rand der Stelle sehen, an der sie die Haut abgerissen hatte und der wieder schrecklich zu jucken anfing.
Vorsichtig kratzte sie daran, was aber nur dazu führte, dass wieder sich wieder ein Stückchen ablöste. Und nicht nur das: rundherum entstanden weitere, feine Risse in ihrer Haut, die aber größer wurden, als sie über sie strich.
Cathy starrte ihr Spiegelbild entsetzt an und sah dabei zu, wie immer mehr Risse entstanden. Sie breiteten sich langsam aus, über ihre Wange, zu ihrer Nase, zu ihren Lippen ... zu ihren Augen.
Sie fing an zu zittern, als die Risse sich ihren Augen näherten. Und dann ...
Wie von Geisterhand bewegt begann sich das untere Augenlid ihres rechten Auges von ihrem Gesicht zu lösen.
Cathy schrie.

****


„Cathy?“, rief Cathys Mutter, als sie die stille Wohnung betrat. Außer den Schuhen und der Jacke ihrer Tochter gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass Cathy zu Hause war. Jedenfalls war nichts zu hören.
„Cathy? Schatz? Wo bist du?“
Es war dunkel und viel zu ruhig.
Judith runzelte die Stirn und legte ihre Sachen ab, bevor sie sich auf die Suche nach ihrer Tochter machte. Viele Möglichkeiten gab es ja nicht...
Das Stirnrunzeln wurde tiefer, als sie Cathy weder im Wohn- noch in ihrem eigenen Zimmer fand, aber schließlich sah sie das Licht, das unter der Badezimmertür durchschien.
„Cathy? Bist du da drin?“
Als Antwort erhielt sie nur ein leises Schluchzen.
„Ist alles in Ordnung bei dir?“
Als keine weitere Reaktion folgte, begann sich Sorge in Judith auszubreiten. Dass mit ihrer Tochter seit diesem Zwischenfall im Theater etwas nicht stimmte, das wusste sie schon. Immerhin hatte sie viel abgenommen und außerdem benahm sie sich in letzter Zeit auch sonderbar. Judith hatte sie immerhin nicht ohne Grund dazu gezwungen, zum Arzt mitzukommen.
„Cathy, Liebes, ich komme jetzt rein, ja?“, mit diesen Worten öffnete sie langsam die Tür, nur um dann das Bad zu betreten.
Der Anblick, der sie erwartete, ließ ihre Sorge nur noch stärker werden. Cathy kniete auf dem Boden, die Hände vor das Gesicht geschlagen, zitterte am ganzen Leib und schluchze.
„Meine Güte! Was ist denn passiert?!“, mit wenigen Schritten war sie bei ihrer Tochter und nahm sie beruhigend in den Arm, aber Cathy schüttelte nur den Kopf. Das Schluchzen wurde stärker, aber Judith glaubte ein paar Worte heraushören zu können.
„Mein Gesicht ... Oh Gott! ... Mein Gesicht!“, schluchzte Cathy immer und immer wieder. „Was ist mit deinem Gesicht?“, fragte Judith erschrocken und griff nach Cathys Händen, um diese von deren Gesicht wegzuziehen, aber Cathys Körper versteifte sich, bevor sie versuchte ihren Griff abzuschütteln.
„Komm schon, nimm die Hände runter! Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, was los ist!“
Langsam entspannte sich Cathy wieder und ließ die Hände sinken. Tränen rannen ihre Wangen hinunter, liefen hinab an...
Judith sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, als sie die Haut sah, die sich von Cathys Gesicht löste. Es war als würde sich abgestorbene, sonnenverbrannte Haut abschälen, um der neuen Haut darunter Platz zu machen. Oder als würde sich eine Schlange häuten ...
„Was ist passiert?“, fragte Judith besorgt, während sie das Gesicht ihrer Tochter eingehender studierte.
„Ich ... Ich weiß es nicht!“ Cathy schluchzte so stark, dass ihre Worte kaum zu verstehen waren. „Es hat gejuckt ... Meine ganze Haut ... Meine Haut juckt schon seit Tagen und ... und ... Ich hab nur ganz kurz daran gekratzt und ... Alles ist aufgerissen! Und ... Mein Auge ...!“
Cathy wollte das Gesicht wieder in ihren Händen verbergen, aber ihre Mutter hinderte sie daran und stand auf, nur um sie kurzerhand mitzuziehen. Dann befeuchtete sie ein Handtuch mit warmem Wasser und ergriff sanft Cathy Kinn, nur um dann mit dem Tuch vorsichtig über die Haut zu fahren.
„Schhhhh ... Keine Sorge. Alles wird wieder gut. Ich bin mir sicher, dass es eine Erklärung dafür gibt. Immerhin ... Dein Onkel hat dasselbe durchgemacht. Allerdings war er da etwas jünger als du. Und ... na ja ... bei ihm glich es eher der Häutung einer Schlange als einem Sonnenbrand.“
Judith lächelte Cathy aufmunternd an, während sie fortfuhr sanft ihr Gesicht von der abgestorbenen Haut zu befreien.
Dabei merkte sie natürlich nicht, wie ihre Tochter einen Augenblick lang erstarrte und sich ein zugleich ungläubiger wie auch entsetzter Ausdruck in ihren Augen ausbreitete.

****


Es war viel später, dass sich Cathy mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln an ihren Schreibtisch setzte.
Ihre Mutter hatte erfolgreich die Hautfetzen von ihrem Gesicht entfernt und hatte sie sogar dazu ermutigt, den Kopf nicht hängen zu lassen. Sie hatte gemeint, dass alles wieder gut werden würde und dass sich Cathy keine Sorgen zu machen brauchte. Dann hatte sie ihr versichert, dass sie und ihr Vater nichts dagegen hätten, da DAS nichts Neues in der Familie sei. Nur was sie damit genau gemeint hatte, das hatte sie nicht erklärt.
‚Wie soll ich mir da keine Sorgen machen? Hier stimmt doch nichts mehr!’
Was hatte ihre Mutter denn bloß gemeint? Bestimmt nicht irgendwelche erblichen Hautkrankheiten, oder?
‚Es sei denn es gibt seit neuestem erbliche Hautkrankheiten, bei denen sich die Haut abschält und dafür gesunde neue Haut zurücklässt.’, dachte Cathy.
Tatsächlich war es so gewesen, dass die Gesichthaut, die nach der Reinigung zum Vorschein gekommen war, rosig, zart und gesund gewesen war. Nicht zu schweigen davon, dass Unreinheiten und Mitesser verschwunden waren, so als wären sie niemals da gewesen.
Und das war nicht nur bei ihrem Gesicht so. Auf Ratschlag ihrer Mutter hin hatte Cathy ausgiebig geduscht, wobei sich der ganze Prozess wiederholt hatte. Alte, abgestorbene Haut hatte sich von ihrem Körper gelöst und geblieben war straffe, gesunde Haut, die keinen einzigen Makel aufzuweisen schien.
Cathy schlug ihr Tagebuch auf und begann die Ereignisse, die sich seit dem Schwächeanfall zugetragen hatten, aufzuschreiben, um eine Übersicht zu gewinnen, in der Hoffnung, dass sie das Ganze dann besser verstehen würde. Aber je mehr Punkte sie aufschrieb, desto verwirrender wurde es.
Immerhin: Sie hatte ganz plötzlich, ohne einen ersichtlichen Grund abgenommen. Dann waren ihre Augen, wie durch ein Wunder, besser als je zuvor und nun das! Hinzu kamen die kleinen Zwischenfälle, bei denen sie anscheinend Dinge tat, ohne dies zu merken. Außerdem hatte sie irgendwie das Gefühl, besser hören zu können...
Und da waren auch noch diese Kopfschmerzen, die sie immer wieder plagten.
Sie konnte das Gefühl nicht loswerden, dass sie eigentlich schon längst wissen sollte, was das alles zu bedeuten hatte, aber je angestrengter sie darüber nachdachte, desto weniger verstand sie.
Je mehr sie sich auf dieses Problem konzentrierte, desto weniger schien etwas Sinn zu ergeben. Dabei fühlte sie genau, dass die Antwort da irgendwo lauerte. Irgendwo am Rande ihres Bewusstseins, zum Greifen nahe und doch außerhalb ihrer Reichweite.

****


Dunkelheit.
In ihr und um sie herum war... Dunkelheit. Und trotz ihrer Bedrohlichkeit hatte diese Dunkelheit doch auch etwas Beruhigendes an sich. Sie war ihr vertraut, anders als die anderen Dinge, die sie umgaben. Dinge, die sie bedrängten und verletzten.
Sie war sogar vertrauter als die kalte Wärme, die um sie herum pulsierte wie ein schlagendes Herz.
Sie konnte Bewegung spüren, konnte fühlen, wie SIE wieder nach ihr griffen. Sie waren überall, die Hände, die Schmerz brachten. Hände, die zwickten und schnitten. Die erprobten und stachen.
Mit ihnen kamen die Stimmen, fremd und vertraut. Stimmen, die alles in ihr zu Eis gefrieren ließen. Stimmen, die ihr wehtun wollten.
Sie versuchte sich zu wehren, aber vergeblich. Sie konnte sich nicht rühren, sie war gebunden. Gebunden an die Dunkelheit und an den Schmerz. Ein ewiger Walzer, der immer und immer wieder von vorn begann.
Ein Tanz, bei dem ihre stummen Schreie den Takt angaben. Es war ein Ball, bei dem ihre Tränen als Wein serviert wurden und ihr Blut als Nektar.
Die Stimmen wurden wieder stärker und deutlicher, sie drängten die Dunkelheit zurück und brachten ein unangenehmes Licht mit sich, das durch ihre Schilde drang.
„…smittel lässt nach. Die Versuchperson befindet sich noch im Dämmerzustand aber sie erl…“ Sie entfernten sich, nur um dann doch wieder  näher zu kommen.
„Geben Sie ihr noch eine Dosis Thoranzin.“ „Das ist eine gewaltige Dosis! Sie könnte sie umbringen! Das ist unverant…“ „Tun Sie, was ich gesagt habe! Sie bekommt noch eine Dosis Thoranzin! Haben wir uns verstanden?“ „Ja, Sir.“
Nicht lange und sie verschwammen wieder, die Stimmen. Sie zerrannen, vermengten sich mit der warmen Nässe und ließen sie wieder ruhen.
Und schon bald kam wieder die Dunkelheit, um sie wärmend zu umarmen…

****


Cathy schrak hoch, als der Professor versehentlich die Kreide fallen ließ, und sah sich flüchtig um, um sicher zu gehen, dass sie nichts verpasst hatte. Aber allem Anschein nach wiederholte ihr leicht vergesslicher Religionsprofessor immer noch das, was sie auch schon in der letzten Stunde besprochen hatten. Und in der Stunde davor.
Kein Wunder, dass sie mit den Gedanken abgeschweift war. Aber sie gehörte wenigstens noch zu den wenigen, die noch nicht eingeschlafen waren …
Cathy seufzte und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Kopfschmerzen machten sich wieder bemerkbar und das Geräusch der Kreide auf der Tafel war viel zu laut. Sie runzelte die Stirn und versuchte es zu ignorieren, aber irgendwie war sie viel zu müde, um für irgendetwas genug Konzentration aufzubringen.
Sie wusste auch nicht, warum sie jetzt so unglaublich müde war. Seit dieser ganzen Sache mit ihrer Haut schlief sie wieder ruhiger und es war auch weniger eine körperliche Müdigkeit. Sie war einfach nur auf eine unbeschreibliche Art und Weise erschöpft, so als würde der Schlaf ihr nicht wirklich die benötigte Ruhe bringen. Vielleicht hing es auch mit diesen komischen Träumen zusammen...?
Sie konnte sich nicht wirklich an den Inhalt erinnern, aber ... Da war Kälte. Unglaubliche Kälte und Angst. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie diese Träume nicht zum ersten Mal hatte. Aber diesmal waren sie ... anders.

****


Das Nass war anders.
Die Dunkelheit ließ ganz langsam wieder von ihr ab, was fast ein Schluchzen in ihr ausgelöst hätte, wäre sie dazu in der Lage gewesen.
Sie wollte nicht erwachen, denn das würde nur den Schmerz wieder zu ihr bringen. Sie wusste, dass die Hände wieder nach ihr greifen würden, wenn die Dunkelheit sie verließ.
Hände ... kalte Hände die sich an sengendem Schmerz ergötzten. Hände ... Hände die an ihr hoch krabbelten wie dutzende von Spinnen. Sie bissen und ätzten ...
Das Nass war anders. Anders als davor.
War es zuvor warm gewesen, so verbreitete es jetzt noch mehr Kälte. Ihre Kälte ... Die Kälte der Hände, die sie quälten. Die Kälte der Stimmen, die wieder zu ihr durchdrangen.
Sie wollte nicht erwachen. Nicht jetzt und niemals wieder.
„... stelle einen leichten Impuls in der Gehirnaktivität der Versuchsperson fest ...“
Eine Stimme, die sie kannte.
Sie wusste nicht mehr, woher sie die verhasste Stimme kannte. Aber es war eine der Stimmen, die so viel Schmerz gebracht hatten. Davor ... vor dem Nass ...
Eine Stimme, die nach ihr gegriffen hatte, um nie wieder loszulassen. Eine Stimme ... einst vertraut und doch ... so fremd.
„Sind Sie sich sicher?“
„... Anomalie ...“
Die Stimmen verschwammen, zerflossen, bevor sie wieder Gestalt annahmen. Sie tanzten um sie herum, kamen näher und gingen wieder, nur um das Ganze erneut zu wiederholen. Immer und immer wieder ...
Ein Ball ... Ein Ball der tosenden und beißenden Gelächter ...
„Auf die Injektion der Nanochips vorbereiten.“
„Doktor ... weitermachen.“
Etwas bewegte sich, es ächzte und vibrierte. Bläschen streichelten ihren Körper entlang, wie um sie zu beruhigen. Aber sie konnte es spüren ... fühlen wie das Unheil näher kam.
Dann...
Etwas Langes, Spitzes bohrte sich in ihr wild schlagendes Herz, drang in ihr Innerstes ein. Sie versuchte dagegen anzukämpfen, die nagende Kälte zu verdrängen, aber der Schmerz wurde nur stärker und stärker und ...
Die Dunkelheit kam um sie zu verschlingen.

****


Cathy bäumte sich in ihrem Bett auf und öffnete den Mund, wie um zu schreien, aber das Einzige, das ihre Lippen verließ, war ein Keuchen, ehe sich ihr Herz und kurz darauf auch der Rest ihres Körpers schmerzhaft verkrampfte.
Tränen traten in ihre Augen und sie hatte das Gefühl ersticken zu müssen. Verzweifelt versuchte sie gegen die aufkeimende Panik anzukämpfen und sich wieder zu beruhigen, aber es wurde nur noch schlimmer.
Ihr Körper zuckte unter den Krämpfen, aber davon merkte sie kaum etwas.
Sie brannte.
Flüssige Lava schien durch ihre Adern zu fließen und alles auf seinem Weg zu verbrennen. Von ihrem Herzen aus breitete es sich rasend schnell in ihrem Körper aus, bis der Schmerz das einzige war, das sie wahrnehmen konnte. Je mehr sie versuchte es zu ignorieren, desto schlimmer wurde es.
Die erlösende Dunkelheit der Ohnmacht schien so unglaublich fern...
Und dann, so plötzlich wie er gekommen war, war der Schmerz wieder fort.
Es dauerte endlose Minuten lang, bis Cathy es wagte, sich wieder zu rühren. Sie blieb nach Atem ringend in der verkrümmten Position liegen und wartete darauf, dass sich ihr Herz wieder beruhigte. Erst dann begann sie sich wieder zu bewegen.
Sie rollte sich zusammen und vergrub das Gesicht in ihrem Polster, während sie gegen die Tränen anzukämpfen versuchte, aber sie kamen auch so. Das Schluchzen tat weh und jeder Atemzug war mühsam, aber gleichzeitig schien es auch eine unsichtbare Last von ihrer Brust zu heben.
Es dauerte lange, bis sie sich wieder beruhigen konnte und in einen traumlosen Schlaf zurückfiel. Und obwohl sich die Bilder des Traumes ihrem Bewusstsein wieder entzogen, hinterließen sie ein Gefühl von Angst, das Cathy auch Tage später noch verfolgen sollte.

****


„Cathy! Was ist denn passiert?“, Anna ergriff ihre beste Freundin an den Schultern und zwang sie dazu, sie anzusehen.
Cathy runzelte die Stirn und schüttelte Annas Hände ab, während sich ein verwirrter Ausdruck in ihren Blick mischte.
„Was meinst du?“, fragte sie, während sie die Art, wie Anna sie besorgt musterte, zu ignorieren versuchte. Das andere Mädchen neigte manchmal dazu, übertrieben auf Kleinigkeiten zu reagieren.
„Was ich meine?!“, Anna kreischte fast, zügelte ihre Tonlage dann aber, als sie die verärgerten Blicke bemerkte, die ihr von anderen Gästen des Cafés zugeworfen wurden.
„Du bist kreidebleich!“
„Ach was ... Ich hab nur nicht so gut geschlafen.“, Cathy sah Anna nicht direkt an und versuchte dieses seltsame, ungute Gefühl abzuschütteln, was ihr aber nicht so gut gelang.
„Nicht gut geschlafen? Wohl eher überhaupt nicht geschlafen. Vielleicht solltest du wieder zum Arzt...“, Anna seufzte als Cathy ihr einen giftigen Blick zuwarf.
„Können wir das Thema bitte lassen?“
Cathy schloss irritiert die Augen und rieb sich mit langsamen, massierenden Bewegungen die Schläfen, hinter denen es leicht pochte. ‚Schon wieder diese Kopfschmerzen...’
„Ja. Sorry. Ich mache mir eben Sorgen.“
„Ich weiß, aber ich bekomme das schon zur Genüge zu Hause zu hören ... Mir fehlt wirklich nichts. Wahrscheinlich ist es nur der Stress ... Aber sag mal, wann kommt Alex zurück?“
Anna entging der Themensprung keineswegs, aber da Cathy darum gebeten hatte, ging sie kommentarlos darauf ein.
„Tja, da mein großer Bruder so eine unglaubliche Schwäche für dich hat, hat er gemeint, dass er zu deinem Geburtstag auf jeden Fall wieder da ist.“
Anna grinste Cathy breit an, was diese mit einem erfreuten Lächeln erwiderte.
„Und, wie gefällt ihm London?“, fragte Cathy, bevor sie an ihrer heißen Schokolade nippte. Es gab doch nichts Besseres, als an einem Sonntagnachmittag im Zanoni (1) zu sitzen und mit ihrer besten Freundin eine heiße Schokolade zu trinken.
„Das solltest du doch besser wissen als ich.“, Anna musterte sie mit einem amüsierten Blick. „Ich wette, dass er dich in diesen sechs Wochen mindestens zehn Mal angerufen hat.“
Cathy errötete, schüttelte dann aber langsam den Kopf.
„Das mit Alex und mir ist schon lange vorbei. Das weißt du doch!“
„Was aber nichts daran ändert, dass du ihm nach wie vor unglaublich wichtig bist.“
Cathy seufzte und starrte in ihre heiße Schokolade. Sie hatte Alex wirklich sehr gern, aber mehr war es nun mal nicht. Sie hatten es zwar eine Weile miteinander versucht und es war auch schön gewesen. Aber gleichzeitig war sie sich dabei auch mies vorgekommen, weil sie genau gewusst hatte, dass sie nicht dasselbe für ihn empfand wie er für sie. Schließlich hatte sie nach zwei Monaten den Schlussstrich gezogen und ihm erklärt, dass er immer ihr bester Freund bleiben würde, sie ihm aber nichts vormachen wolle.
Er hatte es akzeptiert, auch wenn sie genau wusste, dass er noch immer etwas für sie empfand. Sie war nur froh darüber, dass das ihrer Freundschaft nicht im Weg stand.
„Na ja. Er hat zwar letzte Woche angerufen, aber er hatte nicht viel Zeit und hat gemeint, dass er mir alles erzählen würde, wenn er wieder da ist.“
„Tja, dann musst du ja nicht lange warten, nicht? Aber ganz ehrlich: Ich bin auch schon gespannt darauf.“ Anna grinste wieder. „Und wenn er sich dafür entscheidet, in London zu studieren, dann bekomme ich sein Zimmer!“
Cathy konnte sich bei Annas schadenfrohem Gesichtsausdruck ein leises Kichern nicht verkneifen, wurde aber kurz darauf wieder ernst.
„Es geht ihm also gut?“
„Ja. Gestern hat er sich jedenfalls sehr heiter angehört, auch wenn ich glaube, dass unser guter Alex zu tief ins Glas geguckt hat, bevor er seine arme, kleine Schwester mitten in der Nacht angerufen hat.“
Cathy sah sie ungläubig an.
„Er hat dich mitten in der Nacht angerufen? Warum denn das?“
Anna zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht wollte er nicht mit unseren Eltern reden ... Sie und Alex haben sich wegen irgendetwas gestritten, bevor er weggefahren ist. Frag mich aber nicht, worum es ging. Ich hab keine Ahnung.“
Die beiden tranken eine Weile lang schweigend ihre Schokolade, bevor Cathy seufzte.
„Na ja, Hauptsache es geht ihm gut. Frag mich nicht warum, aber irgendwie hab ich in letzter Zeit ein ungutes Gefühl...“
„Ach, es wird schon nichts passieren. Und ehe du dich versiehst ist Alex wieder in der Stadt und dann gehen wir nächstes Wochenende deinen Geburtstag feiern.“
„Ja ... Das tun wir.“

****


„Wie geht es der Versuchsperson?“
Sie wand sich, wie unter Schmerzen, als die Stimme durch die Dunkelheit brach und nach ihr griff. Ihr war heiß ... unglaublich heiß. Und doch vermochte diese Hitze nicht den Eisklumpen zu schmelzen, der sich in ihrem Innern festgesetzt hatte.
Eine Kälte, die gierig immer mehr von ihr in Besitz nahm. Die an ihr nagte und ätzte. Eine Kälte, die sie zu zerstören versuchte. Aber sie würde dieser Kälte nicht kampflos erliegen. Sie würde nicht zulassen, dass die Stimmen über sie siegten.
„Es ist unglaublich, wie schnell die Beruhigungsmittel nachlassen. Ich habe ihr erst vor einer halben Stunde wieder Thorazin verabreicht.“
„Erhöhen Sie die Dosis.“
„Aber Sir...!“
„Erhöhen Sie die Dosis! Wir müssen sie ruhig stellen, bevor wir fortfahren können. Die nächste Phase ist äußerst kritisch und muss mit genauster Präzision durchgeführt werden! Wir können uns keine Fehler leisten!“
Die Stimmen entfernten sich wieder, aber sie wusste genau, dass sie noch da waren. Sie waren immer da. Waren es immer gewesen und würden es auch immer sein. Sie erfüllten ihre Welt, ihr Gefängnis aus Nässe, ihr Wesen.
Sie versuchte sich zu bewegen, sich zu wehren, aber es war vergebens. Es dauerte nicht lange bis alles um sie herum wieder verschwamm und die Dunkelheit ihre Sinne erfüllte. Aber diesmal blieb sie nicht lange.
„Einspeisung beginnen.“
Die Stimme war unbekannt und kam aus dem Nichts. Sie konnte sich nicht rühren, aber sie konnte fühlen, dass etwas geschah.
„Einspeisung eingeleitet.“
Die Dunkelheit flüsterte ihr süße Nichtigkeiten zu und versuchte sie einzulullen, aber sie schaffte es nicht sie zu locken. Etwas hinderte sie daran, dem Ruf zu folgen.
Ihr Herz schlug so stark, als wolle es aus ihrem Körper entkommen, der drohenden Gefahr entfliehen. Aber es war eingesperrt, genau wie sie.
„Stabil ... Adamantium- Aufspaltung steht neunundzwanzig zu eins, Sir.“
„Einspeisen.“
„Stabil ...“
„Einspeisen.“
Die Hitze war unerträglich. Und dann ...
„Oh mein Gott! ... Die Versuchsperson ... Sie ... Sie ist bei Bewusstsein! Sir, wir müssen sofort abbrechen!“
„Fortfahren!“
„Das wird sie nicht überleben!“
„Fortfahren hab ich gesagt! Wir können jetzt nicht abbrechen!“
Glühende Nadeln aus brennender Flüssigkeit drangen in ihren Körper. Die Nässe um sie herum kochte, brodelte und sie brannte ... verbrannte von innen heraus. Die Hitze schien das Fleisch von ihren Knochen zu schmelzen. Schien sich mit ihr zu vereinen, sie zu verändern.
Die Hitze ... Sie griff nach ihrem Geist, nach ihrem Selbst. Griff nach ihr, um das zu zerstören, was die Stimmen zu ergreifen nicht vermocht hatten.
Sie wollte schreien, sterben.
Und die Dunkelheit kam und kam einfach nicht, um sie erlösen.

****


Cathy wälzte sich unruhig auf ihrem Bett herum, bevor sie auf einmal erstarrte. Ein Ruck schien durch ihren Körper zu gehen, ehe sie die Augen aufriss und sich unter Schmerzen krümmte. Es kam kein einziger Ton über ihre Lippen, dabei hätte sie geschrieen, wenn sie gekonnt hätte. Aber sie konnte nicht einmal atmen.
Ihr Körper zuckte, ihr Rücken bog sich durch und ihre Hände krallten sich in die Decke, als eine zweite Welle dieser sengenden Agonie sie überrollte. Sie hatte das Gefühl, als würde jemand glühende Nadeln durch ihre Glieder stoßen, als würde sich das Fleisch langsam von ihren Knochen schälen, als würde...
Es war als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Der Schmerz war plötzlich fort.
Cathy fiel zurück auf die Matratze als sich ihr Körper von einem Augenblick auf den nächsten entspannte.
Einen Moment lang war nur das leise Ticken der Uhr zu hören, ehe Cathy schluchzend nach Luft schnappte. Tränen rannen ihre Wangen hinunter und alles drehte sich um sie herum. Sie wollte sich zusammenrollen, aber sie schaffte es nicht einmal einen Finger zu bewegen.
Es dauerte sehr lange, bis sie sich wieder rühren konnte und selbst dann protestierten ihre Muskeln so stark, dass sie es fast aufgab. Aber dann setzte sie sich doch langsam auf.
Sie begann zu zittern, als sie die Beine vom Bett schwang und es brauchte drei Versuche, bis sie ganz sicher war, dass sie nicht gleich wieder umkippen würde.
Mit äußerster Anstrengung schleppte sie sich ins Bad. Sie war unsicher auf den Beinen und musste öfters stehen bleiben, um sich an der Wand abstützen. Schließlich sackte sie aber doch zusammen, kaum war sie im Badezimmer angekommen.
Jegliche Kraft verließ ihren Körper, das Zittern wurde stärker und sie rang erschöpft nach Atem, während sie versuchte die aufkommende Übelkeit zu bekämpfen.
Sie schloss kurz die Augen und zwang sich zur Ruhe, was aber nicht leicht war, vor allem wenn sie an diesen Traum zurückdachte.
Cathy schluckte schwer und unternahm ausnahmsweise nicht einmal den Versucht, sich an mehr aus dem Traum zu erinnern. Sie wollte sich nicht erinnern, nicht wirklich. Der Schmerz war Erinnerung genug...
Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie endlich wieder die Augen aufmachte. Das Zittern hatte aufgehört und jetzt tat auch nicht mehr jede einzelne Bewegung weh, auch wenn ihre Muskeln immer noch leicht brannten.
Cathys Blick fiel auf ihre Arme, mit denen sie sich an der Badewanne festgehalten hatte. Es dauerte einen Moment lang, bis ihr Gehirn das Bild verarbeitete.
Ein kurzer Moment, in dem sich ihre Augen unmöglich weiteten und einen entsetzten Ausdruck annahmen.
Ein kurzer Moment, in dem sie registrierte, wie sich blutige Risse in ihrem Fleisch schlossen.
Ein Moment, in dem ihre Adern hervortraten und sich schwarz zu färben begannen, als das Blut in ihnen zu faulen begann.
Die Übelkeit, die Cathy so mühsam unterdrück hatte, kam in voller Stärke zurück. Ihr Magen schmerzte und krampfte, als sie sich übergab, kaum dass der Moment vorbei war.
Und dann holte die Dunkelheit sie endlich zu sich.

****


Es dauerte lange bis Cathy bemerkte, dass etwas nicht stimmte.
Sie runzelte noch im Schlaf die Stirn, konnte aber nicht verhindern, dass etwas an ihr nagte. Etwas, das ihr wichtig vorkam. Wie zum Beispiel das Gefühl, dass es viel zu spät war. Sie konnte die Helligkeit in ihrem Zimmer richtiggehend fühlen. Dennoch ... Sie wollte noch nicht aufstehen.
Es verging noch eine weitere halbe Stunde bevor sie endlich die Augen öffnete. Sie konnte einfach nicht mehr weiterschlafen...
Das war dann auch der Moment, in dem sie bemerkte, dass es tatsächlich schon hell war. Aber das bedeutete dann...
Cathy setzte sich mit einem Ruck und einem erschrockenen Ausruf auf, wobei sie mit ihren Augen hektisch nach der Uhr suchten.
Es war Mittag.
Es war Dientag Mittag und sie lag noch immer im Bett. Dabei hätte sie schon vor vier Stunden in der Schule sein sollen! Wieso hatte ihre Mutter sie nicht geweckt??
Einen Augenblick lang war ihr schwindlig als sie aufstand, aber das verging recht schnell. Mit hastigen Schritten verließ sie ihr Zimmer und war kurz darauf in der Küche, in der bereits ein Zettel von ihrer Mutter auf sie wartete.

„Cathy, Liebes.
Hab versucht dich zu wecken, aber du bist gleich wieder eingeschlafen. Scheinst ein bisschen erhöhte Temperatur zu haben. Ruh dich aus.
–Mama.“

Cathy ließ das Stück Papier wieder sinken und setzte sich seufzend an den Esstisch. Sie fühlte sich ausgeruht, auch wenn sich ihre Haut noch ein wenig heiß anfühlte. Anscheinend hatte ihre Mutter Recht, auch wenn sich Cathy dieses plötzliche, leichte Fieber nicht erklären konnte. Es war ihr am Vortag doch gut gegangen!
Es war ihr gut gegangen.
Cathy starrte ihre Hände an.
Es war... Es war ihr gut gegangen, oder?
Sie bewegte die Finger, sah ihren Muskeln dabei zu, wie sie sich unter der Haut bewegten.
Es war... Es war...
Mit einem Schlag kam die Erinnerung an die Ereignisse der Nacht zurück.
Cathy fing unwillkürlich an zu zittern, während sie den Blick nicht von ihren Armen abwenden konnte. Ein Bild schob sich vor ihr geistiges Auge, ein Bild von schwarzen, hervorquellenden Adern, von Händen die sich zu blutigen Klauen verkrümmten, von...
Cathy drückte die Augenlider so stark aufeinander, dass es wehtat, aber der Schmerz vertrieb die Bilder. Als sie die Augen wieder öffnete waren ihre Arme wieder normal und ihre Hände lediglich zu Fäusten geballt.
‚Was ist da bloß passiert?’, fragte sie sich, während sie weiterhin ihre Arme musterte. ‚Was ist gestern Nacht geschehen? Hab ich mir das alles nur eingebildet?’
Aber sie konnte sich ganz genau an den Schmerz erinnern. Es war als hätte sich die Erinnerung daran in ihr Fleisch gebrannt und ihre Glieder schmerzten auch jetzt noch, wenn sie daran zurückdachte. Sie konnte sich das Ganze nicht nur eingebildet haben.
Aber wenn es real war, was war dann passiert, nachdem sie das Bewusstsein verloren hatte? Wie war sie in ihr Bett gekommen? Und warum hatten ihre Eltern scheinbar nichts von dem Ganzen bemerkt?

****


„Happy Birthday!“
Cathy wurde stürmisch von ihrer besten Freundin begrüßt, kaum dass sie das Klassenzimmer betreten hatte. Sie erwiderte die Umarmung und lächelte Anna freudig strahlend an.
„Hi, Geburtstagskind!“, Anna führte Cathy zu ihrem Platz, wo sie sie eilig in den Sessel drückte, nur um sich gleich darauf neben sie zu setzen.
„Also, was hast du gestern so gemacht? Und warum hast ausgerechnet gestern blau gemacht und nicht heute?“
Cathy zuckte zusammen, versuchte es aber mit einem Lächeln zu überspielen.
„Sorry dich enttäuschen zu müssen, aber ich habe ... nun ja ... ich habe nicht wirklich blau gemacht ... Es ist eher so, dass ich gestern leichtes Fieber hatte.“
„...“
„Aber es geht mir wieder gut, ehrlich!“, fügte sie schnell hinzu, als sich ein besorgter Ausdruck auf Annas Gesicht ausbreitete. „Ich weiß nicht, was los war. Vermutlich habe ich nur was Falsches gegessen.“
Anna betrachtete sie noch einen Moment lang eingehend, nickte dann aber und lächelte wieder.
„Gut. Denn ... Alex kommt heute Mittag zurück und wird uns dann am Nachmittag abholen. Außerdem hat er angekündigt, dass er uns am Wochenende auf jeden Fall zum Feiern mitschleppt, egal wie sehr du dagegen protestierst!“, Anna grinste verschwörerisch.
Cathy lächelte, aber sie konnte das Gefühl nicht verdrängen, dass bis dahin noch etwas geschehen würde, dass sich diese böse Vorahnung, die seit diesem Zwischenfall an ihr nagte, erfüllen würde. Und das schon bald.

****


Das erste Mal seit Wochen nahm Cathy wieder an dem Turnunterricht teil und dann ... DAS. Genervt rieb sie sich das rechte Handgelenk, das leicht pochte. Es musste ja auch unbedingt an ihrem Geburtstag passieren, dass sie den Ball schlecht erwischte und sich dabei an der Hand verletzte.
Sie sank zurück gegen die Wand und sah den anderen Mädchen beim Basketballspielen zu.
‚Na ja, so schlimm ist das auch nicht. Ist ja nicht so, als ob dieses Spiel so faszinierend wäre.’
Cathy ließ das Handgelenk los und schloss die Augen, während sie die Art und Weise, in der sich der leichte Schmerz in ihren Arm fortzusetzen schien, zu ignorieren versuchte.
...
„Reicht der Adamantium- Vorrat?“
„Es reicht bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit, Doktor.“
„Nicht gut genug. Auf Reserve umschalten.“
...
Cathy riss die Augen auf und starrte Anna an, die eben wieder dazu ansetzte, etwas zu sagen.
„Wie?“, fragte sie ihre beste Freundin und versuchte dabei zu ignorieren, wie sehr ihre Stimme sich nach einem Krächzen anhörte.
„Ich hab nur gefragt, ob du mitkommst oder es bevorzugst den Rest des Tages im Turnsaal zu verbringen.“, Anna reichte ihre Hand, um Cathy beim Aufstehen zu helfen, was diese dankend annahm. Sie folgten den anderen Mädchen zur Umkleide, wobei Cathy in ein nachdenkliches Schweigen verfiel, was Anna nicht entging.
„Hey, ist alles okay?“
„Hmmm...?“, Cathy brauchte einen Augenblick, ehe sie ihre beste Freundin ansah und dann beschwichtigend lächelte. „Ja, danke. Mir geht’s gut.“
„Und dein Handgelenk?“
Cathy sah Anna einen Augenblick lang fragend an, bevor sie bemerkte, wie fest sie mit der linken Hand das andere Handgelenk umklammerte. Sie ließ so plötzlich los, als hätte sie sich verbrannt.
„Dem geht’s auch gut. Es tut nur ein ganz klein wenig weh.“ Und tatsächlich war da ein leichtes, schmerzhaftes Pochen. Nur dass es sich nicht nur auf das eine Handgelenk beschränkte.
Cathy ignorierte es und ging schweigend zu ihren Sachen, kaum dass sie die Garderobe erreicht hatten.
...
„Die Kanäle sind alle intakt, Doktor, aber es fließt übermäßig viel in die Bereiche flexor bevis- minima digit.
Sie waren sehr undeutlich, dieses eine Mal. Die Dunkelheit war da, ganz in der Nähe und dennoch ... sie hielt sich zurück. Sie wartete am Rand ihres Bewusstseins, erfreute sich aber an ihrer Pein. Es schmerzte, ihr Körper starb und ihre Seele verbrannte. Und doch hörte sie die Stimmen, die sie nicht ruhen ließen.
„Sie meinen also, dass zu viel Adamantium in die Hände und Handgelenkte geht?“
„Ja Sir.“
...
Cathy blinzelte verwirrt und starrte benommen auf ihre Hose, die sie in den Händen hielt. Irgendwie konnte sie sich nicht dazu bringen, die Arme zu bewegen und sie anzuziehen. Das Pochen in ihren Händen war stärker geworden und sie konnte sehen, wie sie zitterten.
„Cathy? Kommst du?“
Sie konnte Annas Hand auf ihrer Schulter spüren, aber sie fühlte sich seltsam distanziert, so als hätte ihre beste Freundin nicht sie angesprochen. Und selbst als sie antwortete kam es ihr so vor, als würde es eine andere Person ihrer statt tun.
„Ja, ich brauch noch einen Moment. Mir ... Mir ist nur ein bisschen schlecht. Aber es geht gleich wieder. Geh schon vor, ja?“
„Bist du dir sicher? Soll ich nicht hier bei dir bleiben?“
„Ja. Gehr nur. Ich brauch nur ein paar Minuten.“
„Na gut. Ich sag dem Prof Bescheid, ja?“
Cathy nickte, nahm den Blick aber auch weiterhin nicht von ihren Händen. Da war etwas ... Da war etwas unter ihrer Haut... Etwas, das sich langsam, ganz langsam ausbreitete. Etwas ...
...
„Im Tank ist aber von dem so genannten Leck nichts zu sehen... Weniger als ein Hunderttausendstel. Aber irgendwo muss das Adamantium ja hin. Es kann sich nicht alles in ihren Handgelenken sammeln- womit sollte es sich dort verbinden?“
...
Die Hose entglitt ihren Händen, als jegliches Gefühl diese verließ. Sie konnte nicht einmal ihre Finger spüren ... Nur dieses Pochen und Brennen in ihren Unterarmen und Handgelenken. Etwas drückte gegen ihre Knochen.
...
Sie sah.
Das erste Mal in einer Ewigkeit aus Finsternis sah sie wieder. Die Dunkelheit hatte sie verlassen, hatte sie ausgesetzt in einer Welt des Schmerzes und nun ... Nun versuchte sie nicht einmal mehr sie zu sich zu holen.
Sie starrte ihre Hände an, die Gliedmaßen, aus denen Dinge ragten. Dinge, die stachen und bissen. Nadeln, Drähte ...
...
Cathy starrte ihre Hände an. Irgendetwas stimmte nicht. Ihre Hände zitterten immer mehr und zuckten. Ihr Herz raste und sie konnte fühlen, wie kalter Schweiß auf ihre Stirn trat. Ihr war so schwindlig...
Sie bemerkte es kaum, als ihre Beine unter ihr nachgaben und sie auf die Knie fiel. Der Schmerz, der durch ihre Beine zuckte verlor sich in dem immer stärker werdenden Brennen, das sich durch ihre Unterarme fraß.
...
Ihre Arme brannten. Die Finger zuckten unkontrolliert während sie gebannt auf ihre Hände starrte. Ihre Hände ... Sie konnte fühlen, wie schwer sie waren. Eine unsichtbare Last hinderte sie daran die Arme zu heben, aber ihre Hände ...
Sie konnte sehen, wie sich die Finger zu unmenschlichen Klauen verkrümmten. Und dann ...
...
Schmerz explodierte in ihren Händen und schien sie von innen heraus aufzureißen.
Cathy schrie vor Qual und drückte ihre geschundenen Hände an den Körper, wie um gegen den Schmerz anzukämpfen, aber es half nichts. Das, was als leichter Schmerz in ihren Handgelenken angefangen hatte steigerte sich in grenzenlose Agonie.
Ihre Unterarmmuskulatur bebte und zuckte, die Adern traten hervor, als könnten sie dem Druck nicht mehr standhalten.
Ihre Arme zuckten unter Krämpfen und ...
...
Blut.
Da war überall Blut. Es spritzte aus ihren Händen, als sie mit aller Kraft die Drähte aus ihnen herausriss, wie um dem Schmerz entgegenzuwirken. Schläuche rissen als sie sich vor Schmerz wand. Es wollte einfach nicht aufhören.
Sie starb. Sie starb erneut, so wie die vielen Male davor. Blut verschleierte ihren Blick und sie konnte das Blut auf ihren Lippen schmecken. Sie flehte, weinte und schrie, aber die Dunkelheit kam einfach nicht, um sie zu erlösen.
...
Ihre Hände schlossen und öffneten sich von selbst, während Tränen des Schmerzes in Strömen ihre Wangen hinunterliefen. Sie konnte nicht mehr schreien, ihre Stimme versagte, während tiefes Schluchzen ihren Körper schüttelte.
Da war Blut. Es trat aus Wunden an ihren Knöcheln, zuerst langsam und dann immer schneller. Immer mehr. Der Zwischenraum zwischen ihren Knöcheln schien aufzureißen während Cathy das Gefühl hatte, als würde jemand langsam glühende Nadeln durch ihre Arme bohren.
...
Sie starrte voller Entsetzen ihre Arme an, als das Fleisch unter ihrer Haut sich leicht zu wölben und zu dehnen begann. Etwas drückte und schnitt, brannte durch ihr Fleisch und dann ...
...
Cathy schrie heiser auf, als noch mehr Blut aus ihren Händen spritzte und der Schmerz wieder intensiver wurde.
Je drei messerscharfe Spitzen schossen aus den Wunden an ihren Händen.
Cathys Atem stockte, der Schrei verstummte und sie starrte die Klingen einen Moment lang entsetzt und ungläubig an.
Dann verdrehte sie die Augen und verlor das Bewusstsein.


(1) Zanoni ist ein Eisgeschäft in Wien, das das ganze Jahr über offen hat.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast