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Wenn Wünsche wahr werden

GeschichteDrama / P18 / Gen
OC (Own Character) Wolverine / James "Logan" Howlett
12.12.2006
18.04.2021
37
200.072
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14.06.2020 5.821
 
Es war Zeit.
Für einen kurzen Moment verlor sie sich in dem Sturm, der direkt über ihr tobte.
Hier, im Zentrum der freigesetzten Energien, inmitten der unzähligen Schicksalsstränge, die sich an diesem Ort vereinten, fühlte sie sich frei.
Der Aufruhr der Elemente ließ ihr Lächeln breiter werden, das Kreischen des Windes ließ sie fast liebevoll empor blicken zu dem hellen Punkt, den selbst die dunklen, schweren Wolken nicht vor ihrem Blick verbergen konnten. Er hatte die Energie von Scotts optischen Strahl förmlich aufgesogen, während dieser ihn weit aufgerissen hatte, und leuchtete nun umso stärker.
Hier in der Dunkelheit, in den tanzenden Schatten und dem alles verzehrenden Chaos war sie zu Hause.
Ein Schritt weiter in das Zentrum der Unruhe, und eine weitere Faser ihrer unsichtbaren Fesseln riss. Sie hatten gedacht, das Gefängnis würde ewig halten, aber sie würden eines Besseren belehrt werden.
Nur noch wenige Augenblicke, und der Wunsch, den sie schon lange hegte, würde sich endlich erfüllen. Nur noch eine Verbindung, die sie lösen musste, bis ihr lang ersehntes Ziel endlich erreicht war.
Viel zu lange wartete sie schon auf diesen Augenblick.
Unendlich viele Versuche, unzählige Möglichkeiten, die sie schlussendlich hierher, zu diesem Ort, zu diesem Moment geführt hatten.
Sie atmete tief durch und leckte sich den letzten Rest von Logans Blut von den Lippen, ehe der Regen die kostbaren Tropfen davon tragen konnte. Der süßlich-metallische Geschmack erdete sie und lenkte ihre Konzentration wieder auf das Hier und Jetzt.
Nur noch ein Schritt, nur noch eine Verbindung, die gelöst werden musste und...
Ihr Blick zuckte zur Seite.
„Ich wiederhole mich ungern,“ murmelte sie fast seufzend in den Wind hinein, ohne sich umzuwenden. Sie konnte den Beobachter in den Schatten fühlen, aber nicht seinen genauen Aufenthaltsort bestimmen.
„Komm raus, kleines Mäuschen, bevor deine Anwesenheit anfängt mich ernsthaft zu nerven.“

****


Der Übergang tat weh.
Cathy hatte das Gefühl zu brennen. Mit jedem weiteren Zentimeter ihres Körpers, der durch das Glas wieder auf die andere Seite drang, wurde der Schmerz einfach nur intensiver, so als würde nach langer Taubheit endlich wieder Gefühl in ihre Gliedmaße zurückkehren. Es war als würde sie das Glas des Spiegels von innen heraus zerreißen, als wollte es verhindern, dass sie der endlosen Ebene des Nichts entkam.
Sie biss die Zähne zusammen, umklammerte die sich windende Haarsträhne fester und überwand noch das letzte Stück, das sie von der Lichtung und der Anderen trennte.
Ihre wiedergefundene Kraft verließ sie, kaum dass ihre Knie den Boden der Lichtung berührten. Ihre Lunge brannte mit jedem Atemzug und die Luft schien sie schier zu erdrücken. Es war als hätte sich alles gegen sie gewandt, selbst ihre sicher geglaubte Zuflucht im tiefsten Inneren ihrer mentalen Schilde.
Ihre Finger wurden taub und öffneten sich unfreiwillig, womit sie Cathys Aufmerksamkeit auf die weißen Federn lenkten, die unter ihrem Blick zerfielen.
Cathys Herz raste und sie brauchte einen langen Moment, bis sie sich langsam und schmerzhaft aufrappeln konnte, um zu der Anderen zu sehen, die nur wenige Schritte weit vor ihr stand, den Rücken ihr zugewandt. Ihre unendlich langen, schwarzen Haare bewegten sich wie in einer leichten Brise und der Anblick zog Cathy beinahe in ihren Bann, ehe sie sich davon losriss und kurz die Augen schloss, um sich zur Konzentration zu zwingen.
Sie musste hier raus.
Es war Zeit aufzuwachen...
Sie machte sich keine falschen Hoffnungen, dass sie sich an der Anderen vorbei und aus ihrem selbst errichteten mentalen Wald hinaus schleichen konnte. Obwohl sie ihn doch selbst erschaffen hatte, so schien er nicht mehr wirklich der ihre zu sein. Selbst die Luft schmeckte falsch und fremd.
Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, sie konnte sich kaum rühren. Sie fühlte sich schlaff und kraftlos, konnte sich gerade so auf den Beinen halten, auch wenn sie bei dem Zittern in ihren Knien nicht wirklich sagen konnte, wie lange noch.
Aber sie musste es wenigstens versuchen, oder? Welche andere Möglichkeit blieb ihr denn...?
Kalte Finger legten sich von hinten um ihren Hals und scharfe Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in ihre Haut, noch während der Schatten vor ihr zerbarst und sie am Nacken gepackt herumgerissen und gegen den Spiegel gerammt wurde.

****


Die Elemente kreischten, der Himmel weinte und das Gebäude unter ihr stöhnte, aber in den Schatten rührte sich nichts. Sie runzelte die Stirn und schüttelte missbilligend den Kopf. Der Versuch, sie von ihrem Ziel abzulenken, war im allerbesten Fall niedlich.
Ein abfälliges Grinsen schlich sich auf ihre Lippen, während sie ein ausholende Geste mit der Hand machte und sich mit einem flüchtigen Blick zu den dunklen Wolken leicht verneigte.
„Seht, mein bescheidenes Werk!“
Der Wind trug ihre Worte empor und sie wusste, dass auch ihr Beobachter, der sich in den Schatten versteckte, sie ohne Weiteres hören konnte. Nichts rührte sich, aber sie konnte seine Augen auf sich fühlen, spürte seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, so wie auch die ihrer anderen stummen und tatenlosen Zuschauer.
Egal wie groß ihr Publikum auch war, sie hielt alle Stränge in den Händen und der letzte Faden, der alles zusammenhielt, war schon fast so gut wie durchtrennt. Das Ende war nah, ihr Weg war geebnet und nichts würde sie davon abhalten können, die Tür zu ihrer Freiheit endgültig aufzustoßen.
„Ihr könnt mich nicht aufhalten.“, rief sie lachend in den Wind hinein. „Diesmal nicht. Lehnt euch einfach zurück und beobachtet, so wie ihr es immer tut. Seht zu wie diese Welt im Chaos versinkt.“
Ihr Grinsen wurde breiter und der manische Ausdruck in ihren eisblauen Augen verstärkte sich, als sie ihre Aufmerksamkeit wieder der einzigen Sache zuwandte, die dieser würdig war.
Es galt den letzten Strang endgültig zu lösen, den Parasiten in ihrem Inneren zu entfernen.
Dann würde sie endlich frei sein.

****


„Sag mal, willst du mich verarschen?!“
Cathy krallte sich an den Dornenranken fest und stemmte sich gegen den ungeheuren Druck mit dem sie gegen den Spiegel gepresst wurde, doch die andere ließ nicht locker.
„Ich biete dir den leichten Ausweg, aber du … du musst natürlich ein ungezogenes und undankbares Gör sein und alles nur noch komplizierter machen, oder?“
Cathys Knie sanken in die Glasfläche des Spiegels und es war, als würde jemand glühend heiße Nadeln durch ihre Gelenke stoßen. Dennoch hakte sie ihre Füße am Rand des Spiegels ein und verdoppelte ihre Anstrengungen, auch wenn es nicht wirklich etwas zu nutzen schien.
Sie konnte fühlen, wie sie Millimeter für Millimeter weiter rutschte.
„Du hast mir alles genommen!“, keuchte Cathy, während Tränen in ihre Augen schossen. „Ich kann nicht einf...“
Ein Schlag ins Kreuz schnitt ihr das Wort ab.
„Ich habe dir alles gegeben. Du hast es nur nicht zu schätzen gewusst, solange du es hattest. Aber jetzt ist es an der Zeit, dass ich bekomme was ich will.“
Ein Wimmern entkam Cathys Lippen als ihre Finger langsam den Halt verloren, aber sie konnte sich die Frage dennoch nicht verkneifen.
„Was willst du?!“
Sie konnte den Atem der Anderen an ihrem Ohr fühlen und ihr leises Lachen jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken.
„Das wüsstest du nur zu gern, nicht wahr, Liebes? Aber das hat dich nicht zu interessieren. Es betrifft dich nicht mehr.“

****


„Mach es dir nicht schwerer als es ist, Lämmchen.“, murmelte sie, während sie geistig nach dem hartnäckigen Parasiten in ihrem Innern griff, der sich nicht von ihr lösen lassen wollte.
Sie ignorierte die entfernten, schweren und hastigen Schritte, die ihr sagten, dass Logan bald schon bei ihr sein würde. Sie ließ sich auch nicht mehr durch ihren unsichtbaren Beobachter und den anderen Zuschauern beirren, die stumm ihr Urteil über sie fällten. Etwas anderes als einfach nur zusehen konnten sie sowieso nicht machen.
„CATHY!!!“
Logans Schrei hallte durch die Dunkelheit, doch es führte lediglich dazu, dass ihr selbstgefälliges Lächeln breiter wurde. Den Blick nach Innen richtend verstärkte sie ihren Griff um die Andere.
Sie war nicht Cathy.
Schon lange nicht mehr.
Ein leises Kichern entkam ihren Lippen, bei dem Gedanken, dass es Logan immer noch nicht kapiert hatte, dabei hatte ihr der Mann doch auch schon direkt in Augen gesehen, um...
Ihr Blick schnellte plötzlich hoch, zu den Schatten direkt vor ihr. Ein Lidschlag und die Schatten schmolzen dahin und gaben ihren Beobachter frei, den kleinen Jungen mit den grauen Augen, der sie bis hierher durch die Schatten hindurch verfolgt hatte. Der Wind ergriff seine kurzen, hellbraunen Haare und wehte sie ihm in die Stirn, aber es änderte nichts an dem durchdringenden, emotionslosen Blick, mit dem er sie betrachtete.
„Ohhhhh, sieh an. Das kleine graue Mäuschen zeigt sich also doch noch.“
Ihr Ton verriet nichts von der leisen Überraschung, die sie bei seinem Anblick empfand und die sie kurz innehalten ließ. Es war nicht die Tatsache, dass sich ihr Beobachter endlich zeigte, unerwartet war eher die Gestalt, in der er ihr gefolgt war.
Außerdem war da bei näherem Hinsehen, tief in seinen Augen, etwas, das sie zutiefst irritierte, etwas Altes, etwas Bekanntes...
Sie packte Mickey ganz plötzlich am Gesicht und warf ihn zu Boden, bevor sie ihm das Knie schmerzhaft in den Bauch drückte und sich ganz nah zu ihm hinunterbeugte, um in seine ausdruckslosen Augen zu sehen. Sie drang in seinen Geist ein, so tief bis sie den vertrauten Eindringling fand und mit Gewalt an die Oberfläche zerrte.
Eines der beiden grauen Augen färbte sich himmelblau.
Ihre Lippen verzogen sich zu einem humorlosen Grinsen, während sich ihre Finger in seine Haut krallten und sich ungebetene Tränen in ihren Augen sammelten. Ihr Herz machte einen Sprung und etwas in ihr zog sich zusammen, etwas lang vergessen Geglaubtes, welches ihren Atem stocken ließ.
Sie erstickte die Emotion aber im Keim, ehe sie sich ganz entfalten konnte und ließ Cathys … nein, ihre Klingen ausfahren um sie an das Gesicht ihres teilnahmslosen Beobachters zu führen.
„Glaubt nicht dass ich mich abhalten lasse, nur weil ihr diesen Funken aus dem Schmelztiegel gefischt habt!“ rief sie, an ihre unsichtbaren Zuschauer gewandt.
Sie holte aus, die Tränen ignorierend, die gegen ihren Willen auf ihre Wangen tropften.
„Und selbst wenn diesmal ich dich töten muss...“

****


Der Druck wurde stärker und sie konnte fühlen wie der Spiegel gierig an ihr sog, in dem Versuch sie weiter zu verschlingen.
Ein Wimmern entkam Cathys Lippen, als ihre blutigen Finger anfingen von den Dornenranken abzurutschen und sie allmählich ihren Halt verlor. Sie wollte nicht zurück in den Spiegel.
Sie konnte nicht zurück in den Spiegel!
Sie konnte doch nicht einfach so kampflos aufgeben, sie konnte der Anderen nicht einfach so ihr Leben übergeben... Verdammt, es war doch ihr Leben!...
Doch andererseits … was hatte ihr dieses Leben denn zu geben?
Der ungebetene Gedanke versetzte ihr einen tiefen Stich in der Brust, aber sie konnte ihn nicht abwehren.
Ihre Familie war fort und es war ganz allein ihre Schuld. Die ganze Welt war verändert und das nicht unbedingt zum Besseren, nur wegen ihrem Wunsch. Nur weil sie anders hatte sein wollen. Nur weil sie etwas Besonderes hatte sein wollen.
Nur weil sie aus einem kindischen Verlangen heraus Logan hatte haben wollen...
Komm. Mach die Augen auf.
Da war sie wieder, die Stimme, die sie geweckt hatte und ihr auch jetzt wieder Kraft gab.
Cathy schluckte schwer und gab sich alle Mühe, die Schuldgefühle abzuschütteln und tief durchzuatmen.
Sie warf sich plötzlich mit allem, was sie aufbringen konnte, gegen den Griff der Anderen, wodurch sich dieser für einen Bruchteil eines Momentes lockerte. Es war jedoch lang genug, um es ihr zu ermöglichen, sich zur Seite zu schmeißen und hart auf der Erde neben dem Spiegel aufzuschlagen.
Vorwürfe konnte sie sich auch später machen...
Cathy kroch rücklings ein paar Schritte von dem Spiegel und der Dunkelhaarigen weg, bevor sie die Energie fand, um taumelnd wieder auf die Beine zu kommen. Ihr Blick war die ganze Zeit auf die Andere gerichtet, die sie ungerührt aus kalten Augen betrachtete, ehe sich ein höhnisches Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete und sie sich Cathy wieder vollständig zuwandte.
„Süß. Aber...“ Die Andere verschwamm kurz vor Cathys Augen, nur um einen Lidschlag später so nah vor ihr zu erscheinen, dass sich ihre Nasen fast berührten. „Mach es dir nicht schwerer als es ist, Lämmchen.“
Sie packte Cathy am Hals und hob sie scheinbar mühelos in die Höhe, bis diese hilflos in der Luft zappelte. Cathy versuchte vergeblich die Finger der Blauäugigen von sich zu lösen, doch es führte lediglich dazu, dass sie sich vollkommen verausgabte, ehe sie fast achtlos zurück gegen den Spiegel geschleudert wurde.
Die Dornen rissen tiefe, blutige Wunden in ihren Arm, als sie am Spiegel abprallte und dann zur Seite kippte, doch das bemerkte sie kaum durch den Schmerz, der in ihrem Hinterkopf explodierte.
Ihr wurde schwarz vor Augen, doch trotzdem griff sie blind nach dem dornigen Spiegelrahmen um sich daran hochzuziehen. Ihr wurde erst nach einem Moment bewusst, dass das Dunkel nicht verschwand, weil die Haare der Anderen sich wie ein Vorhang um sie geschlossen hatten.  
Das Einzige, was sie sehen konnte, als sich ihr Blick endlich genug klärte, waren die kalten, blauen Iriden und das breite, manische Grinsen direkt vor ihr.
„Ich wollte ja nett sein.“, summte die Dunkelhaarige und krallte ihre Finger in Cathys Gesicht. „Aber du lässt mir keine Wahl.“
Sie rammte ihre freie Hand in Cathys Brust und umschloss deren stockendes Herz.
Cathy schrie.

****


Trotz ihrer entschlossenen Worte zitterte ihre Faust.
Mickey rührte sich nicht unter ihr, selbst als sich ihr Griff verstärkte bis ihre Fingernägel seine Haut durchbrachen, so als würde ihr Beobachter darauf warten, dass sie ihre Drohung in die Tat umsetzte.
Aber sie konnte nicht.
Ihr Herz raste.
Lang verdrängte Erinnerungen wollten ungebeten an die Oberfläche dringen, aber das konnte sie nicht zulassen. Sie hatten hier keinen Platz, es war nicht der richtige Ort und vor allem nicht die richtige Zeit.
Später, wenn sie endlich frei war, wenn ihr Ziel erreicht war, konnte sie in Erinnerungen schwelgen so viel sie wollte. Dann konnte sie dem damals sanften, himmelblauen Blick nachweinen.
Aber nicht jetzt.
Ein leises Knurren entkam ihren Lippen, auch wenn gleichzeitig weitere Tränen auf das regungslose Gesicht unter ihr tropften.
„Wieso glauben sie, dass ausgerechnet du mich von meinem Vorhaben abhalten kannst? Es macht keinen Unterschied, ob ich dich jetzt dorthin zurückschicke, wo du hergekommen bist oder du den Körper von selbst wieder verlässt. Es ist nicht so, als ob ihr hier eingreifen könntet.“
Ein humorloses Lachen brach aus ihr heraus.
„Die eine, große Regel, die nicht gebrochen werden darf, nicht wahr? Ihr dürft nichts tun.“
Sie beugte sich näher zum Ohr des Jungen unter ihr.
„Aber ich kann hier tun und lassen was ich will.“

****


Ihre Beine gaben unter ihr nach.
Cathy versuchte sich gegen den Griff zu stemmen, versuchte irgendetwas zu tun, aber ein leichtes Zudrücken der Hand um ihr Herz ließen ihre Knie zucken und nachgeben, sodass sie gegen den Spiegel zurückfiel.
Sie konnte nicht einen einzigen klaren Gedanken fassen, im ersten Moment verlor sich Cathy beinahe in der Panik, die von ihr Besitz ergriff. Sie konnte nur aus vor Unglauben geweiteten Augen auf den Arm starren, dessen Ende in ihrer Brust verschwand.
Sie versuchte sich aufzubäumen, die Andere von sich zu stoßen. Ohne ihr Zutun kratzten ihre Finger an dem Unterarm, doch ihre panisch zuckenden Gliedmaßen rutschten ohne jeglichen Erfolg einfach ab.
„Nein! … I...“
Sie bekam keine Luft.
Das hier konnte nicht passieren. Egal was bis jetzt geschehen war, Cathys Geist rebellierte gegen dieses Bild. Es konnte nicht real sein, konnte nicht sein, konnte einfach nicht...
'Nicht real, nicht real, nicht real!!'
„Für dich ist hier einfach kein Platz mehr, Lämmchen. Du bist nichts weiter als ein Schatten, ohne Substanz. Wenn du also nicht zurück in den Spiegel gehst, werde ich dich einfach auflösen.“
Der Druck ihrer Finger wurde stärker.
Tränen liefen seitlich an Cathys Wangen hinunter während ihr Körper ohne ihr Zutun zuckte. Sie konnte nicht atmen, sie konnte nicht denken, sie konnte nicht...
Mach. Die. Augen. Auf.
Ihre Augen weiteten sich kurz, als ihr Herz spürbar wieder einen Sprung machte.
Die Andere hatte recht. Hier war sie nicht mehr als ein Schatten, nicht mehr als ein Gedanke.
Das alles hier war nicht real.
Nicht diese Umgebung und schon gar nicht ihr Körper. Es mochte sich anfühlen, als ob die Hand der Anderen in ihrer Brust steckte und ihr Herz fest in ihrem Griff umklammerte, aber im Grunde war da nichts.
Wieso musste sie sich erst in Erinnerung rufen, dass das hier die mentale Ebene war?
Wenn sie nur genug Konzentration aufbrächte konnte sie hier sein was sie wollte. Sie konnte sein wo auch immer sie sein wollte. Nichts zwang sie dazu, unter der Anderen zu liegen.
Wenn sie sich nur konzentrieren könnte, wenn sie doch nur ihre Gedanken sammeln könnte...
Plötzlich war sie auf allen Vieren vornüber gebeugt und gegen Übelkeit ankämpfend ein paar Schritte von der Blauäugigen entfernt. Ihr Blick verschwamm und sie hatte Mühe damit, überhaupt aufrecht zu bleiben und nicht wieder kraftlos zusammenzusacken.
Sie hatte das Gefühl, dass ein Lufthauch reichen würde, um sie umkippen zu lassen, doch sie rappelte sich trotzdem auf und wich noch weiter vor der Anderen zurück, die sich mit einem beinahe resignierenden Seufzer zu ihr umdrehte.
„Ernsthaft?“
„Wieso soll ich es dir einfach machen?“
Cathys Hände schlossen sich so heftig zu Fäusten, dass das Zittern in ihren Gliedmaßen einfach nur noch stärker wurde. Das Lächeln der Dunkelhaarigen wurde breiter und der spöttische Ausdruck in ihren kalten Augen wurde intensiver.
„Du hast nicht wirklich eine Wahl.“
Cathy bemerkte erst, dass die Andere verschwunden war, als ein Tritt von hinten in ihre Kniekehlen ihre Beine unter ihr nachgeben ließ. Bevor sie aber zu Boden brechen konnte, führte sie ein Gedanke wieder ein paar Schritte weiter, an den Rand der Lichtung, wo sie sich an einem Baum abstützen konnte.
Sie wäre wohl endgültig zusammengebrochen, wenn sie es nicht getan hätte. Sie hatte das Gefühl jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren.
Jeder Atemzug brannte und ihr wurde langsam schwarz vor Augen.
„Ich frage mich, wie oft du das wohl noch vorhast, Liebes.“
Cathy konnte die Lippen der Anderen an ihrem Ohr fühlen, bevor sie herumgerissen und gegen den Baum gedrückt wurde. „Ich kann das nämlich den ganzen lieben langen Tag lang spielen. Aber du... Ich weiß ja nicht wie lange du das noch aushältst.“
Nicht mehr lange, das wusste Cathy. Sie hatte fast kein Gefühl mehr in ihren Gliedmaßen und sie wusste nicht einmal, ob sie sich überhaupt noch würde rühren können. Es war schwer, noch einen klaren Gedanken zu fassen, aber sie wollte nicht aufgeben.
Noch nicht.
Doch was konnte sie nur machen?...
Das Lächeln der Dunkelhaarigen wurde breiter und der spöttische Ausdruck in ihren kalten Augen wurde intensiver.
„Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest: Du löst dich auf.“
„Ich...“
Plötzlich wusste Cathy, was sie zu tun hatte.
Sie wusste nicht, woher dieses Wissen kam, vielleicht sogar von derselben Quelle, aus der auch diese seltsame Stimme gekommen war, die sie aufgeweckt hatte.
Es war egal.
Eine seltsame Ruhe legte sich über sie, ihr rasender Herzschlag beruhigte sich wieder und die Angst und Unsicherheit verflog, während sie ihren ganze Kraft und den letzten Rest ihres Willens in einen einzigen Gedanken lenkte.
Ein einziger Funke reichte.
„Ich gehe nicht allein.“, flüsterte Cathy mit einem müden Lächeln.
Hinter ihr ging der schwarze Wald in Flammen auf.

****


„Ich habe noch nicht einmal annähernd angefangen.“, zischte sie und drückte dem Körper unter ihr das Knie in den Bauch. „Ich kann und ich werde alles aus dem Gleichgewicht bringen. Das hier ist nur der Anfang. Aber wenn ich erst einmal frei bin...“
„Zephon.“
Sie erstarrte, als der Junge unter ihr sich endlich rührte und ihren Namen kaum hörbar flüsterte, ehe er schon beinahe zärtlich seine Hand auf ihre Wange legte. „Ja, wir dürfen nichts tun.“
Etwas in dem Blick der zweifarbigen Augen unter ihr änderte sich, aber sie merkte es viel zu spät, als dass sie hätte rechtzeitig reagieren können.
„Aber Regeln können umgangen werden. Wir dürfen Anleitungen geben.“
Ihr Körper versteifte sich urplötzlich und wurde taub, während ein Keuchen ihren Lippen entkam.
Ihre mentalen Schilde zerbarsten.

Was tust du?!“
Die Dunkelhaarige ließ sie los und wich ein paar Schritte zurück, so als hätte sie sich an dem Feuer verbrannt, das immer stärker hinter Cathy wütete. Cathy konnte die Hitze fühlen, den Rauch riechen, aber mehr als alles andere konnte sie fühlen, wie die Schilde, die sie errichtet hatte, rissen und verkümmerten.
Cathy grinste die Andere an, während Blut aus ihrer Nase lief und mentale Stimmen durch die Risse drangen. Sie stieß sich von dem Baum weg und setzte der Blauäugigen nach, nur um sich an ihr fest zu krallen. Da war wieder dieses Flüstern an ihrem Ohr, welches sie auch beim besten Willen nicht verstehen konnte. Aber das war vollkommen egal.

Der Ansturm der ungebetenen fremden Gedanken warf sie für einen Moment aus dem Gleichgewicht und ließ sie ihren Griff um Mickey für einen kurzen Augenblick lockern, sodass er sie in einer unerwarteten Bewegung von sich runter stoßen und sich dann über sie beugen konnte.

Ich habe keinen blassen Schimmer!“, lachte Cathy fast hysterisch, während die Stimmen um sie herum stärker wurden, bis sie beinahe alles andere übertönten. „Aber es scheint das Richtige zu sein!“
Die fremden Gedanken zerrten an ihr und an der Anderen, bis sie das Gefühl hatte, sich nun tatsächlich aufzulösen und in ihnen zu vergehen. Irgendwo, weit, weit entfernt glaubte sie Logans mentale Stimme durch den Wirrwarr zu hören, aber es war zu undeutlich um sicher zu sein. Es war auch nicht wichtig.
Nichts mehr schien wichtig zu sein.
Das hier war das Ende.

Endlich zeigte sich eine Emotion in dem blauen Auge, während Zephon vergeblich versuchte Ordnung in ihre Gedanken zu bringen und die störenden Stimmen auszublenden.
Da war eine unendlich tiefe und alte Trauer in dem beinahe sanften Lächeln, bevor Mickey die konzentrierte Energie der Gedankenbilder, die er auf dem Weg hierher gesammelt hatte, in Form eines Dolches materialisierte.
Zephon versuchte ihn von sich hinunter zu werfen, doch er drückte sie scheinbar mühelos zu Boden, während der Sturm in ihrem Kopf und jener über ihnen einen Höhepunkt zu erreichen schien.

Lass mich los!“, zischte die Andere, aber Cathy konnte sich einfach nicht mehr rühren, selbst wenn sie es gewollt hätte. Ihre Finger verkrampften nur noch mehr und einen kurzen Moment lang hatte sie sogar das Gefühl, als würde sie in die Dunkelhaarige hinein sinken.
'Halt sie fest.' Sagte das Flüstern an ihrem Ohr, die Kinderstimme mit dem seltsamen Unterton. 'Lass sie nicht gehen.'
Die Andere versuchte sich von ihr fortzureißen, es führte aber einfach nur dazu, dass sie ein paar Schritte weiter stolperten, auf den Spiegel zu, der unter Cathys Blick allmählich deutliche Risse bekam und anfing vom Rand her matt und blind zu werden, während die Dornenranken um den Rahmen herum verdorrten und zu Staub zerfielen.
Nein.“

„Es tut mir leid.“, hauchte ihr Beobachter und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. „Aber es ist einfach noch nicht die Zeit für dein Chaos.“ Damit rammte er ihr den Energiedolch in die Stirn und trieb ihn tief in ihren Geist hinein.
„Aber wir sind gnädig und erfüllen dir deinen Wunsch.“, flüsterte er in ihr Ohr, bevor er die Energie freisetzte. „Du sollst sterblich sein.“

Ein stechender Schmerz zerriss ihr Herz und ihr Kopf stieß mit dem der Anderen zusammen, als der Spiegel bis auf einen kleinen Fleck dunkel wurde und die Blauäugige plötzlich fast kraftlos schwankte und Cathy mit sich riss.
Tränen schossen in ihre Augen und einen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, in die Andere hinein zu sinken und mit ihr zu verschmelzen.
Alles wurde weiß.
Der klägliche Rest der brennenden Bäume, die Lichtung, einfach alles, war mit einem Schlag fort und wich einer gleißend weißen Ebene aus Nichts.
Nur sie und die Andere blieben übrig, nur sie standen noch in der seltsam verrenkten Position dort, wo sie gewesen waren, ineinander verkrallt. Aus den Augenwinkeln glaubte Cathy auch den erblindeten, nackten Spiegel zu sehen, doch sie konnte ihren Blick nicht von dem ungläubigen Ausdruck in den blauen Augen der Anderen abwenden, aus deren Nase genauso Blut lief wie auch aus ihrer eigenen, obwohl die Stimmen zusammen mit allem anderen vergangen waren.

Ein weiterer Moment verstrich und...

****


...Cathy öffnete die Augen und sah einen mit dunklen, schweren Wolken bedeckten Himmel. Ihr Körper fühlte sich seltsam schwer an und jede einzelne Faser ihres Körpers war so angespannt, dass sie das Gefühl hatte, als würde es sie jeden Moment zerreißen.
Ihr Kopf dröhnte und die Welt fing an, sich um sie herum zu drehen, als sie sich langsam aufsetzte. Sie konnte fühlen, wie ihr Blut aus der Nase lief, konnte den süßlich metallischen Geschmack auf ihrer Zunge schmecken. Ihre Sinne waren seltsam gedämpft, ihre Gliedmaßen fühlten sich fremd an und in den ersten Minuten konnte sie nicht einmal annähernd sagen, wo sie sich überhaupt befand.
Es war, als wäre da ein schwarzer Schleier vor ihren Augen, aus dem sich nur nach und nach Schemen abhoben und sie wusste nicht wirklich, ob das nur an dem dunklen Himmel über ihr lag. Sicher war sie sich nur, dass sie sich irgendwo hoch oben befand, im Freien, mit einem harten und nassen Grund unter ihrem Hintern und mit erleuchteten Hochhäusern um sich herum.
Sie war so verwirrt, dass selbst die Wärme an ihrer Hüfte erst nach einer ganzen Weile in ihr Bewusstsein drang.
Es war unglaublich anstrengend, den Kopf zu wenden und zu der bewusstlosen Gestalt zu blicken, die neben ihr auf dem Boden lag. Sie blinzelte ein, zwei Mal, doch es dauerte bis sie den Jungen endlich erkannte.
„Mickey?!“
Ihr Herz machte einen Sprung und ihre Finger zitterten, als sie nach seiner Schulter griff, um ihn leicht daran zu schütteln, doch das Kind reagierte nicht. Panik ergriff von ihr Gewalt, als sie nicht feststellen konnte, ob der Junge überhaupt atmete.
„Es geht ihm gut. Er schläft nur.“
Cathy erstarrte, als die Stimme neben ihr ertönte.
Es war dieselbe Stimme, das gleiche Flüstern, welches sie durch das Labyrinth begleitet und sie auch geweckt hatte. Sie klang ein wenig anders, nicht mehr ganz so jung und auch leicht verzerrt, aber Cathy erkannte sie dennoch.
Sie ließ ihren Blick langsam zur Seite gleiten, doch im allerersten Moment konnte sie nicht erkennen, woher die Stimme gekommen war. Da, nur wenige Schritte von ihr entfernt, war ein Schemen, der sich leicht von dem dunklen Hintergrund abhob. Sie konnte nicht feststellen, ob da tatsächlich etwas war oder ob sie es sich nur einbildete, aber sie hatte das Gefühl angelächelt zu werden...
„Er wird sich an das Alles hier nicht erinnern können, wenn er aufwacht.“, fuhr die Stimme fort. „Es tut uns leid, dass wir ihn in Gefahr gebracht haben, aber wir mussten ihn uns ausborgen.“
Cathy starrte den Schemen sprachlos an, nach Worten suchend, doch bei den vielen Fragen, die in ihrem Kopf herumschwirrten, wusste sie nicht wirklich, wo sie überhaupt anfangen sollte.
„Und ich?“, brachte sie schließlich hervor. „Werde ich mich...“
„Cathy!!“
Logans wütender Schrei riss ihre Aufmerksamkeit zu dem schmalen Weg, der zum Treppenabgang führte, einen Moment bevor Logan auf die Aussichtsterrasse stürmte und sie erblickte. Doch bevor er sich auf sie stürzen konnte, hatte Cathy das seltsame Gefühl, als würde ein Ruck durch die Wirklichkeit gehen.
Für einen Augenblick blieb die Zeit stehen.
Sie versuchte ihre Gedanken zu sammeln, aber es war schwer bei dem Nebel, der sich langsam aber sicher in ihrem Kopf ausbreitete. Sie wollte einfach nur schlafen...
„Wer ist 'wir'?“, fragte Cathy leise, die Müdigkeit abschüttelnd, ohne ihren Blick von Logan abzuwenden. Sie konnte die Wut und den Hass in seinen Augen sehen und wenn sie sich jemals die Hoffnung gemacht hätte, dass sie sich je verstehen würden, dann wäre diese spätestens jetzt gestorben.
Im ersten Moment sagte die Stimme nichts und eigentlich war sich Cathy auch ziemlich sicher, dass sie keine Antwort auf ihre Frage erhalten würde, aber nach ein paar Sekunden des Zögerns konnte sie fühlen, wie sich der Schemen neben ihr wieder rührte.
„Man könnte sagen, dass wir Beobachter sind.“
Cathy war klar, dass das im Grunde keine richtige Antwort war. Sie wandte ihren Blick endlich von Logan ab und dem Schemen zu.
Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.
„Heh...“ Ein verzweifeltes Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus. „Und was genau beobachtet ihr? Nein … stopp. Eigentlich will ich das gar nicht wissen.“
Sie atmete tief durch, bevor sie sich langsam aufrappelte. Es war nicht einfach, ihre Gliedmaßen schienen Tonnen zu wiegen und je mehr sie sich bewegte, desto größer wurde die Anspannung in ihren Muskeln. Je mehr Zeit verging, desto lauter wurde der Schmerz, den jede einzelne Bewegung mit sich brachte.
Auch die unglaublich lähmende Müdigkeit zerrte an ihr, aber sie schüttelte sie ein weiteres Mal ab. Sie hatte das Gefühl, dass das hier wichtig war und es war vielleicht ihre einzige Möglichkeit, zumindest ein bisschen von dem zu verstehen, was geschehen war.
„Es ist bedauerlich, dass das hier passiert ist, doch wir haben uns an Regeln zu halten.“, fuhr die Stimme fort. „Wir haben getan was wir konnten.“
Cathy sah kurz wieder zu Logan und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Sie konnte sehen, dass er sich ganz, ganz langsam bewegte und sie wusste einfach, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte.
„Wer war sie?“
Da waren so, so viele Fragen, aber bei dem Druck in ihrem Kopf konnte sie sie nicht einmal in ihren Gedanken so richtig formulieren.
„...“
„Ich werde das hier doch sowieso wieder vergessen, oder? Kann ich dann nicht wenigstens für diese paar Minuten ein wenig Klarheit bekommen?“
„Vor langer Zeit war Zephon eine von uns. Aber sie hat die Regeln gebrochen.“
„Und dafür habt ihr sie eingesperrt...?“
Sie erhielt keine Antwort.
„Ha...“ Sie konnte sehen, wie Logan seinen Schritt zu Ende führte, schon etwas schneller als die Bewegung davor. „Und was jetzt?“
„Unsere Zeit ist um. Wir müssen gehen.“
Das Geräusch von Logans Schritt drang an Cathys Ohr, einen Bruchteil einer Sekunde ehe die Zeit schlagartig wieder weiterlief. Er überwand die wenigen Schritte zu ihr so schnell, dass sie sich ihm nicht einmal ganz zuwenden konnte, bevor er sich auf sie stürzte.
Er schlug ihr die Faust so heftig ins Gesicht, dass es sie zu Boden riss, ohne dass sie überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte sich zu fangen. Die Welt kippte zur Seite und in ihrem Ohr explodierte ein schriller, pfeifender Ton. Cathy blieb benommen liegen und sie wehrte sich auch nicht, als Logan sie am Kragen packte und wieder hochriss.
„Wieso?!“ schrie er und drängte sie mit so einer Wucht zurück, dass sie nicht einmal zu dem Versuch kam irgendetwas dagegen zu tun. Sie verlor den Boden unter den Füßen, als er sie schließlich gegen etwas rammte, das verdächtig hinter ihr knirschte.
„Was soll der ganze Mist?! Was hast du mit den anderen gemacht?“
Logan stieß sie erneut gegen das Glas der Sicherheitsabsperrung, ohne sie zu Wort kommen zu lassen. Aber selbst wenn … was hätte sie ihm denn sagen sollen? Sie hatte ja selbst keine Ahnung, was hier überhaupt geschehen war! Sie hatte keine Ahnung wovon er sprach!
„Hah...“, machte sie, bevor sie sich stoppen konnte. „Gute Frage.“
Tja, vielleicht hätte sie dem Beobachter eher dazu befragen sollen. Dem Beobachter, der ihr mit seinen wenigen Worten noch sehr viel weniger gesagt hatte. Sie hätte wohl fragen sollen, damit sie zumindest Logan Rechenschaft ablegen konnte, wenn schon nicht sich selbst...
Das heftige, hysterische Lachen das ganz plötzlich aus ihr ausbrach, trieb ihr Tränen in die Augen und ließ sie ihren Kopf so heftig zurückwerfen, dass sie mit dem Hinterkopf gegen das Glas schlug.
Cathy konnte hören, wie Logans Knurren lauter und spürte wie sein Griff stärker wurde, aber das half alles nicht. Das Lachen brodelte nur so in ihr und wollte gar nicht mehr aufhören.
Sie konnte nicht.
Diese ganze Situation war einfach so absurd, dass sie nur noch lachen konnte, wenn sie nicht anfangen wollte zu weinen. Sie hatte keine Kraft mehr für irgendetwas anderes. Alles drehte sich, sie hatte das Gefühlt als würde ihr Kopf vor Druck gleich platzen und der metallische Geschmack von Blut wurde immer intensiver auf ihrer Zunge.
Sie fühlte, dass es zu Ende ging.
Irgendetwas in ihr war defekt und sie war sich ziemlich sicher, dass es nicht zu reparieren war. Und selbst wenn, wusste sie nicht ob sie es überhaupt repariert haben wollte.
Der Schlaf zerrte an ihr, die Bewusstlosigkeit nagte an ihrem Bewusstsein und sie wollte sich dem einfach nur hingeben.
Cathy konnte sehen, wie sich Logans Lippen bewegten, aber durch das Pfeifen in ihrem Ohr und durch das Lachen, das sie immer heftiger schüttelte, konnte sie seine Worte nicht verstehen.
Sie bemerkte auch erst, dass er sie mit einer Hand losgelassen hatte, als plötzlich seine Klingen aufblitzten und er sie ihr mit einer unglaublichen Wucht in den Unterleib rammte. Der Schmerz nahm Cathy die Luft zum Atmen, aber er beendete den Lachanfall sehr effektiv.
Die Welt blieb stehen und endlich konnte sie auch Logans Worte wieder wahrnehmen, während eine angenehme Taubheit dem Schmerz folgte und sich langsam in ihren Gliedmaßen ausbreitete.
„Findest du das hier auch lustig?“ knurrte er. Cathy sackte nach vorne, noch weiter in die Klingen hinein, bis sie ihre Stirn an seine Schulter lehnen konnte.
„Oder hast du endlich genug?“
Sie machte sich nicht die Mühe zu antworten. Stattdessen schloss sie für einen kurzen Moment die Augen, um sich auf Logan zu konzentrieren, aber sie konnte durch die Uniform weder seinen Herzschlag hören, noch konnte sie seinen Geruch wahrnehmen. Es war schon seltsam, wieder auf diese Sinneseindrücke verzichten zu müssen...
„Cathy!“
Es fiel ihr schwer die Augen wieder zu öffnen und auf seine Stimme zu reagieren. Sie war einfach so unglaublich müde. Sie wollte schlafen und vergessen...
„Ich will endlich Antworten!“
Ihre Lippen verzogen sich zu einem ironischen Lächeln, bevor sie sich ein wenig aufrichtete, ihre tauben Finger auf seine Wangen legte und ihm endlich in die Augen sah.
„Die hätte ich auch gern, Logan. Aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert.“
Sie grinste ihn an, worauf er sie erneut gegen das Glas stieß und sie konnte auf ihrem guten Ohr hören, wie es deutlich hinter ihr knackte.
„Hör auf, mich zu verarsch...“
Ganz plötzlich verstummte Logan.
Seine Augen weiteten sich während er sie anstarrte und Cathy konnte sich innerlich die Frage nicht verkneifen, ob es wohl an der geschwollenen Hälfte ihres Gesichtes oder an ihrer blutigen Nase lag, aus der immer noch Blut rann.
„Was...?“
Und dann zog er die Klingen zurück.
Die Bewegung mit der sie aus ihrem Fleisch glitten, ließ den Schmerz wieder aufflackern und entlockte ihr ein schmerzerfülltes Stöhnen. Cathy konnte fühlen, wie Logan die Hand gegen die blutende Wunde in ihrem Unterleib drückte während er sie immer noch mit diesem zutiefst verwirrten Ausdruck in den Augen betrachtete.
Sie erwiderte seinen Blick einen kurzen Moment lang und ließ dann ein kleines Lächeln über ihre Lippen huschen.
Ihre Zeit war um, sie musste gehen...
Sie wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, aber sie stieß sich von ihm fort und warf sich zurück, gegen das Glas in ihrem Rücken, das nun endgültig brach.
Sie ließ sich fallen.




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