Alice's Return To Wonderland

GeschichteAllgemein / P12
26.11.2006
05.02.2008
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26.11.2006 1.620
 
Der hell erleuchtete Gang, in dem sich Alice befand, endete auf eine seltsame
Weise. Die letzten Meter bestanden nämlich aus Puzzleteilchen, die dann ganz
einfach fehlten, als hätte man den Gang nicht zu Ende gebaut. Alice starrte in
die Dunkelheit hinein und beschloss, diesen Weg nicht zu nehmen, weil sie
womöglich einfach ins Nichts fallen und auf so eine langweilige Weise wollte
sie ihr Leben ja nun auch nicht verlieren. Stattdessen versuchte sie es bei der
Tür auf der linken Seite, was sich allerdings auch als keine besonders gute
Alternative erwies, denn hinter der Tür gab es nur ein riesiges Meer.
"Wie praktisch. Eine Riesenbadewanne.", grinste das Mädchen und sah sich
gezwungen, die andere Tür zu nehmen. Durch diese gelangte sie in einen
achteckigen Raum mit sehr hoher Decke, von der ein altmodischer Kronleuchter
baumelte und so aussah, als würde er jeden Moment der darunter sitzenden Person
auf den Kopf krachen. Diese hatte es sich auf einer Art Thron gemütlich gemacht
und hörte mit wichtigtuerischer Miene dem aufgeregt durcheinander grunzenden
Schwein im Frack zu. Es war ein kleinwüchsiger alter Mann mit langem Bart,
spärlichem Haar und einem runden Bäuchlein. Das wild gestikulierende Schwein
erblickte Alice und sprang sofort auf.
"DA! Das ist die Verrückte!", quiekte es und zeigte mit der Hufe in die
Richtung der Braunhaarigen.
"Ich wär da mal ganz vorsichtig mit den Anschuldigungen, mein rosa Freund.",
gab sie kühl zurück und verschränkte die Arme.
"Sehet, Herzog, der irre Blick ... Sie ist gemeingefährlich!" Das Schwein
bildete sich ein, es würde flüstern, aber in Wahrheit hörte man alles laut
und deutlich - mit einigen herzhaften Grunzern gewürzt, versteht sich. Während
sich das Mädchen umsah, hörte sie dann plötzlich eine kindliche Stimme aus
der Richtung des Herzogs.
"Aber sie ist doch nur ein Mädchen." Schlagartig wandte sie sich der Stimme zu
und auf der Stelle des Herzogs saß tatsächlich ... ein kleiner Junge, nicht
älter als fünf. Er trug zwar dieselbe Kleidung, sah ihm aber sonst nicht
ähnlich.
"W-wie ...?", stammelte sie verdutzt.
"Was guckst Du denn wieder so dümmlich?", warf das Schwein entsetzt ein. "Noch
nie einen Herzog gesehen?"
"Jetzt schlägts gleich dreizehn." Alice fuchtelte mit dem scharfen Messer vor
seinem Rüssel herum und das nun mehr blasse Schwein gab Ruhe. Als sie sich dem
Herzog zuwandte, war dieser schon im Alter eines erwachsenen Mannes - allerdings
in der gleichen Größe.
"Lass bitte meinen Untergeben in Frieden - er ist doch sehr aufbrausend, aber
das haben Schweine nun mal so an sich.", meinte er seelenruhig zu Alice und dann
zu dem Anderen: " Geh doch bitte die Reiskörner in der Speisekammer
nachzählen. Die Mäuse dieses Jahr stehlen schon wieder ..." Das Schwein
gehorchte sofort und verschwand sogleich. //Reiskörnerzählen muss schon eine
unglaublich spannende Aufgabe sein.//, dachte sich das Mädchen und fragte sich,
wie viel man trinken musste, um auf so eine idiotische Idee zu kommen. Der Herr
vor Alice war bereits zu einem Greis gealtert und versuchte mit seiner zittrigen
Hand Alices Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
"Was machst Du hier überhaupt?", fragte er mit Mühe.
"Im Grunde ... nichts. Habe mich nur verlaufen. Wo geht es denn hier raus?",
antwortete sie und beobachtete mit gerunzelter Stirn wie der alte Mann sich
wieder zu einem kleinen Jungen veränderte.
"Dann musst Du daaalang gehen.", meinte der Knabe und deutete mit seinem
pummeligen Finger in die Richtung einer dunkelblau gestrichenen Tür.
"Ehm ... danke. Schönen Tag dann noch." Kopfschüttelnd entfernte sich Alice
von dieser höchst kuriosen Gestalt und trat durch die besagte Tür nach
draußen.
Genüsslich atmete sie die frische Luft ein und sah sich um: sie stand auf
einem kleinen Pfad, der in einen Wald zu führen schien. Da sie keine Wahl
hatte, spazierte sie den Weg entlang und kam nach einiger Zeit an einem dubiosen
Schild an: - Betreten des Waldes für Herzkarten verboten -
"Nun, ich bin ja alles andere als eine Herzkarte, also betrifft mich das ja
nicht!", stellte Alice fest und wollte schon weitergehen, als von hinten ein
verdächtiges Schnurren kam:
"Hmmmmmmmmmm ... woher ... willst du wissen, ob du nicht doch eine Herzkarte
bist? Meow." Allein ein riesiges Grinsen mit scharfen Zähnen hing in der Luft,
aber das war schon verräterisch genug.
"Chershire Cat ... Na, was willst du?" Sie hatte sie auf einem Absatz umgedreht
und erwartete die Reaktion des zu neunzig Prozent unsichtbaren Katers. Immerhin
war jetzt alles anders und sie konnte nicht wissen, ob sich dieses Grinsen nicht
in jedem Moment in ihren Hals graben würde. Plötzlich tauchten auch zwei
leuchtende giftgrüne Augen aus dem Nichts auf und fixierten das Mädchen.
"Was macht dich so sicher, dass duuu keine Herzkarte bist?", fragte das frei
herumhängende Raubtiergebiss noch einmal und miaute erneut.
"Jetzt wo deine Augen ja ebenfalls vor Ort sind, schau mich doch an. Sehe ich
etwa so aus?!", fragte Alice genervt zurück.
"Guuuuuuuut, aber das ist ja eigentlich der Sinn der Sache! ... Du denkst, du
bist keine und begibst dich in den Waaaald, wo die Gefahr auf dich lauert! ...
Es ist nämlich so, dass dieses Schild eine Falle ist ...", schnurrte Cheshire
Cat selbstzufrieden, weil er sich im Vorteil gegenüber der unwissenden Alice
sah.
"Und wie genau ist die Falle denn konstruiert?"
"Mhhhmhhahahah~ ... Karten haben sowieso kein Herz - deshalb sind sie total
unnütz für den Wald. Andere aber, die denken, sie dürfen den Wald betreten,
haben eines. DAS ist genau das, was der Wald, ... oder besser gesagt seine
Herrin, will. Herzen. Sie sammelt sie ...", erklärte der Kater, dessen Knochen
sich gerade sichtbar machten.
"Wer tut denn so was Irres?" Alice zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe.
"Ist doch egal mwhahah ...", grinste das Tier, dessen Skelett in diesem Moment
von Muskeln überspannt wurde. Nachdem auch sein dunkelgraues Fell erschienen
war, saß ein knapp vier Fuß großer Kater mit einer Eisenkette um den Hals
sowie Piercing im Ohr vor Alice und grinste so breit es nur ging. Weil auch
seine Krallen nicht besonders stumpf waren, sah sich Alice langsam als
potentielles Abendessen. Trotzdem blieb sie gelassen und meinte schließlich:
"Wer auch immer das tut, mir kann es egal sein, denn ich besitze kein Herz."
"Wieeee~?... Bist du verrückt? Haaah~ du bist verrückt! Und ich auch!"
Cheshire Cat rollte mit den großen Augen und Alice dachte, dass sie ihr Kiefer
wohl nicht mehr bewegen könnte, wenn sie am Stück grinsen würde wie er.
"Denk doch was du willst. Ich gehe dahin. Immerhin suche ich dieses brutale
Plüschtier." Sie zuckte mit den Achseln und wandte sich dem Wald zu.
"Aaaach jaaa ... dann musst du ganz sicher durch den Wald, wenn du das
Kaninchen suchst."
"Wie? Du weißt wo es ist?!" Schnell drehte sie sich wieder zu dem Kater um,
doch der war leider schon verschwunden.
"Klasse. Dieses Vieh verschwindet immer dann, wenn man es braucht.", knurrte
sie verärgert und folgte dem Waldpfad.
Der Wald schien im Grunde ganz normal zu sein, abgesehen von den brennenden
Schmetterlingen, die umherschwirrten. Nur nach einer Weile merkte Alice, dass
die Pflanzen und Bäume immer größer wurden, je weiter sie kam. Es konnte nur
noch wenig Licht bis zum Boden durchdringen und kleine Pflanzen, wie der dürre
Strauch unter einem der Bäume, hatte so gut wie keine Chance. Auf einmal
fühlte sich das Mädchen mit ihm sehr verbunden. Sie wusste, wie es war, dahin
zu vegitieren. Die anderen bekamen stets Licht, Wärme ... letztendlich Glück,
Freude des alltäglichen Lebens - Sonnenschein, während der Strauch unten im
Schatten sich nach den so kostbaren Sonnenstrahlen streckte und sie nicht
erreichen konnte. Für die anderen war alles selbstverständlich, für ihn wie
eine Fata Morgana ... genau wie für Alice. Welche Funktion hatte dieser Strauch
im Leben? Welche hatte sie? ... Keine ... ? Tag für Tag durchlebte sie
unangenehme Situationen, Leid, Kummer ... nur um weitere gleichartige Tage zu
erleben? Und nie die Sonnenstrahlen im Herzen zu spüren?
//Ich muss wirklich irre sein, wenn ich mich mit einem Strauch vergleiche.//,
dachte sie, um sich aus diesem plötzlichen Down herauszuholen und sich
abzulenken. Bald kam sie in einen Waldbereich, wo die Pflanzen und Bäume wieder
die normale Größe hatten und war erleichtert, weil sie nicht mehr über die
riesigen Wurzeln klettern musste. Hinter den nächsten Büschen blieb sie
allerdings stehen und riss die Augen auf. Vor ihr stand eine große knorrige
Eiche und an einem der Äste war eine Gestalt gehängt worden. Der Mann war
kreidebleich im Gesicht und sowohl seine Augenlider, als auch der Mund waren
schwarz geschminkt. Das Interessante war nicht, dass er so seltsam aussah,
sondern dass er mit dem Kopf nach unten hing, weil er an den Füßen aufgehängt
worden war. Der Wind spielte mit seinem offenen längeren schwarzen Haar und der
Strick um seinen Hals bestätigte, dass er tot sein musste. Das war ein Grund,
warum Alice sich ihm nähern musste. Seine Kleidung bestand lediglich aus
weißem Hemd mit Rüschenkragen und weißen Stoffhosen.
//Er schämt sich bestimmt, dass er in solch grässlichen Klamotten sterben
musste.//, schoss ihr durch den Kopf. //Was er wohl angestellt hat? ... Oh, da
ist etwas ...// Tatsächlich hing an dem Strick um seinen Hals ein kleines
Schildchen und Alice hoffte, dass da nicht 'Iss mich.' draufstand. 'The Hangman'
hieß es darauf.
"Also, um DArauf zu kommen, muss man schon richtig intelligent sein.", platzte
es aus ihr raus. Welche Idioten dachten sich denn hier die Text auf den
Schildern aus?
Sie hätte sich am liebsten noch länger darüber aufgeregt, aber da schlug die
Leiche auf einmal die eisblauen Augen auf und flüsterte:
"Guten Tag, Fräulein."

© Nami, 2006
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