Alice's Return To Wonderland

GeschichteAllgemein / P12
26.11.2006
05.02.2008
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Legende:

"..." - direkte Rede
//...// - Gedanken

Der kühle Abendwind wirbelte das gelbe Herbstlaub auf dem verlassenen
Spielplatz ein wenig auf und spielte mit den Haarsträhnen der schmalen Gestalt
auf einer der Schaukeln. Während sich die rötliche Sonne senkte, blieb alles
geisterhaft ruhig um sie herum. Keine spielenden Kinder, die tobten und lachten.
Keine Eltern, die ihren Kindern zuriefen, dass sie aufpassen sollten. Nur die
wunderbare Totenstille. Alice stieß sich ein wenig mit den Füßen vom Boden ab
und sogleich begannen die Ketten der Schaukel zu quietschen. Stumm sah sie ihre
Springerstiefel und die Ringelstrümpfe an. Wenn ihre große Schwester sie so
gesehen hätte. Wenn sie sich daran erinnerte, wie ihre Schwester damals mit ihr
draußen unter einem schattigen Baum saß und diese für Alice seltsamen Bücher
ohne Bilder las, fragte sie sich, wieso sie nicht mehr Zeit mit ihr verbracht
hatte. Dieses winzige kindliche Hirn hatte damals nicht geahnt, wie schnell sich
die Probleme und Sorgen auf sie stürzen würden, um sie zu verschlingen und sie
zu dem machen, was sie nun war. Ihre Schwester hätte sie beschützt, aber ...
sie wurde gezwungen fortzugehen. Ihr Vater nahm sie einfach mit in ein anderes
Land und ließ Alice allein mit ihrer Mutter, die bald nur noch bis zum Hals in
Arbeit steckte. Wie sehr wünschte sie sich diese unbeschwerten Tage zurück, an
denen sie träumen durfte. Träumen und wissen, dass jemand sie hielt und für
sie da wäre, solange sie träumte und wenn sie aufwachte. Dieses bittere
Gefühl, das sie verspürte, ließ sie auflachen. Eine Abwehrreaktion, die beim
Auftauchen von unangenehmen Gedanken auftrat - der Sarkasmus.
"Vorbei, Schätzchen.", flüsterte sie. Aufgrund dieser verfluchten
Verschlossenheit hatte sie es sich sogar angewöhnt, manchmal Selbstgespräche
zu führen. Ziemlich lächerlich. Aber nicht nur das - sie hatte mit ihren 19
Jahren eine gewisse  Arroganz entwickelt, mit der sie sich durchs Leben schlug.
Was sonst sollte sie auch tun? Mit ihrem Aussehen konnte sie es sich leisten
arrogant zu wirken und alle auf Distanz zu halten. 'Sobald man an jemandem
hängt, erlebt man nichts als Enttäuschungen.' - war ihre Einstellung. Deshalb
hielt sie sich lieber alle vom Leib.
Dieser Tag war ganz besonders. Ihre Schwester hatte Geburtstag und Alice...?
Nicht mal gratulieren konnte sie ihr. Im Grunde wusste sie nicht einmal, ob ihre
Schwester überhaupt noch lebte. Hilflos faltete sie ihre Hände und legte sie
auf den Saum ihres dunkelblauen Kleides mit der weißen Schürze. Das trug sie
am liebsten, denn es war das Kleid ihrer Schwester, das sie damals von ihrer
Schwester vor ihrer Abreise bekommen hatte - ihr eigenes Kleid. Immer noch wehte
ihr der freche Wind durch die langen dunkelbraunen Haare und es fröstelte sie
ein wenig. Dennoch wollte sie diesen Platz nicht verlassen. Es war doch
gleichgültig, wohin sie sich begab - die Leere blieb. Menschen waren eine pure
Enttäuschung. Ein erneut sarkastisches Grinsen huschte über ihre Lippen und
die zierlichen Hände klammerten sich um die kalten Ketten der Schaukel.
"Na naa nana nana ..." Alice hob den Blick. Es schien noch jemand anwesend zu
sein.
"Na na nanana naaaa ..." Der piepsige Gesang kam aus einem Busch nahe des
Sandkastens. Auf eine gewisse Art hörte es sich unheimlich an und als das
Mädchen sich dem besagten Busch näherte, sprang ein kleines weißes Etwas
raketenartig aus dem Gebüsch auf sie und riss sie zu Boden. Bevor sie einen
Laut ausstoßen konnte, spürte sie einen grauenvollen Schmerz im linken
Brustbereich, als hätte dieses kleine Monster ihr einen Dolch hineingerammt.
Wie ein Höllenfeuer brannte ihre Brust, sodass sie sich nicht einmal mehr vor
Schmerz rühren konnte. Einen Moment lang schien sie gelähmt zu sein und sah
nichts als Schwärze. So schnell wie der Schmerz kam, verschwand er auch und sie
riss die Augen auf.
"Was zum Teufel ...?", schrie sie erzürnt und suchte nach dem unbekannten
Wesen, das sie angegriffen hatte.
" ... D-das ist doch ... ", stammelte sie völlig irritiert. Es war ein ...
weißes Kaninchen und nicht nur irgendeines, sondern das, welches sie schon
einmal gesehen hatte. Das Tier funkelte sie mit seinen kleinen roten Augen an
und lachte boshaft. Es hatte wie auch damals eine Weste an, doch diesmal hielt
es keine Uhr in der Pfote, sondern etwas anderes. Was, das konnte Alice nicht
genau erkennen und so versuchte sie sich ihm zu nähern, was wiederum zur Flucht
des kleinen Wesens führte.
"Bleibst du stehen, du Biest!" Das Kaninchen war verdammt schnell und flitzte
hinter den nächsten Baum.
//Irgendwie kommt mir das alles sehr bekannt vor ...//, dachte Alice und
beschleunigte ihr Tempo. Nach einer Jagd durch den ganzen Stadtpark war sie dran
und drauf das hinterhältige Ding zu erwischen, doch nur ein paar Schritte vor
dem kichernden Kaninchen brach der Boden unter ihren Füßen zusammen. Die Erde
bildete einen Schlund, der einem gefräßigen Maul glich, und verschlang Alice,
die schreiend in die Tiefe stürzte.
//Ich muss völlig verrückt sein. Bin ich tatsächlich so töricht gewesen
diesem kranken Vieh noch einmal zu folgen?// Alice fiel. Ja, sie fiel wieder.
Langsam und traurig. Diesmal gab es nicht einmal interessante Gegenstände um
sie herum, sondern nur tiefste Nacht und sie empfand es trotzdem als angenehm.
Noch stiller als oberhalb der Erde war es in diesem unendlichen Brunnen. So
still, dass sie ihr Herz hatte klopfen hören ... - halt, kleine Korrektur: sie
hätte es normalerweise hören können, aber dem war seltsamerweise nicht so.
Ihr Herz klopfte nicht. Überhaupt nicht.
//Der Wahnsinn. Erst folge ich einem geisteskranken tollen Kaninchen, werde
dann von der Erde verschluckt und merke, dass mein Herz nicht mehr schlägt.
Besser kann mein Tag ja nicht werden. Wenn ich wieder im Wunderland landen
sollte, bin ich reif für die Irrenanstalt.//, dachte sie amüsiert und richtete
ihren Blick nach unten, wo schon ein kleiner Lichtschein sichtbar war. Je
kleiner der Abstand zwischen ihr und diesem Lichtschein wurde, desto mehr
verwandelte er sich in Feuerzungen. Wenn man von der Realität ausgeht, könnte
man meinen, dass Alice verbrennen müsste, doch sie landete sanft in einem
Kamin, dessen Feuer zwar loderte, aber nur  als eine Art Projektion existierte;
das heißt man konnte es zwar sehen, aber nicht anfassen. Woher dann der Ruß
kam, den sich Alice vom Kleid abklopfen musste, ist allerdings eine andere
Frage, genauso wie die nach den Eidechsen, die in genau diesem Feuer an einem
Spieß gebraten wurden.
"Was machst Du denn hier? Geh sofort raus da!" Das Mädchen vernahm ein
empörtes Grunzen und als sie aufsah, starrte sie direkt ein großes Schwein in
einem Frack an. Unterhalb seines Rüssels hatte es einen feinen dünnen
Schnurrbart und machte den Eindruck, als sei es was ganz Besonderes.
"Nicht dass ich freiwillig in dem Kamin sitze, aber bitte ...!", erwiderte sie
barsch und stapfte aus dem Kamin raus, nachdem sie das komische Schwein zur
Seite gestoßen hatte.
"Was erlaubst Du Dir eigentlich! Bist Du die neue Magd?! ... Dann an die
Arbeit!", grunzte das Schwein erhobenen Hauptes und zupfte an seinem Kragen.
"Sonst noch was?!" Alice blickte sich um. "Wo bin ich überhaupt?"
"Also dümmer kann man nicht sein!" Das piekfeine Schwein machte seine kleinen
in Fett eingebetteten Augen noch kleiner und antwortete dann: "In der Küche des
Herzogs, wo denn sonst? ... Und jetzt frag nicht so dämlich und arbeite."
Zunächst wollte Alice den Raum nur verlassen, dann aber kam ihr eine Idee:
"Gut ... Heute Abend gibt’s Schweinebraten ..." Damit schnappte sie sich
eines der scharfen Messer, die an der Wand hingen, und setzte ein fieses Grinsen
auf. Ihr Gegenüber bekam jetzt im Gegensatz zur vorherigen Situation so riesige
Augen, dass Alice sich darin spiegeln konnte und sauste quiekend in Windeseile
aus der Küche, sodass man bald nicht einmal mehr das Klacken seiner Hufen auf
dem Flur hören konnte.
Das Mädchen beschloss das Messer für alle Fälle zu behalten und nachdem sie
die Küche verlassen hatte, fand sie sich in einem schmalen Flur wieder, der mit
einem langen roten Teppich, sowie verschiedenen Gemälden geschmückt war. Da
Alice alle Zeit der Welt hatte, durchquerte sie ihn langsam, um sämtliche
Portraits eingehender zu betrachten. Auf einem war eine dürre Gestalt mit
seltsam langen Fingern und einer ungesunden Gesichtsfarbe abgebildet. Aufgrund
des zwar spärlichen aber eindeutig existenten Bartes musste es wohl eine
männliche Figur sein, doch wer weiß das schon so genau ... Ein anderes
Gemälde war das einer gemächlichen älteren Dame mit knallroten Lippen, einer
überdimensionalen Frisur und höchst eingebildetem Blick. Bei diesem Portrait
bekam Alice einen richtigen Lachkrampf, worauf die Dame auf dem Bild ihre
schwulstigen Lippen zu spitzen versuchte, was nicht so recht klappen wollte und
sie dann nur beleidigt die stark gepuderte Nase hob. Als nächstes kam ein
Spiegel, mit dessen Hilfe Alice merkte, dass ihr Kleid auf der linken Seite
blutbefleckt war - genau dort, wo das verfluchte Kaninchen hineingestochen
hatte. War das eine Wunde? ... Solange keine Schmerzen zu fühlen waren, wollte
sie das auch gar nicht erst wissen.
"Ach. Ich muss ja dieses verdammte Vieh suchen.", fiel ihr dann ein. Wie
schnell konnte man sich doch von den seltsamen Dingen im Wunderland ablenken
lassen. Ganz genau, das Wunderland. Sie war sich sicher, dass sie dort gelandet
war. Dort, im hintersten Eck und tiefsten Abgrund ihrer mittlerweile kranken
Fantasie. Das Wunderland, das damals ein so wunderbarer interessanter Ort voller
Überraschungen war. Es hatte sich verändert, so wie sie das getan hatte und
eben weil sie es getan hatte. Was könnte sie dort noch alles erwarten? ...

© Nami, 2006
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