Das Versprechen

von Jean
GeschichteDrama / P12
Broots Dr. Sydney Green Jarod Ms. Parker
02.11.2006
02.11.2006
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Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Sie hielt den Atem an. Waren das Schritte? Angestrengt horchte sie. Stille! Nichts, nicht das kleinste Geräusch war zu hören. Langsam, mit einem tiefen, leisen Seufzer, entwich die angestaute Luft aus ihren Lugen. Leicht lächelnd schüttelte sie den Kopf. Langsam aber sicher wurde sie paranoid! Nur weil Kameras den größten Teil ihres Lebens beanspruchten und jeden Schritt und Tritt, den sie machte, verfolgten, musste das in ihren eigenen vier Wänden nicht auch so sein. Oder?
Noch etwas beunruhigt, ließ sie sich wieder in ihre Kissen fallen, nur um gleich wieder aufzuschrecken.

Pock Dieses Mal hatte sie sich nicht getäuscht. Da war eindeutig ein Geräusch. Langsam glitt ihre Hand unter das Kopfkissen. Sich vorwärtstastend, suchten ihre Finger nach der Waffe, die sie unter dem Kissen aufbewahrte. Endlich, nach schier endloser Zeit, schloss sich ihre Hand um das kühle Metall der Waffe.  Ein beruhigendes Gefühl
Leise und schnell stieg sie aus dem Bett. Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür, blieb stehen, lauschte. Als sie sich vergewissert hatte, dass alles ruhig war, öffnete sie die Tür.

Immer noch lauschend trat sie hinaus auf den Flur, glitt hinüber zum Lichtschalter und schaltete mit einer schnellen Bewegung das Licht ein. Suchend schaute sie sich um. Hier im oberen Stockwerk war niemand. Der Flur war leer. Wenn sich jemand im Haus befand, dann musste er unten sein.

Schritt für Schritt, die Waffe schussbereit vor sich haltend, nährte sie sich der Treppe.
Am Absatz blieb sie erneut stehen und lauschte wieder. Sie war sich sicher, dass sie vorhin etwas gehört hatte. Warum zum Teufel war jetzt nichts mehr zu hören?
Die Treppe und das Untergeschoss lagen in dunkler Stille vor ihr. Hatte sie sich das Geräusch doch nur eingebildet? Sollte sie zur Sicherheit doch noch nach unten gehen und nachschauen oder sich wieder in ihr warmes, weiches Bett kuscheln? Sie bekam ohnehin zu wenig Schlaf.
Sie lauschte noch ein letztes Mal. Als sie sicher war, dass sich das Haus in vollkommenes Schweigen hüllte, drehte sie sich um und ging zurück zu ihrem Schlafzimmer.

Die Tür zum Schlafzimmer war zu. Hatte sie sie nicht offen gelassen? Um alle schlechten Gedanken zu vertreiben schüttelte sie den Kopf, sie war einfach zu übermüdet. Sie sicherte ihre Waffe und ließ die Arme sinken.
Ein Gähnen unterdrückend, drückte sie die Türklinke herunter und trat über die Schwelle in ihr Schlafzimmer.

Bevor sie die Mitte des Raumes erreicht hatte, schloss sich eine kalte Hand um ihren Oberarm und sie wurde mit festem Griff zurückgezogen. Bevor sie sich wehren konnte, wurde ihr ein Tuch fest vor den Mund gepresst. Ein süßlicher Geruch stieg ihr in die Nase. Sie spürte wie ihre Beine nachgaben und sie in sich zusammen sackte. Samtene, stickende Dunkelheit umhüllte sie und trug sie weit fort. Das Letzte was sie wahrnahm, war heißer Atem an ihrer Wange. Dann fühlte sie nichts mehr. „Süße Träume, Miss Parker“, flüsterte ihr eine Stimme ins Ohr.


Langsam verließ sie die tiefe, drückende Dunkelheit und schwebte auf ein helles Licht zu. Mühsam öffnete sie die bleischweren Augen. Das grelle Licht einer flackernden Halogenlampe schien ihr ins Gesicht. Sie kniff ihre Augen schnell wieder zu, als ein stechender Schmerz wie ein Blitz durch ihren Kopf zuckte.
Still lag sie da und atmete ruhig und tief. Nicht ein einziger Muskel bewegte sich.
Nach einigen Minuten öffnete sie entschlossen ihre Augen. Der stechende Schmerz wallte erneut in ihr auf, doch diesmal ignorierte sie ihn und richtete sich halb auf.

„Halten sie das wirklich für eine gute Idee, Miss Parker? Sie müssen doch Kopfschmerzen haben! Mein Sweeper hat ihnen eine Menge an Chloroform verpasst“, schnarrte eine dünne Stimme, die von überall zu kommen schien.

Miss Parkers Kopf  wirbelte herum. Orientierungslos versuchten ihre Augen das dunkle Nichts, welches sich bedrohlich vor ihr ausbreitete, zu durchdringen. Woher zum Teufel kam diese Stimme.

„Was?“, warf sie ihre Frage ziellos in das Dunkel.
Ihre Augen suchten noch immer nach dem Besitzer der schnarrenden Stimme.

„Nun ja, ich dachte sie hätten vielleicht Schwierigkeiten gemacht, wenn ich sie höflich gebeten hätte mir hier im Tower Gesellschaft zu leisten. Also dachte ich, ich frag sie gar nicht erst!“

Die letzten Worte klangen verächtlich und hinterließen einen bitteren Nachgeschmack in Parkers Ohren. Der Schmerz in ihrem Kopf droht sich in ihrem ganzen Körber auszubreiten und zwang sie, die Augen wieder zu schließen. Binnen Sekunden riss sie sie wieder auf.  
> Tower < Ich bin im Tower?  Einen klaren Gedanken zu fassen viel ihr schwer, zu groß war der Schock, zu groß war der Schmerz. Mittlerweile traute sie ihren Augen zu, einen kleinen Teil der Dunkelheit zu durchdringen. Sich voll aufrichtend, schaute sie sich um.

Was sie klar erkennen konnte, war die metallene Liege auf der sie saß. Sie wurde von dem flackernden Licht der Halogenlampe nur bruchstückhaft beleuchtet. Sie konnte nur schemenhaft die Wände des Raumes, in dem sie sich befand, erkennen. In den Ecken sammelten sich dunkle, feste Schatten und ließen sie so mit dem schwarzen Nichts, was den Raum ausfüllte, verschmelzen.  

„Ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten die ihnen bereitet wurden und für die, die ihnen vielleicht noch bereitet werden.“ Die Stimme klang sehr amüsiert.

So langsam lichtete sich der Nebel in Parkers Kopf und ihr Scharfsinn und Überlebenswille kehrten zurück. „Wieso stecken sie ihren Kopf nicht aus ihrer Sandburg? Ich wüsste gerne wer versucht mich zu bedrohen“, sagte Miss Parker mit ihrer üblichen kalten und schneidenden Stimme.

„Aber, aber Miss Parker. Bedrohen? Nein, das nun wirklich nicht. Meine Erziehung verlangt von mir, dass ich mich für das was war und noch seien wird, entschuldige und genau das tue ich lediglich in diesem Moment.“

„Ach und das ist keine Drohung, wie?"

Parker presste die Worte durch ihre Lippen. Trotz der Tatsache, dass ihr Kopf nun klar war, blieb der Schmerz nach wie vor an seinem Platz und dachte gar nicht daran sich von dort vertreiben zu lassen. Ihr Kopf drohte zu platzen, es fühlte sich an als würde eine wildgewordene Elefantenherde in ihm Rock’n’ Roll tanzen.

Was ist nun, wollen sie sich nicht endlich zeigen?“

„Oh, sie haben Recht! Wo sind meine guten Manieren? Sie müssen wissen, ich stamme aus einem sehr guten Elternhaus. Dort legt mal großen Wert auf gutes Benehmen.“

Noch während die Stimme sprach, wurde das Licht angeschaltet und durchflutete den Raum gleißen hell. Miss Parker, die wegen der plötzlichen Helligkeit ihre Augen zukneifen musste, schirmte schützend ihr Gesicht ab. Nachdem sie ein paar Mal geblinzelt hatte, nahm sie die Hand vor dem Gesicht weg und schaute sich in dem nun beleuchteten Raum um.      
Sie musste sich im Erdgeschoss des Towers befinden, denn nirgendwo waren Fenster in die mit weißen Fliesen gekachelte Wand eingelassen.
Aber eigentlich hatte das im Centre nicht viel zu bedeuten, es gab Verhörräume die ähnlich gebaut waren. Nur lagen diese im Dunkeln.
Die Dunkelheit sollte zum Einschüchtern des Opfers beitragen. In ihr sammelten sich bedrohliche Schatten. Eingeschüchterte Opfer, denen bereits die Angst in jedem einzelnen Knochen saß, neigten dazu in der Dunkelheit Warnvorstellungen zu entwickeln. Sie erzählten dem Verhörer dann alles was dieser wissen wollte, nur um dieses schwarze Nichts endlich verlassen zu können.

Mit der Dunkelheit kann man Menschen sehr schnell mürbe machen.
Damit kannte sie sich aus. Immerhin hatte sie lange Zeit die Verhöre persönlich geführt.
Das kam ihr nun zu Gute. Sollte ihr ein Verhör oder Ähnliches bevorstehen, wusste sie genau wie sie sich zu verhalten hatte. Die Methode, die sie einschüchtern konnte, war noch nicht erfunden worden.

Parkers Blick schweifte weiter durch den Raum. Dieser war, bis auf die Liege, leer. Die Reise ihrer Augen fand an einer centretypischen Stahltreppe, die nach oben führte, ein Ende.
Genau auf der Mitte stand ein hagerer, kleiner Mann und lächelte Miss Parker amüsiert an.  
Parker kam, nach kurzem Überlegen, zu dem Schluss, das die schnarrende Stimme zu seiner äußeren Erscheinung passte und  musterte ihn noch genauer.

Er erschien ihr äußerst gepflegt. Seine Haare trug er peinlichst genau auf der Seite gescheitelt. Ein schleimiges Lächeln zog sich von einem Ohr zum anderen. Das helle Licht der Deckenstrahler brach sich in den Gläsern seiner Brille, was es ihr unmöglich machte den Ausdruck seiner Augen zu ermitteln.
Sein Anzug war, vom Hemdkragen bis zu den Schuhen, die beim näheren betrachten, da war Parker sicher, mehr kosteten als sie im Monat verdiente, auf das kleinste Detail abgestimmt. Die Hose und das Jackett waren sicherlich auch nicht von der Stange.
Miss Parker wurde je aus ihrer Kleidungsanalyse gerissen, als sie registrierte dass sich der Mann in Bewegung gesetzt hatte und langsam die Treppe herunter stieg, wobei er sein Jackett aufknöpfte.

Am Fuß der Treppe angekommen, nährte er sich Parker, ohne sein schleimiges Lächeln abzulegen. Miss Parkers Vermutung, die sie schon zu Anfang hatte, bestätigte sich nun. Er trug  seine 9mm ganz offen zur Schau. Das war wieder eine Einschüchterungsmethode, die bei  Parker aber nicht die geringste Wirkung zeigte. Was ihr aber einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ, war sein Lächeln. Dieses schmierige Lächeln zeigte überdeutlich, dass er sich seiner Sache sehr sicher war und dass er nicht an Befehle und Anweisungen gebunden war. Außerdem war sie fest davon überzeugt, dass dieser Kerl nicht ihrem Vater unterstand sondern von außerhalb stammte. Erstens hatte sie ihn noch nie zuvor gesehen und zweitens hätte er, wenn er ihrem Vater unterstehen würde, es nie gewagt sie in einer Nacht- und Nebelaktion aus ihrem Haus zu entführen. Vielleicht wusste ihr Vater gar nichts über die Anwesenheit dieses Mannes. Wenn das alles stimmte, konnte sie wohl kaum damit rechnen, dass ihr Vater sie aus diesem Loch herausholen würde. Dies war eigentlich ziemlich egal, sie konnte ihre Kämpfe selber austragen. Trotzdem wäre es ein beruhigendes Gefühl gewesen, etwas Rückendeckung gehabt zu haben.

     


„Miss Parker! Schneidend scharf klang die Stimme des Mannes und holte Parker aus ihren Gedanken. Geschockt zuckte sie zusammen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen würden.“

Giftig funkelte Parker ihn an.

„Nun, wo waren wir gerade in unserer angeregten Unterhaltung. Ah ja, ich wollte ihnen gerade erklären, warum ich auf ihre Anwesenheit so einen großen Wert lege. Nun eigentlich ist es ganz einfach. Es geht um das Pretender-Projekt.“

„Sie….. Mo…. , mo.. , mentmal warten Sie“, schnitt Parker dem Mann das Wort ab. „Wer sind sie eigentlich, was haben Sie mit diesem Projekt zu tun? Warum zum Teufel mischen Sie sich da ein?!“

„Wenn Sie mich nicht auf diese unverschämte Weise in meinen Ausführungen unterbrochen hätten, hätten Sie längst verstanden, welche äußerste Wichtigkeit meine Präsenz hier im Centre hat.“ Jetzt klang der Mann nicht mehr schmierig, sondern extrem wütend.

„Oh, wenn das so ist, will ich Sie nicht länger davon abhalten ihre „Ausführungen“ zu vollenden“, war die schnippische und etwas abfällige Reaktion von Parker auf den Wutausbruch des Mannes.  


„Nun denn, wie Sie wissen, legt man Wert auf meine Manieren, also werde ich mich vorstellen. Mein Name ist Mr. Dacker. Auf Wunsch des Triumvirates wurde ich von Afrika hierher versetzt. Ich bin für extrem schwierige Fälle zuständig. Als man mir sagte, dass das Team rund um das Pretender- Projekt äußerst schlampige Arbeit verrichtet, dachte ich, die Führung würde übertreiben. Aber als ich die Akten einsah, stellte ich fest, dass die Anschuldigungen eher untertrieben waren. Sie haben über Dreieinhalbjahre keine Erfolge erzielt, meine Liebe!
Ich frage mich wie das passieren konnte! Der Pretender befand sich schon oft in unausweichlicher Bedrängnis und dennoch konnte er immer wieder entkommen. Nun Miss Parker, hatte er Hilfe?“ Die letzten Worte von Mr. Dacker klangen anklagend.

„Was wollen Sie damit sagen?“ Miss Parker beugte sich zu dem Man vor und ihre Augen wurden zu engen Schlitzen. „Wollen Sie mir unterstellen Jarold geholfen zu haben? Das ist….“

„Immerhin waren Sie seine kleine Spielgefährtin, nicht war?

Parker zuckte zurück.

Verbotener Weise haben sie sich mit dem Versuchsobjekt angefreundet. Beziehungen, die man als Kind knüpft haben tiefe Wurzeln und reißen nicht so schnell ab.

Der Kerl könnte Sydney Konkurrenz machen, dachte Miss Parker.

„Ich könnte mir vorstellen, dass noch immer eine emotionale Verbindung zwischen Ihnen besteht. So eine tiefe Freundschaft kühlt doch auch nach so vielen Jahren nicht einfach so ab. Es….“

„Das überrascht mich jetzt aber“, unterbrach Miss Parker Ms. Dacker wieder.

„Was“?

„Das Sie Ahnung von Freundschaft haben. Ich hätte wetten können, dass sie ganz allein in einem schmierigen Loch gelabt haben, um irgendwann heraus zu kriechen und irgendwelchen Leuten auf die Nerven zu gehen. Wirklich das…..“

„Sie sollten mir jetzt gut zuhören“, der drohende Unterton in Dackers Stimme war nicht zu überhören.
„Eine meiner unangenehmeren Aufgaben besteht darin unfähiges Personal zu entfernen
Und Sie Miss Parker“, seine Augen bohrten sich in Parkers, „‚Sie’ sind unfähig!“.

Parker zog scharf die Luft ein.

Ihre Augen weiteten sich als sie bemerkte das Dacker an seiner Waffe hantierte.

„Was haben sie jetzt vor? Wollen sie mich erschießen?“ So amüsiert und selbstsicher wie Parker klingen wollte, kamen ihr die Worte nicht über die Lippen. Ihr Inneres krampfte sich zusammen. < ANGST> Der Begriff zuckte wie ein Blitz durch ihren Kopf.
Ich glaube das ist Angst, dachte Parker. Schon lange Zeit hatte sie dieses Gefühl nicht mehr verspürt
Das letzte Mal hatte sich ihr Inneres zusammen gekrampft und sie hatte Angst empfunden als ihre Mutter eines Tages nicht mehr nach Hause kam. So hilflos wie damals wollte sie sich nie wieder fühlen. Das würde sie nicht zu lassen, nicht noch einmal!

„Klick“ Parkers Augen schnellten nach oben und sie blickte in den dunklen Lauf von Mr. Dackers Waffe. Für einen Augenblick wich alles Leben aus ihren Augen und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper und brachte ihren Puls zum Rasen. Ihre Hände waren schweißnass, sie ballte sie zu Fäusten und suchte fieberhaft nach einer Lösung. Was sollte sie tun. – Es fiel ihr nur eine Sache ein- Es war Zeit ihren einzigen Trumpf  auszuspielen und sich bei ihrem Kampf Unterstützung zu holen.

Trotz der Angst, die eiskalt durch ihre Adern kroch, und ihren Körper lähmte, nahm sie ihren Mut zusammen und baute sich vor ihrem Schafrichter auf.

„Ich hoffe sie haben ihr Vorhaben mit meinem Vater abgesprochen?“


Trotz ihres Versuchs selbstsicher zu klingen zitterte ihre Stimme bei dem Gedanken an ihren Vater. Er hatte einen hohen Status im Centre. Aber mit Sicherheit war Dacker kein gewöhnlicher Cleaner. Wer weiß wie hoch seine Stellung in Wirklichkeit ist. Wenn sie höher als die ihres Vaters ist, wäre das ihr Tod. Noch dazu kam Dacker von außerhalb und handelt auf Befehl der Führung. Gegen die Führung konnte auch ihr Vater nichts ausrichten. Ansonsten hätte er sie schon längst aus diesem Loch geholt.

„Keine Sorge, Miss Parker. Natürlich wurde alles mit ihrem Vater besprochen. Hoffentlich beruhigt es Sie, dass er mit allem vollkommen einverstanden ist?

Der Funke Leben, der bei dem Gedanken an ihren „Trumpf“, in Parkers Augen zurückgekehrt war,  erlosch bei den Worten Dackers, so schnell wie er erschienen war.
Mit einem Mal wich jegliche Kraft aus ihrem Körper. Sie hatte ihrem Vater wirklich alles zugetraut aber nicht, dass er das Todesurteil seiner eigenen Tochter unterschreiben würde.

-Dacker hatte die Methode erfunden die sie einschüchtern konnte-

Noch einmal blickte sie ihrem Gegenüber in die Augen.
Dieses schmierige Grinsen. Am liebsten würde sie es ihm aus dem Gesicht wischen.
Sie schloss die Augen.
Wenn sie eins nicht wollte, dann das dieser Mistkerl ihre Angst sah.

„Es tut mir leid Miss Parker, es ist wirklich schade.“ Mit diesen Worten entsicherte Mr. Dacker seine Waffe.

< Klick>

NICHTS

Nach einem Moment des Zögerns, der eine Ewigkeit zu dauern schien, öffnete Parker die Augen. „Dunkelheit.“ TOD- ich bin tot. Dieser Gedanke machte sich in ihrem Unterbewusstsein breit und kroch durch ihren Körper bis hin zu ihrem Gehirn.
Nach einigen weiteren Sekunden klärte sich ihr Blick.

„Ich hoffe Sie sind jetzt davon überzeugt, dass die Führung es als äußerst „wichtig“ empfindet, dass der Pretender sich wieder in ihrer Gewalt befindet.
Ihnen werden 24 Stunden gegeben. Wenn sie wieder scheitern, wird diese Waffe das nächste Mal geladen sein!

Miss Parker wirbelte herum. Mr. Dacker stand wieder auf der Treppe. Wieder mit diesem schmierigen Lächeln.

Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Nacht und ein frohes Schaffen. Mit einem Augenzwinkern verließ er den Raum.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, hüllte sich der Verhörraum wieder in Dunkelheit und Parker war wieder allein.
Sie stand an der, mit Fliesen verkleideten Wand, tief einatmend. In ihrem Inneren tobte eine wilde Unruhe. – IHNEN WERDEN 24 STUNDEN GEGEBEN – Es war ihr als würden die Worte von Dacker von den Wänden wiederhallen. Nur noch 24 Stunden.

„Oh Gott“, wisperte Miss Parker.      


Ein Zittern durchlief sie und ließ ihren Körper erbeben. Zusammengekauert hockte Miss Parker an der Wand. Die letzten zwei Stunden gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Eine Zahl tauchte immer wieder vor ihrem inneren Auge auf.  <24> Noch 24 Stunden. 24 Stunden um Jarod ausfindig zu machen, ihn zu schnappen und ins Centre zurück zuschaffen.
Wenn ihr das nicht gelingt, dann… Diesen Gedanken wollte sie gar nicht erst zuende führen.

Ein leises Quietschen holte sie aus der Tiefe ihrer Gedanken wieder zurück in die Realität.

Die Tür oberhalb der Treppe wurde langsam geöffnet und ein schmaler Lichtstrahl bahnte sich den Weg durch die Dunkelheit und verlor sich im unteren Teil des Verhörraumes.    
Noch ein Quietschen und die Tür wurde ganz geöffnet.
Eine dunkle Gestalt trat über die Schwelle.
„Miss Parker?“, rief Sam leise und ließ seinen Blick suchend durch den Raum schweifen.
Keine Antwort. „Miss Parker?“, wiederholte Sam seine Frage. Dieses Mal etwas lauter.

„Sam?“, kaum wahrnehmbar drang Parkers Stimme von unten zu ihm herauf.  

Rückartig ließ Sam den Kopf sinken. Seine Augen versuchten Miss Parker in der Dunkelheit  ausfindig zu machen. Nachdem er seine Augen einige Male hin und her schweifen ließ, sah er seine Vorgesetzte. Ihr Gesicht wurde von dem schmalen Lichtstrahl teilweise erhellt. Langsam ging Sam die Treppe runter und auf  Miss Parker zu. Als er vor ihr stand, betrachtete er sie genauer, er konnte nicht glauben was er da sah.

Die Frau die jetzt zu seinen Füßen hockte, hatte nichts mit der sonst so starken und unnahbaren Person zu tun, die er sonst kannte.
Zusammengekauert hockte sie auf dem Boden, das Haar viel ihr wirr und unordentlich ins Gesicht und….. nein das konnte nicht sein… >Angst<. Da war Angst in ihren Augen. Sie füllte sie zwar nicht vollkommen aus, aber es glühten Funken von Angst in ihnen.  

Was hatten sie ihr nun wieder angetan? Reichte es nicht, dass sie ihre Kindheit zerstört hatten? Das sie ihr, ihr jetziges Leben zur Hölle machten. Was war jetzt dran. Er machte sich Sorgen. Er empfand große Zuneigung für seine Chefin. Nichts Sexuelles. Nur rein freundschaftlich.
Er wollte ihr irgendwie helfen, aber er wusste nicht wie. Was sollte er auch schon großartig tun, was konnte er tun. Das Einzige was ihm einfiel war, Diskretion zu bewahren und keine Fragen zu stellen.

Damit half er Parker mehr als er sich vorstellen konnte.    

„Kommen Sie, Miss Parker“, er reichte ihr seine Hand, half ihr hoch und dirigierte sie mit leichtem Druck zur Treppe. Dann folgte er ihr die Stufen hinauf, durch die Tür und auf den langen, nächtlichen Centreflur.


Wie soll ich das nur anstellen? Miss Parker überlegte fieberhaft wie sie Jarold ausfindig machen, ihn stellen und auch noch ins Centre zurück schaffen sollte.
In Einem hatte Dacker Recht. Jarold konnte bis jetzt immer entkommen, warum sollte er es dieses Mal nicht auch schaffen? Weil es hier um ihr verdammtes Leben ging! Sie musste eine Flucht seinerseits verhindern und wenn es das Letzte ist war, was sie tat. Was dachte sie denn da? Wenn sie Jarold nicht schnappte, dann wird es das Letzte sein, was sie jemals tun würde.
Wenn sie es nicht schaffte, dann…

„Miss Parker?“

Parker wurde aus ihren Überlegungen gerissen. Wütend drehte sie sich um. Als sie Sam, der sie fragend ansah erkante, verrauchte ihr Zorn.

„Was?“, fragte sie in einem ungewohnt ruhigen Ton. Sam hob fragend eine Augenbraue, entschied sich aber dafür nichts dazu zu sagen und fragte seine Vorgesetzte stattdessen was sie jetzt vorhabe.
Parker war von dieser Frage völlig überrascht, was sollte sie denn schon großartig vorhaben? Ihr Leben retten, was denn sonst? Vollkommen perplex schaute sie Sam an. Dieser war von ihrem Gesichtsausdruck wiederum so überrascht, dass er Parkers Blick nur fragend erwidern konnte.

Da fiel Parker ein, dass er ja keine Ahnung davon hatte, was in dem Verhörraum passiert war. Sie entschied sich dafür es dabei zu belassen.

„Sam fahren Sie nach Hause, ich habe noch etwas im Büro zu tun. Halten  Sie sich einsatzbereit. Ich werde Sie wissen lassen, wann ich Sie brauche.“
„Aber Miss Parker, Sie haben….“
„Sam, gute Nacht!“
Mit diesen Worten drehte sich Parker um und verschwand hinter der nächsten dunklen Ecke des Flures.  

Was haben sie nur mit ihr gemacht. Sie ist so durcheinander, dass sie noch nicht mal gemerkt hat, dass sie nur ihren Schlafanzug trägt. Sam sah seiner Vorgesetzten nach bis sie das schwarze Nichts verschlungen hatte und machte sich dann grübelnd auf den Weg zur Tiefgarage.

Kleine Halogenlampen spendeten notdürftige Lichtkegel und warfen unheimliche Schatten. Noch immer in ihrer Gedankenwelt versunken, ging Parker durch die verlassenen, im schummrigen Dunkel liegenden Centreflure. Ihr Gesicht lag im Halbschatten. Der von den flackernden Lichtkegeln schaurig erhellten Seite sah man die Unruhe, die in ihrem Inneren wütete nicht an. Sie zeigte nur die starke, eiskalte und unnahbare Frau, die von ihrer Vergangenheit gezeichnet wurde und die durch unzählige Schicksalsschläge hart gemacht wurde. Sie zeigte die Maske, die sich Parker jeden Morgen aufs Neue überstreifte, um in einer so gefährlichen Umgebung wie dem Centre überleben zu können. Mit ihr fühlte sie sich stark, denn sie wusste, dass diese Maske ihre Gefühle versteckte und ihren Gegnern keine Angriffsfläche bot. Doch die andere Seite, die die im Schatten verborgen lag, spiegelte ihre Gefühle wieder. Sie verriet die Angst, die drohte Parker von innen her zu zerstören. Doch blieb sie verborgen und Parker würde es nicht zulassen das sie jemals ans Licht gelangt.

Das Vorbeihuschen zweier Sweeper holte Parker zurück in die Gegenwart. So schnell wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder verschwunden. Typisch Sweeper! Sie waren darauf trainiert keine Spuren zu hinterlassen, schnell zu verschwinden und wenn überhaupt nur als schemenhafte Schatten in Erinnerung von Klienten und anderen Menschen zu bleiben.
Die plötzliche Bewegung hatte sie aus ihrer Trance gerissen, die letzten Stunden kamen ihr unwirklich vor. Endlich wach schaute sie sich um. Sie befand sich in der Haupthalle und vor der Treppe, die zu dem Sub Level führte, welches ihr Büro beherbergte. Wie sie hier her gekommen war, wusste sie nicht. Ihr Unterbewusstsein musste sie gelenkt haben. Alle Wege, die durch das Centre führten, waren in ihm gespeichert. Sie musste noch nicht mal wach sein, um sie zu finden. < Schon traurig>, dachte sie. Was wollte sie hier? Sie hatte keine Ahnung. War sie auf dem Weg in ihr Büro gewesen? Aber was sollte das bringen? Dort war nichts, was ihr helfen könnte Jarold zu finden.

Sie schaute geradeaus, genau in einen weiteren, im Dunkeln liegenden Flur. Genau! Der Computerraum. „Das war’s!“, sagte sie und erschrak bei dem laut verhallenden Geräusch, welches ihre Stimme ausgelöst hatte. Sich nun vollends der Situation, in der sie sich befand bewusst, machte sie sich auf den Weg zum Computerraum. Vielleicht war ja Broots noch an seinem Arbeitsplatz?

Broots saß wie immer fleißig tippend an seinem Terminal. Schon seit geraumer Zeit hatte der Pretender keine Hinweise mehr an das Centre geschickt. Das erschwerte Broots’ Arbeit erheblich. Sonst führten Jarods Hinweise immer zu seinem Versteck auch wenn es dann meistens zu spät war. Aber immerhin hatten sie in dem Fall eine Spur. Aber ohne Jarods Hilfe gestaltete es sich bereits schwierig, überhaupt irgendetwas über den Pretender heraus zu finden.

Mit einem Blick auf seine Armbanduhr stellte Broots fest, dass er schon wieder Überstunden gemacht hatte. Viel zu viele. Er konnte sein Leben nicht nur auf die Arbeit im Centre konzentrieren, schließlich hatte er eine kleine Tochter. Debby. Bei dem Gedanken an sie malte sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Wie sehr er seine Kleine liebte. Er wünschte seine gesamte Zeit mit ihr verbringen zu können. Doch war das leider nicht möglich. Der Vertrag, den er mit diesem Höllenhaus geschlossen hatte, hinderte ihn daran.

Die meisten die hier arbeiteten hatten kein richtiges Privatleben, meisten gar kein richtiges Leben. Zum Beispiel Miss Parker. Bei dem Gedanken an seine Chefin lief ihm ein Schauder über den Rücken. Sie lebte nur um Jarod wieder für das Centre zurück zu schaffen. Sie hatte ihre eigenen Interessen vollkommen zurück gestellt. Sie hat ein schweres Leben, er wusste das, doch verstehen konnte er sie trotzdem nicht.

Er richtete seinen Blick wieder auf den flackernden Monitor, doch die Konzentration wollte sich nicht wieder einstellen. Ein lautes Gähnen bahnte sich seinen Weg an die Oberfläche. Erst jetzt wurde Broots bewusst wie müde er eigentlich war. <  4.35 Uhr, das war mehr als genug für heute.

Ein weiteres Gähnen unterdrückend, beugte er sich zu dem Terminal. Gerade als er es ausschalten wollte, wurden die beiden Flügeltüren aufgestoßen.

Broots’ Augen weiteten sich. Träumte er? Er war zwar müde, aber so sehr auch wieder nicht.

„Was glotzen sie denn so?“, fragte Miss Parker scharf.

„M, M, M Miss Parker“, stotterte Broots auf seine üblich eingeschüchterte Art. Er rieb sich die Augen, doch es nützte nichts, als er sie wieder öffnete, stand Parker immer noch in der Tür.

„Sie sind nicht der Einzige, der Überstunden macht, Broots!“ Parkers blaue Augen erinnerten Broots an einen Eissee, so kalt bohrte sich ihr Blick in ihn.
„Aber, aber, aber sie…….“

„Broots, hören sie auf zu stottern und machen sie sich an die Arbeit!“

Broots starrte seine Vorgesetzte immer noch unschlüssig an.

„Hab ich irgendetwas im Gesicht?“ Ihre Stimme zerschnitt fast die Luft so scharf war sie.

„Nein, nein aber……“, stammelte Broots.

„Na also“, sie wollte Broots mit einer scheuchenden Handbewegung zurück an seine Arbeit scheuchen, aber Broots rührte sich nicht. Er blieb wie angewurzelt stehen und starrte Parker weiterhin an. Parker zog eine Braue hoch und kniff ihre Augen zu engen Schlitzen zusammen. Dann schaute sie an sich herunter. Als sie registrierte was sie sah, zog sie vor Schreck die Luft scharf ein. Dann schaute sie Broots wieder an. Ihre Augen spiegelten eine Mischung aus Schamgefühl und kalter Wut wieder.

„Finden sie Jarod!“, befahl Parker, machte auf dem Absatz kehrt und rauschte durch die Tür auf den Centreflur.

Der Blick des Technikers klebte an den noch zuschwingenden Flügeltüren.

Ich bin überarbeitet, eine andere Erklärung gibt es nicht. Miss Parker im Schlafanzug, das konnte nur ein Traum sein, dachte er und konnte seinen Blick nicht von der Flügeltür wenden.

Wütend auf sich selbst, lehnte Parker an der kalten, gekachelten Flurwand. Sie hätte sich Ohrfeigen können. Wie konnte sie nicht bemerkt haben, dass sie noch ihren Schlafanzug trägt. Ausgerechnet Broots, dieser vertrottelte Techniker musste sie so sehen. Oh, wenn er mich gesehen hat, dann auch alle anderen. Ihr kam Sam in den Sinn, jetzt wusste sie was er ihr hatte sagen wollen. Wenn sie ihm doch nur nicht das Wort abgeschnitten hätte. Jetzt war es auch zu spät.  Aber wenn das die Runde macht, würden in ein paar Stunden sämtliche Mitarbeiter wissen, dass etwas nicht stimmt und ihr Vater würde…, bei dem Gedanken an ihren Vater weiteten sich ihre Augen vor Schreck, ihr Vater wusste schon von alldem hier, er hatte ihr Todesurteil eigenhändig unterzeichnet. Sie wusste, dass er eiskalt war aber das hätte sie ihm nicht zu getraut. Plötzlich flimmerte das schadenfroh grinsende Gesicht ihres Zwillingsbruders vor ihr auf. Lyle wäre wohl hoch erfreut, wenn ich mir in 24 Stunden die Radieschen von unten betrachten würde. Mit einem Blick auf die Wanduhr fuhr ihr erneut der Schreck in die Glieder, korrigiere, in 22 Stunden und 30 Minuten. Das Grinsen ihres Bruders wurde zu einer verzogen Fratze, auf der sich das Lächeln des Triumphs breit machte.  

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf um die Szene, die sich vor ihrem inneren Auge abspielte wegzuwischen. Nein, diesen Triumph gönne ich ihm nicht. Noch hab ich Zeit. Wollen doch mal sehen wer zuletzt lacht. Entschlossen richtete sie sich auf und wollte zurück in den Computerraum. Gerade als sie die Flügeltüren berührte, fiel ihr ein, dass sie noch immer nur mit ihrem Schlafanzug bekleidet war. „Wäre wohl doch besser sich erst umzuziehen“, murmelte sie und machte sich auf den Weg in ihr Büro, wo sie einen Kleiderschrank mit Ersatzkleidung aufbewahrte. Mit etwas Glück schaffe ich es ungesehen ins Büro zu kommen, bevor die ersten hirnamputierten Centrearbeiter ihre Frühschiecht beginnen, dachte sie.
Der Schock der vergangenen Stunden war wie weggeblasen. Parker war wieder wie immer, kalt, unnahbar und stark. Sie hatte ihre innere Krise überwunden und das war auch gut so, denn um Jarold zu finden, ihn zu stellen und zurückzubringen um ihr eigenes Leben zu retten, brauchte sie ihre ganze Kraft. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass nichts Unvorhergesehenes passierte.


Als Parker endlich mit richtiger Kleidung ausgestattet, wieder den Computerraum betrat, saß Broots wieder fleißig tippend an seinem Terminal. Als er seine Vorgesetzte eintreten sah, blickte er schüchtern zu ihr auf. Parkers Augen wurden zu engen Schlitzen und schossen einen scharfen Blick auf den armen Techniker ab, der Broots wieder schnell seine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm richten ließ.

Parker ging in den Teil des Raumes, der ihr vorbehalten war und ließ sich an ihren Schreibtisch nieder. Ihre Augen schweiften über den Schreibtisch und blieben an den Foto ihrer Mutter hängen.

„Mhk, Miss Parker?“ Parker schreckte aus ihren Gedanken auf. „Was“, fragte sie überrascht.
„Was ist los, Parker?“ Sydney lehnte im Türrahmen. In seinen Augen konnte man die Besorgnis sehen, die er für die Frau empfand, die er schon kannte, seit sie ein kleines Mädchen war und für die er so starke Gefühle hegte. Auf seiner Stirn standen tiefe Sorgenfalten.

Für einen Moment war Parker gefangen in seinen Augen. Sie wollte aufspringen, ihm in die Arme laufen, wie sie es als kleines Mädchen immer getan hatte und ihm alles erzählen. Vielleicht sogar ihren Tränen, die sie tief in sich verborgen hielt, freien Lauf lassen.
Doch sie gab diesem Verlangen nicht nach und fragte stattdessen, zickiger als sie eigentlich wollte. „Was soll denn schon los sein?“ Ihre Augen bohrten sich in Sydneys.
„Parker, ich kenne Sie seit Sie ein kleines Mädchen waren. Ich merke, wenn etwas nicht in Ordnung ist und Sie versuchen etwas zu verheimlichen.“  

Parker schluckte, sie wusste das es keinen Sinn machte Sydney ihre Probleme zu verheimlichen. Er würde nicht aufhören nachzubohren bis sie ihm die Wahrheit sagt.
Noch einmal schweifte ihr Blick  zu dem Bild ihrer Mutter, dann seufzte sie und blickte Sydney wieder in die Augen. Sie wusste, dass sie ihm vertrauen konnte und dass er wohl der Einzige war, der ihr würde helfen können.

„Ich wurde heute Nacht aus meinem Schlafzimmer entführt und ins Centre gebracht. Ein schmieriger Typ namens Dacker sagte mir, dass ich noch 24 Stunden habe um Jarold zurück zubringen. Davon sind bereits 4 Stunden vergangen. Wenn ich es nicht schaffe, werde ich die morgige Nacht nicht mehr erleben.“

Sie blickte standhaft ohne eine Spur von Angst und ohne mit der Wimper zu zucken in Sydneys vor Schrecken geweiteten Augen, als sie ihm mit monotoner Stimme die wesentlichen Aspekte der vergangenen Stunden in Kurzform darlegte.

„Parker was.. ich meine das….  Sydney wusste nicht was er sagen sollte, haben Sie schon ihrem Vater davon erzählt?“ Parker senkte den Blick „Er weiß davon und ist mit dem Vorgehen einverstanden.“

Sydneys Herz krampfte sich zusammen, er konnte nicht glauben was er da hörte. Mr. Parker war ein gefühlsloser und kalter Mann, aber er konnte nicht glauben, dass er das Todesurteil von seinem eigenem Fleisch und Blut unterzeichnet hatte.

„Was ist los?“

Parker und Sydney zuckten zusammen als Broots Frage zu ihnen durchdrang.

Parker rollte mit den Augen, na toll, jetzt wusste auch der Trottel von allem. Na was soll’s, schlimmer konnte es ja nicht mehr kommen. Sie schluckte wieder, es sei denn Jarod ist wie so oft wie vom Erdboden verschwunden und dachte gar nicht daran sich zu zeigen. Dann würde es durchaus schlimmer werden.

„Miss Parker!“ Parker schaute zu Sydney auf. „Gehen Sie nach Hause“
„Das hätten sie gerne, ich werde doch nicht meine restliche Zeit, die mir noch bleibt verschwenden!“

„Parker, hier können Sie nichts tun. Gehen sie nach Hause und ruhen Sie sich aus. Sie haben für heute genug durchgemacht.“ Mit sanftem Druck bugsierte Sydney Parker Richtung Ausgang. „Broots und ich werden uns hier um alles kümmern“.

Als die beiden vor der Tür standen, schaute Parker Sydney in die Augen. „Was soll ich nur tun?“ „Schlafen!“, sagte Sydney und ein sanftes und liebevolles Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Parker wehrte sich noch, sie wollte nicht nach Hause, wusste aber nicht was sie sonst tun sollte. Also nickte sie und wandte sich noch immer ein bisschen widerspenstig zum Gehen. „Werden Sie mir helfen?“, flüsterte Parker und drehte sich leicht um. „Natürlich“, sagte Sydney. „Mh“, machte Parker und ging durch die Flügeltüren und machte sich auf den Weg nach Hause.

Sydneys Blick blieb an den Türen hängen. In was für einem Irrenhaus arbeitet er nur? Er wandte sich zu Broots um. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber wir müssen Jarod finden! Wenn auch nur um Zeit zu schinden. Wenn wir ihn haben müssen wir einen Weg finden, wie es weiter gehen soll!“

Broots nickte und setzte sich hinter sein Terminal. Jetzt musste er zeigen, was in ihm steckte. Das Leben seiner Chefin hing davon ab.

Parker schloss ihre Haustür auf und betrat den Hausflur. Vor ein paar Stunden haben sich ihre Gedanken noch überschlagen, jetzt war ihr Kopf leer.    
Zielstrebig ging sie auf das Badezimmer zu. Eine heiße Dusche ist jetzt genau das Richtige.

Das heiße Wasser wirkte beruhigend. Parkers Sorgen und Ängste wurden wie bei einem Reinigungsritual weggespült und verschwanden auf nimmer wieder sehen im Abfluss. Zum ersten Mal an diesem Tag war sie entspannt. Als sie fertig war, schlang sie sich ein Badetuch um den Körper und stieg aus der Dusche. Der Spiegel war von dem heißen Wasserdampf vollkommen beschlagen. Sie wischte ein Stück mit ihrer Handfläche frei. Ein Paar blaue und traurige Augen schauten sie aus dem Spiegel an. Lange sah sie in die Augen dieser Frau die sich ihr im Spiegel offenbarte. Einst war sie makellos schön und erhaben gewesen. Jetzt hatte sie Ringe unter den geröteten Augen, ihre Lippen zitterten und auch sonst sah sie ziemlich abgekämpft und abgespannt aus. „Gott was soll das alles noch?“, murmelte Parker und wischte mit ihrer Hand über die gesamte wahrheitszeigende, spiegelnde Fläche. Erst jetzt merkte sie wie erschöpft sie war. Sydney hatte Recht, sie sollte sich etwas hinlegen, ausgebrannt würde sie niemanden nutzen, schon gar nicht sich selbst.

Als Parker sich auf ihr Bett setzte, war sie der Meinung eh nicht einschlafen zu können, aber  kaum das sie sich hingelegt hatte, war sie auch schon in einen unruhigen Schlaf gefallen.

Das schrille Klingeln ihres Telefons holte sie aus der Tiefe des Schlafes zurück.  
             
„Sydney? Haben sie etwas herausgefunden?“, murmelte Mrs. Parker schlaftrunken in den Telefonhörer.

„Hier ist nicht Sydney, aber um ihre Frage nicht unbeantwortet zu lassen, ich denke nicht das er etwas herausgefunden hat.“

Miss. Parker war auf einmal hellwach. „Jarod?“ Sie konnte es förmlich vor sich sehen wie ihr Gesprächspartner seine Lippen zu einem großen Lächeln verzog.

Jarods Grinsen zog sich von einem Ohr zum anderen und als er hörte wie Parker nach Luft schnappte, wurde es noch größer. Er hatte schon lange nichts mehr von sich hören lassen und ohne seine Hinweise taten sich die Techniker und Sweeper des Centres sehr schwer ihn ausfindig zu machen. In den letzten 5 Wochen war es so still um seine Person geworden, das er schon dachte das Centre hätte die Suche nach ihm eingestellt. Doch diesen Gedanken verwarf er gleich wieder. Das Centre würde niemals aufhören ihn zu suchen. Dann dachte er, dass vielleicht etwas mit Miss Parker nicht stimmen könnte und er begann sich Sorgen um sie zu machen. Zwar war sie es, die ihn verfolgte und er sollte froh sein wenn sie von ihm abgezogen würde, aber dennoch war sie seine erste Freundin im Centre gewesen als er allein war. Er wollte Gewissheit und so entschloss er sich wieder einen seine Anrufe zu tätigen, die er so liebte. Er hatte bereits versucht sie um halb vier aus dem Bett zu klingeln, aber zu seiner Überraschung ist sie nicht rangegangen. Dann hatte er es um 8 Uhr im Büro versucht, aber auch dort konnte er sie nicht erreichen. Nun da er sie um 11.30 völlig schlaftrunken am Apparat hatte, machte er sich Sorgen um Sie.  


„Na Parker, wie geht es ihnen?“, fragte er grinsend. „Haben sie verschlafen oder ist heute ihr freier Tag?“

„Jarod, wo sind sie?“

Er hatte ja mit vielem gerechnet, das sie ihn verfluchen, oder ihm schlaftrunken einfach irgendetwas an den Kopf werfen würde, aber nicht mit einer derart direkten Frage.
Sie hatte ihn ohne Umschweife auf seinen Aufenthaltsort angesprochen, das tat sie sonst nie. Sämtliche Alarmglocken klingelten und er glaubte mehr und mehr dass etwas nicht stimmte.

„Parker, was ist los?“

Parker kam nicht umhin die Besorgnis in seiner Stimme zu bemerken.
„Nichts ist los Jarod, ich bin es nur allmählich Leid Sie zu verfolgen“, entgegnete Parker schnippisch. „Sagen Sie mir einfach wo Sie sind, dann haben wir beide endlich Ruhe vor einander.“

„Das hätten Sie wohl gerne.“ Die Kälte in Parkers Stimme ließ ihn erschaudern. Wie konnte man nur so schlechte Laune haben? Wie dem auch sei, er wollte Parkers Zorn nicht noch mehr auf sich ziehen. „Genießen Sie ihren freien Tag“

„Jarod?“

Er war gerade im Begriff gewesen den Hörer aufzulegen, aber der Tonfall den Parkers Stimme jetzt angenommen hatte, ließ ihn innehalten. Sie hatte Angst!
„Parker? Was ist denn los?“

Miss Parker knabberte an ihrer Unterlippe und überlegte was sie jetzt antworten sollte.

Jarod dachte schon, dass sie gar nichts mehr sagen würde, doch dann räusperte sie sich.

„Mh nehmen wir mal an, es würde etwas… mh… wie soll ich sagen? Etwas Ungewöhnliches passieren, wenn Sie nicht zurück ins Centre kommen …“

„Was soll das Parker, was meinen Sie damit? Fehlt Ihnen etwas, ist etwas nicht in Ordnung? Sind…sind Sie in Gefahr?“ Jarod konnte selber nicht glauben was er da fragte.

Parkers Reaktion bestätigte ihm, dass es sich bei seiner Vermutung, dass sie sich in Gefahr befinden könnte, nur um Schwachsinn handelte.

Parker brach in ein lautes, unechtes Lachen aus. „Wie kommen Sie darauf, dass ich in Gefahr sein könnte? Jarod, das ist lächerlich!“

„Mh“, Jarod war nachdenklich geworden. Was hatte dieses falsche Lachen zu bedeuten? „Sie sollten eins wissen, ich gehe für nichts und niemanden zurück ins Centre!“ Mit diesen Worten legte er auf.

„Jarod? Nein!“ Parker schmiss den Telefonhörer auf den Boden. Sie zog ihre Beine an die Brust und kauerte sich an das Kopfende ihres Bettes. Ihre Lippen formten drei stumme Wörter, aber sie vermochte nicht ihnen eine Stimme zu geben.


Jarod hatte nachgedacht. Was hatte diesen Wandel in Parkers Stimme heraufbeschworen? Sie hatte Angst, das lag klar auf der Hand. Aber wovor oder besser vor wem?
Trieb ihr Vater wieder eines seiner Spiele mit ihr. Aber davor hatte sie keine Angst, schon als sie klein war, bot sie ihrem Vater oft genug die Stirn. Es musste etwas oder jemand anderes sein.

Sollte sie sich wirklich in Gefahr befinden? Und was noch wichtiger ist, könnte er einfach wegsehen?
Jarod wusste darauf keine Antwort.

Plötzlich sah er sich in einem kleinen dunklen Raum. Er war wieder 11 Jahre alt. Die Dunkelheit ängstigte ihn, aber es war niemand da, der in tröstete. Es war nie jemand da dem er sich anvertrauen konnte. Nein! Das stimmte nicht, einen gab’s doch.

Er saß an einem kleinen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, genau darüber baumelte eine Lampe von der Decke und bildete die einzige schwache Lichtquelle.
Er hatte sein Gesicht in den Armen vergraben und versuchte sich, wie so oft aus diesem dunklen Gefängnis fort zu denken. Meistens gelang das auch, doch wurde er immer viel zu schnell in die Wirklichkeit zurückgeholt.

Er merkte nicht wie sich die Tür hinter ihm öffnete und eine Gestalt den Raum betrat.
Er schreckte erst auf als er eine Berührung auf seiner Schulter spürte.

„Weinst du?

Jarod blickte in das Gesicht eines etwa gleichaltrigen Mädchens. Sie hatte ihn schon oft besucht. Wenn sie da war, vergaß er oft in welcher Lage er sich befand. Dann war er einfach ein normales Kind, das mit einem anderem spielte.


„Ich dachte Jungen weinen nicht! Mein Vater sagt, dass weinen ein Zeichen von Schwäche ist. Deshalb weine ich nie!“

„Ich weine ja gar nicht. Mir ist nur etwas…. ins Auge geflogen. Er wischte sich mit dem Ärmel seines Pullovers über das Gesicht. Siehst du?“, er zeigte ihr ein Grinsen.

Das Mädchen kicherte. „Du hast ja doch geweint.“ Mit diesen Worten fuhr sie mit ihrer Hand sanft über Jarods Wange und wischte eine einzelne Träne weg.

Jarod zuckte bei der Berührung zusammen und errötete. Jetzt hatte sie mitbekommen, dass er weinte. Was würde sie jetzt von ihm denken?

„Weißt du, meine Mama sagt, dass es nicht schlimm ist zu weinen.“ Sie blickte sich scheu um, ob auch niemand da war, der sie hören konnte.

„Kann ich dir ein Geheimnis verraten?“

Jarod nickte nur stumm.

Sie schaute sich noch einmal vorsichtig um.

„Ich habe vorhin gelogen. Ich weine doch manchmal. Wenn meine Eltern sich streiten, bekomme ich Angst und dann weine ich auch. Das darfst du aber niemanden sagen, hörst du? Schwöre es!“

Jarod hob feierlich den rechten Arm in die Höhe. „Ich schwöre.“ Nach einer längeren Pause ergriff er wieder das Wort. „Weißt du, Angst zu haben ist ganz normal. Alle Menschen haben das, aus ganz verschiedenen Gründen. Sydney hat mir davon erzählt.“

„Wovor hast du denn Angst?“ Das Mädchen schaute Jarod durchdringend an.

„Vor dem Centre! Vor den Simulationen! Davor das ich meine Eltern nie wieder sehen werde!
Ziemlich dumm, hä?“

„Überhaupt nicht!“ Das Mädchen lächelte.

Bei ihr fühlte sich Jarod sicher und geborgen. Es war schön eine Freundin an diesem düsteren Ort zu haben.

„Weißt du vor was ich Angst habe?“

„Nein“

„Vor Mr. Rains!“ Den Namen flüsterte sie nur noch, aus Angst jemand anderes außer Jarod könnte ihn hören. Und weil der Name ihr schon alleine Angst machte. „Er schaut mich immer so böse an, das mir ein kalter Schauder über den Rücken läuft. Er ist ein böser Mann. Ich habe Angst das er mir weh tut.“

„Du musst keine Angst haben“, Jarod ergriff die Hand des Mädchens, „wenn dir jemand etwas tun will, dann beschütze ich dich! Ich würde………………….“

*Riiiiiiiiing!!!*

Das durchdringende Klingeln seines Telefons katapultierte Jarod wieder in die Wirklichkeit zurück.

„Backer“, meldete er sich.

Am Ende der Leitung war nichts zu hören.

„Hallo?“

Immer noch nichts.

Womöglich nur falsch verbunden. Jarod legte auf und kehrte zu seinen Überlegungen zurück. Jetzt wusste er die Antwort. Wenn Parker wirklich in Gefahr schwebte, dann würde er ihr helfen, das hatte er ihr versprochen und sein Versprechen würde er halten.



Als die Uhr 15.00 Uhr anzeigte, saß Parker immer noch zusammengekauert auf ihrem Bett. Sie fühlte sich leer und ausgelaugt. Nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen.

„Ich gehe für nichts und niemanden zurück ins Center!“ Jarods Worte halten noch immer in ihrem Kopf wieder. Was hatte sie auch anderes erwartet. Das er sich für sie stellen würde. Wie kam sie nur auf so einen bescheuerten Gedanken?

< Und was ist mit deinem Versprechen, Jarod?>

Das Klingeln ihres Telefons holte sie aus ihren Gedanken.

„Jarod?“

„Nein, ich bin’s nur, Broots.“

„Oh“, Parker konnte nicht verhindern, dass in ihrer Stimme ein bisschen Enttäuschung mitschwang. Tief in ihrem Inneren hatte sie gehofft, dass Jarod sich noch einmal melden würde. Schon wieder so ein bescheuerter Gedanke.

„Wir haben ihn, Miss Parker.“

„Was?“, fragte Parker aufgeregt, aber wenig überzeugt. „Wo?“

„Sie werden es nicht glauben, er ist in Dalaware!“ Am anderen Ende der Leitung hörte man nur wie Parker vor Erstaunen die Luft scharf einzog. Broots grinste von einem Ohr bis zum anderen.

„Was!“ Miss Parker schrie fast. „Er ist hier?“

„Ja, ich habe ihn per Internetsuche gefunden. Es wurde ein Bericht online veröffentlicht. Ein gewisser Jarod Backer hat einen Farmerkonzern hochgehen lassen, der mit gestreckten Medikamenten dealte. Der Bericht war mit  einem Foto des „Helden“ versehen. Darauf abgebildet war unser Jarod.
Man was der Junge da für ne Arbeit geleistet hat, ist echt beeindruckend. Wissen sie, er hat…..“

„Broots!“

Broots zuckte zusammen.

„Ich habe weiter gesucht und bin durch Zufall auf eine Telefonnummer gestoßen. Ich rief dort an und es meldete sich ein gewisser Backer. Ich habe den Anschluss geortet. Und wo der Anschluss ist…..“

„Da muss auch Jarod sein!“, beendete Parker den Satz und konnte sich ein Siegesgrinsen nicht verkneifen. „Also, wo ist er?“ Ihre Stimme wurde wieder barsch.

„In der 169 Straße“

„Schicken sie ein Sweeper –Team! Ich fahre sofort dorthin.“

„Ja sofort, Miss Parker. Äh Miss…..“, Broots wollte noch etwas sagen, aber Parker hatte schon den Hörer auf die Station geknallt, war aus dem Bett gesprungen und ins Bad geeilt.
Diesmal würde sie ihn kriegen, das spürte sie.



Eine knappe Stunde später trafen Miss Parker, Broots, Sydney und 2 Sweeper fast gleichzeitig in der 169 Straße ein.
Sie befanden sich in einem Wohnviertel der niedrigsten Schicht. Die Häuser hatten nicht weniger als 6 Stockwerke und die Gassen und Seitenstraßen waren düster und quollen über vor Müll.
Parker stieg als Erste aus dem Wagen, ihr folgten Broots und der Rest der Gruppe.

„Nun, wo ist unser Wunderknabe?“

„Im 5 Stock des Ziegelsteinhauses“, sagte Broots und ließ seinen Blick an dem Gebäude hoch wandern.

„Also worauf warten wir“, Parker entsicherte ihre Waffe und machte sich auf ins Treppenhaus. Die drei Sweeper taten es ihr nach.

Broots hatte seinen Laptop unter dem Arm geklemmt und hämmerte wild auf den Tasten rum, plötzlich riss er die Augen auf. „Miss Parker!“

Parker hatte gerade den Absatz der ersten Treppe erreicht. Sie wirbelte herum. „Was?“

Broots war so eingeschüchtert von ihrer kalten Stimme, das er im ersten Moment seinen sensationellen Fund ganz vergas. Als er aber Parkers ungeduldige Mine wahrnahm, löste sich seine Starre. „Der Anschluss für den Rechner ist aktiv!“

Sydney zog die Augenbrauen in die Höhe und lies ein überraschtes „Oh“ von sich hören.

Parker drehte sich auf dem Absatz um und rannte die restlichen Stufen hinauf. „Er ist noch im Zimmer! Broots welche Nummer?“

„Ähh 16!“

„Los, los, los!“ Parker trieb die kleine Gruppe zu Eile an. So nah an ihm dran, waren sie noch nie. Jetzt war es aus, sie würde ihn kriegen. Ihr Leben war gerettet, auch wenn seins zerstört wurde.
„Treten sie die Tür auf, schnell!!!!“

Ein bulliger Mann baute sich vor der dunkelroten Tür, an der die Ziffern 1 und 6 fast herunterfielen, auf und trat einmal mit voller Wucht dagegen. Die Tür, die eh schon renovierungsbedürftig war, gab krächzend nach und fiel krachend zu Boden. Parker und die Sweeper stürmten, mit vorgehaltenen Waffen in die kleine Wohnung.

Parker sah sich wie ein gehetztes Tier suchend um. Das Adrenalin pochte noch in ihren Schläfen. „Jarod? Komm raus! Es ist vorbei!“ Ihr Blick fiel auf den Computer, der auf dem Arbeitstisch stand. Er war an. Auf ihm prangten in Großbuchstaben die Worte:


                                                   Zu Spät!

                                       Netter Versuch Broots ;-)


„Nein!!!!“ Parker drehte sich von dem Bildschirm weg und sank an der gegenüberliegenden Wand auf den Boden. Broots klappte mit einem Ausdruck des Bedauerns seinen Laptop zu.
Sydney ging zu Miss Parker und reichte ihr seine Hand. „Wir haben noch ein bisschen Zeit.“

Parker schaute ihm in die Augen. „Nicht mehr genug, Syd.“ Ihre tief blauen Augen ließen keinen Schluss auf ihre momentane Gefühlslage zu. Sie richtete sich auf und ging langsam zum Treppenhaus zurück.
Zurück auf der Straße wollte Sydney noch etwas sagen doch Parker viel ihm in Wort. „Fahren sie schon vor Syd, ich komm später nach.“

Syd unternahm noch einen Versuch mit ihr zu reden, doch blieb es dabei, dass er seine Arme hob und wieder senkte. Sie brauchte Zeit, nur war das momentan das Gut, das ihr nicht mehr allzu lange zur Verfügung stehen würde. Sydney blickte die Frau, die er von klein auf  kannte noch einmal an und wandte sich dann Richtung Centrelimousine. „Wir warten auf Sie, Parker.“ Mit diesen Worten stieg er in den Wagen. Die beiden Sweeper nahmen ihre Plätze im vorderen Teil des Wagens ein. Broots blickte noch einmal auf seine Vorgesetzte als er einstieg. Die Türen klappten zu und wenige Augenblicke später war der Wagen auch schon verschwunden.

Parker stand da, mit gesenkten Armen, immer noch die Waffne haltend. Der Wind spielte mit ihrem Haar und verlieh ihr ein verloren wirkendes Aussehen.


Es waren bereits einige Minuten vergangen und Parker stand immer noch in der Gasse. Ihr Kopf war von einer unbeschreiblichen Leere durchzogen und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Verloren starrte sie auf eine weiße Plastiktüte die der Wind im Spiel tanzen ließ. Die Anmut, die dem Tanz inne wohnte, hielt sie so in ihrem Bann das sie nicht merkte als jemand hinter sie trat.

Jarod hatte sie schon eine ganze Weile beobachtet. Seit dem Telefonat hatte er den Verdacht, dass etwas nicht stimmte und wo er sie nun da stehen sah, mit hängenden Schultern, wusste er das er Recht hatte.

 
„Sind sie nur so niedergeschlagen, weil Sie mich wieder nicht erwischt haben oder steckt dieses Mal etwas anderes dahinter?“


Parker wirbelte herum. Das konnte doch nicht sein, sie wollte nicht glauben, was sie da sah. Wie schaffte es dieser arrogante Kerl nur immer wieder ihr einen Schritt voraus zu sein und warum musste er ihr das immer auf so unverschämte Art und Weise unter die Nase reiben?

Vollkommen perplex schaute Parker Jarod an. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass er vor ihr stand. „Was…. Wie….?“, Parker wusste nicht was sie sagen sollte. Sie starrte ihn nur unverwandt an.

„Na nu, was ist denn los? Ihnen liegt doch sonst immer eine schnippische Antwort auf der Zunge“, sagte Jarod mit einem breiten Grinsen. Nur eine halbe Sekunde später gefror dieses und an seine Stelle rückte ein Ausdruck des Entsetzens.

Parkers Augen wurden kalt und leer. Wie in Trance schaute sie Jarod in die Augen und zog mit einer langsamen Bewegung ihre Waffe. „Dreh dich um!“, befahl sie mit monotoner Stimme.

„Was soll denn das Parker? Das bist doch nicht du!“

„Sei ruhig, Jarod! Ich schaff dich zurück. Ob’s dir gefällt oder nicht. Und jetzt dreh dich um!“
Mit diesen Worten richtete sie ihre Waffe auf  ihn.

„Parker….“ Irgendwie hatte Jarod das Gefühl das alles, was er jetzt sagte nichts nützen und nur seine derzeitige Situation verschlechtern würde. Schlagartig wurde ihm bewusst wie ernst es Parker dieses Mal war. Sie hatte schon immer verbissen versucht ihn zu schnappen, aber trotzdem hatte er  immer das Gefühl, das es ihr doch nicht ganz so ernst mit der „Festnahme“ war. Doch der Ausdruck, der von ihren Augen in diesem Moment wiedergespiegelt wurde, ließ kein Zweifel an ihren Absichten aufkommen.

Er befand sich in ernster Gefahr, das wusste er. Jetzt hieß es Er oder Sie.
„Ich geh nicht zurück! Nie mehr!“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand in der Seitengasse, aus der er wie aus dem Nichts erschienen war.

Durch den tranceartigen Zustand war Parker wie gelähmt. So schnell wie Jarod in der Gasse verschwunden war, konnte sie gar nicht reagieren. Deshalb traf ihr Schuss auch nur die zum obersten gefüllten Müllcontainer. „Jarod! Nein!“
Sie rannte ihm hinterher. Sie rannte um ihr Leben.

Ein einziger Gedanke zuckte immer wieder wie ein Blitz durch ihren Kopf. >Ich muss ihn kriegen. Scheiße, mein Leben hängt davon ab>

Sie war Jarod dicht auf den Fersen. Er bog nur weniger Meter vor ihr um eine Ecke. Das Adrenalin pochte in ihren Schläfen. Ein bisschen schneller noch, nur noch ein bisschen schneller, dann hab ich ihn. An etwas anderes konnte sie gar nicht denken. Sie rannte schneller, gleich hab ich ihn, und bog um die Ecke. Jetzt, ihre blauen Augen glänzten, jetzt hab ich …… Nichts.
Die Gasse war vollkommen leer. Wo war er, das durfte doch alles nicht war sein. Parker schaute sich in der kleinen, müllüberladenen  Straße um. Ihre Lungen brannten und sie japste nach Luft. Ihr Blick wanderte zwischen den Betonpfeilern, die eine Art baufälliges Lagerhaus trugen, hin und her. Er vermochte nicht die Dunkelheit, die sich in dem im Schatten liegenden Teil sammelte, zu durchdringen.  
Ein klirrendes Geräusch zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Jarod hätte sich ohrfeigen können. Wie konnte er nur so blöd sein. Er war darauf bedacht gewesen leise und unentdeckt das Weite zu suchen. Dabei stieß er gegen einen Flaschenhaufen, der nach einem Saufgelage, von einigen Obdachlosen in dem alten Lagerhaus zurück gelassen wurde.
Und genau eine dieser Flaschen kullerte jetzt klirrend vor Miss Parkers Füße.

Ihr Kopf wirbelte herum und ihre Blicke trafen sich.

„Mist“, murmelte Jarod und setzte seine Flucht ins Innere des Lagerhauses fort.
Parker zögerte nicht lange und setzte ihm nach.

Die wilde Verfolgungsjagd setzte sich fort. Jarod rannte immer weiter zwischen den Betonpfeilern hindurch, in den hinteren Teil des Gebäudes. Dabei sprang er über umgefallene Holzpfosten und Eisenstangen.
Er rannte bis er auf ein, wie es schien, umgefallenes „Holzgeflecht“ stieß. Ein verdächtig knackendes Geräusch ließ ihn innehalten.

Er drehte sich um. In dem Moment kam Parker mit erhobener Waffe, ebenfalls vor der Holzabdeckung zum Stehen. „Das reicht jetzt, Jarod! Ich habe keine Lust und keine Zeit für weitere Spielchen.“

„Parker nein, bleiben Sie stehen. Das hier ist nur eine Abdeckung, Sie könnten einbrechen…“

„Haha, netter Versuch Jarod.“ Mit diesen Worten trat sie auf die Abdeckung. „Jetzt dreh dich um, ich werde…..“

„Krach“, Parkers und Jarods Augen schnellten zu dem Boden unter ihren Füßen. Ein weiteres Knacken brachte Gewissheit über die Vermutung, die Jarod die ganze Zeit im Kopf herum gespuckt war. Die beiden sahen sich an. In dem Moment gab der Boden unter ihren Füßen nach und sie fielen in das schwarze, klaffende Loch, welches sich unter ihnen aufgetan hatte.


Staub tanzte in den schummrigen Lichtstrahlen, die von oben in das dunkle „Loch“ eindrangen.
Jarod blinzelte mit den Augen. Ihm tat jeder einzelne Knochen weh. Er versuchte sich aufzurichten, rutschte aber immer wieder von einem glitschigen Holzstück ab. Als der Schmerz in seinem Arm unerträglich wurde, gab er seine Versuche auf.
Plötzlich fiel ihm Parker wieder ein.

„Parker?“ …….Nichts! „Parker?“, wiederholte er seine Frage.

„Mh“, kam ein schwaches Stöhnen von irgendwo aus dem Dunkeln.

„Ist alles ok? Geht’s dir gut?“

„Oh, ging mir nie besser“, ächzte Parker. Diesmal klang es als wäre die Stimme viel näher bei ihm.          

Parker arbeitete sich langsam nach vorne. Sie orientierte sich an den schwachen Lichtkegeln. Sie hatte das Gefühl als hätte sie sich sämtliche Knochen gebrochen. Trotzdem wollte sie nicht dort hinten in der dunklen Ecke bleiben. Und auch wenn sie es sich nie selbst eingestehen würde, sie fühlte sich erheblich wohler in Jarods Gesellschaft, als in der von einem Dutzend Spinnen.

Endlich hatte sie Jarod erreicht. „Autsch, haa… und was machen wir jetzt?“

„Keine Ahnung. Wenn Sie nicht gewesen wären, würden wir jetzt gar nicht in diesem Loch sitzen!“

„Ach jetzt ist das alles meine Schuld oder was?“, fragte Parker empört.

„Ja. Ich hab Ihnen doch gesagt das Sie nicht näher kommen sollen“

„Sie spinnen doch! Aua“, Parker ließ sich gegenüber von Jarod nieder gleiten.
„Meinen Sie, wir kommen hier raus?“

Jarod schaute nach oben. „Das ist ziemlich hoch. Keine Ahnung.“

„Ha, ich hab’s! Mein Handy! Ich rufe ein Sweeper-Team. Die holen mich hier raus und schaffen Sie ins Center.
Diesmal habe ich gewonnen Jarod!“ Parkers Augen blitzten bei dem Gedanken an ihren nahenden Triumph.
„Nein!“  

Bevor sie ihr Handy aufklappen konnte, hielt sie nur noch Einzelteile in der Hand.

„Hiiiiiiii, autsch, hahaaaa“, Jarod kicherte in sich hinein. „Das nenn ich Pech. Oder Glück. ganz wie man’s betrachtet. Hiiiii“

Parker’s Augen schossen Blitze auf den immer noch lachenden Jarold ab. „Haben Sie ein Handy?“

„Auch wenn ich eins hätte, würde ich es Ihnen nicht geben.“

Parker lies resigniert die Schultern hängen. Der Schmerz, der ihr jetzt durch die Glieder schoss ließ sie diese Tat so gleich bereuen.

„Wie spät ist es?“

„Wieso?“

„Jarod, sagen Sie mir einfach wie spät es ist!“

„Nun wenn Sie es unbedingt wissen wollen, 19.00 Uhr.“

„Dann hat eh alles keinen Sinn mehr.“

„Wovon reden Sie da?“

Parker schaute ihm in die Augen.

Jarod wusste nicht, was ihn mehr schocken sollte, das sie ihn nicht zum Schweigen verdammte oder ihn mit diesem tieftraurigen Augen ansah.

Jarod sah ihr tief in die Augen. „Verdammt Parker, was ist los?“

„Erinnerst du dich noch an dein Versprechen?“

Im ersten Moment wusste Jarod nicht, was sie meinte. Aber nach nur einer Sekunde klärte sich sein Blick. Erinnerte Sie sich wirklich noch an diesen Tag? Das hatte er nicht für möglich gehalten. Diese Frau steckte doch voller Überraschungen.

Er strich ihr eine Haarsträne aus dem Gesicht und streichelte ihre Wange. „Natürlich tu ich das!“

Parker schaute ihm in die Augen. Normalerweise würde sie bei solch einer Berührung zusammenzucken. Aus irgendeinem Grund aber tat sie das bei Jarod nicht. In ihrem Inneren wusste sie, dass sie sich schon lange nach dem Gefühl gesehnt hatte, welches Jarold’s Berührung in ihr auslöste. Aber trotz allem konnte sie ihm nicht erzählen was 15 Stunden zuvor passiert war.

Das war auch gar nicht nötig, denn Jarod ergriff das Wort.

„Ich erinnere mich an jenen Tag als wäre es gestern gewesen. Ich habe dich nur dieses einzige Mal so aufgelöst und, tja ich würde sagen, gerührt gesehen.“

Parker zog skeptisch eine Braue nach oben. Dann lächelte sie.

Und zwischen all diesem Bauschutt, versetzten sich die beiden zurück in ihre Kindheit. Manche würden sagen: zurück in die bessere Zeit. Aber auf Parker und Jarod traf das nicht zu.  

Sie waren beide erst zehn Jahre alt gewesen. An einem so düsteren Ort wie dem Center aufzuwachsen, das wünscht man keinem Kind. Für Jarod war es noch viel schlimmer gewesen als für Parker. Geraubt von seiner Familie, wuchs er ohne jegliche Bezugspersonen, mit Ausnahme von Sydney und eigene Identität auf. Parker hatte wenigstens ihre Mutter gehabt, die sie sehr geliebt hatte.
Aber trotzdem fühlten sich beide oft verlassen und vor allem Jarod fühlte sich hintergangen und ausgenutzt. Ängste waren da an der Tagesordnung. Da tat es gut, wenn man sich seine Sorgen von der Seele reden konnte. Und genau das taten diese beiden Kinder auch bei ihren geheimen Treffen in den Sim Labs.

Auch an diesem besonderen Tag. An diesem Tag gab Jarod seiner kleinen Freundin ein Versprechen. Ein Versprechen welches er bis heute bewahrt hatte und auch bis heute noch ernst nahm.

Parker hatte ihm erzählt, dass sie Angst vor Mr. Rains hatte. Er hatte sich wie ein Held gefühlt als sie ihn und nur ihn ins Vertrauen zog und ihm ihr Herz ausschüttete. Und als richtiger Held musste er auch etwas Heroisches sagen, das wusste er.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dich beschützen. Das werde ich immer tun. Ich würde für ………“

„Hallo? Ist jemand da unten?“

Jarod und Parker wurden aus ihren Erinnerungen gerissen. Sie blickten nach oben. Ein Männerkopf war über dem Abgrund erschienen und eine Taschenlampe leuchtete Parker direkt ins Gesicht.

„Wir sind hier unten“, schrie sie hinauf.

„Warten Sie, ich lasse ein Seil hinunter.“

Nach einer schmerzhaften und anstrengenden Kletterpartie krochen die beiden endlich nach zwei Stunden und 30min aus dem Loch in die Abenddämmerung.

„Vielen Dank“, sagte Jarod und schüttelte die Hand des Mannes, der sie gerettet hatte.

„Ja, vielen Dank“, sagte auch Parker. „Hey Sie, haben Sie ein Handy?“

Der Mann nickte und übereichte Parker eins der tragbaren Mobiltelefone.

Parker wählte mit fliegenden Fingern eine Nummer und wartete bis sich jemand am anderen Ende der Leitung meldete.

„Was tun Sie da?“, wollte Jarod wissen.

„Was wohl, ich rufe ein Sweeper- Team.“
Dachten Sie, dass sich meine Absichten während der knappen 3 Stunden da unten in diesem schmierigen Loch geändert haben?“

„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?“

„Glauben Sie mir Jarod, ich habe noch nie im meinem Leben etwas ernster gemeint.“

„Und was ist mit dem, was Sie mir sagen wollten?“

„Das spielt nicht mehr die geringste Rolle.“

„Wenn das so ist“, mit diesen Worten schubste er den dickbäuchigen Mann, der ihnen aus dem Loch geholfen hatte in Richtung Parker und rannte davon.

Mit einem überraschten „Haaah“ fiel der Fettwanst auf Parker und begrub sie unter sich.

Als Parker sich von diesem Ballast befreit und aufgerappelt hatte, schaute sie sich suchend um.

Jarod war verschwunden.
Nein! War das einzigste was ihre Lippen stumm formen konnten.

Sie wusste selbst nicht wie lange sie da gestanden hatte. Das Quietschen von Reifen zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Sie drehte sich um. Ihr blieb das Herz stehen. Vor ihr war eine Centrelimousine zum Stehen gekommen. Ein Mann mit einem teuren italienischen Anzug und peinlich genau gescheitelten Harren stieg aus dem Wagen.  

„Oh mein Gott“, wisperte Parker.

„Ich hatte nichts anderes erwartet als Ihr erneutes Versagen“, säuselte Mr. Dacker. „Jetzt werden Sie die Konsequenzen tragen“, setzte er in einem schneidenden Ton hinterher.

Ein Sweeper stieg ebenfalls aus dem Wagen. Er ging auf Parker zu und faste sie fest am Oberarm. Sie war viel zu geschockt als das sie sich hätte wehren können. Mit mehr oder weniger sanften Druck bugsierte er sie in den Wagen. Alles unter Dackers amüsierte Lächeln.


Die Fahrt zurück zum Center schien nur wenige Sekunden zu dauern. Parker saß die ganze Zeit starr im Wagen und schaute aus dem Fenster. Sie wollte sich etwas einfallen lassen, doch sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie bekam gar nicht mit, als der Wagen auf dem Center- Parkplatz hielt.

„Aussteigen“, war der knappe Befehl des Sweepers.

Ihre Beine waren bleischwer und zitterten. Trotzdem erhob sich Parker und stieg aus dem Wagen. Sie wollte sich ihre Würde erhalten. Sie blickte Dacker an. „Ich habe noch 4 Stunden.“

„Hha, das glauben Sie“, erwiderte Dacker immer noch sichtlich amüsiert. „Sie hatten ihre Chance! Führt sie in den E-Trackt!“

>Der Eliminationstrakt> schoss es Parker durch den Kopf. Ihre Beine drohten weg zu knicken, doch sie behielt die Kontrolle. Bloß keine Schwäche zeigen, auch nicht jetzt.

Schweigend setzten die drei ihren Weg in Richtung Eliminationstrakt fort.

Das Telefon klingelte.

„Sydney“, meldete sich der Psychiater.

„Hallo Sydney“

„Jarod, endlich! Wo bist du?“

„Du bist heute schon der Zweite, der mir diese Frage so direkt stellt. Was ist los, Sydney?
Ich habe Parker schon danach gefragt, aber sie wollte es mir nicht verraten.“

„Nun das gestaltet sich auch ein wenig schwierig am Telefon, Jarod.“

„Wieso am Telefon? Ich habe sie erst vor ca. 3 Stunden, nennen wir es, getroffen. Sie wirkte ziemlich fertig. Was zum Teufel geht bei euch vor, Syd?“

„Sie hat dir nichts erzählt? Nun das kann ich ihr nicht verübeln.“

„Syd!“

„Parkers……. Parkers Name steht auf der ‚Schwarzen Liste’!“

„Auf der schwarzen Liste?“

„Nenn es Todesliste“

Bei diesen Worten zuckte Broots, der das gesamte Gespräch verfolgte zusammen.

„Todesliste? Sie soll bestraft werden? Wofür? Was ist mit Mr. Parker?“

Jarod wurde zusehend nervöser. Irgendwas in Sydneys Stimme versicherte ihm, dass das hier keine Falle war sondern bitterer Ernst.

„Mr. Parker hat der ganzen Sache so weit ich weiß zugestimmt. Und warum und wofür sie bestraft wird, das kannst du dir selber denken.“

„………………………………………. Wie lange hat sie noch?“

„Mittlerweile noch 2 Stunden.“

„Und ihr unternehmt nichts?“

„Wir überlegen uns was, Jarod. Aber es sieht nicht gut aus. Die ganze Angelegenheit wird extern geregelt.“

„Sydney?…………………………..“

„Ja?“

„Auf bald“

„Jarod?“

Sydney und Broots schauten sich fragend an.


Parker saß in einem mit Fliesen gekachelten Flur. Dacker und der Sweeper sahen sie von der gegenüberliegenden Seite an. Dacker schaute auf die Uhr. „So Miss Parker, es wird Zeit.“
Dieser Satz kroch Parker durch Mark und Bein.
Bevor sie etwas erwidern konnte, zog der Sweeper sie von dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, in die Höhe und führte sie durch den ganzen Flur und durch eine sich an dessen Ende befindende Stahltür. In den E-Trakt.  

Parker wurde schlecht. Das durfte doch nicht war sein. Das konnte doch nicht sein. Sollte es wirklich auf diese Weise enden? Warum? Tausend Fragen wirbelten durch ihren Kopf, doch bevor sie auch nur eine einzige Antwort finden konnte, standen sie auch schon vor der Tür zum Exekutionsraum.
Dacker öffnete diese mit seiner Schlüsselkarte. Doch als sein Handy klingelte, hielt er inne.

„…mh……..ja……verstanden!“, mit den Worten legte er auf.

Er schloss die Tür wieder, griff Parkers Oberarm und zog sie weiter den Gang entlang und durch eine weitere Stahltür.

„Was?“, murmelte Parker ganz perplex. In diesem Moment betraten sie schon den Flur zu den Fahrstühlen. „Wo…. Wo bringen sie mich hin?“ Keiner der beiden Männer antwortete.

Die Fahrt endete in der Lobby.

Parker wurde von den beiden Männern aus den Fahrstuhl gestoßen.

Was sie jetzt sah, ließ ihr das Herz stehen bleiben.

„Jarod“, wisperte sie.

Jarod wurde mit auf den rückengebundenen Armen und in Begleitung von fünf Sweepern  
an Parker vorbei Richtung Fahrstuhl geführt.

Als er an ihr vorbei ging, blieb er stehen und schaute sie an.

Ihre Blicke trafen sich und verschmolzen für einen scheinbar unendlich langen Augenblick miteinander.

„Warum?“, fragte Parker leise.

„Ich erinnere mich noch an mein Versprechen. Ich habe dir damals versprochen, dass ich auf dich aufpassen würde und dich immer beschützen werde. Daran halte ich mich.“ Parker hob ihren Kopf. Er suchte wieder ihren Blick. „Parker, ich ……. Ich würde…..“

„Das reicht jetzt!“, fuhr Dacker dazwischen. Zwei Sweeper packten Jarod und schoben ihn in den Fahrstuhl.

„Vielen Dank, Miss Parker! Sie haben ihre Rolle vorzüglich gespielt.“

Jarod drehte sich um. „Was?“

Auch Parker schaute vollkommen verwirrt.

„Ich bitte Sie, haben sie wirklich geglaubt, dass Miss Parker in ernsthafter Gefahr schwebt? Sie scheinen nicht so viel auf dem Kasten zu haben wie man sagt. Miss Parker diente lediglich als Köder.“

Jarod  schaute Parker voller Abscheu und Enttäuschung an. „Du hast mich belogen! Ich bin hierher gekommen um mein Versprechen zu halten. Ich wollte dich beschützen. Und du hast mich hintergangen.“

„Nein! Das hätte ich nie tun können!“, widersprach Parker und  Tränen standen ihr in den Augen. „Niemals!“

Jarod wandte sich ab. „Wie konntest du?“

„Jarod!“, rief sie den sich schließenden Fahrstuhltüren zu. „Ich habe nichts damit zu tun.“ Dann brach sie unter Tränen zusammen.



****************
Der  kleine Junge schaute seine Freundin an. „Du brauchst keine Angst zu haben! Ich werde dich beschützen! Ich werde immer auf dich aufpassen! Ich…… ich….. würde für dich sterben!“

„Oh mein Gott. Jarod“, wisperte Parker und Tränen liefen ihr über die Wangen.  

Ende

Ps: Ich würd mich total über Reviews freuen.
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