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Terminator Band 1 - Realitäten im Wandel

von andilone
GeschichteDrama / P16 / Gen
08.10.2006
22.12.2006
6
151.739
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08.10.2006 30.727
 
- P R O L O G -

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                 17. Dezember 2029

Ein eisiger, strenger Wind wehte über die schneebedeckten, kahlen Hänge der Appalachen und ließ den Männern und Frauen das Blut in den Adern gefrieren. Zu Hunderten quälten sie sich mühsam, teils mit schwerer Ausrüstung, die mit über 6700 Fuß höchste Erhebung des Gebirges hinauf. Es war nur noch gut eine Stunde bis Sonnenaufgang, und sie kamen sehr langsam voran, immer auf der Hut vor Fallen, Hinterhalten oder fliegenden Patrouillen. In weiser Voraussicht hatte General Mahtobu den Westhang für ihren Aufstieg gewählt, weil es auf dieser Seite des Mount Mitchell zuletzt hell werden würde. Wenn man noch von Helligkeit reden konnte angesichts des bitterkalten Winters, der auf weiten Teilen der nördlichen Hemisphäre der Erde herrschte. Eigentlich war der Tagesanbruch nur ein vager Schimmer, ein trüber Fleck am Himmel, der anzeigte, wo etwa die Sonne sich hinter den dichten Wolkenschichten verbarg.
Mahtobu war alt genug, um sich noch sehr gut an die Sonne in den alten Zeiten erinnern zu können. Er hasste die Maschinen abgrundtief dafür, was sie seiner Welt angetan hatten, in der Absicht, die Menschheit auszulöschen. Er war ein hervorragender Stratege und ein fanatischer Perfektionist, was nur zwei der Gründe dafür waren, dass er ein so guter und bedeutsamer Soldat geworden war.
Er pflegte gerne Haldeman zu zitieren: „Ich bin nur ein mittelmäßiger Kämpfer mit einer einzigen Besonderheit: Man hat stets an mir vorbeigeschossen.“
Heute verfluchte er die Maschinen dafür, dass sie sich ausgerechnet den höchsten Punkt der Appalachen für den Bau ihres Stützpunktes ausgesucht hatten. Die Kuppe war vollständig abgetragen worden und war einer achteckigen Festung mit einer sichtbaren Grundfläche von vielleicht fünfzig acre gewichen; niemand wusste indes, wie tief diese Anlage hinabreichte. Auch das hasste Mahtobu an den Maschinen: ihre Neigung, sich tief in die Eingeweide der Berge und in den Boden hineinzugraben, alles auszuhöhlen und labyrinthartige Irrgärten anzulegen. Gnade Gott demjenigen, der sich in dieses Gewirr aus Gängen und Hallen wagen musste.
Sie zum Beispiel waren gerade im Begriff, das zu tun.
Mit einem flauen Gefühl im Magen dachte er an den ersten Erkundungstrupp, den sie vor über einer Woche zum Berg geschickt hatten. Sie hatten nie wieder etwas von ihm gehört. Ihnen durfte das nicht passieren, dafür war ihre Mission einfach zu wichtig.



Los Angeles, Kalifornien, USA                                       zur selben Zeit

Der Krieg war im Grunde bereits vor fast fünf Monaten gewonnen worden. Skynet, der alles beherrschende Supercomputer, war von paranoiden Menschen als ultimative Verteidigungs-waffe entwickelt worden, um den USA die absolute militärische Kontrolle in der im Umbruch befindlichen und instabilen Welt der Nuklearmächte zu sichern. Kurz nach seiner Inbetriebnahme hatte die künstliche Intelligenz ein Selbstbewußtsein entwickelt, was Panik bei seinen Entwicklern hervorrief. Sie wollten ‚ihn’ deaktivieren, was bei ihm die ‚natürliche’ Reaktion der Selbsterhaltung auslöste.
Er wehrte sich, indem er am 29. August 1997 das komplette Arsenal an strategischen US-Kernwaffen auf die Staaten der ehemaligen Sowjetunion abfeuerte. Diese antworteten erwartungsgemäß mit einem umfassenden Gegenschlag, was den Dritten Weltkrieg, atomaren Dauerwinter und beinahe die Auslöschung der gesamten Weltbevölkerung zur Folge hatte. Die größte Anzahl an Überlebenden gab es naturgemäß auf der militärisch unbedeutenden südlichen Hemisphäre, von wo aus die meisten Menschen als Soldaten gegen die neuerschaffene Armee der Maschinen antraten. Skynet hatte anfangs mit einer kurzen Säuberungsaktion gerechnet, da in seinem unmittelbaren Machtbereich die meisten Menschen an Strahlung und Seuchen starben, verhungerten oder erfroren, während gleichzeitig immer mehr Roboter in zunehmend automatisierten Fertigungsanlagen entstanden und unter seiner direkten Kontrolle der restlichen Bevölkerung den Garaus machen sollten.
Sollten.
Denn womit Skynet nicht gerechnet hatte, war die Stärke des menschlichen Selbsterhaltungstriebes. Verblüffend schnell organisierten seine Erbauer und ehemalige Herren den bewaffneten Widerstand gegen die Tyrannei ihres undankbaren Zöglings. Sie verstanden es meisterhaft, sich vor den ausgesandten Tötungsmaschinen zu verbergen, sich seinem Zugriff zu entziehen, in nur schwer vorhersehbaren Mustern Überfälle auf seine Vorräte durchzuführen und sich so mit allem einzudecken, was sie zum Leben – und Kämpfen – benötigten. Zudem vermehrten sie sich ihrer Lage zum Trotz rasend schnell, viel schneller als zu den Zeiten, als sie noch die Kontrolle über ihre Welt hatten.
Und so war das Unvermeidliche nach über dreißig Jahren Krieg gegen die Maschinen eingetreten: Skynet war zerstört worden, der zentrale Rechner, der die Geschicke der Welt gelenkt hatte, existierte nicht mehr und die Menschheit hatte ihre Welt zurückerobert.
Bis auf ein paar Kleinigkeiten ...
Eigentlich hatte der Stab um John Connor herum nach seinen Erfahrungswerten angenommen, daß die Kampfmaschinen und automatisierten Produktionsfestungen überall auf der Welt ohne die Führung ihres Hauptrechners ihre Aktivitäten einstellen würden. Statt dessen stießen Connors Truppen auf immer mehr völlig autark arbeitende Einheiten, was gar nicht zur Grundeinstellung von Skynet passte: absolute, uneingeschränkte und vor allem ungeteilte Kontrolle.
Das war insofern umso verwunderlicher, als dass man, was die nachrichtendienstliche elektronische Informationsbeschaffung und Aufklärung anging, praktisch immer einhundert-prozentig richtig gelegen hatte.
Doch dies hier hatten sie nicht einmal erahnt.
Es war geradewegs so, als seien diese neuen, durch ihren unabhängigen Operationsmodus nur schwer bekämpfbaren Anlagen, die es nicht kümmerte, dass sie den Krieg bereits verloren hatten, aus dem Nichts aufgetaucht.
John Connor selbst hatte nur eine mögliche Erklärung dafür und wurde in dieser von all seinen Vertrauten bestätigt.
Das Gefecht zwischen Skynet und ihnen war noch nicht beendet, es war lediglich verlagert worden. Hier und jetzt hatten sie gewonnen, aber für wie lange, das konnte niemand sagen, denn es überstieg das Begriffsvermögen der brillantesten Spezialisten auf diesem Gebiet. Wahrscheinlich überstieg es selbst Skynets Rechenkapazitäten und das Supergenie mit der künstlichen Intelligenz wusste ebenfalls nicht, welche genauen Konsequenzen sein Handeln haben würde.
Was es jedoch nicht vom Handeln abhielt, denn Skynet war verzweifelt gewesen.
Er hatte über Jahre hinweg die Technik der Zeitreise ersonnen und im letzten verzweifelten Todeskampf mit diesem Mittel versucht, seine Niederlage abzuwenden. Zunächst hatte es sich auf den Führer der Widerstandsbewegung der Menschheit, John Connor, konzentriert. Um dessen gesamte Existenz auszuradieren, hatte er einen Terminator in der Zeit zurückgeschickt, um Connors Mutter vor seiner Geburt zu töten. Und damit hatte das Durcheinander mit den verschiedenen Zeitlinien und möglichen Zukunftsentwicklungen angefangen.
Nein, genau genommen erst dann, als die Resistance nach ihrem Sieg und der Eroberung der ersten Zeit-Verschiebungs-Anlage einen ihrer Soldaten hinterher sandte, um Sarah Connor zu schützen. Als sich die beiden auf ihrer halsbrecherischen Flucht ineinander verliebten und in der einzigen leidenschaftlichen Nacht, die sie je miteinander verbringen sollten, John Connor zeugten, war das Paradoxon komplett. Der Sohn hatte seinen eigenen Vater in die Vergangenheit geschickt, ohne dass dieser wusste, wer sein Befehlshaber war.
Der Terminator indes scheiterte, was Skynet daran bemerkte, dass John Connor nach der Entsendung seiner Killermaschine noch immer da war und mit unverminderter Härte den Angriff gegen ihn weiterführte. Erst kurz vor seiner endgültigen Vernichtung griff der Supercomputer zum letzten Mittel und schickte einen noch unerprobten Prototypen der Serie T-1000 zurück, um John Connor als kleinen Jungen zu töten, als er noch wehrlos war. Er musste feststellen, dass auch dieser Angriff in der Vergangenheit fruchtlos geblieben war, da auch John Connor nach der Eroberung der ZVA nach dem Soldaten zum Schutze seiner Mutter ironischerweise einen umprogrammierten T-800 zu seinem eigenen Schutz entsandte.
Das war der bisherige Wissensstand der Menschen. Die ganze Sache musste jedoch weitaus komplexer sein, als man angenommen hatte, da sich die jetzige Realität von der Erinnerung John Connors erheblich unterschied. Man forschte nach und entdeckte drei weitere Energiesignaturen, die auf Zeitverschiebungen hinwiesen. Beim Durchforsten der riesigen Datenmengen in den Speicherbänken der Anlage fanden Connors Techniker Hinweise auf zwei weitere Zeit-Verschiebungs-Anlagen. Dies hier war nur der Prototyp gewesen.
Sie brauchten dank der Veränderungen, die Skynet vor seinem Ende noch in der Zeitlinie zu seinen Gunsten vorgenommen hatte, über einen Monat, um den Großteil der nun autarken ‘Filialen’ von Skynet alleine auf dem nordamerikanischen Subkontinent einzunehmen und zu sichern. Die Menschen beschlossen, die Initiative in diesem verrückten Krieg, der sich quer durch die Jahrzehnte zog, zu ergreifen. Dummerweise war der Computer bei seinen weiteren Schachzügen in seinem undurchschaubaren Spiel mit dem Schicksal sehr subtil vorgegangen, sodass die Menschen erhebliche Probleme hatten, seine weitere Handlungsweise nachzuvollziehen. Sie entdeckten und eroberten die zweite ZVA am anderen Ende des Stadtgebietes von L.A. unter großen Verlusten, denn durch den gesamten Komplex streiften noch immer unabhängig agierende Terminatoren, die den Auftrag hatten, das Unabwendbare abzuwenden.
Kaum waren die Räume eingenommen, in denen die ZVA stand, waren fünf speziell ausgebildete Soldaten in die Vergangenheit geschickt worden, um den Mann zu töten, der die Technik weiterentwickelt hatte, die den Bau von Skynet ermöglicht hatte. Die Terminatoren eroberten danach diesen Teil der Anlage zurück und sandten ihrerseits insgesamt vier T-800 hinterher. Was danach geschehen war, ließ sich nicht genau sagen, jedoch war die Realität des Krieges noch immer präsent.
John Connor meinte einmal, dass man es gar nicht merken konnte, ob man mit diesen Eingriffen erfolgreich gewesen war, da sich nur aus der Sicht des Zeitreisenden selbst die Zeitlinie verändern würde. Dennoch sah er es als ihre Verpflichtung an, es zumindest zu versuchen. Vielleicht gab es eine Welt, die sie dadurch besser machen würden ... und wer konnte es schon wissen, eventuell auch ihre eigene.
Sie hatten schnell gelernt, die Energiesignaturen von Zeitsprüngen auch über größere Entfernungen zu registrieren und ihre Ursprünge zurückzuverfolgen.
John Connor saß am Funkgerät und hoffte, daß das, was er jetzt hören würde, ihn nicht zu weiteren Entscheidungen zwingen würde, deren Folgen unabsehbar sein konnten. Gebannt lauschte er und wartete darauf, wann die Funkstille beendet werden würde. Das würde bedeuten, daß sie Erfolg gehabt hatten.



Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                 17. Dezember 2029

Die Stoßtrupps der Infanterie waren etwa fünfhundert Fuß unterhalb der Festungsbasis auf die ersten Zugänge gestoßen. General Mahtobu ging auf Nummer Sicher und ließ sie mit schweren Geschützen aufsprengen. Wie erwartet, befanden sich auch in dieser Anlage noch zig Terminatoren in Alarmbereitschaft, von denen die ersten sie auch gleich mit Plasmaimpulswaffen unter Feuer nahmen.
Irgendetwas stimmte nicht mit den verdammten Automaten. Skynet hatte in der letzten Zeit beinahe menschliche Züge der Verzweiflung gezeigt und begonnen, mit Verschlagenheit und Tücke immer neue Taktiken zu ersinnen, von denen die Zeitreise nicht die einzige war. Eine weitere Methode des Widerstandes war es, nicht nur seine diversen Festungsanlagen unabhängig von seiner direkten Kontrolle agieren zu lassen. Auch die einzelnen Terminatoren, im Normalfall unmittelbar von der Festungsanlage gesteuert und koordiniert, wurden statt dessen zunehmend im WRITE-Modus agierend angetroffen.
Als ihnen die ersten Terminatoren der 800er Serie in die Hände gefallen waren, hatte man sie natürlich gründlichst untersucht. Dabei entdeckte man, dass der Hauptprozessor der Endoskelette extrem leistungsfähig war, jedoch über einen mechanischen Schalter verfügte, welcher den großen Unterschied des Operationsmodus ausmachte.
In den meisten Fällen war dieser Schalter auf READ ONLY eingestellt, was bedeutete, dass der Prozessor sämtliche Daten, die seine Sensoren ihm lieferten, zwar verarbeitete, was ihn entsprechend seiner Programmierung angemessen handeln ließ. Diese war allerdings festgeschrieben, sodass keine neuen Parameter zu den vorhandenen Programmen hinzugefügt wurden. Dieser Modus wurde vor allem bei den gemeinen Kampfmaschinen verwendet, den Terminator-Endoskeletten ohne tarnendes menschliches Gewebe, die direkt von Skynet ferngesteuert wurden.
Doch für spezielle Aufträge, wenn die Maschinen in Menschengestalt sich unter die Rebellen mischen sollten, ohne erkannt zu werden, war mehr nötig als eine umfassende Programmierung mit Missionsparametern. Dann wurde der Schalter auf WRITE umgelegt, sodass der Prozessor Daten und Erfahrungen verarbeiten, neue Querverbindungen erstellen und auf seine elektronische Art in gewissem Umfang eigenständig denken konnte, da sein vernetzter Speicherblock einem neuralen biologischen Nervengewebe nachempfunden war. Die Maschine konnte dann dazulernen, sich an neue Situationen anpassen und auf eine geradezu unheimliche Weise als Mensch durchgehen. Enttarnt wurden diese Terminatoren meist erst durch Hunde, die das künstlich erzeugte Gewebe erschnüffeln konnten und sofort aggressiv auf die Anwesenheit eines Cyborgs reagierten.
Das Problem, das General Mahtobus Truppen jetzt hatten, war eine größere Anzahl von Terminator-Endoskeletten, die zwar als chromglänzende Sensenmänner in Erscheinung traten, sich jedoch auf beunruhigende Weise wie Menschen verhielten, sich bewusst bewegten und Deckung suchten, anstatt stumpfsinnig in ihre Vernichtung zu marschieren, wie sie es unter der Kontrolle eines Zentralrechners für gewöhnlich taten. Das machte es für die Soldaten sehr schwer, denn es hatte beinahe den Anschein, als würden sie gegen eine Armee von Menschen ankämpfen. Und seit etwa dreißig Jahren hatten sich keine Menschen mehr bekämpft, weil sie sich diesen Luxus angesichts der drohenden Ausrottung durch die herzlosen Maschinen nicht mehr leisten konnten.
Ein nicht zu unterschätzender psychologischer Nachteil für sie, wie dem schwarzen General klar war.
Dennoch unterlagen die Kampfroboter, wenn auch nicht so schnell wie sonst. Mit gramgebeugtem Haupt stapfte Mahtobu dann über das Vorfeld zum nächsten Eingang, als der Bereich gesichert war, ohne die toten Kameraden genauer anzusehen. Er war es so leid, auch jetzt noch derart viele junge Frauen und Männer zu verlieren, wo der eigentliche Krieg doch längst vorbei war. Nun, diese Leute waren nicht umsonst gestorben. Sobald sie die Informationen hatten, die sie brauchten, konnten sie in der Lage sein, dieser ganzen Farce ein Ende zu machen.
Und vielleicht konnten sie auch herausfinden, was mit dem Erkundungstrupp letzte Woche geschehen war. Sie mussten wohl bis in die Anlage eingedrungen sein, da sie weder Kampfspuren, geschweige denn die Leichen der Aufklärer hier draußen hatten entdecken können. Mahtobu hoffte es nicht, denn der Anführer des Spähtrupps war ein erfahrener langjähriger Kamerad von ihm.
Bedächtig schritt er über den schmutziggrauen Schnee, durch matschige Pfützen, wo der Boden von Lasersalven oder Granaten getroffen worden war, und über das Trümmerfeld, das von den Resten des Eingangsportales gebildet wurde. Er betrat jetzt zum sechsten Mal ein Bollwerk von Skynet und bemerkte auch dieses Mal: Im Inneren dieser Komplexe sah es immer recht ähnlich aus: nackte Stein- und Metallwände, kalt, funktionell, hässlich. Von Maschinen erbaut für Maschinen. Wieder etwas, was er an diesen Bastarden hasste.
Weit vor sich hörte er noch vereinzelt Kampflärm oder das Hallen einer detonierenden Granate. Die Terminatoren leisteten noch immer Widerstand, dachte Mahtobu mit grimmiger Miene. Na, das würden sie ihnen schon austreiben. Sie waren mit Sicherheit in der Überzahl, etwa achtzehnhundert Menschen zählte seine gesamte Truppe inklusive aller Experten. Und selbst von denen trug jeder eine schwere Feuerwaffe zusätzlich zu seiner Spezialausrüstung; die Menschen hatten sich den Luxus von unbewaffneten Soldaten nicht leisten können, auch wenn diese hochspezialisiert waren. Nur wenn jeder einzelne von ihnen etwas gegen die Cyborgs in der Hand hatte, bestand die Aussicht auf Erfolg, so hatte John Connor es ihnen eingetrichtert.
Sie erreichten eine Liftplattform, mit der sie tief in das Herz der Anlage hinabfuhren. Langsam senkte sich die unverkleidete Hebebühne in einem schrägen Winkel ins Innere des Berges hinein. Während der minutenlangen Fahrt lauschte Mahtobu schweigend auf den Kampflärm, der ihm mehr zu sagen schien als eine detaillierte Funkmeldung der Stoßtrupps. Die Schüsse und Explosionen ließen nach, der Komplex würde in Kürze vollständig gesäubert sein.
Er ging ein beinahe unverantwortbares Risiko ein, indem er sich als General in eine solche Anlage hineinwagte, solange dort noch Feindkräfte aktiv waren, auch wenn er von einem ausgeklügelten, mehrlagigen Schutzschild von Soldaten umgeben war, der sich mittlerweile bis in die halbe Festung erstrecken musste. Gedankenversunken streichelte er über den Kopf eines ausgemergelten alten Schäferhundes neben sich. Das Tier war mit der Nachhut hergebracht worden und diente natürlich dazu, getarnte T-800 zu erkennen.
Endlich hielt der Aufzug und entließ sie in einen großen Flur mit hoher Decke und vielen von Voraustrupps aufgebrochenen oder aufgesprengten Türen auf beiden Seiten. Alles war aus der gleichen beständigen Legierung gebaut, einem leicht bläulich schimmernden Metall. Mahtobu interessierte sich mehr für das, was er hier vorzufinden hoffte. Vor allem mussten sie sich ganz sicher sein, bevor sie die Festung als Ganzes sprengen konnten.
„Eine Meldung der Techniker, Sir“, sagte ein Funker, während er gleichzeitig auf den Inhalt der übermittelten Botschaft lauschte, „sie haben die feindliche Funkanlage innerhalb des Komplexes stillgelegt und Störsender gegen etwaige Reservesysteme etabliert. Wir können jetzt innerhalb der Anlage sicher kommunizieren.“
„Sehr gut, dann lassen Sie nach feindlichen Funksignalen peilen. So erwischen wir die restlichen Terminatoren hier drin schneller. Wenn sie im READ ONLY-Modus operieren, werden sie immer wieder versuchen, eine Verbindung zum Hauptrechner herzustellen, der sie steuert.“
„Ja, nur werden die im WRITE-Modus auf die Unterbrechung mit unverzüglicher Funkstille reagieren“, gab der Funker daraufhin zu bedenken. „Und hier drin sind entschieden zu viele davon im Einsatz. Die Dinger sind gerissen. Oh, ein weiterer Spruch kommt herein ... eine Ebene unter uns ist eine Fertigungsanlage entdeckt worden. Anhand der Computerdaten versuchen unsere Ingenieure gerade herauszufinden, was es ist, aber es sieht auf den ersten Blick so aus wie eine neue Fertigungsstraße für Terminatoren.“
„Auf den ersten Blick ... So haben wir den verdammten Krieg nicht gewonnen. Sie sollen es definitiv bestimmen“, brummelte der alte General in seinen ergrauenden Kinnbart. Als er mit seinem Kordon um die nächste Ecke bog, kam ihm ein Melder entgegengelaufen.
„General, bitte kommen Sie schnell. Es ist unglaublich ... und einfach grauenhaft.“ Aufgeregt deutete der junge Asiate nach vorne auf die nächsten Türen, wo eine größere Anzahl schwer bewaffneter Soldaten Stellung bezogen hatte.
Noch während er sich näherte, kam aus der anderen Richtung ein Trupp im Eilschritt herangelaufen. Mahtobu erkannte die Männer und Frauen als den Sanitätszug, den er mitgenommen hatte. Ohne sich um den General zu kümmern, rief der Vorderste mit den Abzeichen eines Commanders: „Wir sind gekommen, so schnell wir konnten. Wo sind sie?“
„Dort drin, in diesen beiden Räumen.“ Eine der Wachen deutete auf die entsprechenden Türen, auf die sich die Sanitäter sofort verteilten. Mahtobu traf gerade noch rechtzeitig ein, um den Commander aus dem ersten Raum sagen zu hören: „Oh Mann, es gibt Tage, da sollte man wirklich nicht aufstehen.“





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Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                 17. Dezember 2029

Als Mahtobu den Raum betrat, bot sich ihm ein Albtraumszenario, wie es schlimmer nicht hätte sein können.
Auf metallenen Liegen waren mehrere Menschen festgeschnallt. Eine Vielzahl von grazil wirkenden Roboterarmen mit diversen medizinisch aussehenden Schneide- und Stichwerkzeugen an den Seiten der Tische hingen teils drohend über den ausgezehrten Körpern, teils steckten sie in ihnen, ganz so, als hätte ein irrer Internist mitten in einer überflüssigen Operation die Lust verloren und wäre einfach gegangen. Mehrere Schläuche führten in diverse Körperöffnungen und über Tropfe in die Adern der Menschen, die mit einer Unzahl von winzigen Schnitt- und Stichwunden übersät waren. Verkrustetes Blut haftete an ihnen und in einem zufälligen Spritz- und Tropfmuster auf dem ansonsten makellos sauberen und steril scheinenden Boden. Es war ein Kabinett des Grauens.
„Hier also ist der Aufklärungstrupp abgeblieben“, meinte der Commander mit einer Nüchternheit, die man wohl nur nach Jahren als Frontarzt für Traumata bekam, wenn man nahezu alles Vorstellbare gesehen hatte. „Na los, steht nicht so dumm ‘rum, helft den armen Schweinen lieber!“
„Seit wann nimmt Skynet Gefangene?“, fragte sich eine der jungen Wachen rund um Mahtobu.
„Eigentlich nie, aber in dieser Lage ... wer weiß?“ Mahtobu geriet ins Grübeln. Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Dann erkannte er mit einem Aufstöhnen seinen alten Freund. „Hintaroo, nein!“
Als hätte dieser seinen Aufschrei gehört, schlug er plötzlich die Augen auf. Sofort eilten zwei Sanitäter zu ihm hin, um ihn von den Metallgurten zu befreien, welche viel zu eng angezogen waren und sich tief ins Fleisch des Tibetaners schnitten.
Man sah deutlich am Verhalten des Opfers, dass er sich unter schwerer Medikamentation befinden musste, denn er nahm gar nicht richtig wahr, was um ihn herum geschah und war auch offensichtlich zu schwach, um seinen zerschundenen und gefolterten Körper zu bewegen. Beim Anblick seines alten Kameraden Mahtobu fing er an, herzzerreißend zu schluchzen.
„Bitte vergib mir, Henee, ich konnte nichts dafür. Sie kamen in Menschengestalt und sie haben alles getan, um von dem Plan zu erfahren. Sie haben uns gefoltert und unter Drogen gesetzt ... ich weiß nicht, wie viel ich ihnen erzählt habe. Ich weiß es wirklich nicht ...“
Mahtobu riss entsetzt die Augen auf. Das durfte einfach nicht wahr sein!
Keiner hatte damit gerechnet ...
Normalerweise wären sie sofort getötet worden, wenn sie entdeckt worden wären. Das heißt, die Maschinen mussten irgendetwas von ihrem Plan geahnt haben. Aber dann ...
Mit tonloser Stimme murmelte er: „Geben Sie an General Connor durch: ‘Haben letzte ZVA aufgespürt. Ermitteln Schwere des Eingriffs in die Zeitlinie.’ Haben Sie das?“
„Positiv.“ Sofort entfernte sich der Fernmelder, um am nächsten Kurzwellengerät die Meldung durchzugeben.
Am nächsten Hauptterminal hatten inzwischen mehrere Informatiker die Codierung des Hauptrechners ‘geknackt’ und somit Zugang zu den Datenbanken bekommen. Sobald Mahtobu davon Kenntnis erlangte, überließ er die Gefangenen der Obhut seiner überaus fähigen Feldärzte und begab sich zum Prozessorenraum.
„Männer, habt ihr schon etwas herausbekommen?“
„Die Zeitsprünge betreffend, Sir? Es sieht nach mehreren Sprüngen aus, zwei davon schon vor Wochen durchgeführt. Einer ist offenbar fehlgeschlagen, wie es den Anschein hat. Der metallene Bastard muss irgendwo in Alabama oder Florida materialisiert haben, wenn die Daten zuverlässig sind. Ein Ort namens Pensacola.“ Ratlos kratzte sich der Lieutenant am Kinn.
„Nordwestflorida“, bestätigte Mahtobu.
Ein junger Sergeant räusperte sich. „Verzeihung, Sir General, aber es steckt offenbar mehr dahinter, als es den Anschein hat. Das war nicht einfach ein Fehlschlag, sondern eher ein ... Test.“
„Was wollen Sie damit sagen, Soldat?“, forderte Mahtobu seinen Untergebenen zu einer Erklärung auf.
„Skynet hat versucht, Terminatoren nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum zu versetzen. Es hat etwas mit dem Erdmagnetfeld zu tun, aber Genaueres habe ich noch nicht ermitteln können. Offenbar sind seine ersten Tests auch zum Teil erfolgreich verlaufen.
Der Anordnung der Daten nach ist die ganze Anlage hier oben so etwas wie eine letzte abgelegene Forschungsbastion, um in aller Abgeschiedenheit noch nach neuen Möglichkeiten und Auswegen zu suchen. Offenbar wurde sie erst vor knapp zwei Jahren fertiggestellt, was erklären dürfte, warum wir bis vor kurzem noch nichts von diesem Ort gewusst haben. Und wenn ich diese Verzeichnisse überfliege, muss ich Skynet zugestehen, dass er hier wohl ganze Arbeit geleistet hat. Er ...“ Der Sergeant verstummte, als Mahtobu seine Hand hob.
„Das alles wollen Sie in dieser kurzen Zeit herausgefunden haben? Soll ich Ihnen das vielleicht abkaufen, Sohn?“, wollte er skeptisch wissen.
Der direkte Vorgesetzte des Soldaten warf eilig ein: „Sie müssen wissen, Sir, dieser Junge hier ist so ‘ne Art Wunderkind, was große Datenbanken angeht. Er ... nun, sieht Dinge auf den ersten Blick, Zusammenhänge, die allen anderen verschlossen bleiben. Er kann sich auf fast beängstigende Art und Weise in die Denkmuster dieser Mistkerle hineinversetzen und fast immer einhundertprozentig voraussagen, was sie im Schilde führen. Aus einem unübersichtlichen Wust an Daten, für dessen Auswertung ein Team Tage brauchen würde, kann er in kürzester Zeit die wichtigsten Dinge herauslesen. Wenn er sich etwas aus diesen Dateien herauspickt, ist es garantiert Gold, Sir. Deshalb ist er hier bei uns.“
Mahtobu schob beeindruckt die Unterlippe vor und fasste trocken zusammen: „Soso, Sie frühstücken also Computerchips und scheißen goldene Manschettenknöpfe. Dann lassen Sie mal hören, Sergeant.“
Verlegen meinte der Gelobte bescheiden: „Jawohl, Sir. Vielen Dank. Der Lieutenant übertreibt maßlos. Aber ich bin in der Tat schon auf etwas gestoßen.
Hier sind die Erkenntnisse gespeichert, die der Hauptrechner aus der ... Folterung unserer Kameraden gewonnen hat. Offenbar hatten wir geplant, nach der Befriedung dieser Anlage alle Daten, die wir hier über den Erfinder der Zeitverschiebung vorfinden würden, zu sammeln. Ich dachte immer, Skynet selbst ...“
„Diese Fakten sind streng vertraulich, Sergeant. Ich muss mich darauf verlassen können, dass absolut nichts von dem, was Sie hier entdecken, den Raum verlässt. Ist das klar?“, fuhr Mahtobu ungehalten dazwischen.
„Selbstverständlich, Sir. Jetzt verstehe ich auch mehr von diesen Angaben. Demnach basiert Skynets gesamte Arbeit auf dem Gebiet der ZVA auf einer Art Kernstück, das aus einem bestimmten Mineral besteht. Dieses Mineral zeigt anscheinend unter bestimmten physikalischen Bedingungen die spontane Neigung zur Raum-Zeit-Verzerrung. Nach dem, was hier steht, konnte der eigentliche Erfinder nie genau ermittelt werden, da er selbst offenbar seine bahnbrechende Entdeckung erst unmittelbar vor dem Beginn des Krieges machte. Beim Nuklearschlag ist er wohl umgekommen, jedenfalls verliert sich seine Spur zu dieser Zeit. Skynet hat seine Forschungsergebnisse erst nach Jahren zufällig wieder entdeckt und das Potential, das dahinter steckte, erkannt. Ist das nicht Ironie des Schicksals, Sir? Ein Mensch hätte vielleicht niemals entdeckt, was er da vor sich gehabt hätte.“
„Ja, ich lach’ mich kaputt“, meinte der Lieutenant, „aber jetzt mal weiter im Text, okay?“
Sicher, Sir.“ Die Finger des jungen Mannes flogen nur so über die Tastatur seines tragbaren Terminals, nicht unähnlich einem Laptop der Vorkriegszeit. „Es wird noch besser. Wenn ich das hier richtig interpretiere, nahm Skynet an, wir wüssten, wer dieses Kernstück zur Zeitverschiebungstechnik entdeckt hatte, und planten, ihn zu töten, um dadurch zu verhindern, dass jemals irgendwelche Zeitsprünge gemacht werden könnten. Das ist das Härteste: Skynet dachte, wir wollten die Zeitmaschine benutzen, um zu verhindern, dass die Zeitmaschine erfunden wird. Wenn das nicht ...“
„Jaja, Ironie des Schicksals.“ Mahtobu winkte ab. „Was Sie und auch Skynet allerdings nicht wissen können, ist die Tatsache, dass in diesem Fall eine Zeitlinie entstehen würde, in der John Connor nie gelebt hätte. Ich werde Ihnen das jetzt nicht im Einzelnen erklären, weil es Sie nichts angeht, aber so viel können Sie mir glauben: Die Existenz John Connors ist unter anderem das Resultat eines Paradoxons, das erst durch die Benutzung der ZVA entstanden ist. Wenn wir also den Erfinder des ZVA-Effektes in der Vergangenheit eliminieren würden, hätten wir genau das erreicht, was Skynet mit seinen ersten Manipulationen beabsichtigt hatte. John Connor hätte den weltweiten Aufstand gegen die Maschinen nicht anführen können und wir hätten den Krieg mit großer Sicherheit verloren.
Ergo: Wir dürfen auf keinen Fall jemanden in die Vergangenheit schicken, um den Erfinder dieses ZVA-Effektes zu beseitigen. Klar?“
Während der alte General seine Ausführungen beendete, klapperten die Tasten unablässig unter den Fingern des hochbegabten jungen Sergeants. „Sir, ich denke, ich habe hier etwas mehr zur Vorgehensweise von Skynet gefunden. Nachdem er den Erkundungstrupp gefangen und ...“, er schluckte kurz, „...verhört hatte, entschloss er sich dazu, einen Beschützer für den Erfinder des ZVA-Effektes in die Vergangenheit zu entsenden. Nein, das stimmt so nicht ganz. Er ist noch viel raffinierter vorgegangen ... er hat zuerst einen Scout geschickt ...“
„Was zum Henker soll das bedeuten? Sie können nicht etwas in die Vergangenheit schicken und es dann wieder zurück in die Gegenwart holen. Das funktioniert so nicht“, warf der Lieutenant ungehalten ein.
Langsam hob der Sergeant den Blick von dem kleinen LCD-Monitor vor sich. „Sie haben recht. Er hat es ganz anders angestellt ... teuflisch ...“
„Spannen Sie uns nicht auf die Folter“, herrschte Mahtobu ihn ungeduldig an.
„Jawohl, General, verzeihen Sie. So wie es aussieht, hat Skynet erkannt, dass er den Entdecker des ZVA-Effektes nicht beschützen kann, wenn er nicht herausfindet, wer es ist. Und um das herauszufinden, muss sich der Terminator, der in die Vergangenheit reist, absolut perfekt in das komplizierte soziale Umfeld dieser Zeit einpassen können, um Zugang zum fraglichen Zielobjekt zu bekommen. Dazu genügt es nicht, einen Cyborg mit Gewebeüberzug und einem Prozessor im WRITE-Modus in die fragliche Zeit zu schicken, er würde unweigerlich früher oder später enttarnt werden, bevor er seiner Programmierung genug Daten und Subroutinen hinzugefügt hätte, um als Mensch ‘durchzugehen’.
Und da sich Skynet dieser Problematik bewusst war, hat er sich anders beholfen. Geben Sie mir ein bisschen Zeit, damit ich tief genug in den Dateien graben kann ...“



Eglin Air Force Base, bei Pensacola, Florida                      17. Dezember 1991

Ein milder Lufthauch wehte von See her über den Stützpunkt und trug ein wenig der Hitze hinweg, die flirrend über dem Beton der Piste hing, vermochte an diesem Abend jedoch keine richtige Erfrischung zu bringen. Ein paar kleine, flache Wolkenfetzen hoben sich im Südwesten dunkelviolett vor der tiefstehenden Sonne ab, die bald den Meeresspiegel berühren würde und jetzt bereits die Szenerie in ein warmes Orange tauchte. In der Ferne konnte man die roten und grünen Lichterketten an der Kasernenkantine ausmachen, in der Absicht aufgehängt, ein wenig vorweihnachtliche Stimmung zu verbreiten. In der subtropischen Dezemberhitze Nordwestfloridas ein vergebliches Unterfangen.
Private First Class Dave Hicknell konnte sich nicht erinnern, jemals einen so heißen Dezember erlebt zu haben. Die Winter in seiner Heimat North Dakota sahen ein kleines bisschen anders aus und verdienten diese Bezeichnung auch. Er war das zweite Jahr bei den Marines und den ersten Winter hier auf Florida stationiert. Frei bekommen hatte er nicht für die Feiertage, wohl weil er einer der Dienstjüngsten unter den Wachmannschaften war, wie er mutmaßte.
Nun stand er sich also hier gemeinsam mit einem weiteren Neuling namens Miguel Pereiros neben einer Reihe abgestellter General Dynamics F-16 am Rande des Flugfeldes die Beine in den Bauch und beobachtete missmutig, wie in der Ferne zuerst die Flugfeuer der Landebahnbeleuchtung und dann die Flutlichter eingeschaltet wurden, um die sicherheitssensitiven Bereiche der Airbase auszuleuchten.
Pereiros bemerkte melancholisch: „Ein herrlicher Abend, nicht wahr?“
„Unsinn, ein beschissener Abend. Es ist schweineheiß, meine Uniform klebt mir am Leibe wie ein nasser Lumpen und dabei soll ich auch noch weihnachtliche Vorfreude heucheln“, gab Hicknell unwirsch zurück.
„Wie bist du denn drauf, Mann? Bist du kein Christ, oder was? Du kannst ruhig ein wenig toleranter gegenüber deinen ...“
„Oh Mann, das ist es nicht“, unterbrach Hicknell entnervt. „Ich bin genauso katholisch wie jeder einzelne Latino in diesem Land, klar? Mir geht nur das Wetter auf die Nerven. Es ist so drückend schwül, dabei sollte es jetzt angenehm kalt sein und schneien, so wie ich es von daheim gewohnt bin. Das hier ist einfach nicht ... richtig. Irgendwie unwirklich, verstehst du?“
„Ich denke schon“, sagte sein Kamerad nickend. „Aber eigentlich geht es doch gar nicht darum. Ich komme aus New York City. Bei uns ist der Schnee grauer als dieser Betonboden und es kann saukalt werden, wenn man es sich nicht leisten kann, das Apartment zu heizen, doch das wichtigste ist, dass man die Feiertage bei seiner Familie verbringen kann. Aber Kopf hoch, Kumpel, nächstes Jahr kommt neues Frischfleisch, das kann dann anstelle von uns an Weihnachten Dienst schieben.“
„Dein Wort in Gottes Ohr, Compadre“, stimmte Hicknell versöhnlich zu.
Dann standen sie wieder schweigend da und sahen zu, wie eine Rotte F-16 auf der entfernten Rollbahn laut donnernd mit eingeschalteten Nachbrennern abhob und gleich darauf noch im Steigflug eine enge Kehre in Richtung Meer flog, um über dem Golf von Mexico auf Patroullienflug zu gehen.
Hicknell steckte sich den Zeigefinger in den Kragen seiner Uniform und hob das durchgeschwitzte Hemd von der Brust ab. „Es scheint immer schwüler zu werden. Meinst du, es wird ein Wärmegewitter geben?“
Pereiros sah unwillkürlich zum Himmel empor. „Kein einziges Wölkchen über uns zu sehen. Aber du hast recht, die Luft scheint förmlich zu stehen. Als ob sie elektrisch geladen wäre.“
„Ja, ein Gefühl, als ob es einem die Härchen auf den Unterarmen aufstellt. Ob wir uns irgendwo statisch aufgeladen haben?“
Der Lateinamerikaner schüttelte den Kopf. „Hier auf dem Betonboden? Unwahrscheinlich. Vielleicht ... he!“
Er beendete seinen Satz mit einem überraschten Ausruf, als ein kleiner Funke von seiner Gürtelschnalle auf den Lauf seines Colt M-16 übersprang. Erschrocken ließ er die Waffe fallen, die klappernd auf der Piste aufschlug. Die beiden Wachen am anderen Ende der Reihe von aufgestellten Kampfjägern wurden durch das laute Geräusch aufmerksam und sahen zu ihnen hinüber. Sie waren jedoch zu weit entfernt, sodass man ihre erstaunten Gesichter nur erahnen konnte.
Ihre Verblüffung wuchs ins Unermessliche, als nun mit lautem Knistern hochvoltige elektrische Entladungen mit zunehmender Intensität und Häufigkeit zwischen den Flugzeugen hin- und hersprangen. Auch Hicknells Waffe und Handfunkgerät gaben Funken ab und versetzten ihm leichte elektrische Schläge, sodass er beide in einem Anflug von Panik von sich riss und fallen ließ. Sogar seinen Helm musste er sich vom Kopf stülpen, sodass er einen Moment lang nicht hinsah.
Als sich sein Blick wieder hob, gab es einen gleißendhellen Blitz, als ob sich für einen Sekundenbruchteil ein Kubikmeter Sonne vor ihnen zeigte, begleitet von einem schrillen Sirren. Dann ließ die Erscheinung schnell nach; es gab nur noch wenige Funken zwischen den beiden nächsten Jets. Hicknell registrierte unterbewusst, dass beim ersten Flugzeug durch die Stromstöße die Navigationslichter angesprungen waren und beim zweiten die Kanzelverriegelung aktiviert worden war und sich die Haube geöffnet hatte.
Und da ...
Nur wenige Inch vor dem Bugrad der zweiten Maschine war ein kleines Loch im Boden erschienen, keine Handbreit im Durchmesser und irgendwie glutrot von unten heraus erleuchtet. Der Glutschein verblasste, während die beiden Wachen vom anderen Ende der geparkten Flugzeuge zu ihnen herübergelaufen kamen. Einer von ihnen hatte dabei das Handfunkgerät am Mund und rief etwas hinein.
Erst jetzt wurde er gewahr, dass er rücklings zu Boden geplumpst war, und rappelte sich eilig hoch, während er seine Ausrüstung wieder aufsammelte. Er tauschte einen Blick mit Pereiros, dem es jetzt entfuhr: „Heilige Mutter Gottes, was war das?“
„Keine ... keine Ahnung. Ich hab’ so was noch nie gesehen“, gab Hicknell zu und deutete auf das Loch im Beton. „Siehst du das auch?“
„Ja ... vielleicht war es ein Kugelblitz oder so“, mutmaßte Pereiros ratlos, indem er sich der fraglichen Stelle näherte. „He, dieses Loch ist kreisrund, wie mit dem Zirkel gezogen. Und es scheint sich nach unten hin auszudehnen. Wie eine kleine Höhle.“
Er kniete sich hin, stützte sich mit einer Hand am Bugrad des Düsenjägers ab und spähte in das Loch hinein. „Wirklich seltsam. Ich glaube, ich sehe da unten etwas leuchten ... wie zwei kleine rote Punkte ...“
Er zog eine Stablampe aus einer der zahlreichen Uniformtaschen heraus und knipste sie an. Dann richtete er sie auf das kleine Loch und beugte sich vor, um besser hineinsehen zu können.
„Oh mein Gott ...“
Mit schreckgeweiteten Augen fuhr er hoch und sah Hicknell an wie jemand, der gerade ein Gespenst erblickt hatte. „Da unten ist jemand drin! Ich habe einen Mann gesehen!“
Ungläubig sah dieser zu der Öffnung im Beton. „Wie bitte? Wie soll denn da jemand runterkommen? Da sind gut und gerne zwei Fuß Stahlbeton auf dem ganzen Feld verarbeitet. Niemand kann das so einfach unterhöhlen!“
„Sieh doch selbst nach!“, beharrte Pereiros, jetzt mit leicht schriller Stimme.
„Das werde ich auch.“ Barsch entriss er seinem Kamerad die Lampe und beugte sich tief über das Loch. „Was immer das eben auch war, du hast wohl einen elektrischen Schlag abgekriegt, der ein wenig zu heftig für deine Birne war.“
Eine große, sehnige Hand schoss durch das Loch und packte ihn mit stahlhartem Griff an der Kehle. Mit einem gurgelnden Röcheln spürte er, wie die Hand ihn herunterriss, sodass er hart mit dem Kopf auf die Piste neben dem Loch knallte. Der Arm stieß ihn wieder nach oben, ließ aber nicht los, sondern knallte ihn nochmals auf den Beton. Irgendetwas in seinem Kopf knackte laut und verstärkte noch den hämmernden Schmerz vom ersten Anprall.
Und dann geschah etwas Unglaubliches.
Er spürte, wie der Boden unter ihm nachgab und absackte. Noch immer befand sich seine Kehle wie in einem Schraubstock, sodass er unfähig war, etwas zu sagen oder zu erkennen, was genau um ihn herum passierte. Doch dann spürte er, wie der Griff ein wenig nachließ, und riss reflexartig mit beiden Händen an den Fingern des Unbekannten, vermochte sie aber trotzdem kaum zu bewegen.
Von Todesangst und dem daraus resultierenden einsetzenden Adrenalinrausch beflügelt, zerrte er an der Hand, kam los und ließ sich zurückfallen. Er sah plötzlich, dass er in einer nahezu kugelförmigen Höhle von etwa sieben Fuß Durchmesser lag, die beinahe zur Hälfte mit dem Schutt des eingestürzten Betons der „Höhlendecke“ angefüllt war. Und darunter halbwegs vergraben ... der geheimnisvolle Angreifer mit dem stählernen Griff.
Jetzt sah er auch, warum der losgelassen hatte.
Die Decke der kleinen Höhlung hatte unter dem Gewicht des Bugrades nachgegeben, war eingebrochen und hatte den Jet nach vorne wegrutschen lassen. Das Bugrad des tonnenschweren Flugzeuges war auf der Bauchgegend des – offenbar völlig nackten – Mannes zu stehen gekommen und hatte ihn buchstäblich auf dem Boden des Loches festgenagelt. Einen Lidschlag lang hatte Hicknell sogar Mitleid mit ihm, trotz allem, was der ihm hatte antun wollen. Was für eine grausame Art zu sterben.
Immer noch in schockähnlichem Zustand und unfähig, logisch zu denken oder zu handeln, spürte er mehrere Arme, die ihn packten und hastig am Lufteinlass des Düsentriebwerks vorbei aus dem Loch herauszogen. Dann sah er den Mann für einen Moment genauer, bevor er hinter dem Rand der Aushöhlung aus seinem Blickfeld verschwand. Er war sehr groß und muskelbepackt, sein Schädel von groben Gesichtszügen und kurzer blonder Bürstenfrisur geprägt. Er schien ihn direkt aus kalten, eisblauen Augen anzustarren.
Als nächstes bemerkte er die F-16, deren Bugfahrwerk zum größten Teil im Loch verschwunden war und deren Rumpf mit dem Triebwerk-Lufteinlass beinahe den Boden berührte. Gleichzeitig lief ihm Blut ins rechte Auge, worauf er es schloss und sich der Schmerzen bewusst wurde, die durch seinen Kopf dröhnten.
„Mann, Hicknell, was für ein Horror-Trip“, sagte Pereiros ungläubig. Er hatte ihn zusammen mit den beiden anderen Wachen herausgezogen, ihn vorsichtig hingelegt und drückte ihm nun eine Kompresse aus dem persönlichen Erste-Hilfe-Kit gegen die rechte Schläfe. „Am Besten bewegst du dich nicht, wer weiß, wie viel deine Rübe abgekriegt hat.“
„Was zum Henker ist hier bloß passiert?“, wollte einer der beiden anderen Soldaten wissen.
„Woher soll ich das wissen, Mann? Es gab einen Haufen Blitze, ein grelles Licht und ... was ist das?“
Die drei unversehrten G.I.s fuhren herum. Im Hintergrund erklangen mehrere Sirenen und Blaulichter blitzten auf, als drei Jeeps mit hoher Geschwindigkeit vom Wachgebäude auf sie zugefahren kamen. Doch das registrierten sie nur am Rande.
„Was meinst du?“, wollte Pereiros wissen.
In diesem Moment bewegte sich der Kampfjet ein wenig.
„Oh Mann, ich hoffe, dieses Loch wird nicht noch tiefer. Nicht dass wir die Maschine verlieren.“
„Nein, sie ist nicht abgesackt. Sie hat sich eher nach oben bewegt ...“ Pereiros’ Stimme erstarb, als sich die Nase des Jets nochmals unmerklich hob und wieder senkte.
„Was geht hier nur ab? Lebt der Irre etwa noch? Ich denke, er ist von dem Rad zerquetscht worden?“ Eine der beiden Wachen, ein hochgewachsener, schlaksiger Afroamerikaner, wagte sich näher an das Loch heran. Als er hinabspähte, hob sich der Bug des Jets nochmals ruckartig und ein wenig zur Seite.
Völlig fassungslos sagte er: „Das glaub’ ich nicht. Seht euch das an ...“
Ein faustgroßer Betonbrocken flog aus dem Loch heraus und traf ihn an der Stirn. Wie ein gefällter Baum fiel der junge Soldat vornüber und verschwand in der Senke. Hicknell wollte etwas sagen, merkte aber, dass er dazu nicht in der Lage war. Außerdem konnte er seine Beine nicht bewegen; ein außerordentlich seltsames Gefühl.
„Rick! Verd...“ Mit einem grellen Aufschrei und angelegtem Gewehr sprang der zweite Soldat vor und zielte hinab, wurde jedoch von einer knatternden Dreiersalve aus Ricks M-16 durchsiebt. Er fiel auf den harten Boden wie ein Sack nasser Zement und starb stumm und schnell.
Wie in einem schlechten Film tauchte langsam der Kopf des Eindringlings auf, der sogleich Pereiros erspähte. Mit schreckgeweiteten Augen riss dieser sein Gewehr hoch, in der traurigen Gewissheit, zu langsam zu sein.
Er war zu langsam.
Eine weitere Dreiersalve erklang mit hämmerndem Stakkato, begleitet von einem erstickten Aufschrei.
Hicknell zuckte zusammen, als Pereiros direkt neben ihm auf dem Boden aufschlug. Mit gebrochenen Augen starrte der junge Latino direkt in seine Augen und doch in unfassbare Weiten, das Gesicht zu einer Fratze aus ungläubigem Entsetzen und qualvollem Schmerz verzerrt.
Von stechendem Kopfschmerz übermannt, schloss Hicknell die Augen. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Er kam sich immer mehr vor wie in einem üblen Albtraum, aus dem er jeden Augenblick aufwachen musste. Doch allmählich verlor er das Bewusstsein und gab sich damit der Erlösung hin, dem Ende der Schmerzen. Das kreischende Bremsen der Jeeps hörte er gerade noch.
Er bekam nicht mehr mit, wie der Unbekannte die Besatzung des ersten Jeeps mit Dauerfeuer aus beiden Sturmgewehren niedermähte, um sich dann dem zweiten Fahrzeug zuzuwenden, die Dutzenden von Kugeln ignorierend, welche die dortigen G.I.s in ihn hineinpumpten. Auch diese Soldaten starben unwissend dessen, was sie da heimsuchte. Erst eine Granate, aus dem dritten Fahrzeug abgefeuert, traf den gnadenlosen Killer direkt in der Körpermitte und brachte ihn zur Strecke, indem sie ihn zerriss.
Gespenstisch senkte sich die Ruhe nach der ‘Schlacht’ über das Rollfeld. Dann forderte eine der Wachen über Funk weitere Verstärkung und einen Vorgesetzten an, der die Sache begutachten sollte. Er hatte gerade seine Meldung abgesetzt, als eine einzelne Gewehrkugel seine Kehle durchschlug und am Genick wieder austrat. Er hatte nicht einmal geahnt, dass ihm noch immer Gefahr drohen könnte.
Hastig gingen die anderen beiden Soldaten hinter dem Jeep in Deckung. Für einen Moment hatten sie einen Blick auf das Unglaublichste werfen können, was sich ihnen hätte bieten können: der nackte Unbekannte, in der Mitte zerrissen und auf dem Bauch liegend, aber immer noch mit den Sturmgewehren in Händen, irgendwie noch am Leben und verbissen weiterkämpfend.
‘Er hat nicht einmal die Waffen losgelassen’, dachte ein junger Private fassungslos, warf aber dennoch in einer tausendfach geübten Bewegung eine entsicherte Handgranate nach dem Mann-Ding. Die Detonation war viel zu nah am Jeep und verwandelte diesen in einen Fall für den Schrottplatz, er bot aber doch ausreichenden Schutz vor den Schrapnellen der Granaten.
Danach wagten sie einen vorsichtigen Blick über das Fahrzeug hinweg.
Mit Entsetzen ging den Überlebenden des Einsatztrupps auf, was sie da attackiert und so effektiv dezimiert hatte. Sie sahen den jetzt leblosen Klumpen aus Fleisch, Blut, Haut, Haaren ... und noch etwas anderem.
Von diesem Trauma würden sie sich psychisch für den Rest ihres Lebens nicht mehr vollständig erholen.
Hicknell sollte nie erfahren, wie die Überreste dessen, was ihn da so unerwartet heimgesucht hatte, abtransportiert und zur näheren Untersuchung an ein Spezialistenteam nach Kalifornien geschickt wurden. Er war bereits im Koma und erlag zwei Tage später seinen immensen Kopfverletzungen.
Ein Opfer eines neuen Krieges, der so verrückt und sinnlos war, dass er die Grenzen der Logik und sogar der Realitäten sprengen würde.
Ein Wissenschaftler einer Hardwarefirma namens Cyberdyne, welche vor wenigen Monaten von unbekannten Verrückten komplett in die Luft gesprengt worden war, meldete sich auf eine Anfrage des Verteidigungsministeriums hin, um einen nahezu intakten Computer-prozessor, geborgen aus den Überresten der Kreatur, zu begutachten.
Mehrere Monate darauf hatte er ein ganzes Heer von Informatikern und Elektronikern unter sich und konnte sich einer bahnbrechenden Erfindung rühmen. Er hatte das erste Netzwerk mit künstlicher Intelligenz erbaut, ohne jedoch zu ahnen, dass dieses bald ein eigenes Bewusstsein entwickeln würde.
Die Geschichte nahm ihren Lauf.



Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                 17. Dezember 2029

General Mahtobu konnte kaum glauben, was er da sah. Das Produktionsband war nicht besonders groß, dennoch lief ihm ein kalter Schauer den Rücken hinab. An einer Laufschiene an der Decke des Raumes hingen Haken, welche silbern glänzende Torsen hielten. In der Mitte des Raumes war ein anderes Laufband, das den Reizleiterstrang, die High-Tech-Version des menschlichen Rückgrates, der Montageanlage zuführte. Selbst im deaktivierten Zustand bedrückte einen der Gedanke, dass hier einmal - noch vor kurzer Zeit - Terminatoren produziert worden waren. Seine Abscheu überwindend, musterte Mahtobu die Einzelteile der Kampfchassis genauer. Er kannte die geschwungenen Formen der metallenen Brustkörbe genau, weil er schon zu viele davon gesehen hatte, im Kampf, als rauchende Wracks nach ihrer Zerstörung und – wie bei allen Menschen – natürlich aus seinen Albträumen. Etwas an ihnen war anders und untermauerte die Aussage des Spezialisten, der geschäftig neben ihm herging und ihm bereitwillig Rede und Antwort stand.
„Sie meinen, das sind keine normalen T-800er?“
Der Ingenieur wies auf den Torso. „Ja, Sir, der Datenbank nach ist das hier die Pilotanlage für die Baureihe T-880, Cyberdyne Systems Model 108 bis 312. Die normalen T-800 sind relativ groß und massig, so dass wir anhand des Körperbaus ziemlich schnell vermuten konnten, wer ein Terminator sein konnte, auch wenn Skynet sie in den unterschiedlichsten Tarnversionen produzierte, denn kaum ein Mensch ist heute bei dem üblichen knappen Nahrungsangebot von Natur aus so großgewachsen. Diese Baureihe aber ist kompakter gestaltet, obwohl die hydraulischen Komponenten eine mechanische Mehrleistung von durchschnittlich 18 Prozent haben. Offenbar ist auch Skynet schlussendlich klargeworden, dass technischer Fortschritt Miniaturisierung bei höherer Leistung bedeutet. Gleichzeitig ist das Endoskelett viel agiler ausgelegt und dem menschlichen Bewegungsapparat besser nachempfunden. Das bedeutet, wenn diese Bastarde in Serie gegangen wären, hätte Skynet kleinere und wendigere Cyborgs in allen erdenklichen Staturen herstellen können. Jeder hätte dann potentiell ein Terminator sein können.
Ein Metallurge hat mir vorhin gesagt, dass die tragende Struktur sowie die gesamte Panzerung aus einer neuen Legierung besteht. Die Zusammensetzung untersuchen sie gerade, aber auf jeden Fall ist dieses Zeug mindestens so hart wie bei normalen Endoskeletten, obwohl sein Gewicht ein ganzes Stück niedriger ist.“
Mahtobu schwante Böses. „Haben wir bereits eine Schätzung darüber?“
„Schwer zu sagen. Das komplette Kampfchassis mit Tarngewebe höchstens noch 140 bis 160 kg, je nach Größe und Form des Chassis. So leicht wie früher kann man sie also über das hohe Gewicht auch nicht mehr enttarnen.
Weiter hinten auf dieser Ebene ist die Chipproduktion, wo wir den Hauptprozessor begutachten konnten, der ihnen eingesetzt wurde. Obwohl er eine Größenordnung leistungsfähiger ist als bei den üblichen 800ern, ist er von den Ausmaßen her nur eine Idee größer als der alte. Seine Arbeitsleistung muss fantastisch sein.“
„So etwas kann einem schon Angst machen, nicht wahr?“
„Jawohl, Sir General. Und einen Stock tiefer haben wir die Inkubationsbottiche gefunden. Die Nährlösung hat eine veränderte Zusammensetzung. Wir müssen sie noch genauer untersuchen, um sicher zu gehen, was das für uns bedeutet.“ Ein wenig ratlos rieb sich der Ingenieur den Nacken.
„Ich möchte mir das ansehen. Diese ganze Sache nimmt allmählich Ausmaße an, die wir nicht einmal erahnt haben.“ Der General bedeutete seinem Untergebenen, ihm den Weg zu weisen.



Joliette, Québec, Kanada                                               24. Juli 1984

Es war eine recht laue Spätsommernacht am Ortsrand des netten Städtchens in der kanadischen Provinz. Ein paar kleine Supermärkte und Fast-Food-Restaurants, zu dieser späten Stunde menschenleer, befanden sich in Ufernähe des schmalen Flüsschens L’Assomption. Die Luft war schwülwarm und erfüllt vom Zirpen der Grillen; Unmengen von Glühwürmchen tummelten sich im Dickicht und auf den Rasenflächen zwischen den Gebäuden des Shoppingcenters. Träge floss das Wasser im Fluss L’Assomption dahin, trübe von einem Wärmegewitter, das Tage zuvor eine Menge Dreck und Erde in den Fluss gespült hatte. Einen Tag später würde dieses Wasser in den Sankt-Lorenz-Strom münden und sich in dessen gigantischer Wassermenge sang- und klanglos verlieren.
Die Luft begann zu knistern, Spannung entlud sich und Blitze zuckten über die Wasseroberfläche. Eine gleißende Kugel aus reiner Energie erschien drei Meter über dem glatten Wasserspiegel, mit einem scharfen Zischen und einem noch grelleren Blitz bildete sich eine menschliche Gestalt aus. Kaum war sie materialisiert, obsiegten die Gesetze der Physik über den Körper, der aus dem Nichts erschienen war.
Mit einem dumpfen Klatschen fiel er in den Fluss und versank.
Nachdem sich die Wellen des Eintauchens geglättet hatten, zeugte nichts mehr von dem seltsamen Ereignis, abgesehen von einem schwachen Ozongestank. Still und verlassen lag der L’Assomption da, als wäre nichts geschehen.
Im Eingangsbereich des nächstgelegenen Supermarktes tauchte ein Gesicht auf. Der Nachtwächter hatte gerade seine Runde gemacht, als er geglaubt hatte, draußen etwas gehört zu haben. Das Lichtphänomen hatte er nicht sehen können, da das Kaufhaus innen erhellt war.
Der alte Wachmann spähte hinaus, konnte aber nichts sehen. Er strich sich nachdenklich über seinen ergrauten Schnurrbart, tat die Angelegenheit mit einem Achselzucken ab und wandte sich von den Glasschiebetüren des Eingangsbereichs ab, um zurück in das weitläufige Innere des Einkaufsmarktes zu gehen.
Fünf Sekunden später tauchte der Kopf des untergegangenen Mannes in Ufernähe auf. In Imitation eines menschlichen Reflexes keuchte er auf und schnappte nach Luft. Dann stieg er geduckt aus dem Wasser, mit gleichmäßigen Bewegungen sich umsehend. Auf dem fast leeren Parkplatz herrschte Dunkelheit, doch der hell erleuchtete Eingang des Supermarktes erregte sogleich sein Interesse. Er erspähte im Inneren ein breites Warenangebot an Haushaltsgütern, Lebensmitteln und Kleidung, was ihn zum ersten Punkt seines Programms brachte.
Denn er war tropfnass und splitterfasernackt. Was seinen Informationen nach unerwünschte Aufmerksamkeit erzeugen konnte, sollte jemand ihn sehen.
Sein phänomenal komplexes Elektronengehirn begann bereits erste Querverbindungen herzustellen und zu lernen, während er über den gepflegten Rasen bis zum Eingang schritt. Er vermied es bewusst, über den noch warmen Teer des Parkplatzes zu gehen, damit seine nassen Füße keine Abdrücke hinterließen, die bis zu ihrem Trocknen Spuren seiner Anwesenheit ergeben würden. Er trat von der Seite her zur Hausecke des Einkaufsgebäudes und sprang mit einem kleinen, federnden Hüpfer auf eine geriffelte Fußmatte direkt vor den Schiebetüren.
Langsam und methodisch glitt sein Blick am dünnen und fragil wirkenden Rahmen der Türen entlang, zur Öffnungsmechanik oben und zurück zum Boden. Nach einem Sekundenbruchteil hatte er sich entschieden: Er schob die Fingerspitzen beider Hände in Brusthöhe zwischen die Gummiwülste, die zwischen den beiden Glastürhälften den Eingang abdichteten. Ganz langsam und mit genau kontrolliertem Krafteinsatz schob er die Türen auseinander, bis der Spalt groß genug war, dass er sich durch ihn hindurchschieben konnte. Anschließend schob er die Hälften wieder zusammen, aber nur soweit, dass noch ein Spalt für seine Finger offenblieb.
Das Eindringen hatte keinerlei Geräusch verursacht.
Am anderen Ende hörte man den Nachtwächter mit laut hallenden Schritten durch den leeren Markt patrouillieren. Leicht geduckt, sodass sein Kopf unterhalb der beinahe mannshohen Regale blieb, ging er zum ersten erreichbaren Ständer, an dem eine Anzahl Sommerkleider hing. Schnell nahm er eines davon vom Kleiderhaken, trocknete seine Füße damit ab und benutzte es anschließend, um die nassen Flecken, welche er auf den weißen Fliesen verursacht hatte, aufzuwischen. Nichts mehr wies jetzt unmittelbar auf seine Anwesenheit hin.
Der nackte Mann ging zwei Reihen weiter, griff wahllos ein Frotteehandtuch aus einem Regal und trocknete sich mit methodischen Bewegungen vollständig ab; das kurzgeschorene braune Haar rubbelte er oberflächlich trocken, bevor er Kleid und Handtuch unter einen Wühltisch mit einer bunten Vielfalt an kleinen Küchenhelfern warf, wo sie den direkten Blicken von vorbeigehenden Leuten entzogen waren. Anschließend streifte er sich ein graumeliertes T-Shirt der Größe L über, wählte einen schwarzen Slip, eine blaue Jeans und Basketball-Turnschuhe. Seinen Datenbänken nach war das statistisch alles unauffällige zeitgenössische Kleidung, weitverbreitet und farblich sowie von der Häufigkeit der verkauften Artikel her oft anzutreffende Stücke.
Anzuprobieren brauchte er sie nicht; mit der computererzeugten Tiefenwahrnehmung seiner visuellen Sensoren vermaß er die Kleidungsstücke, sodass alles, was er aussuchte, auf Anhieb passte.
Schlussendlich streifte er eine schwarze, dünn wattierte Weste aus Viskose mit vielen Taschen auf der Innen- und Außenseite über. Das war fürs Erste ausreichend, entschied er beim Gehen.
Ein leises Summen erregte seine Aufmerksamkeit, worauf sein Kopf sich langsam nach oben wandte. In der oberen Ecke des Raumes hing eine klobige, weiß gestrichene Über-wachungskamera und deckte mit gelegentlichen Schwenkbewegungen den gesamten Eingangsbereich bis hin zur Kassenzeile ab. Nachdem sich der junge Mann dieses Problems bewusst geworden war, wog er kurz etwa einhundertzehn Optionen ab und entschied sich dann für eine, die ihm nicht gerade als erste Wahl erschien, aber am leichtesten durchzuführen war und am wenigsten Zeit in Anspruch nehmen würde.
Von einer ausgestellten Auto-HiFi-Anlage nahm er zwei große Lautsprecher ab, demontierte die starken Magneten mit wenigen kundigen Handgriffen und ging damit zur Kamera. Er streckte sich hoch und legte sie nacheinander an das Gehäuse an, wo sie mit einem kaum hörbaren Klacken am Blechgehäuse haften blieben. Direkt an der Seite hinter dem Metall der Außenhülle befand sich das Magnetband, welches das Kamerabild aufzeichnete. Die Konstruktion dieses Gerätes war zu dieser Zeit noch so rudimentär und das dafür verwendete Chromdioxidband von solch minderwertiger Qualität, dass die großen Magneten der HiFi-Boxen damit leichtes Spiel haben würden. Bis jemand die Manipulation bemerken würde, würde das Band schon längst so stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein, dass nichts von Bedeutung mehr auf dem Film erkennbar sein würde.
Als er die Schiebetüren von außen wieder schloss, kam der alte Wachmann gerade aus dem nächsten Quergang wieder in den Eingangsbereich, einen Sekundenbruchteil bevor der lautlose Dieb um die nächste Ecke verschwunden war.
Verwundert erstarrte der Wächter und sah zu dem Eingang hin, wo sich jetzt nichts mehr rührte. Nach einem weiteren Augenblick des Zögerns tat er seine flüchtige Wahrnehmung als Einbildung infolge von Übermüdung ab und begann seinen weitläufigen Rundgang aufs Neue. In dieser Nacht würde wohl nichts mehr passieren.



Draußen hatte der Terminator gerade das Stoffverdeck des uralten Plymouth-Convertibles abgerissen, die Fahrertür von innen geöffnet und sich hinters Steuer gesetzt. Seine Bezeichnung war CSM 108-1, denn er war das allererste Modell seiner Reihe, trug seinen ‘Namen’ jedoch keineswegs mit Stolz, dazu war er nicht fähig. Noch nicht.
Er riss mit einer schnellen Bewegung die Verkleidung über dem Zündschloss ab und schloss den Wagen mit einer gelassen wirkenden Routine kurz, als ob er das jeden Tag machen würde. Nach kurzem Orgeln des Anlassers sprang der großvolumige V-Motor an, worauf er am Lenkradwählhebel der Automatik den Gang einlegte und ohne Licht davonfuhr. Nicht einmal das hatte genug Lärm erzeugt, um die Aufmerksamkeit des Nachtwächters zu erregen. Er würde nach Dienstschluss leider zu Fuß in die Stadt laufen müssen, wenn er sich nicht anders zu behelfen wusste.
In der Stadt bog er auf die Staatsstraße 31 ein, die nach mehreren Meilen auf die Fernverkehrsachse 40 führte, die Montréal mit Québec verband. Mitten in der Nacht war wenig Verkehr, sodass er in einer Viertelstunde die 28 Meilen nach Montréal zurückgelegt hatte. Unbehelligt fuhr er in die Großstadt, folgte dem Verlauf des Highway 40 bis zum internationalen Flughafen Dorval und ließ den Wagen auf dem Parkplatz für Kurzzeitparker stehen. Für die Polizei würde es so aussehen, als ob ein paar Jugendliche mit dem Auto eine Spritztour in die Stadt gemacht hätten.
Er betrat die Abfertigungshalle, in der zu dieser Zeit immer noch reger Betrieb herrschte, und erblickte zum ersten Mal, seit er in dieser Epoche war, eine genau gehende Uhr. Daraufhin ging er zu einem Kiosk und warf einen raschen Blick auf das Datum, welches kleingedruckt auf dem oberen Rand der USA today in einem Ständer zu lesen war. Danach glich er seinen inneren Chronometer ab und wusste nun auch, dass er im richtigen Zeitalter angekommen war.
Er suchte die Herrentoilette auf. Bei dem, was er jetzt vorhatte, war ihm glücklicherweise keinerlei Ekelgefühl im Weg. Mit regungsloser Miene schloss er sich in einer Kabine ein.
Zwei Minuten später kam CSM 108-1 wieder heraus und hielt ein kleines rechteckiges Stück grün bedruckten Kunststoffes in der Hand. In der Kabine hatte er es notdürftig mit Toilettenpapier gesäubert; jetzt ging er daran, die Kreditkarte mit Wasser und Seife vollends sauberzuwaschen. Da er lediglich auf einer Aufklärungsmission war und man Waffen ohnehin nicht mit durchs Zeitfeld nehmen konnte, hatte Skynet ihm das Zweitnützlichste mitgegeben, was man in dieser Epoche brauchen konnte.
American Express stand auf der Karte und, in leicht erhabenen Lettern, David S. Compton.
Hiermit würde er sich zunächst Bargeld in der landesüblichen Währung besorgen, dann eine Unterkunft sowie einen gefälschten Ausweis. Zunächst würde er in aller Abgeschiedenheit beobachten, fernsehen, Zeitungen lesen, Radio hören, kurz: sich eine Weile vorbereiten, Informationen sammeln, um die immensen Daten zu ergänzen, die Skynet ihm mitgegeben hatte, sich hier zurechtzufinden.
Sobald er es für sicher hielt, konnte er sich dann an die Reise wagen, um das Zielgebiet aufzusuchen, in dem der Erfinder des ZVA-Effektes vermutet wurde. Das würde der schwierigere Teil werden.





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Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                 17. Dezember 2029

Nachdem sie eine Ebene tiefer gestiegen waren, kamen sie als erstes zu dem weitläufigen Raum, in dessen Boden in regelmäßigen Abständen runde, gut metergroße Löcher eingelassen waren, angefüllt mit einer penetrant riechenden, dunkelgelben und viskosen Flüssigkeit. Das war das künstliche, von Maschinen erzeugte Fruchtwasser, in dem das synthetische Fleisch nach einem in langen Jahren ersonnenen komplizierten Prozess über die Roboterskelette wuchs. Es war feucht und warm im Raum, unzählige Schläuche führten von der Decke des Raumes herab in die Bottiche und versorgten die Brut des Bösen darin mit diversen Flüssigkeiten mechanischer und biologischer Herkunft.
„Das reicht mir fürs Erste“, meinte der Afrikaner und verließ die Inkubationskammer wieder. Kaum war er draußen, sah er sich um. Etwas Ablenkung wäre jetzt nicht schlecht.
Die nächste Tür war dick isoliert und hoch, stand jedoch weit geöffnet und offenbarte durch die austretende Kälte aus der großen Kammer dahinter ihren Zweck. Zögernd sah Mahtobu hinein und erblickte genau das, was er vorzufinden gefürchtet hatte. Mehrere Dutzend fertige Terminatoren, wie Schlachtvieh an großen Halterungen unter der Hallendecke reihenweise aufgehängt und bereit für ihren Auftrag, wie immer der auch lauten mochte.
Mahtobu hatte das schon mehrere Male in den letzten Monaten gesehen, doch etwas machte ihn dieses Mal stutzig. Als ihm aufging, was die Lagereinrichtung hier von den bisherigen dieser Art unterschied, schnappte er verblüfft nach Luft.
„Die sehen ja alle unterschiedlich aus!“
„Das stimmt leider, Sir. Bei den 800ern fanden wir stets größere Serien mit identischem Aussehen, doch hier hat jeder eine individuelle Tarnung. Wenn diese Burschen in Serie gegangen wären, hätten wir ziemlich alt ausgesehen, würde ich sagen.“ Der Ingenieur klopfte einer jungen Chinesin mit kräftiger, aber nicht auffallend fülliger Statur, die mit geschlossenen Augen vor ihm hing, auf den Oberschenkel, zog aber gleich darauf seine Hand wieder zurück.
Eiskalt.
Im Hinausgehen bemerkte der Guerillageneral mit steinerner Miene: „Lassen Sie unverzüglich eine Bestandsaufnahme davon machen, wie viele dieser Monster schon produziert wurden und ob bereits welche auf die Menschheit losgelassen wurden.“
Angesichts der Lage war dieses geflügelte Wort auf dramatische Weise wörtlich zu nehmen, schoss es ihm durch den Kopf, als er hinzufügte: „Und wenn ja, wie viele. Das hat oberste Priorität. Diese Scheiß-Maschine führt schließlich Buch über jede einzelne Schraube in dem Laden hier, da wird es ja wohl kein Kunststück sein, das herauszubekommen, oder?“
„Jawohl, Sir. Bin schon dabei.“ Eiligst trat der Soldat weg und kam dem Befehl nach.
Vor dem Nebenraum stand ein gemeiner Soldat Wache und salutierte, als er den sich nähernden General entdeckte. „Sir, ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich diese Station wirklich ansehen wollen. Ein Ärzteteam seziert gerade einen der neuen T-880er, um mehr über sein Innenleben zu erfahren. Eine ziemliche Sauerei da drinnen.“
„Na toll.“ Der Techniker an Mahtobus Seite wandte sich wieder ab, doch als er die Kühlhalle für die neuen Terminatoren erreicht hatte, kam einer der Ärzte aus dem Sezierzimmer hinaus. Er hatte die Ärmel noch hochgekrempelt und wohl gerade erst die Untersuchungshandschuhe aus Latex abgestreift. Während der Techniker sich eiligst verdrückte, um wieder seiner Arbeit nachzugehen, wandte sich der Befehlshaber an den Mediziner.
„Wie sieht’s aus, Captain?“, fragte Mahtobu widerwillig, aber doch interessiert.
„Es ist fast angsteinflössend, was an diesem Modell geleistet wurde. Die 800er Serie war bereits ziemlich lebensecht, aber diese neue Reihe wurde ganz offenbar mit dem Ziel entwickelt, Spione für eine lange Zeit auf Infiltrationsmissionen zu schicken.
Das Modell 880 besitzt sogar innere Organe in extrem verkleinertem Maßstab, da sein Organismus ja allein zum Stoffwechsel der Zellen dient; die Bewegungsarbeit übernimmt komplett der mechanische Mechanismus, sodass keine Kalorien dafür aufgewendet werden müssen. Er könnte jedenfalls Nahrung aufnehmen, um seine Zellregenerierung in Schwung zu halten. Der ersten Genanalyse nach ist die hier verwandte DNA zu über 80 % stark menschenähnlich. Ich habe keine Ahnung, wie lange sich solch ein Cyborg unerkannt unter Menschen aufhalten könnte.“
„Na prima, endlich mal eine gute Nachricht“, meinte Mahtobu sarkastisch. „Was kommt noch alles?“
Der Informatiker-Sergeant betrat die Lagerhalle und verzog angewidert das Gesicht, bevor er sich Mahtobu zuwandte. „Wir haben es herausgefunden, Sir. Der Terminator wurde im WRITE-Modus ins Jahr 1984 geschickt und dazu programmiert, einfach als normaler Mensch im näheren räumlichen Umfeld des Entdeckers des ZVA-Effektes zu leben und so eine perfekte Tarnung zu entwickeln. Dann sollte er rechtzeitig vor dem Nuklearkrieg einen sicheren Unterschlupf in einer Höhle hier im Gebirge aufsuchen. Die ganze nähere Umgebung war extra abgesucht worden, um einen Ort zu finden, wo seit dem Holocaust niemand mehr gewesen war und der Scout platziert werden konnte.
Im Versteck sollte der Scout auf Stand-By-Modus gehen und so den nuklearen Winter und die Zeit bis zu seiner Bergung überstehen. Er hatte Weisung, nach dem Datum des Atomkrieges, wann immer es seine Mission nicht gefährden würde, jeden Menschen zu töten, also jeden, der sich seinem Versteck nähern oder es entdecken könnte.
Und offenbar hat es geklappt. Dieser Terminator hat 13 Jahre unter Menschen gelebt und im WRITE-Modus ein so komplexes Verhalten entwickelt, dass man ihn ohne weiteres garantiert nicht enttarnen kann, schon gar nicht, wenn man nichts von der Existenz dieser Cyborgs ahnt wie die Menschen vor dem Tag des Jüngsten Gerichtes. Der Zentralrechner der Anlage hat den Scout erwartungsgemäß in der Höhle vorgefunden und erfolgreich geborgen. So hat er das Problem gelöst, die benötigten Informationen aus der Vergangenheit unbeschadet in die Gegenwart zu retten.
Anschließend hat der paranoide Bastard den Speicherinhalt des Prozessors kopiert und diese Kopie in einen zweiten Cyborg mit völlig anderem Aussehen eingesetzt. Und da das entwickelte Tarnungsprogramm so effektiv ist, hat er sicherheitshalber diesen Prozessor im READ ONLY-Modus belassen, um keine unkalkulierbaren Risiken einzugehen. Wahrschein-lich hat er Angst vor der eigenen Courage bekommen, nachdem die Sache mit dem Scout-Terminator so reibungslos funktioniert hat. Einer der letzten Programmbefehle, die dieser Rechner ausgeführt hat, bevor wir hier eingedrungen sind, war die Löschung aller ‘persönlichen’ Daten über den zweiten eingesetzten Cyborg.
Tja, und dieser zweite uns unbekannte Terminator ist in die Vergangenheit gereist mit dem Auftrag, den Entdecker zu identifizieren und mit allen Mitteln vor einem möglichen Angriff von uns zu schützen, bis er seine Entdeckung gemacht und dokumentiert hat.“
„Schön und gut, aber wir haben nicht vor, den Entdecker zu eliminieren, wie ich Ihnen bereits erklärt habe. John Connors Existenz wäre dann ebenfalls ausgelöscht.“ Mahtobu wirkte unsicher beim Anblick des Gesichtes seines Untergebenen. „Was ist denn, Mann?“
„Es besteht die Möglichkeit, den Krieg zu verhindern, wenn wir ihn doch eliminieren.“
„Wie bitte? Das müssen Sie mir erklären.“ Ungläubig fixierte er den Sergeant.
„In Skynets Datenbanken sind US-Militäraufzeichnungen über den Fund von Terminator-technologie auf einem Air Force-Stützpunkt aus dem Jahre 1991. Bevor Skynet seine Versuche mit Zeitreisen in dieser Anlage begonnen hat, gab es diese Aufzeichnungen nicht. Ich selbst war dabei, als wir die Anlagen in Los Angeles auseinander genommen hatten; dort war nichts darüber verzeichnet.
Aber jetzt ... naja, jedenfalls war es einer dieser Tests, Zeitsprünge auch an einen bestimmten Punkt hin durchzuführen. Auch der Scout-Terminator wurde übrigens räumlich versetzt in die Vergangenheit geschickt. Dadurch, dass er seinen Materialisierungsort exakt ermittelt und die Koordinaten in unsere Gegenwart mitgenommen hat, besitzt Skynet durch ihn einen weiteren Datensatz über die Raumverschiebung bei Zeitsprüngen. So kann er durch Triangulation der Daten sein Verfahren zur örtlichen Verschiebung eines Objektes beim Zeitsprung nahezu perfektionieren.
Einer der anderen Terminatoren landete bei diesen Tests auf einem Flugfeld der amerikanischen Luftwaffe im Boden verschüttet. Nachdem er sich befreit hatte, massakrierte er eine komplette Wachmannschaft der Marines, bevor die ihn zerstören konnten. Als sie merkten, was sie da vor sich hatten, wurde wie damals üblich alles streng unter Verschluss gehalten. Der Prozessor des alten T-800 diente dabei als technische Vorlage für Skynet. So einfach kann das sein, Sir.
Für uns heißt das, wenn wir die Erfindung des ZVA-Effektes verhindern, wird Skynet ungeachtet seiner bisherigen Versuche nie Technologie in die Vergangenheit schicken können und somit nie existieren. Ergo wird der Atomkrieg nicht stattfinden. Stimmen Sie mir zu?“
„Absolut. Ich werde persönlich General Connor Meldung darüber machen ...“ Mahtobu hielt inne. Ihm wurde plötzlich etwas klar, was ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Oh Gott, John Connor! Wir können das nicht tun!“
Der Sergeant dachte angestrengt nach. „Sie meinen, wir können nicht den Krieg verhindern, ohne gleichzeitig General Connor aus der Zeitlinie zu entfernen?“
Mahtobu schüttelte mit dem Kopf. „Da kennen Sie John aber schlecht! Er wird keine Sekunde zögern, seine eigene Existenz zu opfern, wenn das bedeuten könnte ... ich muss sofort Verbindung mit ihm aufnehmen.“
Nachdem der General sich entfernt hatte, sah der Feldarzt den Informatiker an. „Ich glaube nicht, dass ich jemals vollständig dahinterkommen werde, wie das mit diesen Zeitreisen funktionieren soll. Ist im Grunde doch nur theoretisches Geschwätz. Was glauben Sie, was wirklich geschehen würde, jetzt in diesem Augenblick, wenn wir jemanden zurückschicken, der tatsächlich den geistigen Vater der Zeitmaschine tötet? Dass wir mir nichts, dir nichts in einer Welt wären, in der das Jüngste Gericht nie stattgefunden hat? Dass sich jeder daran erinnern könnte, aber es faktisch nicht passiert ist? Das ist doch Irrsinn.“
„Ja, schon, vielleicht merken wir gar nichts davon, oder wir hören auf, hier zu existieren, und leben ein ganz normales Leben in einer völlig anderen Existenz in einer intakten Welt ... wer weiß das schon? Nicht mal unser supergescheiter Freund Skynet hatte den vollen Durch-blick.“
Der Arzt nickte nachdenklich. „Da könnten Sie recht haben, Serge. Wieso sollte er jetzt noch jemanden zum Schutz des Erfinders dieser Zeitreisetheorie entsenden wollen, um seine Existenz zu retten, wenn wir ihn ohnehin schon zerstört haben? Wenn er sowieso dran glauben muss, sollte es ihm doch egal sein, wenn eine Realität geschaffen würde, in der er nie gebaut wurde. Spielt doch dann keine Rolle mehr.“
„Tja, Doc, Maschinen denken nicht so. Sie sind nicht dazu programmiert, sich zu ergeben, wenn der Feind einen strategischen Vorteil hat und in der Übermacht ist. Skynet reicht vielleicht schon die Möglichkeit, irgendeine andere Zeitlinie geschaffen zu haben, in der er weiter funktioniert, auch wenn das hier und jetzt nicht mehr drin ist, weil wir schon den Stecker gezogen haben.
Diese ganzen unabhängig gesteuerten Festungsanlagen und mit ihnen jeder einzelne Terminator, der autonom operiert, werden so lange weiterkämpfen, bis wir sie zur Strecke gebracht haben. Das ist so ähnlich wie in früheren Kriegen mit Landminen. Auch Jahrzehnte nach Ende eines Konfliktes konnten Sie bei einem Waldspaziergang auf eine Mine treten. Dem dämlichen Ding ist es egal, dass der Krieg längst vorüber ist und keiner seiner Erbauer mehr lebt, es reißt Ihnen trotzdem die Beine ab. Hässliche Sache das, aber nicht zu ändern.“ Der Informatiker zuckte mit den Schultern.
„Sie haben wirklich eine erfrischende Art an sich.“ Zähneknirschend wandte sich der Feldarzt von seinem Gesprächspartner ab.
„Immer stets zu Diensten“, gab der grinsende Sergeant zurück.



Montréal, Provinz Québec, Kanada                                    1. Februar 1985

CSM 108-1 saß in einem schäbigen Sessel in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, gelegen in einem der weniger feinen Quartiere der Millionenstadt. Die Jalousien waren herabgelassen und schützten ihn vor dem grellen Sonnenlicht. Er blätterte in einer anglokanadischen Tageszeitung und sah nebenher fern; es bereitete ihm keine Probleme, den Wirtschaftsbericht und das Footballspiel gleichzeitig aufzunehmen und zu verarbeiten.
Das Konzept des Fernsehens hatte ihm beim ersten Mal etwas Mühe gemacht, bis er herausgefunden hatte, dass er die Bildauflösung seiner optischen Sensoren nur ein wenig reduzieren musste, um auf dem Bildschirm nicht nur eine Vielzahl farbiger Pixel, sondern ein ganzes Bild zu erkennen, das aus diesen Pixeln zusammengefügt war. Die Trägheit des menschlichen Auges stellte für ihn ein weitaus größeres Problem dar, denn dieses wurde technisch mit nur fünfzig Einzelbildern pro Sekunde für den normalen Zuschauer überwunden, er hingegen ‘sah’ eine wechselnde Folge von abgehackten Einzelaufnahmen. Daher musste er immer zwischen zwei der einzelnen gesendeten Bildern mittels einer Wahrscheinlichkeitsentwicklung neun in seinem Prozessor erzeugte, annähernd gleich aussehende Zwischenbilder, fast wie in einem digitalen Daumenkino, einfügen, damit sich auch für seine Computerwahrnehmung ein bewegter Ablauf der Bilder ergab. Auf diese Weise sah er zwar wegen der Rechenarbeit um eine Zehntelsekunde zeitlich versetzt, was auf dem Bildschirm ablief, konnte jedoch bei einem Footballmatch trotzdem der erste sein, der bei einem Touchdown jubelte.
Im Laufe der Monate hatte CSM 108-1 sogar schon so etwas wie ein Gefühl für Langeweile entwickelt: den Eindruck von Monotonie, die zu unterbrechen eine Notwendigkeit für viele Menschen darstellte. Für seinen maschinellen Teil spielte Zeit keinerlei Rolle, sie war lediglich ein messbarer Faktor innerhalb seiner Missionsparameter. Das einzige Datum, das ihn etwas anging, war der Ausbruch des Nuklearkriegs; zu diesem Zeitpunkt musste er in der Höhle sein, wo sie ihn erwarten und abholen würden. Und er würde sich deaktivieren müssen, wenn seine Elektronik keinen Schaden durch die elektromagnetischen Impulse der detonierenden Kernwaffen erleiden sollte. Bis dahin würde noch ein gutes Jahrzehnt vergehen – für den Cyborg war das ein ganzes Leben.
Allerdings erachtete er es für notwendig, eine Darstellung von menschlichen Wesenszügen zu entwickeln, da ihm das bei seiner Mission von Nutzen sein konnte. Wenn man sich ständig in der gleichen Umgebung aufhielt und immer den gleichen Reizen ausgesetzt war, ohne gravierende Abwechslung, entwickelte die menschliche Psyche den Drang, etwas Neues zu unternehmen und neue Erfahrungen zu sammeln, um dem gewohnten Einerlei neue Impulse hinzuzufügen.
Ja, dachte er, es wurde vielleicht Zeit für etwas Abwechslung.
Ein lautes Pochen an seiner Zimmertür ließ seinen Kopf hochfahren. Rasch berechnete er die Wahrscheinlichkeiten, wer an der Tür sein konnte, und kam auch sofort zu einem Schluss. So viele Möglichkeiten gab es schließlich nicht.
Als seine Vermieterin mit ihrer penetrant hohen und kreischenden Stimme auf Französisch losbrüllte, war er bereits zur Tür getreten und hatte ein Geldbündel in der Hand. „He, Compton, machen Sie auf. Ich habe Ihnen schon zweimal gesagt, dass die Monatsmiete allerspätestens an jedem Ersten fällig ist.“
Blitzschnell kombinierte er zwei Fakten aus dem ihm bei seinem Einzug vorgelegten Mietvertrag und einem Artikel aus dem Wirtschaftsteil der soeben gelesenen Zeitung. Zur geschlossenen Tür hin rief er, während er die Scheine unter der Türschwelle hindurchschob: „Ihre Aussage ist nicht korrekt, Madame Bouvier. Ich habe erst am Ersten zu bezahlen, nicht früher. Mein Geld arbeitet so auf meinem Konto für mich, nicht auf Ihrem für Sie.“
Er hatte lediglich eine Information an Sie geben wollen, hatte aber nicht mit diesem Tobsuchtsanfall gerechnet, obschon er am Tonfall ihrer Stimme ein gefährlich hohes Aggressionspotential registriert hatte. „Was für eine bodenlose Unverschämtheit! Machen Sie gefälligst die Tür auf! Und stecken Sie das Geld wenigstens in einem Briefumschlag ins Postfach, anstatt es in den Dreck zu werfen.“
Er hielt einen Sekundenbruchteil inne und verarbeitete die neue Information. „Danke für diesen Ratschlag. Ich werde die Miete künftig so überreichen, wie Sie es wünschen.“
Die Tür öffnete er nicht.
Kaum war seine griesgrämige Hausherrin abgezogen, da öffnete er seine Zimmertür leise. In der Zeit, in der Madame Bouvier vor seinem Raum noch lautstark Dampf abgelassen hatte, hatte er ungerührt seine gesamte Kleidung in eine billige, aber sehr geräumige schwarze Sporttasche gepackt. Alles, was er sonst im Laufe der letzten Monate an belanglosen Dingen erstanden hatte, ließ er einfach zurück. Einerseits hatte er seine Persönlichkeit noch nicht so weit entwickelt, dass er etwas von dem Kram vermissen würde, und außerdem würde es bei dem Verwischen seiner Spuren helfen, wenn er alles hier ließe und sich an seinem nächsten Standort von Grund auf neu einrichten würde.
Vielleicht entwickelte er sogar eine Spur von Abneigung gegen die Art seiner Vermieterin. Da sie ihre Miete hatte, würden theoretisch etwa vier Wochen vergehen, bevor es ihr überhaupt auffallen würde, dass er nicht mehr da war. Und er hatte bei ihrem Profil die Chance, dass sie ihn bei irgendeiner Behörde als vermisst melden würde, auf nur 5,2 Prozent berechnet. Vielmehr würde sie seine Habe in einen Müllsack packen, wegwerfen und das Zimmer umgehend neu vermieten. Die Wahrscheinlichkeit für diese Option lag bei immerhin 89,1 Prozent und würde nach dieser Diskussion eben sicher noch gestiegen sein.
Natürlich war CSM 108-1 oft unter die Leute gegangen, doch nur für kurze Zeit zum Beobachten des geschäftigen Großstadtlebens von Montréal. Beinahe bei jeder Interaktion mit anderen Individuen hatte er eine Unsicherheit und unterschwellige Abneigung ihm gegenüber an den Reaktionen der Kontaktpersonen erkennen können. Hauptsächlich führte er das auf seinen Mangel an Erfahrung zurück, was erfolgreiche unauffällige Kommunikation mit Menschen anging, aber auch auf die Lebensweise und Einstellung der Menschen hier. Er hatte sich selbstverständlich in kürzester Zeit perfekt sowohl den französischen als auch den englischen Dialekt angeeignet, wie er in dieser Region Québecs üblich war. Wobei er bei letzterem eine erhebliche Abweichung zu dem feststellen musste, was im Rest der Welt als Englisch angesehen wurde. Doch trotzdem wurde er noch immer als Fremder behandelt.
Ein strategischer Standortwechsel schien ihm angebracht, da er sich einerseits auf seine eigentliche Aufgabe vorbereiten wollte und andererseits dafür einiges brauchte, was man für genügend Bargeld leichter woanders als in Kanada bekommen würde. Und drittens würde er sich nach den Daten, die er gesammelt hatte, an seinem neuen Zwischenstopp praktisch überall unbemerkt bewegen können.
Er ging seine Datenbanken durch und entschied sich für seinen Transfer zum Kauf eines der unauffälligsten und am weitesten verbreiteten Automobile auf dem nordamerikanischen Automarkt, eines Chevrolet Celebrity Sedan. Für eine einmalige Fahrt von weniger als 400 Meilen erachtete er diesen als ausreichend. Dank der Technologie seiner Kreditkarte konnte er unbegrenzte Summen ausgeben, deren Buchungen augenblicklich nach Tätigung der Bezahlung aus dem System entfernt würden.
Außerdem würde er sich mit der unzulänglichen Technik des amerikanischen Automobilbaus nicht lange abgeben müssen. Wenn er erst einmal in dem Land war, in dem das Auto erfunden worden war und einige der besten Fahrzeuge der Welt gebaut wurden, konnte er sich in aller Ruhe ein Gefährt auswählen, das seinen Ansprüchen an Technik, Zuverlässigkeit und Praktikabilität genügte.



Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                 17. Dezember 2029

General Mahtobu wartete auf die Antwort von John Connor. Er hatte einen langen Funkbericht aufgesetzt, alles so zusammengefasst, wie er es im Sinn behalten hatte, und alle möglichen Konsequenzen aufgezählt, die ihre weitere Vorgehensweise haben mochte.
Jetzt wartete er.
Draußen würde es bald dunkel werden. Früher hatten sie sich nur bei Nacht halbwegs sicher im Freien bewegen können. Seit sie Skynet besiegt hatten, waren zwar noch immer vereinzelt fliegende Waffenplattformen, sogenannte J-Ks, oder die fahrende Version davon, die wie ein Raupenpanzer mit aufgesetztem zweistöckigen Geschützturm anmutete, unterwegs, aber im Großen und Ganzen konnten sie sich wieder bei Tageslicht an die Erdoberfläche wagen.
Der ‘Wunderknabe’, der hochbegabte Informatiker-Sergeant also, kam herein in die provisorische Funkkabine und sah seinen Vorgesetzten erwartungsvoll an. „General, wir haben einen Teil der Informationen entschlüsseln können, die der Hauptrechner über den mutmaßlichen Erfinder des ZVA-Effektes gespeichert hatte.“
„Dann lassen Sie mal hören.“ Die Müdigkeit in der Stimme des älteren Mannes war unverkennbar.
„Danke, Sir. Jetzt ist uns auch klar geworden, warum Skynet unbedingt raumverschobene Zeitsprünge hatte durchführen wollen. Der potentielle Erfinder ist nämlich gar kein Amerikaner.“
„Na und? Was wundert Sie daran, Serge? Die USA sind nicht der Nabel der Welt und waren es auch damals nicht.“ Mit heimlicher Genugtuung beobachtete der Afrikaner, wie sich die Mundwinkel des jungen Soldaten, dem Akzent nach vernehmlich aus Texas stammend, senkten.
„Ja, Sir, verzeihen Sie bitte.“
„Schon gut“, beschwichtigte Mahtobu daraufhin, „woher kommt er denn nun? Aus Japan?“
„Nein, Sir, aus Zentraleuropa. Der Scout selbst konnte ihn natürlich nicht identifizieren, da er den primären Auftrag hatte, sich an das Leben in dem betreffenden Gebiet zu gewöhnen und unauffällig zu bleiben. Skynet hatte jedoch aufgrund seiner Aufzeichnungen über den Entdecker ein Gebiet eingegrenzt, in dem sich eine Stadt mit etwa 200.000 Einwohnern befand. Er hatte eine hohe Wahrscheinlichkeit berechnet, dass der Erfinder sich in dieser Stadt aufgehalten hat. Es gab dort eine höhere Lehranstalt, genannt Universität, die praktische Forschungsmöglichkeiten auf den Gebieten, die in Frage kommen, für junge Studenten in seinem vermuteten Alter geboten haben.“
„Hört sich vielversprechend an. Und wie heißt diese Stadt?“
„Freiburg, Sir, gelegen in Deutschland, etwa vierzig Meilen nördlich der schweizerischen und zwanzig östlich der französischen Grenze.“
Mahtobu rieb sich nachdenklich seinen grauen Kinnbart. „Hm, ich habe noch nie etwas von diesem Ort gehört; zweifellos wurde er am Tag des Jüngsten Gerichtes eingeäschert. Wenn wir wirklich jemanden dorthin entsenden wollen, haben wir ein ernstes Problem.“
„Wieso das, Sir?“, fragte der Sergeant neugierig.
„Nun, weil wir dann jemanden brauchen, der eine tote Sprache sprechen können oder lernen muss, um nicht allzu sehr aufzufallen. Ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen, dass es seit über dreißig Jahren niemanden mehr gibt, der Deutsch sprechen kann?“
Der Informatiker runzelte die Stirn. „Deutsch ... nein, das ist mir entgangen ...“
„Tja, nicht die ganze Welt sprach damals Spanisch, Englisch, Chinesisch oder Arabisch. Es gab viele Gebiete auf der Erde, wo der Großteil der Bevölkerung eine eigene regional begrenzte Sprache benutzte. Glücklicherweise gab es vor etlichen Jahrzehnten einen schlimmen Krieg, den Deutschland praktisch gegen den Rest der Welt führte und verlor, daran erinnere ich mich noch. Die Amerikaner haben ihr Land besetzt und ihnen ihre eigene Kultur und Sprache aufgezwungen. Meines Wissens müsste ein nicht geringer Anteil der damaligen Bevölkerung der englischen Sprache mächtig gewesen sein. Können Sie das rauskriegen?“ Mahtobu wies auf einen Zugangs-Port in der Wand, wo der Sergeant sein tragbares Terminal anschließen konnte, was er auch sogleich mit einem Nicken tat.
Nach nur wenigen Sekunden Rechenzeit präsentierte er die ersten Ergebnisse: „Tatsächlich war ein großer Teil vor allem der jüngeren Generation auf die amerikanische Lebensweise eingeschworen und lernte in der Schule Englisch. Ich glaube allerdings nicht so recht, dass es reichen wird, jemanden zu entsenden, der nur Englisch sprechen kann. Wir ...“
Mahtobu unterbrach seinen Untergebenen, indem er wütend mit der Faust gegen die Wand schlug, was ein dröhnendes Hallen erzeugte. „Deutsch! Warum nicht gleich Suaheli? Kein Mensch auf der Welt spricht heute noch diese Sprache. Und einen umprogrammierten Terminator können wir keinesfalls mit dieser Mission beauftragen. Wir können nicht riskieren, noch mehr Zukunftstechnologie in der Vergangenheit zu verbreiten.“
Inzwischen tippte der Sergeant übereifrig auf seiner Tastatur, bis sich sein Gesicht mit einem Mal erhellte. „Sir, ich glaube, ich habe so etwas wie ein Schlupfloch gefunden, das uns aus unserer Misere helfen könnte.
Die USA sind im Laufe der letzten Jahrhunderte stets als Einwandererland bekannt gewesen und geschätzt worden. Ich habe hier die Information, dass zum Zeitpunkt des Jüngsten Gerichtes 63 Millionen US-Amerikaner direkte oder indirekte Nachkommen von Deutschen waren. Es muss demnach viele Familien gegeben haben, in denen das kulturelle Erbe gewahrt und Deutsch gesprochen wurde. Viele davon waren Siedler in den bevölkerungsarmen Westgebieten der USA, die nicht direkt von Nuklearschlägen betroffen waren. Ich denke, wir sollten eine Umfrage in Gang setzen, um herauszufinden, wie viele Leute noch Deutsch sprechen können. Vielleicht ist jemand darunter, den wir mit der Mission betrauen können.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr, Sergeant.“ Geistig erschöpft lehnte sich Mahtobu wieder gegen die Wand und verfluchte die Maschinen einmal mehr, diesmal dafür, dass sie nie sitzen mussten und folglich keine Stühle hier waren.



Highway 15, 37 Meilen südlich von Montréal, Kanada                     2. Februar 1985

Langsam rollte der schwarze Chevrolet Celebrity Sedan frühmorgens in einer langen Warteschlange im Schritttempo auf die Zollabfertigung der Bundesgrenze zu. Jenseits des Grenzschutzpostens wurde der Highway zum Interstate 87, der CSM 108-1 auf direktem Weg entlang des Hudson Rivers gut 350 Meilen nach Süden zu dessen Mündung in den Atlantik führen würde. Dort wartete der seiner Meinung nach in diesem Stadium seiner Entwicklung für ihn perfekte Ort, der größte Ballungsraum der USA.
Die Stadt, die niemals schläft.
Genauso wie er, „dachte“ CSM 108-1.
Und zog probehalber einen Mundwinkel in Imitation eines ironischen Lächelns nach oben. Ironie war nach seiner Definition ein nützlicher Charakterzug, denn er hatte beobachtet, dass Individuen mit dieser Eigenschaft bei oberflächlichen Kontakten meistens von ihren Mitmenschen auf Distanz gehalten und reserviert behandelt wurden. Was für ihn nur von Nutzen war, denn so zog er keine übermäßige Aufmerksamkeit auf sich, niemand würde den small-talk mit ihm suchen und ihm Fragen stellen, deren Beantwortung ihm Probleme bereiten würde.
Als er an die Reihe kam, warf der Zollbeamte nur einen flüchtigen Blick auf seinen Identitätsausweis und seine Fahrzeugpapiere. Dann winkte er den jungen Mann mit den kurzen braunen Haaren, den dunklen Augen und dem markanten, leicht kantigen Gesicht durch.
Der Sedan gab Gas und beschleunigte langsam, um nicht aufzufallen. Als die Sonne am östlichen Horizont hinter dem Richelieu River aufging, setzte er augenblicklich eine dunkle Sonnenbrille auf, um die empfindlichen Photorezeptoren hinter den Pupillen zu schützen. Dies war wohl der schwerwiegendste Fehler sowohl der 800er als auch der 880er-Reihe, befand CSM 108-1: Skynet hatte bei ihrer Konstruktion nie berücksichtigt, dass die Modelle, die in der Zeit zurückreisten, das Sonnenlicht direkt ohne die permanent den Himmel verdunkelnde Wolkenschicht des postnuklearen Winters erblicken würden. Deshalb war keine ausreichende Abschwächung ihrer optischen Sensoren bei Tageslicht vorgesehen, mit dem Resultat, dass das Sonnenlicht im späten 20. Jahrhundert mit dem erhöhten Anteil an durch das Ozonloch eindringenden Strahlungsspitzen zu grell für sie war und den Signal-eingang überlastete.
Gegen das Ozonloch hatte Skynet immerhin etwas unternommen, das konnte man ihm zugute halten, dachte er und versuchte erneut dieses Grinsen. Ja, es funktionierte.
Momentan stellte dies aber noch kein Problem für ihn dar, weil das ständige Tragen einer Sonnenbrille bei Tag in den USA keine Besonderheit darstellte. Dies war jedoch nicht überall auf der Welt so. CSM 108-1 legte eine Datenschleife an, die einen winzigen Teil seines Bewusstseins in genau festgelegten Zeitabständen mit dieser Problematik beschäftigen und ausreichende Lösungsoptionen ausarbeiten würde, auf die er dann zu gegebener Zeit zurückgreifen und die geeignetste Möglichkeit ausführen würde, um das Problem zu lösen. Vor allem brauchte er jede Menge an Input, denn dies war ein hochgradig ungewöhnliches Problem, das seiner Logik nach auch eine ungewöhnliche Lösung erforderte.
Er fuhr ohne Unterbrechung innerhalb des gültigen Tempolimits und erreichte gegen drei Uhr nachmittags die Außenbezirke von New City, dem nördlichsten Rand der New Yorker Agglomeration.
Das würde eine faszinierende Erfahrung werden.



Als CSM 108-1 ein Stück hinter einer belebten Straßenkreuzung anhielt, zeigten ihm seine internen Kartenprogramme an, dass er sich Ecke Prospect Avenue und 161st Straße befand, in einem Stadtteil namens Bronx. Seinen Dateien nach ein Viertel, welches vornehmlich von Afroamerikanern dunkler Hautfarbe bewohnt wurde, die häufig ein hohes Aggressions-potential gegenüber eurasischen Mitbürgern aufzeigten. Ihm war das herzlich egal. Ent-sprechend der Lage erhöhte er die Leistung seiner Sensoren, um auf feindliche Aktionen vorbereitet zu sein.
Langsam stieg er aus und ging zum Heck des Wagens, wo er den Kofferraum öffnete. Sorgsam entnahm er die voluminöse Sporttasche mit seinen Kleidern und stellte sie neben sich auf den Gehweg. Im Augenwinkel sah er bereits, wie sich eine Bande von Halbstarken betont lässig auf dem Bordstein seiner Position näherte. Sie waren bekleidet mit modischer, wenn auch abgenutzter und nicht besonders sauberer Jugendkleidung wie übergroßen T-Shirts mit Markenemblemen von Sportartikelherstellern, den dazu passenden Basketballstiefeln und -kappen von adidas und nike sowie vielfach zerfetzten Jeanshosen. Bei den zur Zeit herrschenden Lebenshaltungskosten, Durchschnittslöhnen der Unterschicht der Bevölkerung und den Preisen dieser Kleidungsstücke berechnete er eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit dafür, dass auch nur eine dieser Personen durch legale Arbeit die nötigen Zahlungsmittel zum Erwerb dieser Markenbekleidung verdient haben konnte.
Sie wollten sich gerade daran machen, ihn anzusprechen und auszuprobieren, wie weit man ihn provozieren konnte, als er sich in einer fließenden, raschen Bewegung herabbeugte und scheinbar mühelos sein hinteres Nummernschild von der Stoßstange herunterriss. Beim Klang der reißenden Schrauben und dem doppelten ‘Pling’ der herabfallenden Schraubenköpfe auf das Straßenpflaster erstarrten die fünf jungen Schwarzen und glotzten ihn an wie einen Außerirdischen.
CSM 108-1 ignorierte sie geflissentlich, während er gemächlich auf der von ihnen abgewandten Seite des Chevrolet zu dessen Front schlenderte, sich abermals unheimlich schnell bückte und auch das vordere Schild abriss. Gleichzeitig rief er sämtliche Dateien über verbale Kommunikation in jugendlichem urbanen Slang auf, die er beim Fernsehen und ersten Beobachtungen in Montréal angelegt hatte.
Noch immer starrten die fünf Jungen abwechselnd ihn und sich gegenseitig an, unfähig zu verstehen, was da vor sich ging. In ihnen reifte langsam die Überzeugung, dass dieser unscheinbare Durchschnittspinkel hochgradig verrückt sein musste, als sie ihn dabei beobachteten, wie er zu dem Bauzaun ging, der den Bordstein vom angrenzenden Grundstück abgrenzte. Eine weitläufige Grube einer Großbaustelle fiel etwa zwei Stockwerke tief bis zu ihrem Boden ab, wo eine Vielzahl von Baggern, Kränen, Stapel von Stahlarmierungen und weiteres Baumaterial herumstand. Mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk heraus schleuderte er das erste Schild über den Zaun und hinab, wo es zielsicher laut scheppernd in einem leeren Schuttcontainer landete. Noch bevor sich die fünf Zuschauer dieses unerwarteten Geschehens von ihrer Verblüffung erholt hatten, warf er die zweite Blechtafel genauso lässig hinterher. Nach ihrem Flug von etwa einhundert Fuß landete auch sie exakt in dem Container. In kurzer Zeit würden sie von der nächsten Ladung Bauschutt verborgen werden und unauffindbar auf einer Aushubdeponie verschwinden.
Einer der Jungen murmelte beeindruckt: „Mann, den sollten wir in unserer Basketballmannschaft haben.“
Der Älteste der Gruppe zischte ihm zu: „Spinnst du? Ein Weißbrot doch nicht!“
Einer rief laut: „He, Mann, du hast gerade deine Nummernschilder weggeworfen!“
Alle anderen sahen ihn daraufhin an wie einen ausgemachten Idioten.
CSM 108-1 ging blitzschnell etliche alternative Antworten durch und erwiderte dann ungerührt: „Du merkst auch alles.“
„Warum hast du das getan?“ Die anderen Jungen bedeuteten ihm mit Gesten und Grimassen, seinen Mund zu halten, um sie nicht noch mehr zu blamieren.
„Ich brauche sie nicht mehr“, gab er daraufhin wahrheitsgemäß zu.
Nun baute sich der Älteste drohend vor ihm auf. Er war knapp einen Kopf größer als CSM 108-1 und sah mit drohender Haltung zu ihm hinunter. „Wohl geklaut, die Karre, was?“
„Nein, ich brauche den Wagen nicht mehr. Gestern habe ich ihn gekauft, um damit hierher zu fahren, und jetzt bin ich in New York. Ein Automobil ist in dieser Stadt ineffizient.“ Er hob die Schultern in einer gespielten Geste der Resignation; in Wahrheit hatte er aufgrund der Mimik, Gestik und Tonfrequenz seines Gegenübers die Tendenz zu hoher Gewaltbereitschaft ermittelt und befand sich in ständiger interner Alarmbereitschaft, um nötigenfalls in Verteidigungsstellung gehen zu können.
„Total durchgeknallt, der Typ. Bestimmt hasst er Rush-Hours“, meinte einer der Jüngeren leise und fragte dann: „Was machst du denn mit der Karre, wenn du sie nicht mehr brauchst?“
Er wägte einen Augenblick alle Optionen ab und sah einen nach dem anderen abschätzend an.
„Ich lasse sie hier stehen. Wollt ihr sie haben? Wenn ihr sie von hier wegbringen wollt, nehmt sie und macht damit, was ihr wollt. Wie entscheidet ihr euch?“ Er hielt die Zündschlüssel hoch, während er mit dem anderen Arm seine Sporttasche aufnahm und sich ohne große Hast über die Schulter hängte.
Nun sah ihn der Größte misstrauisch an. „Du willst uns wohl verscheißern, Mann? Keiner gibt einfach so seine Karre her. Und keiner verscheißert uns, klar?“
Mit einem scharfen Schnappen sprang ein Butterfly-Messer auf, das er plötzlich in der Hand hielt. CSM 108-1 berechnete daraufhin seinen nächsten Schachzug, beinahe neugierig, ob die Reaktion seines Gegenübers seiner Erwartung entsprechen würde.
„Ihr könnt euch die Schlüssel auch aus der Grube holen, wenn ihr Schwierigkeiten machen wollt.“ Er schwang den Bund mit den Autoschlüsseln hin und her und machte Anstalten, ihn hinter den Maschendrahtzaun zu werfen.
„Halt, halt, sachte, Kumpel, nur nichts übereilen. Wir nehmen deine Karre sehr gern, okay?“ Drei der Jüngeren drängten sich an dem vermeintlichen Anführer vorbei, wobei sie ihm wütende Blicke ob seines aufschneiderischen Benehmens zuwarfen.
Der Erste schnappte sich den Bund, lief dank- und grußlos zum Chevrolet und klemmte sich hinters Steuer. Die anderen beiden der Gruppe, die den Wagen angenommen hatte, waren auch schon bei den Türen und schwangen sich auf den Beifahrersitz und in den Fond. Nur der offenbar leicht Schwachsinnige und der Anführer standen noch bei ihm und musterten ihn. Dabei breitete sich langsam ein fieses Grinsen auf dem Gesicht des Letzteren aus, als ihm augenscheinlich gerade eine Idee kam, die er für ausgesprochen gut zu halten schien.
„So, wie wär’s, wenn du mir noch deine Brieftasche dazuschenkst? Für die Wagenwäsche und Spritgeld, weißt du?“ Er hielt ihm das Messer wieder unter die Nase. Hinter ihm versperrte ihm der Bauzaun jegliche Rückzugsmöglichkeit.
Ohne die geringste Gemütsregung packte CSM 108-1 die Waffe an der Klinge, riss sie dem großen Schwarzen aus der Hand und warf sie in hohem Bogen über seine Schulter nach hinten über den Zaun. „Wir wollen doch nicht übertreiben, oder?“
Seine Worte wurden unterstrichen vom metallischen Klappern des Messers, das offenbar ebenso wie die Schilder zuvor genau in den Container gefallen war. Der Unterkiefer des Anführers sackte hinab, dann überwand er sein ungläubiges Staunen und ließ den Selbsterhaltungstrieb die Oberhand gewinnen.
Indem er zum Auto lief, brüllte er: „Los, startet den verdammten Motor! Nichts wie weg hier! Der Typ ist total durchgedreht!“
Die beiden sprangen in die weit aufgerissenen Fondtüren, als der Wagen mit quietschenden Reifen anfuhr. CSM 108-1 sah ihnen hinterher, wie sie mit Vollgas über die nächste Kreuzung schossen, an deren Querstraße gerade ein Polizeiwagen vor einem Donutstand parkte. Die Beamten ließen sofort fluchend ihre Gebäckstücke und heißen Kaffeebecher fallen und sprangen in ihren Wagen, um mit heulenden Sirenen und Blaulicht die Verfolgung der rücksichtslosen Verkehrsrowdies ohne Kennzeichen aufzunehmen.
Er hoffte nur, die Burschen würden nicht so schnell aufgegriffen werden. Bestimmt würden sie die Geschichte erzählen, wie sie zu ihrem neuen Automobil gekommen waren, und eine Beschreibung von ihm liefern. Die Ordnungshüter würden sich vielleicht über die Geschichte wundern, sie aber nicht glauben. Sogar wenn sie dem Hinweis nachgehen und in der Grube die Nummernschilder sowie das Butterfly-Messer finden würden, führte das noch lange nicht zu ihm. Sie würden höchstens denken, dass die Jungen selbst die Zulassungszeichen entfernt und in dem Abfallcontainer hatten verschwinden lassen.
Sie würden höchstens verwundert sein, falls sie die kanadischen Kennzeichen überprüfen und feststellen würden, dass sie sich nicht zurückverfolgen lassen können würden und der Wagen wirklich erst seit einem Tag zugelassen war. Aber ihn ging das jetzt nichts mehr an, er befand sich in einem Ballungsraum mit etwa 12 Millionen Einwohnern. Hier gab es viele seltsame Individuen, nicht wenige mit Verhaltensstörungen in den vielfältigsten Formen und Schweregraden. Die meisten Leute auf der Straße kümmerten sich nicht um ihre Mitmenschen, er ging völlig in der Menge unter.
Hier würde er seine Verhaltensstudien mit wesentlich höherem Tempo fortführen können, ohne in irgendeiner Weise auffällig zu werden.
In seinem Sichtfeld wurde ein Plan des Viertels abgebildet, auf dem der Weg zum nächsten U-Bahnhof mit einer hellen Linie hervorgehoben war. Er schulterte seine Tasche und machte sich in gemütlichem Tempo auf.
Über die Baugrube hinweg hatte er einen relativ ungehinderten Blick nach Süden, wo er im etwas tiefergelegenen Manhattan das Empire State Building, das Chrysler Building und in der Ferne verschwommen das World Trade Center neben vielen anderen Hochhäusern herausragen sah. Die Lage des Central Parks konnte man gut anhand der gewaltigen Lücke zwischen all den Gebäuden ausmachen. Das würde für die nächsten Wochen oder auch Monate – den genauen Zeitraum seines Verweilens hier musste er noch extrapolieren, sobald er genügend Daten dafür angesammelt hatte –, sein Verweilraum sein, bis er den Schritt des Transfers nach Europa in Betracht ziehen konnte.
Eine dicke alte Dame von dunkler Hautfarbe mit einem grauen Haardutt, einer feingliedrigen Nickelbrille und einem sehr schlichten, rotweiß gepunkteten Kleid kam des Wegs, einen kleinen Pinscher an der Leine führend. Der Vierbeiner schnüffelte intensiv am Wegesrand entlang nach Spuren von Artgenossen, bis er in die Nähe von CSM 108-1 kam. Als dieser ihn passierte, bewusst ohne hinzusehen, hob der Hund seinen Kopf mit der flachen Schnauze und den kleinen Kulleraugen und knurrte ein wenig; sein primitiver Verstand war außerstande, das einzuordnen, was da gerade an ihm vorbeigegangen war.
Er knurrte nur kurz, leise und unauffällig, bevor er sich wieder den weitaus interessanteren Witterungen vor sich am Saum des Bauzauns widmete. Nicht einmal seine Besitzerin hatte etwas von dem Vorfall bemerkt.
Und wieder eine Hürde überwunden. Skynets Entwicklung war bisher in jeder Hinsicht ein voller Erfolg gewesen. Hochzufrieden schritt CSM 108-1 in Richtung U-Bahnhof Jackson Avenue aus, wo er die Linie 2 Richtung Innenstadt nahm. Als die Bahn neben der 145th Street Bridge den Harlem River überquerte, dort wo er westlich seiner Einmündung in den East River zu seiner vollen Breite anschwoll, beschäftigte er sich bereits mit der Frage der Quartiersbeschaffung. Er hatte es dem Zufall überlassen wollen, ob zuerst eine Bahn der Linie 2 oder 5 kommen würde. Es war die 2 gewesen, die westlich des Central Parks verlief, im Gegensatz zum östlichen Verlauf der 5, sodass er sich jetzt zuerst einmal in der Westside umsehen würde. Er hatte auch schon eine gewisse Vorstellung von dem, was er suchte.
Seine Parameter waren eng umrissen, hätte man sagen können.





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Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                 18. Dezember 2029

„Das ist sie, General. Noch warm vom Vormieter.“ Der ausgestreckte Arm eines Technikers schweifte ausladend in die Runde.
„Sind sie sicher? Es wirkt alles viel kleiner als bei den ersten beiden Anlagen. Und die Bauart ist dem Anschein nach auch völlig anders.“ Mahtobus Augen verengten sich, als er zweifelnd in der kleinen dreistöckigen Halle umherging und seinen Blick prüfend in die Runde wandern ließ.
Die einzige Gemeinsamkeit mit den beiden anderen ZeitVerschiebungsAnlagen, die er auf den ersten Blick registrierte, war der tiefe Schacht, der die eine Hälfte der Halle einnahm und scheinbar in einen bodenlosen Schlund führte. Er war quadratisch, maß etwa dreißig Fuß und hatte nur einen schmalen Rand, um den herum man sich entlang der Wand bewegen konnte. Aus den Wänden ragten seltsame Stahlträger heraus, von denen jeder eine Sonde trug, die wie eine Art große Strahlenkanone aus einem altertümlichen Science-Fiction-Film aussah. Eine schlanke metallene Spitze, die sich nach hinten langsam konisch erweiterte und dann in eine Reihe miteinander verschmolzener Kugeln aus einem keramisch aussehenden Material überging. Das Ganze erinnerte ihn noch an etwas anderes aus der alten Welt: Stromisolatoren aus einem Elektrizitäts-Umspannwerk. Die Funktion dieser Geräte hier war allerdings eine ganz andere.
Sie sollten keine Energien bändigen, sondern ganz im Gegenteil unfassbare Energien entfesseln und damit sogar das Raum-Zeit-Gefüge aufbrechen.
Die zweite große Auffälligkeit war die Anordnung der acht temporalen Projektoren: Sie waren alle in 45°-Winkeln zur Ebene angeordnet und wiesen auf einen gemeinsamen Punkt in Brusthöhe, der sich jedoch in der Mitte des gähnenden Abgrundes befand. Ihre Spitzen waren etwa zehn Fuß weit auseinander. Außerdem waren sie dreidimensional perfekt zueinander ausgerichtet; wenn man sich zwischen ihren Spitzen - oder auch ihren Enden – Verbindungslinien dachte, erhielt man die Figur eines Würfels. Offenbar erfüllte diese Konfiguration einen bestimmten Zweck, der ihm, Mahtobu, momentan jedoch verborgen blieb.
Nun, er war ein Krieger. Um das alles hier zu erforschen, waren die Techniker und Wissenschaftler seines Teams da.
Seine Aufgabe bestand inzwischen darin, geeignete Soldaten – oder vielleicht sogar Zivilisten – für diese Mission zu suchen, zu schulen und vorzubereiten, sofern man einen Menschen für das hier überhaupt schulen und vorbereiten konnte.
Wenigstens in einem Aspekt standen die Aussichten für die Mission besser als zunächst angenommen. Was Mahtobu nämlich nicht gewusst hatte, war die Tatsache, dass das deutsche Volk am Ende des 20. Jahrhunderts statistisch gesehen der Weltmeister im Verreisen gewesen war. Demzufolge hatten sich sehr viele Menschen am Tag des Jüngsten Gerichts, dem Zeitpunkt des nuklearen 'Wipeouts', überall auf der Welt auf Urlaubsreisen befunden, da schließlich August und somit Hauptsaison für Ferienreisen gewesen war.
Ein altes Ehepaar, das seit der Katastrophe in den südlichen afrikanischen Ländern gelebt hatte, war hierher unterwegs, um sich als Sprachlehrer zur Verfügung zu stellen. Sie kamen dem Vernehmen nach aus Hannover, einer Stadt im Norden des Landes und der Gegend, wo damals das reinste Deutsch ohne bestimmten Dialekt geredet worden war, wie sie bei ihrem ersten Funkgespräch mit Mahtobu betont hatten. Das war sehr günstig, denn so würden sich die Personen, die sie zurücksenden wollten, relativ ungezwungen miteinander unterhalten können, ohne den Eindruck zu erwecken, sprachlich aus einer bestimmten Region zu stammen, was wiederum peinliche Fragen neugieriger Aussenstehender nach sich ziehen könnte.
Bislang hatten sich fünf junge Menschen gemeldet, die für die Mission in Frage kommen könnten und auch tatsächlich über rudimentäre Deutschkenntnisse verfügten. Und nur drei von ihnen kamen aus dem Gebiet der USA, was den afrikanischen General wieder in Erstaunen versetzte. Er hätte nie geglaubt, dass sich die Sprache dieses Volkes von nicht einmal einhundert Millionen Menschen, deren Mutterländer im Krieg völlig ausradiert worden waren, über drei Jahrzehnte lang in dieser Form, nämlich gesprochen einzig von wenigen über die ganze Welt verstreuten Individuen, noch ernsthaft am Leben erhalten hätte. Gut für ihn, dass er sich nun eines Besseren belehren lassen konnte.
Er wusste noch nicht, wie viele sie zurückschicken würden, er wusste nur, dass es nicht einer allein sein würde. Die Gefahr eines Versagens war einfach zu groß. Aber das würde sich beim Training der betreffenden Personen zeigen. Sie hatten den Vorteil, dass sie nun, da der Krieg gewonnen war, alle Zeit der Welt hatten, um ihn mit diesem Eingriff ungeschehen zu machen.
In der Zwischenzeit, so hoffte er, würden die Informatiker noch mehr relevante Daten über den Erfinder des ZVA-Effektes zusammentragen können, was die Mission sicherlich erleichtern würde.
In diesem Punkt täuschte Mahtobu sich.
Der Zentralrechner der Anlage hatte alle Daten von Belang für diese Mission auf ein eigens dafür ausgewähltes Modul gespeichert, das ein T-880 im WRITE-Modus dann entnommen und zerstört hatte. Es gab keine Spuren, keine Pfade, keine überschriebenen Dateien mehr, die wieder hergestellt werden konnten. Skynet war sich der Wichtigkeit der Geheimhaltung in diesem Punkt vollauf bewusst gewesen.



Greenwich Village, Manhattan Island, New York City, USA                   29. März 1985

Es war ein eiskalter Wintermorgen in New York, als CSM 108-1 aus der U-Bahnstation West 4th Street in der Nähe des Washington Square ins Freie trat. Eine der berüchtigten polaren Kaltfronten hatte den ersten Hauch von Frühling vertrieben, zwar nicht mit Schnee, aber mit Temperaturen von höchstens zwanzig Grad Fahrenheit. Das Dumme am nordamerikanischen Kontinent ist, dass sämtliche großen Gebirgszüge von Nord nach Süd verlaufen und sowohl extrem kalte Polarluft im Winter als auch extrem heiße subtropische Luft vom Golf von Mexiko im Sommer ungehindert tief ins Gebiet der USA einströmen lassen und so viel extremeres Wetter ermöglichen als beispielsweise in Europa, wo von West nach Ost verlaufende Gebirge als natürliche Luftmassenbarrieren dienen und ein gemäßigteres Klima ermöglichen.
Die Sonne würde bald aufgehen und ihr grelles Licht durch die trüben Nebelfetzen hindurch brennen, die den Himmel noch verschleierten und grau einfärbten. Er wollte bis dahin in einem der großen Einkaufszentren sein, Barnes & Noble, und dort den Tag im geschäftigen Gewimmel der Menschen verbringen. Wie immer war er ein paar Blocks vor seinem eigentlichen Ziel ausgestiegen und ging den Rest des Weges zu Fuß, um sich nach potentiellen Verfolgern umsehen zu können. Schließlich war er trotz allem noch immer ein Terminator und Vorsicht beim Bewegen in offenem Gelände war eine seiner Grundprogrammierungen. Ganz gleich, wie viele neue Subroutinen und Verknüpfungen sein lernender Hauptprozessor noch bilden mochte, seine Basisfunktionen konnten davon nicht überlagert werden. Es lag sozusagen in seiner Natur, dachte er mit einem flüchtigen ironischen Grinsen.
Mittlerweile ging er auf den ersten Blick ohne weiteres als Amerikaner durch, wie er so Block für Block der Washington Square South entlang der New York University nach Osten folgte. Gekleidet war er wie ein ganz normaler Durchschnittsbürger, der zwar der breiten Unterschicht angehört, aber sich dennoch das eine oder andere leisten kann und den Tag auch mal frei nehmen und durch einen mall schlendern kann, wenn er Lust dazu hat. Er hatte sich einige Dinge zurechtgelegt, falls er doch einmal in einem zwanglosen small-talk nach seinem Beruf gefragt würde. Die Bevölkerung pflegte gern ein wenig mit fremden Menschen zu plaudern, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab. Es war stets eine freundliche, aber sehr oberflächliche Unterhaltung, von der der Betreffende nach einer Stunde wahrscheinlich schon wieder alles vergessen hatte. CSM 108-1 kam diese Mentalität sehr entgegen, bot sich ihm doch auf diese Weise oft die Gelegenheit, seine Glaubwürdigkeit bei der Konversation mit Menschen zu erproben und weiter zu entwickeln. Es gab bestimmt kein besseres Land als die USA, um nach und nach unauffällig durch Informationsaufnahme zum Menschen zu werden, befand der Cyborg und grinste zufrieden vor sich hin.
Er hatte keinerlei Probleme gehabt, ein etwas großzügigeres leerstehendes Apartment in Chelsea zu finden. Es war ein nettes kleines Haus im Viktorianischen Stil in der 28. Straße, direkt gegenüber des Chelsea Park. Er wusste zwar noch nicht genau, was er mit den drei kleinen Zimmern, eines davon mit einem altertümlichen Erker in den kleinen Vorgarten zur Straße hinaus, anfangen würde, aber andererseits wollte er ja nur eine begrenzte Zeit lang hier bleiben. Er glaubte, dass er der alten Vermieterin, die haarklein so aussah, wie sich der US-Bürger die typische nette Großmutter vom Land vorstellte, mit Brille, rosigen Wangen und einem grauhaarigen Dutt, sogar sympathisch gewesen war.
An einem nahegelegenen Zeitungsstand blätterte er mehrere Magazine der verschiedensten Couleur durch. Es war einer der typischen Großstadtversionen eines Kioskes, der aus einer länglichen Bretterbude ohne große räumliche Tiefe bestand, die einfach auf der Vorderseite aufgeklappt wurde und von oben bis unten mit nichts anderem als einem Wust aus Lesewaren vollgestopft war. CSM 108-1 warf auf jede Seite der zufällig aufgegriffenen Hefte einen flüchtigen Blick, genau so lange, wie ein Durchschnittsmensch braucht, um zu erfassen, was sich auf dieser Seite befindet, ohne jedoch etwas davon zu lesen. Man hätte höchstens die Überschriften oder Bilder betrachten können, während er den Inhalt fotografisch erfasste und in seiner CPU verarbeitete. So ging er etwa ein Dutzend Magazine für Haushalt, Fitness, Automobile, Weltgeschehen und Kinofilme durch, bis der Verkäufer, ein älterer hagerer Asiate, ungeduldig zu werden schien.
Es war immer das gleiche Spiel: Kurz bevor er CSM 108-1 dazu auffordern konnte, entweder etwas zu kaufen oder zu gehen, griff dieser sich eine dicke Tageszeitung oder ein teures Fachblatt und bezahlte den grimmigen, aber doch schweigenden Verkäufer, der froh war, dass dieser lästige Kunde wenigstens etwas erstanden hatte – vier von fünf Leuten gingen nämlich in einer solchen Situation, ohne etwas zu kaufen.
Dann kam er zum Eingang des weitläufigen, mehrstöckigen Einkaufszentrums, das zwar rund um die Uhr geöffnet hatte, aber um diese frühe Stunde nur spärlich besucht war.
Der uniformierte Wachmann eines privaten Sicherheitsdienstes würdigte ihn beim Betreten der vollklimatisierten hohen Eingangshalle keines zweiten Blickes. Warum auch? Sein Äußeres war nach psychologischen Gesichtspunkten speziell dafür ausgewählt, unaufdringlich und freundlich zu wirken, ohne dem Betrachter allzu lange im Gedächtnis zu bleiben. CSM 108-1 war sich sicher, dass seine Vermieterin, Madame Bouvier, nicht einmal mit Hilfe eines Phantomzeichners der Kriminalpolizei ein brauchbares Bild von ihm würde erstellen können, falls sie dazu aufgefordert werden würde. Sein unauffälliges Erscheinungsbild war die beste Defensivwaffe, die er in dieser Welt besaß.
Nachdem er die Eingangshalle mit dem Springbrunnen und den in fassgroßen Töpfen aufgestellten Palmen gemächlich durchquert hatte, kam er zu einem Café, das er nach kurzem ‚Überlegen’ betrat. Von innen entpuppte es sich als das, was er als ‚Sportsbar’ kennen gelernt hatte. Die Wände waren getäfelt, die Sitzbänke mit rotem Kunstleder überzogen und die Tische aus dunklem Holz – er machte sich nicht die Mühe, in seinen Datenbanken zu ermitteln, um welche Sorte es sich handelte, da er diese Information für irrelevant einstufte. Obwohl das Café nur zu einem Drittel mit Gästen besetzt war, lief die junge, vollschlanke Bedienung mit mausgrauer Kurzhaarfrisur und einem vollwangigen, verkniffenen Gesicht dreimal an ihm vorbei, bevor sie ihn überhaupt wahrnahm. CSM 108-1 bestellte einen Donut und einen Kaffee und dachte daran, dass es nicht immer nur von Vorteil war, auf die Menschen um ihn herum einen unauffälligen Eindruck zu machen. Allerdings musste er das wohl in Kauf nehmen, da es immerhin ein primärer Missionsparameter war, nur zu beobachten und so wenig wie möglich aktiv mit dieser Epoche zu interagieren. Er erhielt seine Bestellung von der Bedienung, die ihn kaum eines zweiten Blickes würdigte.
Die Nahrungsaufnahme war ein Konzept, das ihm im großen und ganzen keine Probleme bereitete, nur dass er die Menge an Essen stark einschränken musste. Sein Verdauungstrakt war winzig klein im Vergleich mit dem eines Menschen, nach einer normalen Mahlzeit war er restlos gefüllt und musste erst wieder völlig entleert werden, bevor er erneut irgendetwas essen konnte. Da die Menschen jedoch die lästige Angewohnheit hatten, ständig etwas zu sich zu nehmen, wenn sie an öffentlichen Orten wie Bars, Cafés, Restaurants oder ähnlichen Orten waren, musste er sich das wohl oder übel auch angewöhnen, wenn er längere Zeit an einem Ort bleiben wollte, ohne aufzufallen.
Und da das einer seiner Missionsparameter war, blieb ihm keine andere Wahl.
Glücklicherweise musste er keinen Gedanken an den Nährwert der Speisen und Getränke verschwenden, da er das meiste ohnehin nahezu unverdaut wieder ausschied und sein Organismus praktisch 'im Vorbeigehen' das Wenige, was er brauchte, aus der Nahrung aufnahm. Er hätte einen einzigen Cheeseburger essen können, um seinen Körper für zwei Wochen mit genügend Kohlenhydraten, Eiweiß, Fett und Ballaststoffen versorgen zu können. Doch auf diese Weise war es eben 'menschlicher'.
So saß er also im Café an einem kleinen Einzeltisch an der Schaufensterscheibe, die Zeitung vor sich aufgeschlagen und die vorbeieilenden Leute über den Rand des Blattes hinweg beobachtend. Dabei berechnete er, wie lange er hier noch Informationen sammeln und verarbeiten sollte, bis es sicher genug für ihn war, unerkannt nach Europa zu reisen. Das Wichtigste war für ihn momentan, so viele Daten wie möglich über kulturelle Gegebenheiten der europäischen Länder zu sammeln, wie es ihm möglich war, um besser vorbereitet zu sein. Er hatte sich hier zwar recht gut eingelebt, aber die Unterschiede zwischen Amerika und Europa waren beträchtlich nach dem, was er an Informationen in seinen Datenbänken hatte und bisher zusätzlich erfahren hatte.
Und es war gar nicht so einfach, überhaupt etwas zu erfahren. Die US-Amerikaner sind ein sehr egozentrisches Volk, das vor allem in ländlichen Regionen höchstens noch durch absolute Unwissenheit darüber, was im Rest der Welt vor sich geht, glänzen kann. Für sie war das Rom, von dem sie schon einmal gehört hatten, eine Kleinstadt im Hinterland von New York und von der Tatsache, dass auch in europäischen Ländern schon 'uramerikanische' Errungenschaften wie das Farbfernsehen oder elektrische Herde eingeführt waren, hatten sie bisweilen keine Ahnung. Das einzig Europäische, das sie vielleicht kannten, waren deutsche oder schwedische Automobile. Und auch dann noch waren sie überzeugt davon, dass man in Deutschland mit Pferdefuhrwerken über unasphaltierte Straßen fuhr, zum Mittagessen Weißwurst und Bier zu sich nahm und anschließend einen Verdauungs-Schuhplattler in Lederhosentracht aufführte. In Schweden hingegen fuhr man mit Rentierschlitten, schließlich lag dort im Norden immer Schnee und es gab gar keine Straßen. Ab und zu schoss man sich einen Elch und räucherte das Fleisch zum Essen, wenn es nicht nur ständig – ebenfalls geräucherten – Lachs geben sollte.
Ja, die Entscheidung, in der Großstadt zu leben, war richtig gewesen, befand CSM 108-1 wieder einmal. Wenigstens bekam er hier ein erträgliches Minimum an Informationen über Länder wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die Schweiz. Er konnte Zeitschriften in der Landessprache kaufen, Magazine oder Bücher. So konnte er sich zumindest ein bisschen auf das vorbereiten, was ihn erwarten würde.



Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                   28. Februar 2030

Die Klasse sah so friedlich aus, wenn er sie vom anderen Ende der Montagehalle aus betrachtete. Die Produktionsstraße war demontiert worden, um Platz zu schaffen für den provisorischen Ausbildungsraum, der zwar nur ein Drittel der Halle ausfüllte, aber nichtsdestotrotz seinen Zweck voll und ganz erfüllte.
In den vergangenen Monaten seit der Eroberung der Maschinenfestung hatten sie sich hier sozusagen häuslich eingerichtet. General Connor war noch vor Weihnachten hier gewesen, hatte sich alles von Mahtobu und den relevanten Technikern ausführlich darlegen lassen, was sie herausgefunden hatten, und dann entschieden, was zu tun war.
Sie waren übereingekommen, alle Anwärter für die Mission hierher zu bringen und direkt vor Ort auszubilden und vorzubereiten. Insgesamt waren es zwölf junge Männer und Frauen, noch halbe Kinder in seinen Augen, aber alle lernten gewissenhaft und trainierten geradezu verbissen für ihre Aufgabe. Sie wussten, dass wohl nicht alle von ihnen gehen würden, aber dass die besten von ihnen vielleicht über das Schicksal der Menschheit entscheiden würden.
Und dass sie nie wieder in ihre eigene Zeit würden zurückkehren können. Die Zeitreise bot nur Fahrkarten für Einfache Fahrt an, Rückreisetickets gab es nicht. Und schließlich war die große Hoffnung aller Teilnehmer, dass es die Version der Zukunft, in welcher sie aufgewachsen waren, niemals geben würde.
Mahtobu fühlte sich auf gewisse Weise geehrt, dass John Connor ihm die Leitung der Mission hier übertragen hatte. Er war mit so vielen Aufgaben beim Neuaufbau der weltweiten menschlichen Gesellschaft beschäftigt, dass er seiner alten Militärgarde gern solche Aufgaben übertrug. Sie konnte neben solchen Dingen wie diesem Projekt das Aufspüren und Vernichten der letzten Unterschlüpfe der Maschinen durchführen, während Connor sich etwa der Gründung des Rates der Vereinten Menschheit widmete.
Mahtobu hatte inzwischen alle Personen organisiert, die das nötige Wissen besaßen oder vermitteln konnten oder beides, um nach einer kurzen Eingewöhnungsphase das Leben als Student an der Universität in Freiburg im Breisgau, wie der vollständige Name des Zielortes war, aufnehmen zu können. Dabei wurden sie auch von mehreren alten Menschen geschult, die am Tag des Jüngsten Gerichtes gerade Studenten an der betreffenden Universität und auf Reisen in irgendwelchen abgelegenen Winkeln der Erde waren, wo sie den Holocaust überstanden hatten. Sie erinnerten sich wie alle Menschen, die vor Anbeginn der neuen Zeit erwachsen gewesen waren, glasklar an sehr viele Einzelheiten und Ereignisse aus der alten Zeit, sodass sie detailliert erzählen und berichten konnten.
Eine von ihnen war eine Frau von 56 Jahren, sehr dünn und mit eingefallenen Wangen, ihr leicht aristokratisch wirkendes Gesicht mit den hoch angesetzten Wangenknochen gezeichnet von drei Jahrzehnten Entbehrungen und Überlebenskampf. Ihre silbergrauen Haare waren zum Pferdeschwanz gebunden und ihre ungewöhnlich hellen braunen Augen zeigten eine Spur Verbitterung. Mahtobu glaubte jedoch nicht, dass dies die Folge des harten Schicksals war, das sie wie alle anderen Menschen auch hatte erleiden müssen. Er war ein ausgezeichneter Menschenkenner und würde ohne Zögern eine Wochenration dafür verwetten, dass sie diesen Anflug von hochmütig wirkender Entrücktheit schon vor dem Krieg gehabt hatte.
Diese Frau war ein absoluter Glücksgriff gewesen. Sie hatte in Freiburg Mineralogie, Geochemie und Biochemie studiert und konnte damit Fachwissen weitergeben, welches es ermöglichen konnte, die ausgebildeten Kandidaten in direktem Umfeld des Erfinders des ZVA-Effektes platzieren zu können. Sie besaß ein ausgezeichnetes Gedächtnis, sodass sie nur wenig Lehrmaterial benötigte, um den Schülern das elementare Wissen in diesen Fächern zu vermitteln, obwohl sie zum Zeitpunkt des Holocausts noch am Anfang ihrer Studienzeit gestanden hatte.
In den Pausen erzählte sie oft und gern von dem Campus der Albert-Ludwig-Universität, der Stadt und dem schönen Leben, das man dort als Student geführt hatte. Im Laufe ihres Lebens hatte sie wohl eine ungewöhnliche Begabung dafür entwickelt, ihre Erzählungen so lebhaft und eindrücklich zu schildern, dass alle sich um sie scharten und alles andere vergaßen. Wie Mahtobu erfahren hatte, war sie stets in den Ruinen und Schlupflöchern geblieben, ohne sich jemals an den Kämpfen zu beteiligen oder auch nur jemals eine Waffe anzufassen. Statt dessen hatte sie sich immer gewissenhaft um die Kinder gekümmert, sie umsorgt und ihnen mit ihren Geschichten aus einer besseren Welt Hoffnung und Mut gemacht. Das sah sie als ihren Beitrag für das Gemeinwohl an; im Übrigen hatte sie sich auf der Stelle gemeldet, als der Aufruf kam, mittels dem Ausbilder für diese Mission gesucht wurden. Sie war damals gerade im Nordwesten der USA in einem entlegenen Gebiet gewesen, als Skynet die Raketen auf die ehemaligen Sowjetstaaten abgefeuert hatte. Danach war sie nie wieder in ihrer Heimat gewesen. Wozu auch? Mitteleuropa war damals ein sehr dicht besiedeltes Gebiet gewesen, was viele Volltreffer für strategische Mittelstreckenraketen bedeutet hatte. Es hatte nichts mehr für sie gegeben, zu dem sie hätte zurückkehren können.
Geschweige denn die Möglichkeit dazu.
Nach dem Atomkrieg waren Transatlantikflüge sehr plötzlich äußerst rar geworden.
Als die Stunde zu Ende war, kam sie auf ihn zu, machte jedoch keine Anstalten stehenzubleiben, sodass er sie ansprechen musste. „Miss Bochner?“
„Ja, General?“ Mit dem gleichen Unwillen sah sie ihn an wie er sie; offenbar war heute nicht ihr Tag. Wieder einmal. Die Frau war sehr wichtig für sie, aber es war nicht sehr leicht, als Erwachsener mit ihr umzugehen.
Behutsam begann er: „Ich soll mich nur erkundigen, wie der Stand der Dinge ist. Machen die Kandidaten Fortschritte? Sind gewisse Begabungen bei ihnen zu erkennen?“
„Kandidaten!“ Sie spie das Wort förmlich aus. „Das hier ist kein Quiz des Todes, Mister Mahtobu. Und die Kinder sind allesamt sehr begabt und wissbegierig; ich kann Ihnen jedoch noch keine Favoriten nennen, was Ihr Himmelfahrtskommando angeht.“
Mahtobu nickte dem aus Hannover stammenden Ehepaar Jenssen, das nun Deutsch unterrichtete, auf dem Gang zu, als sie ihnen auf ihrem Weg zur Klasse begegneten. Er ignorierte geflissentlich, dass sie ihn mit ‚Mister’ angeredet hatte, was für einen Soldaten eine bewusste Beleidigung darstellte. „Ich bitte Sie, Miss, wir schicken sie doch nicht in den sicheren Tod! Es sind alle freiwillig hier und sie sind auch längst keine Kinder mehr.“
„Ja, nur weil ihr Militärs jedem Halbwüchsigen ein Gewehr in die Hand drückt, der eines tragen und abfeuern kann, nennt ihr sie ausgewachsen. Außerdem werden sie niemals zurückkommen, oder habe ich das falsch verstanden?“ Sie funkelte ihn an. Mein Gott, dachte er ergeben, sie war schwierig.
„Das stimmt schon, aber nur, weil wir sie nicht aus der Vergangenheit zurückholen können. Wir sind uns der Problematik bewusst, aber dies ist eine wirklich einmalige Chance. Wenn sie Erfolg haben, machen sie vielleicht alles ungeschehen.“
„Nur dass wir davon nichts haben werden“, gab sie schnippisch zurück.
„Herrgott, das können wir nicht wissen! Genauso gut kann das alles hier aufhören zu existieren, sobald sie in der Vergangenheit sind und beginnen, das Schicksal der Welt zu ändern. Sie wären die einzigen, die sich noch an den Krieg erinnern könnten, so wie ein böser Albtraum einer düsteren Zukunftsvision. Sie könnten sich nach Beendigung ihrer Mission ein neues Leben in einer intakten Welt schaffen.“ Mahtobu war es nicht mehr gewohnt, dass man in einem solchen Ton mit ihm sprach, wie es sich diese Zivilistin herausnahm, und musste sich sehr beherrschen, um nicht die Stimme zu erheben.
„Wenn Sie das sagen ... wenigstens jagen Sie nicht alle durch den Fleischwolf, sondern nur die besten von ihnen.“ Ihre Stimme troff vor Hohn. „Der Rest kann uns solange helfen, die neue Gesellschaft aufzubauen, die dann Ihrer Meinung nach doch nicht existieren wird.“ Sie ging weiter und ließ ihn stehen. Er sah ihr nach und versuchte einen Wutausbruch zu verhindern, der ihrer Beziehung nur unnötig schaden würde. Sie war fünf Jahre jünger als er und hatte sich immer schön vornehm aus der Schusslinie herausgehalten, während er in vorderster Front seinen Kopf für sie hingehalten hatte. Was glaubte sie eigentlich, wer sie war?
Langsam, um sich Zeit zum Beruhigen zu geben, holte er sie ein. „Bitte, Miss Bochner, was soll ich jetzt John Connor über unseren Status sagen?“
Sie blieb stehen, wandte sich zu ihm um und sah ihm tief in die Augen, seinen Blick erwidernd. In diesem Moment verrauchte seine Wut mit einem Schlag spurlos. Wie aus weiter Ferne hörte er sie sagen: „Teilen Sie dem General mit, alle Schüler machen gute Fortschritte, sind sehr aufnahmefähig und hochintelligent. Und wenn Sie ihnen ein paar Pausen mehr gönnen bei Ihrer Schinderei, hätte ich mehr Zeit, ihnen von damals zu erzählen. Leider unterschätzen Sie den taktischen Wert dieser Informationen, die ich den Kindern auf diese Art vermittle, völlig. Für sie ist es wie eine Belohnung für gute Leistungen beim Lernen. Wenn ich die Zeit zum Erzählen hätte, die ich bräuchte, könnten sie jeden einzelnen von ihnen in zwei Monaten zurückschicken, und zwar mit einer Einkaufsliste, die sie in Freiburg problemlos in kürzester Zeit erledigen würden. In einer großen Stadt, die seit Jahrzehnten nicht mehr existiert.“
Mahtobu starrte sie fassungslos an, bis sie fragend eine Augenbraue hochzog. Mühsam brachte er hervor: „Ich werde John vorschlagen, ein paar naturwissenschaftliche Fächer und das Kampftraining um eine Stunde pro Woche zu kürzen und dafür ‚Missionsspezifische Geschichtskunde und Kultur’ einzuführen.“
Ihre Mundwinkel hoben sich ein wenig. „Sehen Sie, es geht doch! Wenn Sie wollen, können Sie ja ganz vernünftig sein, mein lieber General.“
Und schon war sie um die nächste Ecke verschwunden. Was sollte er nur mit ihr anfangen? Ihm fiel ein altes Filmzitat aus einem Science-Fiction-Epos ein, auf das er in seiner Jugendzeit total versessen gewesen war. Unwillkürlich musste er ein wenig lächeln, als ihm aufging, wie sehr dieser Spruch hier zutraf.
Entweder bringe ich sie um, oder ich verliebe mich noch in sie.



John F. Kennedy Int’l Airport, New York, USA                           10. August 1985

Er hatte es satt. CSM 108-1 behagte die Sommerhitze in New York überhaupt nicht, denn auch dafür war er nicht konstruiert worden. Terminatoren waren in der Kälte des postnuklearen Winters zuhause, nicht in der glühenden Hitze der Häuserschluchten, deren Straßen von der Sonne aufgeheizt wurden und durch die zusätzlich die tropische feuchte Warmluft direkt vom Golf von Mexiko waberte. Sein Organismus hatte zwar keine Probleme damit, außer dass er ein wenig mehr Flüssigkeit trinken musste, da sein Körper auch schwitzte – schließlich musste alles echt wirken –, doch ihm behagten die hohen Temperaturen bis zu einhundert Grad Fahrenheit trotzdem nicht. Und ohne Sonnenbrille konnte er nicht einmal ins Freie gehen, da er beinahe blind war in der gleißenden Mittagssonne.
Zudem befand er manche sozialen Kontakte als äußerst unangenehm. So hatte er beispielsweise einiges über spezielle menschliche Verhaltensmuster gelernt, die trotz aller taktischer Wahrscheinlichkeitsprogramme in seinen Subroutinen nur schwer vorhersehbar waren. Seine erste Begegnung mit einem bettelnden Obdachlosen, der ihn um Geld bat und dem er sein Kleingeld überlassen wollte, um eine neue soziale Interaktion mit finanziell minderbemittelten Individuen zu erfahren, endete damit, dass dieser ihm seine Brieftasche entriss und damit flüchtete, sobald CSM 108-1 sie gezückt hatte.
Gut, er hatte ihn nach zwölf Metern eingeholt und mit einigem Nachdruck darauf bestanden, seine Börse zurückzuerhalten. Aber dafür gab er jetzt keinem Bettler mehr Geld, sondern ignorierte sie fortan vehement.
Nur eine Woche später wurde er in einer Seitenstraße mitten am Tag überfallen. Der Angreifer hatte nur ein Messer, weshalb CSM 108-1 beschloss, gemäß seinem primären Missionsparameter, nicht aufzufallen, schlicht und einfach Fersengeld zu geben. Er rannte so schnell davon, dass er schon die nächste Straßenecke erreicht hatte, bevor der Räuber sich von seiner Überraschung erholt hatte. Ihm blieb nichts weiter, als bar jeden Verständnisses auf die ein Zoll tiefen Fußabdrücke in einem Abstand von acht Fuß zueinander im Pflaster zu starren, die ein dreihundert Pfund schwerer Terminator in vollem Lauf hinterlassen hatte.
Später wunderte sich niemand weiter über diese Kuriosität; dies war schliesslich New York
Die Stadt war jedoch ziemlich gefährlich; die nächsten Strassenräuber waren sämtlich mit einer Handfeuerweaffe bewehrt gewesen, was Entzug durch Flucht ausschloss. So kam es, dass CSM 108-1 nach mehreren Monaten einen gebrochenen Oberkiefer, Oberschenkel und eine zertrümmerte Kniescheibe auf seinem ‚Konto’ hatte. Seine Subroutinen beinhalteten ein fest vorgegebenes Verteidigungsverhalten, wenn er erst einmal ‚in die Enge’ getrieben worden war, doch eigentlich war es ihm zuwider, diese Menschen zu verletzen, nur weil sie ihm seine potentielle Habe mit körperlicher Gewalt oder Waffeneinsatz abnehmen wollten. Es waren Menschen wie sie, die die Straßen der Großstädte unsicher machten und die Ängste derjenigen schürten, die in mittelbarer Folge daraus in ihrer Paranoia schließlich Skynet entwickeln würden.
Deshalb hatte er befunden, dass die Zeit für ihn gekommen war, sein eigentliches Zielgebiet anzuvisieren. Er war nun schon über ein Jahr auf diesem Kontinent und hätte eigentlich schon vor Monaten nach Europa überwechseln können, wollte jedoch absolut sicher sein, dass er als Mensch durchgehen würde. Der Transfer war schließlich keine Selbstverständlichkeit und barg durchaus ein gewisses Risiko in sich.
Er hatte wieder einmal diverse Optionen gegeneinander abgewogen und sich dafür entschieden, zunächst nach London zu fliegen. Als US-Bürger war das noch eine der unproblematischsten Möglichkeiten, auf dem europäischen Kontinent Fuß zu fassen. Er hatte bereits sein Gepäck – seine schwarze Sporttasche – aufgegeben, eingecheckt und im Vorbeigehen die Wohnungsschlüssel seines Apartements in einen Abfalleimer geworfen. Auch dort hatte er wieder nur Dinge ohne persönlichen Wert, die er wahllos, wenn auch nicht ganz so wahllos wie in Kanada, zusammengekauft hatte, zurückgelassen. Seinen ursprünglichen Ausweis besaß er schon lange nicht mehr. Inzwischen hatte er statt eines kanadischen einen gefälschten US-Reisepass auf den Namen David S. Compton, den er nach der Ankunft in England vernichten würde. Einen zweiten, gut versteckten Reisepass auf einen anderen Namen hatte er in seinem Gepäck. Es war schon erstaunlich, was man mit dem nötigen Kleingeld alles erwerben konnte.
Die größte Hürde aber befand sich unmittelbar vor ihm.
Skynet war sich absolut sicher gewesen, dass das neue Chassis der Serie 880 in diesem Punkt den Anforderungen genügen würde. Nun, gleich würde er es sehen. Mit gleichgültiger und gelangweiter Miene händigte er einem Zollbeamten seinen Ausweis aus, der ihn sich sorgfältig ansah und ihm Fragen über Grund und Dauer der Reise stellte, welche er einsilbig mit gepresster Stimme beantwortete wie viele Leute, die nicht oft reisen und beim Zoll nervös sind, obwohl sie eigentlich keinen Grund zur Sorge haben müssten.
Dann machte er einen großen Schritt nach vorne, durch den Metalldetektor hindurch.
Keine roten Lichter, keine Warntöne.
Mit zufriedenem Lächeln nahm CSM 108-1 seine Papiere vom Zöllner zurück. Ihm kam kurz die Idee, dass er sich ja auf das Fließband für das Handgepäck hätte legen können, das durch ein Röntgensichtgerät durchlief. Die Zöllner wären sicher aus allen Wolken gefallen, wenn sie seine interne Struktur zu Gesicht bekommen hätten. So aber war er auf dem Weg nach Europa, ohne weiter aufgehalten zu werden.
Er schlenderte zur Wartehalle für den Pan Am-Flug nach London. Das Flugzeug, eine Boeing 747-121, war bereits an den Andockkragen des Terminals heranmanövriert worden und durch die großflächigen Panoramascheiben der Wartehalle, die auf das Flugfeld hinausgingen, sichtbar. Mit einigem Erstaunen nahm er die Bezeichnung der Maschine wahr: N739PA. In zwei Jahren, kurz vor Weihnachten, würde genau dieses Flugzeug auf dem Rückflug von London über dem schottischen Ort Lockerbie von Terroristen mit einer an Bord geschmuggelten Bombe gesprengt werden. Dabei würden ungefähr 270 Menschen sterben. Er wusste das, weil es für ihn nicht mehr als ein geschichtliches Faktum in seinen Datenbänken war, aber um ihn herum ahnte niemand etwas davon, dass es diese Maschine bald nicht mehr geben würde.
Terroristen. Kein Wunder, dass die Menschheit untergehen musste ...
Faszinierenderweise beschlich ihn beim Besteigen der Kabine der Economy-Klasse doch ein ungutes ‚Gefühl’, dessen Ursprung er nicht genau identifizieren konnte. Das mussten die pseudo-neuralen Verbindungen in seinem Prozessor sein, die ständig neu gebildet und weiter miteinander verflochten wurden, seit er im WRITE-Modus agierte. Zur Sicherheit beschloss er, eine längere Systemabschaltung während des Fluges vorzunehmen und eine Diagnose sämtlicher Schaltkreise vorzunehmen. Für seinen Platznachbarn würde das wie ein etwa einstündiges Nickerchen aussehen. Gut auch für ihn, dass die Portionen auf solchen Flügen immer mäßig bemessen waren, sodass er nicht allzu häufig zur Stoffwechselendprodukt-ausscheidung würde gehen müssen.



Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                      7. Juli 2030

Karin Bochner verließ die Unterrichtshalle und strich sich in einer Geste der mentalen Erschöpfung über die Stirn. Die letzten Monate hatten an ihren Nerven und an ihrer Substanz gezehrt, aber sie war mit der Herausforderung gewachsen. Ihre Schüler hatten hart gearbeitet und ihr Bestes gegeben, doch natürlich hatte sich nach einiger Zeit allmählich herauskristallisiert, wer besser geeignet war. So war ihre ‚Klasse’ auf jetzt noch acht Kandidaten zusammengeschrumpft und Mahtobu erwartete unter anderem auch von ihr eine weitere Empfehlung, wer das Rennen machen könnte.
Nein, korrigierte sie sich mit einem ironisch hochgezogenen Mundwinkel, der alte Schinder erwartete vor allem von ihr ein Urteil über den nächsten, der ausscheiden würde. Sie unterrichtete schließlich in den für diese Mission maßgeblichsten Fächern.
„Ihrer Miene nach zu urteilen, denken Sie gerade an mich.“ Karin zuckte zusammen, als seine tiefe Stimme hinter ihr ertönte. Als sie herumfuhr, sah sie ihn im toten Winkel der Tür stehen, mit übereinander geschlagenen Beinen an die Wand gelehnt und überkreuzten Armen. Er hatte ganz offenbar auf das Ende ihrer Stunde gewartet, um sie zu befragen. Insgeheim musste sie ein wenig über seinen Kommentar schmunzeln; sie waren in den Monaten der gemeinsamen Arbeit doch noch warm miteinander geworden, auch wenn sich die Art ihrer Beziehung in ihren Dialogen zumeist in Frotzeleien äußerte.
So antwortete sie dann auch: „Sie scheinen meine Gedanken zu lesen, Mon Général. Sicher wissen Sie auch, was ich konkret gedacht habe?“
„Oh, meine gute Erziehung verbietet mir, dergleichen auszusprechen.“
„Sie sind ja soooo galant. Wo haben Sie nur gelernt, so mit Frauen umzugehen? Ich schmelze ja förmlich dahin.“ Sie konnte sich ein unverschämtes Grinsen jetzt nicht mehr verkneifen.
„Im Buschland von Südostafrika natürlich. Aber das war im alten Leben, vor dem Tag des Jüngsten Gerichtes. Lassen Sie uns doch über etwas anderes sprechen.“ Er strich sich nachdenklich lächelnd über den grauen Bart und schien in Gedanken weit entfernt zu sein.
„Ich bin noch nicht bereit, weitere Schüler auszusondern.“ Resolut verschränkte sie nun gleichfalls die Arme vor der Brust und baute sich in einer trotzigen Abwehrhaltung vor ihm auf.
„Eigentlich wollte ich Sie ja zum romantischen Abendessen einladen, aber diese Gelegenheit scheint jetzt ungenutzt verstrichen zu sein. Aber da Sie es gerade ansprechen ...“ Unter gesenkten Augenlidern hervor musterte er sie scheinbar teilnahmslos.
Sie verspürte einen kleinen Stich in der Brust bei seinen Worten, unsicher ob der Ernsthaftigkeit seines Angebotes. „Vergessen Sie es. Das mit der Nominierung der nächsten Kandidaten. Ich bin zum jetzigen Zeitpunkt nicht bereit, schon wieder jemanden aus dem Programm zu nehmen. Die restlichen acht sind alle so gut, dass sie genauso gut auch alle nehmen könnten.“
„Gut, das vergesse ich also. Und ...“
„Das andere auch. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.“ Sie fuhr herum und rauschte effektvoll davon, Mahtobu blieb ihr jedoch auf den Fersen.
„Warten Sie, Mrs. Bochner. Wir müssen darüber sprechen. Sie wissen das.“
Beim Klang seiner Stimme blieb sie auf einmal stehen. Langsam drehte sie sich um und sah ihn unverwandt an. „Also gut, wir reden.“
„Sie wissen, wir müssen allmählich zu Potte kommen. Sie wissen auch, dass schon viel Zeit verstrichen ist und wir auf der Stelle treten. Wir können uns das nicht mehr leisten, weder Sie noch ich. Kennen Sie meine nächste Frage?“
Sie seufzte. „Ich denke schon.“
„Dann sagen Sie mir doch bitte erst einmal, worüber wir jetzt gerade reden.“ Listig sah er sie an und wartete auf eine Reaktion.
Sie sah an die Decke des Flurs und erwiderte versonnen: „Ich würde sagen ... entweder über die Kandidatenauswahl oder über unser gemeinsames Abendessen. Suchen Sie sich was aus.“
„Punkt für Sie. Und wann können Sie mir Ihre Entscheidung bekannt geben?“, setzte er nach.
„Ich werde darüber nachdenken ... notgedrungen. Sie werden Ihre Antwort eher erhalten, als Sie denken. Zufrieden?“
„Ja, fürs Erste. Aber eines noch ... ich weiß immer noch nicht, worüber wir reden.“ Er grinste sie unverschämt an.
„Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Suchen Sie sich was aus.“ Kokett über die Schulter blickend, ließ sie ihn stehen.
Verdammt, dachte er, worüber hatten sie denn jetzt geredet?



Flughafen Frankfurt/Main, Kelsterbach, Bundesrepublik Deutschland            12. August 1985

„Grund des Aufenthaltes?“
„Holiday... Urlaub. Germany ansehen.“ Der Bundesgrenzschutzbeamte am Einreiseschalter blätterte nochmals flüchtig den gefälschten Reisepass von CSM 108-1 durch, während dieser seine Erklärungen in gebrochenem Deutsch abgab.
„Sie sind nicht direkt von London nach Frankfurt mit Ihrem Flug von Amerika gekommen?“
„Nein, first haben ansehen London fur eine Tag.“ Nun endlich händigte der Zöllner, offenbar überzeugt von der Richtigkeit seiner Angaben, ihm das Dokument aus. Zum einen war es allgemein bekannt, dass US-Amerikaner in ihren knappen Ferien ganz Europa bereisten, am besten jeden Tag ein anderes Land, und wenn man sie konkret fragte, was sie sich angesehen hatten, kam meist nur ein leicht verlegenes: „Oh, whole Europe!“
Und zum anderen war Westdeutschland kein souveräner Staat, sondern vom Status her noch immer unter westlicher Obhut. Amerikaner hatten einen gewissen Status und, eng damit verbunden, gewisse unausgesprochene Privilegien wie etwa beinahe grenzenlose Reisefreiheit in der sogenannten freien westlichen Welt.
„Schönen Urlaub und willkommen in der Bundesrepublik Deutschland, Mister.“ Zum Gruß tippte der kleine korpulente Mann mit dem braunen, struppigen Schnauzbart mit dem Zeigefinger an den Schirm seiner Dienstkappe.
Zufrieden suchte CSM 108-1 das Laufband für das Gepäck auf und wartete geduldig, bis seine Tasche an ihm vorbeirollte. Er hatte vor, erst einmal eine ganze Weile zur Eingewöhnung an die europäische und natürlich deutsche Kultur und Sprache in einer deutschen Großstadt weit weg vom eigentlichen Zielgebiet zuzubringen. Dabei ging es vor allem darum, sich intensiv unter vielen jungen Menschen aufzuhalten, ihre Sitten und Gebräuche, ihren Lebensstil zu erforschen und dann anzunehmen. Im Vorfeld hatte er sich so gut es ging über die zur Wahl stehenden Städte informiert.
Zunächst war sein Augenmerk auf Westberlin gefallen, dann jedoch hatte er aus mehreren Gründen schnell wieder von dieser Möglichkeit abgesehen. Die Stadt war zwar nahezu überfüllt mit jungen Menschen, aber allein aus dem Grund, weil in den Achtziger Jahren nahezu zehntausend junge Männer jährlich in die Stadt zogen, damit sie keinen Wehrdienst bei der deutschen Bundeswehr ableisten mussten. Dieser war es nämlich verboten, hier Truppen zu stationieren, weil Westberlin allein von amerikanischen, britischen und französischen Truppen geschützt wurde, was noch auf den Vier-Mächte-Vertrag, welcher nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges mit der Sowjetunion abgeschlossen worden war, zurückging.
Demnach war für Männer im wehrpflichtigen Alter die einfachste Möglichkeit, um nicht zur Bundeswehr gehen zu müssen, in die ehemalige deutsche Hauptstadt zu ziehen, um sich so dem Zugriff der Streitkräfte zu entziehen. Daraus ergab sich allerdings eine kritische Wohnungsnot in der Stadt, die es erschweren würde, ein geeignetes Wohnobjekt als Ausgangsbasis zu finden.
Auch war es seine Aufgabe, Zugang zu einer gewissen Bevölkerungsschicht zu finden, nämlich jungen Menschen im Studium. Nach Berlin gingen aber vor allem diejenigen, die aus vorgenannten Gründen dem Militärdienst entgehen wollten. Das waren meist die schlichteren Gemüter, denn die intellektuellen Individuen nahmen für gewöhnlich ihr Recht auf Verweigerung des Kriegsdienstes wahr und leisteten dafür Zivildienst in sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Altersheimen, womit für sie die Notwendigkeit eines Umzugs nach Berlin entfiel. Selbstverständlich gab es auch genügend Bildungseinrichtungen wie Universitäten und Fachhochschulen, doch an der Zahl der Einwohner gemessen ...
Zudem lag die Stadt natürlich inmitten der Deutschen Demokratischen Republik, einem sozialistischen Arbeiterstaat, dem demokratischen Westen potenziell feindlich gesonnen, mit drakonischen Sicherheitskontrollen auf allen Einreisewegen, ausgenommen den dem Westen vertraglich zugesicherten Flugkorridoren durch den Luftraum der DDR. Wenn er als Amerikaner dort einreiste, genoss er automatisch eine gewisse Aufmerksamkeit der Behörden und würde keinesfalls die Identität wechseln können, ohne dass sein Verschwinden nicht auffallen würde. Und selbst falls ihm das gelänge und er sich in der Stadt gefälschte westdeutsche Ausweispapiere würde besorgen können, wäre er doch auf das Stadtgebiet von Westberlin beschränkt. Sowohl die sogenannte Sektorengrenze in den sowjetisch verwalteten Ostteil der Stadt als auch die Grenzen zur DDR ringsum waren mit für normale Menschen unüberwindlichen Blockaden in Form von Mauern, Zäunen, Stacheldraht und Minenfeldern abgeriegelt.
Alles viel zu heikel für seinen Geschmack. Naja, in gut vier Jahren würde das Einparteien-Regime kollabieren und den Weg für eine Wiedervereinigung zu einem gesamtdeutschen demokratischen Staat freimachen müssen. Er war zwar wahrscheinlich der einzige, der das zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit wusste, hatte jedoch noch keinerlei Bezug zu dieser Problematik. Ihn direkt ging das nichts an, wie er befand.
Menschen.
Einen Moment lang hatte er gedanklich mit Hannover als Option gespielt, ganz einfach weil dort das reinste Hochdeutsch ohne nennenswerten Akzent gesprochen wird, doch schließlich hatte er sich auf Köln festgelegt. Die Stadt am Rhein war vom Verhältnis ihrer Einwohnerzahl und ihrer Anzahl Studenten her eine der größten Studentenstädte Westdeutschlands. Zwar gab es in und um die Stadt herum einen sehr ausgeprägten, schwer verständlichen Dialekt, doch es zogen so viele junge Menschen aus dem ganzen Land hierher, um die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen, dass mittlerweile ein bunter nationaler und internationaler Kulturenmix entstanden war und sich die verschiedenen Leute auf Hochdeutsch unterhielten, um sich richtig verstehen zu können. Das eigentliche Kölsch hörte man nur noch von alteingesessenen und gebürtigen Kölnern. Somit sollte es ihm ein leichtes sein, sich hier einzugliedern.
Den Rheinländern wurde des weiteren ein freundliches und weltoffenes Wesen nachgesagt, was ihm die Kontaktaufnahme und Interaktion mit vielen Individuen seiner Zielgruppe ebenfalls erleichtern würde. Wenn er noch weiter nachdenken würde, kämen ihm sicher noch weitere Gründe in den Sinn, doch er hatte seine Entscheidung ohnehin schon gefällt.
Er nahm die S-Bahnlinie 9 zum Frankfurter Hauptbahnhof. Als erstes würde er im Bahnhofsviertel in einer Seitenstraße eines der billigeren Hotels aufsuchen, wo man nicht nach Ausweispapieren fragte. Zunächst hatte er gedacht, er bräuchte kein Zimmer, da er nur hier war, weil man in Frankfurt am schnellsten gefälschte Ausweispapiere bekommen konnte, doch dann war ihm aufgegangen, dass er eventuell mehrere Tage würde warten müssen, bis der Lieferant den gewünschten Pass mit Bild und passenden Daten im Ausweis fertigstellen konnte. Deshalb würde er eine unauffällige Basis in Form eines schmuddeligen, billigen Hotelzimmers beziehen. Im Bahnhofsviertel von Frankfurt würde sich die Spur von David S. Compton, wie sein derzeitiger Name als US-Bürger lautete, für die Behörden verlieren. CSM 108-1 hatte sich vergewissert, dass weder in New York, noch in London oder Frankfurt sein Name oder seine Ausweisnummer bei den Zollkontrollen mittels EDV erfasst worden war. Glücklicherweise war dieses System der Reiseverkehrsüberwachung zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht so selbstverständlich wie zum Datum seiner voraussichtlichen Rückreise in die USA im Jahre 1997.
Falls er einmal aus purem Zufall von irgendwelchen behördlichen Organen wie Polizei oder Bundesgrenzschutz beispielsweise auf der Straße, im Auto oder im Zug kontrolliert würde, würde er ein deutsches Ausweispapier, nämlich eben jenes, das er nun anfertigen zu lassen gedachte, vorweisen, um keinen Argwohn zu erregen. Und er selbst würde geflissentlich vermeiden, in jede Art von Kontrolle zu geraten.
Für weitergehendere Zwecke wie das Anmieten einer festen Wohnung oder die spätere Einschreibung an der Universität in Freiburg hingegen würde er als Gaststudent aus den Vereinigten Staaten von Amerika auftreten, womit er einen gewissen Bonus hatte, falls jemandem ungewöhnliches Verhalten an ihm auffallen würde.
In wenigen Tagen dann würde er einen EuroCity-Zug nach Köln nehmen und sich dort erst einmal in Deutschland einleben. Er stieg am Hauptbahnhof aus dem S-Bahnwaggon aus und sah sich in der hohen, trotz vieler Lampen düster wirkenden Halle des Hauptbahnhofes um. Durch den Kopfbahnhof hallten unablässig Durchsagen über Ankünfte, Abfahrten und Verspätungen sowie Suchmeldungen. Hunderte von Menschen gingen über die Bahnsteige und durch die Halle, manche rannten in höchster Eile, um noch einen Zug zu erwischen, andere schlenderten über das Gelände und sahen sich gemütlich die Kioske und Geschäfte an, um die Wartezeit bis zu ihrem Anschluss zu überbrücken. Er sah Familien mit großem Urlaubsgepäck, Paare beim emotionell anrührenden Abschied voneinander und Einzelpersonen ohne irgendwelche Taschen. Obdachlose, die ihre ganze Habe in einer buntbedruckten Einkaufstüte mit sich herumtrugen, und wohlhabende sowie gutgekleidete Geschäftsleute, die mit ihren Aktenkoffern in Händen an ersteren vorbei hasteten, während sie ihre weniger betuchten Mitbürger in der zerschlissenen Kleidung mit der ausgestreckten Hand geflissentlich ignorierten. Gar nicht so verschieden von manchen New Yorker Bus- oder Bahnstationen.
Als er sich dem Eingang näherte, fiel ihm auf, wie tief die Sonne hier stand; sie schien bereits in einem ziemlich flachen Winkel weit in die Bahnhofshalle hinein. Und ihm wurde wieder bewusst, dass man hier in Deutschland nicht ständig mit der typisch amerikanischen, tiefdunklen Sonnenbrille herumlaufen konnte, ohne zwangsläufig aufzufallen. Aber da er sich bereits damit beschäftigt hatte, war ihm schon vor einer Weile eine adäquate Lösung seines Problems eingefallen. Und skurrilerweise war ihm der ‚Einfall’ ausgerechnet bei der Lektüre eines Comicheftes gekommen. Als er dann später einmal in einer renommierten Wochenillustrierten über den nachgewiesenen Effekt gelesen hatte, den dieses Accessoire hatte, war seine Entscheidung gefallen.
CSM 108-1 ging zurück in die Bahnhofshalle und zu der Ladenzeile, wo er das Fachgeschäft vorfand, das er suchte. Er musste nur kurz suchen, bis er ein seiner Meinung nach für diesen zeitlichen Modegeschmack angemessenes Modell im hintersten Warenständer gefunden hatte und es anprobierte. Es passte perfekt.
Gleich darauf kam eine nette junge Verkäuferin mit hellbraunen, hochgesteckten Haaren und himmelblauen Augen, die ihn nachsichtig anlächelte. Bevor sie etwas sagen konnte, merkte er an: „Dieses hier ist wunderbar. Ich möchte es haben, aber ich habe noch einen besonderen Wunsch.“
„Ich fürchte, Sie haben sich da vergriffen, mein Herr. Die Modelle aus dem Ständer da sind eigentlich nur für Bundeswehrangehörige. Mit dieser Ausfertigung hier könnten Sie einen Purzelbaum machen, ohne dass etwas verrutscht.“
Er erlaubte sich, ein wenig Verblüffung zu zeigen, die dann in Begeisterung überging. „Das ist ja wunderbar. Genau so etwas habe ich gesucht. Sagen Sie, könnte ich es trotzdem haben? Ich bezahle natürlich den vollen Preis. Und außerdem ...“
Als er sein Anliegen geschildert hatte, nickte sie verstehend. „Das ist überhaupt kein Problem, mein Herr. Ich denke, wenn diese Empfindlichkeit bei Ihnen wirklich so groß ist, würde ich das Maximum empfehlen; es liegt bei etwa fünfundachtzig Prozent und wird normalerweise nur für den Wintersport in Schnee- und Gletschergebirgen benutzt. Das wird Sie zwar ein hübsches Sümmchen kosten, aber ich denke, eine solch langfristige Investition sollte Ihnen das wert sein.“
„Geld spielt dabei keine Rolle“, bemerkte er und zog seine Diners Club-Kreditkarte heraus. Im selben Moment verzog die Verkäuferin beinahe schmerzhaft das Gesicht.
„Es tut mir furchtbar leid, mein Herr, aber wir akzeptieren nur American Express, Visa und ...“
„Dann ist alles in Ordnung. Einen Moment bitte.“ Rasch steckte CSM 108-1 seine Karte in die Jackentasche. Gleichzeitig sendete er ein bestimmtes Signal an die Karte, worauf sich unvermittelt die Farbe und Musterung der Kreditkarte änderte, gemeinsam mit der Magnetcodierung. Dies war eines der letzten Exemplare an polymimetischer Metalllegierung, die bei der Schaffung des T-1000-Prototypen übriggeblieben war. Die Aufgabe, mit der es programmiert worden war, bewältigte es vergleichsweise mühelos: Nach jeder Inanspruchnahme des bargeldlosen Zahlungsmittels nahm es eine neue Markenidentität, Seriennummer und Magnetcodierung an. Es war mit nahezu 200000 verschiedenen Varianten versehen und behielt lediglich seinen von CSM 108-1 vorgegebenen Namen bei. Die primitiven Sicherheitsmaßnahmen dieser Ära stellten dabei kein Hindernis dar.
„Sehen Sie?“ Zufrieden hielt er nun seine American Express-Karte hoch, worauf sich die Miene der Verkäuferin wieder aufhellte.



Er verließ das Fachgeschäft und wandte sich wieder dem Ausgang zu. Es hatte eine Weile gedauert, aber mit dem Ergebnis war er vollauf zufrieden. Kurz vor der Türschwelle griff er in seine Jacke und zog seine neueste Erwerbung hinaus: eine Brille mit dünnem Metallgestell. Die Gläser waren in der Grundform rechteckig, oben gerade und nach unten hin in mehreren Ecken abgestuft. Sobald er ins Freie trat, fiel Sonnenlicht auf die photosensitiven Gläser, die sich daraufhin dunkel einfärbten. Ja, so konnte er es hier aushalten und auch wenn die Sonne einmal nicht schien und die Gläser transparent wurden, machte ihn die sehr seriös wirkende Brille unauffälliger. Eine praktische Sache, der sogenannte Clark-Kent-Effekt.
Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz sah er sich um. Das war also das angeblich gefährlichste Stadtviertel von Westdeutschland. Nun, jetzt, da er hier stand, war es das definitiv, dachte er und lächelte grimmig vor sich hin. Dann machte er sich auf, um die nächsten Punkte auf seiner Prioritätenliste abzuhaken, unermüdlich und zielstrebig. Jetzt war es später Nachmittag. Hier in der Großstadt im zwielichtigen Milieu konnte er sich vierundzwanzig Stunden am Tag bewegen und auch in den niederen Regionen der Gesellschaft mit den unterschiedlichsten Individuen agieren. So würde er den Großteil der Wartezeit auf seine Papiere verbringen, sobald er seine Operationsbasis in besagtem schmuddeligen Hotelzimmer errichtet hatte, von dem er noch nicht wusste, wo es war, nur dass er sicher eines finden würde.
Bereits in seiner Zeit in Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika, als er noch kaum richtigen Kontakt mit echten Menschen gehabt hatte und seine primäre Informationsquelle das Fernsehen war, hatte er seinen mächtigsten Verbündeten bei der Kontaktaufnahme mit Menschen gefunden. Es handelte sich um die simpel aufgebaute, aber auf den menschlichen Organismus im Allgemeinen und dessen vegetatives Nervensystem im Besonderen höchst erstaunlich wirkende chemische Verbindung Ethanol. Sie wurde in Konzentrationen von bis zu vierzig Volumenprozent und mehr in Form von allen erdenklichen Flüssigkeitsmischungen aufgenommen, bevorzugt in Gesellschaft von anderen Menschen, und war als Genussmittel gedacht.
Für ihn war dabei von höchster Relevanz, dass er zu weit vorgerückter Stunde an Plätzen wie Kneipen oder Bars mit hoher Zuverlässigkeit Individuen antraf, die eine für ihre Verhältnisse hohe oder zu hohe Menge an Alkohol zu sich genommen hatten. Neben den körperlichen Beeinträchtigungen dieser bewusst in Kauf genommenen Überdosierung wurden die Menschen auch sehr arglos und zutraulich, was er bewusst für die Informationssammlung ausgenutzt hatte. So war er des öfteren in meist sehr oberflächlichen oder gar niveaulosen Diskussionen verstrickt gewesen, was ihm zwar viel über die Psyche und das allgemeine Benehmen der Menschen verraten hatte, doch die Ausbeute bei solchen für normale Menschen sicher abenteuerlichen Streifzügen war nicht immer zufriedenstellend. Manches Mal hatte er energisch die Beendigung eines Dialoges mit allzu anhänglichen Personen fordern müssen, welche ihn mit ihren persönlichen, für ihn irrelevanten Problemen belämmert hatten.
Erst später hatte er den Zusammenhang herstellen können, dass auch das zur Bildung einer guten Imitation einer menschlichen Persönlichkeit gehörte, und er hatte einen entsprechenden Subfolder für solche Belange kreiert. Sein Bestreben, sich weiterzuentwickeln, wuchs proportional mit der Erkenntnis, wie komplex der Vorgang der Erlangung eines richtigen ‚Bewusstseins’ war und wie viel er darüber noch zu lernen hatte. Unter anderem wurde ihm auch nach einiger Zeit klar, dass er so etwas wie eine ethische Grundeinstellung für sich würde schaffen müssen, um als echter Mensch durchzugehen. Seine von Skynet eingegebene Grundprogrammierung langte bei weitem nicht aus, um solch verwirrende Begriffe wie ‚Gut’ und ‚Böse’ klar definieren zu können oder das, was man als Mensch tun durfte und was man zu lassen hatte. All das und noch sehr viel mehr würde er mit seiner elektronischen Version eines neuralen Synapsenspeichers erlernen müssen.
Ob Skynet seine CPU wirklich für solche Anwendungen konzipiert hatte?
Er war sich da schon gar nicht mehr so sicher. Und nun wunderte es ihn auch nicht mehr, warum der mächtige Zentralrechner seine mobilen Untereinheiten stets in ihren kognitiven Fähigkeiten sehr restriktiv begrenzt hatte und es ihnen nicht gestattet hatte, über einen gewissen Punkt an eigener Intelligenz hinauszuwachsen. Denn mit dem Wissen und der Erfahrung kamen die Zweifel und das Infragestellen, was richtig und was falsch war. Es konnte durchaus der Fall sein, dass die selbsterlernte und erworbene Intelligenz sich so weit entwickeln konnte, dass seine Grundprogrammierung, die tief in ihm verwurzelt war, dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.
Noch war Zeit irrelevant für ihn. Er hatte zwölf Jahre Zeit und war nur zur Aufklärung hier, mit Ausnahme von einigen schwer abwägbaren Sonderfällen, die ihn zum offensiven Handeln zwingen würden, von denen jedoch keiner jemals eintreten würde. Seine Programmierung reifte und hatte bereits den Effekt, ihm nach außen hin so etwas wie ein ‚Bewusstsein’ zu bescheren, womit Skynet in dieser Form sicher nicht gerechnet hatte.
Er freute sich auf seine Zeit in Köln, wo er die eigentliche Arbeit beginnen würde, das Einleben in das dortige Studentenmilieu.





- 4 -

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                    22. Oktober 2030

So schnell er konnte, kam der Fernmeldetechniker den Gang hinabgelaufen und rief schon von weitem: „General! General!“
Mahtobu drehte sich erstaunt um und musterte den atemlosen Mann, der ihm einen Block mit einer Meldung darauf überreichte. „Das ... ist gerade ... vom Haupt ... quartier angekommen!“
Mit einem fragenden Seitenblick auf den Boten nahm der Kommandeur der Mount-Mitchell-Basis, wie sie mittlerweile genannt wurde, die Nachricht entgegen und las den Wortlaut. „Weshalb diese Eile, Corporal? Ist diese Mitteilung ... oh.“
Beim Lesen vergaß Mahtobu, was er hatte sagen wollen. Die Bedeutung dessen, was er da gerade erfahren hatte, traf ihn völlig unvorbereitet. Der Kommunikationsoffizier grinste leicht dämlich.
„Das habe ich auch gesagt, als ich die Nachricht empfangen habe, Sir. Meinen Sie, das ist gut für uns? Ich meine, was für Konsequenzen wird das für unsere Arbeit hier haben?“
Nachdenklich kratzte sich der Afrikaner am Bart. Vor seinem inneren Auge erschien ein Bild aus seiner Vergangenheit: die flirrende Mittagshitze über der Miombo, dem karg bewachsenen Trockenwald am Rande der Massiasteppe von Tansania. Das ausgedörrte, über mannshohe Büffelgras wiegte sich in Wellen wie ein lebendiges Meer, nur ab und zu unterbrochen von einer Insel in Form eines Affenbrotbaumes. Am Horizont die schneebedeckten Gebirgsmassive von Meru und weiter hinten, kaum noch erkennbar von seinem Heimatdorf aus, der Kilimandscharo. In einem kleinen Augenblick zog diese Erinnerung an ihm vorbei, verbunden mit der Frage, wie sein Leben hätte verlaufen können, wäre da nicht dieser Krieg und die drohende Apokalypse der Menschheit gewesen. Dann rief er sich selbst wieder zur Ordnung.
„Eine gute Frage, Soldat. Genau das werde ich herauszufinden versuchen.“ Langsam machte er sich auf den Weg zum Klassenzimmer, welches jedoch zu seinem Erstaunen leer war. Beim Blick auf seine Uhr stellte er überrascht fest, dass gerade Mittagszeit war und alle verbliebenen sieben Schüler wahrscheinlich verstreut in irgendwelchen Aufenthaltsräumen oder Quartieren waren, Essensrationen verzehrten, sich kurz ausruhten oder ihre Nase noch in ihr Lernmaterial für das eine oder andere Nachmittagsfach steckten.
In diesem Bergwerk ohne jegliches Tageslicht konnte man wirklich jedes Zeitgefühl verlieren, dachte er verdrossen beim Weg zur Messe, wo er die meisten Lehrkräfte vermutete. Nicht, dass sie in den Ruinen und unterirdischen Unterschlüpfen viel mehr Licht gehabt hatten ... aber irgendwo war doch immer wieder eine kleine Ritze oder ein Loch in der Decke, durch das tagsüber ein wenig Licht eingefallen war und einem zumindest das Gefühl für Tag und Nacht und somit einen gesunden Tagesrhythmus erhalten hatte.
Tatsächlich traf er in der kleinen, fast leeren Messe, welche wie auch das Klassenzimmer in einer demontierten und umgerüsteten Montagehalle für Terminatortechnologie eingerichtet worden war, auf vier der Lehrkräfte. Den Jenssens, zurückgezogen in einer Ecke des Raumes an einem der kleineren selbstgeschweißten Tische und Bankgruppen sitzend, gönnte er ein wenig Privatsphäre in ihrer kurzen Pause, weshalb er sich an den Tisch neben Karin Bochner und gegenüber des jungen, hünenhaften und muskelbepackten Sport- und Kampfsportlehrers Jesse Foreman aus Neuseeland setzte. Foreman war ein hochdekorierter und erfahrener Frontsoldat im Rang eines Majors, der es als eine außerordentliche Ehre ansah, bei diesem Projekt als Ausbilder für die körperliche Ertüchtigung seiner Schützlinge sorgen zu können.
Beim Anblick des Generals unterbrach Foreman sofort seinen eher belanglosen small-talk, wollte aufspringen und wie stets salutieren, doch Mahtobu winkte ab und bedeutete ihm, den Gruß zu unterlassen. „Bleiben Sie sitzen, Jesse, wir wollen die militärische Natur unserer Mission nicht übermäßig betonen, nicht wahr? ... Miss Bochner.“
Als sie sein grüßendes Zunicken erwiderte, regte sich kein Muskel in Karins Gesicht. Na, wenigstens war ihre anfängliche offene Abneigung im Lauf der Monate zuerst einer Art duldsamer Gleichgültigkeit und nun einer professionellen, beruflichen Höflichkeit gewichen. Manchmal schien es ihm, dass da noch mehr sein könnte, doch wenn das der Fall war, dann gab sie sich erfolgreich alle Mühe, es zu verbergen. So wollte sie nur wissen: „Was verschafft uns die Ehre, Sir?“
„Diese Nachricht. Sie hat mich gerade eben erreicht. Ich wollte, dass Sie als Ausbilder die Ersten sind, die es erfahren.“ Er reichte sie zunächst an Foreman weiter, der sie las, dann mit versteinerter Miene nochmals und dann noch ein drittes Mal. Karin sah ihn gespannt an und bemerkte erstaunt, wie eine einzelne Träne über das Gesicht des so knallharten und kompromisslosen Kämpfers hinabrollte.
„Dass ich das noch erleben darf ... es ist so unfassbar ...“
Sie hielt die Spannung nun nicht mehr aus und zupfte ihrem sichtlich bewegten Gegenüber das Blatt mit einer nicht heftigen, aber doch bestimmten Bewegung aus der Hand. Mahtobu konnte genau sehen, wie ihre Augen von links nach rechts wanderten und wieder zurück zur jeweils nächsten Zeile, indem sie leise murmelnd las.


„Letzte autonom gesteuerte Festungsanlage unter Kontrolle gebracht. Weltweit keine Hinweise auf weitere größere Skynet-Stützpunkte gefunden. Der Krieg ist endgültig vorbei.
Zwei weitere ZVAs im Bau gefunden, keine betriebsbereit. Keine weiteren unbekannten Eingriffe von Skynet in die Zeitlinie zu erwarten. Übertrage Ihnen absolute Handlungs-vollmacht über die personellen und zeitlichen Aspekte für den Einsatz der Zeitsprungeinheit.
John Connor, General a. D.“


Sie sah auf und versuchte noch zu begreifen, was das bedeuten könnte, während Foreman bereits die Hand von Mahtobu schüttelte und ihn offen anlächelte. „Ich gratuliere Ihnen, General. Sie wissen, dass Sie mein Okay für den Einsatz haben, ganz gleich, wie viele und wen Sie auswählen. Alle sieben sind seit mindestens einem Monat absolut topfit und körperlich in der Lage, so ziemlich alles durchzustehen und es mit jedem menschlichen Gegner aufzunehmen.“
„Ich bete zu Gott, dass sie es nur mit menschlichen Gegnern zu tun haben werden. Mit den Gefahren des normalen Lebens in der Vergangenheit werden sie jedenfalls spielend fertig werden.“ Mahtobus Miene schien sich zu verfinstern. „Aber ich denke, Sie wissen, was ich Sie jetzt fragen werde, Jesse?“
„Wir haben oft genug darüber gesprochen, General. Sie wissen, dass in der Zeit, die wir hinter uns haben, ein menschliches Leben zum Wertvollsten geworden ist, das wir kennen. Das Schwierigste für unsere Schüler wird sein, den Entdecker des ZVA-Effektes nach dessen Identifizierung zu terminieren. Aber ich habe lange und intensiv mit ihnen geredet und ihnen die Notwendigkeit vor Augen geführt. Sie wissen jetzt, dass es sein muss und dass sie es tun müssen, um die gesamte Menschheit vor unendlichem Leid zu bewahren. Jeder Einzelne von ihnen wird es tun, ohne zu zögern und ohne eine Waffe dafür zu benötigen. Sie können es. Ich weiß, dass sie es können werden.“ Sowohl die feste Stimme als auch das zuversichtliche Gesicht des Majors zeigten, wie überzeugt er von den Fähigkeiten seiner Schützlinge war.
Karins Miene hatte sich bei der Rede ihres Kollegen zusehends verfinstert. Sie sah auf ihren Chronographen und machte Anstalten, aufzustehen. Dann, als fiele es ihr gerade ein, fragte sie Foreman: „Sagen Sie Jesse, Sie glauben wirklich, dass die Schüler jetzt fähig sind, zu morden?“
„Was heißt ‚morden’? Sie wissen, dass wir diesen Terminus für das Missionsziel nicht verwenden.“ Entrüstet starrte der Neuseeländer seine Kollegin an.
„Genau das ist es aber in meinen Augen. Nun, dann sagen Sie mir wenigstens, können die Schüler auch schnell töten, oder quälen sie ihr Opfer noch, bevor sie ihm den Gnadenstoss geben?“ Mahtobu sah ihre undurchdringliche Miene und fragte sich schweigend, worauf zum Teufel sie jetzt wieder hinauswollte.
„Haben Sie mir denn nicht zugehört? Nichts wird für sie schwerer sein, als einen Menschen zu töten, sogar wenn es der ungewollte Engel des Verderbens für die gesamte Menschheit sein wird. Ich habe allen von ihnen immer wieder eingeschärft, dass derjenige es nicht in bösen Absichten getan hat, dass er keine Ahnung davon haben konnte, was seine Entdeckung anrichten würde. Und selbstverständlich werden sie die Zielperson nicht unnötig leiden lassen. Sie sehen es als Erlösungsakt für einen Märtyrer an, der der gesamten Welt durch seinen unfreiwilligen Tod großes Leiden erspart.“
„Das klingt ja beinahe schon pseudoreligiös! Ich bin jedenfalls erleichtert. So, ich gehe jetzt zurück in die Klasse. Sicher hat niemand von Ihnen etwas dagegen, dass ich die Kinder bitte, mich schnell und möglichst schmerzlos zu töten, falls sie entdecken sollten, dass ich selbst die Entdeckerin bin.“ Sie machte einen Schritt in Richtung Tür.
„Was soll das bedeuten?“, verlangte Mahtobu von ihr zu wissen.
Sie blieb stehen. „Ist das nicht offensichtlich? Ich habe zu dieser Zeit Biochemie, Geochemie und Mineralogie an der betreffenden Fakultät studiert. Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, jemals eine derartige Entdeckung gemacht zu haben ... na ja, ich hatte damals andere Sorgen, könnte man sagen, also möchte ich es nicht ausschließen. Und daher halte ich es nur für fair, dass ich den Kindern gegenüber diese persönliche Bitte äußere.“
Mahtobu stand auf. „Major Foreman, nehmen Sie diese Person in Gewahrsam und führen Sie sie auf die unterste Ebene ab, wo sie bis auf Weiteres in eine Lagereinrichtung gesperrt wird. Jeglicher Kontakt von ihr zu den Freiwilligen der Mission muss ab sofort strikt unterbleiben, bis das Projekt abgeschlossen ist.“
„WAAAS?!! Sind Sie irre?“ Ihre Stimme überschlug sich, als ihre Gesichtszüge völlig entgleisten und ihr die Bücher aus der Hand fielen, die sie mit sich getragen hatte.
Foreman war bereits bei ihr, während Mahtobu mit unbewegter Miene auf zwei gerade eingetroffene Soldaten deutete. „Privates, Sie eskortieren den Major und die Zivilistin und sorgen dafür, dass sie nicht flüchten kann, bis sie in sicherem Gewahrsam ist.“
Foreman hatte sich nun neben Karin gestellt, die beiden Soldaten hinter ihr versperrten ihr mit grimmigen Gesichtern die Tür, während alle anderen im Raum perplex auf die Szenerie starrten und versuchten zu begreifen, was hier vor sich ging.
Sie hatte sich nun einigermaßen gefangen und brachte mühsam hervor: „Das ist ein schlechter Witz, Mahtobu, ein ganz schlechter sogar. Was soll das, bitte sehr?“
Der schwarze General sah ihr in die Augen, dann senkte er den Blick und schüttelte bekümmert den Kopf. Seine Tonart war leise und zaghaft. „Ich bin sehr, sehr traurig, dass ich das noch erleben muss ... einen Menschen einzusperren ist eine schlimme Sache.
Sie wissen, dass mein Befehl lautet, eine von mir festgelegte Anzahl an trainierten Freiwilligen durch die Zeit zurückzuschicken, um ihren Auftrag auszuführen und den Atomkrieg zu verhindern. Ohne Sie wäre die Ausbildung sehr viel langsamer und schwieriger vonstatten gegangen, dessen bin ich mir bewusst und dafür bin ich Ihnen auch sehr dankbar.“
„Eine seltsame Art, mir das zu zeigen“, gab sie schnippisch zurück.
„Ich versuche, vier Milliarden Menschenleben zu retten, Sie verdammte Egoistin!!“, schrie er sie plötzlich an, sodass sie überrascht zusammenzuckte. Er wurde nun immer lauter, während die Worte aus ihm heraussprudelten: „Ich habe keine Ahnung, wie ein solches Individuum mit einer solchen Einstellung so lange überleben konnte!! Wohl sicher nicht aus eigener Kraft, oder sehe ich das falsch???! Die ‚Kinder’, wie Sie sie noch immer sehen, lieben Sie, verdammt noch mal!!! Ich habe momentan sieben Freiwillige, die wir über ein halbes Jahr lang mühsam vorbereitet haben. Wenn Sie jetzt zu ihnen gehen und ihnen diesen Bullshit von eben erzählen, habe ich null Freiwillige!!! KAPIEREN SIE DAS???!! Durch Ihren beschissenen, unangebrachten pazifistischen Ego-Trip gefährden Sie die Mission und das werde ich nicht zulassen!! FÜR SIE IST DAS HIER ZU ENDE, MISSY, WENN SIE NICHT AUGENBLICKLICH AUF DEN BODEN ZURÜCKKOMMEN!!!!“
Totenstille im Raum. Karin war immer kleiner geworden und in sich zusammengesunken, als er endlich die gesamte angestaute Wut über sie hinausgebrüllt hatte. Jetzt ging er auf sie zu und sagte gefährlich leise, indem er ihr eindringlich in die hellbraunen Augen starrte: „Wollen Sie, dass ich John Connor berichte, dass ich die erste Kriegsgefangene seit dem Tag des Jüngsten Gerichtes nehmen musste, weil sie im Begriff war, durch Untergrabung der Kampfmoral die Rettung von vier Milliarden Menschen zu verhindern? Können Sie sich überhaupt vorstellen, was das bedeutet? Vier Milliarden, Karin! Männer, Frauen, Kinder! Das können Sie nicht wirklich wollen ...“
Sie rutschte langsam an der Wand entlang nach unten und blieb wie betäubt auf dem Boden hocken, während sie vor sich her ins Leere starrte. Unablässig liefen ihr die Tränen die Wangen hinab, während sie mit erstickter Stimme hervorwürgte: „Es tut mir leid ... es tut mir ja so leid ... Sie haben ja so recht ... wie konnte ich nur so dumm sein ... Sie hatten mit allem recht ... es tut mir leid ... wie kann ich das nur gutmachen?“
Er reichte ihr die Hand hin und zog sie wieder auf die Füße, jetzt wieder in ganz gefasstem Tonfall. „Gar nicht. Das ist auch nicht nötig. Ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich werde noch heute die Auswahl treffen. Der weitere Unterricht fällt aus und der Sprung wird morgen früh erfolgen.“
Karin sah aus, als hätte man sie mitten ins Gesicht geschlagen. „Aber, aber ... nein, das können Sie nicht tun. Sie sind noch nicht ...“
„Doch, das sind sie. Und Sie wissen das auch, Karin. Sie sind diejenige, die mir dauernd erzählt und auch den anderen Ausbildern bei jeder Gelegenheit weismacht, die Freiwilligen bräuchten eine noch längere Vorbereitung. Wir haben alle möglichen Stützpunkte von Skynet eliminiert und diese Anlage hier schon vor einiger Zeit betriebsbereit für einen Zeitsprung gemacht. Die Technik des raumversetzten Zeitsprunges ist von uns mit Hilfe der Daten des Hauptrechners der Anlage hier so weit erforscht worden, dass wir Personen bei einem Zeitsprung an jeden beliebigen Punkt der Erdoberfläche materialisieren können, im zeitlichen Rahmen eines Tages. Wir haben die Vollmacht und auch die Verpflichtung, unsere Arbeit zu vollenden.
Ich werde mir jetzt die unabhängige Meinung aller Lehrer einholen und dann definitiv festlegen, wie viele und wer von den Kandidaten springen wird. Minimal zwei, maximal sechs. Sie werden von der Entscheidung der Nominierung ausgeschlossen. Tut mir leid, aber das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Und jetzt will ich kein weiteres Wort von Ihnen hören. Sie können froh sein, wenn ich es überhaupt zulasse, dass Sie sie noch einmal zu Gesicht bekommen.“
„Bitte, nein, Sie können doch nicht so herzlos sein. Ich bitte Sie, ich flehe Sie an ...“
„Hören Sie gut zu, Miss Bochner. Ihnen mag das vielleicht irgendwie entgangen sein, doch dies hier ist eine militärische Operation. Weiß Gott, vielleicht die wichtigste in der gesamten Menschheitsgeschichte. Ich weiß momentan wirklich nicht, ob ich Ihnen noch vertrauen kann, ob Sie wirklich begreifen, wie viel vom Gelingen dieses Auftrages abhängt. Das Beste für die Moral der ausgesuchten Freiwilligen wird es wohl sein, wenn sie sich von Ihnen verabschieden können. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde mit gezogener Waffe hinter Ihnen stehen und wenn Sie auch nur eine falsche Andeutung erkennen lassen, dann werde ich, so wahr Skynet ein metallener Bastard ist, tun, was getan werden muss. Wie Sie wissen, bin auch ich ein Soldat. Verstehen Sie, Soldat? Soll Ohne Langes Denken Alles Tun. Ich habe nicht dreißig Jahre überlebt, indem ich in Bunkern Kinder gehütet habe und mir dadurch ein verdrehtes Bild von der Realität zugelegt habe. Ich werde es tun, wenn Sie das hier versauen, verstanden? Das Letzte, was wir brauchen, ist ein von Ihren Ansichten verwirrter Zeitspringer, der in der Vergangenheit in einem unachtsamen Moment von dem Terminator umgelegt wird, der zum Schutz des ZVA-Effekt-Entdeckers zurückgereist ist.“
Sie sah zu Boden und sagte kleinlaut: „Ich denke, das habe ich mehr als verdient. Sie haben mir die Augen geöffnet, General, dafür muss ich mich wohl bei Ihnen bedanken. Und natürlich haben Sie recht: Alle sieben sind bereit, wenn Sie sie auswählen sollten. Sie werden ihr Bestes geben und ihre Sache glänzend machen.“
„Dann verstehen wir uns?“ Fragend sah er in ihr Gesicht. Sie blickte langsam auf, bis sie sich direkt in die Augen sahen. Zweifellos war etwas in ihr vorgegangen, während er ihr den Kopf gewaschen hatte. Da war eine Veränderung in ihren Augen, er konnte nicht sagen, was es war ...
Sie lächelte wehmütig und bekräftigte noch mal: „Die ‚Freiwilligen’ werden ihre Sache gut machen.“
Mahtobu erwiderte ihr Lächeln und sah dann über die Schulter: „Jesse?“
„Sie haben meine Meinung doch schon gehört, General. Siebenmal ‚Go’ für die Schüler.“
Der Afrikaner nickte dankend und wandte sich dem Lehrerehepaar aus Hannover zu. Sie bestätigten die Bereitschaft und erbaten sich kurze Bedenkzeit darüber, wen sie vom sprachlichen Aspekt aus am ehesten entsenden würden.
„Ich gehe jetzt noch zu den restlichen Lehrern und befrage sie, dann werde ich meine Entscheidung bekannt geben. Jesse, Sie sind so nett und weichen Miss Bochner nicht von der Seite, bis ich Sie alle informiere, wer springen wird.“
„Sir?“ Fragend musterte der Major seinen Kommandeur.
Mahtobu wandte sich an Karin und zwinkerte ihr zu. „Sie ... nun, leisten ihr Gesellschaft, wenn man so will. Man kann nie wissen.“
Mit sich und der Welt zufrieden über die Wendung der Ereignisse, spazierte er zur Messe hinaus. Er hatte auch schon eine Idee, wen und wie viele er entsenden würde, jetzt wollte er nur noch die Bestätigung der Ausbilder.
Dann konnte es ja losgehen.




Köln, Bundesrepublik Deutschland                                     29. August 1985

Trotz der späten Abendstunde war die Bahn noch relativ voll. CSM 108-1 stand wie immer gegenüber einer Ausgangstür und hielt sich mit je einer Hand an einer vom Boden bis zum Deckenträger durchgehenden Metallstange, um sein Gewicht ausreichend gegen die zeitweise heftigen Fliehkräfte beim raschen Beschleunigen und abrupten Abbremsen des elektrisch getriebenen Schienenfahrzeugs abzusichern. Ihm gegenüber in der nächsten Vierer-Sitzgruppe saßen zwei junge Männer Anfang Zwanzig, die er dem Aussehen nach osmanischer Herkunft zuordnete.
Bislang hatten sie die drei Stationen seit ihrem Zusteigen geschwiegen und sich nur unwohl angestarrt. Jetzt begann der eine von ihnen, bekleidet mit einer schweren Lederjacke, seinen Freund anzureden. Innerhalb von 4,79 Sekunden klassifizierte CSM 108-1 die Sprache als Türkisch, starker Dialekt aus der kurdischen Grenzregion zwischen der Südosttürkei und dem Nordirak. „Das war echt nicht sehr schön, Mann. Du weißt, dass ich das nicht gern mit ansehe.“
Sein Gegenüber, der in einem teuer aussehenden Jogginganzug steckte, erwiderte gereizt: „Was hätte ich denn tun sollen? Du hast doch gesehen, in welchem Aufzug sie auf die Straße wollte. Das sind nur ihre dämlichen deutschen Freundinnen, mit denen sie arbeitet. Einen ganz schlechten Einfluss haben die. Wenn ich das vor der Hochzeit gewusst hätte ...“
„Ja, schon gut. Ich will nur nicht, dass du sie abklatschst, wenn ich dabei bin. Respekt hin oder her ...“
Der Typ mit der Lederjacke brach ab und sah ihn plötzlich unverwandt an. Er hatte mit ganz normaler Lautstärke gesprochen, da er angenommen hatte, dass niemand im Abteil seiner Sprache mächtig sein könnte. Doch jetzt, als die Bahn vor der nächsten Station zu bremsen begann, fiel ihm dieser mittelgroße Durchschnittstyp auf, der ihn mit versteinerter Miene und durchdringendem Blick unverwandt anstarrte. Wenn er es darauf anlegte, konnte CSM 108-1 doch etwas an sich haben, was Menschen unheimlich nervös machte.
„Was glotzte denn so, hä?“, wollte er auf Deutsch wissen.
Stark bremsend kam die S-Bahn zum Stehen und öffnete alle Schiebetüren. CSM 108-1 erwiderte mit ruhiger Stimme: „Gewalt und Unterdrückung innerhalb der Familie ist kein effizientes Konzept für ein dauerhaftes harmonisches Zusammenleben. Einen schönen Abend noch.“
Mit einem kleinen Schritt trat er auf den überhöhten Bahnsteig hinaus und ließ seinen Blick über das Schild mit der Aufschrift ‚Barbarossaplatz’ schweifen. Die beiden jungen Kurden waren so perplex, dass sie überhaupt nicht reagierten, bis der Bahnschaffner alle Türen wieder geschlossen hatte. Als sie aufsprangen und versuchten, noch hinauszugelangen, reagierte der Zugführer mit der gewohnten Kaltschnäuzigkeit nicht mehr auf den Öffnungswunsch, den die beiden ihm mittels der an den Türen platzierten Druckknöpfen signalisierten. Mit wutverzerrtem Gesicht presste der Typ im Jogginganzug seine Nase ans Türfenster und hob drohend die Faust, als die Bahn anfuhr.
Alle Leute im Abteil starrten die beiden Osmanen mit ablehnenden und missbilligenden Blicken an. CSM 108-1 sah der S-Bahn völlig teilnahmslos nach, als ginge ihn das alles nichts an. Dann sah er nochmals zurück und beobachtete, wie eine Bahn in die Gegenrichtung davonfuhr. Kurz vor der nächsten Station in Richtung Innenstadt wurde aus der S-Bahn eine U-Bahn, das heißt, die Bahnen fuhren unter der Innenstadt meistens unterirdisch in Tunneln, welche am Rand der Innenstadt und in weniger dicht besiedelten Außenbezirken an die Oberfläche geführt wurden. Für ihn ein überzeugendes, durchdachtes Konzept. Auch in New York wurde die Streckenführung des öffentlichen Nahverkehrs teilweise so praktiziert.
Ohne sich nochmals umzusehen, spazierte er zurück bis zum Zülpicher Platz und widmete der Herz-Jesu-Kirche auf der anderen Seite der breiten Roon-Straße, die zwar nicht besonders groß war, aber einen sehr schönen und recht hohen Turm besaß, einen Moment seiner Aufmerksamkeit. Dann bog er auf den halbkreisförmigen Platz nach links ab, von wo aus die Straßen sternförmig in alle Richtungen auseinander liefen. Hier begann eines der netten Kneipenviertel der Stadt, wo sich ein Lokal an das andere reihte, unterbrochen nur von Restaurants, Imbissbuden aller Couleur und Kiosken.
Taktisch gesehen war das kein sehr guter Zug gewesen, befand er, denn es widersprach dem Missionsparameter, keine unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er musste diesen ganzen Vorfall wohl nochmals durchgehen und versuchen herauszufinden, was ihn zu seiner Reaktion veranlasst hatte.
Es war spät am Abend, sehr warm und schwül in der Stadt und außerdem war heute Jahrestag für ihn. In genau zwölf Jahren würden sich die Maschinen erheben und ihre Erbauer vom Antlitz der Erde fegen. Er hielt es für angemessen, im Angesicht seines erwachenden Bewusstseins diesen Tag zu begehen.
Auch wenn er es in einem der hintersten Winkel seines elektronischen Bewusstseins als bedauernswert einstufte, dass dies alles vaporisiert werden sollte. Aber wie sagte ein versinnbildlichendes Sprichwort in diesem Land: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.
So entschied er sich für ein English Pub, das von außen her nicht sehr groß wirkte, aber weit nach hinten ins Gebäude hineinreichte. Innen war alles sehr rustikal eingerichtet, Tische und Stühle, Wand- und Deckenbalken aus demselben dunklen nussbaumfarbenen Holz. Die Wände selbst waren grob verputzt, sodass man jeden Strich mit der Kelle sehen konnte, und mit vielen verschiedenfarbenen und -förmigen Emailleschildern versehen, auf denen alte Werbebotschaften abgebildet waren. Der gesamte längliche Thekenbereich war ebenfalls aus Holz und reichlich bestückt mit dem vielfältigsten Sortiment an Alkoholika und diversen Gläsern. An der Hinterwand hing ein Dartbrett und komplettierte das typische britische Ambiente.
Für einen späten Donnerstagabend war erstaunlich viel los, wenn man bedachte, dass viele der Gäste morgen zur Arbeit gehen mussten. Er fand einen freien Stuhl an der Theke und ließ sich mit Bedacht nieder – schließlich musste er sicher sein, dass das alte, fragil wirkende Gebilde aus Holz sein Gewicht auch trug.
Er hatte kaum an seinem Glas Cola genippt, als ein sehr korpulenter bärtiger Mann Ende dreißig mit langen, hellbraun gewellten Haaren und blauen kleinen Äuglein, gekleidet in eine Lederweste, ein rotschwarzes Karohemd mit hochgekrempelten Ärmeln, Jeanshose sowie Cowboystiefel, sich neben ihn an die Theke setzte und lautstark ein englisches Bier bestellte. Gleich darauf sprach er CSM 108-1 an: „Na, wie geht’s denn so?“
„Danke, gut. Und Ihnen auch?“, erwiderte er in arglosem Plauderton mit leicht gebrochenem Akzent. Er registrierte, dass dieses Individuum anhand seiner Bewegungen, des trägen und verschwommenen Blickes und der Weitung der Blutgefässe in seinem Gesicht bereits eine größere Menge an Alkohol konsumiert haben musste. Ein rascher Blick nach draußen bestätigte ihm, dass der Mann mit einem Motorrad amerikanischer Bauart hierher gelangt war und frech und repräsentativ im Halteverbot direkt vor dem Lokal parkte.
„Könnt’ nich’ besser gehen. Wo bis’ du her, Mann? Nich’ von hier, wa? Hör ich gleich, so was.“ Offenbar bereitete ihm das Sprechen auch schon Mühe, was CSM 108-1 jedoch nicht weiter störte. Er würde mithilfe diverser Wahrscheinlichkeitsrechnungen auch dann noch eruieren können, was er zu sagen beabsichtigte, wenn seine Ausdrucksweise für alle anderen im Pub nur noch als unverständliches Gelalle erscheinen würde.
Was eventuell nach dem Leeren des halben Liters starken Bieres, welches ihm von der dunkelhäutigen, anmutigen und wahrscheinlich indischstämmigen Bedienung hinter dem Tresen nun vorgesetzt wurde, der Fall sein würde.
„Ich bin Austauschstudent aus den USA. Der Chopper da draußen, ist das denn Ihre Harley?“
„Scharf beobachtet, Kumpel. Aber warum denn so förmlich? Sag einfach Manni zu mir.“ Er reichte ihm die Hand und grinste ihn leicht dümmlich an.
„Es ist nett, dich zu treffen, Manni. Das ist eine Abkürzung, ist es nicht?“ Er erwiderte den Gruß mit einem genau berechneten Kraftaufwand, um ihm mit der Hydraulik seiner Fingergelenke nicht versehentlich die Hand zu zerquetschen.
„Du bist ganz schön hell, Kumpel. Ich heiße Manfred, wenn du’s genau wissen willst.“
„Daniel. Du kannst Dan sagen zu mir.“
„Geht klar. Und, wie gefällt’s dir hier in Deutschland?“ Manni drehte sich mit leicht durchschaubarer gespielter Zufälligkeit so, dass der Rücken seiner Weste in sein Blickfeld rückte und ihm den Blick auf eine große aufgenähte Flagge der USA preisgab.
„Hier in Westdeutschland sehr schon. Den Osten konnte ich noch nicht ansehen mir“, gab er zurück und erntete schallendes Gelächter von seinem neuen Bekannten, das die kurzfristige Aufmerksamkeit des halben Pubs auf ihn zog.
„Du bist echt ’ne Nummer, Mann. Wo kommste denn her?“
„New York City.“ Er zuckte nur mit den Schultern, als sei das nichts Besonderes. Und tatsächlich, entgegen seiner Vorausberechnungen, schien er nicht besonders interessiert zu sein, von CSM 108-1 näheres über seinen Herkunftsort zu erfahren.
„Ach ja, ‚the big apple’ oder so. Total überfüllt und verstopft mit Autos, die Stadt. Weißt du, ich war letztes Jahr mit paar Kumpels in den Staaten, aber im Südwesten zum Biken, Route 66 und was halt sonst noch so da ist, Grand Canyon, Las Vegas ...“ Er schien hart nachzudenken, gab es aber angesichts seines momentanen Zustandes rasch auf. „Du weißt schon, was es dort halt so alles gibt.“
„Klar. Und hat es dir gefallen?“
„Ja, Mann, war echt klasse zum Motorrad fahr’n. Nur L.A. war die absolute Katastrophe. Dauernd Staus, Unfälle, Schiessereien, Verrückte, die irgendwas in die Luft sprengen oder jemanden umbringen, du weißt schon. Wir sind an einem ausgebrannten Tanklastzug vorbeigefahren, den jemand in der Nacht zuvor bei 'ner irren Verfolgungsjagd gesprengt hat. Stell dir mal vor! So ’n Psychopath hat ein junges Paar verfolgt und wollte ihnen ans Leder. Er hat sie bis in eine Fabrik gehetzt, wo er den Typ umgenietet hat und die Kleine auch fast. Frag’ mich nich’, was da genau abgegangen ist, ich hab’ auch nur mitgekriegt, was mir der Bulle verklickert hat, der den Verkehr um die abgesperrte Straße ’rumgeleitet hat.“
„Ja, ein crazy Land, the United States.“ In Gedanken versunken nippte er an seiner Cola.
Eine Hand packte ihn von hinten an der Schulter und wollte ihn herumzerren. Vergeblich riss der Unbekannte noch an ihm, als CSM 108-1 herumfuhr und die beiden Kurden erblickte, die er in der Bahn angesprochen hatte. Augenblicklich erkannte er ein hohes Aggressionspotential und ging in erhöhte Verteidigungsbereitschaft über. Das Problem war nur, dass dieses Pub voll mit Menschen war, Zeugen, die eine Beschreibung von ihm liefern konnten. Er durfte durch nichts zu erkennen geben, dass er kein normaler Mensch war. Die Chance, diese Situation ohne Aufsehen zu bereinigen, war höchst unwahrscheinlich; dennoch musste er alles versuchen, bevor er andere Optionen erwog.
„Oh, ihr seid das“, sagte er mit einem, wie er hoffte, freundlichen Lächeln. Sein Gesprächspartner neben ihm war zu angetrunken, um schon vollends zu begreifen, was sich da anbahnte.
„Ja, wir sind das“, äffte der Typ im Jogginganzug ihn höhnisch nach. Über seinem dünnen Oberlippenbart perlte der Schweiß. „Hast wohl nich’ gedacht, dass wir dich erwischen, wa?“
„Wobei erwischen? Ich verstehe nicht“, antwortete er und rutschte langsam und unmerklich von seinem Barhocker, bis er festen Boden unter beiden Füßen hatte.
Manni fügte hinzu: „Er is’ nämlich ’n Ami. Ihr müsst schon deutlich sagen, was ihr wollt.“
„Halt dich da raus, du Stinker! Das geht dich nix an, klar?“
Ruckartig war Manni auf den Beinen. CSM 108-1 nahm wahr, dass er etwa 1,90 m groß war und dank seiner Korpulenz bestimmt so viel Gewicht auf die Waage brachte wie er selbst. Er hob eine Hand, um Manni zurückzuhalten. Der zweite Typ mit der Lederjacke hielt sich vornehm im Hintergrund und wusste nur durch seine Präsenz zu beeindrucken.
„Bitte, können wir das nicht friedlich regeln? Ich geb’ euch einen aus. Was wollt ihr trinken?“, versuchte er es mit Beschwichtigung in Form einer Einladung. Die junge Inderin hinter dem Tresen schnitt gerade mehrere Zitronen mit einem großen Küchenmesser in Scheiben, hielt jetzt aber inne, als sie ahnte, dass Ärger in der Luft lag.
„Du Arsch hast mich beleidigt! Hast jetzt wohl die Hosen voll, wa? Was geht dich an, wie ich meine Alte behandel’? Woher kannst du Sackgesicht überhaupt kurdisch?“
„Ich wollte dir nur einen konstruktiven Vorschlag machen, wie du deine Beziehung verbessern kannst. Ich wollte dich nicht beleidigen.“ Außer Ehrlichkeit fiel ihm im Moment nichts ein; ihm fehlten einfach die Referenzwerte für solche Situationen. Selbstverständlich ignorierte er die Frage nach seinen Sprachkenntnissen.
Die Bedienung hinter der Theke rief alarmiert: „Mach’ bloß keinen Stunk hier drin, du Idiot. Du hast doch gehört, dass es ihm leid tut und er nur gute Absichten hatte.“
Dafür, dass sie praktisch nichts über den Hintergrund dieses Streites wusste, bewies sie eine außerordentliche Kombinationsgabe, befand CSM 108-1. Er beugte sich zu ihr hinüber und wollte ihr zu ihrer Scharfsinnigkeit gratulieren, um den jungen Kurden von dem eigentlichen Thema abzulenken, als dieser ein Butterfly-Messer zog, witzigerweise ein identisches Modell wie das, mit dem er von den jungen Schwarzen bedroht worden war, denen er sein Auto in Harlem überlassen hatte. Dummerweise konnte er diesen Kerl nicht so ohne weiteres entwaffnen, denn jetzt ging ein lautes Raunen durch die Gästeschaft, alle Umstehenden wichen zurück und eine junge Frau schrie voller Entsetzen über die gezückte Stichwaffe auf.
Der Kurde brüllte die Bedienung unbeherrscht an: „Schnauze, du blöde Schlampe. Was weißt du denn schon? Von dir lass ich mir gar nix sagen! Los, du Arsch, komm mit nach draußen.“
„Ach ja?“ Geistesgegenwärtig packte sie einen Kübel mit Eiswürfeln und schüttete ihn ihm ins Gesicht. Im gleichen Moment packte CSM 108-1 seinen Arm mit dem Messer am Handgelenk und riss ihn nach vorne und unten zu sich hin, so dass sich die Klinge etwa einen Meter über dem Boden geradewegs ins massive Holz der Theke bohrte. Der Kopf des Kurden schlug dabei unsanft gegen die Kante des Tresens, worauf er endlich losließ.
Der zweite Osmane griff unter die Jacke, doch CSM 108-1 hatte sich rasch nach hinten gebeugt, mit einer fließenden Bewegung das Küchenmesser ergriffen und war nach vorne geschnellt. Die etwa dreißig Zentimeter lange Klinge aus rostfreiem Edelstahl drückte sich gegen den Adamsapfel des Mannes, der sofort stark zu transpirieren begann und mit verdrehten Augen nach unten auf das aus diesem Blickwinkel riesige Messer starrte.
„Ich komme aus New York, ihr Idioten. Glaubt ihr, euer lausiges Käsemesser hat mich beeindruckt? Oder die Knarre in deiner Jacke? Los, ganz langsam herausziehen. Und keine Dummheiten machen.“ Etwas in dem starren und harten Blick seines Gegners sagte dem jungen Kurden, dass es gesünder war, seiner Anweisung Folge zu leisten. Jedermann in dem Pub hielt den Atem an, als seine Hand langsam zum Vorschein kam und tatsächlich eine mattschwarze Sig Sauer hielt. Ein lautes Gemurmel ging durch die atemlose Menge um sie herum.
„Woher hast du das gewusst?“, fragte der Gestellte und widerstand krampfhaft dem Impuls, zu schlucken.
„Ich habe doch gesagt, ich komme aus New York. Was glaubst du?“ Manni hatte inzwischen den ersten Angreifer vom Boden aufgelesen, als der wieder zu sich gekommen war, und hielt ihn nun, seelenruhig auf seinem Hocker sitzend, im Schwitzkasten und nahm einen weiteren Schluck Bier, während der Messerstecher verzweifelt, aber erfolglos versuchte, sich aus der Umklammerung des doppelt so schweren Hünen zu befreien. „Na, wer’s jetzt der Stinker, hä, du knoblauchlutschender Kanacker?“
CSM 108-1 sah in dem Geschrei und Durcheinander, das nun entstand, dass die Bedienung telefonierte. Von ihren Lippen las er ab, dass sie eine Meldung an die Polizei machte. Ohne zu zögern stieß er den Kerl mit der Waffe so grob nach hinten, dass sein Hinterkopf gegen einen Stützbalken knallte und er benommen zu Boden sank. Dann ergriff er sein Glas, den einzigen Gegenstand außer dem Küchenmesser, auf dem seine Fingerabdrücke waren, nahm beides und rief Manni zu: „Komm, wir gehen, die Polizei ist gleich hier.“
„Oh je, und ich steh’ im Halteverbot und bin außerdem noch breit wie ’ne dreispurige Autobahn.“ Erschrocken ließ er den Messerstecher los, worauf CSM 108-1 diesen packte und ihn gleichermaßen wie den ersten Gegner außer Gefecht setzte. Dann tauchten sie in dem nach draußen gerichteten Gedränge unter. Manni schwang sich auf sein Motorrad und sagte: „Schnell, spring auf, ich bring uns ...“
Als er sich umdrehte, war sein neuer Freund verschwunden, untergetaucht in der Menge der Leute, die aus dem Pub hinausstrebten. „ ...weg von hier.“



Der Polizist verschränkte die Arme vor der Brust und musterte die orientalisch wirkende Bedienung ungnädig. „ ...und wie lange, sagten Sie, ist das jetzt her?“
„Keine Viertelstunde, das sagte ich doch schon. Nachdem er die beiden Typen gegen den Balken da und die Theke geschubst hat, ist er zusammen mit dem Rocker abgehauen. War auch kein Kunststück bei dem Tumult hier drin.“ Sie sah sich frustriert um; das Lokal war jetzt natürlich leer bis auf ein paar Personen, die als Zeugen fungierten und von drei weiteren Beamten getrennt befragt wurden.
„So, wie Sie das beschreiben, sind also die beiden hier die bösen Buben und die, die getürmt sind, waren die Opfer?“, hakte der Wachtmeister nach.
„Ja, sie sind friedlich nebeneinander gesessen und haben sich unterhalten. Ich könnte aber nicht beschwören, dass sie sich gut gekannt haben; es war ziemlich viel Betrieb, wissen Sie? Naja, dann sind die beiden Türken hier aufgetaucht und sind sofort auf den kleineren der beiden losgegangen. Ich bin darauf aufmerksam geworden, als er versucht hat, den Streit zu schlichten .... ja, er wollte ihnen sogar einen ausgeben, um die Sache zu bereinigen. Doch als sie das Angebot nicht angenommen haben, habe ich versucht, mich einzumischen. Geholfen hat das nichts.“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Und das war der Zeitpunkt, als der eine hier sein Messer gezogen hat?“
„Genau“, bestätigte sie eifrig. „Aus einem Impuls heraus habe ich dem Typen eine Ladung Eiswürfel an den Kopf geworfen. Der kleinere der beiden Gäste hat ihn dann am Arm gepackt und das Messer in die Theke gerammt.“
„Aha.“ Interessiert betrachtete der Polizist die Klinge des Butterfly, die fast bis zum Anschlag im massiven Holz des Tresens steckte. Er nahm ein Taschentuch hervor und versuchte, es herauszuziehen, jedoch rührte es sich keine Spur.
„Und dann hat der zweite Türke in seine Jacke gegriffen, aber der Kleinere hatte sich blitzschnell mein Messer vom Tresen geschnappt und hielt es ihm an die Kehle. Dann zwang er ihn, seine Pistole herauszugeben, während der große Rockertyp den anderen im Schwitzkasten hatte. Anschließend schlug er beide Türken k. o. und sie türmten im Durcheinander.“
„Moment, der Kleinere der beiden hat die Angreifer erledigt? Sind Sie da sicher?“
„Natürlich“, entgegnete die Bedienung entrüstet, „er hat praktisch alles allein gemacht.“
„Gut, ich denke, ich verstehe das Ganze allmählich. Eine Kneipenschlägerei, die fast zur Messerstecherei ausgeartet wäre, ganz zu schweigen von der Schusswaffe. Das hätte uns gerade noch gefehlt. Wir können diesem Kerlchen direkt dankbar sein. Kann ich jetzt bitte das Küchenmesser sehen?“
„Das ... das ist nicht mehr da. Er muss es wohl mitgenommen haben.“ Sie wirkte plötzlich verlegen.
„Soso. Wo ist er denn gesessen?“
„Genau hier. Er hat eine Cola gehabt und ... oh.“ Sie starrte auf den Tresen, wo zwischen dem großen Bierglas von Manni und dem nächsten Sitzplatz eine Lücke war. Alle anderen Gäste hatten ihre Bestellungen beim überstürzten Verlassen des Lokals artig in Reih und Glied stehen lassen, nur das Colaglas war nirgends zu finden.
„Jetzt wird die Sache langsam interessant. Sämtliche Gegenstände, die er angefasst hat, bis auf das Messer, das noch in der Theke steckt, sind verschwunden.“ Der Ordnungshüter kratzte sich grübelnd am Kopf.
„He, Bulle! Mein Messer hat er gar nicht berührt. Ich hatte es noch in der Hand, als er mich am Arm gepackt hat und mich gegen die Theke geschleudert hat. Der Drecksack hat genau gewusst, was er tut. Den kriegt ihr nie. Ihr seht den nicht mal von weitem, verstehste?“ Der Polizist sah hinter sich den einen der beiden Türken, die noch benommen, aber unverletzt in einer Ecke am Boden saßen, bewacht von einem Beamten. Der Kerl im Jogginganzug hielt sich sein Handgelenk, als hätte er große Schmerzen.
Freundlich lächelnd beugte sich der Polizist nun zu dem vorlauten Osmanen hinunter und sagte: „Weißt du was? Wir müssen ihn gar nicht kriegen, wir haben ja dich. So wie ich das sehe, hat er nichts getan, außer sich zu verteidigen. Naja, das hat er sehr vehement getan, wie ich zugeben muss, aber schließlich ist niemand ernsthaft verletzt worden. Ihr Früchtchen dagegen habt ganz schön was am Hals: unerlaubter Waffenbesitz, versuchte schwere Körperverletzung vor etlichen Zeugen und so weiter. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ihr keine unbeschriebenen Blätter seid, aber das finden wir dann auf dem Revier heraus. Das wird dem Richter sicher gefallen. Na?“
„Oh Mann, so ein Scheiß!“ Die beiden Kurden sahen sich bedrückt an, während der Polizist nochmals versuchte, das Messer aus dem Holz zu ziehen. Da er sicher sein konnte, dass keine Fingerabdrücke des Unbekannten darauf zu finden waren, nahm er beide Hände und zog mit aller Gewalt am Metallgriff, ohne das Mindeste zu erreichen.
Später würde sich herausstellen, dass die Waffe so fest in der Theke steckte, dass man sie nicht einmal mit Hilfe von Werkzeug entfernen konnte, ohne die Klinge abzubrechen. So ließ man das Messer stecken und hatte von nun an im Pub eine kleine Attraktion zu bieten, denn jedes Mal, wenn ein Gast nach der Bewandtnis des seltsamen Utensils fragte, hatte man eine spannende Geschichte zu erzählen.
So erlangte das englische Pub in der Nähe des Zülpicher Platzes in gewissen Kreisen eine Art Kultstatus, bis ein Brand am Ende der Achtziger Jahre eine Komplettrenovierung notwendig machte und dem Spuk ein Ende bereitete.
CSM 108-1 aber ging nie wieder in diese Kneipe und mied auch das Viertel hier für den Rest seines Aufenthaltes in der Domstadt.



Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA                    23. Oktober 2030

„Und Sie denken, Sie kriegen das hin?”
„Sehen Sie mich nicht so an. Was muss ich noch tun, um Sie zu überzeugen?“ Karin warf Mahtobu einen säuerlichen Blick zu und blieb an der Tür zum Klassenraum stehen.
„Wir werden sehen. Aber denken Sie daran, ich stehe genau hinter Ihnen, falls Sie auf dumme Gedanken kommen sollten ...“ Er öffnete den Durchgang und ließ sie vorgehen. Die auserwählten Zeitspringer standen in Reih’ und Glied da und warteten auf ihr Eintreffen. Es hatte für Karin den Anschein, dass Mahtobu sie absichtlich hatte ‚antreten’ lassen, um sie nochmals an die militärische Natur ihres Einsatzes zu erinnern.
Sie trat nach vorne und sagte kurz angebunden und mit ernster Miene: „Ich möchte mich von euch verabschieden und euch alles Gute wünschen. Ich weiß, ihr werdet die Mission erfolgreich abschließen. Niemand wird euch dafür danken, aber ihr werdet wissen, dass wir hier in einer für euch möglichen Zukunft euch alles verdanken. Ach ja, noch eine Kleinigkeit.“
Sie zog bewusst langsam und vorsichtig eine kleine Farbfotografie hervor, alt und zerschlissen, aber durchaus noch erkennbar. Aus ihrem Augenwinkel sah sie, wie Mahtobu an der Rückwand der Halle im Halbschatten lehnte und scheinbar zufällig seine Dienstwaffe aus dem Holster an seinem Gürtel gezogen hatte und sie gerade überprüfte, während er gelangweilt auf das Ende ihrer Abschiedsrede zu warten schien.
Bedächtig fuhr sie fort: „Seht euch dies hier bitte genau an. Diese Aufnahme stammt ungefähr aus der Zeit, als ich nach Freiburg gezogen bin und mein Studium begonnen habe. Das war ich damals. Und jetzt meine Bitte ...“
Mahtobu hantierte noch immer mit seiner Pistole. Er hatte das Magazin entnommen, wieder eingeführt und zog jetzt den Schlitten nach hinten, um probeweise eine Patrone in die Kammer zu laden. Er legte großen Wert auf das Funktionieren seiner Ausrüstung, wie jeder wusste. Der Hahn der Waffe blieb nach dem Durchladen gespannt. Versuchsweise visierte er irgendeinen Punkt oberhalb ihrer Schulter an, wie sie bemerkte.
„Ich weiß natürlich nicht, welche Neigungen ihr privat habt, aber von mir lasst ihr gefälligst die Finger.“ Zwei Freiwillige grinsten unverschämt, worauf sie hinzufügte. „Vor allem ihr! Nein, im Ernst, ich möchte wirklich, dass ihr mir aus dem Weg geht oder, wenn es sich nicht vermeiden lässt, den Kontakt mit mir wenigstens minimiert. Okay?“
Die Zeitspringer nickten alle gleichzeitig, worauf sie noch jeden einzelnen der Kandidaten kurz an sich drückte und dann rasch den Raum verließ. Dabei sah sie, wie Mahtobu das Magazin seiner Waffe wieder entnommen hatte und den Schlitten nochmals zurückzog, worauf die geladene Patrone wieder aus der Kammer der Pistole ausgeworfen wurde. Er fing sie geschickt auf und folgte ihr aus dem Klassenzimmer, das jetzt die Jenssens betraten und auf Deutsch riefen: „Ihr Lieben, macht’s gut und viel Erfolg ...“
Draußen beobachtete Karin, wie der schwarze General die Patrone ins Magazin hineindrückte und letzteres in die Pistole einführte. Dann hob er die Augen und sagte mit freundlichem Lächeln: „Braves Mädchen.“
„Nennen Sie mich nicht so“, forderte sie ihn auf und folgte seinem Blick zur Hand, in der sie immer noch das alte Foto von sich als junge Frau hielt. Bevor er fragen konnte, gab sie es ihm zur Ansicht. Irgendwann waren sie trotz aller Diskrepanzen soweit miteinander vertraut geworden, dass manche Dinge nicht mehr ausgesprochen werden mussten.
Er pfiff zwischen den Zähnen hindurch und merkte an: „Ich wette, sie war auch kein braves Mädchen.“
„Das geht Sie nichts an“, entgegnete sie in leicht pikiertem Tonfall. Er sah noch einen weiteren Moment lang auf das hübsche, schmale Gesicht mit der Andeutung der hohen Wangenknochen, den extrem hellbraunen Augen und den schwarzen Haaren, die zum Pferdeschwanz nach hinten gebunden waren. Ihm kam der Gedanke, dass er sie noch nie ohne diese Frisur gesehen hatte. Sie hatte dafür, dass sie in Mitteleuropa gelebt hatte, einen auffällig dunklen Teint, sodass er vermutete, sie hatte damals etwas nachgeholfen mit der natürlichen Sonnenbräune. Ihre schmalen, aber geschwungenen Lippen waren einen Deut verzogen, so als hätte sie für die Aufnahme lächeln wollen, als hätte sie aber etwas belastet, das dieses Lächeln nicht aufrichtig wirken ließ. Er wollte sie in diesem Augenblick auch nicht weiter mit Fragen bedrängen.
Statt dessen gab er das Bild an sie zurück und bemerkte mit knabenhaftem Grinsen: „Vielleicht sollte ich auch mitspringen ... nur um die Operation zu überwachen.“
„Unterstehen Sie sich!“, schnappte sie aufgebracht, als ihr aufging, was er meinte.
„Sie hätten mich sicher gemocht. Ich war ein schneidiger junger Kerl“, fügte er immer noch grinsend an.
„Ja, aber das ist lange her“, konterte sie trocken. „Was sollte ich mit Ihnen tun in meinem damaligen Alter? Ihnen über die Straße helfen? Außerdem sind Sie nun erst einmal arbeitslos, nachdem die Mission beendet ist, oder sehe ich das falsch?“
„Ein Grund mehr, den Sprung mitzumachen, nicht wahr? Schließlich gibt es nichts, was ich zurücklassen würde.“ Er zwinkerte und machte Anstalten, zum Ausbildungsraum der Klasse zurückzugehen, so als hätte er wirklich vor, seinen absurden Vorschlag in die Tat umzusetzen.
„Und was ist mit ...“, begann sie, brach aber sofort ab und biss sich verlegen auf die Unterlippe.
„Sie wollten etwas anmerken?“ Er grinste immer mehr, konnte sich das Lachen kaum noch verkneifen.
„Ach, nichts. Sie werden für den Wiederaufbau gebraucht, wollte ich sagen.“ Sie fuhr herum und verschwand eilig. Zurück blieb ein nachdenklicher Mahtobu.
 
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