Was wäre, wenn....?

von Celudin
GeschichteDrama / P12
Calanthe Pellaz
30.09.2006
30.09.2006
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Was wäre, wenn....?



Einmal lief ich mit Cal durch die riesigen Parkanlagen von Phaonica. Ein paar Tage zuvor waren wir aus Freyhella zurückgekehrt. Und obwohl ich den Eindruck gehabt hatte, daß Cal sich mit Galdra gut verstanden hatte, schien er jetzt so nachdenklich. Als halte ihn ein ganz bestimmter Gedanke fest und zwinge ihn, immer und immer wieder darüber nachzusinnen.
Ich kannte Cal gut genug und wußte, ich würde nichts aus ihm herausbringen, wenn ich ihn danach fragte. Irgendwann würde er selbst mit der Sprache herausrücken. Und das geschah an diesem Tag.
Wir liefen nebeneinander her und ich hatte gerade einen kleinen Vogel beobachtete, der von einem Ast zum nächsten hüpfte, als ich seine Stimme hörte.
„Pell“, begann er zögernd.
Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm um. Er blickte zum Horizont, sein Blick war weit.
„Was wäre, wenn du nie Tigron geworden wärst?“
Ich zuckte zusammen, denn damit hatte ich am allerwenigsten gerechnet. Es war die Frage, die mich beschäftigte, seit ich damals in Phades Turm erwacht und zum ersten Mal fähig gewesen war, darüber nachzudenken. Damals trieb mich die Sehnsucht nach Cal dazu an, mir immer wieder diese eine Frage zu stellen. Warum? Und: Was wäre, wenn....? Doch auch später, als Cal und ich längst wieder miteinander vereint waren, hatte ich diese Frage nie verdrängen können. Zu viele Schwierigkeiten hatten trotzdem immer wieder versucht, sich zwischen uns zu stellen.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich leise. Meine Stimme klang atemlos. Doch ich hatte das leise Gefühl, daß Cal gar nicht wirklich auf eine Antwort gewartet hatte.
Jetzt sah er mich an.
„Dann will ich es dir sagen, Pell.“
Er griff nach meiner Hand und wir schlenderten langsam weiter.
„Was wäre, wenn du nie Tigron geworden wärst“, wiederholte er langsam. Dann sagte er: „Weißt du, es reicht nicht, daß wir uns die Frage stellen, was aus dir geworden wäre oder aus mir oder uns. Das ist mir jetzt klar geworden. Die Geschichte ist so groß und wir hängen da nur irgendwie mit drin. Zuerst müssen wir uns fragen, wer statt dessen Tigron geworden wäre.“
Ich dachte an Vaysh und schluckte. Wie viele Versuche hätte es noch gegeben, wenn es bei mir vielleicht auch nicht geklappt hätte?
„Was ich mich frage ist: Was wäre, wenn Thiede selbst Tigron geworden wäre?“
Ich sah Cal erstaunt an. Vermutlich hatte jeder einzelne in Phaonica sich schon einmal gefragt, warum Thiede nicht selbst dieses Amt übernommen hatte. Aber niemand wußte darauf eine Antwort.
„Laß uns darüber nachdenken.“

Wir gingen schweigend weiter und ich fragte mich schon, ob er überhaupt weiterreden würde, als er schließlich sagte: „Zuerst einmal wäre Thiede vermutlich nicht zu deiner Initiation gekommen.“
„Wer dann?“
Cal zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Vielleicht Orien selbst. Vielleicht ein anderer Hienama.“ Er dachte einen Moment nach und sagte dann: „Ich denke, das ist auch egal. Die ersten Jahre wären sowieso gleich verlaufen. Wir hätten in Saltrock gelebt und schließlich wären wir losgezogen, damit du zu Brynie aufsteigen konntest. Wir wären zu den Kakkahaaren gestoßen und hätten Lianvis kennengelernt – und Ulaume. Dann wären wir überstützt aufgebrochen, weil wir hinter die schrecklichen Dinge kamen, die Lianvis tat. Unterwegs hätten wir die Irraker getroffen und Cobweb befreit. Und dann wären wir nach Galhea gekommen.“
Wieder machte er eine kurze Pause und ich wußte, woran er dachte. „Wir hätten dort einige Zeit verbracht und dann wären wir aufgebrochen und weitergezogen. Immer in Richtung Immanion. Siehst du, alles wäre so geblieben, bis zu jenem Tag....“
Er brach ab und drehte den Kopf, so daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Es war klar, welchen Tag er meinte. Den Tag, an dem ich gestorben war. Ich sah ihn ganz deutlich vor mir. Die Sonne schien und der Himmel war klar. Cal sang. Und dann sprachen wir über uns und die Liebe. Schließlich erzählte Cal mir, warum wir von Galhea aufgebrochen waren, was Terzian von ihm gewollt hatte. Und dann verbrachten wir unter dem Schutz der Bäume unsere letzte gemeinsame Nacht. Am nächsten Tag starb ich. Erschossen, von einer unbekannten Menschenfrau. Dieser Tag, der alles veränderte. Der uns alles wegzunehmen schien, was wir gerade im Begriff waren, uns aufzubauen.
Ich rückte näher zu Cal und drückte seine Hand. Langsam drehte er den Kopf und sah mich an. Seine Augen waren düster von der Erinnerung, doch er lächelte.
„Ja, Pell“, nickte er, als er in meinen Augen las, was ich dachte. „An diesem Tag hätte sich das Schicksal verändert.“
Er holte tief Luft, dann begann er: „An diesem Tag wäre ich vor dir aus dem Dickicht des Waldes ins Freie geritten. Vielleicht hätte die Frau auf uns gezielt, doch sie war dünn und schwach und konnte mit der Pistole nicht richtig umgehen. Vielleicht hätte es aber auch keine Frau gegeben. Wir wären einfach weitergeritten, immer weiter. Vielleicht wären wir auch einfach irgendwo geblieben, wo es uns gefallen hätte. Wir hätten eine verlassene Menschensiedlung gefunden und uns ein Haus zurecht gemacht. Und wir wären einfach dort geblieben, für immer. Nur du und ich.“
Ich mußte lachen, obwohl mir noch gerade eben nicht danach zumute gewesen war. Aber so wie Cal unser Leben jetzt beschrieb, klang es so unwirklich und idyllisch, daß ich mir nicht vorstellen konnte, daß es ihm, so wie er damals gewesen war, gefallen hätte. Er sah mich irritiert an.
„Nein, Cal, so wäre es nicht gewesen. Du vergißt, wie du damals warst. Du konntest nur an Immanion denken. Das war alles, was dir wichtig war. Du wärst niemals einfach irgendwo geblieben mit mir, dem verwöhnten Balg, und hättest dafür deinen Traum von der Stadt der Wunder aufgegeben.“
Jetzt mußte auch Cal grinsen. „Du hast recht. Also gut. Wir wären also weiter geritten, bis an die Küste von Megalithica. Dort hätten wir ein Schiff gefunden, mit dem wir nach Almagabra übergesetzt hätten. Und schließlich wären wir nach Immanion gekommen.“ Er lachte. „Sicher hätten wir dort dann Thiede getroffen. Und der hätte dich gesehen und sich geärgert, daß er dich nicht inceptet hatte. Doch da wäre es dann zu spät gewesen. Wir hätten also in Immanion gewohnt und all die wichtigen und interessanten Hara kennengelernt. Und irgendwann“, er sah mich von der Seite an, „hätten wir unseren ersten Harling bekommen.“
Ich schwieg.
„Weißt du noch, was ich zu dir sagte? Damals in dem Wald, an diesem Tag?“
Ich nickte. Natürlich wußte ich es, wie hätte ich es vergessen können. Er hatte gesagt, daß dies irgendwann möglich wäre: die Schaffung neuen Lebens. Und daß er diese Erfahrung nicht ohne mich machen wollte.
Er schloß mich in die Arme und wir hielten einander fest. Dieser Traum war uns genommen worden. Denn wir beide hatten neues Leben geschaffen, doch nicht miteinander.
„Es hätte keinen Tyson gegeben und keinen Abrimel“, flüsterte ich und in mir kämpften die Gefühle miteinander. „Und auch keinen Loki, und keinen Darq.“
Ich spürte wie Cal nickte. „Du hast recht.“
Er löste sich von mir und nahm wieder meine Hand.

„Siehst du jetzt? Es reicht nicht, wenn wir darüber nachdenken, was aus uns geworden wäre. Laß uns überlegen, wie alles andere passiert wäre Wir müssen ausgehen von diesem einen Tag.“
Wir liefen langsam weiter und einen Moment hing jeder seinen Gedanken nach. Dann sagte Cal: „Da du nicht gestorben wärst, wäre ich niemals herumgeirrt, außer mir vor Traurigkeit und Wut.“
Ich war erstaunt, daß er das wirklich aussprechen konnte. Und ich wußte, was er als nächstes sagen mußte.
„Ich wäre nicht nach Saltrock zurückgekehrt“, sagte er leise. „Orien wäre noch am Leben.“
Er rieb sich über die Augen.
Ich dachte an Flick und fragte: „Glaubst du, Flick wäre dann immer noch in Saltrock?“
„Nein, ich glaube nicht. Thiede hätte doch Seel trotzdem nach Immanion geholt. Und spätestes dann wäre Flick vermutlich entweder mitgegangen oder aber weggelaufen. Ich glaube, eher letzteres. Er hat immer darunter gelitten, wie Seel ihn behandelt hat, nur war ihm das selbst nicht immer bewußt. Doch ich schätze, irgendwann wäre er auch ohne mich dahin gekommen, Seel zu verlassen.“
Ich atmete auf. Ich mochte Seel, doch ich hätte den Gedanken nicht ertragen können, daß Flick und Ulaume einander nie getroffen hätten.
„Was ist mit Ulaume“, fragte ich deshalb weiter. „Hätte er Lianvis verlassen?“
„Natürlich hätte er. Lianvis wollte Harlinge mit ihm. Doch Ulaume war nicht bereit dafür. Damals konnte er doch nur an dich denken. Daran hätte sich doch nichts geändert.“
Bei diesen Worten, schoß mir die Röte ins Gesicht. Es war ein merkwürdiges Gefühl, daß ich für Ulaumes und Flicks Glück mit verantwortlich sein sollte.
„Dann hätte er auch Lileem gerettet und später Terez und Mima. Und alles wäre so gekommen, wie es war“, überlegte ich weiter und Cal nickte.

Nach einer Pause sagte er: „Ich wäre nicht nach Galhea zurückgekehrt. Du hast recht, es gäbe keinen Tyson. Ich hätte Cobweb keinen Schmerz bereitet, doch ich hätte ihm auch nicht geholfen, eine vergessene Seite in ihm wiederzuentdecken. Und ich hätte auch Swift nicht kennengelernt, jedenfalls nicht als Harling. Er hätte mich also auch nicht für seine Feybraiha ausgesucht.“ Er lächelte. „Ich möchte wissen, wer es dann gewesen wäre. Vermutlich Leef. Er war ja schließlich dafür vorgesehen. Und ich habe ihm diesen schönen Moment gestohlen.“
„Wäre denn Swift ohne dich nach Imbrilim geritten?“
Jetzt mußte Cal überlegen. Schließlich sagte er: „Terzian war fort. Swift hatte Angst um seinen Vater und um sein Zuhause. Das hatte nichts mit mir zu tun. Er wäre fortgeritten, mit Leef. Thiede hatte doch Interesse an ihm und hat es daher so arrangiert, nicht weil ich bei Swift war. Also wäre auch das alles so passiert wie es war. Swift und Seel hätten zueinander gefunden und gemeinsam Ponclast besiegt.“ Er machte eine Pause und lächelte. „Vielleicht hätten wir sie schließlich in Immanion wiedergesehen.“
Ich lächelte ebenfalls. Bisher hatte es noch kaum Unterschiede gegeben zwischen dem, was wirklich passiert war und dem, was hätte sein können.
Doch dann holte Cal tief Luft und sprach weiter.
„Ich wäre niemals nach Fallsend gekommen. Panthera hätte ich nicht kennengelernt. Vielleicht wäre er jetzt immer noch dort, an seinem Bett gefesselt. Diese ganze Reise hätten wir nicht zusammen gemacht.“ Seine Stimme klang traurig. Ich wußte, was Panthera ihm bedeutet hatte. Und ich wußte, wie wichtig er für Panthera gewesen war. Dies war das erste Mal, daß ich die Wirklichkeit vorzog.

Eine ganze Weile schwiegen wir. Schließlich sagte Cal: „Und jetzt dein Teil.“
Ich überlegte. „Zu allererst hätte ich niemals Vaysh kennengelernt.“ Es stimmte mich traurig, denn Vaysh war mir sehr ans Herz gewachsen. So sehr ich ihn in den ersten Tagen nach meiner „Wiedergeburt“ gehaßt hatte, so sehr liebte ich ihn jetzt. Der ewige eiskalte und doch so sensible und verletzte Vaysh. Wir hatten beide voneinander profitiert. Hatten uns gegenseitig Halt gegeben und ein gemeinsames Schicksal geteilt. Was wäre aus ihm geworden?
Cal riß mich aus meinen Gedanken. „Doch, das hättest du.“
Erstaunt sah ich ihn an. Er grinste.
„Nun, wäre Thiede selbst Tigron, hätte er auch nicht an Vaysh herumexperimentiert. Er wäre also immer noch mit Ashmael chesna. Ashmael wäre natürlich trotzdem in der Hegemonie, denn auch Thiede bräuchte einen Kommandanten für seine Armee. Und da es mir noch nie schwer gefallen ist, hochstehende Persönlichkeiten kennenzulernen“, sein Grinsen wurde noch breiter, „wäre sicherlich auch Ash dabei gewesen. Zugegeben, du hättest einen anderen Vaysh kennengelernt. Einen glücklichen.“
Ich dachte über diese Möglichkeit nach. Sie erschien mir plausibel. Wie so oft fragte ich mich, wie Vaysh wohl damals gewesen war. Bevor er in Ashmaels Armen gestorben war.
„Was noch?“ fragte Cal jetzt und brachte mich auf das ursprüngliche Thema zurück.
„Ich wäre nie bei Phade gewesen“, antwortete ich. „Und nicht in Ferelithia“
Jetzt war es an mir, mich unbehaglich zu fühlen. Dieser Teil der Geschichte war der schwierigste für mich. Doch ich merkte, daß Cal darauf wartete, daß ich die Gedanken aussprach, wie er es getan hatte. Und so zwang ich mich zu sagen: „Ich hätte Rue nie getroffen. Ich hätte ihm kein Leid zugefügt, wie ich es in dieser Nacht getan habe, und in der Zeit, die danach folgte. Es würde keinen Abrimel geben, dem ich auch nie ein richtiger Vater war.“
Ich seufzte und fühlte mich schlecht. Stets war ich verantwortlich für das, was Rue erleiden mußte. Die Zeit nach Abrimels Geburt, den Haß, den ich ihm entgegenbrachte, als wir den Blutsbund miteinander eingingen, und schließlich das Leid und die Schmerzen, die er ertragen mußte, als Darqs Perle aus ihm gerissen wurde.
„Sag mir, was aus Rue geworden wäre“, bat ich.
Zum ersten mal zuckte Cal mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre er glücklich geworden. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hätte er ewig auf dich gewartet, ohne es zu wissen. Das mußt du ihn schon selbst fragen.“ Er versuchte ein Lächeln.
Ja, es war schwer zu sagen, was aus Caeru geworden wäre, wenn ich nicht sein Leben durcheinander gebracht hätte.

„Laß uns weitergehen“, sagte Cal schließlich, um mich aus den dunklen Schuldgefühlen zu holen, die mich immer beschlichen, wenn ich an Caeru dachte.
Ich nickte. „Was wäre mit Snake? Und mit Raven und Moon?“ fragte ich. Für einen normalen Har war es mehr als ungewöhnlich, nach seiner ursprünglichen Familie zu suchen. Hätte ich sie also je wiedergesehen?
„Das ist schwer zu sagen“, antwortete Cal langsam. „Ich glaube nicht, daß du je nach ihnen gesucht hättest. Oder doch?“ Er sah mich fragend an und schien zu überlegen. „Aber da ist noch Cobweb. Nachdem Swift und Seel für Immanion arbeiteten und Terzian gestorben wäre, hätte er vielleicht genauso angefangen, für Thiede die Otherlanes zu kontrollieren. Vielleicht wäre er dadurch irgendwann auf Snake gestoßen, wer weiß? Snakes Präsenz schien für ihn ja deutlich spürbar. Und wäre sein Aufenthaltsort erst bekannt gewesen, hättest du sicher nicht gesagt, du willst ihn nicht sehen, oder?“
Ich schüttelte den Kopf. „Sicher nicht. Aber was wäre mit Moon?“
„Tja, das ist eine ähnliche Frage wie bei Caeru. Da es Tyson nicht gegeben hätte, kann niemand wissen, was aus Moon geworden wäre. Wäre er glücklich geworden mit Ember? Oder hätte auch er sein ganzes Leben auf einen Tyson gewartet?“

Wieder schwiegen wir. Dann sagte Cal: „Kommen wir zu Ponclast. Er wäre ebenso aus dem Gebaddon ausgebrochen. Nur hätte er Abrimel nicht kennenlernen können, also hätte es auch Diablo nicht gegeben. Doch ich bin sicher, Thiede hätte es trotz allem mit ihnen aufnehmen können. Nehmen wir also an, der Sieg wäre trotzdem auf unserer Seite gewesen. Was wäre anders gewesen?“
Ich wußte, worauf er anspielte. „Ich wäre nicht mit Galdra zusammengewesen“, flüsterte ich. Ich wußte nicht, wie ich mich fühlen sollte. Die Zeit mit Galdra war schön gewesen und ich mochte ihn noch immer. Doch ebenso wie bei Caeru überfielen mich auch bei ihm starke Schuldgefühle. Ich hatte Cal betrogen!
„Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn ich hätte dich niemals allein gelassen“, sagte Cal und zog mich an sich.
Ich versuchte zu lächeln.
„Du findest es schade, nicht wahr?“
Ich wollte aufrichtig zu ihm sein und nickte.
„Das ist nur verständlich. Schließlich hattest du eine schöne Zeit mit ihm. Und wir hätten keinen Loki.“ Er machte eine Pause. „Es ist doch das gleiche wie mit Terzian.“
„Aber was wäre aus Galdra geworden?“ fragte ich.
„Er wäre trotzdem nach Immanion gekommen. Denn Tyr wäre ermordet worden und so hätte er Hilfe gesucht. Die Frage ist, ob er dich dort getroffen hätte.“ Er sah mich an. „Hättest du Aruna mit ihm gehabt, wenn ich bei dir gewesen wäre?“
Ich schüttelte heftig den Kopf. „Nein, natürlich nicht!“
Cal küßte mich, dann sagte er: „Dann wäre Galdra vermutlich einsam geblieben. Und hätte sein Leben lang an dich gedacht. Aber das tut er schließlich auch jetzt.“
„Bleibt nur noch die Frage nach den Zehk und Aasp“, bemerkte ich, um das Thema zu wechseln.
Cal warf mir einen Blick zu. „Nun, das wäre dann wirklich Thiedes Problem gewesen. Da es Loki und Darq nicht gegeben hätte, hätte er das entscheiden müssen.“

Wir schlenderten Hand in Hand weiter. Cal seufzte.
„Ich kann nichts dagegen tun, aber immer wieder muß ich darüber nachdenken. Klar, wir sind glücklich jetzt, nach dieser ewig langen Zeit. Aber wer weiß, was als nächstes kommt? Du bist Tigron und ich jetzt auch. Wir haben uns beide sehr verändert. Wir werden nie so zusammensein, wie wir es damals waren.“
Ich nickte schwer und dachte an die Zeit zurück, als ich noch dabei war, das Leben als Wraeththu erst kennenzulernen. Cal war mein Lebensinhalt gewesen. Doch war dies jetzt anders?
„Ich habe dich so sehr geliebt“, fuhr Cal jetzt fort. „Ich hätte alles für dich getan, nur um mit dir zusammenzusein. Wer weiß, vielleicht hätte ich auch den Traum von Immanion aufgegeben, wenn du es verlangt hättest. Dann hätten wir doch als einsame Einsiedler geendet.“ Er lachte.
„Wer kann schon sagen, ob das besser gewesen wäre“, antwortete ich, jetzt ebenfalls lachend. „Vielleicht hätten wir uns schon nach kurzer Zeit zu Tode gelangweilt und uns gegenseitig das Leben zur Hölle gemacht.“
Cal grinste, doch dann wurde er wieder ernst. „Ja, wer kann das schon sagen. Es wäre einiges Leid nicht geschehen, und damit meine ich jetzt nicht nur unseres. Doch es wären auch einige schöne Dinge nicht geschehen. Und wir wissen schließlich nicht, was in diesem anderen Leben noch geschehen wäre.“
„Würdest du denn trotzdem tauschen wollen? Gegen das Leben, das wir hätten haben können, wenn ich nicht Tigron geworden wäre?“
Cal zögerte. „Wie kann ich das wissen? Hätte ich nicht die Chance bekommen, wieder mit dir zusammen zu sein, so wüßte ich, wie ich gewählt hätte. Egal, wieviel Leid ich damit anderen angetan hätte. Doch wir sind wieder zusammen. Vielleicht sollten wir einfach aufhören ständig darüber nachzugrübeln und anfangen, das Beste aus dem Leben zu machen, das wir jetzt haben.“
Ich seufzte. „Das klingt so einfach, wenn du das sagst.“
„Nun, ein Tigron braucht die Herausforderung“, sagte Cal lächelnd und dann küßte er mich.
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