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Ins Herz der Finsternis

von Graziani
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Lara Croft
01.09.2006
01.09.2006
13
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Kapitel 1
Ausgrabungsstelle der P. Jackson-Expedition, Kongo

Der Morgen begann früh für die Männer und Frauen im Camp. Noch bevor die Sonne aufgegangen war, standen sie auf, schlangen hastig das Frühstück hinunter und gingen an ihre Arbeit, um so viel wie möglich zu schaffen, bevor die schwüle Hitze, die zum Mittag unerträglich wurde, jede Bewegung zur Qual machte. Am Nachmittag würde es unweigerlich regnen, was zwar Abkühlung brachte, gleichzeitig aber auch die Ausgrabungen erschwerte. Andere Menschen hätten diese Arbeit vielleicht als Tortur empfunden, doch die einheimischen Arbeiter waren froh, überhaupt Geld verdienen zu können. Die Männer und Frauen des kongolesischen Nationalmuseums waren mit Feuereifer an der Arbeit, konnte sie doch zum ersten Mal seit Jahren wieder an einer richtigen Ausgrabung teilnehmen. Und der Ausgrabungsleiter, Pieter Jackson, wurde zusätzlich von der Erwartung beflügelt, vielleicht an der Schwelle zu einer Entdeckung zu stehen.
Das Geld für die Expedition war ausreichend, aber nicht verschwenderisch bemessen und der Zeitrahmen war begrenzt, deshalb waren fast alle der mehr als fünfzig Menschen mit Feuereifer an der Arbeit - mit nur sechs Ausnahmen, vier Schwarzen und zwei Weißen.
Drei dieser Ausnahmen marschierten gerade in Richtung des „HQ-Zeltes“, wo die Aufgaben für den Tag verteilt wurden. Die Männer, zwei Weiße und ein Schwarzer, trugen wie etliche der kongolesischen Wissenschaftler abgeschabte Tarnanzüge aus Armeebeständen. Doch im Gegensatz zu den Arbeitern und Wissenschaftern im Camp waren diese Männer bewaffnet und hatten Funkgeräte am Gürtel. Die Weißen trugen israelische Uzi-Maschinenpistolen, der Schwarze eine alte AK-47. Und sie hielten die Waffen, als wüssten sie damit umzugehen. Was auch den Tatsachen entsprach.
Die Männer passierten eines der Zelte, dessen Seitenwände hochgeschlagen waren. Im Inneren saß eine junge Schwarze die geschickt ein Laptop auf den Knien balancierte, während sie einen Bericht über die Ergebnisse des letzten Tages überflog und verbesserte.
Der Jüngere der beiden Weißen, ein vielleicht fünfundzwanzigjähriger, hagerer Bursche mit strohblondem Haar, hielt kurz inne: „Guten Morgen, Madame le Docteur. Was steht denn heute auf dem Programm?“
Die Frau blickte nur kurz auf, warf dem Mann einen etwas genervten Blick zu und tippte dann weiter. Der Schwarze in dem Trio lachte: „Gib dir keine Hoffnungen, Junge! Bei der hast du keine Chance!“
Der junge Mann zuckte mit den Schultern und grinste: „Du meinst, weil ich weiß bin?!“
„Schlimmer noch. Du bist Weißer - und ein Söldner! Wenn du in deiner Freizeit Kinder fressen würdest, wär’s nicht so schlimm.“
„Und wo würde da überhaupt ein Unterschied sein?“ knurrte der zweite Weiße, der bisher geschwiegen hatte. Er war nicht mehr jung, sicherlich schon Mitte Dreißig. Er war hoch gewachsen und breitschultrig, die blonden Haare kurz geschoren, die Haut von der Tropensonne gebräunt. Seine graublauen Augen wirkten hart und wachsam, das Gesicht war kantig. Im Gegensatz zu seinen Kameraden schien er angespannt, fast unruhig. Seine Stimme klang hart und autoritär - in der Gruppe war er eindeutig der Anführer: „Robert, statt unserer Doktorin auf die Titten zu schauen, kannst du dich genauso gut nützlich machen. Ich habe Jackson gesagt, dass ich dich losschicke, damit du uns was zu Essen schießt - unsere Eierköpfe sollen sich ja nicht beklagen. Halt dabei gefälligst die Augen auf. Sieh dich um. Aber wenn du bis Anfang deiner Wachschicht nicht zurück bist, schlag‘ ich dich zusammen.“
Der junge Weiße schien sich nicht an dem rüden Ton seines Kameraden zu stören: „Verstanden, sergent. Aber glauben Sie im Ernst, es könnte Probleme geben?“
„Ich weiß nicht. Der Scheiß-Bürgerkrieg brennt zurzeit ja nur auf Sparflamme. Aber es gibt immer Banditen, Deserteure und versprengte Rebellen. Und ich traue der Gendarmerie nur soweit, wie ich einen Panzer schmeißen kann. Was unsere Eierköpfe hier an Gerät mitschleppen, das könnte man auf dem Schwarzmarkt spielend ein paar zehntausend Dollar einbringen. Hier bringen sie schon für einen Bruchteil davon die eigene Mutter um.“
Dem widersprach keiner der beiden anderen. Der junge Mann salutierte schwungvoll, fast spöttisch, warf seine Mpi in das Zelt, in dem die sechs Söldner übernachteten, die die Sicherung des Lagers zu gewährleisten hatten, und marschierte gleich darauf in Richtung Waldrand, einen alten Karabiner auf der Schulter. Der Mann, den er mit sergent angeredet hatte sah ihm kurz hinterher und wandte sich dann seinem schwarzen Kollegen zu: „Phillipe, du siehst mal zu, was Andre und Patrice  machen. Wenn diese beiden Kaffer nicht anständig Wache halten können, dann jag‘ ich sie zu Fuß nach Kananga zurück. Von wegen Spezialeinheiten - wenn die auch nur bei der Gendarmerie waren, würde ich mich wundern! In zwei Stunden löst du sie dann mit Joseph zusammen ab. Und...“
„Nur die Ruhe, sergent. Ich kenne das Geschäft.“
„Wäre schön, wenn das auch für diese beiden Knallchargen gelten würde. Und pass auf. Ich weiß nicht...“
Phillipe grinste breit: „Fangen Sie schon wieder mit ihren Ahnungen an, sergent? Wir sind mitten im Nirgendwo hier. Nicht mal die Guerilla würde hier was von Interesse finden. Die Einheimischen machen sich in die Hosen, wenn sie nur an den Ort denken. Sie sind doch nicht etwa abergläubisch?“
Der sergent winkte ab: „Ach halt doch das Maul und schieb schon ab...“ Phillipe lachte kurz auf und ging.
Der Weiße setzte seinen Weg zielstrebig fort. Doch während er zügig auf das Zelt des Ausgrabungsleiters zuhielt, sah er sich unwillkürlich sichernd um, beobachtete misstrauisch den Waldrand. Irgendetwas...

Dort war inzwischen außer Pieter Jackson, dem Leiter der Expedition, keiner der Wissenschaftler oder Arbeiter mehr. Sie mussten alle bei der neuen Ausgrabung sein, an der die Arbeit erst vor zwei Tagen begonnen hatte. Kurz wunderte sich der Söldner, normalerweise war Pieter Jackson immer der erste an der Ausgrabungsstelle.
Heute aber fand der Söldner den Ausgrabungsleiter vor der Kommunikationsanlage, einem hochmodernen, satellitengestützten System mit ausgezeichneter Bild- und Tonübertragung. Schon dieses Gerät, schätzte der Söldner, war auf dem Schwarzmarkt mindestens 30.000 Dollar wert - im Kongo mehr als genug für einen Mord.
„Sir, wenn Sie erlauben...“
Pieter Jackson winkte kurz ab, während seine eigentliche Aufmerksamkeit auf den Bildschirm gerichtet war. Der Expeditionsleiter war noch recht jung für seinen Job, keine Dreißig. Er wirkte sportlich und fit. Mit seinem kurz geschnittenen, schwarzen Haar und der dunkelgrünen Tropenkleidung hätte man ihn vielleicht auch für einen Söldner halten können - wenn er nicht dafür ein wenig zu intelligent gewirkt hätte, wie ‚sergent‘ zynisch konstatierte. Mit eher müßigem Interesse sah er seinem Geldgeber über die Schulter. Auf dem Bildschirm der Kommunikationsanlage erschien im selben Augenblick das Gesicht einer jungen Frau. Sie mochte vielleicht Mitte Zwanzig sein, mit wachsamen, grünen Augen und langen dunkelbraunen Haaren, die sie offen trug. Ihre Haut war sonnengebräunt, aber nicht von einem Solarium oder einem Strandurlaub, sondern durch Wind, Wetter und Sonne. Sie musste ziemlich häufig im Freien unterwegs sein - und der fast unsichtbaren hellen Narbe an ihrer Stirn zufolge ging das auch nicht ohne Blessuren ab. Während der Söldner diese Einzelheiten speicherte, fiel ihm erst jetzt auf, wie schön diese Frau war. Vor allem, als sich ihre vollen Lippen jetzt zu einem halb spöttischen, halb freudigen Lächeln verzogen. Ein Blick auf seinen Auftraggeber sagte dem Söldner genug - er wusste, wie ein Mann aussah, der hoffnungslos verliebt war.
„Hi, Pieter. Wohin willst du mich diesmal einladen - damit ich ablehnen kann?“
„Hallo, Lara. Du kommst ja gleich zur Sache. Aber diesmal ist es nicht das, was du denkst.“
„Wirklich nicht? Na so was, du machst dich...“
„Spaß beiseite, was hält dich überhaupt so lange im alten England? Du bist jetzt schon wie lange - sechs Monate - nicht mehr im Einsatz gewesen. Bist du sesshaft geworden?“
Kurz schien ein Schatten über das Gesicht der Frau zu ziehen, aber sie fing sich schnell: „Komm, Pieter - das geht dich nichts an. Was willst du? Und normalerweise bist du es doch, der nichts von Feldforschung hält.“
Pieter Jackson lachte kurz auf: „Es gibt immer Ausnahmen. Und es gibt Gelegenheiten, die kann man sich nicht entgehen lassen. Diese Expedition - das war wie ein Millionengewinn. Für diese Chance würde ich in ein Haibecken springen.“
„Du musst ja wissen, was du da sagst. Und, wonach sucht ihr? Einer neuen ‚Lucy‘? Wenn du mich schon um den halben Erdball herum anrufst kannst du mir doch wenigstens das sagen.“
Jackson grinste jungenhaft: „Ich weiß was Besseres - komm hierher. Ich weiß, Anthropologie ist nicht dein Spezialgebiet. Aber wenn ich Recht habe, dann wird das hier eine Sensation für unser Fachgebiet. Das kann die Entstehungsgeschichte des Menschen verändern.“
„Du vergibst aber ganz schön große Vorschußlorbeeren. Habt ihr überhaupt schon etwas gefunden?“
Jackson setzte zum Reden an, zögerte aber. „Ich KANN nicht über die Ausgrabungen sprechen, die Leitung ist nicht völlig sicher. Du weiß, wie das ist. Mein Auftraggeber will nicht, dass irgendetwas vorzeitig bekannt wird.“
„Und er würde nichts dagegen haben, wenn du dir jemanden wie mich einlädst?!“
„Das kann ich handhaben. Komm schon Lara. Du...fehlst mir. Die Leute vom kongolesischen Nationalmuseum sind gut, aber irgendwie sehen die teilweise in mir nur so was wie einen Kolonialoffizier, der ihre Nationalgüter stehlen will. Und die einzigen anderen Gesprächspartner sind ein paar Söldner, die einen Plastiktopf nicht von einer Ming-Vase unterscheiden können.“
Lara Croft schüttelte langsam den Kopf: „Du wirst originell. Mich mit einem Haufen alter Knochen zu locken ist immerhin ein neuer Ansatz. Aber - nichts gegen dich, doch von Afrika habe ich erst mal genug.“ Ihr Gesicht verzog sich bei diesen Worten kurz, fast schmerzhaft.
„Wenn du hier nicht dabei bist - das wirst du dein Leben bereuen.“ Aber Jackson schien verstanden zu haben, dass er verloren hatte.
Lara Croft zuckte mit den Schultern und grinste wieder: „Damit werde ich leben müssen. Aber ich sag dir was - wenn du wieder in London bist und wenn ich gerade auch in good old England bin, dann lädst du mich ein und erzählst mir, was ich verpasst habe.“
„Heißt das, wir haben eine Verabredung?!“
Lara lachte auf: „Deut‘ mal nicht zuviel rein, Pieter. Bye!“
Pieter Jackson blieb noch ein paar Augenblicke vor dem Bildschirm sitzen, ein fast verträumtes Lächeln auf den Lippen, bevor er sich umdrehte und bemerkte, wie dicht sein Sicherheitschef hinter ihm stand. Der Expeditionsleiter runzelte die Stirn und starrte den hoch gewachsenen Söldner prüfend an: „Haben Sie etwa mitgehört?“
„Nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssten, Chef.“ Die Stimme des Söldners war ausdruckslos und wahrscheinlich bildete sich Jackson das leichte Grinsen seines Sicherheitschefs nur ein. Er war nie ganz schlau geworden aus diesem Mann, den die anderen Söldner meist nur ‚sergent‘ nannten.
„Also, was wollen Sie heute von mir?“
„Sir, ich muss noch mal betonen, das mir die Sicherheit Sorgen macht. Ich habe nur sechs Mann und fast die Hälfte davon ist nicht zu gebrauchen. Das Lager ist nicht sehr gut angelegt. Wenn Sie mir erlauben würden, die Zelte...“
Pieter Jackson schüttelte ungehalten den Kopf: „Das hier ist kein militärisches Unternehmen, sondern eine wissenschaftliche Expedition. Sie sollen uns nur vor Raubgräbern und Banditen beschützen. Ihre...Kriegserfahrungen in allen Ehren, aber ich glaube, Sie nehmen das zu wichtig. Ich habe schon genug Beschwerden über Sie bekommen. Ich weiß, ihr Job ist nicht auf Beliebtheit angelegt, aber Vorrang haben immer noch die Ausgrabungen - und auch das Wohlbefinden meiner Mitarbeiter. Oder haben sie konkrete Verdachtsmomente, dass die Sicherheitslage kritisch wird?“
„Nein, Chef.“
„Also dann ist ja alles klar. Wenn Sie mich entschuldigen, ich muss zur Ausgrabung.“ Pieter Jackson klopfte beim Hinausgehen seinem Sicherheitschef kurz auf die Schulter und ließ ihn damit stehen.
Der Söldner verzog den Mund und fluchte leise aber nachdrücklich. Mit dieser Antwort hätte er rechnen können. Diese Zivilisten begriffen einfach nicht, worum es ging. Genauso gut hätte er gegen eine Wand sprechen können.

Pieter Jackson hatte tatsächlich bereits die ihm ziemlich unklar und diffus erscheinenden Bedenken seines Sicherheitschefs vergessen. Seine Gedanken kreisten vielmehr um die Ausgrabungen - und um eine ganz besondere Frau im fernen London. Er kannte Lara Croft seit mehr als zwölf Jahren. Und er liebte sie immer noch, trotzdem ihre kurze Affäre nur ein paar Monate gedauert hatte und schon sechs Jahre her war.
Überrascht blickte er auf, als bei der neuen Ausgrabungsstelle Rufe laut wurden. Pieters Atem beschleunigte sich, während er zu laufen begann. Hatten Sie etwa...
Als er bei der Ausgrabungsstelle ankam, sah er, dass die Arbeiter von der Grube zurückgewichen waren, wie auch die kongolesischen Wissenschaftler. Er sah in verstörte, fast verängstigte Gesichter. In der Luft lag ein seltsamer, schwerer Geruch, den Jackson unwillkürlich mit Tod und Verwesung assoziierte. Konnte es tatsächlich sein? Pieter Jackson drängte sich zwischen den Arbeitern hindurch und trat an den Rand der Grube. Unwillkürlich stockte ihm der Atem: „Mein Gott...“

Der ‚sergent‘ war zu dem Zelt zurückgekehrt, das die Söldner bewohnten. Momentan war er alleine hier. Als er den Lärm von der Ausgrabungsstätte hörte, blickte er nicht einmal auf. Er interessierte sich nicht für alte Knochen. Stattdessen warf er einen Blick auf seine Uhr und hakte das Walkie-Talkie vom Gürtel los. Wahrscheinlich hielt Pieter Jackson diese Maßnahme auch für übertrieben, aber in unregelmäßigen Abständen prüfte der Söldner so die Wachsamkeit seiner Untergebenen.
„Robert - Meldung...Robert - Meldung! Was ist los, verdammt -lass die dummen Spielchen, Idiot!“ Doch die Antwort war nur Rauschen. Das vage Gefühl nahenden Unheils verstärkte sich, während der Söldner auf eine Meldung wartete. Es konnte eine Fehlfunktion sein, oder einfach Nachlässigkeit. Nein - nicht bei Robert. Nicht bei... Er änderte die Einstellung des Funkgeräts leicht: „Phillipe - Meldung. Alles klar?“
„Alles ruhig, sergent. Was ist...“ Die Stimme brach mitten im Satz ab - und dann peitschte die erste Salve durch die Luft, fielen zwei, drei, vier Waffen mit ein.
Der Sicherheitschef warf sich aus einem Reflex zu Boden, war aber sofort auf den Beinen, als er registrierte, dass der Angriff an der anderen Seite des Camps begonnen hatte. Das schnelle, peitschende Hämmern der feindlichen Waffen war unverkennbar. M-16 Sturmgewehre. Keiner der Söldner im Camp verwendete diese Waffe. Eine AK-47 antwortete kurz dem Sperrfeuer der Angreifer, verstummte abrupt.
Im Camp brach Panik aus. Entsetzens- und Todesschreie gellten, während die Angreifer vorzurücken schienen und dabei fast pausenlos feuerten. Der Söldner riss ein längliches Bündel vom Boden hoch, ein in eine Zeltbahn gehülltes RPDM-LMG. Geduckt huschte er aus dem Zelt, hastete zum Rand des Camps. Dort erhaschte er zum ersten Mal einen Blick auf einige der Angreifer: zwei Männer, Weiße. Tarnuniformen, die Waffen locker in der Hüfte, im schnellen Laufschritt vorrückend.
Die Angreifer sahen den Sicherheitschef fast gleichzeitig - aber zu spät. Der kurze Feuerstoß aus dem russischen Maschinengewehr erwischte einen von ihnen voll, schüttelte den Körper durch, als stände er unter Strom und warf den Mann als zuckenden Leichnam gegen eines der Expeditionszelte. Der andere Angreifer aber rettete sich, indem er sich zu Boden warf, während seine Waffe loshämmerte und den Sicherheitschef in Deckung zwang.
Der Söldner robbte ein paar Meter, richtete sich dann halb auf und huschte zu einer kleinen Anhöhe am Rande des Camps. Seine Gedanken arbeiteten fieberhaft, während er sich zu Boden warf und das Maschinengewehr auf das Camp richtete. Wer waren die Angreifer? Wie viele waren es? Und was wollten sie?
Vor den Augen des Sicherheitschefs ging das Ausgrabungscamp im Chaos unter. Einzelne Arbeiter flohen schreiend, vielfach blutend. Zwischen den Zelten tauchten hier und da einzelne der Angreifer auf, Schwarze und Weiße, alle in Tarnkombinationen, alle bewaffnet mit amerikanischen Sturmgewehren. Trotz des pausenlos erscheinenden Feuers schossen sie nicht wahllos, zersiebten vielmehr präzis und planmäßig die Zelte mit kurzen Feuerstößen, töteten die Flüchtenden, die planlos und panisch zu entkommen versuchten. Einer der Angreifer schoss einer fliehenden Frau in den Unterleib. Als er beim Vorrückenden die sich schreiend am Boden Windende passierte, senkte er blitzschnell die Waffe und jagte ihr eine Kugel in den Kopf, ohne anzuhalten, ohne zu zögern.
Das Gesicht des Sicherheitschefs verzerrte sich kurz. Kaltblütig visierte er den Schützen an und zog den Abzug kurz durch. Die Salve traf den Angreifer im Unterleib, schickte ihn zu Boden, wo er seinen Schmerz hinausschrie und krampfhaft versuchte, die hervorquellenden Eingeweide zurückzuhalten.
Aber der Söldner achtete nicht weiter auf ihn, sondern nahm stattdessen einen ganzen Trupp der unbekannten Angreifer aufs Korn, die wie in einer Treiberkette das Lager durchkämmten. Er richtete das MG auf das Zentrum der Schwarmlinie und eröffnete das Feuer.
Aber die Angreifer waren keine Neulinge. Zwar riss die Feuergarbe einem von ihnen den halben Kopf weg, wurde ein Zweiter in die Hüfte, ein Dritter in den Schenkel getroffen, als sie sich in Deckung zu werfen versuchten - doch die meisten kamen unverwundet davon, fanden Sichtschutz hinter den zusammengeschossenen Zelten, den Ausrüstungskisten und Fahrzeugen des Expeditionscamps. Flüche und knappe Befehle ertönten, während die Angreifer sich auf die neue Situation einstellten.
Für ein paar Augenblicke verstummten die Waffen, waren nur noch die entsetzten und schmerzerfüllten Schreie der Flüchtenden, der Verwundeten und Sterbenden zu hören. Wer von den Arbeitern und den Wissenschaftlern den Rand des Camps erreicht hatte, rannte planlos und panisch in Richtung des Waldrandes, um dort Schutz zu finden.
Der Söldner überdachte seine Lage. Er hatte vielleicht noch siebzig Schuss in seiner Waffe. Damit konnte er den Flüchtenden Feuerschutz geben, die unbekannten Angreifer vielleicht noch eine Weile aufhalten - aber dann würde er sterben. Seine Stellung war zu isoliert, die Angreifer zu viele.
Ein kurzer Blick zu Seite zeigte, dass die ersten der Flüchtenden den Waldrand schon fast erreicht hatten.
Sie kamen dort nie an.  
Denn mit einmal zuckte zwischen den Büschen und Bäumen das Mündungsfeuer automatischer Waffen auf, fuhren lange Feuerstöße wie Sensen durch die Gruppe der Fliehenden, mähten sie nieder.

Einer der Angreifer brüllte mit starkem Akzent: „Grenade!“ Hinter einem der Zelte erhob sich geduckt ein Mann, riss den Sicherheitsring einer Handgranate ab und visierte den Hügel an, von dem aus sie beschossen wurden.
Aber noch einmal hatte der Sicherheitschef Glück. Von einer Bewegung am Rande seines Blickfeldes oder von einer Vorahnung alarmiert, riss er das MG herum und feuerte. Die Garbe traf den Werfer in die Brust - er klappte zusammen, bereits tot, bevor sein Körper den Boden berührte und die Granate in seiner Hand den Leichnam zerfetzte.
Das Gesicht des Söldners verzog sich zu einem hässlichen Lächeln. Noch lebte er.
„Vive la Mort! La Mort!“ Seine Stimme überschlug sich fast, voller Wut und grausamen Triumph.  
Aber das war sein letzter Sieg in diesem Kampf. Denn gleichzeitig erhob sich einer der Angreifer, die am Waldrand in Stellung gelegen hatte, einen leichten Raketenwerfer in den Händen. Ruhig visierte der Schwarze die Feuerstellung an und drückte ab.
Der Söldner sah den Abschuss - zu spät. Zu spät um zu schießen, zu spät um zu flüchten. Seine Hände ließen das Maschinengewehr fahren, er sprang auf in dem verzweifelten Versuch, sich in Deckung zu werfen. Ein Schritt, zwei - die Explosion packte ihn, schleuderte seinen Körper wie ein Puppe beiseite, ins Unterholz.

Ein paar Augenblicke geschah nichts, dann erhoben sich die ersten der Angreifer aus ihrer Deckung. Jetzt waren alle Verteidiger tot. Während ein paar der Bewaffneten sich um ihre Verwundeten und Toten kümmerten, durchkämmten die anderen noch einmal das Lager. Einzelne Schüsse knallten hier und dort, die Stimmen der verwundeten Arbeiter und Wissenschaftler wurden dabei immer leiser, verstummten schließlich.
Erst dann wandten sich die Angreifer ihrem eigentlichen Ziel zu, der neuen Ausgrabungsstelle. Keiner blickte zu den verstreut liegenden Leichen zurück.
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