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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
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27.08.2006 2.153
 
Kapitel 7 Das Traumhaus

Liebster Gilbert,

ich bin so froh, dass ich bei Dir war. Es war so schön, mal wieder in Deinen Armen zu sein. Ich bin Deinem Vater sehr dankbar, dass er mich mitgenommen hat. Nicht mehr all zu lange und es ist Sommer, bis dahin werde ich Dir auch weiterhin fleißig Briefe schreiben. Damit ich Dir immer sagen kann, wie sehr ich Dich liebe, Dr. Gilbert Blythe.

Heute war Mr. Sadler hier, er erzählte mir, dass Mr. Burns (der neue Lehrer an der Avonlea-Schule) dringend nach Halifax zurück muss. Sei Vater ist erkrankt. Nun wollte Mr. Sadler wissen, ob ich nicht bis zum Schuljahresende die Schule nochmals übernehmen könnte. Nach den Sommerferien würde er dann Ersatz gefunden haben.

Ich habe darüber nachgedacht und ich werde zusagen. Im Grunde habe ich ja gerne unterrichtet und was soll denn sonst aus den Avonlea Schülern bis zum nächsten Schuljahr werden? Außerdem wäre ich somit mehr beschäftigt und die Zeit würde schneller vergehen. Nun gut, ich werde es tun, auch wenn mir mal wieder vor Geometrie graut. Du weißt ja, dass Geometrie mein Schwachpunkt ist und immer, wenn ich es unterrichten soll, plagen mich regelrecht Alpträume. Ich könnte ja meinen Schülern etwas falsch beibringen und vielleicht fallen sie durch irgendeine Prüfung, nur weil Miss Shirley es ihnen falsch beigebracht hat. Du findest das bestimmt albern. Aber ich werde heute noch mein altes Geometriebuch heraussuchen und versuchen, es in meinen Kopf zu kriegen. Bei Geometrie hilft alle Phantasie der Welt nichts.
Bevor ich mich jetzt daran mache, das langweilige Geometriebuch anzustarren, muss ich Dir noch etwas schreiben.

In einem Buch habe ich eine wunderschöne Legende gelesen:
`Am Anfang war jeder Mensch in dieser Welt glücklich. Aber dann sündigten die Menschen und die Götter, um sie zu bestrafen, trennten jede Seele in zwei Hälften. Seit damals ist jeder von uns unvollkommen geboren und muss so lange suchen, bis er die andere Hälfte findet. Denn sonst kann er nie glücklich sein. Und nur wer seine Hälfte findet und sich mit ihr verbindet, wird eins mit dem Universum und ist ein vollkommenes Ganzes`.

Ist das nicht wunderschön? Du bist meine zweite Hälfte, Gilbert, und ich bin glücklich.

Deine Dich liebende

Anne Shirley

Anne war nun voll beschäftig. Die Schule, ihr Buch und Green Gables hielten sie auf Trab. Aber sie war glücklich. Im nu vergingen die Tage und der Sommer näherte sich mit großen Schritten. Besonders gut ging es Anne, wenn sie nach Hause kam und ein Brief von Gilbert da war. Die beiden schrieben sich eifrig, auch wenn sie beide viel zu tun hatten.

Die Avonlea Schüler mochten ihre Lehrerin sehr gerne und alle arbeiteten fleißig mit. Carry Sloan war eine besonders eifrige Schülerin. Sie versuchte alle, um Anne zu gefallen. Für eine Sloan war das schon erstaunlich. Als schließlich der letzte Schultag zu Ende war, rannten alle begeistert aus dem Schulhaus, bis auf Carry.

"Geh endlich nach Hause, Carry", mahnte Anne sie "es sind Ferien."

"Aber ich möchte ihnen noch helfen die Tafel zu wischen und..." versuchte Carry zu erklären.

"Ich mach das schon, geh und genieße deine Ferien."

Endlich zog Carry von dannen. Anne schüttelte lachend den Kopf und begann die Tafel zu wischen.

Auf einmal hörte sie Schritte, ohne sich umzudrehen sagte sie: "Carry! Ich hab doch gesagt du sollst nach Hause gehen."

"Soll ich auch wieder gehen?", hörte Anne eine Stimme hinter sich.

"Gil", rief sie und drehte sich mit einem strahlenden Lächeln um. Sie rannte auf ihn zu und umarmte ihn. "Was machst du denn schon hier?"

"Überraschung!", sagte Gilbert lächelnd und küsste sie. "Ich möchte sie entführen, Miss Shirley, um dir etwas zu zeigen."

"Was denn?" fragte Anne, während sie ihm in die Augen sah.

"Pssst", sagte er und legte seinen Zeigefinger auf ihre Lippen "es ist eine Überraschung."

Anne lächelte ihn an. Sie schloss das Schulhaus ab und Gilbert half ihr auf den Buggy. Dann fuhren sie los. Anne nahm seinen Arm und lehnte sich an ihn.

"Oh, Gil, es tut so gut dich zu sehen." Gilbert fuhr den Weg in Richtung See hinunter. Am Ende der Straße ging links ein schmaler Weg ab, den fuhr er nun entlang.

"Eigentlich kenn ich alle Wege hier am See, aber ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, diesen schon mal benutzt zu haben", sagte Anne und sah sich verwundert um. Zusammen mit Diana hatten sie viele verwunschene Pfade in ihrer Kindheit erforscht. Aber Anne konnte sich erinnern, dass sie diese Strecke immer gemieden hatten, weil sie glaubten, dass in dem Wald, durch den sie jetzt fuhren, Gespenster hausten.

Nach einer Weile sagte Gilbert: "Mach die Augen zu."

"Was hast du bloß vor, Gilbert Blythe?", lachte sie und schloss ihre Augen. Sie merkte, dass sie um eine Kurve fuhren, dann hielt Gilbert den Wagen an.

Er stieg hinunter und ging auf Annes Seite.
"Jetzt kannst du sie wieder aufmachen."

Anne sah sich verwundert um, sie standen vor einem kleinen, verlassenen Haus.

"Diese Haus kenne ich überhaupt nicht."

"Es ist das alte Haus von Mr. Harrison. Es steht schon seit Jahren leer und jetzt möchte er es verkaufen." Anne sah sich genauer um.

"Gil, es ist ganz entzückend", sagte sie während Gilbert ihr vom Wagen half "sieh doch nur es hat ja einen Erker und man kann auf den See hinüber sehen. Auf der Veranda steht ja sogar noch ein Schaukelstuhl und im Garten ist ein Kirschbaum, er sieht fast so aus wie meine alte Schneekönigin."

"Ich wollte es dir zeigen, in der Hoffnung, es könnte dir gefallen."

"Gil, es ist entzückend", begeistert hatte sie seine Hand genommen und zog ihn hinter sich her.

"Es ist noch eine ganze Menge zu machen, Anne. Besonders groß ist es auch nicht, ich kann verstehen, wenn es dir nicht gefällt."

"Ich liebe es Gilbert. Bitte lass es unser Traumhaus sein."

"Es liegt ziemlich weit vom Weg ab. Vielleicht wirst du dich hier einsam fühlen, wenn ich nicht da bin. Ich wünschte ich könnte dir mehr bieten, Anne. Aber..." Anne hatte ihren Zeigefinger auf seinen Mund gelegt. Sie sah ihm in die Augen.

"Gil, ich dir schon einmal gesagt, das ich keine Diamanten oder Marmorsäle brauche. Ich brauche nur dich und das meine ich wirklich. Ich würde mir dir in der winzigsten Hütte leben, wenn es sein müsste, denn ohne dich könnte ich nicht leben. Du bist meine Hälfte, die ich zum glücklich sein brauche."

Sie sahen sie intensiv in die Augen und die Welt um sie herum schien still zu stehen, als sie sich küssten.

"Anne", seufzte Gilbert zwischen zwei Küssen "wenn du mich weiterhin so küsst bringst du mich noch um den Verstand."

"Warum sollte es dir besser gehen, als mir" sagte Anne mit einem Lächeln. Gilbert grinste und Hand in Hand liefen sie um das Haus herum.

Anne und Gilbert setzten sich anschließend auf die Stufen der Veranda. "Es ist übrigens jetzt sicher, dass ich mein praktisches Jahr im Krankenhaus in Carmody absolvieren kann," begann Gilbert "mein Professor hat ein gutes Wort für mich eingelegt. Dann können wir wie geplant nächsten Sommer heiraten."

"Oh, Gil nur noch ein Jahr. Das klingt wie ein Traum. Findest du nicht?"

"Wie der schönste Traum, den ich mir vorstellen kann", flüsterte er zärtlich.

Eine Weile blieben sie noch so zusammen sitzen und gaben sich ihren Träumen und Zukunftsplänen hin. Dann machten sie sich auf den Weg und Gilbert fuhr Anne nach Green Gables. Marilla saß gerade auf der Veranda und putzte Bohnen, als die beiden eintrafen.

"Hallo, ihr beiden", begrüßte sie das Paar.

"Marilla", sprudelte es aus Anne heraus "wir haben uns gerade das alte Haus von Mr. Harrison angesehen. Es ist wirklich entzückend."

"Gilbert hat mir davon erzählt, als ihn heute morgen im Dorf traf", antwortete Marilla.

"Du weißt davon?", fragte Anne enttäuscht und sah zu Gilbert.

"Ich hab Marilla um ihre Meinung gefragt, denn ich hatte Angst du würdest die Idee schrecklich finden", sagte Gilbert.

Ein Lächeln huschte über Annes Gesicht. Sie stand auf und schlang ihre Arme um ihn.

"Was bist du nur für ein Dummkopf, Gilbert Blythe. Wieso sollte es mir nicht gefallen?"

Marilla musste lächeln, als sie die beiden so sah. Sie war glücklich darüber, dass die beiden heiraten würden. Sie gehörten einfach zusammen.

"Jetzt kommt auch noch Rachel Lynde angerauscht", Marilla hatte sie am Eingang zu Green Gables erspäht. Kaum hatte sie die Veranda von Green Gables erreicht plapperte sie auch schon los.

"Marilla, stell dir nur vor..“ dann hatte sie erst Anne und Gilbert entdeckt "oh, hallo Gilbert, Anne. Ich muss euch etwas erzählen. Seit die Allans von Avonlea weg sind, haben wir in den letzten Jahren doch nur Ärger mit unseren Ersatzpfarrern gehabt. Der eine war zu träge, der andere zu hektisch. Einer konnte keine richtige Predigt halten und sprach höchstens drei Sätze. Es ist eine Katastrophe. Jetzt habe ich von Mrs. Harmon Andrews soeben erfahren, dass erzählt wird Mr. Allan käme wieder nach Avonlea zurück."

"Rachel", rief Anne aus "ist das wahr? Aber ich dachte die Allans wären in die USA gegangen."

"Ja, aber anscheinend hat es ihnen dort nicht gefallen und man sagt als sie hörten, dass die Stelle in Avonlea immer noch nicht dauerhaft besetzt sei, habe Mr. Allan sich darum beworben."

"Ich habe Mr. und Mrs. Allan immer gut leiden können", sagte Marilla "er hat auch immer einen guten Gottesdienst abgehalten."

"Na ja, da hast du schon recht. Wenn ich manchmal auch meine, das Mrs. Allan sich manchmal etwas distanzierter verhalten hätte sollen. Als Pfarrersfrau muss man sehr zurück haltend sein."

"Na zum Glück wirst du kein Pfarrer", sagte Anne zu Gilbert "das wäre nichts für mich, wo ich doch nie meinen Mund halten kann."

Gilbert lachte.

"Anne Shirley", sagte Mrs. Lynde streng "über so etwas macht man sich nicht lustig. Die Frau eines Pfarrers zu sein ist etwas sehr ehrenhaftes. Und nimm auch deine Stellung nicht so leicht. Als die zukünftige Frau eines Arztes solltest du auch ein wenig darauf achten, was du tust", mit diesen Worten stand sie auf und folgte Marilla in die Küche.

Anne wollte gerade etwas antworten, aber dann schüttelte sie nur den Kopf. "Hast du das gehört?" empörte sich Anne darüber, als Mrs. Lynde im Haus verschwunden war.

Als sie nun zu Gilbert sah, konnte sie sehen, wir er sich nur mit Mühe ein lautes Lachen verkneifen.

"Findest du das lustig, Gilbert Blythe?"

"Oh, Anne", antwortete er lachend "Mrs. Lynde ist einfach unschlagbar. Sie schafft es immer wieder dich in Rage zu versetzten. Es ist wirklich köstlich."

Jetzt lachte auch Anne "Vom ersten Moment an, konnte sie mich in Wut versetzen. Es ist ja nicht so, dass ich Mrs. Lynde nicht leiden könnte, aber so manches mal würde ich ihr am liebsten... Jetzt bin ich lieber ruhig, sonst laufe ich noch in die Küche und sage ihr doch noch meine Meinung."

Als Gilbert später nach Hause fuhr, begleitete Anne ihn noch bis zum Tor von Green Gables.

"Wenn die Allans wirklich wieder nach Avonlea kommen, dann kann uns Mr. Allan nächstes Jahr trauen", träumte Anne.

"Warten wir lieber ab, ob an dem Gerücht etwas dran ist," holte Gilbert Anne wieder in die Wirklichkeit zurück.

"Ja, aber es wäre doch schön."

"Natürlich, aber die Hauptsache ist, dass wir heiraten, ganz gleich wer uns traut." Er hatte seine Arme um sie gelegt und sie küssten sich.

"Bis bald, mein Anne-Mädchen, Karotte, Liebling..." sagte er zwischen mehreren Küssen. "Ach, noch eins". sagte er während er zum Wagen ging "denk an deine Stellung, Anne Shirley", grinsend sah er sie an.

"Du bist ein richtiges Ekel". sagte sie lachend und starrte ihn gespielt wütend an. Er gab ihr nochmals einen Kuss, dann fuhr er los.

Gilbert kaufte das Haus von Mr. Harrison und nun musste damit begonnen werden es herzurichten. Zusammen mit seinem Vater begann er zu tapezieren und zu streichen. Währendessen begannen Anne und Marilla Vorhänge zu nähen oder brachten den Garten des Häuschens auf Vordermann. Es war eine ganze Menge zu tun und Gilbert hatte ja nur in den Ferien dazu Zeit.

Anne war glücklich, ihr Traumhaus fing langsam an Gestalt anzunehmen. Vier Wochen nach dem Hauskauf, fand die Hochzeit von Josie Pye und Moody statt.
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