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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
2
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27.08.2006 1.430
 
Kapitel 68 Sind rote Haare scheußlich?

Di Blythe saß an ihrem Lieblingsplatz in dem kleinen Birkenwäldchen und weinte bitterlich. Was war geschehen? Eigentlich hatte dieser warme Sommertag ganz gut angefangen. Es waren Sommerferien und Di war mit ihrer Schwester Nan zu Megan Andrews, Geburtstagsparty eingeladen worden.

Die Party fand im Garten der Andrews statt, es gab Eiscreme und Pflaumenkuchen. Die Mädchen lachten und amüsierten sich großartig. Später beschlossen sie noch ein wenig zum See hinunter zu laufen. Dort trafen sie schließlich Jem und Walter mit ihren Freunden. Unter ihnen befand sich auch John Meredith.

Die Merediths waren erst vor zwei Wochen nach Avonlea gezogen. Vor drei Monaten waren Mr. und Mrs. Allan nach Toronto gegangen. Es war ein trauriger Abschied gewesen. Alle in der Gemeinde hatten ihren Pfarrer sehr gemocht. Doch Mr. Allan hatte eine sehr gute Stellung in Toronto angeboten bekommen und schließlich hatte er sich entschieden, sie anzunehmen.

Mr. Meredith war nun sein Nachfolger. Er war ein kleiner, dicker Mann von 40 Jahren. Er und seine Frau waren zwar nette Leute, aber sie waren nun mal nicht die Allans. Dennoch wurden sie von der kleinen Gemeinde freundlich aufgenommen.

Die Merediths hatten drei Kinder. John war der Älteste und vierzehn Jahre alt, also genauso alt wie Jem. Die zwei Mädchen Faith und Una waren zwölf und zehn. Di fand Faith und Una sofort sehr sympathisch. Doch John konnte sie nicht so richtig leiden. Er war ziemlich frech und ärgerte sämtliche Mädchen.

Er begann sofort wieder damit, als er jetzt Megan Andrews an den Haaren zog und lachte, als diese fast zu weinen anfing. Di sah ihn mit funkelnden Augen an und John grinste ganz frech zurück. Die Kinder lachten und plauderten den ganzen Tag miteinander. Irgendwann setzte sich Di etwas abseits auf einen Baumstamm und blickte verträumt auf den See hinaus.

Plötzlich kam John auf sie zu und sagte: „ He sag mal, warum hast du eigentlich so rote Haare? Die sehen ja fast aus wie Tomaten.“ Er lachte laut.

Keiner von den anderen hatte seine Bemerkung gehört, denn sie waren alle ein Stück weiter unten und dachten sich gerade ein neues Spiel aus. Di war außer sich. John hatte es doch tatsächlich gewagt, sich über ihr Haar lustig zu machen. Ihr Gesicht wurde rot vor Zorn.

„Was fällt dir bloß ein, so etwas zu sagen. Du hast kein recht, dich über mein Haar lustig zu machen“, herrschte sie ihn an und ihre Augen funkelten. Dann war sie davon gerannt.

Nun saß sie also hier und weinte sich ihren Kummer von der Seele. Warum nur hatte sie so schrecklich rote Haare? Wieso konnte ihr Haar nicht so schön braun sein, wie Nans. Sie waren doch Zwilling, warum musste ausgerechnet sie die roten Haare haben. Sie hatte ihr rotes Haar von ihrer Mutter geerbt, doch das Haar ihrer Mutter war vielmehr kastanienbraun. Ihres dagegen war feuerrot. Nur Jem hatte noch rote Haare, aber bei einem Jungen machte sich keiner lustig darüber. Alle anderen Blythe Kinder waren mit braunem oder schwarzem Haar gesegnet und Rillas war allenfalls rotbraun. Aber Dis Haare waren schlichtweg rot. Sie hörte sie anderen lachen und beschloss sich auf den Heimweg zu machen. Sie wollte nicht mehr zu ihnen gehen. John Meredith hatte ihr den Tag gründlich verdorben.

Anne saß auf der Veranda und genoss die Stille, als Gilbert sich zu ihr setzte. Rilla hielt ein Mittagsschläfchen und die anderen Kinder waren irgendwo unterwegs. Susan besucht eine Cousine und Grafton und so genoss sie es endlich einmal alleine mit Gilbert auf der Veranda zu sitzen. Natürlich liebte Anne ihre Kinder sehr, doch es kam nicht oft vor, dass sie mit Gilbert alleine die Ruhe genießen konnte. Sie unterhielten sich gerade, als plötzlich Di zum Gartentor hereingestürmt kam. Einige Haare hatten sich von ihrem Zopf gelöst und standen wild durcheinander von ihrem Kopf ab. Sie sah ihre Eltern gar nicht auf der Veranda sitzen und wollte gerade an ihnen vorbei ins Haus stürmen.

„Di, warum bist du den schon hier?“ fragte Anne verwundert.

Überrascht blieb Di stehen und erblickt jetzt erst ihre Eltern. Anne sah ihre rotgeweinten Augen.

„Di, mein Schatz, was ist denn passiert?“

„Nichts wichtiges, Mommy.“ Antwortete Di und sah zu Boden.

„Komm her, Di. Was ist denn los?“ Gilbert griff sanft nach ihrem Arm und Di setze sich zwischen ihre Eltern auf die Bank.

„Es ist nur, weil..., weil..., dieser fürchterliche John Meredith hat gesagt mein Haar wäre so rot wie eine Tomate“, brach es jetzt aus ihr heraus und eine Spur von Wut, lag in ihrer Stimme.

Gilbert musste an sich halten, nicht laut loszulachen. Diese Situation erinnerte ihn so sehr an seine erste Begegnung mit Anne. Anne konnte den Kummer ihrer Tochter nur zu gut verstehen. Sie hatte selbst als Kind sehr unter ihrem roten Haar gelitten. Tröstend legte sie den Arm um Di.

„Warum nur kann ich nicht so hübsch sein, wie Nan?“ Erneut rollten Tränen über Dis Wangen.

„Di, du bist doch hübsch. Du bist eines der hübschesten Mädchen“, Gilbert strich ihr sanft über das rote Haar.

„Das sagst du ja nur, weil du mein Daddy bist“, antwortete Di mit weinerlicher Stimme.

„Di. Mach dir doch nichts daraus, was John Meredith gesagt hat. Bestimmt hat er es gar nicht so gemeint“, versucht Anne sie zu beschwichtigen.

„Soll ich dir mal erzählen, wie ich deine Mutter genannt habe, als ich sie das erste mal sah?“ fragte Gilbert.

„Wie denn?“ Neugierig blickte Di auf.

„Ich hab sie Karotte genannt. Ich habe mir gar nichts dabei gedacht, ich wollte nur irgendwie einen Anknüpfungspunkt finden.“

„Wirklich?“ antwortete Di entsetzt „und was hat Mommy dazu gesagt?“

„Ich hab ihm meine Schiefertafel auf den Kopf gehauen“, antwortete Anne.

„Wirklich?“

„Ja, wirklich und ich hab so fest zugehauen, dass sie dabei in die Brüche ging.“

„Und was hast du darauf getan, Daddy?“ Di blickte belustig von einem zum anderen.

„Ich hab mich in sie verliebt. Aber es hat ganze fünf Jahre gedauert, bis sie mir meinen dummen Fehler verziehen hatte.“ Gilbert lächelte und zwinkerte Anne zu.

„Ich war schrecklich dickköpfig Di und das alles nur, wegen einer kleinen, dummen Bemerkung. Als ich in deinem Alter war, habe ich fürchterlich unter meinem Haar gelitten. Ich hielt es sogar für einen Fluch. Doch eines Tages machte ich eine schreckliche Dummheit und lernte daraus, dass es noch schlimmeres gibt, als rotes Haar. Nur Marilla, Matthew und Diana wussten von dieser Geschichte. Nicht mal deinem Daddy habe ich sie bis heute erzählt. Eigentlich hatte ich sie schon vergessen, aber jetzt fällt sie mir wieder ein. Ich muss zugeben ich schäme mich heute noch für das, was ich vor so vielen Jahren getan habe.“

Gilbert blickte sie verwundert an und Di wartete gespannt, was sie erzählen würde.

„Eines Tages kam ein Hausierer vorbei. Er erzählte mir, es gäbe ein Mittel gegen mein rotes Haar und ich war natürlich sofort ganz hellhörig. Ich kaufte dieses Mittel und versuchte tatsächlich mein Haar zu färben. Er hatte mir versprochen es würde dadurch rabenschwarz werden. Aber das war nicht der Fall, es passiert etwas viel schlimmeres. Weißt du was viel schlimmer ist, als rotes Haar?“

Di schüttelte den Kopf. Sie konnte sich wirklich nicht vorstellen, dass etwas schlimmer war, als rotes Haar.

„Ich will es dir sagen, Di. Grünes Haar.“

Di und Gilbert brachen gleichzeitig in Gelächter aus.

„Ja, lacht nur, aber für mich war eine Welt zusammen gebrochen. Anstatt schwarz war mein Haar nun Grün und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Marilla schrubbte meinen Kopf viele male. Aber es half nichts, zum Glück hatte ich erst nur die untere Hälfte gefärbt, und sie blieb einfach grün. Die Folge war, dass Marilla mir die Haare abschneiden musste. Ich sah einfach schrecklich aus. Und von diesem Tag an, fand ich meine roten Haare gar nicht mehr so schlimm.“

Di konnte wieder lachen und vergass ihren eigenen Kummer dabei.
„Ich werde jetzt wieder zu den anderen gehen. Bestimmt habe ich schon eine ganze Menge verpasst.“ Sagte Di nach einer Weile.

„Eine gute Idee“, antwortete Anne.

„Versprecht ihr mir etwas? Bitte erzählt niemandem, dass ich wegen meiner Haar geweint habe.“ Bat Di.

Gilbert drückte ihr einen Kuss auf die Wange und Anne sagte: „Wenn ihr mir versprecht niemandem von meinem grünen Haar zu erzählen.“

Di lachte und umarmte ihre Mutter: „Natürlich, Mommy“, dann rannte sie los.

Gilbert und Anne sahen ihr nach. Dann legte Gil den Arm um sie und flüsterte :“Jetzt weiß ich endlich, warum du damals plötzlich kurze Haare hattest.“

„O, ich hab so hässlich damit ausgesehen.“

„Das stimmt nicht. Du hast damit unheimlich süß ausgesehen. Mir hat es sehr gefallen.“

Anne lachte und küsste ihn.
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