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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
2
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27.08.2006 2.023
 
Kapitel 66 Eine traurige Nachricht

An einem nebligen Februarmorgen, läutete bereits früh das Telefon im Traumhaus. Die Kinder waren in der Schule und Anne fütterte Rilla mit ihrem Brei, während Shirley, Susan beim Abwasch beobachtete. Gilbert war bereits seit zwei Stunden außer Haus. Um sechs Uhr morgens war er schon zu einem Notfall gerufen worden.

Anne nahm dem Hörer im Gang ab. Zunächst glaubte sie es wäre Gilbert, der ihr mitteilen wollte, dass er heute Mittag nicht zum Essen nach Hause käme. Doch es war ihr Schwiegervater der sich am anderen Ende meldete.

„Hallo, Dad.“ Antwortete Anne.

„Ist Gilbert da?“ fragte John Blythe ohne Umschweife, seine Stimme klang seltsam leise.

„Nein, er ist bereits seit 6 Uhr bei einem Notfall. Was ist los?“ fragte Anne nun ein wenig beunruhigt.

Einen Moment lang herrschte Stille. „Dad?“ fragte Anne nochmals.

„Mary...Mary ist heute... vorhin gestorben.“ Brachte er jetzt mühsam hervor.

„Was?“ Anne war geschockt, damit hatte sie beim besten Willen nicht gerechnet. „Wie?.. Ich meine was ist passiert?“

„Ich weiß nicht. Es ging alles so schnell. Wahrscheinlich ein Herzanfall.“ Seine Stimme wurde immer leiser.

„Ich versuche Gilbert zu erreichen, dann kommen wir sofort rüber. In Ordnung?“

„Mmmm. Bis dann.“ Schon hatte er aufgelegt.

Unentschlossen stand Anne einen Augenblick lang da. Sie hielt immer noch den Telefonhörer in der Hand. Susan kam aus der Küche und blickte sie besorgt an.

„Ist was passiert liebe Frau Doktor?“

Anne nickte. „Gilberts Mutter ist soeben gestorben.“

„Ach du lieber Himmel!“ Entfuhr es Susan. „Gott hab sie selig.“

„Ich muss versuchen, Gilbert zu erreichen. Passt du auf die Kinder auf?“

„Natürlich, machen sie sich keine Gedanken. Hier ist alles im Griff.“

Anne war dankbar, dass Susan so zuverlässig war. Sie war in all den Jahren zu einer treuen und fürsorglichen Freundin geworden.
Anne wusste, dass Gilbert zu den McPhersons gerufen worden war. Die kleine Margret hatte eine Krupp Anfall und Mr. McPherson hatte um 6 Uhr verzweifelt angerufen. Anne griff zum Telefon und ließ sich mit den McPhersons verbinden.

Als sie dort nach Gilbert fragte antwortete Thomas McPherson ihr: „Er ist seit ungefähr einer halben Stunde fort, Mrs. Blythe. Unserer Margret geht es, Gott sei dank, wieder besser. Dann kam Jim Carson vorbei und sagte sein Großvater hätte mit dem Herz Probleme, er wollte dort gleich noch vorbeifahren.“

„Danke, Mr. McPherson“, antwortete Anne „Gute Besserung für Margret.“

Anne legte auf. Ausgerechnet dem alten Mr. Carson musste es jetzt schlecht gehen. Die Carsons waren eine der wenigen Familien, die kein Telefon besaßen. Es würde Anne nichts anderes übrig bleiben, als mit dem Buggy hinzufahren. Sie sagte schnell Susan Bescheid und lief dann zum Stall, um Peggy, einzuspannen.

Peggy war die alte braune Stute, die sie nun bereits seit 10 Jahren besaßen. Damals hatten sie Peggy von Mr. Sadler abgekauft. Nun war sie bereits 15 Jahre alt und trabte meist gemächlich den Weg entlang. Vor einem Jahr hatte Gilbert dann, denn vierjährigen Wallach, Boyd gekauft. Er war ein schöner schwarzer Rappe. Peggy hatten sie jedoch behalten, sie hingen an dem Tier und Anne kam mit der Stute wunderbar zurecht. Die Kinder liebten Peggy ebenfalls.

Die Stute duldete öfters, dass die Kinder auf ihrem Rücken saßen und trottete ruhig mit ihnen über die Weide. So kam es, dass inzwischen zwei Pferde im Stall der Blythe Familie standen. Gilbert war von Boyd begeistert. Doch Anne war nur ein einziges mal mit Boyd alleine in die Stadt gefahren. Boyd war noch ein junger und feuriger Kerl und Anne empfand ihn als zu unruhig. Als sie mit ihm mal nach Carmody gefahren war, hatte sein unruhiges Wesen ihr Angst gemacht. Kurz bevor sie wieder zu Hause war, hatte Boyd plötzlich Mr. Sadlers Kuh auf der Weide gesehen und hatte gescheut. Er machte damals ein fürchterliches Theater und Anne bekam Angst, das er ihr jeden Moment durchgehen würde.
Erschrocken war sie vom Wagen gestiegen und hatte ihn das letzte Stück nach Hause geführt. Gilbert hatte sie damals ausgelacht, aber Anne weigerte sich noch einmal mit Boyd auszufahren.

Peggy kaute gerade friedlich ihr Heu, als Anne jetzt in den Stall kam. Die alte Stute wollte sich nur unwillig von ihrem Futter wegführen lassen. Sie blieb stehen und blickte Anne argwöhnisch an.

„Peggy, es ist wirklich wichtig, dass wir zwei Gilbert finden“, flehte Anne und strich ihr über den Hals. Die Tränen brannten in Annes Augen. Sie hatte ihre Schwiegermutter immer gemocht und nun war sie tot. Auch schmerzte es sie, dass sie ihrem geliebten Gilbert, diese schreckliche Nachricht überbringen musste. Sein Schmerz war auch ihr Schmerz.

Peggy schnaubte und lief nun artig aus dem Stall. Es schien, als habe sie gespürt, welchen Kummer Anne hatte. Anne spannte sie vor den Wagen und fuhr los. Im Schritt fuhr sie los. Als sie auf die Straße einbogen, fiel Peggy sofort in Trab, ohne das Anne etwas sagte. Es war als wüsste Peggy, dass sie sich ein wenig beeilen mussten. Bald fiel die Stute in einen gleichmäßigen und flotten Trab. Sie hatte ihren Rhythmus gefunden und trabte die lange Straße in Richtung Carmody entlang.

Die Carsons lebten in einiger Entfernung vom Traumhaus. Es war eine der entlegensten Farm in Avonlea überhaupt. Der Nebel lichtete sich langsam auf und die Sonne kam an dem kühlen Februarmorgen langsam durch. Eigentlich war es ein schöner Morgen und Anne hätte die Fahrt sicher genossen, wenn sie nicht so in traurige Gedanken versunken wäre. Sie überlegte, wie sie Gilbert die schlechte Nachricht überbringen sollte. Ein frecher Spatz flatterte direkt neben dem Wagen aus dem Gebüsch. Doch Peggy konnte das nicht stören.

„Boyd wäre jetzt bestimmt losgerannt“, dachte Anne plötzlich. Doch Peggy spitzte lediglich die Ohren und schnaubte empört. Es war ein Schnauben, dass zu bedeuten schien :“ Wie kann dieser freche Spatz es nur wagen, mich zu erschrecken!“ Das war es, was Anne sosehr an der Stute liebte. Sie war zuverlässig und nichts konnte sie aus der Ruhe bringen.

Als Anne endlich bei den Carsons eintraf, sah sie bereits von weitem, das Boyd vor dem Haus angebunden war. Boyd entdeckte Peggy und wieherte erfreut. Anne stieg gerade vom Wagen, als Gilbert aus dem Haus kam.

„Auf Wiedersehen, Mrs. Carson und bitte achten sie darauf, dass er noch im Bett liegen bleibt. Er muss sich unbedingt mehr ausruhen.“ Hörte sie Gilbert sagen.

„Danke, Dr. Blythe. Ich werde bestimmt dafür sorgen.“ Antwortete Mrs. Carson und schloss die Tür.

Gilbert lief zu Boyd und jetzt erst entdeckte er Anne.

„Anne“, rief er verwundert. Er sah ihr Gesicht und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Natürlich, war ihm sogleich der Gedanke gekommen, dass etwas nicht in Ordnung war, wenn Anne hier auftauchte und ihr Gesicht bestätigte ihm das. „Was ist passiert?“ fragte er erschrocken, als er die Tränen in ihren Augen sah.

„Gil, ich bring dir schlechte Nachrichten...“ Anne atmete tief durch.

Gilbert griff nach ihrem Arm. „Anne, was? Was ist denn los?“

„Dein Vater hat vorhin angerufen. Gil, es tut mir leid, deine Mutter ist...tot.“ Brachte sie endlich hervor.

„Was?“ fragte er ungläubig und rührte sich nicht von der Stelle. Er war für einen Moment wie zu Stein erstarrt. Das konnte doch nicht wahr sein, erst gestern hatte er sie noch gesehen und sie sagte sie fühle sich bestens. Er konnte nicht sprechen, aber die Tränen brannten in seinen Augen.

Anne sagte kein Wort. Sie ging einfach zu ihm hin und umarmte ihn. Gilbert drückte sie eng an sich, als die Tränen endlich über seine Wangen rollten.

„Wir...wir sollten hinfahren“, sagte er nach einer Weile und blickte auf.

„Ja, ich habe schon gesagt, dass wir kommen. Susan, kümmert sich um die Kinder.“

Als sie bei der Blythe Farm ankamen, lag die Trauer wie ein dunkler Schleier über dem Haus. Sie fanden John in der Küche, wo er stumm vor eine Tasse Kaffee saß.

„Dad?“ vorsichtig legte Gilbert die Hand auf seines Vaters Schulter.

John blickte auf und starrte ihn mit leeren Augen an.

„Dad, ich bin es, Gil.“ Sagte Gilbert und blickte entsetzt in das Gesicht seines Vaters.

Jetzt erst reagierte John. Er war wie in einem Dämmerzustand gefangen gewesen.

„Gil, gut das du da bist.“ Antwortete er mit tonloser Stimme.

Gilbert umarmte ihn und fragte: „ Was ist geschehen, Dad?“

„Deine Mutter war heute bereits früh auf den Beinen“, begann John stockend. „Auf einmal fühlte sie sich nicht besonders und wollte sich ein wenig hinlegen. Ich bin noch hochgegangen, weil ich wissen wollte, ob es ihr besser ginge. Da lag sie, ich dachte sie schläft aber sie rührte sich überhaupt nicht, als ich sie versuchte zu wecken.“ John konnte nicht mehr weitersprechen. Sanft drückte ihn Gilbert auf den Stuhl nieder.

„Ich... ich muss hochgehen.“ Gilberts Stimme zitterte ein wenig.

Anne schluckte und nickte stumm. Sie drückte seine Hand, bevor er aus der Küche ging. John saß wieder wie in Trance vor der kalten Kaffeetasse.

„Dad, soll ich dir einen neuen Kaffee machen?“ fragte Anne vorsichtig. Er nickte lediglich stumm.

Am Tag von Mary Blythes Beerdigung regnete es wie aus Kübeln. Die Mitglieder der kleinen Gemeinde Avonlea standen dicht beieinander unter Regenschirmen am Grab um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Nebelschwaden lagen über dem Friedhof hinter der Kirche. Hier, wo schon so viele geliebte Menschen beerdigt lagen.

Gilbert stand neben seinem Vater und Anne teilte sich ihren Regenschirm mit ihren zwei ältesten Söhnen Jem und Walter. Mr. Allan sprach seine Gebete und schließlich wurde der Sarg hinabgelassen. Es war eine gedrückte, traurige Stimmung und jeder schien aufzuatmen, als die kleine Zeremonie vorüber war.

Anne versuchte ihre Tränen wegzuwischen und sah zu ihren Söhnen. An diesem Tag viel ihr das erste mal auf, wie groß Jem geworden war. Er war mit seinen dreizehn Jahren nun fast schon so groß wie Anne. Nicht mehr lange und sie würde zu ihm aufsehen müssen. Jeder wünschte rasch sein Beileid und dann hatte die engstehende Gruppe sich auch schon aufgelöst.

Anne und Gilbert brachten John nachhause. Er wollte einfach nicht mit ins Traumhaus kommen, sondern ein wenig alleine sein.

„Wie wird es dein Vater verkraften, was meinst du Gil?“ Fragte Anne auf dem nachhause Weg. „Er wirkt so furchtbar abwesend.“

„Ich weiß nicht, Anne.“ Seufzte Gilbert.

Anne nahm seine Hand und drückte sie. „Wir sollten uns einfach mehr um ihn kümmern.“

So kam es, dass ziemlich oft einer der Traumhaus Bewohner bei John Blythe war. Besonders häufig lief Nan zu ihrem Großvater hinüber. Oft brachte sie ihm ein Stück Kuchen. Setzte sich zum ihm und erzählte ihm alles von der Schule, über ihre Freundinnen bis hin zu ihren Träumen. John Blythe war ein sehr geduldiger Zuhörer und Nan redete viel. In diesem Punkt war sie Anne sehr ähnlich, die als kleines Mädchen auch ohne Unterbrechung reden konnte.

Auch die anderen Kinder besuchten ihn oft. Aber zwischen Nan und ihrem Großvater war es etwas ganz besonderes. Anne befürchtete schon, sie würde ihm auf die Nerven fallen. Als sie eines Mittags mit Rilla auf dem Arm zu ihm ging, sprach sie davon.

„Ich hoffe doch Nan übertreibt es nicht mit ihrem Geplapper. Ich weiß manchmal kann sie ziemlich anstrengend sein. Wenn dem so ist, dann sag es bitte Dad.“

John Blythe lachte während er Rilla auf dem Arm hielt. „Nein, wirklich nicht. Im Gegenteil, ich bin sehr froh. Ich mag es ihr zuzuhören und ich muss so oft über ihre Geschichten lachen. Natürlich, tue ich das erst, wenn sie fort ist. Sie nimmt ihre Geschichten nämlich sehr ernst. Wenn es mir manchmal auch schwer fällt nicht laut loszuprusten.“

Anne nickte verständnisvoll: „Oh ja, mir geht es manchmal genau so. Von wem sie das wohl hat, das sie soviel redet?“

John lachte und legte den Arm um seine Schwiegertochter.

„Ich glaube, dein Vater kommt inzwischen ganz gut zurecht“, sagte Anne am Abend zu Gilbert. „und einen großen Teil davon hat Nan bewirkt.“

„Mmmm, das glaube ich auch. Sie war ja fast jedem Tag bei ihm.“ Stimmte Gilbert zu.

„Findest du nicht, dass unsere Kinder alle wohlgeraten sind, Gil?“

„Ja, da hast du wohl recht. Aber das wundert mich auch nicht, bei so einer tollen Mutter.“ Er grinste und Anne knuffte ihn spielerisch.

„Nein, ich denke eher bei so einem Vater, ist das nicht verwunderlich.“

Gilbert küsste ihren Nacken und Anne schmiegte sich an ihn.
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