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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
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27.08.2006 1.831
 
Kapitel 63 Die Suche

Im Herbst kamen die Zwillinge in die Schule. Manchmal blickte Anne ihnen morgens mit Wehmut hinterher, wie alle vier fröhlich zur Schule liefen. Die Kinder wurden so schnell groß.

Morgens war es von nun an seltsam ruhig im Traumhaus. Doch Anne war froh, dass sie immer noch Shirley und Rilla um sich hatte. Nan und Di waren von der Schule begeistert. Sie lernten fleißig und erzählen jeden Mittag ihrer Mutter stolz, was sie alles erlebt hatten.

Anne liebte es ihnen zu zuhören. Überhaupt waren die Blythe Kinder bei den anderen Kindern aus Avonlea beliebt. Sie hatten viele Freunde. Aber natürlich gehörte Jerry Spuergoon nicht dazu. Jerry kam total nach seiner Mutter Josie und er prahlte fürchterlich mit dem was er hatte und was er war. Keiner der Blythe Kinder konnte ihn leiden. Auch Jerry hatte seine Freunde und Anhänger, dazu gehörten einige der Sloan Kinder.

Immer wieder kam es vor, dass Jerry irgendwelche Streiche ausheckte. Aber nie waren es schlimme Sachen. Einmal hatte er Jems Milchflache zerschlagen oder Di eine Heuschrecke aufs Haar gesetzt. Im großen und ganzen wehrten sich die Kinder und manchmal bekam der kleine Übeltäter eine Strafe von ihrer Lehrerin, wenn sie ihn auf frischer Tat ertappte. Es waren normale Streitigkeiten unter Kindern, kein Grund, sich irgendwelche Sorgen zu machen.

Es war ein kühler, aber sonniger Oktobertag, als die Katastrophe ihren Lauf nahm. Nachdem Mittagessen waren die Kinder zum Weiher hinunter gelaufen. Sie wollten draußen spielen. Anne ließ sie gewähren, da es bestimmt nicht mehr viele schöne Tage in diesem Jahr geben würde.

Es war normal, dass sich Walter manchmal von ihnen ein wenig absonderte. Während Jem und die Zwillinge durch die Gegend tobten, suchte er sich oft ein ruhiges Plätzchen und träumte. So war es nicht weiter verwunderlich, dass Jem und die Zwillinge zunächst ohne Walter nach Hause kamen. Anne machte sich keine Gedanken darüber. Walter war nicht immer sehr pünktlich, er konnte sich so in seinen Tagträumen verlieren, dass er die Zeit darüber vergaß, Anne wusste nur zu gut, wie dass war. Auch sie hatte so manches mal ihre Pflichten darüber vergessen.

Die Zeit verging und von Walter war immer noch nichts zu sehen. Allmählich wurde Anne wütend. Ein bisschen sollte Walter schon lernen auf die Zeit zu achten.

„Jem, wo ist denn Walter heute hingegangen?“ fragte sie ihren ältesten Sohn.

„Ich glaube, er wollte zu dem kleinen Birkenwäldchen gehen. Soll ich ihn holen, Mami?“

„Das wäre sehr lieb von dir Jem. Es wird langsam spät.“

Jem nickte, zog seine Jacke an und rannte aus dem Haus. Nach zehn Minuten kam er wieder.

„Walter ist nicht im Birkenwäldchen, Mami. Ich bin auch gleich noch mal um den Weiher gelaufen. Aber ich konnte ihn nirgends entdecken.“

Langsam fing Annes Herz an schneller zu schlagen. Wo war Walter? Hatte er einen neuen Pfad entdeckt und war weiter gelaufen ohne dabei an die Zeit zu denken?

„Soll ich noch woanders nachsehen, Mami?“ fragte Jem jetzt hilfsbereit.

„Nein, Schatz. Du und die anderen werdet jetzt zu Abendessen. Ich werde selbst mal nachsehen. Wenn dein Papa nach Hause kommt, sag ihm, dass ich nach Walter suche.“

Sie küsste Jem kurz auf die Wange. Susan gab den Kindern ihr Abendessen während Anne sich nach draußen begab.

Es war kühl und Anne zog ihre Jacke fester um sich. Anscheinend würde es heute nacht den ersten Frost geben. Der Wind blies die kalte Meeresluft herüber. Anne lief alle ihr bekannten Wege in der Nähe des Traumhauses ab und rief dabei nach Walter. Doch nichts war von ihm zuhören oder zusehen. Sie wurde immer unruhiger. Sicher Walter vergaß manchmal die Zeit, aber so extrem unzuverlässig war er noch nie gewesen. Die Dämmerung brach langsam herein und Anne lief ein Schauer über den Rücken. Wo konnte Walter nur sein?

Dann sah sie Jerry Spuergoon den Weg entlang kommen.

„Jerry“, rief sie ihm zu. „Hast du vielleicht zufällig Walter gesehen?“

„Nein. Sie wissen doch, ich habe nichts mit den Blythes zu tun.“ Hochnäsig reckte er sein Kinn in die Luft und stapfte davon.

Entrüstete schüttelte Anne den Kopf. „Er ist so fürchterlich, wie seine Mutter“, murmelte sie leise vor sich hin. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, sich über die fehlenden Manieren von Josies Sohn aufzuregen.

In der Hoffnung, Walter könnte inzwischen vielleicht zu Hause sein, lief sie zurück zum Traumhaus. Doch Walter war nicht da. Stattdessen war Gilbert gerade nach Hause gekommen. Aufgeregt erzählte ihm Anne was los war. Auch Gilbert fand es seltsam, dass Walter so lange weg blieb. Besorgt rief er bei den Wrights an. Vielleicht war er ja zu David gelaufen.

„Nein, Walter ist nicht bei uns“, sagte Fred an der anderen Leitung. Gilbert erzählte ihm, dass keiner wusste, wo er war.

„Ich komme gleich mit Fred rüber und wir gehen ihn suchen. Habt ihr genügend Laternen im Haus?“ fragte Fred weiter.

Sie machten sich auf die Suche. Gilbert wollte zunächst, dass Anne daheim blieb, aber sie ließ sich nicht davon abbringen mit zu helfen.

„Ich kann nicht untätig hier rumsitzen und warten“, sagte sie.

Jem beteiligte sich ebenfalls an der Suche. Susan brachte währenddessen die restlichen Kinder zu Bett.

Überall suchten sie nach Walter. Aber nichts war von ihm zu finden. Annes Herz klopft wild in ihrer Brust und in ihren Schläfen pochte es.

„Ich glaub ich hab was gefunden!“ rief plötzlich Fred vom kleinen Birkenwäldchen herüber.

Schnell liefen sie zu ihm. In seinen Händen hielt er Walters Lieblingsbuch, dass er heute Mittag mit nach draußen genommen hat.

„Walter hat es heute mitgenommen!“ sagte Anne heiser und blickte ängstlich zu Gilbert.

Warum sollte Walter sein Buch hier lassen? Gilbert schluckte und versuchte gelassen zu bleiben.

„Also gut, lasst uns weiter suchen“, sagte er und sie teilten sich erneut in zwei Gruppen auf.

Anne blickte auf den dunklen Tannenwald der vor ihnen lag. Plötzlich erinnerte sie sich, wie sie einmal als Kind in einen alten Brunnenschacht gefallen war. Vielleicht war Walter ebenfalls in einen hineingefallen.

„Gil, lass uns im Wald nachsehen. Vielleicht ist er hineingelaufen.“ Sagte Anne.

Gilbert nickte. Er hielt es zwar für unwahrscheinlich, aber ihm fiel sonst auch kein anderer Ort mehr ein, an dem sie suchen hätten sollen. Es war schon fast ganz dunkel, als sie in den Wald hineinliefen. Anne fand ihn jetzt genauso unheimlich wie als Kind, als sie noch glaubte, dass hier Gespenster hausten. Eine Eule flatterte plötzlich über ihre Köpfe hinweg und Anne zuckte erschrocken zusammen. Rasch griff sie nach Gilberts Hand.

„Willst du vielleicht draußen warten?“ fragte er, als er ihr zittern bemerkte.

Energisch schüttelte sie den Kopf. Sie riefen nach Walter und leuchteten mit der Laterne. Aber kein Laut war zu hören, außer die nächtlichen Geräusche in einem Wald. Vor ihnen lag eine alte, verlassene Holzfällerhütte, die richtig gespenstisch wirkte. Unwillkürlich lief Anne ein Schauer über den Rücken. Sie rief noch einmal Walters Namen. Plötzlich hatte sie das Gefühl etwas gehört zu haben.

„Gil! Hast du das auch gehört?“

„Nein, ich habe gar nichts gehört“, angespannt lauschten sie beide und dann hörten sie tatsächlich etwas. Es war, als rufe jemand irgendetwas. Doch es klang seltsam dumpf und leise. Das Geräusch kam eindeutig aus Richtung der Hütte. Rasch liefen sie zur Hütte.

„Walter?“ rief Anne laut.

„Mami!“ Es war eindeutig Walters Stimme und sie kam aus dieser Hütte.

Die Tür war mit einem Brett und der Klinke verriegelt worden, so dass niemand der drinnen war, nach draußen konnte. Gilbert entfernte hastig das Brett und öffnete die Tür. Aus dem dunkeln kam der verstörte Walter mit verweintem Gesicht auf ihn zugelaufen und klammerte sich an seinen Vater. Gilbert ging in die Hocke und umarmte erleichtert seinen Sohn. Anne schlang ebenfalls ihre Arme um ihn und Tränen der Freude rannen über ihre Wangen.

„Walter, was ist denn passiert? Wir haben uns solche Sorgen gemacht“, fragte Anne und küsste ihn ab.

Gilbert zog seine Jacke aus und legte sie um den zitternden Walter. Es war mächtig kalt geworden.

„Jerry, Jerry hat mich hier eingesperrt“, weinte Walter.

Die Erschöpfung der vergangenen Stunden war ihm anzusehen. Gilbert nahm das erschöpfte Kerlchen auf den Arm und trug ihn nach Hause. Alle waren erleichtert, das Walter wohlauf war. Anne steckte ihn sofort ins Bett und Susan machte ihm noch eine warme Brühe.

„Was genau ist passiert?“ fragte Anne jetzt als sie zusammen mit Gilbert an seinem Bett saßen.

„Jerry ist vorbeigekommen. Er war zum ersten mal richtig freundlich“, erklärte Walter. „Dann meinte er, er wolle mein Freund sein. Das war komisch, aber ich dachte mir ist es recht, wenn keine Feindschaft mehr zwischen uns ist. Nach einer Weile meinte er, er habe unten im Wald eine tolle Entdeckung gemacht und wolle sie mir zeigen. Zunächst sagte ich nein, denn es war schon spät. Aber Jerry war beleidigt und meinte, ob ich nicht sein Freund sein wolle. Also willigte ich ein und er zeigte mir die Hütte im Wald. Wir gingen hinein und plötzlich war er wieder draußen und machte die Tür zu. Er hat gelacht und gerufen :“Ihr Blythe seid doch alle zu blöd. Als wenn ich mit einem von euch befreundet sein wollte.“ Dann ist er weggelaufen. Die Tür ließ sich nicht öffnen und die Fenster waren zugenagelt. Ich hab mich gefürchtet und mir gedacht, dass mich nie jemand hier finden würde.“ Er nieste und Anne zog die Decke enger um ihn. Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Alles ist wieder gut, mein Schatz. Jetzt schlaf erst einmal.“

Erneute nieste Walter.

„Ich befürchte du bekommst eine Erkältung, Walter. Es war ziemlich kalt da draußen. Am besten bleibst du morgen erst einmal im Bett“, sagte Gilbert und strich ihm über die Stirn „Gute Nacht, Walter“.

„Ich bin so fürchterlich wütend auf diesen Jerry, Gil. Ich hab ihn auch noch getroffen, als ich nach Walter suchte und er hat mich angelogen. Ich bin nur froh, dass wir Walter gefunden haben.“

„Morgen werde ich gleich zu den Spuergoons hinübergehen“, auch Gilbert war mehr als verärgert. „Was zuviel ist, ist zuviel. Walter hätte sich eine Lungenentzündung holen können. Moody sollte ihm mal ordentlich den Hintern versohlen.“

Am nächsten Tag ging Gilbert zu Moody. Bestürzt musste Moody sich die Geschichte anhören und verstand, warum Anne und Gilbert so verärgert waren.

„Es tut mir fürchterlich leid, Gil. Ich verspreche dir er wird eine saftige Strafe bekommen.“

Bisher hatte Moody seinen Sohn noch nie geschlagen. Er hatte zwar schon öfters gedacht, dass er eine Strafe verdient hätte, aber immer hatte Josie ihren kleinen Engel in Schutz genommen. Doch diesmal würde ihm Moody das nicht durchgehen lassen. So etwas war einfach des Guten zuviel. Jerry bekam also wirklich eine ordentliche Tracht Prügel von ihm und erstaunlicherweise sagte Josie überhaupt nichts dazu. Auch sie war ein wenig über diesen üblen Streich geschockt. Jerry jedenfalls konnte in den nächsten paar Tage nicht so richtig sitzen und die Blythe Kinder ließ er von nun an in Ruhe. Zwar wollte er nicht mit ihnen befreundet sein, aber er spielte ihnen auch nie mehr einen Streich. Eher behandelte er sie so, als wären sie Luft für ihn.
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