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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
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27.08.2006 3.064
 
Kapitel 6 Ein Wochenende in Kingsport

Mein Liebster,

ich sitze hier zu später Stunde an meinem Fenster und sehe mir den Mondschein an. Wie hell und klar die Sterne doch heute leuchten. Es ist richtig eine Nacht für Verliebte. Wie schön wäre es, wenn du jetzt hier wärst und wir beide einen Spaziergang im Mondschein machen könnten. Wir würden zum See der glitzernden Wasser laufen und die Grillen würden unseren Weg mit fröhlichem zirpen begleiten. Mrs. Lynde würde bestimmt sagen: "So etwas albernes. In der kalten Nachtluft spazieren gehen. Du wirst noch krank werden, Anne Shirley!" Kannst du nicht auch ihre Stimmer hören?

Wir würden dem Quaken der Ochsenfrösche lauschen und uns dabei an den Händen halten. Du könntest mich in Deine Arme nehmen und mich küssen. Deine süßen Küsse. Sie fehlen mir so sehr. Genauso fehlt mir Deine Stimme, Deine Nähe. Oft sitze ich da und lese wieder und wieder Deine Briefe. Es tut mir so gut Deine Handschrift zu sehen und Deine Worte sind Balsam für meine Seele. Ich brauche Dich so sehr, wie die Luft zum Atmen. Wie habe ich je glauben können, dass ich Dich nicht liebe? Ich kann es mir nicht mehr vorstellen, Gil. Ich sehe zu den Sternen und frage mich, ob Du sie auch gerade siehst. Vielleicht bist Du in Gedanken ja gerade bei mir, denn in Gedanken sind wir vereint, egal wie viele Meilen zwischen uns liegen. Bei meiner ganzen Sehnsucht werde ich bestimmt von Dir träumen. Weißt Du was? Ich liebe Dich, Gilbert Blythe!

Deine Dich liebende
Anne Shirley

Für Gilbert brachen jetzt einige Prüfungen an und er musste eine Menge lernen. Aber seine Briefe an Anne vernachlässigte er nicht.

Liebste Anne,

verzeih mir, wenn meine Schrift etwas krackelig ist, doch es ist spät und ich bin hundemüde. Aber ich könnte nicht einschlafen, ohne Dir geschrieben zu haben. Georg Miller schüttelt nur den Kopf darüber. Er kann einfach nicht verstehen, wie wichtig mir das ist. Du fehlst mir so sehr und Deine Briefe sind manchmal mein einziger Trost. Im Moment bin ich hier ziemlich eingespannt. Morgen muss ich eine Prüfung in Anatomie ablegen und bei dem Gedanken daran wird mir schon ganz mulmig zu mute. Aber ich habe auch eine erfreuliche Nachricht, wie uns mitgeteilt wurde werden wir nach Abschluss der Prüfung, in etwa drei Wochen, ganze fünf Tage frei bekommen. Ich werde die Zeit nutzen und nach Avonlea kommen. Ich freue mich schon sehr darauf, Dich wieder zusehen. Jetzt werde ich schlafen gehen. Meine Gedanken sind bei Dir meine wunderschöne Anne.

In aller Liebe

Gilbert

Als Anne diese Nachricht bekam, hüpfte sei ausgelassen durch die Küche von Green Gables. Sie nahm die arme Marilla beim Arm und tanzte ausgelassen mit ihr.

"Anne Shirley", rief diese "bist du jetzt ganz verrückt geworden. Was soll den dieser Unsinn?"

"Gilbert wird in drei Wochen für fünf Tage da sein, Marilla. Ich könnte die ganze Welt umarmen", sie lachte und versuchte Marilla erneut zum tanzen zu bewegen.

"Schluss jetzt! Du solltest mal lernen deinen Übermut etwas unter Kontrolle zu halben.", sagte Marilla ernst. Doch Anne sah, dass ein Lächeln um Marillas Mundwinkel zuckte.


Mein Darling,

wenn ein Brief von Dir kommt bin ich immer total aus dem Häuschen. Marilla weiß dann bereits immer, dass in der nächsten halben Stunde nichts mit mir anzufangen ist. Aber sie trägt es mit Fassung und insgeheim glaube ich, sie lacht über mich.

Dein letzter Brief war natürlich von viel aufregender. Ich musste einfach meiner Freude darüber, Dich bald zu sehen, freien Lauf lassen und habe versucht vor lauter Übermut mit Marilla in der Küche zu tanzen. Sie hat mir das natürlich übel genommen und mich ermahnt mich etwas unter Kontrolle zu halten. Aber wie könnte ich das bei all meiner Freude? Mein Temperament geht halt ab und zu mal mit mir durch. Sowohl im Guten, wie auch im schlechten. Ich freue mich so sehr, dass ich die ganze Welt umarmen könnte. Du freust Dich bestimmt auch `mein bester Mann aus Avonlea`. Ich finde diese Bezeichnung einfach so lustig und sie fiel mit gerade wieder ein, weil ich heute gehört habe, dass Josie und Moody diesen Sommer heiraten werden. Irgendwie freue ich mich heute sogar mit Josie Pye und ich hoffe sie ist so glücklich wie ich.

Deine Karotte.

Zwei Tage bevor Gilbert nach Avonlea kommen sollte, erhielt Anne einen Brief von ihm. Sie war auf dem Postamt gewesen und Mrs. Sloan hatte ihr gleich die Post für Green Gables ausgehändigt. Ungeduldig öffnete sie Gilberts Brief auf dem Heimweg. Er schrieb zu ihrem Entsetzen, dass er leider doch nicht kommen könne. Sein Professor hatte ihn kurzfristig zu Extraarbeiten im Labor eingeteilt. Statt Anne in seine Arme schließen zu können würde er über Bakterienkulturen und Reagenzgläsern brüten.

Enttäuscht blickte Anne auf den See. Wie in Trance war sie weiter gelaufen. Auf einmal hörte sie jemanden ihren Namen rufen.

"Hallo, Anne", sie blickte auf und sah Mr. Blythe neben seinem Pferdewagen stehen.

"Guten Tag, Mr. Blythe."

"Was ist den los, Anne? Du siehst so zerstreut aus."

"Ich habe gerade einen Brief von Gil bekommen", sie stockte " er wurde von seinem Professor zu Extraarbeit verdonnert und kann nun doch nicht kommen."

"Oh, wie schade. Er fehlt dir, nicht wahr?"

Anne nickte und machte ein ziemlich trauriges Gesicht.

"Ich muss demnächst geschäftlich nach Kingsport fahren und wollte dabei auch Gil besuchen. Eigentlich wollte ich nächsten Monat fahren, aber ich kann das ganze genau so gut am nächsten Wochenende erledigen. Ich werde ungefähr zwei Tage dort bleiben. Meine Schwester wohnt etwas außerhalb von Kingsport und ich werde bei ihr übernachten. Wenn du willst, kannst du mitkommen, Anne."

"Wirklich? Ist das ihr Ernst, Mr.Blythe? " ein leuchten ging durch ihre Augen. " Natürlich, meine Schwester hat bestimmt nichts dagegen, wenn du mitkommst."

"Oh, Mr.Blythe. Das ist eine wundervolle Idee. Ich wäre ihnen wirklich sehr, sehr dankbar. Und es macht ihrer Schwester ganz bestimmt nichts aus?"

"Bestimmt nicht, sie freut sich eher dich kennen zulernen."

"Vielen Dank, Mr. Blythe" vor lauter Freude umarmte sie ihn.

Mr.Blythe lachte: "ich werde dich dann am Freitagvormittag abholen, um 11 Uhr fährt normalerweise immer ein Zug nach Kingsport. Also bis dann, Anne."

Er nickte und fuhr weiter.

Anne war total aufgeregt. Sie konnte in den nächsten Nächten kaum schlafen. Endlich war Freitag und Mr. Blythe holte sie ab. Es war ein wunderschöner Frühlingstag und Anne genoss die Fahrt sehr.

Gilbert wohnte im Studentenheim, gleich daneben gab es einen Park mit einem Pavillion. Dort wartete Anne, während Mr. Blythe Gilbert suchte. Er fand ihn an diesem Freitagnachmittag in einem der Räume der Bibliothek. Gilbert brütete gerade über einem riesigen Medizinwälzer.

"Hallo, Gil."

Gilbert sah überrascht auf, als er die Stimme seines Vaters hörte.

"Dad", rief er voller Freude, er sprang auf und umarmte seinen Vater "sag mal was machst du den hier?"

"Ich habe in Kingsport einige Geschäfte zu erledigen und außerdem werde ich mal wieder deine Tante Nancy besuchen."

"Wie lange wirst du hier sein, Dad?"

"Bis zum Sonntagnachmittag. Also werden wir noch Zeit haben miteinander zu reden. Ich werde jetzt mal den geschäftlichen Teil erledigen. Oh, Gil ich hab dir übrigens eine Überraschung mitgebracht. Ich hoffe du hast ein bisschen Zeit dafür."

"Eine Überraschung? Ja, ich habe Zeit, für heute bin ich mit dem Labor fertig, erst morgen Vormittag muss ich wieder hin. Was für eine Überraschung, Dad?"

"Du wirst schon sehen, sie wartete im Park, dort ist ein kleiner Pavillion!"

"Sie?", Gilbert sah ihn erstaunt an.

"Ja, sie. Wen würdest du wohl am liebsten sehen? Na, nun geh schon. Wir treffen uns heute um halb acht bei deiner Tante zum Abendessen. In Ordnung?"

Gilbert nickte und sah seinen Vater immer noch etwas ungläubig an.

"Na los", munterte dieser ihn auf "oder willst du sie noch lange warten lassen?"

"Ich danke dir, Dad" und schon war Gilbert auf und davon. Er rannte zu dem Pavillion und kam dort etwas außer Atem an.

"Anne", rief er, als er sie erblickte.

"Gil!", sie sprang von der Bank auf und schlang ihre Arme um seinen Hals. Gilbert schloss sie fest in seine Arme.

"Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich vermisst habe, mein Anne-Mädchen", flüsterte er.

Sie sahen sich in die Augen und küssten sich zärtlich. Hand in Hand nahmen sie auf der Bank platz.

"Gil, es tut so gut dich zu sehen." Sie nahm seine Hand in beide Hände.

"Ich kann es noch gar nicht glauben. Welch tolle Überraschung."

"Wo ist denn dein Vater?"

"Er kümmert sich jetzt erst einmal um seine Geschäfte, heute Abend treffen wir uns bei meiner Tante."

"Es ist lieb von ihm und den Nachmittag über alleine zu lassen. Es war eine tolle Idee von ihm mich mitzunehmen."

"Ja, ich werde ihm ewig dafür dankbar sein." Er hob mit einer Hand Annes Kinn hoch und beugte sich zu ihr, um sie zu küssen.

Es war ein wunderschöner Nachmittag. Sie schlenderten durch den Park, plauderten, nahmen sich in die Arme und küssten sie immer wieder in unbeobachteten Momenten.

"Morgen werde ich dir Georg Miller vorstellen, du musst ihn unbedingt kennen lernen", versprach Gilbert.

Am Abend trafen sie bei Mrs. Nancy Jones ein. Sie lebte in einem schönen Haus am Stadtrand. Ihr Mann war vor fünf Jahren gestorben. Sie war eine nette Dame von 50 Jahren. Gilbert besuchte sie ab und zu, seit er aufs Redmond ging. Mrs. Jones freute sich seine Verlobte mal kennen zulernen.

"Ich hab schon viel von Dir gehört, Anne. Gilbert hat mir schon eine ganze Menge von dir erzählt." Sie nahm Anne beim Arm und führte sie ins Esszimmer.

Anne merkte gleich, dass Gilberts Tante eine "verwandte Seele" war. Mrs. Jones hatte sie regelrecht in Beschlag genommen und weihte sie in die Familie Blythe ein. So erfuhr sie, dass die Blythes ursprünglich aus Schottland kamen. Sie waren bereits seit drei Generationen in Kanada. Außerdem habe es nur ihren Bruder nach Avonlea verschlagen. Der Rest der Familie sie vorwiegend in der Stadt zu treffen.

"Aber jetzt sag mal, liebe Anne", fragte Mrs. Jones "wo kommen denn die Shirleys her?"

"Ursprünglich kam mein Vater ebenfalls aus Schottland, aber ich weiß nicht viel darüber. Meine Eltern starben an Gelbfieber, als ich drei Monate alt war. Ich weiß allerdings, dass sie beide Lehrer waren und sehr jung geheiratet haben. Mit ihren Familien hatten sie keinerlei Kontakt mehr. Warum weiß ich allerdings nicht. Ich habe nie jemanden von den Shirleys kennen gelernt."

"Das ist ja schrecklich", rief Tante Nancy entsetzt. "Wo bist du den aufgewachsen, Kindchen?"

"Am Anfang nahm mich eine Nachbarin auf. Ich half ihr später im Haushalt. Danach war ich bei den Hammonds, wo ich mich um die Kinder kümmerte, sie hatten dreimal Zwillinge hintereinander, als Mr. Hammond schließlich starb, hat man mich ins Waisenhaus gebracht. Bis ich schließlich durch einen glücklichen Zufall zu den Cuthbert nach Avonlea kam. Ich verdanke Matthew und Marilla sehr viel, sie haben mir ein Zuhause gegeben."

"Du armes Ding."

"So würde ich es nicht sehen. Alle Menschen, mit denen ich es zu tun hatte, haben es gut mit mir gemeint. Sie hatten jedoch genug eigene Probleme, da konnten sie sich nicht auch noch um ein kleines Waisenkind kümmern. Ansonsten waren sie eigentlich alle gut zu mir. Nur vor Mr. Hammond hatte ich immer etwas Angst, er konnte immer so schrecklich toben, wenn er wütend war und auch noch getrunken hatte. Wenn ich mich mal wieder ungeschickt angestellt hatte, und das kam oft vor, hat mir Mrs. Hammond immer damit gedroht ihr Mann würde mir mal ordentlich den Hintern versohlen. Aber das hat er zum Glück nie gemacht. Er hatte ja kaum Zeit seinen eigenen vielen Kindern den Hintern zu versohlen." Anne lachte, "als ich dann nach Green Gables kam, war das mein größtes Glück. Etwas besseres hätte mir nicht passieren können", lächelnd sah sie zu Gilbert hinüber. "Marilla hatte es allerdings nicht leicht mit mir. Ich war nicht gerade das liebe, brave kleine Mädchen. Immer steckte ich in irgendwelchen Schwierigkeiten oder habe für kleine Katastrophen gesorgt. Erst vor kurzem sagte sie mir, was ich doch für ein wildes Mädchen gewesen wäre."

"Ein bisschen Temperament schadet gar nichts Anne" bemerkte Mrs. Jones.

"Ein bisschen, Mrs. Jones. Aber manchmal habe ich einfach ein bisschen zuviel davon. Ich habe mich damit in schon so manche schlechte Lage gebracht. Glauben sie es mir." Anne seufzte. Alle lachten.

"Also Gilbert", sagte Tante Nancy "ich muss schon sagen, deine Verlobte gefällt mir sehr. Sie wird ein bisschen Leben in die Familie Blythe bringen."

"Sie gefallen mir auch sehr, Mrs. Jones", erwiderte Anne und drückte der alten Dame einen Kuss auf die Wange.

"Du kannst mich ruhig Tante Nancy nennen."

Am nächsten Tag lernte Anne Georg Miller kennen. Gilbert stellte ihn vor, als Anne mittags ins College kam. Sie hatten sich für 14 Uhr verabredet. Zu diesem Zeitpunkt wäre Gilbert mit der Arbeit im Labor fertig. Anne wartete wie vereinbart vor dem kleinen Nebengebäude des College. Gilbert kam noch im Laborkittel aus dem Gebäude getreten.

"Anne", er kam auf sie zu "ich werde noch ca. 10 Minuten brauchen. Willst du solange hier auf mich warten?"

"Natürlich. Der Laborkittel steht ihnen übrigens gut, Dr. Blythe", sagte Anne und lachte.

"Oh, ich fühle mich geschmeichelt, Miss Shirley." Lachend gab er ihr einen Knuff in die die Seite. "Ich bin gleich wieder da", versprach er.

Anne lief solange an dem Gebäude entlang und sah sich um. Plötzlich stieß sie mit jemandem zusammen. Der junge Mann war groß und trug eine Brille auf der Nase, seine Bücher hatte er fallen lassen. Zusammen sammelten sie das Schlamassel wieder auf.

"Entschuldigung", stammelte er "ich habe nicht aufgepasst." Dann sah er hoch und sagte plötzlich: "Sie müssen Anne Shirley sein. Stimmts? "

"Wie bitte?" Anne war überrascht, woher er ihren Namen kannte. "Ja, ich bin Anne Shirley, aber woher kennen sie meinen Namen?" Da kam Gilbert auf sie zu.

"Ah, ich sehe ihr habt euch schon kennen gelernt", sagte er. Anne sah ihn nur fragend an.

"Ich bin Georg Miller", stellte Georg sich nun vor und hielt ihr die Hand hin.

"Ach so", Anne war etwas verwirrt. "Aber woher wussten sie, dass ich Anne bin", fragte sie direkt.

"Na, ganz einfach, die Haare. Ich habe doch schon die Haarsträhne gesehen und deshalb können sie nur Anne Shirley sein." Jetzt lachten alle drei.

"Und ich habe mich schon gewundert, wieso er plötzlich meinen Namen weiß." Gilbert nahm ihren Arm und zusammen mit George liefen sie über den Platz. Sie unterhielten sich eine Weile und Anne fand, dass er wirklich nett war.

Am nächsten Tag würden Anne und Mr. Blythe wieder zurückfahren. An ihrem letzten, gemeinsamen Nachmittag saßen Anne und Gilbert zusammen auf einer Bank in Mrs. Jones Garten.

"Bald ist das Semester zu Ende und ich kann in den Ferien endlich wieder nach Hause kommen." Gilbert hatte seinen Arm um sie gelegt.

Anne seufzte: "Ich werde mich solange in die Arbeit stürzen", sagte sie "es gibt auch noch viel zu tun. Mrs. Lynde hat mir letzte Woche eine von ihren Pachtworkdecken gebracht. Sie sagte ich könne sie bestimmt gebrauchen. Zunächst lehnte ich dankend ab, die Decke stank fürchterlich nach Mottenkugeln, doch ich hatte keine Chance. Auch das Argument, dass ich bereits vier Decken habe, hat nichts gebracht. Sie meinte nur man könne nie genug Decken haben. Also hat Marilla sie fünf Tage lang draußen gelüftet, damit nicht das ganze Haus stinkt. Aber was sollen wir mit fünf Decken?"

Gilbert lachte: "Mir scheint, Mrs. Lynde will eine ganze Familie eindecken."

"Na, dann sind zumindest unsere Kinder auch gleich versorgt", Anne stockte "Gil, du willst doch Kinder haben. Oder?"

Gilbert grinste. "Mir dir möchte ich eine ganze Schar Kinder. Am besten alles Mädchen, damit sie so wunderschöne rote Haare und grau-grüne Augen bekommen, wie ihre Mutter."

"Kindskopf", sagte Anne und stieß ihn in die Seite, "damit sie auch in der Schule Karotte genannt werden?" Anne lachte.

"Ja, und sich irgendein Trottel unsterblich in sie verliebt." Er zog sie zu sich heran und schlang beide Arme um ihre Talie.

"Mir wären aber lauter Jungs lieber, damit sie so klug und hübsch wie ihr Vater werden."

"Also gut, schließen wir einen Kompromiss: 5 Jungen und 5 Mädchen. Ist das o.k.?"

Anne lachte laut auf und Gilbert küsste sie zärtlich.

Anne lächelte immer noch in Erinnerung daran, als sie bereits im Zug saß. Versonnen sah sie aus dem Fenster.

"Meine Schwester kann dich gut leiden, Anne" unterbrach Mr. Blythe die Stille.

"Sie ist wirklich eine nette Dame. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mich mitgenommen haben, Mr. Blythe. Ich kann gar nicht sagen, wie viel mir das bedeutete hat."

"Du brauchst dich nicht zu bedanken, Anne. Schließlich gehörst du bald zur Familie. Ich denke ich kann verstehen, wie wichtig das für dich war und natürlich auch für Gilbert. Er liebt dich wirklich, Anne."

"Ich weiß und ich liebe ihn auch. Worte können es gar nicht ausdrücken."

"Ja, ich glaube ich verstehe, was du meinst. Auch mir ging es vor vielen Jahren mal so. Doch das Schicksal wollte es anders."

"Sie sprechen von Marilla, nicht wahr?", fragte Anne vorsichtig.

Mr. Blythe sah aus dem Fenster und sagte einen Moment nichts, dann wand er sich wieder zu Anne.

"Lassen wir die Vergangenheit ruhen, das alles ist schon viele Jahre her. Es lohnt sich nicht darüber nachzudenken." Schweigend hingen sie beide ihren Gedanken nach.
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