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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
2
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27.08.2006 1.354
 
Kapitel 53 Marilla

Am nächsten Morgen machte sich Anne auf den Weg nach Green Gables. Shirley nahm sie mit. Während Nan und Di bei Susan blieben. Sie fand Marilla im Hühnerstall vor, wie sie gerade nach Eiern suchte.

„Guten Morgen, Marilla.“

„Anne. Du bist schon so früh hier?“ Erstaunt blickte Marilla sie an.

Shirley gluckste begeistert und streckt ihr die Ärmchen entgegen. Marilla nahm ihn Anne ab und er strahlte sie an. Anne bemerkte sofort, dass Marilla ziemlich übermüdet aussah. Wahrscheinlich hatte sie die ganze Nacht kein Auge zu getan. Sie gingen ins Haus und plauderten zwanglos miteinander. Schließlich kam Anne auf den Hauptgrund für ihren Besuch zu sprechen.

„Ich mache mir Sorgen um dich Marilla. Du bist jetzt hier so alleine auf Green Gables. Möchtest du nicht zu uns ins Traumhaus ziehen? Wir haben genügend Platz“, Anne blickte sie bittend an. Überrascht schaute Marilla auf.

„Ich kann doch Green Gables nicht verlassen, Kind. Außerdem möchte ich euch nicht zur Last fallen.“

„Marilla, du fällst niemanden zur Last. Die Kinder wären sogar begeistert, wenn du bei uns wohnen würdest. Du weißt, wie sehr sie dich alle mögen...“

„Aber darum geht es doch nicht, Anne“, unterbrach Marilla sie. „Es geht viel mehr darum, dass ihr eine eigene Familie habt. Ich habe dabei nichts zu suchen. Ich werde Green Gables nicht verlassen. Hier bin ich aufgewachsen, es ist mein Zuhause und hier möchte ich gerne bleiben und irgendwann sterben.“

„Überleg es dir doch einmal in Ruhe. Ich habe Angst, dass du dich einsam fühlst.“

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich komme schon zu recht und jetzt Schluss damit.“ Für Marilla war das Thema damit beendet und Anne hielt es für besser, im Moment nicht mehr davon zu sprechen.
Mit besorgtem Blick verließ sie später Green Gables.

„Was ist los, liebe Frau Doktor, sie sehen so betrübt aus?“ Fragte Susan, als sie mit Shirley auf dem Arm die Küche betrat.

„Ach, es ist nichts Susan“, winkte Anne ab.

„Das glaube ich ihnen nicht. Vor Susan Baker können sie nichts verbergen. Wollen sie mir nicht sagen, was sie bedrückt?“

„Es ist wegen Marilla. Ich mache mir Sorgen um sie. Es gefällt mir überhaupt nicht, dass sie alleine auf Green Gables lebt. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht zu uns ziehen will. Doch das lehnt sie rundheraus ab.“ Anne zuckte die Schultern.

„Einen alten Baum kann man nicht einfach verpflanzen. Er schafft es nicht mehr so leicht, neue Wurzeln zu schlagen.“

„Ich kann ja verstehen, dass sie nicht von Green Gables fort will. Aber was soll sie sonst tun? Vielleicht sollte sie ein Mädchen einstellen, dass ihr im Haushalt hilft.“

Susan konnte ihr auch keinen Rat geben und das Gespräch der beiden wurde durch Nan unterbrochen, die weinend in die Küche kam.

„Jem, lässt mich nicht mit Verstecken spielen“, schniefte sie und warf ihre braunen Zöpfe energisch nach hinten. „Er sagt, ich könne ja nicht einmal bis zehn zählen. Das stimmt aber gar nicht. Ich kann sogar schon bis zwanzig zählen.“

Sie drückte sich an ihre Mutter und die nahm sie auf ihren Schoß.

„Will denn Di nicht mit dir spielen?“ Fragte Anne.

„Di, spielt mit ihren Puppen. Aber ich finde das langweilig, ich würde lieber mit den Jungs verstecken spielen.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über das verweinte Gesicht.

„Lass die Jungs halt alleine spielen. Kannst du wirklich schon bis zwanzig zählen?“

Versuchte Anne sie abzulenken. Nan nickte stolz und begann ihrer Mutter zu zeigen, dass sie sehr wohl bis zwanzig zählen konnte.
Einige Tage später kam Susan morgens ziemlich verwirrt in die Küche.

„Was ist los Susan?“ fragte Anne sie.

Susan stellte den Einkaufskorb auf den Tisch und seufzte.

„Gerade eben habe ich Mr. Sadler getroffen. Ich hab doch seit 10 Jahren das Haus von ihm gemietet. Jetzt erzählt er mir, dass er es verkaufen will und er schon einen Interessenten dafür haben. Allerdings müsste ich dann ausziehen, weil der Käufer da Haus für sich selbst nutzen will. Ich kann ihnen sagen, ich bin aus allen Wolken gefallen, liebe Frau Doktor.“

„Susan, du weißt, dass du jeder Zeit hier wohnen kannst“, Anne legte liebevoll den Arm um sie.

„Das ist sehr lieb von ihnen. Aber ich werde mich mal umhören. Es sollte doch noch irgendeine andere Möglichkeit in Avonlea gegeben. Ich könnte auch bei meinem Cousine wohnen. Aber mit Mrs. Blair habe ich ein paar Schwierigkeiten. Wir sind schon öfters aneinander geraten. Nun, wir werden sehen.“

Gedankenversunken saß Anne da. Plötzlich huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

„Susan, könntest du dir vorstellen auf Green Gables zu wohnen? Das wäre die Lösung. Marilla wäre nicht alleine und sie müsste nicht von Green Gables weg. Und du hättest eine neue Unterkunft. Green Gables ist sehr schön und es liegt auch nicht weit von hier. Was meinst du?“

„Hmmm. Ich würde schon, aber ich weiß nicht, ob Miss Cuthbert damit einverstanden wäre.“ Zögerte Susan.

„Oh, Marilla mag dich. Das weiß ich. Wir könnten gleich hinüber gehen und sie fragen“, sagte Anne überschäumend.

„Gehen wir lieber morgen. Heute hab ich noch so viel zu tun. Außerdem würde ich noch gerne eine Nacht darüber schlafen“, bat Susan und begann das Gemüse zu putzen.

Anne seufzte und nickte. Vielleicht hatte Susan ja recht. Allzu oft überstürzte sie solche Dinge immer wieder.
Am Abend erzählte sie Gilbert von ihrem Plan.

„Eine gute Idee, Anne. Aber letztendlich müssen Marilla und Susan das entscheiden“, gab er zu bedenken.

„Sicher. Aber es wäre doch die Lösung für alle“, fuhr Anne ungeduldig fort.

„Natürlich. Doch die beiden müssen miteinander auskommen.“ Antwortete er ruhig. „Du bist immer zu impulsive in solchen Dingen, Anne.“

„Pah, ich weiß nicht wie ihr alle immer so ruhig bleiben könnt. Ich glaube ich werde heute Nacht vor Aufregung kein Auge zu tun.“ Trotzig reckte sie ihr Kinn in die Höhe. Genauso, wie sie es bereits mit 14 Jahren getan hatte.

Lachend legte Gilbert den Arm um sie. „Das ist dein Temperament, Karotte. Aber du weißt, dass ich dich dafür liebe.“

Damit war Annes Trotz gebrochen und lächelnd drehte sie sich zu ihm um und drückte sich an ihn.

„Ich weiß manchmal hast du es nicht leicht mit mir“ gab sie zu.

„Anne-Mädchen ich möchte dich gar nicht anders haben.“

„Ich liebe dich Gil.“

Dann küssten sie sich, immer noch voller Leidenschaft.

Zufällig kam Marilla zwei Tage später vorbei. Die Kinder spielten im Garten, während die Frauen auf der Veranda saßen und sich unterhielten.

„Der Weizen wird gut dieses Jahr“, sagte Marilla und blickte hinüber zu den Feldern, die sich sanft im Wind wiegten.

„Es wird die beste Ernte seit Jahren. Ich glaube die Leute in Avonlea können zufrieden sein“, stimmte Susan ihr zu.

„Wir haben schon einige gute und schlechte Jahre hier erlebt. Aber Gott findet immer einen Weg, alles wieder ins Lot zu bringen. Ich will später noch auf den Friedhof. Gibst du mir ein paar von deinen wunderschönen Dahlien mit, Anne?“

„Natürlich, am besten gehe ich gleich mit.“ Annes Blumen waren ihr ganzer Stolz. Niemand in Avonlea hatte so ein hübsches Blumenbeet. Gilbert hatte einmal gesagt, dass ihn das nicht wunderte. `Du bist selbst eine wunderschöne Blume, Anne. Darum gedeihen sie bei dir besonders gut.` Anne hatte laut gelacht, aber sie war wirklich stolz auf ihre Blumenpracht.

Als sie mit Marilla zum Friedhof lief, begann sie ihr von Susans Kummer zu erzählen.

„Mr. Sadler will das Haus verkaufen, dass Susan gemietet hat. Jetzt muss sie sich eine andere Bleibe suchen“, erzählte Anne.

„Hmmm!!!“ einen Augenblick lang schwieg Marilla. „Meinst du sie würde vielleicht nach Green Gables ziehen?“ fuhr sie dann fort.

Mit Freude hörte Anne, dass Marilla gleich selbst auf die Idee kam. Lächelnd blickte sie zu ihr. „Würdest du sie denn gerne auf Green Gables haben?“

„Warum denn nicht?“ fragte Marilla ganz selbstverständlich. „Susan ist eine nette, anständige Christin und ich kann sie auch gut leiden. Außerdem hätte ich dann auch wieder Gesellschaft. Ich muss zugegeben es ist doch einsam auf Green Gables geworden. Aber sag jetzt nicht, dass du das gleich gesagt hast“, bat Marilla sie.

Anne lachte und legte den Arm um sie. „Keine Angst, liebste Marilla. Wir sollten mit Susan reden.“
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