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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
2
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27.08.2006 946
 
Kapitel 46 Eine verwandte Seele

„Ich fahr jetzt noch zu den Lawson`s, Anne“, sagte Gilbert, als er kurz ins Wohnzimmer rein sah.

„Oh warte, Gil.“ Rasch stand Anne auf und ging zu ihrem Schreibtisch. „Kannst du dann gleich beim Postamt vorbei gehen und das hier abschicken“, sie hielt ihm ein Päckchen hin.

„He, hast du etwa dein Manuskript fertig?“ fragte er überrascht, nachdem er gelesen hatte, das der Empfänger der Garrison Verlag in New York war.

„Ja“, sagte Anne lächelnd „ich hab es endlich geschafft.“

„Warum hast du es mich den nicht lesen lassen?“ fragte Gilbert enttäuscht.

„Erst, wenn es veröffentlicht ist. Es soll eine Überraschung sein“, sie küsste ihn sanft. „Tust du mir den Gefallen und schickst es ab?“

„Natürlich! Alles was meine Königin wünscht“, und er küsste sie ebenfalls.

„Manchmal könnte man glauben, sie beide wären gerade frisch verheiratet“, sagte plötzlich Susan, die unvermutet ins Wohnzimmer kam.

Gilbert lachte, küsste Anne rasch nochmals. „Bis dann“, sagte er. Als er an Susan vorbeikam sagte er noch: „Susan, sie sehen heute wirklich bezaubernd aus“, und zwinkerte ihr schelmisch zu, dann lief er hinaus.

„Also, dieser Doktor“, sagte Susan fassungslos und strich sich eine graue Haarsträhne aus der Stirn.

„Sein, Charme ist einfach unschlagbar, Susan“, antwortete Anne und lachte.

Gegen später beschloss Anne noch auf den Friedhof zu gehen. Matthew und Joceys Grab brauchten unbedingt neue Blumen. Außerdem würde ihr etwas Bewegung gar nicht schaden. Inzwischen war ihr Bauch deutlich gewachsen und sie tat sich allmählich nicht mehr ganz so leicht mit Laufen und Treppensteigen. Langsam schlenderte sie ihn Richtung Friedhof, während Susan bei den Kindern war. Die Sonnentstrahlen blitzen munter auf die sich langsam bunt färbenden Blätter der Bäume. Anne liebte den Herbst. Besonders, wenn es so schöne Tage gab, wie diesen. Alles wurde bunt und wirkte so munter und fröhlich wie im Frühling. Es war, als wolle die Natur vor dem langen Winter noch mal ihre ganze Pracht zeigen.
Sorgsam legte sie die Blumen auf das Grab.

„Guten Tag, Mrs. Blythe“, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. Captain Jim war ebenfalls auf dem Friedhof.

„Oh, Captain Jim, schön sie mal wieder zu sehen“, antwortete sie.
Captain Jim sah auf Matthews Grabstein und fragte: „Ein verwandter von ihnen, Mrs. Blythe?“

„Nein, eigentlich nicht. Nicht richtig zu mindest. Doch Matthew war wie ein Vater für mich. Marilla und Matthew Cuthbert haben mich damals bei sich aufgenommen. Sie müssen wissen, dass ich ein Waisenkind war“, sagte Anne und strich über den Grabstein.

Dann legte sie die anderen Blumen auf Joceys Grab.

„Und wer ist das?“ fragte Captain Jim erneut.

Anne holte tief Luft. „Jocey. Unsere kleine Tochter.“

„Oh, das tut mir leid. Ich wollte nicht in alten Wunden rühren“, sagte Captain Jim, der Annes traurigen Tonfall bemerkt hatte. „Ich hoffe sie halten mich jetzt nicht für neugierig. Doch ich gehe gerne auf Friedhöfe. Nicht aus Neugier, sondern einfach, weil ich glaube, man sollte die Toten in unserer Erinnerung lebendig erhalten.“

Anne sah zu ihm auf und lächelte. „Das finde ich auch Captain Jim. Ich glaube viele Leute haben Matthew bereits vergessen. Er war ein sehr stiller und scheuer Mensch. Nicht viele kannten ihn wirklich. Doch ich werde Matthew nie vergessen. In meinen Träumen und Gedanken ist er oft bei mir. Er und die kleine Jocey,“ antwortete Anne.

Captain Jim nickte. Er fand die Frau des Doktors überaus sympathisch. Sie hatte irgendwie etwas Besonders. Seufzend stand Anne auf und gemeinsam liefen sie zum Tor.

„Darf ich fragen, wann sie ihr Baby bekommen werden?“ fragte Captain Jim plötzlich.

„Wahrscheinlich an Weihnachten. Wollen sie uns nicht mal besuchen kommen, Captain Jim? Ich würde sie gerne mal zum Tee einladen.“

Captain Jim nickte. „Sehr gerne, ich kann ihren Mann sehr gut leiden. Der junge Doktor ist wirklich in Ordnung. Auch würde ich ihre reizenden Kinder mal gerne wiedersehen. Obwohl mir der kleine Kerl wahrscheinlich ein Loch in den Bauch fragen wird“, sagte er lachend.

„Ich fürchte, das hat er von mir geerbt. Ich konnte als Kind reden wie ein Buch und Marilla Cuthbert hat es nicht leicht mit mir gehabt.“

„Aber sie war bestimmt glücklich, das sie da waren, Mrs. Blythe. Ich glaube sie sind ein Sonnenstrahl für diese Welt.“

Anne lächelte ihn an. Captain Jim war hundertprozentig eine verwandte Seele. Sie verabschiedeten sich am Ende des Weges und er versprach am folgenden Sonntag zum Tee zu kommen. Munter lief Anne die Straße entlang.

„He, hübsche, junge Frau, wollen sie vielleicht mitfahren?“ hörte sie plötzlich Gilberts Stimme hinter sich. Er war hatte mit dem Buggy hinter ihr angehalten.

„Ich hab dich gar nicht kommen hören“, sagte Anne, als sie sich umdrehte.

„Die hübsche Lady, war wohl wieder mal in Tagträumen versunken“, sagte Gilbert lachend und sprang vom Wagen.

„Ein bisschen“, gab Anne zu. „Ich hab gerade Captain Jim auf dem Friedhof getroffen und ihn am Sonntag zum Tee eingeladen.“

„Wie schön, ich kann Captain Jim wirklich gut leiden.“

„Schön, das du gerade vorbei gekommen bist, Gil. Ich muss zugeben, meine Füße sind doch etwas müde geworden. Auch wenn ich es mir ungern eingestehe“, sagte sie lachend.

„Also ich glaube, das steht dir im Moment zu, Anne.“ Er legte eine Hand auf ihren Bauch und küsste sie. „Komm lass uns nach Hause fahren. Ich hab einen Bärenhunger.“

„Susan, wollte dir heute etwas besonderes kochen, nachdem du heute morgen deinen Charme hast spielen lassen“, sagte Anne neckend.

„Man muss ja schließlich in Übung bleiben, nicht wahr?“

„Ich glaube, was das betrifft, wirst du nie aus der Übung kommen, Gilbert Blythe. Ich weiß nur nicht, ob das wirklich so ist. Oder ob es nur daran liegt, dass ich dich liebe.“ Sie hackte sich bei ihm ein, nachdem sie nebeneinander auf dem Buggy saßen.
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