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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
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27.08.2006 1.219
 
Kapitel 33 Leben und Tod

Am nächsten Tag würde George abreisen und Gilbert würde ihn nach Bright River fahren. Sie verabschiedeten sich und Gilbert lud das Gepäck auf den Wagen.

Anne fühlte sich an diesem Morgen nicht besonders und wollte sich ein wenig hinlegen. Gilbert und George wollten gerade losfahren, da kam Susan aus dem Haus gestürmt.

„Herr Doktor! Herr Doktor!,“ rief sie aufgeregt und rannte zum Wagen.

„Was ist denn Susan?“ fragte Gilbert.

„Kommen sie schnell. Ihrer Frau geht es überhaupt nicht gut...“ rief sie atemlos.

Gilbert sprang vom Wagen und rannte zum Haus zurück. Voller Angst rannte er die Treppen zum Schlafzimmer hoch. Anne lag zusammen gekrümmt auf dem Bett.

„Anne, was ist ?“ fragte sie Gilbert aufgeregt.

„Ich hab Schmerzen, Gil,“ keuchte Anne und hielt ihren Bauch.

„Sind es Wehen?“ frage Gilbert weiter, während er ihren Bauch abtastete.

Anne schüttelte den Kopf „Nein... ein stechender Schmerz, der nicht aufhört.“

Inzwischen war auch George ins Zimmer geeilt. „Stechender Schmerz?“ fragte er. Er sah Anne an, fühlte ihren Puls und überlegte. „Sieht nach einer vorzeitigen Plazentablösung aus“, murmelte er und Gilbert sah ihn panisch an. „Susan,“ rief George „schnell richten sie heißes Wasser und Handtücher her. Gil ich hole deine Arztkoffer. Hast du Äther da?“ fragte er.

Gilbert nickte verwirrt, „Unten in meinem Büro. Im Medikamentenschrank.“ Er hielt Annes Hand und schluckte. Als Arzt wusste er genau, was passieren konnte. In den meisten Fällen war bei einer vorzeitigen Plazentaablösung das Kind bereits tot und oft konnte nur mit Mühe die Mutter gerettet werden. Doch im Moment wollte er solche Dinge nicht wissen. Er war jetzt nur der ängstliche Ehemann, der um Leben von Mutter und Kind bangte.

Anne sah ihn aus angsterfüllten Augen an. „Gil... was bedeutete das?“ fragte sie und drückte seine Hand. „Was ist mit unserem Kind“

Schweißperlen waren auf ihrer Stirn zu sehen.

„Pssst. Anne-Mädchen. Es wird alles gut,“ er strich ihr über die Wange. Seine Stimme schien ihm seltsam fremd und es kam ihm vor, als hätte ein Fremder die Worte ausgesprochen.

George kam zurück ins Zimmer geeilt. Er wusste, dass er das ärztliche Kommando hier übernehmen musste. Gilbert würde dazu nicht in der Lage sein. Er zog eine Spritze auf und sprach zu Anne.

„Ich gebe dir jetzt erst einmal ein Beruhigungsmittel, Anne. Der Schmerz wird dann nachlassen. Dann können wir schauen was los ist, ok?“

Anne nickte nur. Das Beruhigungsmittel wirkte rasch und der Schmerz ließ nach. Anne war dadurch wie benebelt. Wie aus der Ferne nahm sie die Stimmen von Gilbert und George war. Sie sah sie wie durch einen Schleier arbeiten. Was geschah hier nur? Fragte sie sich.

George hatte mit der Untersuchung begonnen. Er hielt sein Stetoskop auf Annes Bauch, um die Herztöne des Kindes zu hören. Er führte es an verschiedene Stellen.

Gilbert bemerkte entsetzt, wie ernst sein Gesichtsausdruck war. Die ganze Zeit über hielt Gilbert Annes Hand. Fragend sah er zu George hinüber. George sah ihm in die Augen und schüttelte den Kopf. Wie ein Messer fuhr dieses Kopf schütteln durch Gilberts Herz. Ihr Baby hatten sie also verloren. Gilbert wusste, dass all ihr tun nun darum ging die Mutter zu retten.

„Wir werden sie mit Äther betäuben, Gil“ sagte George. „Du überwachst ihren Puls, in Ordnung?“ Gilbert nickte nur stumm, er brachte keinen Ton über die Lippen.

Anne war betäubt und George musste nun das kleine Wesen aus ihrem Bauch holen. Gilbert zählte unablässig ihren Puls. Susan hatte inzwischen Jem und Walter schnell nach Green Gables gebracht. Dort saßen jetzt zwei alte Damen und warteten ängstlich auf eine Nachricht. Anne verlor inzwischen viel Blut und entsetzt stellte Gilbert fest, dass ihr Puls schwächer wurde.

„George“ rief er alamiert, „der Puls wird schwächer,“ die reine Panik klang aus seiner Stimme.

„Leg eine Infusion“ ordnete George an. Gilbert legte die Infusion, der ein Herz-Kreislauf-Medikament beigemengt war. Einige Minuten stabilisierte sich Annes Puls, wie Gilbert erleichterter fest stellte. Dann war es endlich vorbei. George hatte das Baby in eine Decke eingewickelt. Schlaff lag das kleine rosa Wesen darin. Es war zu spät. Anne und Gilberts kleine Tochter hatte keine Chance gehabt. Die Blutungen waren gestoppt und im Moment war Annes Lage stabil.

„Es tut mir so schrecklich leid, Gil“ flüsterte George, als er ihm seine kleine tote Tochter zeigte.

Tränen schimmerten in Gils Augen. Hier lag ihre winzige kleine Tochter, sie war wunderhübsch. Anne hatte wirklich recht gehabt, es war ein Mädchen, aber ihnen sollte diese Glück nicht beschert sein.

„Anne hat viel Blut verloren, Gil. Wir müssen sehen, dass sie kein Fieber bekommt“, sprach George weiter. Gilbert nickte stumme. Die weinende Susan nahm die kleine Joyce an sich und trug sie hinaus.

Gilbert wich keinen Moment von Annes Seite. Blass und bleich lag sie in den Kissen. Es war ein schrecklicher Anblick. Hilflos musste er warten, was geschehen würde.

Am nächsten Tag wurde die kleine Joyce auf dem Friedhof von Avonlea beigesetzt. Mr. und Mrs. Blythe, Marilla, Rachel, Susan und Diana standen schockiert vor dem kleinen Grab.

Gilbert und George blieben bei Anne, denn ihre Lage war unverändert. Erschöpft war Gilbert an ihrem Bett in einen unruhigen Schlaf gefallen. Er erwachte durch Annes unruhige Bewegungen. Sie hatte die Augen geschlossen und warf unruhig ihren Kopf hin und her. Gilbert befühlte ihre Stirn und stellte fest, wie heiß sie war. Mit trockener Kehle rief er nach George.

Besorgt, blickte George auf Anne. „Verdammt“ murmelte er leise vor sich hin. Die Lage war schlecht. Das Fieber würde Anne ihre ganze verbliebene Kraft kosten. Schlimme Stunden voller Bangen und Hoffen standen dem Traumhaus bevor. Alle beteten für Anne.

Verzweifelt saß Gilbert an ihrem Bett und rief irgendwann in Richtung Himmel: „Lieber Gott, du darfst sie mir nicht nehmen. Ich brauche sie, die Kinder brauchen sie. Wie könnte ich ohne sie leben. Bitte lieber Gott ich flehe dich an. Nimm sie uns nicht.“ Erschöpft war er auf seinem Stuhl eingeschlafen.

Anne öffnete die Augen und wusste nicht, was geschehen war. Dann fiel es ihr plötzlich wieder ein, diese Schmerzen und die Angst. Ihre Hand ging schwach zu ihrem nun flachen Bauch. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie fühlte ganz genau, dass sie ihr Baby verloren hatte. Sie drehte den Kopf und sah Gilbert. Sein Gesicht hatte er auf dem Bett vergraben und seine Hand lag dicht bei ihrer. Kraftlos versuchte sie seine Hand zu erreichen und schaffte es sie sachte zu berühren. Gilbert war sofort hell wach. Er sah, dass Anne wach war und legte seine Hand prüfend auf ihre Stirn. Erleichtert stellte er fest, dass sie kein Fieber mehr hatte.

„Anne. Gott sei dank, du bist wach.“ Sie wollte etwas sagen, aber ihre Kehle war so trocken, dass sie keinen Ton herausbrachte. „Warte, ich hol dir ein Glas Wasser.“ Behutsam führte er ihr das Glas an die Lippen.

„Gil...unser Baby...was ist...“ brachte sie mühsam hervor.

„Anne, du darfst dich jetzt nicht aufregen.“ Antwortete Gilbert.

„Bitte... sag es mir“, flehte Anne. Traurig schüttelte Gilbert den Kopf. Brennend stachen ihr die Tränen in die Augen. „War es ein Mädchen?“ fragte Anne mühsam weiter.

Gilbert wusste, dass er es ihr sagen musste. Er nickte „es war unsere kleine Joyce.“

Anne liefen die Tränen die Wangen hinunter. Gilbert hielt sie in seinen Armen. Kurz darauf war sie erschöpft eingeschlafen. Doch diesmal war es ein Schlaf, der zur Erholung beitrug.
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