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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
2
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27.08.2006 727
 
Kapitel 27 Anne trifft ihren Großvater

Sie folgten ihr auf den Gang und Anne ergriff Gilberts Hand. Miss March führte sie den langen Flur hinunter und blieb vor eine Tür aus schwerer, reich verzierter Eiche stehen. In dem Zimmer war es leicht dunkel. An den Fenstern hingen schwere, dunkelblaue Vorhänge, die zum Teil zugezogen waren. Da, wo sie offen waren, konnte man sehen, dass man eine wunderschöne Aussicht auf den Garten hatte. Er stand voller großer, schatten spendender Tannen, Birken, Apfel- und Birnbäumen.

Gerne wäre Anne in diesem Augenblick zwischen ihnen durchspaziert. Dann bräuchte sie keine Angst vor der Begegnung mit ihrem Großvater zu haben.
Sir Shirley saß in seinem Rollstuhl an einem Tisch.

Miss March fing an zu sprechen. „Hier sind Anne und ihr Mann Dr. Gilbert Blythe“.

Sir Shirley hob seinen Kopf und sah Anne unverwandt an. Sein Haar war vollständig weiß und seine Augen waren grau-grün. Sein Blick war der eines verbitterten alten Mannes, der mit seinem Leben unzufrieden war. Selbst seine Augenbrauen waren weiß geworden. Man hatte den Eindruck, dass er ein richtiger Tyrann sein konnte.

„Du bist also, Anne“, sprach er mit kräftiger, dunkler Stimme. „Du hast sehr viel Ähnlichkeit mit deiner Mutter...“ gedankenversunken saß er da. Niemand sprach ein Wort. „Ich weiß, dass ich im meinem Leben viele Fehler gemacht habe. Sie sind nicht mehr rückgängig zu machen, dass weiß ich selbst. Aber vielleicht können mache Fehler vergeben werden, wenn man bereut. Kannst du mir vergeben, Anne, das ich mich nicht um dich gekümmert habe? Ich kann mir selbst nicht verzeihen, aber kannst du es?“ sein harter Blick war weich geworden und in seinen Augen schimmerten Tränen.

Anne stand da und konnte sich nicht bewegen. Hier saß ihr Großvater, von dem sie lange Jahre nichts gewusste hatte, und bat sie um Verzeihung. Er war ihr völlig Fremd, aber er war ihr Großvater. Plötzlich rannte Anne zu ihm, fiel vor ihm auf die Knie und nahm seine Hand.

„Du bist trotz allem mein Großvater, wie könnte ich dir da nicht verzeihen?“ Anne schluchzte und legte den Kopf auf seinen Schoß. Auch Sir Shirley liefen nun die Tränen die Wange hinunter.

Er strich ihr über das rote Haar. „Es tut mir alles so leid, kleine Anne.“ Eine Zeitlang saßen sie einfach so da.

Gilbert und Miss March gingen leise aus dem Zimmer, um Großvater und Enkelin für eine Weile allein zu lassen.

„Ich bin so froh, dass du mir verziehen hast, Anne. Dies nimmt mir zumindest einen Teil meiner Schuld. Es ist, als hatten mir deine Eltern nun auch verziehen. Wie oft habe ich von den beiden geträumt. Anklagend standen sie vor mir und riefen: `Warum hast du dich nicht um unsere Tochter gekümmert? Wieso hast du sie alleine gelassen?`“

„Mach dir keine Gedanken mehr darüber, Großvater. Alles ist gut“, sagte Anne und sah ihn lächelnd an.

„Du bist so eine hübsche junge Frau, Anne. Wie deine Mutter. Ich hätte einsehen sollen, dass Walter sie von ganzem Herzen geliebt hat. Ich fand sie ja auch sehr nett, aber ich hielt andere Dinge für wichtiger. Was bin ich doch für ein Narr gewesen. Was ist aus mir geworden? Ich bin einsam, alt, grau und verbittert geworden. Ich habe meinen Sohn verloren und meine Enkelin hätte ich fast nie kennen gelernt. Was führe ich doch für ein erbärmliches Leben.“

„Sag so etwas nicht, Großvater. Jeden Tag gibt es ein Morgen, frei von Fehlern. Das hat mir meine Lehrerin Miss Stacey beigebracht“, sagte Anne lächelnd.

Sir Shirley lächelte. „Du bist so optimistisch, kleine Anne. Erzähl mir aus Deinem Leben.“

„Zuerst sollten wir jedoch wieder Gilbert und Miss March hereinholen. In Ordnung?“

Die beiden setzten sich zu ihnen und Anne erzählte aus ihrem Leben. In den nächsten zwei Tagen waren Anne und Gilbert zu Gast im Hause von Sir Shirley.

Dann hieß es jedoch Abschied nehmen. Gilbert musste wieder zu seinen Patienten und Anne vermisste ihre Kinder schrecklich. Sir John würde in einer Woche wieder nach Schottland reisen.

„Ich möchte in meiner Heimat sterben und neben meinen Ahnen begraben werden, Anne.“

„Du wirst noch nicht sterben, Großvater.“

„Meine Zeit neigt sich dem Ende, ich brauch mir nichts vorzumachen. Wenn du einmal nach Europa kommen solltest, dann sieh dir unser Gut an, Anne. Es ist wirklich sehr schön.“ Unter Tränen nahmen sie Abschied von einander. Jedem war bewusst, dass es ein Abschied für immer war.
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