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Anne im Traumhaus

von Steffi A
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe Marilla Cuthbert Rachel Lynde
27.08.2006
13.09.2008
71
83.590
2
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27.08.2006 1.511
 
Kapitel 26 Anne erfährt die Geschichte ihrer Eltern

Einen Moment lang herrschte Schweigen am Tisch. Anne wusste einfach nicht, wie sie beginnen sollte, ihr brannten so viele Fragen auf der Zunge. Wo zum Beispiel war ihr Großvater? Wie würde er aussehen? Wäre er auch von der angeblichen Ähnlichkeit überrascht? Annes Gedanken kreisten wie wild in ihrem Kopf herum. Ihr wurde regelrecht schwindelig davon. Aber sie brachte keinen Ton über die Lippen.

Gilbert unterbrach schließlich die Stille und versuchte ein unverfängliches Gespräch zu beginnen, als er Annes Verwirrtheit bemerkte.

„Ein wunderschönes Haus, haben sie hier. Ich war schon öfters in Halifax, aber in diese Gegend bin ich noch gar nicht gekommen.“

„Ja, es ist sehr schön hier, überhaupt gefällt mir Kanada gut. Wenn ich auch manchmal mein gutes, altes Schottland vermisse. Einen so alten Baum wie mich, kann man halt nicht mehr einfach verpflanzen“, sie lächelte Anne an.„Wir haben eine ganze Menge zu erzählen, Anne“ fuhr sie fort „ich darf dich, Entschuldigung, sie doch beim Vornamen nennen, oder?“

Anne lächelte ihr freundlich zu und merkte, wie ihre Nervosität ein wenig nachließ. „Sie können ruhig, Anne sagen, Miss March. Es klingt dann nicht so formell.“

„Gut“, Miss March, seufzte “das macht es mir leichter. Ich möchte so gern alles über dein Leben erfahren, Anne. Aber ich glaube im Moment bin ich erst einmal dran dir so einiges zu erzählen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“

„Was ist mit meinem Großvater?“, fragte Anne „Wann werde ich ihn sehen?“

„Sir Shirley schläft im Moment noch. Die Ärzte haben ihn viel Ruhe verordnet.“

„Was fehlt ihm denn?“ fragte nun Gilbert dazwischen.

„Oh, ich vergaß, sie sind ja Arzt Dr. Blythe. Nun, unter anderem hat er mit seinem Herz Probleme.“ Antwortete Miss March.Gilbert nickte stumm. „Außerdem hat Sir Shirley mich gebeten, erst einmal die ganze Geschichte zu erzählen, er glaubt, dass ich das besser kann.“ Miss March rührte gedankenverloren in ihrer Teetasse.

„Ich arbeite seit über 40 Jahren für die Shirleys. Ich habe Walter und seine Schwester aufwachsen sehen. Habe den Tod deiner Großmutter miterlebt. Ich kann dir alles erzählen“, fuhr Miss March fort. „Ich werde versuchen am Anfang zu beginnen.

Die Shirleys haben in Schottland ein Gut. Sir Shirley hat zwei Kinder. Dein Vater Walter und die zwei Jahre jüngere Claire. Deine Tante Claire lebt zusammen mit ihrem Mann inzwischen in der Nähe von Edinburgh. Mrs. Shirley starb, als Walter 7 Jahre alt war. Er wurde somit von seinem Vater und mir großgezogen. Mrs. Shirley war eine herzensgute Frau, Gott hab sie selig...“ einen Moment lang hielt Miss March inne. „Walter war ein netter Junge, aber wie alle Shirleys sehr eigenwillig und stur.“

Gilbert blickte zu Anne.

„Hast du etwa auch diese Eigenschaft geerbt?“ fragte Miss March, als sie den Blick bemerkte.

„Ich fürchte ja, Miss March, mein Temperament und meine Dickköpfigkeit gehen ab und zu leider mit mir durch“, erwiderte Anne.

Miss March lächelte und sagte zu Gilbert. „Dann werden sie es manchmal nicht leicht haben. Aber dieser Charakterzug gehört eben zu den Shirleys. Ehrlich gesagt habe ich Walter  auch darum so geliebt. Sein Temperament und sein Charm gehörten einfach zusammen.“

Gilbert verstand was sie meinte. Er liebte Anne genauso, wie sie war. Selbst ihre Fehler liebte er.

Miss March sprach weiter „Walter war wie ein Sohn für mich. Er war schon immer ein sehr eigenständiges Kind gewesen. Er wollte nicht nur der Sohn seines Vaters sein, der einmal das Gut erben würde. Nein, Walter wollte auf eigenen Füssen stehen können. Irgendwann äußerte er den Wunsch Lehrer zu werden. Überraschenderweise gab Sir Shirley seinem Wunsch nach. Er ließ ihn sein Studium ablegen, allerdings in der Hoffnung, er werde schon zur Vernunft kommen und die schreienden Kinder würden ihn auf die Nerven gehen.
Doch Walter hatte viel Freude daran Kinder zu unterrichten. Wenn es ihm auch nur möglich war, Privatunterricht zu geben. Eines Tages kam dann eine junge, hübsche Lehrerin in unser Dorf. Sie übernahm die Dorfschule. Walter begegnete ihr zufällig auf der Straße und sofort war er Hals über Kopf in Bertha verliebt.
Es fiel den beiden leicht schnell einen Anknüpfungspunkt zu finden, indem sie über ihren Beruf sprachen, denn sie beide sehr liebten. Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich, Anne. Die Nase, das ganze Gesicht hast du von ihr geerbt. Doch dein Haar und deine Augen sind die Deines Vaters.“

„Was für Haar und Augen hatte meine Mutter?“ fragte Anne neugierig.

„Bertha hatte blonde Haar und hellblaue Augen.“

„Genauso, habe ich sie mir immer vorgestellt.“ Sagte Anne lächelnd und drückte Gilberts Hand, die sie die ganze Zeit über hielt.

„Das besondere an deiner Mutter, war ihre Art zu Lachen. Sie hatte ein sehr liebenswertes Lachen. Überhaupt mochten alle Bertha sehr gerne. Von ihren Schülern würde sie nahezu vergöttert. Wenn wunderte es da, dass Walter so sehr in sie verliebt war.
Ich erwischte ihn des öfteren dabei, wie er an seinem Schreibtisch saß, aus dem Fenster sah und doch millionen meilen weit weg zu sein schien. Und auch Bertha war verliebt in ihn. Die beiden verbrachten viel Zeit miteinander.
Doch Sir Shirley sah diese Verbindung nicht gerne. Bertha kam aus einer armen Familie und die Shirleys sind immerhin Gutsbesitzer. Sir Shirley wollte nicht, dass Walter unter seinem Stand heiratete. Außerdem hatte er schon geplant ihn mit der Tochter von Sir Jourdan, einem Nachbargut der Shirleys zu verheiraten.
Aber Walter wollte natürlich nichts davon wissen. Es gab nur eine Frau für ihn, Bertha. Von da an, gab es viele Streitgespräche zwischen Walter und seinem Vater. Ich versuchte ebenfalls Sir Shirley dazu zu überreden, dem ganzen doch nachzugeben. Aber wenn die Shirleys sich etwas einmal in den Kopf gesetzt haben, dann kann man sie nicht überreden. Irgendwann kam der ganze große Streit. Sir Shirley drohte Walter damit ihn zu enterben und Walter packte seine Sachen und ging.
Es war ein fürchterlicher Tag. Ich werde ihn nie vergessen. Ich weinte und flehte Walter an, doch noch einmal in Ruhe mit seinem Vater zu reden. Aber war mindestens genau so dickköpfig, wie sein Vater. Walter ging also und heiratete Bertha. Die beiden gingen nach Kanada, um dort in Ruhe leben zu können. Walter schrieb mir viele Briefe und ich konnte daraus lesen, dass er trotz allem sehr glücklich mit Bertha war.
Er schrieb auch seinem Vater, aber der warf sie wütend bei Seite, wenn ich ihm einen überreichte. Aber ich weiß auch, dass Sir Shirley sie heimlich las, er glaubte ich würde es nicht bemerken. Dann schrieb mir Walter, dass sie ein Baby bekommen würden und er war so unglaublich glücklich darüber. In seinen Worten las ich all seine Freude und seinen Stolz.“ Miss March lächelte in Gedanken daran. „Als er mir dann schrieb, dass er eine kleine Tochter hätte, schien der ganze Brief regelrecht vor Stolz zu platzen. Er verkündete deinen Namen, ANNE SHIRLEY, als wäre es der Name einer Königin.“

Die ganze Zeit über kämpfte Anne mit den Tränen, doch jetzt rollten sie ihr hemmungslos die Wange hinunter. Gilbert legte den Arm um sie.

„Auf einmal, kamen keine Briefe mehr von ihm. Und dann....“ Miss March schluckte und Tränen schimmerten in ihren Augen. „Dann kam ein Brief von einer Nachbarin. Sie schrieb, dass Walter und Bertha am Gelbfieber gestorben waren und dass sie die kleine Anne zunächst zu sich genommen habe. Es war ein so furchtbarer Tag. Walter war für mich wie ein Sohn gewesen und nun war er tot.“

Anne ging zu Miss March und umarmte sie, als die Tränen in Erinnerung dieses schrecklichen Tages über die Wangen rollten.

Nach einer Weile sprach sie weiter „Sir Shirley zog sich verbittert und vergrämt in sein Zimmer zurück. Ich sagte ihm, dass wir die Kleine doch zu uns holen könnten, doch er hörte mir nicht einmal zu. Wie in Trance lief er durch das Leben.
Anscheinend hatte der Tod seines Sohnes ihm einen Schock versetzt. Er wollte nichts davon hören und was hätte ich tun können. Ich bin nur eine Hausangestellte, ich besitze nichts. Wie hätte ich dich holen sollen?

Verzeih uns Anne. Mir, dass ich nicht wusste, was ich tun hätte und können und deinem Großvater, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Es war nicht Böswilligkeit. Glaub es mir.“

Anne sah Miss March an und wusste, dass sie es ehrlich meinte. Sie gab ihr keinerlei Schuld an dem was geschehen war. Aber ob sie ihrem Großvater auch so einfach verzeihen konnte?

„Ich weiß, dass sie nichts dafür können, Miss March“, sie umarmte sie erneut und drückte sie an sich.

Das Dienstmädchen kam zur Tür herein und sagte: „Miss March, Sir Shirley fragt nach ihnen.“

„Ich komme gleich, Sarah“, antwortete sie. „Bist du bereit, deinen Großvater kennen zu lernen?“ fragte sie Anne.

Anne schluckte, aber sie nickte. Miss March stand auf und verließ das Zimmer. Anne blickte zu Gilbert und er sah die Nervosität und die Angst in ihren Augen.

„Anne-Mädchen, hab keine Angst. Ich bin bei dir“, sagte Gilbert.

„Was täte ich nur ohne dich, Gil?“, sie küsste ihn sanft auf die Lippen.

Einen Moment später betrat Miss March erneut das Zimmer. „Sir Shirley wird euch jetzt empfangen.“
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