Till death do us part

GeschichteDrama / P12 Slash
20.08.2006
14.06.2007
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„0 und -3 sind Nullstellen, E(3/-6) ist relativer Tiefpunkt. Das heißt f(0)=0 und f(-3)=0.Dann ist f(3)=-6 und f '(3)=0.“
Kratzen eines Bleistiftes über Papier. Konzentriertes  Murmeln mathematischer Formeln. Blasses Licht einer alten Lampe. Leises Prasseln des Regens an der Fensterscheibe. GRAU.
Seufzend ließ ich mich fallen, beide Arme ausgestreckt und starrte an die Decke. Seit fünf Tagen regnete es schon in Strömen,aus Besorgnis errichtete man schon kleine Dämme an sämtlichen Flüssen in der Umgebung. Fünf Tage...
Morgen würde Kai wieder von seiner Fahrt aus England da sein. Und in drei Wochen würde er nach Russland fliegen. Genauso, wie er neulich in Alaska war.
Ich starrte weiterhin an die Decke, direkt in den dreckig gelben Schein der Lampe. Die Lampe hatte er mir aus Italien mitgebracht, allerdings hatte eine explodierte Glühbirne ruiniert. Aber das war nicht weiter schlimm, ich würde sie trotzdem behalten. Draußen regnete es immer noch, wie es halt im Oktober so war. Wenn er morgen vorbeikäme,würde es kurz so sein,als wäre er nie fort gewesen. Er würde mich in den Arm nehmen, mich grüßen und küssen, als käme er bloß von der Arbeit nach Hause. Doch im Grunde war es ja auch so, als Geschichtsforscher für Architektur kam er viel herum,obwohl er erst 27 war. Meistens brachte er mir was typisches aus dem Land mit, etwas ausgefallenes, etwas, mit dem ich nie rechnen würde. Als er letztens aus Alaska kam,hatte er einen tragbaren Kühlschrank unter seinem Arm und darin ein kleiner Schneemann. Ich würde ihm glatt zutrauen, das er eine Teetasse der Queen klauen würde, um sie mir als exklusives, besonderes Geschenk zu überreichen. Ein wissendes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, ehe ich mich umdrehte und aus dem Fenster sah. Die Wolken waren noch immer genauso trüb und grau wie gestern und vorgestern. Vielleicht sogar noch grauer. Ab und zu sah man ein kurzes Blitzen in der Wolkendecke und hörte wenig später ein leises Grollen. Langsam richtete ich mich wieder auf und starrte auf mein Blatt.
„f(x)=ax³+bx²+cx+d“ stand rot umkreist ganz oben auf dem Blatt. Ich musterte es eine Weile,ehe ich es einheftete und mich ins Sofa legte. Ich sollte zwar in meinen Semesterferien auf den Unterrichtsstoff konzentrieren, aber dazu fehlte mir im Moment die Konzentration. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie der Tag morgen ablaufen würde:
Pünktlich um 10 Uhr würde er von zuhause aufbrechen. Jetzt müsste er seit etwa einer Stunde zuhause angekommen sein. Er würde kommen, in seiner braunen Lederjacke mit dem schwarz-grün melierten Schal um den Hals und seinem Geschenk unterm Arm. Er würde gemächlich durch die Stadt wandern bis hier. Er würde eine Weile vor der Türe stehen, sie mustern, als könne er durch sie hindurch mich beobachten. Und dann würde er anklopfen.
KLOPF,KLOPF,KLOPF
Verschreckt sprang ich auf, zu Tode erschrocken durch das Klopfen an der Türe. Eine Türklingel hatte ich nicht, ich war es gewohnt, aber ich hatte in keinster Weise mit Besuch gerechnet.
„Moment,ich komme!“ rief ich hastig und öffnete die vielen Schlösser, die mir zumindest etwas Sicherheit garantieren sollten. Ich öffnete die Tür ein Stück und spähte durch den Spalt. Wenig später riss ich die Türe verschreckt auf und starrte den Besucher fassungslos an.
TROPF
Kai, von oben bis unten völlig durchnässt, stand vor mir. Er trug seine Jecke, seinen Schal, allerdings kein Geschenk, was mich jedoch nicht im geringsten interessierte. Er war furchtbar blass, sein Gesicht hatte eine weiß-blaue Färbung, in der man nur ansatzweise das eigentliche Rosa seiner Haut erkennen konnte. Stumm erwiederte er meinen Blick, während von seinen Ärmeln das Wasser herunterlief. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, er käme vom Eisfischen in der Arktis und wäre dabei ins Wasser gefallen. Ich weiß nicht,wie lange wir uns so anstarrten, doch irgendwann öffnete er den Mund.
„Ich bin so froh,das es dich gibt...“ sagte er und seine schwache Stimme jagte mir eine Gänsehaut durch den Körper.
„Ohne dich wüsste ich nicht, wo ich hinsollte.“ Langsam ging er auf mich zu, dabei Pfützen von Wasser hinterlassend. Wie in Zeitlupe streckte er den Arm aus, meinem Gesicht entgegen und strich mir sanft über die Wange. Dennoch zuckte ich zusammen. Seine Hand war eiskalt. Langsam ging er weiter, bis er schließlich vor mir stand und mich ganz in den Arm nahm.
„Ich schwöre dir, dich niemals zu verlassen. Ich werde nicht wieder weggehen, nie wieder.“
Ich war wie gelähmt, konnte nicht glauben, was geschah. Langsam und zärtlich umarmte er mich und gab mir den traditionellen, aber kalten Kuss. Dann lächelte er leicht, was allerdings auch schnell wieder verschwand. Ich starrte ihn dabei ungläubig an, ehe ich begriff und Tränen über meine Wangen liefen. Besorgt rieb er sie mit seinen Eishänden weg, doch ich sah weg und tat es selber, dann sah ich ihn mitleidig und hilflos an. „Was ist passiert?Warum bist du schon so früh hier, was...?“ Weiter kam ich nicht, denn er drückte mir einen Finger auf den Mund und lächelte wieder. „Hier ist mein einzig wahres Heim, hier bei dir. Nirgends bin ich vor Leid und Tod sicher außer bei dir.“ sagte er leise und fast schon melodisch und ich begann zu spüren, das ich schwach wurde in seiner Anwesenheit. Doch meine Angst um ihn war stärker. Ich zog ihm Jacke und Schal aus, wollte die kalten, nassen Sachen entfernen und er ließ mich, sprach aber weiter.
„Es gab ein Problem mit dem Flugzeug. Doch jetzt bin ich hier. Meine Sachen müssten bald auch zuhause sein.“ Ich hörte ihm nur halbwegs zu, war viel zu erschüttert von der bleichen, kalten Haut, bis er mich wieder sanft in den Arm nahm und alle meine Kräfte wieder schwanden.
„Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, ohne dich würde ich sterben, ebenso wie für dich. Mein Leben gehört dir, wie ich es dir vor vier Jahren geschworen habe.“ sagte er leise, aber voller Liebe, die mich schon fast um den Verstand brachte. Und wäre mir nicht so furchtbar kalt gewesen, wäre ich jetzt vielleicht auch nicht mehr vernünftig. „Du brauchst einen Arzt, du siehst krank aus! Vielleicht hast du eine Lungenentzündung oder sowas!“ Er sah mich jedoch nur lächelnd an und sagte leise, das er niemand anderen brauchte als mich. Wieder schlug mein Herz schneller und als er begann, zärtlich in meinen Hals zu beißen, ließen meine Beine nach. Er fing mich jedoch auf und trug mich direkt zum Bett, wo er sich über mich lehnte und mit einem seltsamen Blick ansah. Schon allein die Situation erregte mich ungemein, so das ich mich unruhig wälzte, auf eine Reaktion seinerseits hoffend, die ich auch bekam. Langsam wanderte seine Hand unter mein Hemd und hinterließ ein eisiges Gefühl, was mich nun allerdings nur noch mehr anmachte. Ein leises Seufzen entwich mir,ehe ich ihn an mich zog und in einen tiefen Kuss zwang. Plötzlich stöhnte ich kurz auf, als er mir mit einer Hand in den Schritt griff.
RING,RING,RING
Ich hätte am liebsten das Kabel rausgerissen, als das Telefon zu schellen begann. Ich sah ihn entschuldigend an und stand auf, ging zum Ladegerät.
„Du verlässt mich doch nicht, egal, was passiert, nicht wahr?“ fragte er mit einer tonlosen Stimme, die mir schon fast Angst machte. Er sah mich ernst an und ich lächelte bloß und versprach, bei ihm zu bleiben, bevor ich den Telefonhörer aufnahm.
„Keichi...“ kam es schwach und verzweifelt von der anderen Seite und ich erkannte sofort, das es Kais Mutter war. Vermutlich hat Kai nicht Bescheid gesagt und sie macht sich wieder Sorgen, dachte ich kurz, ehe ich sie freundlich grüßte und sie damit in einen Heulanfall riss. Verwirrt sah ich kurz den Telefonhörer an und wenig später konnte sie sich auch wieder fangen.
„Es tut mir so furchtbar leid... Es muss furchtbar für dich sein...“ nuschelte sie, vermutlich mit tränenverschmiertem Gesicht. „Es tut mir so leid, Kai er...“
„Ich weiß es schon, das Flugzeug hatte Probleme.“ sagte ich ruhig und wieder brach sie in hemmungsloses Schluchzen aus. Langsam kam mir das seltsam vor, so aufgeregt war sie bisher noch nie gewesen. Ich warf einen kurzen Blick zu Kai, doch der saß friedlich auf dem Bett und musterte mich, anscheinend neugierig und auch erwartend. „Du weißt es schon? Hast... Hast du ihn denn auch schon gesehen?“ fragte sie und sie klang auch endlich ein wenig beruhigter. „Ja, habe ich.“ sagte ich und sie seufzte kurz ein wenig erleichtert. „Ein Glück...Immerhin etwas... So konntest du dich wenigstens verabschieden... Ich hatte schon befürchtet...Nachdem seine Leiche verschwand...“
Ich erstarrte. Hatte sie da wircklich Leiche gesagt?
„Wieso ausgerechnet er? Wieso musste ausgerechnet sein Flugzug im Meer abstürzen? Warum ausgerechnet er erfrieren, ehe die Rettungskräfte eintrafen?“
Stumm und starr stand ich mit dem Hörer in der Hand neben dem Bett, nicht wirklich glauben wollend, was ich gerade erfuhr. Langsam drehte ich mich um, sah Kai an oder wer bzw was das auch immer war, das mich vom Bett aus anstarrte. Ein Blitz und ein Donnerschlag standen zwische uns und unserem Schweigen, ein leichter Luftzug fuhr durch das gekippte Fenster...und ich konnte nicht glauben, was ich sah. Ich hätte am liebsten aufgeschrien, doch stattdessen sah ich ihn gebannt an. In der einen Sekunde, in dem der Blitz das Zimmer erhellt hatte, war er anders gewesen.
GANZ anders.
Seine Haut war faltig und ausgetrocknet, glänzte aber zugleich feucht. Seine Augen waren tief eingesunken und seine Zähne drückten sich durch die Lippen. Seine Haare hingen ihm nass und schlammverschmiert ins Gesicht. Sein gesamter Körper war dürr, man konnte die Umrisse der Knochen leicht erkennen, dabei war sein Brust- und Bauchbereich regelrecht aufgedunsen. Angstvoll sah ihn an, bemerkte nicht mal, wie mir der Telefonhörer entglitt und am Boden aufprallend sich von den Batterien trennte.
„Du verlässt mich doch nicht, stimmts? Egal, was passiert, wir bleiben zusammen, richtig?“ sagte er mit dem Gesicht des Kais, den ich kannte, nur mit schrecklich blasser Haut.
„Wir bleiben zusammen auf ewig, nicht wahr?“