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Metamorphose

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama / P12 / Gen
13.08.2006
13.08.2006
1
2.899
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Dieses Kapitel
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13.08.2006 2.899
 
Titel: Metamorphose
Titelbild
Autor: Storm{X}Padmé
Zusammenfassung: Ein Klon beginnt sein Leben, ohnen zu wissen, dass außerhalb seines Kokons nicht das auf ihn wartet, was er erwartet hat.
formale Bemerkungen:
- kursive Sätze = Erinnerungen oder zur Betonung
- Sätze in ‚ ‚-Zeichen = eigene Gedanken oder indirekte Rede
Feedback: Ist nicht nur erwünscht sondern wird auch geknuddelt, abgeschmust, gestreichelt und George genannt :D







METAMORPHOSE



Wie sehr beneide ich diejenigen, die ins Licht geholt werden!

Seit ich denken kann ist das alles, was ich je wollte... Aus meinem Kokon heraus dahin kommen, wo die Lichter den Weg weisen.
Nicht diese elektronischen Bilder über meinem Kopf, in diesem viereckigen Kasten direkt vor meinen Augen. Was war das Wort noch mal... Monitor. Man vergisst so schnell, wenn man nur von bewegten Bildern gelehrt wird.
Seit ich zum ersten Mal die Augen aufgeschlagen habe, kenne ich nichts als meinen Kokon und den Monitor, der mir erklärt, immer und immer wieder, warum ich hier bin. Warum ich nicht hinaus darf. Warum mein Körper mit Medizin davon abgehalten wird, sich zu bewegen. Warum ich nicht essen darf sondern Schläuche in meinen Armen habe. Warum ich nicht wie die Menschen auf dem Monitor bin, in ihren Filmen. Warum ich keine Eltern habe und nie Kinder haben werde.
Ich bin stolz darauf. Ich bin anders als sie. Für ihr Wohl wurde ich geschaffen und auserwählt. Nicht viele erfüllen die körperlichen und mentalen Anforderungen, um ein Krieger oder eine Amazone zu werden. Ich kann es. Ich werde es. Egal wie lange ich noch hier sein muss, in dieser beengenden Dunkelheit meines Kokons, ohne auch nur jemals bewusst einen Muskel bewegt zu haben. Ohne je eine Entscheidung getroffen zu haben. Außer jener, dass es gut ist, was ich bin und einmal sein werde.
Irgendwann wird sich auch mein Kokon öffnen, und ich werde das Licht da draußen sehen, das jedes Mal angeht, wenn sie einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern holen. Dann kommt durch die wenigen Seitenschlitze meines Kokons statt der üblichen Schwärze ein hell weißes Glitzern, blendend und schmerzhaft für Augen, die nie etwas außer elektronischen Daten gesehen haben... Aber wunderschön. So wunderschön. Jedes Mal wieder hoffe ich... Jedes Mal wieder wird ein anderer mitgenommen. Aber das ist in Ordnung. Meine Zeit wird kommen.
Trotzdem gibt es auch Dinge, die mich stören. Ich wüsste gern, wie ich aussehe. Wenn man nur seine Augen bewegen kann, ist es schwer, seinen Körper zu betrachten. Sie haben uns nur gesagt, dass wir Klone sind und deshalb nie eine Kindheit hatten sondern in diesem Entwicklungsstadium geboren wurden. Aber ein Klon von wem?

Wer ist diese Frau, die so ist wie ich? Kennt sie mich? Interessiert sie sich überhaupt für mich? Vielleicht ist eis eine von jenen, die für uns arbeiten. Unsere Monitore mit neuen Lehrfilmen oder Unterhaltungsmedien versorgen oder unsere Nahrungs- und Medikamentenleitungen auffüllen. Vielleicht eine von jenen, die vor der Anlage Patrouille gehen, wie uns das der Bericht über unsere Militäranlage gezeigt hat.
Vielleicht ist sie auch tot.

Kann es das sein? Wurde ich erschaffen um jemanden zu ersetzen, der den Krieg nicht überlebt hat? Wie kann ich wissen, ob ich eine würdige Nachfolgerin bin, wenn ich sie nicht kenne? Manchmal will ich meine Erzeuger anschreien, sie fragen, warum man mir meine Abstammung vorenthält, aber meine Lippen bleiben solange verschlossen, bis ich bereit für das aktive Kampftraining bin. Manchmal versuche ich entgegen besseren Wissens mich zu bewegen, aber mein Körper bleibt gelähmt, dafür sorgen die Medikamente darin. Meistens geht solche Frustration auch schnell vorbei, und ich besinne mich wieder darauf, dass ich etwas Besonderes bin. Auserwählt. Einzigartig. Auserkoren, die Welt vor der Dummheit der eigenen Bewohner zu retten.

Es ist schrecklich... Diese Bilder... Überall Krieg und Zerstörung... Das sind die schlimmsten Momente meiner Wachzyklen, wenn der Monitor mich daran erinnert, wofür ich geschaffen wurde. Die Welt ist zerstört, der Himmel verdunkelt, die Ozeane vergiftet, ganze Kontinente unbewohnbar, nur weil Menschen sich darum gestritten haben.

Wir sind anders. Wir sind die Heilung für all das. Dafür werde ich es ertragen, hier zu sein, solange, bis mein Körper bereit für die Belastung der Ausbildung ist.
Manchmal macht sie mir Angst. Wenn sie mir zeigen, wie Soldaten getrimmt und gequält werden. Ich wurde nie gefragt, ob ich das will. Ich wurde dafür erschaffen. Was tun sie, wenn ich mich weigere?

Die Antwort kommt so schnell, noch schneller als sich diese blasphemische Frage manchmal in meinem Inneren formt, ohne, dass ich es überhaupt will... Sie werden mich töten. Warum sollten sie zögern? Sie haben soviel Geld, Zeit, Energie, Material in mich verschwendet... Warum sollten sie sich lange mit mir ärgern?

So weit wird es nicht kommen. Ich hätte energisch den Kopf geschüttelt, hätte ich es gekonnt. So weit wird es nie kommen. Jeder hat manchmal Angst, das sagen mir die Filme auch immer wieder. Angst zu haben ist menschlich. Man darf sich nur nicht von ihr besiegen lassen.

Manchmal glaube ich, nicht alle von uns haben das so gut geschafft wie ich. Manchmal, wenn die Lichter angehen und ich sehnsüchtig darauf starre, darauf warte, dass sich mein Kokon öffnet... Dann höre ich Schreie. Unartikulierte, schrille Schreie, männlich und weiblich meiner Brüder und Schwestern, die dem psychischen Druck nicht gewachsen sind, sich der Welt da draußen zu stellen. Die lieber sterben anstatt zu kämpfen.

Eine grausame Vorstellung für mich.
Vielleicht am Anfang... Am Anfang habe ich mir manchmal gewünscht, dass einer meiner Schlafrhythmen einfach für immer dauern würde. Nie mehr aufzuwachen... Eine herrliche Vorstellung damals, als ich gerade ein paar Tage alt war und merken musste, dass es egal war, wie sehr ich mich gegen das Gift in meinem Körper gewehrt habe, ich würde mich nicht bewegen können. Gerade erst frisch geklont, ohne Bewusstsein, Intelligenz oder reifen Geist, ohne das Verständnis von einfachsten Wörtern oder Bildern... Natürlich war das erschreckend.
Wie hätte ich wissen können, wie besonders ich war, damals schon? Nicht viele Klone überleben auch nur die Erschaffungsphase. Ich schon. Als aus den nie enden wollenden, flimmernden Zeichen über meinem Kopf langsam verständliche Begriffe wurden, wuchs ich. Rasend schnell. Nur Tage später habe ich aufgehört mich zu wehren.

Manchmal höre ich neue Klone nebenan in ihren Kokons schnell und hektisch atmen, nach Wochen ihrer Erschaffung immer noch. Wie schwach manche von ihnen doch sind. Wie uneinsichtig. Können sie nicht verstehen, wie wunderbar wir sind, wie einzigartig?
Sie werden es noch verstehen oder sterben. Das ist der Lauf der Natur. Schade, gewiss, eine Schande... Aber dafür kommen andere nach. Stärkere.

Eines Tages wird auch in meinem Kokon ein neues Wesen unserer Art liegen, und ich... Ich werde die Lichter sehen. Ich werde sie umarmen. Ich werde mich darin fallen lassen und meine Freude, meine Erleichterung, aus meinem Gefängnis zu kommen, in die Welt hinaus schreien. Ich glaube, ich werde als erstes jedem da draußen um den Hals fallen. Ich werde sie fragen, wie es ihnen geht, ob sie auch einmal in einem Kokon waren. Ob sie schon im Kampf draußen waren. Wie es da draußen ist...
Und irgendwann, wenn meine Ausbildung beendet ist... Daran darf ich noch nicht denken. So große Hoffnungen darf man sich nicht machen, sonst wird man nur enttäuscht. Wenn man als Klon auch nicht groß mit der Außenwelt verbunden ist, das lernt man, spätestens wenn der hundertste Gefährte im Kokon nebenan befreit wurde und man selbst zurückbleibt. Hoffnungen sind für Schwächlinge. Sie können einen zerstören.
Aber manchmal, ganz früh morgens, wenn das Summen und die Vibrationen in meinem Kokon mich aus meinem Schlafzyklus holen und der Bildschirm mich mit einem freundlichen ‚Guten Morgen, AUTI-MoBa I’ begrüßt, wenn ich noch in diesem Stadium zwischen wach Sein und Schlaf gefangen bin... Manchmal in solchen Momenten erlaube ich mir den Gedanken, wie es da draußen ist. Wenn die Lichter erlöschen und man hinausgeschickt wird. Unter den verdunkelten Himmel der Erde, der sich nur mehr sehr selten öffnet. Kaum ein Mensch in den letzten Jahren hat je ein Stück Himmel betrachten dürfen.
Ich werde es. Wenn es nur ein einziges Ziel für mich selbst gibt, fernab von dem Vorhaben, eine bessere Welt zu schaffen, alles dazu beizutragen, was ich kann... Dann ist es das. Ich werde den Himmel sehen. Wenn es nur für eine Sekunde ist. Wenn es vor meinem Tod ist. Ich werde ihn sehen. Dann werde ich glücklich in die Lichter zurückkehren und mich freuen, am Leben zu sein. Dieser eine kostbare Moment wird mich mein Leben lang begleiten...

Der Monitor erlischt.

Ich war so in Gedanken versunken, dass ich erschrocken zusammengezuckt wäre, könnte ich mich bewegen.
Schmerz. Ein Keuchen entringt sich meiner Kehle, heiser und tonlos, als zum ersten Mal seit meiner Erschaffung Schmerz meine Arme durchzuckt, dort, wo die Nadeln sind. Etwas läuft in einer dünnen Spur über meinen Ellbogen. Blut... Erst verspätet, während ich mich noch frage, warum mitten untertags der Monitor ausgeht, wird mir klar, dass ich selbst an diesem Schmerz Schuld bin. Ich habe mich bewegt.
Vergeblich versuche ich die Sinneseindrücke zu ordnen, die meinen Geist überhäufen, Ordnung in meine sich überschlagenden Gedanken zu bringen.
Ich hatte noch nie Schmerzen! Angst, ja, Wut, Unverständnis, Panik... Aber nie Schmerzen. Dafür haben die Medikamente gesorgt. Warum fühle ich plötzlich? Noch mehr, warum darf ich mich plötzlich bewegen und wenn es nur so eine winzige Regung ist?
Haben die Medikamente versagt? Sicher, das ist es, nur ein Maschinenversagen, darum wurde auch der Monitor abgeschaltet. Gleich bekomme ich neue Medikamente, und die kurze Unterbrechung meines monotonen Alltags, die erste, die ich je erlebt habe, wird vorbei sein.
Beruhigt will ich die Augen schließen, um abzuwarten, bis vorbei ist, was immer da passiert ist, als draußen etwas geschieht.

Ein leises, kaum hörbares Zischen, als sich die Tür zur Klonanlae öffnet, die Luft in das Vakuum zwischen den massiven Stahlhälften entweicht.
Schritte. Jemand kommt.

Wieder dieses Zucken in meinem Körper, viel stärker jetzt, mehr Blut, das die Nadeln verursachen. Ich genieße es. Ich will es. Ganz ohne die falschen Hoffnungen von früher weiß ich, was passiert. Es ist kein Traum. Man kann von nichts träumen, das man nicht kennt. Ich wusste nie, wie es anfühlt, wenn man Kontrolle über seinen Muskeln hat. Oder wie heiß Schmerz brennen kann. Jetzt weiß ich es. Ich bin wach.
Ich erstehe auf.
Als sich die Schritte meinem Kokon nähern, versuche ich neugierig und euphorisch, mich noch mehr zu bewegen, herauszufinden, was ich alles schon kann, jetzt wo die Medikamente endlich weggelassen wurden. Mein Körper schafft nicht viel mehr als schwache Zuckungen. Ich muss erst lernen, wie so etwas geht.
Das ist in Ordnung, ich habe viel Zeit zu lernen.

Wieder dieses Zischen, diesmal viel näher, überall um mich herum, so laut in meinen Ohren, dass ich in den nächsten Stunden vermutlich nichts mehr hören werde. Auch das ist mir egal. Die Vakuumabdeckung meines Kokons wurde geöffnet. Der Deckel schiebt sich zurück, viel zu langsam für meine freudige Erwartung.

Glücklich richte ich meine Augen ein letztes Mal auf die winzigen Schlitze in der Hülle, nicht mehr als Herstellungsfehler, kleine Löcher, durch die ich in den letzten Jahren die einzigen Lichter in meinem Leben sehen konnte. Ich verabschiede mich von meinen Freunden, die mir mit ihrem grellen Leuchten einmal mehr zeigen, dass einer von uns aus seinem Gefängnis zur Ausbildung geholt wird. Diesmal ist es kein anderer. Diesmal bin ich es.
Ich stelle fest, dass mein Körper doch auf gewisse Befehle reagiert, als sich die Hälften des Kokons über meinem Körper teilen, zur Seite gleiten: Ich kann zum Beispiel lächeln. „Ist es soweit?“, fragt meine tonlose, kaum hörbare Stimme die ersten realen Menschen, die ich in meinem Leben erblicke. Weiß gekleidete Menschen mit Masken vor dem Gesicht. Es ist mir egal. Bald werde ich andere Gesichter sehen. Bald werde ich alles sehen können.

„Es ist soweit.“ Eine männliche Stimme direkt neben mir. Die erste wirkliche Stimme, die ich je höre. Ich mag die Stimme. Sie strahlt Ruhe und Respekt aus.
„Fabrikat in lobenswert gutem Zustand. Leichte Kratzspuren an der Haut. Keine Panikreaktion erkennbar. Puls, Atmung und Blutdruck normal.“

„Wenigstens etwas.“ Diese andere Stimme kenne ich! Diese Frau hat über den Monitor zu mir gesprochen! Sie hat mir erklärt, was meine Aufgabe ist und wie stolz sie auf mich ist.
Heute klingt sie jedoch anders. Nicht mehr so einfühlsam, so gar nicht mehr verständnisvoll. Sie klingt, als ob sie eine unangenehme Arbeit erledigt.

Plötzlich bekomme ich Angst, aus einem unerfindlichen Grund. Warum lassen sie mich liegen? Warum helfen sie mir nicht auf? Die Blicke der Männer sind unangenehm. Ich will etwas zum Anziehen haben. Aber meine Stimme will mir nicht mehr gehorchen, sie erzeugt nichts außer unverständlichem Krächzen.

„Wirklich eine Schande.“ Ein tiefes Seufzen begleitet die Stimme der Frau. „Fragt die Spenderin, ob sie uns noch einmal Material liefert. Dieser Klon ist etwas Besonderes. Ich will sie zu Forschungszwecken haben.“

„Sehr wohl, Professor.“ Der Mann salutiert der Frau zu. Dann ist sie also die befehlshabende Offizierin.

Ich fürchte mich ganz umsonst, sicher. Ich habe keine Ahnung, wovon diese Leute reden, aber das kann mir egal sein. Ich darf meine Ausbildung antreten, das ist alles was zählt. Ich darf leben!
Als mich starke Arme aus meinem Kokon heben, auf eine Liege, und mit einem Laken vor der plötzlich so kalten Luft schützen, richte ich meinen Blick auf die Decke. Ich kann nicht aufhören zu lächeln.

Es sind nicht ganz die Lichter, die ich mir vorgestellt habe, die ich mir nach meiner langen Dunkelheit gewünscht habe. Keine glitzernden Scheinwerfer oder edle Kronleuchter. Nur in die Decke eingelassene, helle Strahler.
Und trotzdem ist es Licht.

Ich habe endlich das Dunkel verlassen.

Die Lichter verändern sich. Die Liege bewegt sich, ganz von selbst, durch die automatischen Antriebe auf der Unterseite. Alles, was ich bisher nur in Filmen erleben durfte, schiebt sich ganz automatisch über meine Verwirrung und beruhigt meinen Geist, als ich immer mehr Dinge wahrnehme, die ich kenne.

Der sterile Gang eines Krankenhauses, ein Aufzug, viele weiß gekleidete Helfer auf dem nächsten Gang...
Ein Operationssaal.

Verwirrt hebe ich meinen Kopf. Meine Muskeln reagieren immer besser. Warum bin ich in einem Operationssaal? Hier wurde ich geschaffen, gezeugt... Aber ich bin doch fertig!
„Wann beginnt mein Training?“ Ich weiß, dass ich mich anhören muss wie der dümmste Klon in dieser Anlage, dass das fünf Minuten nach meinem Erwachen keine sonderlich intelligente Frage ist, aber mehr fällt mir zu dieser verwirrenden Situation nicht ein. Meine Stimme hat sich gefangen, klingt kräftig, entschlossen und nur ein kleines bisschen verwirrt. Ich mag meine Stimme. Ich erkenne sie auch irgendwoher...

Die Sängerin.

Ein Schrei dringt durch meine Kehle, noch kräftiger als meine Frage eben, und ich merke erst gar nicht, dass mir niemand antwortet oder mich auch nur näher beachtet.

Die Sängerin. So oft habe ich sie in den Filmen gesehen... Sie hat so bezaubernd gesungen... Sie hat den kriegsmüden Leuten Mut gemacht mit ihren Auftritten. Sie ist eine Schönheit. Erst gestern hat man mir noch eine Aufzeichnung von einem Konzert gezeigt. Sie ist zumindest nicht tot.

Aber warum gibt es mich dann?

„Wie geht es der Spenderin?“ Die Männer von vorhin stehen jetzt an einem Tisch mit medizinischen Instrumenten einige Meter entfernt und sehen sich Röntgenbilder von mir an.

„Sie ist in sehr schlechtem Zustand. Wir müssen uns beeilen.“

Die Angst steigt. Was wollen diese Leute von mir? „Ich will hier raus!“

„Warum ist das Objekt noch nicht sediert?“ Der Mann von vorhin klingt plötzlich ganz anders, ärgerlich und angewidert, als ob ich ein lästiges Insekt wäre.

„Verzeihung, Nick.“
Einer der anderen Maskierten kommt auf mich zu, mit einer Ampulle in der Hand. „Nicht aufregen, Kleines... Gleich schläfst du ein, und alles wird gut.“

Nein!“
Egal, was sie wollen, ich will es gar nicht mehr wissen. Entsetzt versuche ich mich aufzusetzen, zurückzuweichen, aber meine unterentwickelten, ungeübten Muskeln spielen mir einen Streich, und ich falle von der Liege. Noch mehr Schmerz, in meinem Arm und meinem Brustkorb, viel stärker als vorhin. Tränen schießen mir in die Augen. Die ersten Tränen meines Lebens.
Die letzten Tränen meines Lebens.
Eine Spritze bohrt sich in meinen Arm. Ich werde müde.
Der Schlafzyklus wurde eingeleitet, natürlich... Ein böser Traum... Gleich wache ich in meinem Kokon auf...

„Ich hoffe für dich, es gibt keine gröberen Schäden.“ Jetzt klingt dieser Nick nicht nur genervt sondern schlicht wütend. „Die reißen mir den Kopf ab, wenn das Objekt zu Schaden kommt!“

„Reg dich nicht auf. Nur ein bisschen durchgeschüttelt. Du brauchst ihre Organe, nicht ihre Knochen, oder? In einer Stunde ist das Mädchen nicht mehr als Abfall für die Tiger, also reg dich ab.“

Ich schaffe es, noch einmal die Augen aufzureißen. Der Versuch, mich aus dem groben Griff des Arztes zu befreien, scheitert. Ich bin so schwach, so unendlich schwach... Was sagen sie? Was wollen die von mir? Mein Geist weigert sich, zu glauben, was ich gehört habe, während es mein Verstand genau weiß, spätestens, als ich wieder auf dem Operationstisch lande und Maschinen um mich herum zum Leben erwachen, fast wie in meinem Kokon.
Nur, dass ich nicht mehr in meinem Kokon bin. Je mehr meine Sinne schwinden, umso mehr stellt sich die grausame Erkenntnis ein, wofür ich wirklich gezüchtet würde. Wofür wir alle gezüchtet werden. Ich will schreien, aber keinen Ton bringe ich mehr zustande. Ich bin wieder gelähmt, genau wie vor wenigen Minuten noch, als ich nichts wollte, als die Lichter zu sehen.
Die Lichter. Sie holen mich aus dem Leben.
Nichts anderes wollte ich, als sie zu sehen. Jetzt versinkt endgültig alles in Dunkelheit.
Nie werde ich den Himmel sehen.
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