Pinnas Pandere

von Sithy
GeschichteDrama, Tragödie / P16 Slash
Janos Audron Vorador
27.07.2006
27.07.2006
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1. Kapitel „Waffenstillstand“

„Janos Audron!! Auf der Stelle kommst du her, junger Mann!“ Die Bestimmtheit der Stimme ließ keinen Widerspruch zu.
Der junge Mann, dem die Worte galten, spielte nur einen winzigen Augenblick lang mit dem Gedanken, sie ganz einfach zu überhören. Er war gerade sehr beschäftigt. Nur noch ein paar Seiten, und er konnte die „Geschichte Nosgoths“ beiseite legen und sich dem nächsten Buch widmen.
Aber dann sagte er sich, daß ihm das Buch nicht weglaufen würde und es sich nicht lohnte, deswegen einen Streit mit seiner Mutter vom Zaun zu brechen. Sie war ohnehin so selten in ihrem gemütlichen Haus in Uschtenheim, da wollte er die wenige Zeit nicht mit Streitereien vertun.

Er liebte seine Mutter, aber es gab Dinge, in denen ihre Meinungen weit auseinandergingen. Militärdienst war dabei nur eines der heißesten Eisen.
Es war nicht immer einfach, einer langen Linie von hervorragenden Kriegern zu entstammen, dachte sich der junge Vampir säuerlich.
Hielt seine Mutter dieses Erbe stolz aufrecht, so hatte sich sein Vater nach einer glanzvollen Karriere im Krieg gegen die Hylden zurückgezogen. Er hatte nie darüber gesprochen, weder mit seiner Frau noch mit seinen Kindern, aber er mußte etwas Furchtbares erlebt haben, daß er diesen Schritt getan hatte.

Janos nun konnte seine Wurzeln nicht verbergen.
Er besaß das Talent und die Voraussetzungen, um es als Krieger weit zu bringen. Nur gab es Dinge im Leben des jungen Vampirs, die ihm wichtiger waren als die Aufrechterhaltung der Familientradition und der bewaffnete Kampf.

Er wollte Bücher schreiben, jeden Winkel Nosgoths erkunden, alte Schätze in Bibliotheken ausgraben und die Geschichte des Landes auch für die Nachwelt erhalten! Stundenlang konnte man den jungen Mann in der elterlichen Bibliothek sitzen sehen, mit überkreuzten Beinen und einem schweren Buch im Schoß.
Seufzend quälte sich Janos schließlich aus seinem Sessel und stapfte über die hölzernen Treppen nach oben in die geräumige Küche.
Das Haus der Audrons war aufgebaut wie die umliegenden Bauernhäuser der Menschen und somit war die Küche der wichtigste Raum. Als er eintrat, war nicht überraschend die gesamte Familie anwesend.

Ruth und Samuel saßen am Tisch und gifteten sich wie üblich an, sein Vater stand am Fenster, Raphael krabbelte quietschend über den Boden und seine Mutter wandte sich ihm in diesem Augenblick zu. Sie war kleiner als er, der er mit seinen breiten Schultern und seiner hochgewachsenen Gestalt mehr dem Vater nachschlug.
Die nackten Arme stemmte sie gerade in die Seiten. Deutlich konnte man dabei die Muskeln unter der blauen Haut spielen sehen. Trotz ihrer geringen Größe und deutlichen Rundungen sah man ihr die Kriegerin an.
Es lag in ihrer aufrechten Haltung und dem stolzen Blick. Und natürlich war die goldfarbene Rüstung nicht zu übersehen.
„Du gibst dich immer noch mit diesem Hylden ab, wie ich höre?“
Ihre Stimme war leicht unterkühlt. Janos zuckte nur mit den Schultern. Sie hatten dieses Thema schon so oft besprochen, was blieb ihm anderes übrig, als die Schultern zu zucken und sich in Gedanken zu wünschen, seine Mutter würde das Thema endlich fallen lassen?
Es war kein Geheimnis, daß sie eine Abscheu gegenüber allem hatte, was irgendwie nach Hylden roch. Auch sie hatte den Krieg noch am eigenen Leib miterlebt und war gegen die Feinde aus dem Westen ins Feld gezogen. So etwas zeichnete einen, aber im Gegensatz zu ihrem Gatten war sie auch jetzt in Friedenszeiten nicht gewillt, den ehemaligen Feinden eine Chance zu geben.
Daß ihr Ältester sich nach wie vor mit dem Hyldenabschaum aus seinen Kindertagen abgab, ließ ihr alle Federn einzeln zu Berge stehen.

„Rachel.“ Es war wie so oft sein Vater, der mit seiner angenehmen, ruhigen Stimme die Partei für den Sohn ergriff.
„Die letzte feindliche Auseinandersetzung zwischen uns und den Hylden liegt mittlerweile fast 15 Jahre zurück. Seither leben wir hier in Uschtenheim mit ihnen und den Menschen friedlich zusammen.“

Er wandte seiner Frau das Gesicht zu. In seinen pechschwarzen Augen glomm eine tiefe Melancholie, die nie ganz zu verschwinden schien. Gepaart mit seinen schlohweißen Haaren und den Narben auf Stirn und Hals, sah er älter aus, als er es tatsächlich war. Nur zwei Jahre trennten ihn von seiner Frau, die gerade erst begann, grau zu werden.
„Es ist nur natürlich, daß sich die Kinder untereinander anfreunden. Und die beiden kennen sich nun wirklich schon ewig. Du kannst doch jetzt nicht verlangen, daß ihm Janos die Freundschaft kündigt, nur weil sie langsam erwachsen werden.“
„Und ich habe nicht im Krieg gegen die Hylden gekämpft, damit sich mein Sohn jetzt mit einem anfreundet! Janos“, wandte sie sich abrupt an ihren Sohn und legte ihm ihre dreifingrigen Hände fest auf die Schultern.
„Ich weiß, daß ich es dir nicht verbieten kann, wen du dir als deinen Freund aussuchst. Was das betrifft bist du genauso stur wie dein Vater und würdest dich sowieso nicht an meinen Wunsch halten! Aber bitte bedenke auch, daß dieser sogenannte Freund ein Hylden ist. Waffenstillstand hin oder her, es sind Feinde!

Der Krieg liegt gerade mal 15 Jahre zurück! Nur weil sich die Hylden im Moment mit uns arrangiert haben bedeutet es nicht, daß es auch so bleiben wird. Ich traue ihnen nicht, und das solltest du auch nicht, Janos!“
Der junge Vampir hielt es für das Beste, wieder nur mit den Schultern zu zucken.

„Ein bißchen mehr hättest du schon protestieren können. Da kennt man sich schon fast sein ganzes Leben lang und das einzige, was dir zu meiner Verteidigung einfällt, ist ein Schulterzucken!“ Der Kopf mit den markanten Knochenschilden schüttelte sich in gespieltem Entsetzen.
Sie saßen nebeneinander hoch oben auf einer Klippe.
Über den scharfkantigen Fels donnerte ein Wasserfall in die Tiefe, dessen leichter Sprühregen hier und da vom Wind zu ihnen nach oben getragen wurde und ihre Gesichter benetzte.

„Du hast leicht reden, Hash’ak’gik.“ Janos ließ die Beine baumeln. „Sie ist schließlich meine Mutter und verdient meinen Respekt. Es ist quasi ihr Recht, sich in mein Leben einzumischen, solange ich unter ihrem Dach wohne.“
Der Hylden gab einen geringschätzigen Laut von sich.
„Vampire! Euch muß man nicht verstehen!“
Janos lachte leise und knuffte den anderen spielerisch in die knochige Seite. „Paß auf, was du sagst! Sonst frißt dich der Vampir zum Frühstück!“
„Oh ja, sieh’ die Angst in meinem Gesicht!“ Übertrieben ließ der junge Hylden seine ledernen Schwingen erzittern.
Kurz waren sie still.

„Sag mal, Janos. Stimmt es, daß du im nächsten Frühling nach Meridian fliegen wirst?“
Der junge Vampir hätte sich ein Schild mit drei Fragezeichen umhängen können, der Effekt wäre in etwa derselbe gewesen, den sein verblüffter Gesichtsausdruck auf den Hylden machte.
„Schau nicht, wie ein Huhn wenn’s donnert. Dir fallen gleich die Augen raus.“ Er kicherte. „Ruth hat mir davon erzählt, als ich sie heute morgen auf dem Weg zum Krämer getroffen habe.“
Janos lachte unsicher.
„Dann weiß die Kleine mehr als ich. Ist mir das Neueste, daß ich nächsten Frühling nach Meridian fliegen soll.“ Er schüttelte den Kopf. Eine seiner pechschwarzen Haarsträhnen verirrte sich dabei nach vorne und wurde in einer nachlässigen Bewegung hinter ein spitzes Ohr gestrichen.
„Ah, deine Mutter scheint sich also wieder in dein Leben einzumischen.“

Hash’ak’gik hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, dachte sich Janos säuerlich, während er im Geiste schon alle möglichen Pläne entwickelte, um diesem Schicksal zu entgehen.
Denn eines wußte er so sicher wie, daß die Sonne jeden Morgen aufging: Soldat würde er sein Lebtag nicht werden. Es lag nicht in seiner Natur, Bier zu trinken, laut schreiend mit einem Speer herumzufuchteln, oder Schlachtpläne zu entwickeln.
„Wie sieht’s bei dir aus, Hash? Schon irgendwelche Pläne für den Frühling?“, wollte der blauhäutige Vampir wissen, ohne auf die Bemerkung des Hylden eingegangen zu sein.
Sein Freund wiegte bedächtig den kahlen Kopf.
„Meine Eltern wollen mich vielleicht nach Westen schicken, weißt du? Dorthin, wo wir Hylden ursprünglich herkommen. Ich möchte so gerne Soldat werden, aber hier in Nosgoth ist das unmöglich, wie du weißt.“
Janos nickte. „Schon lustig, wir bekommen beide nicht wirklich das, was wir uns wünschen, nicht wahr?“
„Ach was, das wird schon werden“, war der Hylden überzeugt.
„Allerdings, wenn das wirklich klappt, werde ich Uschtenheim für lange Zeit verlassen. Ich werde das alles hier vermissen. Den Schnee, die Schule, meine Freunde.“
„Du mußt mich auf alle Fälle auf dem Laufenden halten!“
Der Hylden lachte. „Ich werde mir Mühe geben!“
Dann sprang er mit einem Satz auf die Füße.
„Was hast du vor? Mußt du schon nach Hause?“
„Quatsch! Im Gegensatz zu gewissen Vampiren, deren Namen ich jetzt nicht nennen will, bin ich alt genug um selbst zu entscheiden, wann ich nach Hause gehe.“

Janos war sich einigermaßen sicher, daß ein gewisser Hylden bald einen unfeinen Klaps auf den Hinterkopf bekommen würde, aber er enthielt sich jeden Kommentars.
„Ich fliege noch hinauf in die Berge. Da gibt es einen See, wo es sich herrlich drin baden läßt. Wunderschön zu dieser Jahreszeit. Kommst du mit?“
Janos wußte von welchem See der Hylden sprach.
Er war oft genug mit seinen Geschwistern dort oben gewesen. Ein ruhiges, abgelegenes Plätzchen, wo sich die Menschen nur selten hinverirrten.
„Ist es dazu nicht schon ein wenig spät? Die Sonne geht in zwei Stunden unter und es ist doch ein ganz schönes Stück zu fliegen.“
„Feigling!“ Mit diesen Worten stieß sich Hash’ak’gik vom Felsen ab, ließ sich einige Meter jauchzend in die Tiefe fallen und drehte dann in Richtung Bergsee ab. Wenige Sekunden später von einem Vampir verfolgt, der das Wort Feigling unmöglich auf sich sitzen lassen konnte.

Hash’ak’gik war nicht der wirkliche Name des Hylden.
Sie waren beide noch Kinder gewesen, als sie sich das erste Mal über den Weg gelaufen waren. Die Eltern des Hylden waren gerade erst nach Uschtenheim gekommen, um hier eine neue Existenz aufzubauen.
Es war nicht selten gewesen, daß die Hylden, die gegen die Vampire gekämpft hatten, nach dem Waffenstillstandsvertrag in Nosgoth verblieben.
Vor allem die unteren Schichten hatten sich in Nosgoth einen neuen Anfang erhofft. Der Großteil zog sich jedoch wieder in seine angestammten Gebiete im Westen zurück.
Die ansässigen Vampirfamilien Uschtenheims hatten zunächst mißtrauisch auf die Hylden geschielt, aber nachdem sein Vater vermittelt hatte, hatte sich der Großteil damit abgefunden.

Mit der Zeit waren noch andere Hyldenfamilien nachgezogen, die mehr oder weniger in das tägliche Leben integriert worden waren. Für manch einen Vampir war der Krieg jedoch noch zu nahe, und so kam es immer wieder zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen, die nur zu oft in Handgreiflichkeiten endeten.
Auch Hash’ak’gik hatte sich mit den Falschen angelegt.
Eine ganze Horde Kinder hatte ihn, der so fremdartig wirkte, durch die Gassen des Dorfes gejagt, unter anderem auch an der uralten Eiche vorbei, in dessen Blätterwerk es sich ein junger Janos gemütlich gemacht hatte.
Als die wilde Jagd den wuchtigen Baum erreicht hatte, hatte er dem Fremden kurzerhand heraufgeholfen und ihm quasi Asyl gewährt.
Die anderen Kinder hatten das nach kurzem Aufbegehren akzeptiert.
Mit ihm, der schon damals die ersten Lektionen in Sachen Nahkampf absolviert hatte, wollten sie sich nicht anlegen. Manchmal war es von Vorteil, der Sohn einer überzeugten Kriegerin zu sein.

Er hatte den Hylden, der mit blutiger Nase neben ihm auf dem Ast kauerte und mit den Tränen gekämpft hatte, neugierig nach seinem Namen gefragt.
„Ich kann dir meinen Namen nicht sagen!“, hatte der andere daraufhin beinahe trotzig geantwortet.
„Den dürfen nur Familienmitglieder wissen.“
Die Verblüffung mußte ihm direkt ins Gesicht geschrieben gestanden sein, denn plötzlich verzog sich das knochige Gesicht des Hylden zu einem Grinsen.
„Jetzt siehst du aus, wie ein Huhn wenn’s donnert“, lachte er, was dem Vampir nur ein ärgerliches Zischen entlockt hatte.
„Aber du kannst mich Hash’ak’gik nennen. Das ist meine Stammesname.“ Kurz druckste er herum. „Darf ich fragen, wie du heißt?“
Es schien dem Hylden unangenehm zu sein, diese Frage zu stellen, aber Janos hatte sich nicht darum gekümmert.
„Klar. Ich bin Janos. Janos Audron.“

Nach dieser Episode waren die beiden ein unzertrennliches Gespann geworden. Wo Hash’ak’gik war konnte man sicher sein, auch Janos zu finden.
Heckte der eine einen Streich aus, kam der andere mit einer noch viel besseren Idee daher. Eine Armee von Banditen hätte Uschtenheim nicht besser terrorisieren können als diese beiden Halbwüchsigen.
Solange sie Kinder gewesen waren, hatten die Alten kaum Notiz von ihnen genommen. Doch jetzt, wo sie beide an der Schwelle zur Welt der Erwachsenen standen, wurden plötzlich Stimmen laut, die sich vehement gegen ihre Freundschaft aussprachen. Vielleicht, so dachte sich Janos im Stillen, als er dicht hinter Hash’ak’gik über den spätnachmittäglichen Himmel segelte, waren ihm diese Stimmen als Kind auch einfach nicht bewußt geworden.

„Wir sind da. Paß auf! Sturzflug!“, und schon tauchte der Hylden kopfüber nach unten. Seine ledernen Schwingen knatterten wie die Takellage eines Schiffes.
Janos grinste.
„Laß dir mal was Neues einfallen!“, brüllte er dem fallenden Hylden hinterher, ließ sich vornüberkippen, legte die schwarzen Schwingen an und ließ sich in einer Spiralbewegung nach unten fallen.
Der Wind riß pfeifend an seinen Kleidern und den schulterlangen schwarzen Haaren, während der Vampir vor Begeisterung quietschend  nach unten kreiselte bis ihm schlecht wurde. In einem weiten Bogen ließ er sich wieder nach oben tragen, um dann sanft an Hash’ak’giks Seite zu gleiten, der ebenfalls seinen Sturzflug beendet hatte und nun auf seinen Vampirfreund wartete.
„Wo bleibst du denn so lange?“
„Mir ist schlecht. Nie wieder Spiralen!“ Janos fuhr sich mit einer Hand über das blasse Gesicht.
Der Hylden lachte ihn aus und flog wieder voran.

Wenig später landeten sie am felsigen Ufer des Bergsees, der den Krater eines längst erloschenen Vulkans füllte. Für die Menschen gab es nur einen Zugang. Einen Trampelpfad, der direkt von Uschtenheim durch die Berge hierher führte. Es war ein recht beschwerlicher Weg, was der Grund war, warum sich die Menschen nur selten hier herauf verirrten. Vampire und Hylden taten sich leichter. Sie flogen einfach von oben in den Krater hinein.
Die schwächer werdenden Sonnenstrahlen spiegelten sich im ruhigen, dunklen Wasser des Sees, das nur hier und da von kleinen Insekten und Fischen in Unordnung gebracht wurde.
Als sie beide noch jünger gewesen waren, hatten sie versucht mit einem schweren Stein und einer Schnur den See auszuloten. Die Schnur hatte nie gereicht.

Mittlerweile war es kühl geworden, was die beiden jungen Männer jedoch nicht davon abhielt, aus ihren Kleidern zu schlüpfen und sich mit Radau ins kühle Naß zu werfen.
Es war eine schwierige Sache gewesen, mit Flügeln am Rücken schwimmen zu lernen, aber irgendwie hatten sie es gemeistert, auch wenn es ziemlich grotesk aussah.
Die steilen Berghänge hallten wider von Gelächter und Johlen und dem Spritzen von Wasser.
Irgendwann wurde es ruhiger. Die letzten Sonnenstrahlen hatten sich schon längst hinter den Berghängen verkrochen, um einer angenehmen samtigen Dunkelheit Platz zu machen. Der Mond stand in einer Sichel am beinahe wolkenfreien Himmel, so daß man ungehindert dem Blinken der Sterne zusehen konnte und, wenn man Glück hatte, einen Blick auf eine Sternschnuppe erhaschte.

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt lagen Vampir und Hylden auf den Felsen, schweigend angesichts dieser unfaßbaren Unendlichkeit, die sich über ihnen spannte. Der Nachtwind hatte ihre Körper schon längst getrocknet.
Gleichwohl lagen ihre Kleider vergessen über das Ufer verteilt. Deutlich konnten sie die Nähe des anderen spüren, dessen gleichmäßiges Atmen, das leichte Zittern, wenn der kühle Nachtwind bis tief in die Knochen drang.
Es herrschte eine geheimnisvolle Stimmung an diesem Ort, zu dieser Zeit. Noch nie zuvor hatte einer der beiden das Gefühl gehabt, die Zeit würde still stehen. Jedoch unter dem weiten Sternenhimmel, bloß und verletzlich, mit nichts anderem zur Gesellschaft als dem leisen Plätschern des Wassers, dem Wind auf der Haut und dem Vertrauten Wesen an der Seite, hielt die Zeit für den Bruchteil eines Flügelschlags inne.
Janos wandte den Kopf zur Seite.
Er konnte die Züge Hash’ak’giks in der Dunkelheit kaum noch ausmachen.
„Ich habe Angst, daß ich mich verirre, wenn ich noch länger in den Himmel starre“, murmelte er leise.
„Wie du nur immer auf solche Gedanken kommst.“
Grüne Augen flackerten belustigt, als auch der Hylden den Kopf zur Seite drehte. Sie lagen so dicht beieinander, daß sie den warmen Atem des anderen auf ihrem Gesicht spüren konnten.
„Ist dir kalt?“, wollte der Vampir leise wissen, als ein Schauder durch den anderen Körper lief.
„Ja.“
Kurz zögerte er, bevor er sich auf die Seite rollte, um auf diese Weise eine seiner Schwingen über die Gestalt Hash’ak’giks zu legen. Dieser kicherte leise.
„Deine Federn kitzeln in der Nase!“ Er langte mit seinen Krallen aus und ließ sie sanft durch den Samt der Federn gleiten.

Die Schwinge zitterte unter der Berührung und spreizte reflexartig ihre Schwungfedern. Janos hatte die Augen geschlossen. Gleichmäßig ging sein Atem, tiefer und tiefer. Ganz hatte er sich dem Gefühl der fremden Krallen auf seiner Schwinge hingegeben.
„Sie sehen so schwer aus, fühlen sich aber ganz leicht an“, drang die Stimme Hash’ak’giks an seine empfindsamen Ohren.
„Wie fliegt es sich damit?“
„Angenehm“, seufzte der junge Vampir. Er konnte spüren, wie der andere seine Lage veränderte, sich ebenfalls auf die Seite drehte.
Kurz war ihm, als hätte sein Gesicht das des Hylden gestreift. Neugierig reckte er das Kinn vor und traf fast sofort auf Widerstand.
„Das war meine Nase!“ Die Stimme sollte wohl aufgebracht klingen, Hash’ak’gik brachte jedoch nur ein tonloses Flüstern zusammen.
„Tut mir leid“, kam es im selben Flüstern zurück.
Unter der einen Schwinge wurde es mit der Zeit so behaglich, daß beide begannen, in den Schlaf zu driften.

Erst als die Sonnenstrahlen des neuen Tages über die Kraterwände kletterten und den Schlafenden in den Nasen kitzelten, wurden sie wieder wach.
Schweigend blickten sie sich an.
„Das gibt Ärger“, statuierte Hash’ak’gik schließlich sachlich.
„Was du nicht sagst.“
Bis auf eine donnernde Strafpredigt und einer Woche Bücherverbot auf Seiten des Vampirs und einer Tracht Prügel bei Hash’ak’gik, sollte sich der Ärger jedoch in Grenzen halten.

~Ende Kapitel 1~
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