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Paradies der Träume?

von Sarina
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P6 / Gen
Kirsten Cohen Marissa Cooper Ryan Atwood Sandy Cohen Seth Cohen Summer Roberts
01.07.2006
02.06.2011
15
21.523
1
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Dieses Kapitel
1 Review
 
01.07.2006 3.742
 
Mein schlechtes Gewissen hat mich schon länger gequält und deshalb habe ich mich in den letzten Tagen intensiv mit dieser FF auseinander gesetzt. Ich hatte leider eine kleine Blockade und wusste nicht, wie ich die Handlungsstränge auslaufen lassen soll. Es hat viele Überlegungen gebraucht und ich musste einiges ausprobieren. Aber nun ist es geschafft.
Ich habe viel zu lange gebraucht, um endlich fertig zu werden und dafür möchte ich mich entschuldigen. Ich hoffe euch gefallen die letzten zwei Kapitel.



Was lange währt



Vom Ende der Auffahrt hatte Victor beobachtet, wie Konstantin mit seinen neuen Freunden in deren Haus verschwunden war. In ihm brodelte es vor unterdrückter Wut über die Abfuhr, die er hatte einstecken müssen. Er war ein Seidel und als solcher nicht gewohnt mit Niederlagen fertig zu werden. Kurz spielte er mit dem Gedanken eine erneute Konfrontation mit Konstantin zu suchen. Ihm wurde jedoch schnell klar, dass dies zum jetzigen Zeitpunkt wenig erfolgversprechend war.

„Sieht so aus, als hättest du uns einiges zu erklären!“, bemerkte Summer in herausforderndem Tonfall.

Zufrieden bemerkte sie, wie ihre Worte die Überlegungen des Deutschen unterbrachen. In den letzten Minuten hatte sie sich für ihre Verhältnisse sehr zurückgehalten und die Begegnung zwischen Konstantin und Victor aufmerksam aus der Ferne beobachtet. Ihrem wachen Verstand war dabei nicht entgangen, dass sich die beiden Männer längst nicht so nahe standen, wie Victor zuvor behauptet hatte. Summer war deshalb leicht verärgert über die Entwicklung der Dinge, schließlich hatte sie gehofft, über den Freund an Konstantin heran zu kommen. Doch nun sah es so aus, als ob sie auf das falsche Pferd gesetzt hatte. Das gefiel ihr ganz und gar nicht.

„Summer!“

Marissas Stimme klang tadelnd und peinlich berührt zugleich. Die forsche Art der Freundin war ihr unangenehm und sie empfand die Bemerkung von Summer unangebracht. Sie kannten Victor so gut wie gar nicht und auch wenn sie Zeugen der Auseinandersetzung zwischen ihm und Sandy geworden waren, so hatte er ihnen gegenüber keinerlei Verpflichtung. Sie war zwar ebenso neugierig wie ihre beste Freundin, ihr Taktgefühl hatte sie jedoch davon abgehalten Victor auf den Vorfall anzusprechen.

„Ist schon in Ordnung“, erklärte Victor in diesen Moment, sehr zu Marissas Überraschung. „Es ist ganz in meinem Sinn klare Verhältnisse zu schaffen.“

Ein unschuldig wirkendes Lächeln umspielte die Lippen Victors, was sein ohnehin schon attraktives Gesicht eine unwiderstehliche Anziehungskraft gab. Victor wusste sehr genau um die Wirkung seines Äußeren und wie er sich geben musste, um andere Menschen zu täuschen. Das hatte er schon früh gelernt und über die Jahre hinweg perfektioniert. Nur ein sehr aufmerksamer Beobachter, der über ausreichend Menschenkenntnis verfügte oder einer ihm sehr nahe stehenden Person, wäre es gelungen ihn zu durchschauen. Die beiden Mädchen zählten zu keiner dieser Kategorien, weshalb sich Victor ihnen weit überlegen fühlte. Mit einem, wie es schien, dankbaren Nicken nahm er die Einladung in das Haus der Coopers an und folgte den Freundinnen nach drinnen. Für die Innenausstattung des Gebäudes hatte er nur am Rand Augen, aber er registrierte auch so, dass die Ausstattung der Herkunft der Mädchen aus der gehobenen Klasse entsprach und er sich in ihnen nicht getäuscht hatte.

„Na dann, schieß mal los!“, forderte Summer in ihrer forschen Art, in der deutlich ihre Ungeduld deutlich wurde.

Victor sah der Schwarzhaarigen an, wie begierig sie darauf war, mehr Details zu erfahren. Das kam ihm sehr entgegen, denn so konnte er seine Geschichte leichter an den Mann, in diesem Fall allerdings an die Frau, bringen.

„Viel zu erzählen gibt es da nicht.“, begann Victor mit einem entschuldigendem Achselzucken.
„Von Bern hatte zugesagt an einem Pferderennen teilzunehmen. Er ist ein exzellenter Jockey, der es versteht das alles aus einem Pferd heraus zu holen. Leider erklärt er sich viel zu selten bereit, sein Talent unter Beweis zu stellen. Da ich um seine Qualitäten wusste, habe ich einen hohen Geldbetrag auf ihn gesetzt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich natürlich nicht ahnen, dass er ohne ein Wort der Erklärung seine Teilnahme zurückziehen würde. Mein dadurch erlittener Verlust war umso schmerzlicher, als von Bern sämtliche Kontakte zu seinem Freundeskreis abbrach und kurz darauf das Land verließ.“

„Viel zu erzählen gab es da wirklich nicht.“, kommentierte Summer, kaum das der Deutsche geendet hatte. Gekonnt verzogen sich ihre Lippen zu einem Schmollmund, welcher ihre Unzufriedenheit ausdrücken sollte. Als sich Konstantin und Victor gegenüber gestanden hatten, waren zwischen ihnen die Funken geflogen. Doch die nüchternen Worte von Victor zeigten nur seine Seite der Geschichte.

Verärgert bemerkte Victor, dass er die Mädchen nicht auf seine Seite hatte ziehen können. Er hatte die Geschichte nicht zu sehr ausschmücken und auch nicht alle Details verraten wollen, dadurch hatte er die Ereignisse kurz und knapp zusammen gefaßt. Zu kurz und knapp, wie es schien.

Summer wechselte einen schnellen Blick mit Marissa, dann wandte sie sich erneut Victor zu.
„Das war die kurze Version der Ereignisse. Ich würde gern auch die lange Version erfahren!“, erklärte sie und lächelte den Angesprochenen an.

„Sicher!“, stimmte Victor bereitwillig zu.

Zufrieden hatte Summer die Zustimmung vernommen. Sie trat an Victors Seite, hackte sich ungeniert bei ihm ein und setzte sich dann Richtung Ausgang in Bewegung. Sie war schon gespannt, was sich Victor ausdenken würde, um die Geschichte auszuschmücken. Besonders geschickt schien er darin nicht zu sein, deshalb wollte sie ihm noch ein paar Minuten zum überlegen verschaffen.

*

Kathy lauschte dem Rhythmus, den der neben ihr sitzende Seth, mit seinen Fingern auf das Lenkrad des Wagens trommelte. Die leise Abfolge der Schläge erinnerte an den Klang von Regentropfen, waren allerdings nur Ausdruck der Nervosität des Jungen. Doch noch eine weitere Assoziation riefen die Geräusche in der jungen Frau wach und versetzten sie in eine völlig andere Umgebung, in der sie diese das letzte Mal vernommen hatte.

Kathy hatte sich aus dem Pulk ihrer Clique gelöst, nachdem ihr die oberflächlichen Unterhaltungen ihrer Freundinnen zu viel geworden waren. So gerne sie auch mit den Mädchen zusammen war, es gab Zeiten, an denen sie die immer gleichen Themen, die sich je nach Situation oder Jahreszeit nur geringfügig änderten, langweilten. Die junge Frau verstand nicht, wie man sich der Atmosphäre der faszinierenden Umgebung entziehen konnte. Statt an dem lebhaftem Treiben teilzuhaben, das hier überall auf und um die Rennbahn herum herrschte, tauschten ihre Freundinnen die neusten Neuigkeiten aus. Die Inhalte bezogen sich dabei meist, wer sich von wem getrennt und wer neu mit wem zusammen war.

Kathy unterdrückte ein Gähnen. Sie war sicher, dass keinem ihr Verschwinden aufgefallen war. Zu sehr waren die Mädchen mit sich selbst beschäftigt gewesen. Um sich zu versichern, dass ihr auch tatsächlich niemand nachgekommen war, warf sie einen schnellen Blick über ihre Schulter, wodurch sich ihr Verdacht bestätigte.
Die junge Frau nutzte die Gelegenheit, näher an die Ställe heran zu gehen. Als einzelne Person fiel sie nicht weiter auf, ganz im Gegensatz dazu, wenn sie mit ihren Freundinnen im Schlepptau unterwegs war.
Kathy wich zur Seite aus, als sie hinter sich das Geklapper von Hufen auf dem Asphalt wahrnahm. Ein Stallbursche führte eine herrliche Fuchsstute an ihr vorbei. Sie nahm sich die Zeit den durchtrainierten Körperbau des Pferdes, sowie sein in der Sonne glänzendes Fell genau zu betrachten.

„Ein herrliches Tier, nicht wahr?“

Die junge Frau war so sehr auf das Pferd konzentriert gewesen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie sich jemand zu ihr gesellte. Als sie so abrupt angesprochen wurde, zuckte sie deshalb im ersten Moment leicht erschrocken zusammen. Dann erkannte sie in dem jungen Mann, der neben ihr stand, einen der Freunde ihres Bruders. Augenblicklich hellte sich ihre Miene auf und sie stimmte dessen Aussage mit einem Nicken zu.

„Da ist es sehr bedauerlich, dass Swift Wind ihr Können heute nicht unter Beweis stellen kann!“, bemerkte Victor, in einem beiläufig klingenden Tonfall.

Bei der Erwähnung des Namens der Stute, zeigten sich feine Falten auf der Stirn der jungen Frau. Sie hielt sich hier viel zu selten auf, um sich mit dem Rennsport auszukennen. Allerdings war ihr, als hätte sie den Namen erst kürzlich gehört.
Ihre Familie besaß einen eigenen Stall, in dem zahlreiche Pferde standen und da war es nur natürlich, dass jeder der von Berns reiten konnte. Doch keiner von ihnen kam oft dazu, das zeitaufwändige Hobby auszuüben. Kathys Vater hatte die Führung des Stalles an einen kompetenten Verwalter übergeben, der sich um die dort anfallenden Belange kümmerte. Kathy besuchte die auf der Rennbahn stattfindenden Events eher selten, ihre Eltern in letzter Zeit gar nicht mehr, da ihnen der stressige Beruf keine Zeit dafür ließ. Nur Konstantin war in dieser Hinsicht anders. Er interessierte sich nicht nur sehr intensiv für alles was mit dem eigenen Stall zusammenhing, sondern war auch ein begeisterter und talentierter Reiter, der immer wieder an Wettkämpfen teilnahm.
Kathy konnte die Faszination ihres Bruders für diesen Sport teilweise nachvollziehen. Sie selbst machte auf dem Rücken von Pferden ebenfalls keine schlechte Figur. Allerdings war sie bislang nur zum Spaß geritten und nicht, um sich mit anderen zu messen.

„Dein Bruder scheint kurzfristig kalte Füße bekommen zu haben, nachdem er gesehen hat, wie stark die Konkurrenz ist!“, stichelte Victor, während ein herablassendes Lächeln seine Worte begleitete.

Die junge Frau fühlte sich seltsamerweise gekränkt, obwohl die Aussage sich nicht auf sie, sondern auf ihren älteren Bruder bezogen hatte. Der Blick, mit dem der Freund Konstantins sie bedachte, kam einer Musterung gleich.
Angriffslustig streckte sie ihr Kinn vor, bereit die Herausforderung, die sie in seinen Augen las, anzunehmen. Sie war zwar ein Mädchen und keine so erfahrene Reiterin wie ihr Bruder, dennoch konnte sie als seine Vertretung fungieren. Kathy fühlte leichte Aufregung in sich hochkommen. Aus welchen Gründen Konstantin auch immer nicht mitmachen wollte, für sie bot sich eine einmalige Gelegenheit! Was ein von Bern konnte, konnte der andere schon lange. Das würde sie nun beweisen!

„Ich werde Konstantins Platz einnehmen!“, erklärte Kathy.

Das Victor auf eine solche Reaktion von ihr spekuliert hatte, war ihr in diesem Moment nicht bewusst. Sie sah nur seinen überraschten Blick, der sich von einer Sekunde zur anderen in Bewunderung änderte. Dadurch fühlte sie sich in ihrem Entschluss bestärkt und ihre Zweifel, vielleicht doch vorschnell gehandelt zu haben, verschwanden.
Ihr war klar, dass sie jetzt, wo sie es ausgesprochen hatte, zu ihrem Wort stehen musste. Sie wollte nicht die Achtung die ihr von Victor entgegengebracht wurde, durch einen Rückzieher wieder verlieren. Ganz konnte sie es dennoch nicht verhindern, dass ein mulmiges Gefühl in ihr zurückblieb, als sie daran ging, sich auf das in Kürze stattfindende Rennen vorzubereiten.


Kathy schreckte aus ihren Gedanken hoch, als das Geräusch der trommelnden Finger von Seth mit einem mal endete. Einen kurzen Augenblick fiel es ihr schwer, wieder in die Gegenwart zurück zu finden. Doch das Gefühl am verkehrten Ort zu sein, legte sich schnell.
Jetzt im Nachhinein wusste die junge Frau, dass sie damals die falsche Entscheidung getroffen hatte. Aus Gründen, die sie längst nicht mehr nachvollziehen konnte, hatte sie sich zu einer Dummheit hinreißen lassen, die ihr Leben verändert hatte.

„Der gute Ryan. Immer zur Stelle, wenn man nach ihm verlangt!“, kommentierte Seth das Erscheinen des Freundes, der soeben das Anwesen der Cohens verließ und den geparkten Wagen ansteuerte, in dem sie saßen.
Seht wartete ab, bis Ryan herangekommen war, dann öffnete er die Fahrertür.

„Seth! Kathy! Was macht ihr hier?“, erkundigte sich Ryan kurz und knapp und zeigte damit wieder einmal, dass er kein Mann der vielen Worte war. Es überraschte ihn sehr die beiden hier zu sehen, doch im Gegensatz zu anderen Menschen war er einfach nicht der Typ, der Leuten Löcher in den Bauch fragte. Er wusste, dass Seth ihn über alles wichtige informieren würde und sollte dazu aus irgendeinem Grund jetzt keine Zeit sein, so würde er das nachholen. Das große Mitteilungsbedürfnis des anderen kannte er schließlich zur genüge.

„Ja weißt du, das ist so. Kathy und ich habe eine kleine Spritztour zur nächsten Klinik unternommen und ihr dort einen neuen Rollstuhl organisiert.“, platzte Seth auch schon mit den Neuigkeiten heraus, kaum das er den fragenden Blick von Ryan auf sich spürte.
„Das war gar nicht so schwierig wie es klingt. Eigentlich reichte eine rührselige Geschichte meinerseits und ein paar Tränen von Kathy aus.“

Seth warf Kathy einen schnellen Blick zu. Ihre schauspielerischen Talente hatten Eindruck auf ihn gemacht. Für die junge Deutsche war natürlich auch am meisten auf dem Spiel gestanden, schließlich war sie es, die den Rollstuhl zur Bewältigung der täglichen Abläufe benötigte. Doch auch für ihn war es eine Erleichterung Kathy nicht dauernd überall hin tragen zu müssen.

„Na ja, zumindest fast. Es war natürlich auch sehr hilfreich das ein Geldbetrag den Besitzer wechselte.“, ergänzte Seth freimütig, als er den kritischen Blick des Freundes bemerkte.

„Aha und warum bin ich dann hier?“, wollte Ryan wissen.

Seiner Meinung nach hatten Seth und Kathy die Sache geregelt. Weshalb sie ihn zu Hilfe gerufen hatten, erschloß sich ihm nicht.
Die Blicke welche Seth und Kathy miteinander tauschten, entgingen ihm nicht. Irgend etwas lief hier, von dem er keine Ahnung hatte. Zumindest noch nicht.

„Die Sache ist die, dass wir offiziell aufgebrochen sind, um ein paar Sachen von Kathy aus ihrem Haus zu holen. Das wir statt dessen losgefahren sind und einen neuen Rollstuhl zu organisieren, muß geheim bleiben.“, erklärte Seth.

„Verstehe.“, bemerkte Ryan. Die Überreste von Kathys erstem Rollstuhl lagen nicht weit entfernt neben einem Zierstrauch und er konnte sich zusammenreimen, weshalb die Erwachsenen nichts von Seth und Kathys Aktion erfahren durften.

„Das unser Alibi nicht hundert prozentig wasserdicht ist, weil wir den Schlüssel zu Kathys Haus vergessen hatten, ist uns erst im nachhinein aufgefallen. Deshalb müssen wir hier draußen noch ein wenig ausharren, um kein Misstrauen zu erwecken.“, kam Seth zum Ende.

„Hier!“, Ryan hielt Seth den Schlüssel, welchen er vor kurzem von Konstantin bekommen hatte, seinem Freund hin und ließ ihn in dessen Hand fallen.

Seth war sein Freund und er würde ihm zur Seite stehen, auch wenn das hieß, dass er die Erwachsenen an der Nase herum führte. Ob und wie lange die Sache gut gehen würde, hing unter anderem davon ab, wie gut sie sich aufeinander verlassen konnten. Ryan hatte zwar nicht vor sich großartig in die Geschichte um den kaputten Rollstuhl hineinziehen zu lassen, aber er würde zu Gunsten seiner Freunde aussagen, dass er ihnen den Schlüssel ausgehändigt hatte.

„Gut, dann lasst uns jetzt rein gehen.“

Kathy sah Seth auffordernd an. Sie hatte keine Lust noch länger im Wagen sitzen zu müssen. Im Moment bedauerte sie stark, ihren Rollstuhl geschrottet zu haben. Denn obwohl sie ihn gehasst hatte, war er die einzige Möglichkeit für sie gewesen, sich fortbewegen zu können. Jetzt war sie vollkommen auf die Hilfe von anderen angewiesen und das behagte ihr nicht. Ein leises Seufzen kam über ihre Lippen, als Seth sich vor sie stellte und sich ihr als Träger anbot. Kathy drehte sich zur Seite und rutschte dann langsam näher an den Jungen heran. Als sie sich in die richtige Position gebracht hatte, legte sie ihre Hände um seine Schultern und klammerte sich fest. Dankbarkeit durchströmte sie, während Seth sich in Bewegung setzte und mit kleinen Schritten den Eingang des Hauses anstrebte.
Was hinter ihnen vorging bemerkten sie nicht und so war es einzig Ryan, der sah, wie Summer und Victor an ihm vorbei fuhren. Verwundert blickte er ihnen nach bis das Auto aus seiner Sicht verschwunden war, dann folgte er seinem Freund nach drinnen.

Obwohl es ihr viel zu lange dauerte, bis Seth endlich im Wohnzimmer angekommen war, verbot sich Kathy jeden Kommentar. Sie wusste seine Hilfe zu schätzen, ohne die sie aufgeschmissen war. Es hatte lange gedauert und sie war sich durch ihre Wut, über ihre neue Situation selbst im Weg gestanden. Doch jetzt war sie dabei zu erkennen, dass sie nicht jede hilfreich dargebotene Hand ausschlagen durfte und das sich, auch wenn sich ihr Leben schlagartig verändert hatte, sie immer noch viele Möglichkeiten hatte dieses zu leben. Anders als früher, aber vielleicht war das ja nicht das verkehrteste. Schließlich hatten ihre Entscheidung an dem Pferderennen teilzunehmen dazu geführt, dass sie nicht mehr gehen konnte.
Kathy blickte auf und ihren Bruder an, der sie seit sie mit Seth Hilfe in den Raum gekommen war, wortlos gemustert hatte.

„Weshalb hast du deine Teilnahme am Rennen zurück gezogen?“

Die Worte, welche sich eben noch in ihrem Kopf gebildet hatten, kamen wie automatisch aus ihrem Mund. Sie bemerkte die Verwunderung über ihre Direktheit in Konstantins Gesicht. Bislang hatten sie beide dieses Thema vermieden, obwohl es doch ständig zwischen ihnen präsent gewesen war. Kathy hatte ihrem Bruder die Schuld für ihren Unfall zugeschoben, schließlich wäre das alles nicht passiert, wenn er sich nicht im letzten Moment geweigert hätte. Doch bis heute wusste sie nicht, welche Gründe dazu geführt hatten.

„Du weißt vielleicht noch, wie ungern ich mich dem Trubel während so einer Veranstaltung aussetze.“, fing Konstantin an.

Kathy zeigte ihm mit einem kleinen Nicken, dass sie sich nur zu gut erinnerte.

„An dem Tag war ich in den Stallungen. Genauer gesagt bei meiner Stute Swift Wind. Ich halte nichts von den Methoden meiner Mitstreiter, die ihr Pferd nur zu Gesicht bekommen, wenn sie an einem Rennen teilnehmen. Deshalb war ich in der Box bei Swifty, als ich Victor in einer angrenzenden Box bemerkte.“

Tausend Fragen brannten Kathy auf der Zunge, doch sie presste ihre Lippen aufeinander und verbat es sich, den Bruder zu unterbrechen.

„Ich überraschte ihn dabei, wie er mit einer Spritze bei einem der Pferde stand und in dem Moment wollte ich nur noch weg von dort.“, gestand Konstantin.
„Die Clique setzt unwahrscheinlich hohe Beträge auf den Ausgang der Pferderennen und manch einer unserer Freunde setzt alles daran, um auf den Sieg seines Favoriten Einfluß zu nehmen.
Mir waren schon davor Gerüchte zu Ohren gekommen, denen ich wenig Beachtung schenkte. All zu oft nehme ich an den speziell von der Clique veranstalteten Rennen ohnehin nicht teil. Aber nachdem ich entdeckte, was Victor getan hatte, wollte ich der ganzen Sache nur noch den Rücken kehren. Ich wäre niemals auf den Gedanken gekommen, dass du dich verpflichtet fühlen könntest, meinen Platz einzunehmen.“, gestand Konstantin.

Kathy konnte kaum glauben, was sie eben gehört hatte. Endlich ergab alles einen Sinn und sie verstand die Beweggründe ihres Bruders.

„Es war Victor, der mich zur Teilnahme überredete. Er stellte es so hin, als ob du im letzten Moment kalte Füße bekommen hättest.“, klärte Kathy ihn auf.

Grenzenlose Verachtung zeichnete sich auf Konstantins Gesicht ab und zeigte Kathy, dass sie mit ihren Empfindungen nicht allein war. Diese Verbundenheit zu spüren, tat Kathy gut. Sie und Konstantin waren sich immer nahe gestanden. Das lag schon alleine daran, weil ihre Eltern beruflich sehr eingespannt waren und viel zu wenig Zeit für ihre Kinder hatten. Doch seit dem Unfall hatte Kathy sich von ihrem Bruder distanziert und jetzt merkte sie erst, wie sehr ihr der vertraute Umgang mit Konstantin gefehlt hatte.

„Victor Seidl ist uns bis nach New Port gefolgt.“

Die sanft ausgesprochenen Worte Konstantins fühlten sich wie Faustschläge für Kathy an. Entgeistert starrte sie ihren Bruder an, dessen Gesicht einen versteinerten Ausdruck angenommen hatte.

„Er gefällt sich in der Rolle als mein persönlicher Racheengel und fordert sein verlorenes Wettgeld ein.“, erklärte Konstantin mit eiskalter Stimme.

„Rechtlich gesehen steht er mit seiner Forderung auf verlorenem Posten.“, mischte sich nun Sandy ein, der bislang schweigend zugehört hatte. „Für seine Unverfrorenheit muss man ihn fast bewundern, weshalb ich vermute, dass man ihn am besten mit seinen eigenen Waffen schlagen kann“

„Wir sind für jeden Vorschlag offen.“, erklärte Konstantin, nachdem er einen schnellen Blick mit seiner Schwester ausgetauscht hatte.
„An was dachtest du denn?“

Ein kleines Lächeln umspielte die Lippen von Sandy und seine Augen begannen zu glänzen.

„Ja, Dad! Spucks aus!“, forderte nun auch Seth, dem die Pause zu lang wurde. Sein Blick wanderte kurz zu Ryan, der ebenfalls interessiert auf den Fortgang von Sandys Worten wartete.

„Ein paar Leute schulden mir noch einen Gefallen. Ich kenne da einen sehr guten und diskreten Privatdetektiv. Den werde ich auf Victor ansetzen. Dieser wird in der nächsten Zeit keinen Schritt machen können, ohne das ihm ein Schatten folgt, der jeden seiner Schritte überwacht. Sollte Victor Seidel sich auch nur einmal widerrechtlich verhalten, wird ihn das teuer zu stehen kommen.“

„Hey Leute, ihr glaubt nicht, was Summer gemacht hat!“

Dicht gefolgt von ihrer besten Freundin, kam Marissa herein. Alle Augenpaare richteten sich auf die beiden Mädchen, welche die Aufmerksamkeit, die sie durch ihren Auftritt bekamen, genoßen.
Summers Gesicht zierte ein selbstgefälliger Ausdruck. Sie schien überaus mit sich zufrieden zu sein.

„Ich komme eben von einer Spritztour mit Victor Seidl zurück. Dieser Angeber war so damit beschäftigt über Konstantin herzuziehen, dass er auf nichts um sich herum geachtet hat. Ihr hättet sein Gesicht sehen sollen, als ich mitten in der Pampa anhielt und ihn zum aussteigen zwang.“

Die Gesichter ihrer Zuhörer zeigte ungläubiges Staunen. Mit so etwas hatten sie nicht gerechnet.

„Er hielt die ganze Situation so lange für einen Witz, bis ich mein Pfefferspray zückte und ihm vom Gegenteil überzeugte.“

„Heiße Frauen, schießen scharf!“, bemerkte Seth, der sich die Szene lebhaft vorstellen konnte.

Lautes Gelächter war die Antwort und alle stimmten mit ein.

„Ich finde, das sollten wir feiern!“, rief Kathy übermütig. Sie fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr und genoß es unter Menschen zu sein, die sie nicht verurteilten, weil sie anders war.

„Super Idee! Wir rocken das Poolhouse!“, stimmte Seth begeistert zu. Er sah schnell zu Summer und Marissa hinüber, die ihm sofort signalisierten, ihm zu helfen. Auch wenn es nur eine kleine Party unter Freunden werden würde, ein paar Dinge mussten noch organisiert werden und da kannten sich die beiden Mädchen am besten aus.

„Wenn ich zu der Party eingeladen bin, drücke ich ein Auge zu und sehe weg, wenn Seth für Kathy den neu erworbenen Rollstuhl rein holt.“, erklärte Konstantin gut gelaunt.

Sowohl Kathy, als auch Seth starrten ihn verblüfft und leicht schuldbewusst an.

„Woher wusstest du...?“, setzte Kathy an. Sie wurde jedoch fast sofort von ihrem Bruder unterbrochen, der aus dem grinsen gar nicht mehr heraus kam.

„Schwesterherz, ich kenne dich einfach zu gut. Aber selbst wenn ich euren Coup bislang nur vermutet hätte, eure Blicke eben, sprachen einfach Bände!“. Breit grinsend zwinkerte er ihr zu.

„Hoch lebe unser Ehrengast!“, tönte Seth, der überaus froh war, Kathy nun nicht mehr überall hin tragen zu müssen. Kathy stimmte in seinen Jubel mit ein. Der Tag hatte eine unerwartete Wendung genommen. Hier in New Port hatte sie Freunde gefunden und auch wenn ihr Leben sich seit dem Unfall für sie verändert hatte, seit heute sah sie nicht mehr alles so negativ. Tatsächlich freute sie sich zum ersten Mal auf das, was da noch kommen würde.
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