1.Glorfindels Schwur

GeschichteAllgemein / P12
20.06.2006
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Es ist eigentlich völlig sinnfrei… die Idee kam mir, als ich mich letzten Donnerstagfrüh so gegen 5 nach ungefähr 2 Stunden Schlaf auf den Weg durch mein verschlafenes Dorf machte. Das war ungerecht! Nicht einmal auf der Umgehungsstraße fuhr ein einziges Auto.
Und wie ich da also so laufe, den Restalkohol vom Vorabend noch in den Adern, das Gegröle der Jungs über das Tor von Oliver Neuville (wenn man den so schreibt) im Spiel Deutschland gegen Polen noch in den Ohren… kam mir halt diese „Idee“
Es hat keinerlei tieferen Sinn oder irgendeine Aussage... sucht also nicht danach…



17.06.-19.06.06

GLORFINDEL UND SEIN SCHWUR

Oder: Zu jedem Topf ein Deckel




Ein goldener Wirbelwind raste durch die Gärten des Letzen Gastlichen Hauses vor der Einödgrenze, tobte über die große Haupttreppe und stob ins Innere des Hauses, alles durcheinanderwirbelnd, was ihm in den Weg kam, wie es nun mal die Natur eines jeden Wirbelsturmes ist.

Nicht weit von besagtem Hause, dass soeben vom Unglück heimgesucht wurde, entfernt schlugen sich zwei dunkle Gestalten in die Büsche, wohl wissend, dass sich zu dem, zugegeben sehr kleinen, Wirbelwind bald ein Donnerwetter gesellen würde, und zwar eines das die nicht vorhandene Größe des strahlenden Orkans alle mal ausgleichen und vor allem schwarz sein würde.

Schwarz wie die Nacht und genauso schrecklich, sollte irgendwer zu Tage bringen, wer für dieses Malheur verantwortlich war.


****


Viel war nicht nötig um diesen Gegner zu entwaffnen. Obwohl man dieses Geschöpf in Kleidern, die ganz eindeutig nicht ihm gehörten, wohl kaum „Gegner“ nennen konnte.

Zumindest kein Gegner für Glorfindel. Amüsiert legte Erestor das kurze Wegstück zurück, dass ihn noch vom Kampfplatz trennte und lehnte sich gemütlich an einen der Zaunspfähle, die diesen Flecken Erde, laut Glorfindel der Schönste in ganz Bruchtal, umgaben.

Erestor schüttelte leicht den Kopf, als Glorfindel mit gewohnt dramatischer Geste das Schwert seines Pseudogegners aufhob und tief in die Erde rammte. Er kann es nicht lassen...

„Schade...“ Glorfindel beugte sich mit einem süffisanten Grinsen über den Unterlegenen, der am Boden hockte und traurig, aber auch irgendwie trotzig zu Glorfindel hoch starrte. „Aber damit hätten wir das wohl geklärt. Versucht es vielleicht in einer Ewigkeit noch einmal.“

„Ich werde niemals aufgeben!“

Ah, natürlich, dieser Satz hatte noch gefehlt, eigentlich sagten sie ihn schon viel eher, nämlich wenn sie das erste Mal auf dem Hosenboden landeten. Es war immer das selbe.

Glorfindel hob nur spöttisch eine Augenbraue, bevor er sich Erestor zuwandte, leichtfüßig über den Zaun sprang und es dem Häufchen Elend hinter ihm überließ das Schwert wieder aus dem Boden zu ziehen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, das wusste Erestor aus Erfahrung. Fragte sich nur, wer sich diesmal dazu erweichen ließ, zu helfen.

„Muss das eigentlich immer sein?“ Leicht anklagend, sein Amüsement verbergend, sah Erestor seinen langjährigen Freund an. Auch dieser Satz gehörte zu diesem eigentümlichen Ritual, dass zu Glorfindel gehörte, wie Elrond zu Bruchtal.

„Es ist unglaublich entspannend.“

Erestor glaubte es ihm aufs Wort: ein solch seliges Lächeln, diesen beschwingte Gang hatte Glorfindel sonst nur nach einer blutigen Schlacht. Nun, über Entspannungsmethoden ließ sich streiten, Erestor bevorzugte dafür eher ein gutes Buch und ein bisschen Ruhe, aber schließlich musste jeder seine Macken haben. Und zu denen Glorfindels gehörte sicherlich dieser absurde Schwur, niemals, aber auch wirklich niemals eine Elbin zur Frau zu nehmen, wenn diese ihn nicht zuvor im Kampf besiegt hatte.

Den Unwissenden erschien es stets bizarr, dass ein Elb, der allgemeinhin als der beste Schwertkämpfer schlechthin bekannt war, solch absonderliche Sachen von sich gab, war doch ebenso allgemeinhin bekannt, dass Frauen ohnehin nicht sonderlich geschickt im Umgang mit Waffen waren, zählte man Schöpfkellen, Pfannen und diverse andere Küchenutensilien nicht dazu. Obwohl... zur Verteidigung des kulinarischen Territorium hatten sich diese Gegenstände schon des öfteren als äußerst effektiv herausgestellt. Eine Erfahrung, die wohl jeder Elb irgendwann in seinem langen Leben machte.

Die Wissenden sind aber erfahrungsgemäß schlauer...

„Das ist doch alles nur eine Ausrede...“

Glorfindel schenkte Erestor eines dieser umwerfend charmanten Lächeln, mit der er reihenweise die Herzen der Elbinnen brach. „Wie kommst du zu dieser erstaunlichen Erkenntnis, mein Freund?“

„Was sollte dir eine Frau nützen, die stärker ist als du?“ antwortete ihm Erestor mit einer Gegenfrage. Mal abgesehen davon, dass es sie gar nicht gibt., fügte er im Stillen hinzu.

„Ich bewundere deine rasche Auffassungsgabe.“

Erestor schnaubte. „Dafür, dass du dieses Spielchen schon seit einigen Jahrhunderten treibst... Doch ich muss dich enttäuschen, so wie es aussieht, hast du inzwischen alle unverheirateten Elbinnen auf Arda durch. Und die meisten werden es sich zwei Mal überlegen, ob sie es noch einmal probieren.“ Erestor gestattete sich ein vollkommen unelbisches Grinsen. „Obwohl... eine würde natürlich noch fehlen...“

Glorfindel, der bereits einen Fuß auf die unterste Stufe der großen Treppe gesetzt hatte, drehte sich verblüfft um. „Was meinst du?“

„Delia.“

„Was?“

„Delia. Die Kleine von den Heilern. Sie betet den Boden unter deinen Füßen an. Bedauerlicher Weise ist sie unglaublich schüchtern. Man bekommt sie nicht einmal auf hundert Schritt Entfernung an dich heran.“ Erestor bedachte Glorfindels ratloses Gesicht mit einem spöttischen Blick. „Sag bloß, du kennst doch nicht jedes weibliche Wesen in Bruchtal?“

„Ich weiß, wer Delia ist!“ fauchte Glorfindel und stürmte endgültig ins Haus. Ganz der Wahrheit entsprachen seine letzten Worte allerdings nicht. Glorfindel erinnerte sich zwar, den Namen Delia schon einmal gehört zuhaben, doch wollte ihm partout nicht einfallen, in welchem Zusammenhang. Ein Gesicht hatte dieser Name schon mal gar nicht. Sie war also tatsächlich schüchtern oder so unscheinbar, dass Glorfindel sie gar nicht wahrnahm. Der Gedanke an ein Mädchen, das ihn derart verehrte, hatte aber durchaus etwas Anregendes...

Glorfindel nahm sich vor, in nächster Zeit ein wenig aufmerksamer durch Bruchtal zu gehen.




„Und ich habe gesagt, ich will nicht!“

„Aber wir wollen.“

„Oh, das ist so blöd! Lasst mich endlich los!“

„Erst, wenn wir da sind.“

Völlig untypisch für Elben im doch immer so beschaulichen Haus, dass Bruchtal immer war, konnte man die Stimmen klar, deutlich und vor allem laut durch den Park schallen hören.

Elrond warf dem ihm gegenübersitzenden Erestor einen erstaunten und in hohem Maße alarmierten Blick zu. „Was haben-“

Erestor ließ seinen Freund nicht ausreden. Genau wie der hatte er die Stimmen erkannt und die Tatsache, dass sie sich eindeutig Richtung Kampfplatz entfernten, irritierte ihn nun wirklich sehr. Sollten Elladan und Elrohir tatsächlich vorhaben... Nein, die Vorstellung war zu paradox, doch hatten Elronds Zwillinge nicht schon immer einen Hang zum Paradoxen gehabt?

„Ich geh mal nachschauen, was sie vorhaben.“ Betont ruhig stand Erestor auf und verließ die Terrasse vor Elronds Arbeitszimmer. Er zwang sich so lange gemessenen Schrittes den Weg hinunter zugehen, bis er außer Sichtweite war. Elrond müsste nicht unbedingt erfahren, dass er höchst beunruhigt war, ihm bedeutete Delia zu viel, als dass er erfahren sollte, was Glorfindel wohl bald mit ihr anstellen würde. Auf Glorfindels körperliche Unversehrtheit würde er dann keine Wette mehr eingehen.

Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes... versuchte er sich einzureden, als er den Stimmen folgte. Wer weiß schon, was sie als Nächstes anstellen.

Immer das mit den verheerendsten Folgen.

Er hätte sich gar nicht erst diesen unwirklichen Hoffnungen hingeben sollen. Nun bestand kein Zweifel mehr: die Drei waren auf dem Weg zum Kampfplatz, auf dem Glorfindel gerade damit beschäftigt war, sich an einem dieser wirklich sinnfreien Schattenkämpfe zu ergötzen.

Er überlegte kurz, ob er es irgendwie schneller zu Glorfindel schaffen könnte, als die beiden dunkelhaarigen Elben mit dem widerspenstigen, schimpfenden Etwas zwischen sich. Erestor sah ein, dass er auch diese Hoffnung verwerfen konnte: Zwischen den Bäumen war der Platz deutlich zu sehen und mit ihm Glorfindel, der gerade eben zu einem furiosen Finale ansetzte, um seinen nicht vorhandenen Gegner endgültig zu schlagen.

Erestor schürzte fast unmerklich die Lippen. Diese Schattenkämpfe... Er kannte Glorfindel schon recht lange, genaugenommen, seit dieser in Bruchtal lebte, und genau so lange fragte er sich auch schon, was denn der Zweck dieser Kämpfe war. Erestors Meinung nach taugten sie nur im Techniktraining und da Glorfindel alle Techniken, die je entwickelt worden waren, perfekt beherrschte und das seit Ewigkeiten, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum Glorfindel immer wieder dieser Leidenschaft frönte.

Der einzige Sinn, den Erestor noch erkannte und der sich auch gerade in diesem Moment bewahrheitete, denn das Schimpfen vor ihm endete abrupt mit dem In-Sicht-kommen des Elbenfürsten, war wohl, eventuellen weiblichen Zuschauern weiche Knie und Ohnmachtsanfälle zu bescheren. Oder gab es eine andere Erklärung dafür, dass Glorfindel ausnahmslos mit nacktem Oberkörper trainierte?

„Glorfindel!“ tönte Elladan laut quer über den Platz. „Dürften wir dich in deinem wichtigen Training einen Moment stören?“

Glorfindel senkte jäh die Klinge und wandte sich den Neuankömmlingen zu. Sein Blick schweifte über die Zwillinge, glitt zu Erestor und irrte dann zurück zu der kleinen Elbin, die mit hochrotem, gesenktem Kopf zwischen den Zwillingen stand, von diesen jeweils fest an einem Oberarm gepackt, um am Weglaufen gehindert zu werden. „Dürft ihr.“

„Delia hier würde dich gerne zum Kampf herausfordern.“

Erestor stieg über den Zaun und ging langsam auf Glorfindel zu. Nein!, sagte sein Blick. Tu es nicht.

Glorfindel bedachte ihn mit einem spöttischen Blick. Seit wann interessierst du dich für meine Herausforderer?, schien sein Blick zu fragen.

Erestor nickte grimmig. Es stimmte, für gewöhnlich juckte es ihn wenig, was mit den heiratswütigen Elbinnen geschah, die sich in den Kopf gesetzt hatten, Glorfindel von Gondolin zu ehelichen. Für gewöhnlich. Das hier war aber nicht gewöhnlich. Er wusste nicht warum, aber Delia tat ihm leid. Ein sehr befremdliches Gefühl, aber durchaus einleuchtend. Auch wenn er es niemals zugeben würde, hatte er ihr immer eine stumme Achtung entgegengebracht, weil sie, trotz ihrer offenkundigen Liebe zu Glorfindel, nie so vermessen gewesen war, ihn zum Kampf herauszufordern. Und auch jetzt wollte sie es nicht. Elladan und Elrohir waren diejenigen, die sich hier einen Spaß erlaubten. Auf Delias Kosten.

Glorfindel verbeugte sich galant vor Delia. „Es wäre mir eine Ehre.“

Sie erwiderte es mit einem Blick voll namenslosen Entsetzen. Glorfindel war wirklich sadistisch.

Elrohir gab ihr einen kleinen Schubs, sie stolperte einige Schritte nach vorn und blieb direkt vor Glorfindel stehen. Die Nähe zu ihm schien ihr noch mehr zuzusetzen, denn ihre Hände begannen zu zittern.

„Ich will wirklich nicht...“

Sie ist viel zu zart!, schoss es Erestor durch den Kopf. Egal wie vorsichtig, schon der erste Schlag kann sie ernsthaft verletzten.

„Seid doch nicht so schüchtern, Lady Delia. Nehmt Euch ein Schwert.“ Glorfindel deutete auf den kleinen Schuppen am Rande des Platzes, wo stets einige Übungsschwerter aufbewahrt wurden.

Delia rührte sich nicht von der Stelle.

„Sie hat ein eigenes!“ warf Elladan ein und Elrohir streckte dem Mädchen etwas hin, dass beim ersten Blick wie ein besonders großer Holzstab aussah, sich auf den zweiten Blick aber als schmucklose Scheide mit ebenso schmucklosen Schwert herausstellte.

Ein einschneidiges Langschwert., vermutete Erestor. Wenigstens wird es einigermaßen leicht sein.

Aber ob Delia es überhaupt ziehen würde, stand noch sehr weit oben in Elbereths Sternen. Jetzt wich sie erst mal Elrohirs Hand aus, so dass ihr Schwert mit einem dumpfen Ton auf dem Boden landete.

Glorfindel amüsierte sich prächtig. Erestor beschloss, wenn er es schon nicht verhindern konnte, es zumindest zu beschleunigen. Er hob das Schwert auf, registrierte erstaunt, dass es doch nicht so leicht war, wie er vermutet hatte, und reichte es Delia. Der Respekt, den sie ihm entgegen brachte, genügte, dass sie es ohne ein Wort zusagen an sich nahm. Gegenüber dem ranghöchsten Ratsherrn von Imladris wagte man keine Mätzchen.

„Lord Glorfindel wird Euch nichts tun. Habt keine Angst.“

„Angst?“ echote sie mit weit aufgerissenen Augen.

Erestor korrigierte sich. Es war nicht die Angst, die ihr offenkundig ins Gesicht geschrieben stand, sondern pure Panik. Es würde sicherlich nicht lange dauern...

„Ein eigenes Schwert?“ erkundigte sich Glorfindel höflich.

„Das meines Bruders.“ murmelte sie undeutlich.

Glorfindel hob die Augenbrauen. Soweit er wusste, war ihr Bruder seit mehr als hundert Jahren in Mandos’ Hallen. Umgekommen im Düsterwald, ebenso wie ihr Vater. Ihre Mutter, gramgebeugt, hatte sich nach diesem Verlust auf den Weg nach Westen gemacht, begleitet von ihrer Tochter. Doch Delias Herz hing noch an Mittelerde, und so war sie in Bruchtal geblieben, während ihre Mutter zu den Grauen Anfurten ging.

„Nun denn, lasst uns beginnen.“ Glorfindel ließ kurz sein Schwert durch die Luft schwingen und hielt es dann kampfbereit vor seinem Körper. Delia hatte sich nicht bewegt. Das würde ein kurzer Kamp werden...

Nun, das wurde es dann auch. Allerdings hatten sich wohl alle Beteiligten den Verlauf dann doch etwas anders vorgestellt.

Entgegen allen Befürchtungen Erestors hatte Delia tatsächlich ihr Schwert gezogen, als Glorfindel die erste Bewegung in ihre Richtung machte. Aber nicht nur eines. Nein, sie zog zwei Schwerter.

Es ist die Scheide!, erkannte Erestor. Es sind in Wirklichkeit zwei Kurzschwerter, die an beiden Enden gezogen werden.

Wer auch immer sich diese geniale und irritierende Einrichtung ausgedacht hatte, Erestor zollte ihm Respekt. Es war nämlich wirklich verwirrend. Und äußerst effektiv, war man schnell genug war.

Und das war Delia! Für die Zuschauer war sofort klar, dass Delia diese Waffen nicht zum ersten Mal in der Hand hatte, und Glorfindel merkte es spätestens da, als ein scharfer Schmerz seinen rechten Arm durchzuckte und er nur noch mit Mühe sein Schwert festhalten konnte.

Sie hat die Schwertscheide benutzt., dachte er halb bestürzt, halb bewundernd. Delia hatte in der Tat die nach dem Ziehen der beiden Schwerter nutzlos gewordene, hölzerne Scheide mit einem Fuß zielsicher und kraftvoll gegen sein rechtes Ellenbogengelenk getreten. [1]

Glorfindel verbot es sich, zischend einzuatmend, als er das Schwert von der rechten in die linke Hand wechselte. Mit links war er nicht mehr ganz so gut, aber immer noch gut genug, Delia zu schlagen. Hoffte er zumindest. Denn sollte er es nicht schaffen... die Folgen mochte er sich gar nicht ausmalen.

Ein Blick in Delias Gesicht ließ Glorfindel hoffen. Noch immer flackerte ihr Blick, schien sie selbst erstaunt über diesen Treffer. Wunderbar. Glorfindel ging zum Angriff über.

Und machte die Erfahrung, dass Kurzschwerter sich hervorragend für die Defensive eigneten. Glorfindel knurrte leise. Er hätte es wissen müssen. Leichter und wendiger als sein eigenes Schwert hielten ihn diese Schwerter auf Abstand. Wer auch immer Delia das Kämpfen beigebracht hatte, er hatte viel Wert auf ihre Verteidigung gelegt und das mit Erfolg. Glorfindel verlegte sich sehr schnell auf eine anderer Taktik. Und die hieß Zeit. Er hatte mit Sicherheit mehr Ausdauer als dieses zarte Mädchen, das sicher schon seit Jahren keine Waffe mehr in der Hand gehabt hatte.

Delia merkte sofort, dass Glorfindels Angriffe an Intensität verloren. Dabei will ich Euch doch gar nicht heiraten... Sie wimmerte leise. Oh, Elladan und Elrohir sollten bloß nicht glauben, dass sie sich noch einmal um deren Blessuren kümmern würde, wenn deren Vater es nicht tat. Sie hatte ihnen damals nur einen Gefallen getan, sich auch über die Freundschaft der Zwillinge gefreut, die sich in den Jahren danach entwickelte, aber ein Kampf mit Glorfindel fiel aus der Kategorie „Freundschaftsdienste“ eindeutig heraus!

Der Bund mit Glorfindel war ein Traum, allerdings einer, der nie in Erfüllung gehen sollte. Zuviel Angst hatte sie davor. Vor Glorfindel. Vor all den anderen Frauen. Vor dem Gerede. Doch Delia wusste, Glorfindel würde sie ernsthaft verletzten können, wenn sie erschöpft und nicht mehr ganz so aufmerksam wäre. Sie wusste, was Schmerzen waren, seit ihr Bruder gestorben war und sie hatte sich damals geschworen, alles daran zu setzen, sich selbst und anderen ebensolche Schmerzen zu ersparen.

Blieb nur noch eine Möglichkeit. Über den Bund würden sie später reden.

Noch ehe Glorfindel es recht begriffen hatte, ging Delia zum Angriff über. Blitzschnell tauchte sie unter seiner Deckung durch, ihre Zierlichkeit kam ihr hier zu Gute, und schon kurze Zeit danach spürte Glorfindel einen unsäglichen Druck an der linken Schulter, als ihm sein Schwert aus der Hand gerissen wurde und er nach hinten fiel. Ein Kurzschwert lag auf seiner Schulter, die Schneide auf seinen Hals gerichtet. Ein kleine Bewegung aus dem Handgelenk heraus und er wäre tot.

Erestor und die Zwillinge staunten mit offenen Mund. Das war Wahnsinn. Delia hatte es tatsächlich geschafft, den Balrogtöter zu schlagen. Wo hatte sie das gelernt?

„Also, ich gehe dann mal, und sage in der Küche Bescheid, dass sie schon mal mit den Vorbereitungen für das Festmahl beginnen.“ Elladan winkte Glorfindel grinsend zu und machte sich zusammen mit seinem Bruder davon. Kurz bevor sie zwischen den Bäumen verschwanden, drehten sich die Beiden noch einmal um. „Haben wir dir schon gesagt, Glorfindel, dass wir es toll finden, dass du dich verlobst?“

Fassungslos sahen ihnen die anderen nach. Mühsam rappelte sich Glorfindel auf. Delia sah ängstlich zu ihm hoch.

„Entschuldigt, Lord Glorfindel, bitte... Ihr müsst keinen Bund mit mir eingehen.“

Glorfindel wollte dieses Angebot annehmen, doch Erestor kam ihm zuvor. „Dieser Vorschlag ehrt Euch, Delia. Doch Glorfindel hat geschworen, mit der Frau den Bund einzugehen, die ihn besiegt. Und einen Schwur hält man, nicht wahr, Glorfindel?“

Glorfindel schluckte hart. Da hatte er sich etwas eingebrockt. Doch er hatte seinen Stolz und so verdrängte er jeden Gedanken an den Bund, nickte widerstrebend und verbeugte sich vor Delia. „Ich halte meine Schwüre.“




„Ich bin gespannt, wie sie aussieht.“

Glorfindel drehte sich zu Erestor um. Gutgelaunt rutschte der oberste Ratsherr ein wenig auf seinem Stuhl herum, um es sich bequemer zu machen. Er sitzt. Alle sitzen. Nur ich stehe mir hier die Beine in den Bauch., dachte Glorfindel unwillig. Und warte auf Delia und Elladan.

Da Delia keine Verwandten mehr in Mittelerde hatte, hatte sich Elronds Ältester bereiterklärt, sie zur Bundschließung zu begleiten. Nur aus irgendeinem nicht erfindlichen Grund kamen die Beiden nicht. Glorfindel hatte das ganz dumme Gefühl, dass Elladan schon wieder etwas ausheckte. Und damit war er nicht der Einzige. Dass Elrond vor kurzem den Festsaal verlassen hatte, um sich auf die Suche nach seinem Sohn und der Braut zu machen, zeigte es.

Glorfindel wandte sich wieder um und dachte über das, was Erestor gesagt hatte, nach. Ja, wie sah sie aus? Er gestand sich ein, sie sich noch nie so richtig angesehen zuhaben. Die paar Mal, die er sie getroffen hatte, trug sie den üblichen Kittel der Heilerinnen. Für den Kampfplatz hatten die Zwillinge sie in eine Hose und eine Tunika von Elrohir gesteckt, an Ärmeln und Hosenbeinen tüchtig umgekrempelt.

Und sonst? Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen erinnerte er sich, seit dem Kampf kaum ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Sie waren sich regelrecht aus dem Weg gegangen. Delia hatte sich in die Arbeit mit den Kranken gestürzt, während er seine Krieger mehr als nötig getrimmt und geschunden hatte. keiner von ihnen hatte es gewagt, eine Bemerkung über ihn und Delia fallen zu lassen. Viele andere hingegen schon.

Durch eine Seitentür glitt Elrond plötzlich wieder herein. Er nickte Glorfindel beruhigend zu und nahm seinen Platz wieder ein. Eine Atemzug lang herrschte noch Stille, dann wurde die große Flügeltür geöffnet und ein Raunen ging durch die versammelte Menge.

Langsam drehte sich Glorfindel um.

Und sah das schönste Wesen, dass ihm je begegnet war.

Lange hellbraune Haare, mit einem schönen kupferfarbenen Schimmer, fielen offen über zierliche Schultern. Strahlend blaue Augen, einem Sommerhimmel gleich, umrahmt von schwarzen Wimpern blickten ihn unerwandt an. Volle, leicht geöffnete Lippen in einem makellosen, bildschönen Gesicht erweckten den Drang sie zu küssen. In einem bodenlangen weinroten Kleid mit langer Schleppe und tiefen Ausschnitt steckte ein überaus begehrenswerter Körper.

Unsicher sah Delia zu Glorfindel hinüber, als sie an Elladans Arm durch die Gasse schritt, die sich für sie gebildet hatte. Glorfindel starrte sie einen Moment lang nur an, dann hoben sich seine Mundwinkel zu einen leichten Lächeln. Doch das Leuchten in seinen Augen konnten nur seine Freunde erkennen.

Die gesamte Zeremonie über hatte Glorfindel nur Augen für Delia. Als sie zu Ende war, nahm er das Mädchen sanft in den Arm. Scheu sah Delia zu ihm hoch. Wie klein und zart sie doch ist., schoss es Glorfindel durch den Kopf. Irgendwie verletzlich. Er lächelte, strich ihr sanft eine Haarsträhne hinter ihr Ohr und beugte sich zu ihr herunter.

„Es ist gut so.“ murmelte er leise an ihren Lippen, bevor er sie küsste.

Die Zeit schien stillzustehen. Sein ganzes Empfinden konzentrierte sich auf seine Lippen. Erst der aufbrandende Applaus in dem Saal ließ ihn wieder zu sich kommen. Nur äußerst widerwillig trennte Glorfindel sich von Delia. Er sah ihr einmal tief in die Augen, dann reichte er ihr seinen Arm und führte sie von dem kleinen Podest herunter, auf dem sie gestanden hatten.

Es wurde ein ausgelassenes Fest. Die bruchtäler Köche hatten sich bei dem Büfett selbst übertroffen. Es wurde Musik gemacht, viel gegessen, gelacht und getanzt. Glorfindel tanzte nur mit Delia und wachte auch sonst mit Argusaugen über sie. Er stellte fest, dass plötzlich einige Elben Delia durchaus interessiert musterten. Der Reiz des Unerreichbaren. Er war sich sicher, dass die meisten von ihnen, Delia noch vor wenigen Wochen nicht einmal wahrgenommen oder gar gewusst hatten, dass sie existierte. Wag es ja nicht. Er warf einem Elben, der die Dreistigkeit besaß, Delia zu einem Tanz auffordern zu wollen, einen warnenden Blick zu und bemerkte nicht, wie sich hinter seinem Rücken Erestor und Elrond verstohlen zuzwinkerten.

Es war weit nach Mitternacht als sich Glorfindel und Delia schließlich auf den Weg zu seinen Gemächern machten. Vor einigen Tagen war einmal Erestor hier herein spaziert und hatte von einem Diener zwei großen Kisten mit Delias Habseligkeiten bringen lassen. Mit einem wirklich sardonischen Grinsen hatte er seinem Freund erklärt, dass er ja wohl mit seiner zukünftigen Gemahlin zusammenleben würde. Die Kisten standen noch ungeöffnet im Wohnraum, Glorfindel hatte sie nicht angerührt.

Delia neben ihm war seltsam still, als sie eintraten. Glorfindel warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Sah ihre Unsicherheit über das, was jetzt kommen würde. Er schloss die Tür hinter sich und verriegelte sie. Delia stand unschlüssig im Raum.

„Glorfindel...“

Er nahm sie sanft in die Arme. „Scht. Hab keine Angst. Ich würde dir niemals wehtun.“

Sie sah zu ihm hoch. Glorfindel lächelte sie an. Es stimmte. Er würde nicht zulassen, dass ihr jemals etwas zustieß. Irgendwann in den letzten Stunden hatte er sich in sie verliebt.

Delia seufzte und sank auf sein großes einladendes Bett. „Sie werden mich zerfleischen.“

Glorfindel wusste sofort, wen sie meinte. „Sie sind doch bloß neidisch.“

Sie lächelte. „Vermutlich.“ Sich in ihr Schicksal fügend erhob sich Delia wieder und wandte Glorfindel ihren Rücken zu. „Würdest du mir mit diesem Kleid helfen? Alleine bekomm ich es nicht aus. Es ist furchtbar kompliziert.“

Glorfindel strich ihre Haare nach vorne über ihre Schulter und begann die vielen Schnüren, Schleifen und Spangen zu öffnen. „Du siehst bezaubernd darin aus. Es steht dir.“

„Es ist unpraktisch.“

„Ich würde dir jeden Abend aus diesem Kleid heraushelfen.“ Glorfindel streifte mit seinen Lippen ihren Nacken und ließ das Kleid zu Boden gleiten. Delia blieb stocksteif stehen, wie sie nun nur noch in dem hauchdünnen Untergewand vor ihm stand. Er wusste, dass er der Erste war. Es erregte ihn.

Glorfindel hob sie hoch und legte sie auf sein Bett. Er beugte sich über sie und sah sie forschend an. Da war keine Angst mehr in ihrem Blick. Nur noch Neugierde. Glorfindel küsse sie kurz, bevor er sich wieder aufrichtet und seine Robe ablegte und die Tunika darunter über seinen Kopf zog. Achtlos warf er seine Sachen auf Delias Kleid am Boden.

Delia hatte sich halb aufgerichtet und beobachtete ihn auf ihre Ellenbogen gestützt. Ihr Blick glitt über seinen muskulösen Oberkörper, dessen marmorne Haut im Licht der Kerzen, die er noch schnell entzündete, schimmerte. Glorfindel löste noch schnell die Spange aus seinen Haaren, dann setzte er sich neben Delia und zog ihren Körper ungestüm in seine Arme.




„Und wenn was schief geht?“

„Es wird nichts schief gehen. Jetzt setzt dich endlich und beruhige dich!“

Glorfindel warf Erestor einen Blick zu, als wolle er ihn töten. Doch er ließ sich gehorsam in einen der Sessel vorm Kamin der Bibliothek, in die Erestor ihn verfrachtete hatte, sinken. Sich beruhigen tat er aber trotzdem nicht. Nervös begann mit seinen Fingern einen unbekannten Rhythmus auf seine Knie zu trommeln.

„Glorfindel!“ kam es mahnend von Erestor. „Sie ist nicht die erste Frau, die ein Kind auf die Welt bringt.“

„Aber sie ist meine Frau!“ Wie ein gehetztes Tier sprang Glorfindel wieder auf und begann hin und her zu gehen.

„Glorfindel!“ grollte Erestor. Doch er kam nicht dazu, die Verwünschungen, die ihm ganz sicher auf der Zunge lagen, auszusprechen, denn just in dem Augenblick öffnete sich die Tür und Elrond trat ein.

Glorfindels Kopf ruckte hoch und er starrte den Herrn von Bruchtal wortlos an. Elrond lächelte. „Du kannst jetzt zu ihr.“

Stumm stürmte Glorfindel an ihm vorbei. Elrond und Erestor folgten ihm langsamer. „Wenn man bedenkt, dass er eigentlich nie heiraten wollte...“

Vor der Tür zu seinem und Delias gemeinsamen Schlafgemach, zwang sich Glorfindel zur Ruhe und atmete noch einmal tief durch, bevor er die Klinke herunter drückte und eintrat. Delia lag, in frische Laken eingewickelt auf dem Bett. Erschöpft, aber doch überglücklich sah sie ihm entgegen. Am Fußende des Bettes stand die Hebamme, ein kleines Bündel in den Armen. Wortlos reichte sie es Glorfindel.

Mit zugeschnürter Kehle sah Glorfindel auf das kleine Geschöpf in seinen Armen. Strahlendblaue Augen blickten ihn klar an. Das winzige Lebewesen bewegte leicht die Lippen und verzog dann die zierliche Stupsnase. Rührung stieg in dem großen Krieger auf. Es brannte hinter seinen Augen. Glorfindel konnten die Tränen nicht zurückhalten, die ihm jetzt ungehindert über die Wangen liefen.

Sein Kind.

So klein und so hilflos...

Er ließ sich vorsichtig neben Delia auf der Bettkante nieder. In diesem Moment brauchten die Beiden keine Worte. Der Säugling in seinen Armen gab ein weinerliches Geräusch von sich. Delia nahm ihn ihm ab und begann ihn zu stillen. Überwältigt von seinen Gefühlen beugte Glorfindel zu seiner Familie und küsste sie.

„Ich liebe euch.“


****


Stirnrunzelnd beugte sich Glorfindel über das Blatt in seinen Händen. Er verstand nichts. Lautlos seufzend ließ er das Pergament sinken und einen blick durch die Tischrunde gehen. Was interessierte es ihn schon, welche Handelsabkommen wer mit wem abschloss und wo wer anbauen und abbauen durfte und wer nicht. Es war ein schöner Sommertag. Viel zu schön, um ihn in dem Ratszimmer von Imladris zu vertrödeln. Er könnte seine Krieger in Grund und Boden trainieren, er könnte bei Delia in den Heilerhäusern vorbeischauen und sie zu einem Picknick überreden, er könnte sich einfach seinen Sohn Meletios schnappen und mit ihm einen Ausritt auf Asfaloth unternehmen. Alles war besser als jetzt hier zusitzen und den Abgeordneten aus allen möglichen Ecken Mittelerdes zuzuhören.

Erestor warf ihm einen amüsierten Blick zu. Er wusste genau, wie sehr sein Freund solche Versammlungen hasste. Doch helfen konnte er ihm im Moment auch nicht.

Das tat jemand anderes.

Plötzlich flog die Tür auf und ein goldener Wirbelwind stürmte über die Schwelle, um sich mit einem jubelnden „Ada!“ in Glorfindels Arme zu stürzen.

Ein Gesandter aus Lorien, den Glorfindel schon immer für maßlos arrogant gehalten hatte, hob pikiert eine Augenbraue. Elrond runzelnde ärgerlich die Stirn, derartige Störungen hatte er noch nie ausstehen können.

„Wo kommst du denn her, Meli?“ fragte Glorfindel seinen Sohn und drückte ihn fest an sich.

„Elladan und Elrohir haben mir verraten, wo du bist.“ antwortete der Junge voll kindlicher Unschuld.

Oh, Elronds graue Augen kündeten von einem kommenden Donnerwetter.

„Na, dann können wir diese Versammlung für heute wohl abbrechen.“ Loriens Gesandter wollte sich erheben, doch Glorfindel kam ihm zuvor.

„Das ist nicht nötig. Meine Anwesenheit ist hier sowieso abkömmlich. Meli und ich werden uns anderweitig beschäftigen.“ Glorfindel hob Meli hoch und verließ mit ihm beschwingt den Raum. So ganz verloren war der Tag scheinbar doch nicht.

Der Junge schlang seine zarten Arme um Glorfindels Hals. „Bist du böse?“

„Nein, mein Schatz, Ada hat sich furchtbar gelangweilt in der Versammlung. Wollen wir jetzt Asfaloth holen und ausreiten?“

Meli nickte begeistert. Auf dem Weg zu den Stallungen begegneten den Beiden Elronds Zwillinge. Glorfindel bedachte sie mit einem warnenden Blick. „Ich an eurer Stelle würde mich jetzt schleunigst aus dem Staub machen. Elrond war nicht sehr erbaut über die Unterbrechung.“

Sinnend sahen die Brüder Vater und Sohn nach, die im Stall verschwanden.

„Ist dir auch schon aufgefallen, dass Glorfindel irgendwie ausgeglichener ist, seit der mit Delia zusammen ist?“ fragte Elrohir.

Elladan nickte nachdenklich. „Tja, da hat wohl jemand den Deckel zu seinem Topf gefunden...“

ENDE


[1] Diese Technik ist geklaut aus „Kenshin, der Vagabund“. Aoshi in allen Ehren, er möge es mir verzeihen...